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Blog von TeddeMehr

"Eine neue Lieferung": b. Der Hauptgang

25. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

b. Für die nächste Lieferung 

 

 

Gegen halb fünf Uhr entdeckte Robert Steltz, daß er viel früher als angedacht daheim angekommen war. 

Besser in die Planung hätte Robert Steltz gepaßt, gegen zwanzig Uhr in den heimatlichen Gefilden einzutreffen.

Aber, was sollte es? War Robert Steltz, Ehemann, Vati, eben ein bißchen früher dran.

Ob Elke heiß war?

Oder ob ihr Robert Elke helfen konnte, heiß zu werden?

Bei dem war Elke seit eineinhalb Monaten öfters launisch. Entwickelte nicht die rechte Laune, obwohl ihr Robert sich alle Mühe gab.

 

Die Seitenfenster ließ Robert Steltz am Ortsbeginn hochfahren. Anschließend tuckerte Robert Steltz mit dreißig langsam durch den Ort. Richtig bog Robert Steltz in seinem Wagen ab, hatte keine Lust, drumrum zu fahren, zu gucken.

Dann stand Robert Steltz' Fahrzeug vor der heimische Hausanlage. Mittels des anderen Funkschlüssels ließ er das linke Garagetor aufwärts ruckeln, lenkte hinein in die Garagenhälfte, die er für sich alleine beanspruchte.

Nachdem das Auto geparkt war, stieg Robert Steltz aus, beobachtete das Garagentor, das sich nach dem Funkimpuls herabsenkte.

Es war gut, mal wieder dastehen zu können. Die Sitzerei, die hatte echt angenervt.

Frage: Sollte er ins Haus gehen, Elke begrüßen? Oder sofort hinter machen?

Im Moment hatte er dagegen eine regelrechte Abneigung. Elke würde ihn sofort mit Fragen überschütten, wie die letzten Tage so waren. Dann mußte er Elke immer Dinge erzählen, die er Elke eigentlich lange mitgeteilt hatte.

Leider war Elke noch im Haus. Auch Markus war nicht fort. Noch nicht im Fußballtraining.

Das hieß, wen Markus überhaupt Lust hatte, ins Fußballtraining zu fahren. Das wurde in der jüngsten Gegenwart immer weniger. Als hätte er schon andere Sachen im Kopf.

Gegen halb acht hatte Elke das Treffen ihres Frauenvereins.

 

Was sprach gegen ein bißchen Familiengelaber? Oder Markus auf die Sprünge zu helfen?

Benny und Lena, die konnte man alleine lassen. Wenn die die letzten Stunden nicht zu sich gekommen waren, würden sie weiter nicht zu sich kommen.

Wenigstens nicht in der nächsten halben Stunde.

Die beiden würden nicht wieder zu sich kommen, solange noch etwas von ihnen bei Elke im Haus war.

 

Lena und Benny waren voll weggetreten, nahe am Koma. Wie es aussah, hätten Lena und Benny einen Arzt nötig gehabt, wieder aus dem Dämmer ins Leben zurückgeholt zu werden.

Es war die richtige Dosis.

Schwach atmete Lena, Lena, die Blondhaarige, die eine echte Schönheit war. Im Grunde genommen hätte Lena sich auch bei jedem Modellwettbewerb melden können.

Als Kerl sah Benny auch nicht schlecht aus. Eher, als hätte Helga ihn gut vorndran mitmachen lassen können, wenn sie und die beiden andern es miteinander zu treiben anfingen.

Den flotten Dreier hatte Helga nicht bekommen. Dafür einen Zweier.

 

Die Idee, mit der er sich Lena nackt und mit seinen Küssen übersät vorstellte - die war zu vergessen. Solche Einfälle, Gedanken, die gingen nicht an.

Über sich ärgerte Robert Steltz sich.

Wo war man denn hier? Solcherart Gelüst anzubringe,, das hätte er sich zwar ohne weiters erlauben können. Trotzdem, fand er, war das in diesem Geschäft etwas Verbotenes.

Ein Drang, nie im Leben durfte dem nachgegeben werden. Nicht, wollte jemand weiter Glück haben.

Kühle, Distanz, Dinglichkeit, das mußte bleiben.

Sonst bestand die Gefahr, daß sich eine Beziehung aufbaute.

Gefährlich genug war jede Unternehmung ohnehin immer. Besser war es, Dinge abstrakt zu betrachten. Aus der Distanz.

 

Was kümmerte es, wenn eine solche, die längst Pech gehabt hatte, hübsch war? Woanders gab es sie auch, die Schönheit. Schönheit, nichts Exklusives. Schön, das waren einige.

Außerdem kam es so oder so auf den Blickwinkel an.

Sah man sie daherschweben, konnte man kennenlernen. Oder: sie sich kaufen. Mit Geldscheinen. Wie Eva zum Beispiel. Eva, die war auch hübsch. Eva, die traf seinen Geschmack.

Nötig hatte er, Robert Steltz, es wirklich auch nicht. Zum einen gab es dafür die Frau. Oder, für unterwegs, die Nutten. Evas.

Oder es hieß: Robert Steltz suchte sich eine anderes Betätigungsfeld. Robert Steltz sollte sich eine andere Beschäftigung. Hörte mit seinem Geschäft auf.

Das hatte Robert Steltz zwar seit ein paar Monaten angedacht.

Allerdings, es warf das auch Probleme auf, damit aufzuhören.

Ein Hin und Her der Gedanken. Überlegungen. Des Wie.

Jetzt verschob sich das allerdings wieder in die nahe, ferne Zukunft. Weil: Robert Steltz war dabei, den nächsten Auftrag zu erfüllen. Zu liefern. Anliefern konnte Robert Steltz, den Termin einhalten.

Alles überhaupt kein Problem. Mit Hilfe von Lena und Benny. Lena und Benny, das war frische Ware.

 

"Du gibst Ruhe, sag' ich", vernahm Robert Steltz Elke, Elke, seine Ehegemahlin, deren Stimme er tagsüber nicht oft und dann kurz telefonisch hatte, die letzte Zeit.

"Ich will mehr Taschengeld", erlauschte Robert Steltz Markus, seinen Sohn. "Mehr Taschengeld zu kriegen wär gut."

"Wenn du bessere Noten von der Schule nach Hause bringst, läßt sich vielleicht darüber reden", erwiderte Elke. "Wär gut, wenn wir uns die beiden Studentinnen sparen könnten, die dir Nachhilfe geben. Weil du selbst was lernst. Verstehst du mich?"

"Nein!" trotzte Markus. "Wenn Vati heimkommt ... Wenn Vati heimkommt, könnt' ich Vati was sagen ... Ich will mehr Taschengeld, und ich will, daß du mir immer Spiele kaufst, Filme für mich ausleihst ... Oder ich ..."

"Fällt mir doch überhaupt nicht ein!" zischte Elke, die Mutter. "Und wehe, ich erwisch' dich noch mal hier im Haus mit einer Zigarette. Ich riech' was ... Langsam solltest du dich fertigmachen, willst du heute noch zum Fußballtraining? Oder fährst du nicht mit dem Rad? Du fährst nicht mit dem Rad? Dann muß ich dich also ins Fußballtraining fahren? Es wird langsam knapp, wenn du nicht zu spät sein willst. Werd' ich wohl mit dem Auto müssen ..."

"Mich interessiert das Fußballtraining nicht", blieb Markus bei der Stange. "Du gibst mir ab jetzt mehr Taschengeld, Mutti, und du zeigst das Schreiben von der Schule auch nicht Vati. Und du unterschreibst es. Wenn du das nicht machst, geh ich die ganze nächste Woche nicht in die Schule ... Wirst sehen, Mutti, ich geh' nicht in die Schule. Von Montag bis Freitag. Du bringst mich in die Schule, aber ich geh' von dort sofort woandershin ... Haha!"

 

Irgendwas war los zwischen Mutter Elke und Sohnemann Markus. Und Vater Robert hatte nicht den blassesten Schimmer.

War er daheim, hörte sich alles irgendwie anders an.

"Was geht denn hier ab?" rief Robert Steltz aus, stieß die Küchentür ganz auf, starrte zornig auf Markus.

"O, hallo, Schatz, du bist schon heimgekommen?" meinte Elke, Elke, die Augen erschrocken aufriß. Elke, so was von überrascht, ihren Ehemann Robert zu sehen. "Du bist schon daheim ...?"

"Siehst du mich nicht? Bin grad vorhin daheim angekommen. Soll vorkommen, daß ich heimkomme. Hast mich den ganzen Nachmittag nicht angerufen, sonst hätt' ich's dir gesagt ..."

Markus hockte am Küchentisch, blies die Wangen auf, während er auf seinen Vater glotzte.

"Entschuldige, ich hab' heute Hausputz gemacht, dann war ich beim Einkaufen. Du hättest doch anrufen sollen, daß du heimkommst ... Jetzt bist du aber daheim. Hast du Hunger? Hab' da ein paar belegte Brote ... Koch' heute nichts. Könnte beim Pizzaservice anrufen, Schatz."

 

"Ich denke, du fährst ins Fußballtraining, Markus", meinte Robert Steltz, der Markus, das zehnjährige Früchtchen, fest ins Auge faßte. "Jetzt auf der Stelle! He, machst du, daß du rauskommst, dich fertigmachst? Du besorgst dir sofort die Sportsachen ... Kann alles kein Problem sein, bei deinen vielen Fußballschuhen, daß du noch einigermaßen pünktlich dort ankommst, verstehen wir uns?"

"Ja, schon in Ordnung, Vati, ich hol' meine Sportsachen, zieh' mich um." Einen komischen Blick aufgesetzt, nickte Markus mit dem Kopf, rannte hinaus aus der Küchenwelt mit seinem Vater, der Mutter.

"Über das, was es sonst noch gibt, unterhalten wir uns dann, wenn du wieder daheim bist, Elke, ja?" Die Stirn hatte Robert Steltz gerunzelt. "Sonst will ich nichts hören."

"Ja, Robert, ich fahre Markus sofort mit dem Auto ins Fußballtraining", redete Elke förmlich. "Du hast recht, mit dem Rad kommt Markus zu spät im Training an ..."

"Warum sollte Markus jetzt noch kurz mit dem Rad fahren, zu spät dort anzukommen, wenn du ein eigenes Auto hast? Teure Karre ist das. Schon teuer, was du fährst. Also denn! Mach Markus das klar, daß ich von nun an dort anrufen werde, ob er auch immer im Fußballtraining ist ..." Den Arm schwang Robert Steltz. "Wo sind denn die belegten Brötchen, Elke-Schatz?"

Zur Seite trat Elke, und Robert Steltz sah auf der Abstelle neben der Herdplatte zwei Teller mit Broten unter einer Plastikfolie, von Fliegen wie Satelliten umschwirrt.

Plötzlich machte Elke stumm los, eilte an Ehemann Robert vorüber, war in einer Sekunde draußen aus der Küche.

 

Fast, als säße ihr jemand Böses im Nacken, kam Robert Steltz der Abgang Elkes, seiner Frau, vor.

Die Worte Markus samt Markus' Aufführung und Elkes Verhalten, das alles zusammen, das machte Robert Steltz einigermaßen belämmert im Kopf. 

Die Frage: Was war bei ihm daheim denn Schönes los?

Anscheinend gab es ungeahnte familiäre Probleme. Um die er, der Vater und Ehegatte, sich heute noch kümmern würde müssen. Sollte Markus dann vom Training heimkommen.

Dann war es angesagt, den Bengel in die Mangel zu nehmen. In gewissen Tonfällen mit Elke, seiner Mutter, zu sprechen. Den Ton sich zu erlauben, das konnte Markus so nicht bringen. Ohne daß ihm nicht irgendwann was passieren könnte. Eine Abreibung.

Seit wann sich Elke etwas von Markus gefallen ließ, das hätte Robert Steltz gerne gewußt. War sonst nicht Elkes Art.

 

Vor den Familienstreitigkeiten war für Robert Steltz allerdings noch ein weniges an Arbeit fällig.

In der Garage warteten Benny und Lena im Wagen.

Benny, ein kräftiger Kerl, und Lena hatte auch ihr Gewicht.

