"Insel der Überraschungen" (1-10)
1. Sturmwarnung
* Seit drei Tagen herrschte die große Flaute, gab es nicht den leisesten Windhauch für die Segel der "Peter", des zur Luxusjacht umgebauten Robbenjagdschoners aus der Zeit des "Seewolfs".
* Anton Dieger, der Südtiroler mit Kapitänspatent, sichtet in der Ferne einen japanischen Treibnetzfischer. Den "Ausrotterkübel" zeigt Dieger dem fünfzehnjährigen Markus Unger und seiner zehnjährigen Schwester Nadda, die er nacheinander beide durch ein Fernrohr schauen läßt.
* Gina Davies, die Engländerin und professionelle Reisebegleiterin, liest den Ausdruck der Meldung, die der "Peter" durch den Wettersatelliten übermittelt wurde.
* Ruth Depart, die Ehefrau von René Depart, des Besitzers der "Peter", und Jack Meyers, der Dauer-Smutje an Bord der "Peter", beginnen mit den Vorbereitungen für das fünfgängige Menü, das auf dem abendlichen Fest zur Feier von Irene Departs einundzwanzigstem Geburtstag serviert werden sollte.
* René Depart, im gewöhnlichen Leben in Frankreich Herr über verschiedene Anwaltskanzleien und der Eigentümer der "Peter", wird von Gina Davies in der Kajüte überrascht. Davies unterrichtet Depart über die letzte Wettermeldung: daß sich überall im Pazifik Stürme zusammenbrauen.
* Beim täglichen "Vier-Uhr-Tee" in der mittschiffs sich befindlichen Großraumkajüte für Spiel, Spaß und Gesellschaft wird diskutiert, was man angesichts der Stürme, die drohen, unternehmen soll. Ergebnis: Zunächst einmal will man Ruhe bewahren, allerdings zuschauen, die Dinge, die nicht niet- und nagelfest waren, aufzuräumen und festzumachen.
* René Depart geht auf dem Kajütengang Helmut Unger an, den Vater von Markus und Nadda. Der Punkt ist, daß Unger seine beiden Kinder entgegen aller Abmachung mit an Bord gebracht hatte. Zu Beginn der Weltumsegelung beschwichtigte Unger mit dem Versprechen, mit Markus und Nadda ein Lernprogramm durchzuziehen. Gegenwärtig sah es jedoch eher so aus, als ob die Teenager nicht viel lernen müßten, davon abgesehen, daß Markus und Nadda, nahm man die lockeren Sitten auf der "Peter", an sexueller Erfahrung reicher würden.
2. Der Sturm
* Die Dunkelheit war hereingebrochen. Über dem Meer frischte die Brise zunehmend auf, zogen sich die Wolken immer bedrohlicher zusammen. Auf der "Peter" scherte man sich wenig darum, begann man unter Deck in der geräumigen Gesellschaftskajüte mit Irene Departs Geburtstagsfest; einundzwanzig wurde sie. Ruth Depart und Jack Meyers servierten den ersten Gang des Fünf-Gänge-Menüs, einen leichten Pudding, dessen Besonderheit Trüffel waren.
* Unter Deck bekam die Geburtstagsgesellschaft mit, daß der Seegang langsam immer heftiger wurde; beunruhigen wollte sich darum erst einmal weiter niemand. Nach dem vierten Gang brachte Meyers die Geburtstagstorte herbei. Einundzwanzig Kerzen mußte Irene ausblasen. Anschließend erhielt Irene Geschenke. Gina Davies hatte etwas Besonderes für Irene vorbereitet: Das Geburtstagskind durfte aus einem Hut eines von drei Losen ziehen. "Markus" stand auf dem entrollten Papier geschrieben. Viel Gelächter. Markus Unger war Irenes Geburtstagsgeschenk für die spätere Nacht. Darüber freute Irene sich ziemlich.
* Die Schaukelbewegungen der "Peter" wurden so stark, daß sie das Fest wirklich störten. Renè Depart übernahm es mit Anton Dieger zusammen, auf Deck nach dem Rechten schauen zu wollen. Dieger ging voraus, öffnete die Achtertür ins Freie; sofort wurde er von einer harten Welle Meerwasser voll getroffen, sauste der Schwall die Holzstiege herunter. Gräßlich schlug sich Dieger den Kopf an der Wand an. Depart schloß mit Müh und Not die Achtertür, ehe er sich um Anton Dieger kümmern konnte, dem das Blut aus der Nase lief, der allerdings bei Bewußtsein war.
