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Blog von TeddeMehr

"Insel der Überraschungen" (11-20)

24. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

 
 
 
11. alter Mauerrest
 
 
* Mit großen Augen verharrten alle Leute des Spähtrupps am Platz. Ihrem Gesichtsfeld war eine marktplatzgroße Fläche entstanden, auf der nicht ein Sträuchlein aus dem Sand wuchs. Das aufregendste war jedoch dieses Stück meterhohe Steinmauer, das ehemals ein Tor besessen haben mußte. Wo der natürliche Bewuchs zu beiden Seiten des Mauerwerks wieder die Herrschaft übernahm, fiel die Mauer unregelmäßig steil ab, bis nichts mehr war. Als wäre der Mauerüberrest irgendein Scherz, den eine unbestimmte Natur sich mal erlaubte. Aus Pierre Raul plapperte es raus, daß er die Mauer auf eine Höhe von neun, zehn Stockwerken schätze, dort, wo sie am höchsten war.

 

 

* Irene Depart biß den Knöchel ihrer Faust. Seit Irene die Toten in den Tragtaschen gesehen hatte, wirkte Irene angeschlagen. René, der Vater, wiederholte es Tochter Irene, daß sie wieder zur "Peter" zurückgehen könnte, wenn sie das wollte. Gina Davies würde sie, Irene, zurückbegleiten; zu zweit mit Gina müßte Irene sich weniger um irgendwas Sorgen machen. Daraufhin zog Irene ihre beste Kleinmädchenschnute, schüttelte den Kopf, sagte, nein, sie wolle nicht zur "Peter" zurück, sondern mit dem Trupp weitergehen; mit ihren Ängsten würde sie schon fertig werden. Wenn dann bissen jeden die Vampire. Gereizt zuckte René Depart die Schulter; zu Ivan Hammer hin verdrehte René Depart die Augen.

 

* Alles sehr, sehr alt, übernahm Ivan Hammer das Wort, während alle des Spähtrupps der "Peter" weiter herumstanden; das Mauerwerk hier hätte die Ausstrahlung von hohem Alter. Pierre Raul stimmte dem zu, erklärte, er fühle sich auch ganz anders an diesem Ort; er hätte sich gewünscht, er hätte sich alles unter anderen Umständen anschauen können, als durch die Umstände, für die die Macht des Schicksals verantwortlich war. Irene eröffnete mit einigermaßen fester Stimme, daß das Aussehen der Mauersteine sie an einen Dokumentarfilm erinnere, den sie vor ein paar Wochen im Fernsehen gesehen hätte. In der Umgebung von Calais hätten Archäologen mysteriöse Mauerreste ausgegraben, Mauern, mit denen die Wissenschaftler nicht gerechnet hätten; wirklich ominös, die Mauern. Dickste Mauern, ohne jeden Mörtel und scheinbar ohne Bearbeitung millimetergenau angepaßt hochgezogen. Eine Bauweise, die die Menschen späterer Epoche ähnlich nicht wieder entwickelt hätten, hieß es in dem Film.

 

* Gina Davies zeigte, rief aus, dort, genau in der Mitte der steinernen Querstrebe, dort, wo drunter einmal das rechteckige Tor gewesen sein mußte, würde sie so was wie ein riesiges Affengesicht erkennen. Nachdem Gina Davies darauf aufmerksam gemacht hatte, meinten sofort alle des Trupps von der "Peter", daß sie ebenfalls genau das blicken würden, wovon Gina Davies redete. Mit ausreichender Phanatasie mochte das sogar die grinsende Affenfratze sein, eine Art eines Gorilla, jedoch übergroß; sicher eine Art Idol. Vielleicht ein Gottwesen, das über die Stadt herrschte.  René Depart, dessen Laune wegen Tochter Irene sehr schlecht war, lachte die anderen wegen ihrer Phantasie aus.

 

 

 

12. Jenseits der Mauer

 

 

* Es war Pierre Rauls Vorschlag, die Passage durch das alte Tor zu nehmen. Jeder des Spähtrupps von der "Peter" war einverstanden; nur Ivan Hammer moserte, daß man auch nicht unter Leitern durchging, wenn man kein Pech haben wollte. René Depart, Pierre Raul, Ivan Hammer, Gina Davies und Irene Depart machten sich auf den Spazierweg. Als erstes durchquerte René Depart die Gesteinspforte für einen Riesen.