Beide Leute, die Robert Steltz aus dem Mietauto rausholte, sie sich über die Schulter legte und nach nebenan verfrachtet werden. In den großen Arbeitsraum Robert Steltz', der an die Doppelgarage hinten drangebaut war.

 

Als erstes machte Robert Steltz sich daran, mit der großen Schneiderschere Benny und Lena die Kleider vom Leib schneiden. Anschließend massierte Robert Steltz Benny und Lena die Blase, daß Benny und Lena Flüssigkeit ließen.

Mit dem Wasserschlauch spritzte Robert Steltz Benny und Lena. Dann machte Robert Steltz sich daran, den elektrischen Naß- und Trockenrasierer zu holen. Erst Benny, dann Lena die Kopf- und die Schambehaarung zu scheren.

Die Rasur, mit Rasierseife aus der Apotheke.

Mit dem Einseifen begann Robert Steltz. Mit Benny fing Robert Seltz an.

Die Glattrasur auf der Naßstufe war fällig.

Neues Abduschen Bennys, lauwarm. Mit Trockentüchern machte Robert Steltz sich daran, Benny trockenzutupfen.

Mit herabgeschobenen Mundwinkeln betrachtete Robert Steltz Benny und Lena. Schon ein Unterschied jetzt, bei Benny.

Mußte schon alles passen, bei Benny und Lena. War schließlich kein Hundefutter, das hier, als das es gedacht war. Hunde kriegten das nicht ab. Allerhöchstens kleinste Reste.

Robert Steltz' Beschäftigung, hinter abgesperrter Türe. Bei der sich Robert Steltz nicht stören lassen wollte. Obwohl er, als er eben mit Lena weitermachte, mitkriegte, daß Elke heimkam.

Ziemlich lange, daß Elke gebraucht hatte, vom Parkplatz beim Klubhaus des Fußballvereins nach Hause zurückzukehren. Als wäre Elke noch für ein Dreiviertelstündchen woanders gewesen. Mal irgendwohin abgebogen, bei der Heimfahrt.

 

Ungefähr würde er mit Lena fertig sein, wenn Markus vom Fußballtraining zurückgekehrt war.

Dann würde der Moment kommen, für ein paar Minuten nach nebenan zu gehen, die Kleinigkeiten anzusprechen, die am Tanzboden hüpften. Bei Markus und bei Elke.

Markus sollte bloß scharf aufpassen.

Am Schluß hatte Markus die nächste Zeit keinen eigenen Computer mit Internet mehr am Zimmer. Sonstige Vorzüge, auch gestrichen.

Daß Markus seine Mutti mit irgendwas zu erpressen suchte, das war ein echt starkes Stück.

Hier schienen härtere Maßnahmen angesagt.

Mit dem, wie Vater Robert gegen Sohn Markus vorging, mußte Mutter Elke allerdings einverstanden sein.

Das war bereits jetzt sicher, daß Elke der Meinung sein könnte, Markus, der sollte nicht zu hart angefaßt werden.

Andererseits, wenn Elke Markus die Stange hielt, obwohl Markus ... War die Idee: Mit was könnte Sohnemann Markus Elke, die Mutti, unter Druck setzen? Was lag an? Was verbarg sich hier hinter dem Vorhang?

Diese Kleinigkeit, die Vater Robert eher zufällig erlauscht hatte, da hatte alles so einen wahren Klang. Als müßte man es in Erfahrung bringen, zwingend.

 

Den pistolenartigen Bunsenbrenner für die heimische Küche drehte Robert Steltz aus.

Die Flamme verlosch, mit der Robert Steltz als letztes Lena am ganzen Körper die feinen Härchen weggekokelt hatte.

Haareschneiden, Rasieren und Kokeln. Das war Arbeit, die Robert Steltz immer Spaß machte. Von Anfang bis Ende. Darüber hatte er richtig die Zeit vergessen.

Vor so zehn Minuten mußte es gewesen sein, daß Elke in ihrem Wagen wieder zurückgekommen war. Wenigstens war da dieses Geräusch durch die dicke Mauer gedrungen, als ob Elkes Auto nebenan einfuhr. Also hatte Elke Markus wieder heimgebracht von seinem Fußballtraining.

Etwas mehr als eineinhalb Stunden, daß das Training bei Markus dauerte. Zweimal eine dreiviertelte Stunde. Mit einer Viertelstunde Pause dazwischen.

Auf die an der Garagenwand angebrachte weiße Runduhr blickte Robert Steltz. Halb acht. Neunzehn Uhr dreißig.

Das paßte, daß alle wieder vollzählig im Haus versammelt sein sollten.

 

Zufrieden überblickte Robert Steltz Benny und Lena, die kopfüber, die Fußknöchel in den Metallklemmen, von der Seilwindenvorrichtung herunterhingen.

Zum Wasserschlauch begab sich Robert Steltz, drehte das Wasser auf, und Benny und Lena wurden aufs neue mit lauwarmem Wasser abgeduscht.

Wasser, das sich in der Rinne sammelte, kluckernd ablief.

Über den Daumen gepeilt, wog Benny fünfundachtzig Kilo; Lena sollte ein Gewicht von sechzig Kilos haben.

 

Seine Beschäftigung der letzten Stunden reflektierte Robert Steltz noch mal.

Zuerst hatte er Benny und Lena mit der scharfen Schneiderschere die Kleidung von den Leibern runtergeschnitten. Die Kleiderfetzen hatte er in die Holzkiste verfrachtet, die zu seiner Rechten auf Rollen herumstand.

Entsorgen würden die Stoffteile seine Auftraggeber; das war deren Aufgabe. Übernahmen die auch gerne.

Mittendrinnen hatte er bei Benny und Lena für Blasenentleerung gesorgt.

Wie er richtig zu massieren hatte, das hatte ihm Karina, die Krankenschwester war, vor Jahren mal gezeigt.

Karina, seine Freundin, damals mit zweiundzwanzig. Und das, warum er, Bobby nannte Karina ihn, das unbedingt von seiner Freundin Karina wissen hatte müssen, wie Patienten zur Blasenentleerung zu betatschen waren, zur damaligen Zeit nicht recht einsehbar. Wie die Geschichte später kommen sollte, das war, als das mit Karina war, nicht absehbar.

Er, Robert Steltz, konnte überhaupt nicht wissen ... Daß es gut war, das mal mitgekriegt zu haben.

Karina hatte das am lebenden Objekt jedesmal gerne vorgeführt. Bei ihm, Robert.

Ein Wasserbett hatte Karina ... So Linoleumboden, bei dem Karin nicht lange mit dem Putzgestell mit dem Lappen unten dran drüberwischen mußte. Und die Laken auf dem Bett, die hatte Karina in eine Blechwanne geschmissen. Ratzfatz für die Waschmaschine.

In Gelächter brach Robert Steltz aus, patschte sich auf die Plastikschürze, die er übergestreift hatte.

 

Eine Überraschung war das für Robert Steltz gewesen, daß Lena keine war, die sich dazwischen rasierte.

Das volle Prachtdreieck präsentierte Lena zwischen den Beinen, dem er mit dem elektrischen Feucht- und Trockenrasierer auf den Pelz gerückt war.

Wirklich schade um die blonden, langen Haare Lenas war es. Richtig ungern hatte Robert Steltz Lena das Haupthaar abgeschnitten, es beiseite gelegt. War schließlich auch inbegriffen. Fürs Bäckerhandwerk waren so Haare ganz gut; es hatte keine weite Reise, etwa aus Asien.

Jetzt war es wirklich für alles zu spät, bei Lena. Lena, eine, zum richtigen Zeitpunkt am falschen Ort; echt Pech für Lenalein.

Wären Lena und Benny nicht so ignorant gewesen, hätten sie es nicht gewagt, ihn, Robert Steltz, nicht in ihr Gespräch miteinzubeziehen, hätten die zwei noch ein Weilchen länger ein paar mehr bewußte Momente gehabt. So aber ...

Selber schuld, Lena und Benny.

 

Lustig pfiff Robert Steltz die Melodie von "California Dreaming", während er sich ein Doppel Plastikwannen holte.

Die Wannen fürs Babybaden stellte Robert Steltz unter Bennys und Lenas Köpfe drunter.

Das frisch sterilisierte Skalpell griff Robert Steltz sich vom Tisch, begab sich zurück. 

Als erstes bückte Robert Steltz sich bei Benny herunter, faßte Benny nach dem Kinn. Fest packte Robert Steltz Benny an, schnitt Benny gekonnt, daß es keine Blutspritzer gab, die Kehle durch. Das gleiche geschah daraufhin bei Lena.

Das Blut Bennys und Lenas lief in die Kinderbadewannen.

Seine Auftraggeber wollten das Blut unbehandelt, aber schon mit Gelatine.

Die Gelatine sah Robert Steltz nirgends. Auch kein Problem, sich die Gelatine-Packungen aus Elkes Küchenwelt zu besorgen. Daraus entstand jetzt sogar ein Grund, rauszugehen, im Haus nach Markus und Mutti Elke zu gucken.

Der Schürze entledigte Robert Steltz sich, den Plastikhandschuhen.

Die nächsten Minuten konnte Robert Steltz sich eigentlich Zeit lassen.

Von heiß nach lauwarum war die Gelatine aufzulösen. Das würde dann auf der Kochplatte auch nicht ewig dauern.

Anschließend konnte er sich daranmachen, das Blut aus den kleinen Plastikbadewannen in die Tupperware zu schöpfen.

Der letzte Schritt: Die handlichen Plastikbehälter zu verschließen und in die Kühltruhen hineinzuplazieren. Damit hatte es sich mit diesem Teil der Arbeit.

Blut war Blut, und Blut gab es viel. Und hatte bei jedem Tier, Schwein, Kuh, Schaf, Ziege, die gleiche Farbe. Was das am Schluß für ein Blut war, das stellten Leute erst fest, wenn sie eine Probe davon im Labor untersuchten.

 

 

"Ich sag's Vati, da drauf kannst du dich verlassen!" zischte Markus, hörte sich voll gemein an. Zu allem entschlossen außerdem.

"Ob ich mich von dir erpressen lasse, Markus?" gab Elke zurück, Elke, die nicht zum Frauenabend aufgebrochen war, sich lieber um Markus kümmerte. "Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende, sag' ich dir, Markus. Vielleicht hast du am Ende viel weniger davon, als du jetzt glaubst."

"Du warst mit dem ollen Stadler zusammen auf der Couch, Mutti - nackt", krähte es aus Markus heraus. "Was ihr da gemacht habt, du und der olle Stadler ... O ja, wenn ich das Vati sag' ..."

Elke schwieg.

"Du bist beim ollen Stadler oben gesessen, Mutti ... Wenn das Vati erfährt, daß du mit Stadler, dem dicken Nachbarn, im Wohnzimmer rumgemacht hast, Mutti, dann ... Dann denk' ich ... Ich denk' nicht, daß du möchtest, daß ich das Vati sage."

"Sag's Vati doch," brach es aus Elke, der Mutter, kühl heraus. "Sag's ihm, wenn du dazu Lust hast. Wirst schon sehen, was du davon hast. Denk' aber nicht, daß du was sagst. Weil du ja was von mir willst. Nur wenn du den Mund hältst, kannst du damit rechnen, daß ich mir die Dinge vielleicht anders überlege. Na, renn doch zu Vati. Jetzt sofort. Klopf an bei ihm, ob er dir aufmacht. Ansonsten scherst du dich auf der Stelle auf dein Zimmer. Ich mag dich nicht mehr sehen, Markus. Dein blödes Gesicht geht mir auf den Geist."

"Nein!"

Ein Geräusch, Markus, der anscheinend voller Zorn mit der Faust auf Holz haute. Auf den Wohnzimmertisch?

"Du warst bei dem ollen Stadler oben gesessen. Du hast den Stadler geküßt ... Er war ganz nackig - du warst ganz nackig ... Das, wenn Vati wüßte ... Mir macht es nichts, es Vati zu sagen ..."

"Verzieh dich besser auf dein Zimmer, Markus", wiederholte Elke. "Oder mach das doch, geh' zu Vati. Klopf bei Vati an, wenn du glaubst, das ist jetzt das Beste für dich."