* Zum Glück fehlte Anton Dieger sonst nichts weiter. Aber es war eine Tatsache, daß das Geburtstagsfest vorbei war und daß alle auf der "Peter" sich in den tiefsten Nöten befanden. Das Licht fing an zu flackern; schließlich gab der Generator für den elektrischen Strom den Geist auf. In tiefster Schwärze entdeckte man sich. Von oben war ein Krachen zu vernehmen, als wäre ein Mast entzweigebrochen. Rene Depart befahl, alle sollten augenblicklich zusehen, in die Schlafkajüten zu kommen, sich dort auf den Betten festzuschnallen. Was blieb, das war die Hoffnung, daß der Sturm irgend etwas von der "Peter" und von ihnen selber übrig ließe.
3. Der Nebel
* Der Sturm war vorbei. Sofort stürzten Renè Depart, seine Frau und die anderen an Bord der "Peter", die es nicht weiter schlimm erwischt hatte, an Deck. Jedem verging das Hochgefühl, die Geschichte mit dem Unwetter relativ heil überstanden zu haben. Die Schäden, die angerichtet waren: Der Fock- und der Schonermast waren geknickt, das teure Segeltuch: in Fetzen. Eine fatale Dummheit, mit nichts zu rechtfertigen, es versäumt zu haben, die Segel einzuholen. Seetang verdreckte das Schonerdeck; es herrschte erhöhte Rutschgefahr. Von den drei Beibooten der "Peter" war überhaupt nur noch eines vorhanden.
* Mit dem Bug voran trieb die "Peter" manövrierunfähig in einer starken Strömung auf eine weiße Nebelwand zu. Unheimlich wirkte der Nebel. Die Nachrichten, die Helmut Unger, der Techniker, und Heide Imienen, die einen Notruf für die Welt absetzen wollte, aus dem Bauch der "Peter" mitbrachten, waren nicht erbaulich: Der Generator und der Speicher für den Solarstrom: hinüber. Also blieb die gesamte Elektronik der "Peter" erst mal tot. Außerdem war infolge eines Lecks im Tank Diesel ausgelaufen, auch in den Motorraum. Das hieß, man sollte es besser bleiben lassen, auf die Idee zu verfallen, den Motor anwerfen zu wollen.
* Die "Peter" tauchte in den Nebel ein. In der ekligen, kühlen "Suppe" sah man manchmal kaum die Hand vor Augen. Urplötzlich klang an die Ohren Departs und der anderen, die sich an Deck zusammendrängten, ein Geräusch. Eindeutig: Rotorenlärm. Wie von einem großen Militärhubschrauber. Plötzlich begann wildes Schießen aus Nordosten: mehrere Gewehre; am Schluß ein einzelnes Maschinengewehr, das in einer Tour feuerte, bis die Schießerei abrupt abbrach. Unerklärlich. Spielte sich hier Krieg ab?
* Kurz hintereinander wurde die "Peter" von drei heftigen Schlägen erschüttert. War das Rumpf über ein Riff gescharrt? Anton Dieger, Helmut Unger und Gonzales Rigid begaben sich unter Deck, um zu prüfen, ob durch irgendwelche Lecks im Schiffsbauch Wasser einlief. Glücklicherweise waren die Stableuchten, die die Szene erhellen sollten, an Ort und Stelle.
* Dann war die "Peter" aus der kalten Nebelsuppe draußen. Die Männer und Frauen, die die Besatzung der Luxusjacht bildeten, staunten: Land! Sie sahen - Land. Mit der Strömung trieb das angeschlagene Segelschiff auf weißen Strand zu, Palmen, Gesträuch. Eigentlich aber auch logisch, daß alles so sein mußte, denn wo bitte hätte sonst das Geballere und das Koptergeräusch herkommen sollen, wenn nicht von Land.
4. Vor Anker
* René Depart reichte das mit der Strömung; es war nicht sein Wunsch, daß die "Peter" auf den Strand auflief. Das sagte er auch zu Ivan Hammer, dem Rußlanddeutschen. Hammer sollte zusehen, daß der Buganker ins Wasser sauste; er selber, Depart, würde den Backbordanker ablassen. Hammer nickte und gehorchte stumm. Nachdem das Ausgemachte zur gleichen Zeit getan war, die schweren Anker auf Grund ankamen, hielt die "Peter" regelrecht mit einem Ruck an.
* Palmen waren weiterhin zu sehen, verschiedenes Gesträuch dazwischen, Zeug eben, das überall sonst auf der Welt genauso in Strandnähe heranwuchs. Ruth Depart machte die Leute nervös, weil sie fürchtete, jeden Moment könnten bewaffnete Kerle am Sandstrand auftauchen, mit ihren Waffen zu schießen anfangen. Es blieb aber alles ruhig, niemand ließ sich blicken, mit Gewehr oder ohne; auch zeigte sich kein Hubschrauber am blauen Himmel, tauchte aus dem Nebel hinten auf.
