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Blog von TeddeMehr

"Eine neue Lieferung": Die Nachspeise

25. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Die Laune eines Augenblicks

 

 

Eng schmiegte sich Karin an Hannes Dankorf, ihren Geliebten.

Der Unternehmerssohn Hannes Dankorf, der die halbe Welt zu kennen schien, wie er im Laufe des Abends ihr, Karin, wieder mal vorführte.

 

Wohl fühlte sich Karin, nur ein bißchen gefährlich beschwipst von dem Champagner, den sie getrunken hatte.

Solange keiner ansagen mußte, daß angehalten werden sollte, um aus dem Wagen auszusteigen, war die Welt aber in allerbester Ordnung.

Ihr Gesicht schob Karin zu Hannes hoch, küßte Hannes auf die Wange. Reglos blieb Hannes.

 

"Weißt du, worüber ich gerade nachdenke, Karin?" erkundigte sich Hannes Dankorf mit einer Stimme, die einen seltsamen Unterton hatte.

"Mußt du mir schon sagen - hihi!" antwortete Karin. "Sonst weiß ich das nicht, was du denkst. Gedankenlesen kann ich nicht. Müßte mir mal den Trick zeigen lassen, wie Zauberer das machen ..."

"Wer alles im Klub gegessen hat, heute abend, Karin ...", sprach Hannes Dankorf seine Gedanken aus. "Der Mann am Nachbartisch mit seiner blonden Frau, der ist ein Staatssekretär. Mit einem arabischen Gast mit weiblichem Gefolge und zwei Kindern ... Das waren dem Araber seine Leibwächter, die da verteilt im Restaurant des Klubs herumstanden. Versucht haben, sich unsichtbar zu machen. Hab' mir dauernd gedacht, wollen die nun nicht gesehen werden oder nicht ..."

"Hab' mir auch so was gedacht, daß die auf die aufpassen", ließ Karin hören. "Vielleicht wäre europäische Leibwache besser gewesen."

"Hahaha, Karin!" Hannes Dankorf haute sich auf den behosten Oberschenkel. "Hahaha!"

"Hm, Hannes!"

"Das volle Programm, das die gegessen haben. Das volle Programm. Fünf Gänge. So was von runtergeflutscht, als wären's keine fünf Gänge. Wie bei uns beiden auch, Karin. Nur nicht das gleiche. Du hast richtig hübsch zugelangt, Karin. Hast einen ganz schönen Appetit gehabt. Hat alles so gut geschmeckt, Karin, nicht? Hat dir doch geschmeckt, wenn du so viel ißt, oder?"

"Konnt nicht besser essen, Hannes ...", plapperte es aus Karin heraus. "Pierre könnt mein Leibkoch sein. Würd Pierre sofort mit nach Hause nehmen, wenn Pierre sagt, daß er mit mir mitkäme. Damit Pierre nur noch für mich kocht, hihi! Alleine für mich. Hat sich wirklich selber übertroffen, Pierre, heute. Was für fünf Gänge. Fünf Gänge, genau ausgewogen. Ein Künstler am Topf, der Mann. Hat seine beiden Sterne nicht umsonst. Ich konnt' mir sogar noch was nehmen, wenn mir was besonders geschmeckt hat. Jetzt bin ich aber pappsatt. Und ich hab' 'nen Schwips. 'nen tollen Schwips, hihi! Einige Gläser Champagner waren das ..."

Nach dem Kinn Hannes' blickte Karin.

Glattest rasiert, Hannes. Immer noch. Obwohl seit Hannes' Rasur Stunden vergangen waren.

 

"Schön, Karin - hahaha!" Schenkelklopfer Hannes'. "Daß dir alles so gut geschmeckt hat, Karin, das ist gut - hahaha! Echt gut ist das. Hahaha! Voll gut. Erste Klasse."

"Versteh' nicht, was du so lachst, Hannes?" Großäugig guckte Karin ihrem Hannes ins Gesicht. "Schon komisch, wie du lachst. Was ist denn? Würd' schon gern wissen, was du so lachst ... Oder - lachst du mich etwa aus, Hannes? Hab' ich was Komisches gesagt? Wei-weiß nicht ... Komisch hat's für mich nicht geklungen. Sag mir, was so komisch ist, Hannes."