"Du wirst deine Karte morgen nehmen, und mir das kaufen, was ich haben will", schnarrte Markus. "Dann unterschreibst du mir den Brief von der Schule. Und wenn ich nächste Woche oder die übernächste Woche nicht in die Schule gehen mag, schreibst du was, daß ich krank bin oder so. Oder Vati erfährt das von dir mit dem ollen Stadler ..."

"Siehst du, Markus, du wiederholst dich dauernd. Aber du läufst hier nicht raus und zu Vati. Um bei Vati anzuklopfen. Du weißt also, daß sich alles ändert, wenn du's Vati sagst. Du weißt, was Sache ist."

"Könnt's jetzt jede Sekunde machen, Mutti ..."

"Vati ist im Haus, Markus, und wir unterhalten uns hier, als könnte Vati nicht plötzlich dazukommen", machte Elke aufmerksam. "Wir sollten aufhören mit dem Palavern. Dein Vati ist ein jähzorniger Mann. Wenn der das erfährt, was du jetzt vorhast, ihm sagen willst, Markus - vielleicht geht dann nicht nur für mich die Welt unter. Überleg's dir gut, was du vorhast. Die Folgen. Welchen Nutzen du davon hast, wenn du es wirklich machst. Und das machst du, denk' ich, besser auf deinem Zimmer. Du verschwindest jetzt besser auf dein Zimmer. Ich kann deine Visage nicht mehr sehen. Sag mal, machst du das jetzt sofort, verziehst dich rauf, kann ich mir alles, was du zu mir gesagt hast, noch mal in aller Ruhe durch den Kopf gehen lassen."

"Ich will das, Mutti"

"Nein! Du solltest tun, was ich sage. Sonst geh' ich zu Vati, sag' ich ihm alles. Wenn schon alles egal ist, Markus, weißt du ...?"

"Gut, ich werd' dann raufgehen", stimmte Markus plötzlich dem Vorschlag Elkes zu. Markus, vielleicht wegen den Worten Elkes, sie könnte selber zu Vati gehen, mit leiser Unsicherheit in der Stimme. "Bis zum Montag geb' ich dir Zeit, Mutti. Am Montag fahren wir nicht in die Schule - sondern erst mal zum Einkaufen in die Stadt. Du kaufst mir alles, was ich haben will. Alles. Das wärs dann fürs erste."

"Wir werden sehen, was am Montag ist, mein lieber Markus ...", meinte Elke, verdrossen sich anhörend. "Jetzt gehst du mir hier aber aus den Augen. Sonst fällt mir auch noch was ein ... Was ich Vati noch von dir sagen könnte."

"Wenn der Film, der jetzt anfängt, vorbei ist, geh' ich auf mein Zimmer, Mutti ...", war Markus' Erwiderung. Ziemlich laut, das Fernsehgerät unvermittelt. Gitarren jaulten. Aber, es war kein Musikvideo. Sondern ein Kinofilm, der anfing. Einer, den sich Robert Steltz selber letztens angesehen hatte und bald ausgeschaltet hatte. Weil die Filmszenen zu nerven angefangen hatten. Alle paar Sekunden spritzte Gehirnmasse, Blut; Körper wurden zerrissen. Diese Art Szenen in Zeitlupe. Sonst hatte der Film nicht viel Gehalt.

 

Zorn war in Robert Steltz, daß er sich über sich wunderte, daß er nicht längst mitten im Wohnzimmer stand. Reingestürmt war.

Nur, das war mal eine echt üble Überraschung: daß Elke ... Elke, die Biedere, Brave, die er, Robert, für unbedingt treu hielt. Treue, ein Charakterzug Elkes.

Davon zu hören, daß Elke mit dem alten Stadler, dem Fettsack von nebenan, zugange war. Elke mit diesem Menschen in trauter Liebesarmung, auf dem Gipfel der Lust.

Eigentlich unvorstellbar. Eine Neuigkeit, nicht zu fassen.

Nie im Leben wäre er bei Elke auf so einen Einfall gekommen, nicht für die kleinste Idee. Bei allen möglichen Weibern konnte man an so was denken, aber nicht bei Elke. Daß Elke ...

Elke Steltz, in den Armen eines dickwanstigen Blödmannes wie Stadler?

Da fiel einer glatt vom Glauben ab, daß das die Möglichkeit war. Elke mit dem Stadler ...

Vielleicht, weil Stadler die Frau gestorben war.

Elke, das war schon klar, öfters war nebenan ... Viel Trost hatte Elke Stadler gespendet. Wegen der Ehefrau, die Stadler verstorben war. Starke Trostspenderin, Elke.

Dabei mußte es irgendwann zu Spenden von Stadler gekommen sein. Solchen, von denen man hörte, die trotzdem kaum zu glauben waren. Der Witwer Stadler war der Trösterin Elke auf die Pelle gerückt. Und Elke hatte es zugelassen.

Oder war vorher zwischen Elke und Stadler schon vorher was?

Elke, die öfters viel zu ausufernd erzählt hatte, wie aufopferungsvoll Stadler sich um seine krebskranke Frau Rieke kümmere ... Um seine Frau Rieke kämpfte Stadler. Rieke im Krankenhaus, auf den Krankenhausflurgängen die Fingernägel kauend, Stadler. Stadlers Rieke daheim, launisch, aggressiv, kaum erträglich, Rieke. War die Drogendosis zu gering?

Ziemlich detailreich von Elke geschildert, was bei Stadler und Gattin Rieke drüben los war. Daß Elkes Robert sich das eine oder andere Mal fragte, ob er, Robert, alles so genau wissen wollte.

So was von Mitgefühl bei Elke. Die mitfühlende Nachbarsfrau, Elke.

Gefühl, das in Sex ausgeartet war, stimmte alles, das zu erlauschen war. Sex, eine Sache, die die Krebskranke Ehegattin ihrem Mann ... Sex, den Stadler anfing, sich bei der Nachbarsfrau abzuholen. Bei der nebenan, die zu ihm rüberkam. Hatte Stadler was nötig, latschte Stadler zu Elke rüber.

Elke, zufällig Robert Steltz' Ehefrau. Robert Steltz, der von all den Vorgängen, Geschehnissen nichts etwas ahnte. Sogar in Robert Steltz' Wohnzimmer, daß es abging.

Daß Robert Steltz' eigener Sohn, ihn Stadler, mit der Mutti erwischte. So hemmungslos war man geworden.

 

 

Die in Wasser gelöste Gelatine hatte Robert Steltz in die rote Flüssigkeit eingerührt.

Letztens wollten die Damen und Herren, die orderten, mal Agar Agar.

Fiel Robert Steltz überhaupt nicht ein. Entweder Gelatine oder nichts.

Einmal, Gelatine hatte er im Haus. Agar Agar hätte er sich für die Herrschaften extra besorgen müssen. Konnten die vergessen.

In Trance wegen Elke, seiner Ehegemahlin, schöpfte Robert Steltz mit einer Schöpfkelle das Blut in die handgroßen Plastikbehälter.

Immer dreiviertelvoll. Da paßte Robert Steltz jedesmal in letzter Sekunde doch noch auf.

Die nächsten verschlossenen vier Plastikbehälter, die Robert Steltz aufeinandergestapelt zu der Kühltruhe links außen brachte, das Ganze einzufrieren.

Den Kühltruhendeckel klatschte Robert Steltz herab, drückte drauf.

 

Nein, hier war auf nichts lange zu warten. Nicht auf irgendwas.

Eventuell Elke mit Stadler, diesem Arschloch aus dem Nachbarshaus, in flagranti zu erwischen. Erst dann was mit Elke zu unternehmen.

Elke, die war heute dann fällig. Und Stadler, der würde morgen früh drankommen.

Was mit Markus sein sollte, das war die Frage.

Kam drauf an, wie doof Markus war. Wie lästig das mit Markus wurde.

Kinder konnte er, Robert Steltz, noch Dutzende kriegen. Elke war die, der es nach ihrer Niederkunft mit Markus damals gereicht hatte. Elke war bei der einen Geburt die Lust auf weitere Geburten vergangen.

 

Ausgerechnet Elke, die dermaßen viel Wert auf Anständigkeit, Biederkeit legte. Die ließ sich darauf ein, die Gespielin des Nachbarn zu werden. Mit der Folge, daß Elke bei der Nachbarschaft ins Gerede kommen könnte.

Dabei Elke eine, die auf die Meinung anderer Leute etwas gab.

Untreue, ein Wort, das wäre Robert Steltz bei Gattin Elke nicht eingefallen. Außer, daß Elke das Wort im Wortschatz hatte.

Bei Elke, nicht zu vermuten, daß Elke ihrem Ehemann Robert einmal untreu werden könnte. Auch nur einmal.

Elke war das Sinnbild einer Frau, die man, stand eine Reise an, beruhigt zu Hause zurücklassen konnte. Wenn man eine Frau daheim alleine lassen konnte, dann Elke.

Treue, das gehörte bei Elke mit dazu. War inbegriffen. Plötzlich bei Elke etwas anderes zu bemerken, das war fast wie ein Schlag mit dem Hammer auf den Kopf. So dermaßen eine böse Überraschung war das bei Elke.

 

Was sagten denn die in der Nachbarhäusern nun eigentlich dazu? Hatten die schon was mitgekriegt. Oder nicht?

Von denen in den Häusern nebenan mußte mit Sicherheit der eine oder andere mitbekommen haben, daß Elke ziemlich oft zu Stadler, dem die Frau vor einem Vierteljahr verstorben war, rüberlatschte. Der feiste Stadler zu Elke. 

Vormittags, wenn Markus in der Schule war, das war zu vermuten: Halligalli. Freie Schußbahn für alles. Todsicher.

Daß es jetzt sogar passiert war, daß Markus Elke mit dem ollen Stadler erwischt hatte ... Da hatte man es treiben müssen, obwohl die Möglichkeit, daß Markus ... Anscheinend rechneten die nicht mit Markus rechneten, obwohl Markus im Anmarsch sein konnte. Elke, die dem fetten Stadler oben drauf saß ...

Nichts war mißzuverstehen für Markus, den Zehnjährigen, als er die Szene kurz blickte. Markus, der nun pampig wurde. Die Mutti in Kalamitäten brachte.

Markus, der kleine, eiskalte Erpresser.

 

Klar Schiff war zu machen.

Elkelein sollte erfahren, für was das mit ihrer ehelichen Treulosigkeit gut war.

Das war lange Elkes Wunsch, zu ihrem Mann in die Räumlichkeit hineinzuschauen, zu sehen, was ihr Gatte dort trieb. Mehrere Male hatte Elke den Kopf schon bei ihm in der Räumlichkeit hinter dem Garagendoppel drinnen, Elke, ohne jedoch irgendwas Großartiges zu blicken. Weil ihr Robert erst heimgekommen war, die zu verarbeitende Ware noch nicht aus dem Auto geholt hatte.

Nun war der Zeitpunkt da, mal Elkes weibliche Neugier zu befriedigen.

Nachdem Elke und dieser Stadler ... Zumindestens hatte Elke nichts dagegen, Stadler dabei zu helfen, nicht zu traurig sein zu müssen. Und: Sex hatte Stadler mit Elke.

Das war plötzlich auffällig: Elke hatte in jüngster Zeit abgebaut. Nicht mehr so viel drängte es Elke danach, mit Ehemann Robert zu telefonieren. Während der unterwegs.

Wie sie sonst immer anrief, daß es beinahe zeitweise schon Belästigung war. Elkes Wunsch, immer auf dem laufenden zu sein, was ihr Mann Robert trieb.

Nun durfte Elke aber Kleinigkeiten real erfahren. Was das Berufsleben ihres Mannes Robert anging, würde Elke Kleinigkeiten ganz genau erfahren.

 

 

Die Gummihandschuhe zupfte Robert Steltz zurecht, daß der letzte Faltenwurf verschwand. Den Gummischurz zog Robert Steltz sich über.

Vor das Wasserbecken begab Robert Steltz sich, ließ sich Wasser über die Gummihandschuhe laufen.