* Die "Peter" würde nicht absaufen, da keine Lecks im Schiffsrumpf aufgetreten waren, hörte Renè Depart von Anton Dieger. Auch der ausgelaufene Diesel war kein Problem, weil Lisa Murat, die in Paris Chemie und Biologie studiert hatte, den Dieseltreibstoff mit einem Pulver, dessen Namen bloß Lisa behalten konnte, binden wollte; anschließend reichte ein Spachtel aus, alles zu entfernen.
* Ivan Hammer, Pierre Raul und Gina Davies weigerten sich standhaft, sich sofort für die Aufräumarbeiten überall an Bord der "Peter" einspannen zu lassen. Statt dessen wollten die drei Spaß haben. Hammer, Raul und Davies stiegen in ihre Neoprenanzüge, halfen sich mit den Preßluftflaschen. Zu dritt ließen sie sich, Harpunen in den Händen, über Bord fallen, um ein bißchen zu tauchen und unter Wasser zu jagen.
5. Am Strand
* Irene Depart hatte endlich keine Freude mehr daran, mit den anderen mit Schrubber und Eimer das Deck der "Peter" zu säubern. Irene sagte es laut und deutlich, daß sie es war, der der Sturm das Geburtstagsfest versaut hatte, und daß nach dem Mittagessen aus der Dose eigentlich erst mal Siesta angesagt gewesen wäre. Auf der anderen Seite wollte sie gar nicht faul auf der Matratze liegen, sondern was unternehmen; am besten mit dem Dingi an den Strand rüberrudern, die ersten Schritte auf Sand tun.
* René Depart war der Vater und ein "Schatz"; weil er, im Gegensatz zur ängstlichen Mutti, dem Drängen der Tochter nachgab. Das einzig verbliebene Beiboot der "Peter", in keinster Weise irgendwie beschädigt, wurde zu Wasser gelassen. Als erstes ging Irene Depart von Bord, dann kamen Markus und Klein Nadda; den Schluß machte Ivan Hammer, der eines seiner Gewehre mitnahm, geschultert trug: man sollte gewappnet sein, falls es eine unliebsame Überraschung geben sollte. Markus Unger und Hammer übernahmen den Part, das Boot an den weißen Sandstrand zu rudern.
* Irene Depart, Markus und Nadda liefen ausgelassen den Strand hinauf und hinunter, während Ivan Hammer auf Wache stand. Im Sand fand Nadda eine große Meermuschel, die sich alle ans Ohr halten mußten. Krabben, die sich dummerweise blicken ließen, wurden aufgesammelt und in einem Bastkorb gelegt, Tuch drüber. Sonst wollte nichts passieren, eine Enttäuschung, die anfing, sich auf Irenes Miene widerzuspiegeln.
* Nadda näherte sich einem größeren Gebüsch, aus dem sie lustiges Gezwitscher gehört hatte. Aber es flogen keine Vögel auf, was Nadda befremdete. Es tat sich nicht das geringste, auch nicht, als Nadda in die Hände klatschte. Nichts anderes sah Nadda als saftiges Grün, das sich in der leichten Brise bewegte, eine Art rötliches Blatt, das sich wegdrehte, komischerweise nicht wieder erschien. Ivan Hammer störte die Szene; er schrie Nadda, sie solle kommen, "Prinzessin Irene" langweile sich schrecklich, möchte sofort an Bord der "Peter" zurück, und wenn sie die Strecke alleine rudern müßte. Also hätte Nadda herzukommen.
* Gehorsam lief Nadda fort vom Gebüsch, zu Ivan Hammer und ihren Freunden hin. Leben kam in den Busch: zwei grünschuppige Köpfe, wie Reptilienköpfe, groß. Die eine Kreatur, die einen roten Flecken rundum auf der vorderen Schnauze hatte, reckte den Hals lang vor, um Nadda hinterherzustarren, wie nachdenklich. Dann hatte das Unwesen genug, zog den Langhals ruckartig zurück, wendete sich mit aufgerissenem Maul dem Artgenossen zu, zischte ihm eins, woraufhin der mit einem beleidigten Zwitschern antwortete. Echsenmäuler näherten sich, wichen jeweils den nicht ernstgemeinten Beißversuchen des andern aus.