"Hahaha!" prustete Hannes Dankorf vor Lachen voll los.

"Los, komm, sag's mir", verlangte Karin, trat Hannes Dankorf leicht mit ihrem spitzen Designerschuh gegen das Schienbein. "Will auch mit dir mitlachen, wenn's so komisch ist. Tu dir keinen Zwang an, Hannes: Ich kann auch über mich lachen. Sag, was ich Falsches gesagt hab'."

"Was hat dir denn am besten geschmeckt, Karin?" stellte Hannes Dankorf die Frage. "Was hat dir denn heute am allerbesten geschmeckt?"

"Na, die Leberpastete war schon extraklasse gemacht." An der Schläfe kratzte Karin sich. "Hätte ich gerne Pierres Rezept."

"Ja, genau, die Pastete!" Hannes Dankorf nickte. "Die Leberpastete mit Edeltrüffel und eingelegten Herzstückchen drinnen. Herz war das, Karin. Das war Herz. Hat's echt gebracht, das Pasteti-lein ... Umpf! Hahaha!"

"Hörst du auf, so zu lachen, Hannes! Hörst du auf! Hörst du sofort auf!"

"Hahaha!"

Wieder versetzte Karin Hannes Dankorfs Bein einen kleinen Tritt.

"Au, Karin!"

"Entweder sagst du mir, was du lachst, Hannes. Oder du hörst zu lachen auf. Du lachst so ... Bald bin ich dir beleidigt."

"Grmpf!" kam es von Hannes Dankorf. "Hahahaha!"

 

"Sag mir sofort, was du so spaßig findest, Hannes!" Von Hannes Dankorf löste Karin sich, setzte sich an Hannes' Seite aufrecht hin, verschränkte die Arme vor der Brust. Zog eine Schnute, wie eine Beleidigte.

"Ob du das wissen möchtest, Karin?" Boshaft grinste Hannes Dankorf Karin ins Gesicht.

"Sag mir, was du so lachst - sofort!" forderte Karin von Hannes, ihrem Geliebten. "Oder ich will nach Hause. Sagst du mir jetzt nicht sofort, was ist, fährt mich dein Butler Anton heim. Dann bin ich beleidigt. Geh' alleine ins Bett ..."

"Das wär aber schlimm, könnt' ich heute nacht keine andere mehr haben ...", redete Hannes Dankorf, überhaupt nicht lieb daher.

Karin blinzelte zu ihrem Geliebten Hannes Dankorf hin. Überlegte langsam, ob sie an guter Laune einbüßen sollte. Trotz den Gläsern Champagner, die sie intus hatte, daß ihr bei Hannes gerade zu viel nicht paßte.

"Das oben auf der Pastete, Karin, mein Liebling - das gelierte Rot. Nichts rote Lebensmittelfarbe, wie du gemeint hast. Mit eingekochtem Rotwein. Weißt du, hübschestes Blut-Gelee. Geliertes Blut. Blut, hab' ich doch zu dir gesagt, Karin. Und Blut, das ist nicht gelogen. Echtes Blut war das, Karin. Nur keine Schweineblut-Soße. Kein Rinderblut. Das rote Blut, weißt du, Liebling, das war Blut vom Menschen. Menschliches Blut. Gelee vom Menschenblut, Karin! Hahaha! Ich mein', wenn man's nicht weiß, Karin, glaubt man's nicht. Aber alles, was du heute wieder im Klub gegessen hast, war vom - Menschen. Alles."

"Glaub' ich auch nicht!" entfuhr es Karin. "Nein, Hannes, glaub' ich dir auch nicht. Du willst mich hier nur hochnehmen, nicht? Du willst mich verarschen. Du findest ja auch alles sehr, sehr spaßig gerade. Kannst dich doch kaum einkriegen vor Lachen."

Trotzdem war was in Hannes' Blick, fand Karin. In Hannes' Blick war irgendwas Unbestimmtes, daß Karin auf einmal ein Würgegefühl im Hals kriegte.

Darüber ärgerte Karin sich.

Hannes' Gerede, das tatsächlich das bei ihr, Karin, das bewirkte, was es bewirken sollte.

Daß sie das Geschwätz Hannes' ernst nahm. Etwas, Teil von Hannes' Bespaßung. Hannes, der schließlich aufmerksam zu ihr rüberguckte.