Entschlossen schritt Robert Steltz zur innen abgesperrten Tür hin. Robert Steltz zerrte Elke, die dort am Fliesenboden rumlag, in die Mitte des Raums.

Den Blick richtete Robert Steltz spöttisch auf Elke, Elke, die großäugig stierte.

"Tja ...", meinte Robert Steltz. "Das, was du siehst, das ist mein Beruf. Länger schon. Viel, viel länger."

Die beiden kopflosen Torsos Bennys und Lena, die von der Seilwindenvorrichtung herabhingen, von drei Fliegen umschwirrt.

"Waren nette Menschen, Elke. Angenehme Gesichter, nicht? Keine Ahnung, Elke, wer die Gesichter brauchen wird können. Na ja, es verbrennt sich immer irgendwer irgendwo. Vielleicht braucht sie auch keiner. Mann, was rede ich jetzt? Es geht die Lieferung ja an die Küche, Elke. Da kann man alles verarbeiten. Von Augäpfeln in Aspik, bis Knochenmehl in die Sauce ... Was weiß ich, was ein Koch alles leisten kann? In der Endverwertung. Gibt auch die molekulare Küche in den Gourmet-Läden, Elke. Waren wir nicht vor einem Monat bei einem Gourmet-Koch, Elke? Zwei Sterne ...? So ein Gourmet-Koch, Elke, der kann's mit jedem Fleisch ..."

 

Den Kopf hochgehoben, lag Elke am Betonboden rum, starrte wild auf ihren Mann Robert.

An den Beinen, an denen sie eine weißfarbene Matrosenhose mit scharfer Falte trug, hatte Elke eine die Schrittweite hemmende Fesselschnur.

Ganz unfrei war Elke also nicht.

Könnte schon was anstellen können, Elke, wäre sie alleine gewesen. Elke, obwohl sie die Arme hinten am Rücken mit Handschellen fixiert hatte.

Damit Elke nicht ewig nervig bei ihm rumkreischte, hatte Robert Steltz Elke ein Klebeband vor die Lippen verpaßt.

Ihre Situation, von Elke durchaus richtig eingeschätzt. Elke, die sich schon durchnäßt hatte, schlecht roch.

 

"Du wolltest doch schon immer alles noch genauer wissen, was ich auf meinen Reisen so genau treibe, nicht wahr, Elke?" redete Robert Steltz, der das Messer absetzte, Elke, seine Ehefrau, an, die heftig zitterte. "Ja, ja, alles sollte ich dir immer ganz haarklein erzählen. Was ich gerade mache. Vielleicht, daß du mir bei Abrechnungen helfen könntest, hast du letztens gesagt ... Für die Steuer nächstes Jahr ... Schließlich hab' ich Unkosten. Da könnte was steuerlich absetzbar sein. Du sorgst da für Ordnung in meinen Sachen ... He, jetzt siehst du, was ich beruflich mache! Wirklich, das ist wahr. Das ist mein Beruf! Ich bin im Lieferservice. Das ist bei mir die Ware. Es wird bei mir bestellt, und ich sorge für die nächste Lieferung. Zum Beispiel in eine Küche. Was glaubst du, was für Hunger nach Delikatesse hier herrscht? Sie fressen alles Getier, das du dir vorstellen kannst. Was man fressen kann, wird gefressen. Aus Afrika. Südamerika. Asien. Am Aussterben oder nicht. Aus dem Meer oder nicht. Affen fressen sie, Elke. Affen, Elke. Noch 'nen ganz anderen Affen auch. Da schüttelt's sie dann so richtig, denk' ich. Nicht, weil's sie ekelt. Nein, weil sie's nervös macht. Der Nervenkitzel. Wie so 'nen Kiffer, wenn er mitten auf der Straße 'ne Tüte raucht. Ah, die Polizei, die kommt jede Sekunde. Jede Sekunde könnt die kommen. Die ist am Kommen, weil er was raucht - und keine Zigarette. Hahaha! Mensch, Elke! Was hier alles los ist. Denk dir nur, Elke ... Du mußt dir nur den Bedarf an menschlichen Ersatzteilen vorstellen ... Du bist ein einziges Ersatzteillager, Elke, bist du nichts zum Fressen. Hat man dich nicht zum Fressen gern. Alles von dir, wenn es gesund ist, ist zu gebrauchen. Deine Haut, deine Fingernägel, inneren Organe. Deine Knorpel, dein Kreuzband, Elke. Für die Sportler, die das nächste Kreuzband brauchen ... Da bleibt bei einem nicht viel Abfall, sag' ich dir. Deine Brüste, weiß nicht, Elke, die könnt demnächst beide eine haben, der sie die Brüste weggeschnitten haben. Weil sie Brustkrebs hatte. Deine Gesicht mit ein paar Veränderungen bei 'ner anderen, Elke ... Die Föten, Elke, bei Schwangeren ... Was glaubst du, welche Nachfrage die in Krankenhäusern an so Sachen haben? Da drängelt sich Volk, Elke. Wahnsinn. Wie hart da welche warten, Elke, 'ne neue Leber zu kriegen, 'ne Niere ...? Alles. Die wollen leben, Elke. Nur leben. Ganz egal alles, wie, woher am Schluß, Hauptsache, sie leben noch ein bißchen. Koste es, was es wolle. Vielleicht kostet's sie nicht mehr wie ein schickes neues Auto, Elke."

 

Ein Weilchen, daß Robert Steltz reglos dastand, Elke betrachtend.

Elke, deren Liegeplatz würde er dann mit dem Wasserschlauch sauberspritzen müssen.

Die Schulter, die Robert Steltz zuckte. Auf Elke grinste Robert Steltz herunter.

"Bin nicht der einzige, der in diesen Angelegenheiten reist. Außer mir gibt es noch ein paar, soviel ich das weiß. Tja, nun, die Leute geben bei mir 'ne einfache ordentliche Order ab, und ich geh' wieder auf 'ne Reise. Um 'nem Auftrag nach Möglichkeit nachzukommen. Vier von denen da waren eigentlich bestellt. Die Bestellung: vier Einheiten. Ich liefere bis jetzt allerdings nur, verflucht noch mal, zwei, wie du siehst, Elke. Dafür würde ich nur die Fixsumme für zwei aufs Konto bekommen. Keinen geschissenen Bonus. Zwei, das ist das mindeste, wenn sie vier bei mir bestellen. Nun bin ich mir aber sicher, daß ich auf vier Einheiten kommen werde, Elke ... Tja. Oder soll ich fünf nehmen? Wenn ich Markus dazuzähle ...? Mit Markus wären das fünf."

Ein Grunzlaut war von Elke zu vernehmen.

Paßte auch als Kommentar Elkes.

 

"In der letzten Zeit hab' ich viel hin und her überlegt, Elke, meine Arbeit vielleicht aufzugeben", fing Robert Steltz von neuem an, Robert Steltz, der das abgespülte Entbeiner-Messer weglegte. "Hab' was auf der Kante. Zwar nicht ganz flüssig ... Scheisse, Elke, auf Aktien muß man wirklich aufpassen. Bei denen muß man aufpassen. Trotzdem, ein paar Börsengeschäfte liefen ganz gut für mich in Asien ... Echt wahr, hab' Gewinn gemacht, Elke. Aber jetzt, mit dir hier, hier an dem Ort ... Da schaut die Welt für mich ein klein wenig anders aus. Eigentlich ist es nicht wahr, wie sie aussieht. Daran hab' ich nicht unbedingt gedacht, dich hier zu sehen. Dir doch noch alles vorzustellen. Nicht dir, Elke. Was treibst du denn bloß, Elke? Elke-lein? Jetzt brauch' ich 'ne neue Frau ..."

Die Augen hatte es Elke weit aus dem Kopf getrieben. Starr glotzte Elke auf Ehemann Robert.

"He, Elke, schau mal, du treibst es mit dem Stadler ... Dem Stadler von nebenan. Ich meine, das geht doch nicht. Das hätte ich nicht von dir gedacht, daß dir der einfallen könnte. Nie wär' ich auf den fetten, alten Stadler von nebenan gekommen, daß du an den rangehen könntest, Elke. Auch wenn dem die Frau gestorben ist ... Ach, welch eine Traurigkeit. Daß du aber so weit gehen könntest, dem drüben Trost zu spenden ... Hätt' mir überhaupt nicht gedacht, daß du mir überhaupt fremdgehen könntest. Daß du das Risiko eingehst, wegen so was Doofem in der Nachbarschaft ins Gerede kommen. Das ist nicht zu glauben. Stell dir vor, Elke, das muß irgendwelchen Leuten doch mal auffallen, daß du öfter als oft zum Stadler rüberrennst. Der zu dir. Und der Ehemann von der ist nicht daheim; wie's aussieht, ist der Ehemann von der nicht daheim ... Ganz schlimm find' ich das, daß du dich von Markus erwischen läßt, Elke, wie du es mit diesem Fettsack von Stadler bei mir im Haus auf der Wohnzimmercouch treibst ... Nicht zu fassen. Da muß man es aber schon nötig haben."

Elke Steltz brachte Stöhnlaute hervor, verdrehte verzweifelt den Oberkörper.

Keine Ahnung hatte Robert Steltz, was das bei Elke sollte. Auf die Weise konnte Elke sich nun wirklich nicht befreien.

"Keine Ahnung, Elke - und dann redet ihr, du und Markus, auch noch ganz offen im Wohnzimmer über alles. Wo ich doch heimgekommen bin, die Möglichkeit sein könnte, daß ich lausche ... Mensch!"

 

"Hm, ja, Elke ..." Ein Schulterzucken zeigte Robert Steltz Elke. "Ein wenig abgebaut hast du schon bei mir. Hätte mir vielleicht eine Idee kommen müssen, daß da was ist. Weil deine Anrufe bei mir immer kürzer geworden sind, in jüngster Zeit. Heute fahre ich heim, und ein einziger Anruf von dir. Und, ein einziges Telefonat führst du mit mir. Nicht sehr lange, daß wir gesprochen haben. Hattest wohl da schon Ärger mit Markus, was?"

Ein zorniger Grunzlaut entfuhr Elke.

Wenig, daß Elke der Zorn half, fand Robert Steltz.

"Nein, nein, Elke ... Was mit Markus werden soll, das weiß ich noch nicht endgültig." Gemein grinste Robert Steltz seiner Ehefrau Elke ins Gesicht. "Ob Markus ... Oder ob Markus nicht ... Das werde ich entscheiden, wenn Markus und ich ... Ob ich mit Markus dann, nach dem hier, hier in der Gegend bleiben werde, kann, ist Markus nicht fällig, keine Ahnung. Vielleicht brech' ich meine Zelte hier ab, Elke ... Kann auch überall anders leben. Und Markus, der könnte schon damit fertigwerden, daß er sich neue Freunde suchen muß. An eine andere Schulklasse gewöhnen. Fußballgespielt wird auch überall. Trainiert. Dich geht das aber eigentlich alles nichts mehr an, Elke ... Mit dir brauch' ich das eigentlich nicht besprechen, Elke. Du hast Schicht im Schacht, Elke. Verstehen wir uns?"

Überraschend flott, daß Elke vom Beton hoch auf die Beine gekommen war und von ihrem Ehegatten Robert forttrippeln wollte.

Robert Steltz setzte seiner Frau Elke hinterher, stieß sie zu Boden.

Den Fuß stellte Robert Steltz Elke auf den Rücken, drückte Elke nieder, als Elke sich von neuem aufzurappeln suchte.

Spontan trat Robert Steltz Elke mit dem rechten Stiefel eher vorsichtig in die Rippen. Schließlich sollte da nichts brechen. Heil sollte alles an Elke bleiben, soweit.

 

 

"Siehst du das, Elke?" Einen dünnen Draht mit von ihm selber aufgelöteten kleinen Haken an den Enden präsentierte Robert Steltz seiner Gemahlin. "Weißt doch, die alten Ägypter, die haben ihre Toten ausgenommen wie die Fische. Ja, sämtliche Innereien haben sie entnommen. Erinnerst dich doch an den Film, in dem die Rede davon war, daß die ägyptischen Priester die Hirne der Toten durch die Nase herausgezogen haben?"

Elkes Grunzen hörte sich nach Panik an.