6. Eine Begegnung
* Irenes Launen waren echt zum Lachen, fand Ivan Hammer, der den Korb mit den Krabben in das Ruderboot stellte; erst wollte Irene auf die "Peter" zurück, dann entdeckte Irene Markus. Plötzlich nahm Hammer aus den Augenwinkeln etwas Komisches wahr: Nadda, die irgendwie dastand, als hätte sie was Komisches hinter sich im Rücken. Hammers Blick weitete sich; das Herz hüpfte ihm vor Schreck, der Mund öffnete sich ihm weit: Hinterrücks von Nadda verharrten geduckt zwei Kreaturen, grün. Waren das Warane? Mördergefahr genug.
* Nadda hatte Hammers Aufmerksamkeit bemerkt, wollte sich umdrehen. Sofort schrie Hammer, Nadda solle sich ja nicht bewegen. Gleich drauf hatte Hammer das Gewehr von der Schulter gerissen, brachte es in Anschlag. Die unmöglichen Kreaturen - sie wirkten eigentlich nicht wie Warane, sondern waren irgendwie was anderes - schienen die Gefahr genau zu kennen, denn sie klappten beide die zähnestarrenden Mäuler auf, drohten Nadda in den Kopf zu beißen. Mörderisch. Es war ein hundsgemeines Patt, das Hammer die Tränen in die Augen trieb.
* Irene Depart, die sich von hinten an Markus anschmiegte, Markus am Ohrläppchen knabberte, ihm vorne an die Badehose gefaßt hatte, dort herumdrückte, kam unvermittelt etwas seltsam vor. Sie schaute auf Hammer hin, der mit dem Gewehr in Anschlag zur Salzsäule erstarrt schien. Irene drehte sich seitlich von Markus weg, überschaute die gesamte Situation auf der Szene. Als sie alles im vollen Ausmaß erfaßt hatte, gellte Irene los. Markus schrie ebenfalls, kippte vor Schreck um.
* Ivan Hammer fauchte zu Irene und Markus hin, nicht noch mal mit der Schreierei anzufangen und sich nicht mehr zu rühren. Was Hammer wollte, geschah bei Irene und Markus. Die eine der übergroßen Echsenkreaturen - sie hatte deutlich einen roten Flecken auf der Schnauze - erhob sich langsam zu voller Höhe, übermannshoch. Das Wesen erzeugte eine Grimasse, die man fast als eine Art launiges menschliches Grinsen deuten konnte. Er, sie zwitscherte - eine fröhliche Tonart -, setzte sich in unaufgeregte Bewegung, begab sich im Wiegeschritt mit Schaukelschwanz zum Wasser hin. Bis zum Bauch schritt es hinein. Dann fing er, sie an, Meerwasser zu treten, daß es platschte, spritzte. Das Wesen hörte mit dem Spaß wieder auf, blickte konzentriert auf Hammer, erzeugte Gezwitschere, machte eine Freßpantomime, tauchte den Schädel unter die Wasserfläche, um hochzustoßen. Wiederholte alles noch mal.
* Markus Unger sprach einen Gedanken laut aus: daß der "Dino" fressen wolle. Vielleicht wollte der "Dino" Fisch fressen. Ja, vielleicht hieß das, daß die beiden da Fisch wollten. Die wollten, daß man ihnen gefangenen Fisch brächte. Ivan Hammer wurde es zuviel, er fauchte, Markus sollte den Mund halten. Markus schwieg allerdings nicht, Markus erinnerte Hammer an die beiden Riffhaie, die mit der Harpune erlegt worden waren und die sich an Bord der "Peter" befanden. Wenn einer von ihnen die Haie an Land holen würde, sie vor die "Dinos" hinzulegen?
* Ivan Hammer hätte am liebsten losgeballert; nur durfte er das wegen Nadda nicht. Statt dessen meinte Hammer - eine verrückte Idee -, Markus solle zum Dingi gehen, wenn er sich das traute; Markus solle sehen, was geschieht, wenn er das Dingi ins Wasser schiebe. Markus Unger zog Irene am Arm mit sich mit, und Irene und Markus schoben das Beiboot der "Peter" ins Wasser. Auf einmal kreischte Irene, sie wolle zur "Peter" rudern. Nein, widersprach ihr Hammer, Markus solle alleine ins Dingi steigen; Irene sollte weiter Ruhe bewahren, die ganze Sache Markus überlassen, der der bessere Ruderer wäre. Hammers Worte entschieden, Markus sprang in das Dingi rein, hockte sich an die Ruder.