 

"Die am Nachbartisch links, die haben drei Paar Augen gegessen, Karin", meinte Hannes Dankorf. "Hast mich ja drauf aufmerksam gemacht. Wie Menschenaugen, hast du gemeint; fast wie Menschenaugen, hast du gesagt, Karin. Ich sag's dir was, Karin: Du bist meine kleine Kannibalin. Meine kleine Kannibalin. Du hast vollkommen recht gehabt, Karin: Das waren auch Menschenaugen! Echte Augen von 'nem Menschen. Hm, Karin - 'Leute-Augäpfel', könnt man sagen. 'Leute-Augäpfel' - hahaha! Von Pierre naturbelassen. Das Beste vom Menschen haben wir gegessen, Karin. Nur die beste Qualität, von unserem Sternekoch Pierre aufs Feinste zubereitet. Extralob an den Mann. Wer kann, der kann. Gelernt ist gelernt. Pierre kann's einfach mit jedem Fleisch. Wenn's vom Menschen ist, kein Problem."

"Du willst mich doch nur veräppeln, Hannes ...", beharrte Karin darauf, in Hannes den Spaßmacher zu sehen. Obwohl Karin sich wegen des Würgegefühls, die Hand vor den Mund hielt.

Mit der Angst kriegte Karin es plötzlich zu tun, es könnte was bei ihr losbrechen, daß ihr etwas hochkam.

Genug Champagner hatte sie getrunken, und das Zeugs, das Hannes redete, das war boshaft, ekelhaft, half dazu.

"Das denkst du, Karin, ich will dich nur veräppeln, Karin?" Überlegenes Gegrinse von Hannes Dankorf, eins von sehr weit oben herab. "Du denkst, ich möchte dich veräppeln? Dich verarschen? Will ich überhaupt nicht. Warum denn? Alles, was ich will, ist dir die Wahrheit sagen. Nur die Wahrheit. Nichts als die Wahrheit. Darüber, was du gegessen hast, sollst du jetzt mal Bescheid wissen, mein Liebling. Nicht nur wissen, daß dir was geschmeckt hat. So ein Pa-ste-ti-lein, das Fleisch ... Ganz einfach, wissen sollst du. Alles sag' ich dir. Hab' die Nachricht erhalten, daß eine neue Lieferung eingetroffen ist. Ein vierfaches Pluszeichen, Karin. Immer viermal Plus. Da weiß ich dann Bescheid. Danach, daß ich mich drangehalten hab'. Weißt du ja alles, Karin. Sofort hab' ich Antwort gegeben. Wenn ich im Klub was davon am Speiseplan oben steht, wollte, sollte ich schnell Antwort geben. Die Klub-Tische, wirklich ratzfatz weg, Karin. Echt ratzfatz. Hast ja gesehen, wie proppevoll das Klub-Restaurant war. Sind ja auch nicht alleine am Tisch gesessen ... Rangehalten hab' ich mich, Karin. Hab' mich auch ranhalten müssen."

"Örps!" ließ Karin vernehmen, Karin, die nur hilflos nach Hannes rüberblicken konnte, in Hannes' Spottgesicht.

"Alles allerbeste Gesellschaft, in der wir uns befanden, Karin. Nur Leute, wie ich, Karin. Leute, wie ich, Leute, die sich was leisten können. Die Herzstücke in deiner neuen Lieblingspastete von Pierre, das war echtes menschliches Herz. Die gebratene Leber, die eines Menschen. Vielleicht junges Mädchen, Karin - hahaha! Das andere könnte junger Bursche gewesen sein - hahaha! Ja, das zarte Fleisch, das du gelobt hast, an dem du geschnitten und das du dir in die Sauce getunkt hast, dir zwischen die Lippen geschoben - menschliches Filet, Karin. Ein Filetstück vom Menschen. Karin, du bist eine kleine Kannibalin! He, Karin, Karin-Menschenfresserin!"

 

"Hörst besser auf damit, Hannes!" krächzte Karin.

Ein Würgegeräusch kam von Karin. Beide Hände hielt Karin sich aufeinanderliegend vor den Mund.