"Soll ich das jetzt bei dir mal machen, Elke?" erkundigte sich Robert Steltz bei seiner Frau Elke. "Hab's noch nie versucht. Würd's aber gerne mal ausprobieren. Mensch, sonst liefer' ich immer die abgetrennten Köpfe im Ganzen ab. Das Gehirn von dir, Elke - auch eine Innerei. Sofort schockzugefrieren. Hahaha! Herz, Lunge, Leber, Niere - einen Guten, Elke! Die Augen, die lös' ich bei dir aus. Die Ohren schneid' ich ab. Wie Schweineöhrchen, Elke ... Vielleicht für irgendwelcher Leute Hunde, Elke. Stadlers Geschlecht, ist's nicht zu zäh, Elke? Das könnt vielleicht noch gut für 'nen Köter sein, das Jahrzehnte alte Ding vom Stadler. Angenäht bekommen möcht das sicher keiner mehr, Elke. Denk' ich mir. Oder 'n Arzt hat gegen einen was - hahaha! Dann kann er Stadlers Ding brauchen ... Kannst du dir nicht vorstellen, Elke? Alles, was du dir vorstellen kannst, Elke. Auch für mich kein Problem. Die Augen, Elke ...? Die in Aspik, Elke ..."

Den Versuch unternahm Elke Steltz, von ihrem Ehemann wegzurutschen.

"Haha, Elke! Du bist viel zu unruhig. Da mach' ich die Augen doch nur kaputt. Ich kann Sachen doch nicht unbrauchbasr machen, wenn ich was liefern möchte ... Das Gehirn - schwupp! Ist es draußen, Elke. Oder nicht? Weiß ich erst, wenn ich's probiert hab', Elke. Bitte, du mußt ruhiger werden, Elke ..."

 

Über Elke stieg Robert Steltz drüber, tänzelte zurück, trat zum Wasserbecken, entledigte sich der Gummihandschuhe, wusch sich die Hände, das Gesicht.

Lächelnd trocknete Robert Steltz sich mit dem Handtuch ab, guckte nach Elke, die ihn anstierte, als sähe sie ein Monster.

"Versteh' dich doch, Elke. Was ich aber überhaupt nicht versteh', ist - warum läßt du dich von Markus erwischen? Du läßt dich von Markus erwischen, nackt und auf dem Stadler ...? Ich kann's nicht glauben. Wie kann dir das nur passieren, Elke?"

 

Neue gummierte Handschuhe zog Robert Steltz sich an, nahm das scharfe Beinmesser, das herumlag.

"Wenn du nicht wärst, Elke, wär' ich mit den beiden da schon weiter. Hätt' sie ausgenommen, die Innereien in einer der Kühltruhen. Dann, die noch zerlegen ... Das sind tiefe Truhen, Elke, sag' ich dir, da geht ganz schön was rein. Hin und wieder wird bestellt, ich soll sie im Ganzen lassen, nur enthaart. Nur, das mache ich nicht, Elke. Einmal hab' ich das gemacht, hab' ich die ganze Nacht nicht schlafen können. Nee, entweder wird filettiert oder gar nichts."

"Humpf!" ließ Elke hören.

"Damals, als ich im Gefängnis war, hab' ich in der Küche helfen dürfen, Elke, weißt du ja." Die Schulter zuckte Robert Steltz. "Später, die drei Monate als Freigänger, hatte ich Arbeit bei 'Mellow' in der Restaurantküche. Und, erinner' dich, als ich aus dem Gefängnis draußen war, hab ich, um zu arbeiten, eineinhalb Jahre in einer Schlachterei den Idioten für alles gemacht. Vor meinem Lagerjob, Elke. Für was das nicht gut war, Elkelein ... Hat man mich mit den Messern und Handschneidegeräten vertraut gemacht. Gesägt hab' ich, Elke ... Rinder, Schweine auseinandergesägt. War fast schade, daß ich aufgehört hab' dort. Weil ich alles konnte. Schnell geworden war."

 

Elke, sie stand wieder. Hatte sich auf die Füße aufgerappelt hatte.

Robert Steltz' Kopfschütteln.

"Natürlich hab' ich meine Kenntnisse vertiefen müssen, Elke", war Robert Steltz' Fortsetzung. "Mich im Beruf weiterbilden. Dafür hab' ich einen Abendkurs belegt - hahaha! In Echt, Elke, dachte eigentlich ans Kochen. Wie man Kühe, Schweine, Hasen, Rehe zerlegt - war klar. Abendschule war das, weißt du noch? Kostenpunkt: zwei knappeTausender. Hast du viel Geld gefunden, Elke. Aber, der Kochkurs war das wert. Zweimal die Woche, von halb acht bis halb elf. Sehr ergiebig. Da hab' ich dann während der Zeit angefangen, das zu machen, was ich jetzt mache. War gegen Ende Juli. Wie das passiert ist, fragst du dich, nicht? Weil ich an Geld dachte ... Ohne Witz. Nur an Geld. Da war einer, der hat mich angeredet. Ein Bekannter von früher. Deffi. Deffi, der Spasti. Deffi war im Auftrag irgendwelcher Leute, die ich bis heute nicht kenne, am Herumlatschen. Hat sich bei den Leuten umgehört. Nach Typen wie mich haben die gesucht. Deffi hat bei mir nur davon geredet, war dann überrascht, daß ich das machen möchte. Hahaha! Deffi war überrascht, verstehst du, Elke? Ich glaub', Deffi hatte sie darauf aufmerksam gemacht, daß man mir nicht trauen kann. Ich war sozusagen auf Probe. Bis zu meinen ersten Lieferungen - hahaha! Ich fahr' manchmal einfach nur so rum, Elke, irgendwo durch die Gegend, hole mir Leute in den Wagen. Denen, die bei mir einsteigen, geb' ich bei Gelegenheit was zu trinken. Oder sie schlecken Eis. Oder sie kriegen sonstwo was dazu ... Was sie bewußtlos werden läßt. Nicht viele sind mir bis heute wieder aufgewacht, Elke ... So zwei, drei ... Zur Zeit mag ich Eis am allerliebsten. Früher war's mal eine Zeitlang Cola. Die ich geschickt bekommen hatt'. Die Cola hatte es in sich. Hast mich doch gefragt, Elke, warum ich mir Cola schicken lass', wenn ich Cola im Supermarkt kaufen kann. Hast dich doch gewundert, als du gesehen hast, daß ich Colaflaschen auspack', sonst nichts. Nichts als ordinäre Cola ... Tja, Elke, Cola ist nicht gleich Cola. Hahaha! Hast einmal sehr tief geschlafen. Mann, warst du in 'nem Zustand, Elke. Hättest du nicht auch Wein getrunken gehabt, du hättest nicht gewußt ... Muß schlecht gewesen sein, der Wein. Pansch-Wein. Na ja, Elke. War kein Pansche-Wein. Sonst wär's mir doch auch so gegangen wie dir. Hätten wir nicht darüber reden müssen, daß ich den Wein besser vertragen hab' als du."

 

Unvermittelt liefen Elke die dicksten Tränen die tief rot gefärbten Wangen herunter. Das erstemal jetzt, daß Elke flennte.

Als könnte Elke irgendwie erst jetzt, das mit dem Weinen.

Vielleicht, daß Elke innerlich verzweifelt gewesen war. Zu flennen anzufangen, das wollte Elke jedoch nicht einfallen.

Möglicherweise, weilElke die ganze Situation, trotz allem, was war, zu irreal vorkam.

Oder Elke hatte den Gedanken im Hinterkopf, daß das immer noch Robert sei, ihr Ehegatte. Daß sie alles deswegen nicht ganz so ernst zu nehmen brauchte.

Irgendwann war mit Robert wieder klarzukommen, mit ihm zu reden, vernünftig.

Später, wenn er, Robert, sie wieder befreit hatte, war dann Robert nicht im Haus, die Gelegenheit, könnte sie die Polizei anrufen. Daß Polizisten kamen, Robert Steltz, den Massenmörder, abzuholen. Gefesselt würde sie, Elke, Robert Steltz, ihren Mann, sehen, zuschauen, wie Ehegemahl Robert abgeführt wurde. Robert, bei dem man dem Wahnsinn auf die Spur gekommen war.

Bei der Gerichtsverhandlung würde sie alles fast wortwörtlich vor den Schöffen und dem Richter aussagen, was Ehemann Robert alles in ihre Richtung geredet hatte.

Für immer würde Robert Steltz dann, nach dem Urteil, hinter Gittern verschwinden. Oder, sogar wahrscheinlicher, in der geschlossenen Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses.

 

"Geldsorgen kennen wir hier nicht", redete Robert Steltz, der sich aufs neue nach Elke umgewandt hatte, den abgetrennten Unterarm Lenas vor sich hielt. "Wir leben echt sorgenfrei, was das angeht, nicht? Einen hübschen Batzen Geld krieg' ich dafür. Werden's vier, krieg' ich die nächsten Tage nicht nur die Fixsumme. Wären's mehr als vier, ging's noch mehr in die Bonusse. Je mehr, um so höher steigt das mit dem Bonusystem. Da kann sich einiges zusammenläppern ... Kannst du dir das vorstellen, Elke? Woche für Woche alle zwei, drei Tage ... Deshalb leisten wir uns das alles hier ... Und ich hab' auch immer alles dafür getan, Elke, bei dir die Fassade zu wahren ... Mine Steuererklärung, die schick' ich ab. Mein Arbeitsplatz ist fiktiv, trotzdem gibt's ihn für den Staat. Da hilft mir jemand. Vielleicht wasch ich für den sogar noch Schwarzgeld. Was weiß ich. Na, Elke, was sagen wir dazu ...? Ich bin ein braver Steuerbürger. Ich zahl' Steuern an den Staat. Mit Steuerbetrug kann man mich nicht drankriegen. Wie andere. Hahaha! Obwohl, die Summe, die ich an Steuern zu überweisen habe, gehört auch zu den Bonussen. Mein eigenes Einkommen mit dem hier, das ist immer netto. Da kriegt keiner was von ab. In Wahrheit."

Den Kopf schüttelte Elke Steltz. Elke Steltz wirkte, als wäre ihr die Arithmetik zu hoch.

Ehegatte Robert Steltz glaubte das jedoch eigentlich nicht, daß irgendwas Elke unbegreiflich war.

 

Das Armteil Lenas, das Robert Steltz beim Reden in der Gegend herumgeschwungen hatte, das Robert Steltz auf das Hackbrett legte. Um, Elke fest im Auge, neuerlich mit Gelaber anzufangen: "Heute brauch' ich mir keine Sorgen machen, wenn ich 'nen Knorpel verletze, Elke. Das hier heute, das geht alles an die Küche. Essensware, Elke. In geschlossener Gesellschaft. Denke ich. Nein, nein, Elke! Ich arbeite eigentlich nur grob. In eßbare Portionen zerteilen es andere. Fürs Kochen und Braten, was die Vorbereitung angeht, bin ich nicht zuständig. Ich paniere keine Schnitzel, packe das dann weg. Das macht sicher woanders sicher ein Gourmet-Koch. Legt vielleicht was davon über Nacht in Balsamico-Essig ein. So was. Nur, wenn's an die Arzttheke geht, Elke, da hab' ich immer Sorgen. Die wollen alles haben. Nicht das Ritzchen eines Schadens darf es haben. Zertrenne ich ein Kreuzband, geht die halbe Welt unter. Wenn sie's aber kochen, braten wollen - das ist 'ne andere Welt."

Elke glotzte nur dumpf.

"Ich bin zuständig fürs Fangen, Elke. Ich zerlege in Stücke. Alles landet in den Kühltruhen da, die du auf den Holzpaletten siehst. Ich habe dann noch verschweißtes Fleischzeugs aus dem Supermarkt, von Kalb, Schwein. Das ich oben drauflege. Das rauszufahren hier hab' ich mir den kleinen roten Gabelstapler zugelegt, Elke ... Hast schon recht damit, daß nicht viele privat einen Gabelstapler haben - hahaha!"