7. Zwei mal Hai, frisch geliefert
* An Bord der "Peter" waren alle beschäftigt. Kein Mensch hatte irgendeine Kleinigkeit von dem Strandgeschehen mitbekommen. Erst als Markus' Rufe wiederholt klangen, kam Pierre Raul herbei, ein Seil für Markus hinabzuwerfen, das Dingi festzumachen, eine Strickleiter abzurollen, damit Markus an ihr hinaufsteigen konnte. Erst wollte keiner Markus' Bericht Glauben schenken; es brauchte, bis einer auf der "Peter" den Blick überhaupt zum Strand hin richtete.
* Mit dem Fernglas überblickte Anton Dieger die Strandszene. Alles Entsetzen der Welt herrschte an Bord der "Peter"; niemand wollte das Geschehnis auf die Reihe kriegen. Margot Unger, Naddas hysterische Mutter, mußte beruhigt werden. Dann kam die Wut: Raul rannte unter Deck, um Gewehre zu holen, die Viecher schnell abzuschießen. René Depart rief seine Freunde zur Ordnung, schlug Pierre Raul den Lauf seiner Waffe zur Seite, nachdem Raul mit seiner Elefantenbüchse bereits Richtung Strand zielte.
* Noch mal mußte Markus Unger seine Geschichte erzählen. Schließlich nickte René Depart. René Depart hielt fest, daß am Sandstrand für Nadda unmittelbare Lebensgefahr bestand. Das Leben des Mädchens wollte man retten; alles dafür tun. Auf Anweisung Departs wurden die Riffhaie aus dem kühlenden Wasserbecken in der Kombüse geholt. Dieger begab sich in das Dingi hinunter, anschließend hoben Depart und Raul Dieger die Plastikwannen mit den Haien hinab. René Depart entschied darüber, daß er selber, Helmut Unger, der Vater Naddas, und Markus, Naddas Bruder, an den Strand rudern würden.
* Die Ruderei zum Sandstrand war schnell erledigt, das Dingi an den Strand geschoben. Markus Unger und René Depart hoben die Plastikwannen mit den Haien drinnen aus dem Holzboot heraus, während Helmut Unger im Dingi sitzen blieb. Markus und René Depart trugen die Wannen in die Nähe der unbeschwert miteinander zwitschernden Reptilienabkömmlinge. Als alles geschehen war, stellten Depart und Markus sich vor das Dingi hin, um zu sehen, was weiter geschehen würde.
* Die Mundwinkel schob René Depart hinunter, nickte Markus zu. Markus hatte es erraten, was die Ungeheuer wollten: Fisch. Fisch wollten sie. Der Echsen-Kerl mit dem roten Stirnfleck näherte sich den Plastikwannen, hob seinen Hai mit dem Maul an, griff dann mit den Brustarmen zu. Das andere Exemplar hinter Nadda wollte jedoch nicht losmachen. Er, sie benahm sich irgendwann, daß es zu beunruhigen anfing. Renè Depart fiel ein, daß das Gewehr in Hammers Händen schuld haben könnte. Depart befahl Hammer, die Waffe, die Hammer hüfthoch schußbereit hielt, aus den Händen zu legen. Widerwillig gehorchte Ivan Hammer, plazierte den Schießprügel auf dem weißen Sand.
* Das war es. Das entschied die Szene. Das zweite Groß-Reptil kam, sich ebenfalls seinen Fisch zu holen. Ein letztes Gezwitscher des Duos, und die beiden Monster rannten los, waren auf ihren muskelbepackten Laufbeinen samt ihrer Beute im Nu zwischen den dicht wachsenden Palmen und dem Strandgesträuch verschwunden. Es war, als hätte es den Spuk nie gegeben. Lediglich die Spuren im Sand bewiesen, daß alles für die Leute der "Peter" nicht lediglich ein Traum war.
8. Hai und Robbe
* Bis tief in die Nacht hinein hatte man an Bord der "Peter" gesoffen und über nichts als die unmögliche Begegnung am Strand geredet. Im Laufe des späten Vormittags des darauffolgenden Tages war Lisa Murat die erste, die wieder hinaufstieg, sich die Welt an Deck anzuschauen. Oben lehnte Murat sich über die Reling, um sich erst mal ins Meer zu übergeben.
* Gezwitscher! Lisa Murat kam zu Bewußtsein, daß sich Zwitscherlaute an ihr Ohr drängten. Kein Vogelgezwitscher - irgendwie anders. Am Sandstrand sah Murat ein halbes Dutzend der echsenartigen Kreaturen hüpfen, von denen jetzt alle Leute überzeugt waren, daß das keine Warane waren. Sämtliche Personen an Bord der "Peter" waren also immer noch am gleichen, seltsamen Ort, nirgendwo sonst auf der Welt. Mit heftigem Herzrasen eilte Lisa Murat unter Deck, die Mannschaft der "Peter" zu unterrichten: Die "Dinos" waren zurückgekehrt. Nicht mehr nur zwei, sondern sechs. Sechs an der Zahl.