"Hör mal, Karin, warum die vom Klub wohl sonst solch einen Wert auf Geheimhaltung legen?" fragte Hannes Dankorf. "Niemand, der nicht zum edlen Kreis der Auserwählten gehört, der nicht den richtigen Code per Kurzmitteilung übermitteln konnte, der in den Klub reingekommen ist ... Mensch, Mensch, eine Polizeirazzia, während dem wir das essen - eine Katastrophe wäre das. Eine Probe davon in ein Labor, ein einziges falsches Stück, die von der Polizei reißen die Augen auf, sag' ich dir. Ist nämlich kein Gorillafleisch. Wie's ihnen gesagt würde - hahaha! Obwohl Gorillafleisch parat gehalten wird, Elke ... Hör mal, Elke, mit dem Menschen mußt du kein Mitleid haben. Für die Gorillas ist alles schlimm. Viel, viel schlimmer. Die Gorillas, die sind am Aussterben. Was jedoch nicht heißt ... Nichts heißt das - hahaha! Schon gar nicht, daß man sie nicht essen kann, die Gorillas. Alle Affen - hahaha! Habe ich auch schon öfters gehabt, Gorilla. Kannst dir nicht vorstellen, Pierre ist ein Zauberkünstler. Mit allen Arten von Fleisch. Mit allem. Der kriegt alles zart, daß es dir im Mund schmilzt. Und vom Menschen was essen, Karin, das hat doch was. Das ist die Krone, find' ich. Das ist der Kitzel. Der Kitzel schlechthin. Und wenn Pierre am Herd steht, da kann nichts schief gehen. Mit nichts kann da was schief gehen. Mit Pierre am Herd, Karin, Pierre, der alles vorbereitet, brät ... O lala, Karin. Da zerfließt dir das Fleisch nur so im Mund. Du hast wirklich 1-A-Küche gegessen, Karin. Besser geht's nicht. Sterneküche eben - hahaha! Zwei Sterne hat unser Pierre."

"Du machst dir einen Spaß mit mir, Hannes!" Den Kopf schüttelte Karin, guckte Hannes Dankorf von der Seite an. Hannes Dankorf, der wieder mit seiner Lacherei aufgehört hatte.

 

Voller Häme betrachtete Hannes Dankorf Karin.

Voll die Note des größten Unsympathen, empfand Karin Hannes Dankorf. Karin, die die Lippen zusammengepreßt hielt, nichts weiter zu Hannes sagen konnte.

"Nein, Karin, mein Liebling." Kopfschütteln Hannes'. "In Afrika fressen sie Affen sowieso immer, Karin. Warum sollen wir nicht auch Affen essen? Was vom Affen? Gorilla, Schimpanse ... Was halt zart ist, essen wir. Oder was einer wie Pierre zart kriegt, Karin. Und es gibt auf der Welt nichts, was Pierre nicht zart kriegen könnte. Allerlei vom Affen, Karin - hahaha! Nur - ein Labor darf da keine echte Probe davon kriegen, was bei uns im Klubrestaurant wieder für ein Affe verspeist wurde. Sonst - hui! Nicht unmöglich, daß die im Labor was entdecken würden. Eine Probe echten Mensch ... Demnächst will Pierre wieder was molekulare Küche machen, Karin. Mit ..."

"Nein, du lügst!" war Karins Ausruf. "Du lügst mich an! Du bist nur ein Verarscher, Hannes. Ein großer Verarscher bist du."

Schnell, daß sich Karin die Hände wieder vor die Lippen legte.

"Warum denn, Karin?" Abwinken Hannes Dankorfs. "Wir sind hier ganz unter uns, Karin. Keiner weit und breit. Nur wir beide. Du mit mir zusammen ... Warum soll ich dir nicht mal Bescheid geben ...? Glaub' nicht, daß du vielen Leuten was erzählen wirst. Würd' dir höchstens einer aus dem Klub glauben, und der ißt das ja selber ..."

Beide Hände hatte Karin in der Senkrechten vor den Lippen. Überhaupt nicht mehr sicher war Karin sich das von wegen Hannes' Lügnerei ...

"Doch, doch, Karin!" Hannes winkte wieder mit der Hand ab. "Pierre hat 'nen Stern, Karin. Pierre hat noch 'nen zweiten Stern. Der kocht, brät dir alles auf der Welt. Die ganze Welt macht dir Pierre eßfertig. Bißfest, Karin. 'Al dente', Karin. Alles, Karin. Das darfst du mir ruhig glauben. Du hast sie gegessen, Karin ... Eine Spezialität. Eine Spezialität, vom Menschen. Am anderen Tisch, Hirn. Du hast gesehen, daß es Hirn war. Gehirn vom Menschen, Karin ... Wurst von Menschen, gemacht mit Menschendarm, Karin ... Glaubst du, das gibt's nicht? Daß hier viele Unterschiede ...?"