 

* Irene Depart redete nicht laut, dafür aber wie ein Wasserfall in Richtung Gina Davies, daß René Depart dem Trupp auf der anderen Torseite das Anhalten befahl. Was Irene meinte, war, daß sie es schade fände, daß keiner von ihnen ein Mineralist wäre. Eventuell wäre das droben schwarzer Alabaster gewesen, das sie auf der anderen Seite für eine Affenfratze gehalten hätten. Nichts mehr wäre aus der Nähe von einem Affengesicht zu erkennen gewesen. Die Sonne ließ das Gestein plötzlich sogar gleißen. Eine ungeheure Leistung der unbekannten Bevölkerung, das dort oben einzufügen, diesen Riesenstein, wie in einem Stück. Die anderen Gesteinsbrocken, wie in dem Dokumentarfilm im Fernsehen, praktisch fugen- und mörtellos ineinandergefügt. Daß alles exakt paßte. Daß kein Blatt dazwischen paßte. Kein High-Tech heutiger Tage hätte das besser geschafft. Deutlich aber auch der Zahn der Zeit, der an allem nagte. René Depart nervte die aufdringliche, besserwisserische Fasellaune seiner Tochter. Vater Depart schnarrte, es nütze niemandem irgendwas, an diesem Ort Wurzeln zu schlagen; sie alle sollten zusehen, weiterzukommen. Ob die andern ihm folgten oder nicht, schritt René Depart voran.

 

* Nichts als ein Streifen trockener, rissiger Erdkruste von der Breite eines Fußballfeldes fand sich jenseits des antiken Mauerndurchgangs; nach links und rechts machte das Feld jeweils eine Biegung, ohne daß dort Wege weiterführten. Nicht der allerkleinste Halm wuchs aus diesem toten Boden. Während René Depart gegenüber der "fettste" Dschungel die Herrschaft übernahm. Als Pierre Raul neben René Depart hintrat, meinte Raul zu Depart, daß er jetzt gerne einen Geigerzähler zur Hand gehabt hätte. Das wäre gewiß interessant gewesen, abzulesen, welche Strahlenwerte an dem Ort angezeigt würden. Sonst wäre das mit der staubtrockenen Erdkruste nich erklärbar. Nachdem Pierre Raul das ausgesprochen hatte, kam Eile in die Gruppe. Gina Davies übernahm sogar an René Departs Statt sogar die Führung; Gina sorgte dafür, kraftvoll mit der Machete zuschlagend, die sie am Gürtel gehabt hatte, daß sie allesamt schnell in den Dschungel eindrangen, drinnen vorankamen. Eine seltsame Stille herrschte hier zwischen den Bäumen. Als hätte sich die Vogel- und Tierwelt mit ihrer Geräuschkulisse, die sonst ständig stattfand, aus einem unübersichtlichen Grund irgendwohin verzogen.

 

* Plötzlich entstand um René Depart, Pierre Raul, Ivan Hammer, Gina Davies und Irene Depart herum wieder Gezwitscher. Gezwitscher einer Art jedoch, wie sie alle sie jetzt kannten. Ivan Hammer fluchte hemmungslos drauflos. Pierre Raul hielt fest, daß er jedes dieser komischen Echsenungeheuer sofort abknallen würde, sobald es auch nur Anstalten mache, heranzukommen. Irene Depart korrigierte Raul, das seien "Raptoren"; das müßte doch lange jeder von ihnen mittlerweile klar im Kopf mitbekommen haben, daß das Raptoren wären. René Depart beschwor Pierre Raul, Ivan Hammer, Gina Davies, nicht die Nerven zu verlieren, nur dann auf irgend etwas zu schießen, wenn es wirklich die Notwendigkeit dafür gäbe.

 

* Abrupt war die Gruppe von der "Peter" aus dem Dschungelwirrwar draußen. Eine weitläufige Lichtung, die sich ihren Blicken eröffnete. Das Gras wuchs grün und knöcheltief. Irene Depart kreischte, deutete rechter Hand, schrillte, da sei ein "Monster". Tatsächlich, dort lag etwas sehr, sehr Großes. Das sich allerdings nicht das bißchen regte.