* Helmut Unger, Ivan Hammer und Pierre Raul glotzten auf die Strandszene; die urzeitlichen Echsenkreaturen hüpften, zwitscherten, lärmten. Bald stimmten die drei überein, daß das ein Ende haben mußte. Jeder von ihnen würde jetzt ein Gewehr von unten holen, auf das Viehzeug am Strand da schießen, dem "verkommenen Echsendreck" zeigen, was hier auf der Welt los wäre. René Depart hatte sich dazugestellt, die drei Freunde mal daherreden lassen; nun mischte René Depart sich in die Unterhaltung ein. Depart gab zu Bedenken, daß alle an Bord der "Peter" bereits Geschieße gehört hätten. Diese Leute, die geballert hatten, hätte bisher noch keiner der "Peter"-Besatzung zu Gesicht gekriegt. Die Frage wäre, ob man diese Personen auf sich aufmerksam machen sollte. Die Ballerer wären sicher besser bewaffnet, als die dort am Strand, die eher mit Messern als Waffen kämpften. Das Problem wurde Unger, Hammer und Raul bewußt. Grinsend führte Depart aus, daß er zu wissen glaubte, was die Riesenechsen dort am Strand wollten: Fisch. Frischen Fisch. Fisch, frisch aus dem Meer.
* Fünf Riffhaie und zwei ausgewachsene Robben: tot. Von Pierre Raul, Gina Davies und Ivan Hammer harpuniert. Das müßte reichen, war der Gedanke. Damit ruderten René Depart und Markus Unger zum Sandstrand hin. Rege zwitschernd blickte ihnen das halbe Dutzend der Großechsen entgegen. Wie die Urwesen sich aufstellten, das war eine Fächerformation; vielleicht hatten sie mal herausgefunden, daß diese besser für sie wäre, meinte Depart mit gedämpfter Stimme zu Markus.
* Während René Depart und Markus Unger das Dingi an Land zogen, unterrichtete Markus, daß der mit dem roten Flecken auf der Schnauze auch mit von der Partie war, sogar wichtig im Gehabe, inmitten der Gruppierung. Um nicht lange auf irgendwas zu warten, zögerlich zu erscheinen, stellte René Depart sich breitbeinig am Strand auf, hob die Rechte zum Gruß, sprach freundlich ein paar Grußworte. Nachdem ihnen nicht passieren wollte, machten René Depart und Markus Unger sich an die Arbeit. Depart und Markus legten ohne Hast Stück für Stück das tote Meeresgetier, Hai und Robbe, am weißen Sandstrand aus.
* Die Zwitschertöne schienen jede der Bewegungen René Departs und Markus Ungers zu kommentieren. Als endlich alles erledigt war, plapperte René Depart zum Abschied wieder einige warme Sätze Gemeingut Richtung der sechs "Echsen". Auch Markus verbeugte sich tief, wie bei einem höfischen Empfang mit Damenwahl. Dann schoben René Depart ohne jede Hast das Dingi ins tiefere Wasser, kletterten ins Innere des Ruderbootes. Die echsenartigen Wesen zwitscherten fröhlich, schauten dabei zu, wie René Depart und Markus Unger anfingen, Richtung "Peter" zurückzurudern. Das Am-Sand-Herumliegende wurde dann beschnuppert, mit dem Maul geschnappt. Die dünnen Ärmchen faßten zu.
9. Die Lage peilen
* An Bord der "Peter" hatte es bis tief in die Nacht Kriegsrat und Alkohol gegeben. Irgendeine Kleinigkeit mußte unternommen werden; man konnte nicht auf der "Peter" herumhocken, Däumchen drehen, auf irgendwas warten. Das Beste wäre ein Landgang von zwei Leuten. Das wurde schließlich auch so beschlossen. Der Spähtrupp müßte herausfinden, was auf dem Eiland vor sich ginge. Wer waren die, die ballerten? Die Helikopterbesatzung, zu wem gehörte die? Vielleicht wurde auf die "Echsen" geschossen; wenn die noch ein paar mehr waren, möglicherweise sich woanders überhaupt nicht friedfertig aufführten. Entdeckte der Trupp von der "Peter", daß die anderen, deren Geschieße man erlauscht hatte, von denen welche in einem Helikopter herumflogen, freundliche Leute waren, konnten sie gewiß eine Hilfe sein, die "Peter" wieder seetüchtig zu machen. War das nicht der Fall, kriegte die Besatzung der "Peter" jedenfalls Bescheid. Entweder durch die Späher. Oder dadurch, daß diese nicht zurückkehrten.