Art Prustegeräusche. Nur, Karin lachte nicht. Knapp, meinte Karin, sie könnte es weiter zurückhalten.

Dann war es nichts mehr dafür, bei Karin. Die Lippen gingen Karin auseinander, automatisch geöffnet. Ein satter Strahl ergoß sich aus Karins Mund.

 

Wild stierte Hannes sie, Karin, an, als Karin wieder zu ihm hinblickte. Karin, bei der das Speien Pause hatte.

Nach dem Sprechgerät für den Fahrzeugfunk griff Hannes Dankorf, drückte die Taste, die rot aufleuchtete.

"Anton, würden Sie bitte sofort halten. Meiner Freundin ist nicht gut, sie hat sich übergeben müssen. Halt sofort an, Anton. Sofort anhalten, sag' ich dir, Anton. Halt sofort an."

Die Edelkarosse stoppte nach Hannes Dankorfs Ansage die Fahrt.

Die Fondtüre auf ihrer Seite riß Karin auf, erbrach sich mit lautem Würgegeräusch auf die kahle Erde des Seitenstreifens der Straße.

 

Kalt blies der Wind ins Fahrzeuginnere herein, weil Karin die Türe auf ihrer Fondseite nicht zuschlagen wollte. Das mit dem Würgereiz war bei Karin schließlich lange nicht vorbei.

"Hm, Karin ...", entkam es Hannes Dankorf.

Irgendwelche unsichtbare Fusel wischte Hannes von der Nadelstreifenanzughose herunter, als Karin nervös schnell nach ihm schaute.

"Das kann doch nicht wahr sein, Hannes!"

"Warum denn nicht?" Hannes Dankorfs Abwinken.

Kopfschütteln Karins. "Aber, das ist krank, Hannes. Krank ist das. Das kann uns alle krank machen, Hannes! Dich. Mich. Hast du schon mal daran gedacht, was man da davon alles kriegen kann? Hepatitis, HIV, Syph, BSE, Hannes ..."

"Kann ich mir nicht vorstellen, Karin." Schulterzucken Hannes Dankorfs. "Dann dürfte man auch kein Schweinefleisch mehr essen. Nichts mehr vom Rind. Vom Rind schon gar nichts. Oder vom Schaf. Pah! Frißt aber jeder dauernd. In jedem Supermarkt kann man sich Tonnen davon holen."

"Nein, Han-nes ..."