 

 

 

13. "Ankylo"-Riese

 

 

* Ohne lange über ihre Absichten zu unterrichten, rannte Irene Depart los, Richtung des reglosen Monsterdings. Vater René Depart fluchte, sprach, erst mache Irene sich vor Angst in die Hosen, dann müßte Irene drauflosrennen, keine Gefahren kennend. Pierre Raul, der sein Gewehr hüfthoch feuerbereit hielt, seufzte zu René Depart hin. Ivan Hammer nickte zu Gina Davies hin, bezeigte Gina Davies, daß er ihr gerne den Vortritt ließ, und Pierre Raul, Ivan Hammer und Gina Davies schafften sich in Bewegung, Irene Depart hinterher. Reglos stand Irene bei dem Großkadaver herum.

 

* Ein dreifaches aufdringliches Klickgeräusch wie ein Signalton ließ René Depart zusammenzucken, René Depart, der keine Lust gehabt hatte, sich von Ort und Stelle zu rühren. Linker Hand von ihm, René Depart, daß standen sie auf der Wiese dastanden, drei der großen grünen Schuppen-"Echsen". Der mit dem roten Flecken auf der Schnauze, den René Depart jetzt bereits kannte, war auch dabei. Der in der Mitte. "Rot-Schnauze" fixierte René Depart mit seinen gelben Augen, komisch. Auf einmal glaubte René Depart zu verstehen, was der Blick ihm sagen wollte: daß erst einmal er und seine menschlichen Freunde an der Reihe wären, dort vom Fleisch zu fressen, dann aber ...

 

* Ganz atemlos vor Schrecken erreichte René Depart die anderen vier. Irene Depart war in ihrem Element, schwatzte. Irene Depart erläuterte, daß hier am Ort bei dem Monstrum nicht bloß der hornbewehrte Schädel fehlte, sondern auch am Schwanz ein Stück. Abgetrennt, die "Keule". Die "Schwanzkeule". Fragte man sie, Irene Depart, hätte sie in ihrem Dinosaurierbuch bereits Bilder solch eines Dinos gesehen. Nach ihrer Meinung ein "Ankylosaurus", üblicherweise drei, vier Meter, Tümpelbewohner. Der "Ankylo" da war jedoch größer, bräuchte auch einen größeren Tümpel, vielleicht das Meer in Strandnähe. Ivan Hammer lachte, versetzte feixend, daß das wohl stimmen müßte; diese "Ankylosaurus"-Ausgabe hätte sicher fünfmal die Größe von drei, vier Metern. Und zu fressen, das müßte man dem 'Ankylo' mit einem Bus anliefern, "Essen auf Rädern" als Busfahrt.

 

* Um sich schlagend, flüchtete Pierre Raul vor einem großen schwarzen Schwarm Aasfliegen, der ihn aus irgendeinem Grund alleine angriff. Von der anderen Seite des toten Ungetüms her meinte Pierre Raul, Irene hätte wahrscheinlich ganz recht. Hier müßten Jäger am Werk gewesen sein, Jäger, die sich Trophäen geholt hätten. Denn den "Ankylo" hätte hier auf der Flanke eine Panzerfaust erwischt; gegen das Geschoß von der Panzerfaust nützte der allerstärkste Hornpanzer nichts; das Horn war glatt aufgesprengt. Was ihm Raul noch auffiel, war, daß der "Ankylo" wäre woanders gestorben sein müßte; denn das Blut des "Ankylo"-Viehs hätte die Wiese tränken müssen; davon wäre allerdings nichts zu erkennen.

 

* Gina Davies zischte, Pierre Raul sollte bitte alle einmal den Mund halten. Raul schwieg, starrte in Ginas Richtung. Zunächst war da das Fliegengesumm, ziemlich laut. Bis jeder des Spähtrupps es erlauschte: Helikoptergeräusch. Die Tonart eines Hubschraubers. Die Geräuschquelle näherte sich gefährlich schnell. René Depart gellte den Befehl, man sollte sofort losrennen, zwischen die Bäume hinein.

 

 

 

14. Helikopter

 

 

Der Helikopter drehte nicht schnell wieder ab, sondern flog über der Dschungellichtung eine Runde nach der anderen. Der hätte entweder eine Wärmebildkamera an Bord oder könnte einen von ihnen, der zum Spähtrupp von der "Peter" gehörte, laufen gesehen haben, zischte Ivan Hammer mißmutig zu René Depart hin. René Depart blies die Wangen auf; irgendwie war ihm, er hätte den Tod unmittelbar vor Augen. Wenn sie einfach auf die Lichtung hinausginge, hinaufwinke, würde der Pilot sie sehen und sofort landen, versetzte Irene mit ihrem unschuldigsten Kleinmädchengesicht Richtung ihres Vaters René. Daraufhin faßte René Depart, dem das Herz bis zum Hals schlug, seine Tochter Irene am Arm, ehe die ihre Idee Wirklichkeit werden lassen konnte.