* René Depart entschied sich, mit Ivan Hammer und Pierre Raul, die beide zuerst den Spähtrupp bilden wollten, mitzugehen. Weil René Depart mitkam, wollte auch Gina Davies mitkommen. Daraufhin bestand Irene, René Departs Tochter, da drauf, ebenfalls bei der Unternehmung dabeizusein; schließlich war Gina ihre, Irenes, allerbeste Freundin. Entweder erlaubte man es, daß sie, Irene, sich dem Spähern anschließen durfte, oder sie würde auf eigene Faust losgehen; dazu müßte sie am Schluß nur an Land schwimmen. Ruth Depart, die Mutter, faßte ihre Tochter Irene zum wiederholten Male nicht, Tochter Irene, die die Gefahr suchte. Und René Depart, der Vater, war schließlich von dem Gerede genervt, bestimmte, daß, wenn Gina dabei war, auch Irene sich dem Trupp anschließen dürfte. Außerdem war er der Vater Irenes, und Irenes Vater war auch bei den Leuten dabei, würde auf Irene aufpassen.
* Nach ein paar Stunden Schlaf oder keinen Schlaf weckte Anton Dieger, der die letzte Nachtwache zugewiesen bekommen hatte, die Mannschaft der "Peter". Das Nötige wurde für den Spähtrupp vorbereitet: ein paar Essensrationen, Schlafsäcke, Gewehre und Pistolen. Helmut und Markus Unger ruderten als erstes Ivan Hammer und Pierre Raul samt Zeug an den weißen Sandstrand rüber. Ein letztes Mal versuchte Ruth Depart ihre Tochter Irene davon abzubringen, sich sinnlos einer gefährlichen Situation auszusetzen. Irene langte sich an den Kopf, erwiderte der Mutter, daß es auf der "Peter" doch nicht weniger gefahrvoll wäre. Mutti Ruth sollte bloß an die "Dinos" denken; wenn die zum Beispiel vom Strand her zur "Peter" schwammen, an Bord schlichen, dann ... Ob Mutti denn noch nicht daran gedacht hätte, daß die Viecher vielleicht auch schwimmen könnten.
* Die Zeit, als er die "Peter" verließ, rübergerudert wurde, war für René Depart später wie weggewischt. Eine Art Filmriß. Departs Blick fixierte traurig Helmut und Markus Unger, die im Dingi zur "Peter" zurückruderten. Ivan Hammer räusperte sich müde, angenervt, als hätte er bereits bei Beginn des Abenteuers kein gutes Gefühl. Hammer, Raul und Davies standen in voller Kampfmontur da, Rucksäcke und Gewehre geschultert, Leute wie frisch aus dem Militärlager. Irene Depart, ein Gegensatz dazu, trug Wanderstiefel, eine schwarze Turnhose und eine Korbballmütze verkehrt herum auf dem Kopf. Wie Vater René hatte Irene eine Pistole im Holster am Gürtel. Ein Krachen riß René Depart aus der Betrachtung seiner Tochter. Jeder des Spähtrupps von der "Peter" war erschrocken zusammengezuckt. Noch viermal wiederholte sich der Lärm. Mörsergranaten, erläuterte Raul, der sich als ehemaliges Mitglied der französischen Fremdenlegion in solchen Dingen auskannte; irgendwer feuerte mit Mörsern, irgendwohin, auf irgendwen. Vielleicht auf welche von den großen Echsen, die gestern am Sandstrand gehüpft hatten. Vielleicht, daß die Viecher deswegen an diesem Morgen fehlten: weil sie mit was anderem beschäftigt waren.
10. Taschen unter Palmen
* Außer frisch aus den Eiern geschlüpften Mini-Schildkröten, die sich aus ihren Schlupfplätzen auf dem Weg ins Meer gemacht hatten, obwohl der frühe Morgen wegen den vielen Möwen gefährlich war, begegnete dem Spähtrupp, der den Strand runtermarschierte, nichts und niemand. Irene Depart und Gina Davies ließen wissen, daß sie sich mal kurz entfernen würden, "Frauengeschäfte". Stumm warteten René Depart, Ivan Hammer und Pierre Raul; die Damen ließen sich Zeit. Plötzlich war Schreierei. Irenes Schreie; kein gekreischtes Wort war zu verstehen. Schlagartig brach Irenes Gekreische ab. Ohne daß einer von ihnen ein Zeichen gegeben hätte, stürzten René Depart, Hammer und Raul jetzt zwischen die Büsche, stürmten mit vorgehaltenen Waffen dorthin, wo geschrien worden war.