"Also, Karin, mein Liebling, ich seh' da keinen Unterschied. Seh' da keinen großen Unterschied. Bloß weiß ich das gegessen hab', deswegen hat mir bisher nie was gefehlt. Nie, wenn ich im Klub wieder mal was davon gegessen hab', wie heute, hat mir was gefehlt. Wird mir sicher auch heute nichts fehlen. Ich merk bei mir nichts. Ist nicht anders, als wenn ich heute mit dir wo zu einem Italiener gefahren wär'. Oder zum Chinesen. Und nicht in den Klub. Wird alles aufs Beste und Feinste von unserem Zwei-Sterne-Koch Pierre zubereitet, Karin. Wird sich nur die besten Stücke ausgesucht haben. Und verkochen kann sich auch was, sich bei großer Hitze verbraten. In China sind Köche auch so was wie Ärzte, Karin. Das, was dem Koch schlecht vorkommt, wird sicher ausgelöst, geht woandershin. Von mir aus in 'ne Klinik - hahaha! Dort warten sie echt auf alles. Nichts, was die dort nicht brauchen können. Vielleicht deinen Pups. Selbst deine Fingernägel, Karin, schau mal, deine Fingernägel ... Die könnte man gut dorthin liefern. Deine süßen Öhrchen an 'nem anderen Kopf, Karin ... Oder deine Brüste. Die beiden Dinger. Mußt die beiden Dinger nur an 'ner anderen sehen, Karin ... Was die einer andern gefallen können, an sich selber ... Für ihre Liebhaber, nicht die deinen. Alles nur Gewebe. Alles Gewebe von dir, Karin, kann dir abgenommen werden ... Könnt sich eine gut aussuchen, aus dem Katalog, die zwei drallen Stücker. Die du da hast. Gut anzufassen. Gibt genügend, die Brustkrebs haben, Karin. Eine Brust weg. Alle beide. Braucht sie neue Titten, die Braut ... Gefühlsecht. Und Barbie-Welt ist auch - haha! Barbie-Welt! Kannst Barbie werden, Karin, wenn du das brauchst. Denk dir doch nur, eine will nicht, was sie selber hat. Obwohl's eigentlich auch nicht schlecht ausschaut. Sie braucht einfach das, was an der andern so gut ausschaut. Was bei der anderen vorne ist ... Da ist sie voll neidisch. Das hat sie gesehen, das will sie haben. Und sie kriegt so was. Vielleicht, weil sie einen wie mich hat. Ich könnt's sogar für dich aussuchen, Karin. Gefällt's dir auch, hast du's morgen. Übermorgen. So teuer ist das gar nicht. Nicht für mich. Alles kein Problem, ich schenk' dir 'ne Operation zum Geburtstag. Oder, stell dir das vor, ich lass' mir morgen 'n anderes Stück drannähen. Eins, länger - hahaha! Voll funktionstüchtig. O ja! So schaut's aus, Karin. Sag bloß, du hast keine Vorstellung, was geht? Wir beiden aber, Karin, wir haben vorhin nur kurz was im Klub gegessen, Karin. Gegessen haben wir was, was Pierre zubereitet hat. Pierre, unser Sternekoch ... Geschmeckt hat's dir, Karin. Ist doch die Hauptsache, Karin."

"U-uumpf!" Ein satter Strahl, der Karin aus dem Mund herausschoß. Eiligst, daß Karin ihr Gesicht von Hannes abwandte.

"Du Miststück!" blaffte Hannes Dankorf. "Du blödes Stück! Blödes, blödes Miststück! Du hast mir jetzt das zweitemal in den Wagen gekotzt. Ich glaub's ja nicht. Schau sich einer den Scheißdreck an, den du hier drinnen gemacht hast, Karin. Mann, Mann, Mann! Und jetzt hab' ich auch noch was abgekriegt. Jetzt hat sie auch noch mich erwischt. Ich hab' was von der Schlampe abbekommen! Schlampe, dreckige. Dreckige, dreckige Schlampe."

 

Karin beschäftigte sich mit dem nächsten Schub aus ihrem Mund, konnte nicht nach Hannes schauen.

"Schau sich das mal einer an ..." 

Das Drängen war in Karin, ein Papiertaschentuch aus der Packung zu ziehen, damit anzufangen, bei Hannes herumzuwischen. Wo Hannes eben etwas abbekommen hatte. Nur, dazu hätte erst die Not bei ihr, Karin, aufhören müssen.

"Miststück, dreckiges! Miese, kleine Hurenfotze, du! Das stinkt jetzt schon! Und ich hätte den Wagen morgen vormittag gut gebrauchen können ... Statt dessen müssen die Sitze und alles gereinigt werden. Das geht aber erst morgen, du Scheiß-Fotze!"

Langsam hatte Karin das Gefühl, Hannes könnte mal wieder Ruhe geben. Schließlich hatte er, Hannes Dankorf, die Schuld an allem. Hätte Hannes Dankorf nicht dieses ganze wirre Zeugs, diesen Irrsinn, dahergeredet, wäre überhaupt nichts gewesen.

"Die Innenraumreinigung des Wagens zahlst du mir auf Heller und Pfennig, Karin-Fotze, daß du's weißt", erlauschte Karin Hannes. "Die Rechnung bekommst du durch den Firmenanwalt die nächste Woche zugestellt. Auf Heller und Penny zahlst du mir das. Alles zahlst du mir."

 

Das Würgeempfinden wollte Karin einfach nicht aufhören. Karin keuchte. Aufs neue übergab Karin sich aus den Luxuswagen Hannes Dankorfs hinaus.

Unvermittelt, daß Karin einen heftigen Stoß im Rücken spürte; Hannes, der sie hinterrücks gestoßen hatte.