"Ich stell' mir vor, Elke, sie servieren auch ganze Köpfe. Im Restaurant. Mit den Gesichtszügen. Vielleicht mit Ananasringen und dunklen Oliven statt den Augen, Petersilie in den Ohrlöchern. Hahaha! Ob gekocht, am Spieß gebraten - keine Ahnung, Elke. Und wer weiß, Elke, wie viele Leute schon mit Organen herumlaufen, in sie hineinverpflanzt, die ich geliefert habe. Ich bin fast ein wahrer Wohltäter. Wegen mir sind ein paar Leutchen nur überhaupt noch am Leben, Elke."

Daß ihr Ehemann eine widerliche Person war, konnte Robert Steltz im Ausdruck der Augen Elkes lesen.

Schulterzucken Robert Steltz'.

"Die Nachfrage bestimmt das Angebot, Elke. Weil bei mir bestellt wird, liefere ich. Es ist wie überall, Elke, ohne Nachfrage hätt' ich den Job nicht. Eine Nutte ohne Freier, die ist doch auch nichts. Die geht dann wieder nach Hause, oder?"

Elkes Blick beharrte darauf, wie sehr ihr Ehemann Robert sie anwiderte. Jetzt Elkes Stil, mit dem Elke was bewirken wollte.

"Soll ich dich jetzt gleich drannehmen, Elke?" fragte Robert Steltz die Gemahlin. "Oder willst du dabei zusehen, wie ich mich mit deinem Stadler beschäftige? Den muß ich die nächsten Stunden nur noch zu uns ins Haus rüberholen, Elke. Das muß ich machen, daß der von selber zu uns reinkommt. Ganz schön schwer, der fette Mistkerl. Besser, ich sorg' dafür, daß er mir hier ins Haus reinmarschiert. Als daß ich ihn schleppen muß. Müßte ich ja den Gabelstapler nehmen ... Den erst in 'ne Kiste hieven, dann in der Kiste rüberfahren, zu uns. Hahaha!"

 

Elke fehlte der Sinn für die witzigen Momente. Dumpf stierte Elke auf ihren Ehegatten Robert Steltz.

Die Miene eines Menschen, einem zugeneigt, setzte Robert Steltz auf. "Hm, Elke! Von selber, ob Stadler zu mir einfach ins Haus reinkommen möchte, Elke? Ich meine, er hat ja was mit dir - und du bist meine Frau. Da wird Stadler sich sicher auf Zwischentöne achten, sich zwei-, dreimal was fragen lassen, bis er zur Tür hereinkommen wird. Was meinst du, Elke? Weiß nicht - magst du mir da nicht helfen? Mir helfen, das Problem zu lösen?"

Kopfschütteln Elkes. Dann starrte Elke aber - als wäre ihr was gekommen. Ein Idee.

Das freimütige Grinsen gefror Robert Steltz.

"Muß nicht unbedingt sein, Elke." Robert Steltz winkte ab. "Nein, brauch' dich nicht dringend dazu. Nein; wirklich nicht. Stadler, der wird schon zu uns hier ins Haus reinmachen. Da mache ich mir keine Sorgen.

Elke glotzte.

 

"Wirklich nett, wie wir gerade so nett zusammen sind, Elke. Hätt' ich mir bis vor kurzem nicht gedacht. Heute nachmittag, noch keine Idee. Andererseits, ElkeL Stadler wird sicher dem Nachbarn, dem er die Frau vögelt, dem Idioten, von dem er denkt, daß der von nichts was weiß, der freundlich ist, ihn einlädt, das am Schluß doch nicht abschlagen. Nicht bei sich drüben im Haus bleiben. Nein, Stadler wird schon mitkommen. Hm, was sage ich, weil du nicht da bist, Elke? Daß du mit Markus in die Schule unterwegs bist? Ich seh' das ja, daß du Stadler fehlen wirst. Ich sag', du kommst jeden Moment wieder heim. Keine Ahnung, wo du abbleibst. Bist dann vielleicht zum Einkaufen, Elke, nachdem du Markus ... Geht auch nachmittags, das. Oder nicht? Sogar abends kann ich Stadler sagen, daß du nicht da bist, weill Markus heute Fußballtraining hat. Schaut Stadler blöd, sag' ich, daß Markus am Samstagvormittag Spiel hat. Dafür ist ein Extratraining angesetzt."

Apathie bei Elke, Elke mit dem breiten braunen Klebeband vor dem Mund.

"Stadler, den nehm' ich mir mit besonderem Vergnügen vor, Elke." Breit grinste Robert Steltz. "Ob an dem Fettsack nun vieles dran ist, was zu gebrauchen ist oder nicht. Schon ziemlich alt, der Bursche. Zähes, fettes Fleisch. Stadler sein Sack, wenn der nicht zäh ist ... Aber, echt egal! Könnt' mir trotzdem denken, ein Koch mit Stern, der könnte aus dem einen oder anderen Teil von Stadler noch was Gutes machen ... Vielleicht legt er das Fleisch von Stadler über Nacht in eine Marinade mit viel Gewürz. Chilischoten, Pfefferkörner, Knoblauch, Ingwer, Lorbeerblatt, eine Mischung aus verschiedenen exklusiven Essigessenzen ... Viel Chili ist gut bei qualitativ minderwertigem Fleisch. Ah, Elke, wer's mit dem Fleisch kann ... Ach was, Elke, denk's so, daß die Köche von Stadler eh nur die besten Stücke nehmen werden. Den Rest, die Knochen, die kann man zermahlen. Knochenmehl. Gibt's in jedem Hundefutter.

Elke stierte.

"He, ich mein', ginge Stadler in Portionen in die Krankenhäuser ... Stadler, das Unfallopfer, so umetikettiert. Das wär ein junger Kerl gewesen - hahaha! Weißt du, Karin, alles vom Stadler kann man brauchen. Könnt man ja von dir auch. Knochen, Hirn-, Hornhäute, Haut und Gewebe, Sehnen ... Was hier ist, ist Vollverwertung. Bis zum kleinsten Schnippelchen Gewebe. Bleibt von keinem viel, Elke, wenn man nicht will. Hahaha! Tausenderlei Möglichkeiten. Eine echte Industrie, das. Hungrig wie die Aasgeier. Die einen wollen was verspeisen - die andern wollen dir was reinoperieren. Brauchen immer Ersatzteile, die in den Kliniken ... Was ich Geld verdien' ... Na ja, langsam wiederhol' ich mich hier. Und dir wird's langweilig. Mein Elke-lein, das sich vom ollen Stadler besteigen läßt ..."

Die Augen hatte Elke weit aufgerissen.

"Deine Augen in Aspik, Elke. Mit dem Eiskugellöffel herausgeholt ..."

Die Luft stieß Elke durch die Nase aus.

 

Die Mundwinkel hatte Robert Steltz herabgezogen, während er Ehegattin Elke betrachtete.

"Schon klar, du hast mich satt, Elke. Du wärst gern woanders. Nicht jetzt hier. Dort am Boden."

Keine Regung Elkes.

"Klar, daß ich mir alles denken kann", setzte Robert Steltz noch mal fort. "Wo die Rippchen und alles, was ich liefere, hinkommt, Elke ... Hm! Gibt schon Feinheiten, Elke. Aus dem Nasenknorpel einer schönen Frau wie Lena - der hier, die hier abhängt, Elke - läßt sich das schönste Stupsnäschen modellieren. Könnte ein echt sexy Näschen werden. War schließlich eins. Müßte sich keine Sorgen machen, sie würde nicht aussehen wie ein Laufstegmodell, wenn sie das bestellt hat. Alles geht, Elke. Glaub mir, Elke, es gibt auf der Welt kein Dokument, das man nicht fälschen kann. Außerdem verlassen sich die Leute aufeinander, daß Herkunftswege stimmen. Meinst du, die in den Krankenhäusern haben viel Zeit, sich viel um was zu kümmern. Wenn sie Tag und Nacht nichts tun, als zu operieren. Außerdem, ist doch eigentlich immer einwandfrei, jedes Schriftstück, wenn sie hinschauen. Hahaha! Kann ich mir nicht anders vorstellen, Elke."

Wieder, daß es Elke die Augen aus dem Kopf trieb.

Ständig voll rot im Gesicht, Elke.

"Krieg' schon hübsch viel Geld dafür, pro Näschen, das ich anschaff', Elke." Die Schulter zuckte Robert Steltz. "Ich sag' dir, so viel, wie ich krieg' ... Überlegt man sich das - eine zahlungskräftige Kundschaft, an die die Ware geht. Die müssen alle Geld wie Heu haben. Tja, sie fragen nach, bekommen geliefert. Ist doch genau so beim Elfenbein, beim Thun oder den Schildkröteneiern. Oder den Haifischflossen. Nur die Flossen, Elke, den Rest schmeißen sie ins Meer zurück ... Was weiß ich, was sonst noch los ist. Nashörner, Wale ... Am Aussterben oder nicht, wen juckt's? Oder, ob man noch was fischen wird können, in der Zukunft, niemanden juckt's. Die Riesenfischerpötte kuttern aufs Meer hinaus, fangen dann Quallen. Sonst nichts mehr. Na ja, Quallen hat man auch schon probiert. Wie sie schmecken. Hab' ich letztens mit dir zusammen in einer Sendung vorm Fernseher gesehen, nicht? Glaub' ich habe letztens was am Fernsehen gesehen. Erinner' ich mich recht, hat Qualle irgendwie nach Plastiktüte geschmeckt. Oder, Elke?"

Die Wangen aufgeblasen schaute Robert Steltz auf seine Frau Elke herunter.

 

"Egal, Elke. Totalegal. Nachfrage bestimmt das Angebot, Elke. Ohne Nachfrage, kein Angebot. Gäb's hier keine Leute, die nachfragen, würd' ich was anderes machen. Aber, viel, viel Nachfrage gibt's. Sonst würd' ich nicht in der Sache losfahren. Alle paar Tage ... Schaut aus, Elke, bald muß ich noch täglich los. Da haben eben welche Hunger, Elke. Andere brauchen Ersatzteile, wie toll. Ich helfe da gerne. Ich sorge dafür, daß immer alles auf Lager ist. Etwas in der Vorratskammer. Solange ich dafür bezahlt werde, gibt's das von mir. Mit Gefahrenaufschlag."

Schrille Laute kamen von Elke, als würde Elke langsam verrückt.

"Du sagst es, Elke - ich quake und quake", konstatierte Robert Steltz. "Das Fleisch von denen da fängt mir ja noch zu gammeln an, wenn ich dich weiter mit meinem Gequassel langweile. Oder die Fliegen hier fressen's mir weg. Also: genug geredet!"

Kopfgeschüttle Elkes. Ziemlich flott, fand Robert Steltz, daß seine Gattin Elke sich auf die Beine hochschaffte.

Was könnte Elke noch tun? Es versuchen, Ehegatten Robert den Kopf in den Bauch stoßen? Ihn mit der Schulter zu rammen?

Zwei Schritte vor machte Robert Steltz, trat nach Elkes Füßen.

Mit panisch verzweifeltem Kreischeton stürzte Elke auf den Betonboden nieder.

"Hoffe, Elke, du hast die Zeit genossen, die du noch hattest", öffnete Robert Steltz ein letztes Mal für seine Frau, auf die er fasziniert runterblickte, den Mund. "Erst mal sorg' ich jetzt dafür, daß die Welt dunkel wird für dich, mein Liebling. Dann nehm' ich dir die Handschellen ab, tu' dir die Fußfessel weg. Als nächstes schneid' ich dir die Kleider runter. Dann rasier' ich dir die Haare am Körper. Ganzkörperrasur, Elke. Anschließend häng' ich dich hier zu der restlichen Ware dazu, Elke, den beiden da. Du wirst dich erst mal schön ausbluten, meine Liebe ... Wir sehen uns!"

Herab beugte sich Robert Steltz, schlug Elke mit der Unterseite der Faust, in der er auch das Beinmesser hatte, heftig gegen die Schläfe.

 

 

Gerührte Eier und Speck klatschte Robert Steltz mit dem Löffel auf zwei Eßteller. Danach brachte er die Teller aus der großen, blaugefliesten Küche nach nebenan ins Eßzimmer, plazierte sie auf dem Rundtisch.