* René Depart, die Pistole vor sich haltend, Hammer und Raul, ihre Gewehre in Anschlag, entdeckten Gina Davies, die im Sand dahockte, Irene streichelte, die ihr den Kopf in den Schoß gelegt hatte. Irene schluchzte, zitterte am ganzen Leib wie ein Espenlaub. Leise redete Gina auf Irene ein.
* Gina Davies berichtete, daß Irene und sie, Gina, einer Fußspur gefolgt wären. Unter Palmen hätte Irene eine mannsgroße Tragtasche entdeckt. Die Neugierde hätte Irene übermannt, und Irene habe den Reißverschluß der Tasche aufziehen müssen. Das Gesicht einer Frau sei zum Vorschein gekommen, da hätte Irene zu kreischen angefangen. Und dann war Irene weggelaufen.
* Nur kurz mußten Ivan Hammer und Pierre Raul suchen. Es waren sogar vier schwarze Tragtaschen in Männergröße mit zweimal zwei Griffen aus Leder, aus denen ein Summgeräusch zu vernehmen war. Von jeder der Taschen aus lief ein Draht eine Palme hinauf. Das seien Kühltaschen, rief Pierre Raul aus; durch den Draht würde Strom geleitet. Vielleicht zu Solarzellen. Ein bleiches Frauengesicht, das, weil Irene vorhin neugierig den Taschenreißverschluß herunterziehen hatte müssen, aus der Tasche herausschaute. Auf sicher auch im Leben starre, unbewegte Gesichtszügen blickte René Depart. Einen Fund zum Frösteln, fand René Depart die Frau, teilte das seinen Begleitern mit. Da war Irenes ausgeflippte Reaktion durchaus zu verstehen.
* Für Ivan Hammer und Pierre Raul war das jedoch das Allerwenigste, auch noch die Reißverschlüsse der übrigen Kühltaschen aufzuziehen. Drei glatzköpfige, mittelalte Kerle und eine kurzhaarige Frau undefinierbaren Alters, alle splitterfasernackt, die danach zu überblicken waren. Sehr merkwürdig, die Toten. Denn die Art, wie die Männer und die Frau aussahen, wirkte, als könnten die vier eigentlich jeden Augenblick die Augen aufschlagen, sich mit einem Ruck aufsetzen, fragen, was denn hier los wäre, wie sie hierhin kämen.
* Ivan Hammer konnte nicht genug kriegen; grinsend machte er sich daran, den am nächsten bei sich befindlichen Toten in der Tragtasche aufzusetzen. Das Haupt des Mannes kippte nach vorne auf die Brust. Irene entfuhr ein schriller Schrei. René Depart, Pierre Raul und Gina Davies sahen das gleiche wie Irene, jedoch ohne sich Besonderes dabei zu denken: zwei fingernagelgroße Wundmale am Nacken des verstorbenen Unbekannten. Hysterisch sprach Irene von "Vampiren" drauflos; genau solche Male, wie sie sich an diesem Leichnam befanden, hätten die Opfer in Vampir-Filmen.
* Die drei Männer und die Frau, sie hatten allesamt ähnliche Verletzungen: zwei parallel befindliche, kreisrunde Wunden, fingernagelbreit, ungefähr fünf Zentimeter auseinander. Bei allen im Nacken. Irene wollte nicht von dem Vampir-Gedanken abkommen. Das wäre doch glasklar, wiederholte Irene, daß die vier infolge eines Vampir-Bisses an Blutverlust gestorben seien. Ivan Hammer zuckte die Schulter, bleckte die Zähne, meinte, er glaube, er hätte noch etwas anderes hier gesehen. Grob rollte Hammer einen der toten Männer in seiner Tragtasche in die Seitenlage. Alle hier sollten mal zum Schauen zu ihm herkommen, verlangte Hammer. Jeder von der "Peter"-Besatzung gehorchte, guckte, las. Das Emblem eines Seehundes mit dem Schriftzug "American Navy" darunter war zu blicken. Das seien tote Amerikaner, kommentierte Ivan Hammer; Tatsache, amerikanisches Militär kannte das Eiland. Sicher eine Freude, amerikanische Soldaten zu treffen. Alle könnten sie nicht auf die Amerikaner zugehen; erst müßten sie, die Leute von "Peter", das sehen, ob nicht der eine von ihnen sofort standrechtlich erschossen würde. Amerikanern in Uniform war wirklich alles zuzutrauen; unbedarft sollte sich solchen keiner nähern.