Mit einem protestierenden Aufschrei landete Karin draußen von Hannes Dankorfs Nobelkarosse im Matsch des von ihr selber Erbrochenen.

"Laß dich ja nicht mehr irgendwo bei mir blicken, Hurenfotze!" schrie Hannes Dankorf Karin von hinten. "Die Geschichte von mir mit dir - die ist aus. Ab heute ist das alles mit uns vorbei. Aus und vorbei. Du räudiges Miststück! Kotzende Schlampe! Mir blöde zu kommen, mir auch noch in den Wagen zu kotzen - was fällt dir denn ein? Was fällt dir denn ein? Du dreckiges Stück Scheiße. So eine kleine Kotzhure. Ja, stimmt, 'Hure'. Daß du das weißt. Gut für's Schieben warst du. Gut für's Schieben. Mehr nicht. Gerade gut zum Schieben. Für mehr bist du aber wirklich nicht gu. Schieben kann ich aber auch noch bei anderen ..."

Irgendwie wollte Karin das nicht glauben, was Hannes Dankorf, ihr Geliebter, gerade ihr gegenüber lautstark und voll Bosheit abließ. Alles ein einziger Alptraum. Total der falsche Film.

"He, du, Fotze, daß du das gerade so bei mir bringst, mir in den Wagen reinzuspeien - schlecht ist das nicht für mich, o ja! Sogar das Beste ist das, was mir passieren hätte können. Das wird jedem was sagen, jedem, der mich heute noch, morgen doof nach dir fragt. Warum ich mich von dir getrennt hab' und so. Werd' ich dem dann deutlich sagen. Nur die Wahrheit erzähl' ich dem, wenn er erfährt, wie du dich zuletzt bei mir aufgeführt hast. Wie du gekotzt hast, mir ins Auto reingekotzt. Rausgeschmeißen hab' ich dich. Rausschmeißen mußt' ich dich. Bieten lassen konnt' ich mir das echt nicht. Weißt du, daß das klargeht: Du bist nicht die einzige Fotze auf der Welt. Da gibt's viele. Viele. Die, die scharf auf mich sind, die kannst du fast nicht zählen. Hab' die freie Auswahl. Ich bin der einzige Erbe der Dankorfs! Ich könnt' sogar adlig heiraten, sagt Mutti. Ein großes Fürstenhaus, Karin. Müßte nur zum Essen bei uns kommen, die."

Auf allen vieren am Boden, schüttelte Karin den Kopf. Es war nicht zu glauben, was bei ihr los war.

"Das zwischen uns, das ist mit dem jetzt zu Ende, Karin. Aus und vorbei. Daß ich mit dir noch mal Händchen halten werde, Fotze, kannst du vergessen. Dann - ich sag' dir schnell noch was ... Ja, klar. Kann nicht anders sein, nach dem jetzt. Du bist entlassen, Karin. Gekündigt. Du brauchst dich überhaupt nicht mehr an deinem Schreibtisch blicken lassen. Ab Montag. Am Montag kriegst du den Schrieb mit der Kündigung sogar persönlich überreicht, wenn du nicht gehört hast, in die Firma kommst. Wenn du das nötig hast,  doch noch mal persönlich vorbeizukommen, überreich' ich dir das Papier sogar persönlich. Mein Vater, meine Mutter - die fragen sich das schon lange, was ich an dir finde. Fast ständig sagen die, daß du nicht standesgemäß bist. Du bist für mich nicht standesgemäß. Ich soll mir ja nicht einfallen lassen, dich heiraten zu wollen ... Könnt nicht für für mich ausgehen das. Seh' ich ja ein, Karin. Du bist nicht von meinem Stand. Meine Eltern, die haben doch recht. Wollt' ich aber sowieso nie heiraten, dich heiraten, Karin. Wär mir nie im Leben eingefallen, das wirklich zu machen. Wie kommen Vater, Mutter nur da drauf, ich könnt' eine Schnalle wie dich heiraten wollen, Karin? Nicht zu fassen. Na, jetzt hat sich das Thema hier mit dir von selber erledigt. Du bist draußen, Karin. Laß dich ja nicht wieder blicken. Am Montag bleibst du am besten daheim, Karin ..."

Hinter sich hörte Karin, die vor Ärger zitterte, wie die Fondtüre auf ihrer Seite zugeschlagen wurde. Von Hannes Dankorf zugezogen.