Mit einem Handtuch sich die kurzen Haare rubbelnd, kam Markus zu seinem Vater herein, guckte komisch aus der Wäsche.

"Wo ist Mutti nun hin, Vati?"

"Kann ich dir nicht sagen, wo Mutti gerade ist", log Robert Steltz. "Deine Mutter ist plötzlich fort, mitten in der Nacht ... Raus aus dem Haus."

"Ist Mutti weggefahren, vielleicht zu ihren Eltern?" erkundigte sich Markus, den sein Vater Robert anschaute. "Eh, ihr hattet heftigen Streit? Bin nur nicht davon aufgewacht ..."

"Nein. Eigentlich nicht richtig Streit." Robert Steltz schüttelte den Kopf. "Eher eine Meinungsverschiedenheit. Dann ist deine Mutti hier aus dem Haus raus. Nur nach nebenan gegangen. Ihr Auto steht immer noch bei mir in der Garage ..."

"Zum ollen Stadler ist sie wirklich rüber?" entfuhr es Markus, als könnte er das nicht glauben. "Glaub's ja nicht. Glaub's nicht. Mutti hat dich wegen dem ollen Stadler verlassen ...? Jetzt wirklich?"

 

"O ja, Markus!" Mit gerunzelter Stirn nickte Robert Steltz zu Markus, seinem Sohn, hinüber. "Deine Mutti hat zu mir gesagt, daß sie mich nicht mehr mag. Dann haben Elke und ich gestritten. Eigentlich war das doch auch mal lauter. Du echt nicht gehört, Markus, daß deine Mutti und ich uns mal angeschrien haben? Deine Mutti hat gesagt, daß sie keine Minute länger bei mir im Haus bliebt. Sie muß ja auch nicht. Sie möchte ohnehin jetzt lieber mit dem Nachbarn zusammensein, dem Stadler. Rausgelaufen ist deine Mutti dann wirklich hier, rüber zu ihm, unserem Nachbarn, dem Stadler ..."

"Und du hast Mutti zu dem einfach so rüberlaufen gelassen?" erkundigte sich Markus, starrte seinen Vati an. "Du läßt sie einfach zu dem ollen Stadler rüberturnen?"

"Kann Elke doch schlecht an 'nen Stuhl fesseln, Markus", war Robert Steltz' Erwiderung. "Was sollt' ich machen? Elke hat gemeint, daß sie jetzt lieber mit diesem Stadler zusammenleben möchte. Sie liebt ihn, den Stadler. Heute liebt sie den mehr als mich."

"Das hat Mutti wirklich zu dir gemeint, Vati ...?" Einigermaßen staunend guckte Markus nach seinem Vater hin.

"Du beeilst dich jetzt besser mit dem Frühstück", hielt Robert Steltz für Markus fest. "Daß deine Mutti und ich Probleme haben, das heißt nicht für dich, daß sich da was heute groß für dich ändert. Heute ist Schule. Für dich ist  Schule, Markus. Heute fahr' eben ich dich in die Schule, nicht Mutti. Wir sollten jetzt bald mal Gas geben, Markus. Zumindest zur zweiten Stunde solltest du in der Schule sein ... Über Mutti können wir uns weiter unterhalten, wenn du wieder heimgekommen bist. Dann weiß ich auch mehr von Mutti. Die kommt sicher noch mal hier rüber. Denk' ich wenigstens, daß die das machen wird, Markus. Mal sehen. "

"Dacht' schon, ich könnt' frei haben ...", fiel es Markus ein, bei seinem Vater anzusäuseln.

"Nein, du kannst dir deswegen nicht frei nehmen, weil Mutti sich mit mir gestritten hat." Die Mundwinkel hatte Robert Steltz herabgezogen. "Hör mal, was zwischen mir und deiner Mutti ist, hat nichts damit zu tun, daß du nicht in die Schule mußt. Dort fahr' ich dich heute hin. Ob du, wenn ich und deine Mutter sich scheiden lassen, zu deiner Mutter kommst, werden wir dann sehen. Kannst du dir ja überlegen, zu wem du möchtest. Elke ist mir jedenfalls fremdgegangen - nicht ich ihr ... Elke hat was mit dem Nachbarn, sagt, sie liebt ihn ... Da war Elke ganz offen zu mir. Elke oder ich, Markus. Darüber kannst du nachdenken."

"Dieser olle Fettsack Stadler, er und Mutti ..." Den Kopf schüttelte Markus. "Den Stadler mag ich nicht. Da sieht ja jeder in der Nachbarschaft noch besser aus als der ... Und Mutti, Mutti, mit dem ..."

An dem Ei mit Speck kaute Markus fleißig, biß in frische Brötchen.

Auf Markus' Appetit hatte es nicht geschlagen, daß seine Mutti nicht da war. Obwohl es Markus anzusehen war, daß er einige Überlegungen hatte.

An seine Vorteile bei der ganzen Geschichte dachte er, Markus, an nichts andres. So ganz wußte Markus noch nicht, was er mit den Neuigkeiten anfangen sollte.

 

"Und du willst jetzt nichts mit dem ollen Stadler machen, Vati?" fragte Markus bei seinem Vater Robert Steltz nach, der sein Teller nur halb aufgegessen hatte.

"Was sollt' ich denn mit dem ollen Stadler groß machen, Markus?" Robert Steltz winkte ab. "Elke muß selber wissen, was sie will. Wenn sie was von dem Fettsack von nebenan will, mir sagt, daß sie den liebt ... Wenn ich zu dem Stadler rüberlatsche, herumschrei', kommt doch nur die Polizei, Markus. Darauf können wir hier verzichten, nicht? Wär doch nur Spaß für diesen Stadler, oder? Den Spaß müssen wir beide ihm nicht gönnen, daß er die Polizei anrufen darf. Weißt du, Markus, deine Mutti und ihr neuer Freund Stadler, die denken das doch jetzt in dem Moment sicher auch, die denken, daß ich jede Sekunde rübergelaufen komm' ... Daß ich rüberlaufe zu ihnen, als hätt' ich die Tollwut. Die haben schon lange da drüber geredet. Daß ich kommen könnte, durch die Gegend plärr', mich aufführ' ... Die Polizei rufen sie, sonst nichts, sag' ich dir. Die haben die Nummern schon programmiert, alles griffbereit. Nein, nein, Markus, so wird das nun nicht laufen. Vielleicht unterhalt' ich mich heute sogar überhaupt nicht mehr mit deiner Mutti. Wenn deine Mutti nicht hier drüben wieder erscheint, lasse ich das bleiben. Die nächsten Tage auch. Wenn sie sich nicht blicken läßt, läßt sie sich eben nicht mehr blicken. Müssen es die Anwälte regeln. Lass' sie drüben bei dem Mann, Markus. Soll der sie doch glücklich machen, wenn sie denkt, der macht sie glücklich."

"So fett wie der ist, Vati. Eine Wampe. Eine Bierwampe hat der ..." Den Kopf schüttelte Markus.

"Bin ganz ruhig wegen deiner Mutti, Markus. Wir werden sehen, wie das noch weitergeht, das mit deiner Mutti. Beeil dich bitte ein bißchen, fertig zu essen. Im Lauf der zweiten Stunde sind wir spätestens in der Schule, daß du das weißt ... Dann kommst du am Nachmittag heim, sehen wir hier weiter."

"Ach, bitte, könnt' ich nicht daheimbleiben, Vati ...?" wollte Markus es wissen. "Heute ist gerade so ein Scheißtag. Mutti, bei dem ollen Stadler drüben ... Und in der Schule ... Zwei Exen ... Wär nicht so gut, nur eine schreiben zu müssen ... Dritte, vierte Stunde ... Hätten die die Exen jetzt schon gehalten ..."

"Du fährst in die Schule!" bellte Robert Steltz. "Du gehst in die Schule, oder es passiert dir was!"

Die Augen riß Markus auf.

Viele Möglichkeiten hatte Markus nicht, irgendwo hinzukommen, der Gegenwart seines Vaters Robert Steltz zu entfliehen, der aufgesprungen war, drohte, auf ihn loszumachen.

Auf seinem Holzstuhl sank Markus regelrecht in sich zusammen.

"In fünf Minuten, Markus, bist du angezogen. Dann geht's ab in deine Schule. Heute auf jeden Fall. Vielleicht morgen, übermorgen, daß du mal daheim bleiben kannst. Vielleicht schreib' ich dir sogar eine Entschuldigung, daß du bis zum Wochenende frei kriegst. Kommt drauf an, ob ich wieder für länger los muß. Alleine machst du sowieso, was du willst. Und nachdem Mutti nicht da ist ... Mal sehen, wie wir alles regeln hier. Ab jetzt. Wenn Mutti wegbleiben möchte ..."

 

 

"Halt!" schrie Markus am Beifahrersitz.

Aus seinem Tagtraum gerissen stieg Robert Steltz auf die Bremse, daß er spürte, wie er nach vorn Richtung Lenkrad fliegen wollte. Der Sicherheitsgurt verhinderte das.

"Du hast die rote Ampel überfahren, Vati!" gellte Markus.

Die Geistesgegenwärtigkeit des Autofahrers voraus, der anscheinend ohnehin vorsichtig und bremsbereit die Straße querte, verhinderte  den Auffahrunfall, daß Robert Steltz' Auto ihm vorne seitlich die Umgebung des Scheinwerfers reinkrachte.

Den Vogel bekam Robert Steltz gezeigt.

 

Das Herz schlug Robert Steltz bis zum Hals. Das hätte Pech sein können. Wenn der andere, der Gegenverkehr war, nicht auf der Kreuzung zögerlich vorangefahren wäre ...

"Das war vielleicht knapp, Vati", plapperte Markus, der seinen Vater groß anguckte.

"Halt's Maul!" zischte Robert Steltz.

"Du hast mich schon lange nicht mehr in die Schule gefahren, Vati", gehorchte Markus nicht. "Bei der übernächsten Ampel geht's dann nach rechts weg, nicht geradeaus. Wollt' ich nur schnell mal sagen."

"Werd' dich heute schon noch irgendwann in der Schule abliefern, mußt dich nicht drum sorgen, du Klugscheißer", gab Robert Steltz zurück. "Wie's aussieh, versäumst du die Exen nicht. Dritte, vierte ... Und wehe, ich höre in der nächsten Zeit etwas, daß was in der Schule schiefläuft bei dir ..."

"Vielleicht komm' ich ja zu Mutti", ließ Markus unverdrossen hören.

"Zu Mutti ...?" Robert Steltz hustete. "Da drauf würd' ich mich an deiner Stelle nicht verlassen, Markus. Schauen wir aber mal, was das wird in den nächsten Tagen, Markus, mein Lieber ... Mit Mutti und uns beiden Hübschen. Wir werden die nächsten Tage viel sehen, Markus ... Das sag' ich dir, wenn ich schnell weg muß - und es ist daheim irgendwas, wenn ich zurückkomm' ..."

"Mutti ist doch nur nebenan bei Stadler, Vati", hörte Robert Steltz seinen Sohn. "Mutti wird sicher öfter zu mir rüberkommen, wenn du nicht da bist. Wenn du nicht da bist, kann sie doch ins Haus, vormittags, nachmittags ... Nur da drauf aufpassen muß Mutti, daß du ihr nicht begegnest."

"Du bist aber ein schlaues Kerlchen, Markus."

 

"Wir sind da!" raunte Robert Steltz. "Da ist die Schule, deine Schule, Markus ... Steigst du nicht aus?"

"Doch!" Nach dem Griff faßte Markus, die Beifahrertür aufzumachen. "Klar steig' ich aus, Vati."

"Wann hast du heute genau aus?" stellte Robert Steltz schnell eine Frage, die ihm in den Kopf geschossen war.

"Um halb vier", kam Markus' Erwiderung. "Heute ist Ganztag mit Zusatzunterrichtsstunden gegen dreiviertel zwei. Die Mathe-Lehrerin ist wieder da. War krank. Die hält die nächste Wochen öfters Nachmittags ein paar Stunden nach. Damit sie wieder in den Plan kommt ..."