Ein paar längere Momente drauf fuhr das Dankorf-Luxusautomodell mit einem Ruck langsam an. Tuckelte voran, sich zu entfernen.

 

Voll die Ungläubigkeit war in Karin, was sie alles an Unausstehlichem von Hannes zu hören kriegte. Die Dinge, die sie durch Hannes erleben, richtig erfahren hatte dürfen, ein Wahnsinn.

Dem edlen Automobil aus dem Fuhrpark von Vater Dankorf, dem weiterhin wahren Chef der Dankorf-Firma, starrte Karin hinterher.

Die Rücklichter des Luxusautos behielt Karin im Blick. Ahnte die dunkle Fondscheibe, hinter der Hannes Dankorf saß.

Unvermittelt stoppte die englische Nobelkarosse der Dankorf-Familie nach so einem halben Kilometer Fahrt in der dreißiger Zone. 

Plötzlich fürchtete Karin, Hannes Dankorf hätte noch was auf dem Herzen. Hannes Dankorf könnte Butler Anton befehlen, daß kehrtgemacht werden sollte.

Die hintere Fahrzeugtüre zum Straßenrand hin sah Karin aufschwingen. Eine Sekunde darauf flog etwas aus dem Innern heraus, landete auf der Fahrbahnrandgrasfläche.

Ihre Handtasche war das, begriff Karin. Ihre Frauenhandtasche, in der ihre ganzen Besitztümer waren. Unter anderem ein Phone und ein Tastenhandy.

Beide Dinger hatten die Akkus voll geladen. Waren demnach einsatzfähig. Bereit für Kurznachrichten und Telefonate in die Welt.

Ein Taxi herbeirufen zu können, das war schon mal was Schönes, empfand Karin.

Erst mal mußte Hannes Dankorfs Vatis Luxuskarre jedoch endlich davongefahren sein.

Bereit machte Karin sich, sich rasch die Centstückschuhe von den Füßen zu reißen. Mit denen in der Hand in den Wald zwischen die Stauden und die Bäume hineinzulaufen.

 

Ruckend fuhr der von Butler Anton als Chaffeur gelenkte Wagen Hannes Dankorfs das nächstemal an.

Der Wind blies scharf.

Gegen die kalte Windböe stemmte Karin sich mit beiden Beinen.

Nur hoffen konnte Karin, daß sie sich in der nächtlichen Kühle nichts holte. Gegen Fieber hätte sie schon was gehabt.

 

Die Furcht vor Hannes Dankorf blieb Karin. Nach ein paar hundert Meter Reise, daß das Automobil mit Hannes Dankorf drinnen erneut.

Dunkel sah Karin Hannes Dankorfs Wagen voraus dastehen.

Eine ziemlich bedrohliche Atmosphäre verströmte der umschattete Umriß dieses Wagen.

Eine Minute verstrich. Eine zweite.

Die Seitentüre zur Straße hin schwang auf.

Karin fühlte, wie ihr die Knie weich wurden.

Das war nichts Schönes, wenn Hannes Dankorf jetzt ausstieg, auf sie, Karin, zugeschritten kam. Dann mußte sie tatsächlich weglaufen. Hinein in die baumbestandene Wildnis.

 

Voraus beim Fahrzeug sah Karin etwas Größeres herausfliegen.

Das war ihr Kunstpelzmantel, erkannte Karin. Hannes Dankorf wollte nichts, was Karin besaß, behalten.

Ihren Pelzmantel hatte Hannes Dankorf herausgeschmissen.

Hannes Dankorfs Stimme drang an Karins Gehörgänge. Worte, die nicht ihr Karin galten. Kein Wort von Hannes Dankorf hatte Karin auch verstanden, nur was, das sich nach "An-ton" anhörte. Die Fahrzeugtüre schlug dann auch wieder zu.

Auf ein neues, daß das große Auto voraus ruckelnd anfuhr. Um jetzt schneller zu werden, samt seinen Lichtern im Nu im nächtlichen Irgendwo zu verschwinden.

Ins Torkeln geriet Karin. Die Gläser Champagner, die sie intus hatte. Nachdem sich Hannes Dankorf endgültig fort war, daß sich das Adrenalin schlagartig bei Karin abbaute. Die Trunkenheit, die Karin merklich zurückkehrte.

 

 

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