"Gut denn, um halb vier rum hol' ich dich ab", unterrichtete Robert Steltz seinen Sohn. "Und laß dir ja keine Sachen einfallen, in der Schule. Glaub' nämlich, ich muß die nächste Zeit irgendwann Erkundigungen einziehen, Markus, was du in der Schule so treibst. Ob du frech zu deinen Lehrern bist ... Was du so alles anstellst ... Alles, was einen Vater interessieren könnte. Denke, ich muß ein paar Fragen stellen. Weiß ich nämlich gar nicht so richtig, wie du dich in der Schule genau machst. Hätt' ich mich die letzten Monate mehr drum kümmern sollen ... Na, dafür habt ihr, du und Mutti, von meinem Geld gelebt ..."

"Schön, Vati, bis heute nachmittag. Ich steig' jetzt mal aus ..."

"Das solltest du, Markus, das solltest du ..."

Ohne noch was zu sagen zu haben, öffnete Markus die Autotür auf der Beifahrerseite, stieg aus.

Draußen von Vatis Auto hob Markus sich umständlich die blaue Schultasche auf den Rücken, die eigentlich nicht zu schwer war. 

Gleich darauf marschierte Markus davon.

Zu seinem Vater hinein ins Auto hatte Markus kein Grußwort zum Abschied loszuwerden.

 

Durch das offenstehende Gittertor hinein auf das Schulgelände begab sich Markus.

Die freie Fläche, in den Pausen der vordere Schulhof, querte Markus.

Fünf betonierte Stufen stieg Markus hinauf, unbeschwingt, langsam, als wäre er in Gedanken versunken. Oben auf der Gehfläche zog Markus die große Glastür am Griff auf, verschwand hinein ins Innere des schulischen Gebäudes mit zwei Oberetagen.

Markus war fort.

 

Minutenlang wartete Robert Steltz auf dem Parkplatz vor der Schule seines Sohnes Markus, überschaute den geteerten Innenhof, die Straßengegend voraus, den Gehsteig, zwei dünne Bäumchen, die von der Stadt links und rechts hingepflanzt waren.

Vor seinem geistigen Auge sah Robert Steltz das feiste Gesicht Stadlers, Stadler, fett, alt, aber einer, der Elke hatte.

Eben war Stadler aus seinem schwarzmetallikfarbenen Geländewagen ausgestiegen. Eine Papiertüte kleine Brötchen hatte Stadler sich vor die Brust gedrückt. Ausreichend viele Brötchen für Frau und Kinder. Stadler jedoch war alleinestehend. Stadler war die Frau kürzlich gestorben. Stadlers Kinder waren schon lange außer Haus.

Ganz alleine war Stadler, eigentlich.

Es war dreiviertel sieben. Robert Steltz hatte auf seine Armbanduhr geschaut, als er die Karre Stadlers, daherfahren sehen hatte.

Leer war die Garage Stadlers gewesen, wie Robert Steltz gesehen hatte, als er beim kurzen Spaziergang um Stadlers Wohnhaus herum, die Garagengegend überblickt hatte.

Der Vogel war früh morgens ausgeflogen.

Bis acht Uhr, hatte Robert Steltz vor, geduldig auf Stadler zu warten. Gewartet hatte er auf Stadler dann eine Viertelstunde.

 

Eine glänzende Glatze hatte der olle Stadler. Einen grauen Stoppelhaarkranz. Und wirklich ziemlich einen Bauch. Eine Wampe.

Der Bauchnabel Stadlers zeichnete sich unter dem grauen Hemd vorne ab.

Schon ein Schmerbauch.

Gut Fett zum Verbruzzeln.

 

Anzumerken war es dem ollen Stadler kein bißchen, daß er früh morgens dem Nachbarn gegenüberstand, mit dessen Frau er Sachen am Laufen hatte. Sogar der Sohn des Nachbarn hatte ihn schon erwischt. Mitten bei dem Treiben. Die Mutter, die er auf dem Schoß plaziert hatte.

Von all dem war dem ollen Stadler nichts anzumerken.

Sorglos, Stadler. Reine Seele, Stadler.

Robert Steltz lächelte dem ollen Stadler freundlich ins Gesicht.

"Guten Morgen, Stadler!"

"Guten Morgen, Nachbar!" meinte Stadler.

"Ein schöner Morgen, heute. Strahlend blauer Himmel. Das wird 'ne Hitze werden, heute. Scheiß-Klimawandel."

"Stimmt!"

"So früh am Morgen ... Elke ist eben dabei, Frühstück zu machen. Speck, Eier. Soll ein amerikanisches Frühstück werden. Elke hat Donuts besorgt. Macht wieder mal viel zuviel, Elke. Und dann ißt Markus wieder fast nichts. Wie wärs, wenn wir beiden uns heute vormittag hier in der Frühe schon sehen - wollen Sie nicht zu Elke und mir ins Haus kommen? Mit uns mit frühstücken? Müssen doch nicht einsam am Frühstückstisch sitzen."

"Schon wahr. Seit Nina tot ist, ist das schon ein bißchen einsam."

"Sehen Sie! Heute kommen Sie zu Elke und mir ins Haus, frühstücken bei uns. Ich würd mich jedenfalls freuen. Und ich denk', Elke hat da sicher auch nichts dagegen. Wird wenigstens alles aufgegessen, denk' ich. Los, geben Sie sich einen Ruck. Die Brötchen da, die können Sie dann auch einfrieren. Nicht?"

"Ja, kann ich." Stadler nickte. "In Ordnung, komm' ich mit Ihnen mit. Wenn's Ihnen nichts ausmacht."

"Muß ja keinen zu mir einladen, wenn mir das was ausmacht. Elke freut sich, ich freue mich. Weiß nicht, ob's Markus freut. Markus muß dann ja in die Schule. Markus hat morgens öfters seine Anwandlungen, sagt Elke immer. Los, kommen Sie ..."

"Schön, ich komme mit. Wenn's keine Umstände macht."

"Ach, hören Sie doch auf ... Wo sollen hier die Umstände sein? Da Elke hat ihr Garagentor schon hochgefahren. Elke fährt Markus immer in die Schule ... Können nicht zur Haustür rein. Die ist zugesperrt, und ich hab' keinen Schlüssel. Aber, wir können auch durch die Garage in Haus kommen. Kommen Sie."

"Schönen Gabelstapler haben Sie hinten. Läuft mit Gas, nicht?"

"Ja Kann Ihnen den Gabelstapler mal leihen, wenn Sie ihn zu irgendwas brauchen können. Kein Problem."

Hinter Robert Steltz marschierte Stadler aus dem einen Haus nebenan her zum offenstehenden Garagenhälfte Elkes. Der blaufarbene Fünftürer Elkes nahm ganz schön Platz in der Garage ein.

"Warten Sie!" meinte Robert Steltz zu Stadler neben sich, der im Schritt anhielt, weil Robert Steltz stehenblieb. "Haha! Sie kennen sich doch mit Rasenmähern aus, nicht?"

"Klar!" Kopfnicken Stadlers.

"Hab mir einen neuen gekauft", erklärte Robert Steltz Stadler. "Der funktioniert aber nicht so, wie ich es mir vorstell'. Hab' ihn im Anbau hinten."

"Kann schon einen Blick drauf werfen ..."

"Anschauen reicht vorm Frühstück. Trotzdem kann ich versuchen, ob ich ihn anwerfen kann ... Wenn nicht ..."

Das Haus betraten Robert Steltz und Stadler. Zwei Meter den Gang hoch, die Türe zum Hinteranbau schloß Robert Steltz auf.

"Schauen wir uns das gute Teil mal an", sagte Robert Steltz, bezeigte dem alten Stadler, daß er ihm den Vortritt lassen wollte.

Stadler nickte, begab sich an Robert Steltz vorüber.

Die Metalltür schloß sich in Stadlers Rücken, Stadler, der sich in der Hinteranbauräumlichkeit, die sonst keiner zu Gesicht kriegte, umschaute.

"Viele Kühltruhen auf Paletten haben Sie hier ... Was ist das denn drinnen in den Truhen?"

"Fleisch!"

Die Beine trat Robert Steltz dem ollen Stadler weg. Schwer landete Stadler am Boden. 

Ehe Stadler sich berappelt hatte, hatte Robert Steltz Stadler die Arme auf den Rücken gedreht. Handschellen legte Robert Steltz Stadler an, Stadler, der plötzlich unangenehmen Geruch hatte.

"Was ma-machen Sie denn da ...?

Das bereitliegende Klebeband hatte sich Robert Steltz gegriffen, zog zehn Zentimeter Klebebandfläche frei. Im Nu war Stadler, von dem Robert Steltz nichts weiter hören wollte, der Mund verklebt.

Jetzt erst versuchte Stadler, der auf dem Rücken lag, mal mit dem Fuß nach dem dastehenden Robert Steltz zu treten.

 

 

Aus seinen Erinnerungen kam Robert Steltz zu sich.

Im Auto hockte Robert Steltz. Immer noch der gleiche Parkplatz vor Markus' Schule.

Im Grunde genommen war es egal, ob Markus durch den Hinterausgang wieder aus dem Schulgebäude raus war oder im Klassenzimmer bei den anderen seiner Klasse saß. Die nächsten Tage konnte Markus tun und lassen, was er wollte. Eigentlich.

Solange, bis das Problem gelöst war, daß Markus' Mutti mit dem Nachbarn irgendwohin verschwunden war.

Der Gedanke erhellte Robert Steltz' Gemüt, daß bei ihm für alles gesorgt war.

Sobald er wieder bei sich daheim ankam, würde er einen Anruf tätigen. Sobald er das Phone zusammengebaut hatte, das er in der Garage Phone hatte.

Das Ding für den Notfall. Mit einer einzigen bestimmten wählbaren Nummer.

War sicher, daß sich am anderen Ende der Leitung ein Freund, eine Freundin melden würde. Dem, der er, Robert Steltz, das Problem verklausuliert auseinandersetzen würde.

Die nächsten Stunden würde es zu einem Austausch von Daten kommen.

Irgendwann, im Laufe des Nachmittags dann, mit Stadlers Auto und ein bißchen hergerichtet wie Stadler, zum Beispiel mit Stadlers liebstem Hut am Kopf auf, die aufblasbare Sexpuppe aus dem Asiaerotikshop angeschnallt auf der Beifahrerseite, eine, Elke ähnelte, als Elke noch ein bißchen jünger war, einen kleinen Ausflug zum nächsten Autobahnrastplatz machen.

Dort auf einen Anruf warten.

Wenn bei der Telefoniererei, der, die am anderen Ende der Leitung verstanden hatte, würde jemand mit untersetztem Aussehen Robert Steltz' Platz hinter dem Lenkrad einnehmen. Das Auto Stadlers für den Transit übernehmen. Damit weg- und weiterfahren. Um die Karre vielleicht in ein anderes Land zu überführen. Frankreich. Spanien.

 

Klappte alles, hieß es die nächsten Tage, daß Elke ihren Ehegemahl Robert Steltz verlassen hätte.

Mit dem dicken Stadler war Elke auf und davon.

Kaum zu verstehen für die Welt. Elke und der olle Stadler, aus Robert Steltz' Nachbarschaft. Dem, dem die Frau vor kurzem an Krebs gestorben war.

War dem Steltz seiner Frau der nicht zu alt, zu fett? Der Witwer, der zwar jetzt einsam war - trotzdem, die beiden ein Liebespaar.

Wer hätte da darauf kommen können? Wer das ahnen hätte können, der kriegte einen Preis.

Jetzt hatten sich die Verliebten in ein Paradies abgesetzt. Wie es ausschaute. Irgendwohin.

Überhaupt nicht einfach, welche, die plötzlich, wie aus heiterem Himmel, abhauten, irgendwo aufzufinden. Wenn sie nicht den Wunsch hatten, gefunden zu werden.

Es blieben Laute spurlos verschwunden auf der Welt. Keiner, der das besser wußte als Robert Steltz. Schließlich sorgte er selber für das Verschwinden des einen oder andern.

Und die Lieferung, die er in der Garage in den Kühltruhen, die würde er morgen vormittag in der leeren Garage abliefern.

Ein bißchen verspätet zwar. Dafür war alles wie bestellt. Vier Stück.

Wurde Markus sehr lästig, waren es sogar fünf.

 

 

 

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