 

* Wenn irgendwer etwas wolle, müßte der Pilot bald mal landen, sprach Pierre Raul es aus. Vater René Depart packte Irene erneut am Unterarm, zog die Tochter nach hinten zurück, Irene, die sich aufs neue grinsend aufmachen wollte, um auf die Dschungellichtung zu treten, sich offen den Blicken der Hubschrauberleute zu präsentieren. Dann begann vom Hubschrauber herunter das Schießen. Rund um sich sah René Depart, der sich hinter einen dicken Baumstamm stürzte, Erde spritzen. Zum Glück reichte dem Helikopterpiloten eine Salve, hatte der  Rundumflug die Schnauze voll, flog in der Diagonale über die Lichtung, Richtung Landinneres des Eilands. Im Nu war das Flugobjekt davon. Im Nu war kein Hubschraubergeräusch mehr zu vernehmen.

 

* Keiner vom Spähtrupp von der "Peter" hatte von der Ballerei eine üblere Verletzung davongetragen. Pierre Raul erwischte ein Streifschuß am Oberarm. Verband kriegte Pierre Raul angelegt. Ivan Hammer hatte ein Baumsplitter am Bauch erwischt, den Ivan Hammer sich herausholte. Selber versorgte Ivan Hammer seine Wunde mit Jod. Gina Davies meinte, daß sie die Hosen voll hätte, auch das käme mal vor; zum Glück hätte sie immer einen kleinen Flakon Parfüm dabei. Um sich zu säubern, entfernte Gina Davies sich kurz hinter Gebüsch. Irene Depart war zornig. Wegen Vati René. Auf der Meinung beharrte Irene Depart, daß es keine Schießerei gegeben hätte, wäre sie einfach auf die Lichtung hinausgetreten, hätte gezeigt. Hätte sie, Irene, ihre Absicht in die Tat umsetzen könne, wäre klarerweise die gesamte Geschichte mit all ihren Problemen erledigt. Der "Peter" und den Freunden auf der "Peter" wäre ebenso geholfen gewesen. Der Helikopter hätte keinem ein gutes Gefühl gemacht, meinte Pierre Raul zu Irene Depart. Vielleicht hätte das Geballere überhaupt nicht ihnen, denen von der "Peter" gegolten, sondern den Grünschuppenkreaturen der Marke "Dino". Selbst Gina Davies, Irenes beste Freundin auf der "Peter", die wieder von hinter dem Busch zurück war, schaffte ein Kopfnicken. Um die Sache abzuschließen, erklärte René Depart, daß sie es mit diesen Leuten, die den Helikopter flogen, früh genug zu tun bekämen; jetzt wüßte jeder von der "Peter" Bescheid, daß die "anderen" freiweg auf alles schossen, was sich bewegte.

 

* Sein Punkt wäre, daß an dem Hubschrauber kein amerikanisches Hoheitszeichen zu erkennen gewesen war, übernahm Ivan Hammer; das hätte doch gewiß jeder von ihnen gesehen, daß das kein Fluggerät war, das eindeutig als eines der Vereinigten Staaten zu identifizieren war. Das Zeichen am Hubschrauberbauch sei ihm, Hammer, total unbekannt: zwei diagonal sich gegenüberliegende Kreuze. Nicht, daß er wüßte, daß er, Hammer, so was von irgendwoher kannte. Religiöse Gefühle bekäme er bei dieser Symbolik nicht. Auch Pierre Raul erklärte, daß er mit diesem Hubschraubersymbol nichts anfangen konnte. Irene Depart zog die Schnute eines äußerst unzufriedenen Mädchens, wiederholte es allen, die sich um ihr herum befanden, noch einmal, daß sie die Welt hier nicht verstünde. Wenn Vati René nicht gesponnen hätte, wäre vielleicht nicht geballert worden, wüßte man jetzt vielleicht schon über alles Bescheid, befände sich auf dem Weg zu einer Ortschaft dieser Leute. Wissenschaftler könnten das sein; man könnte sich doch nicht vor Wissenschaftlern verstecken. Diese Wissenschaftler wollten von nichts nichts wissen, sondern hätten Lust am Schießen gehabt, versetzte Pierre Raul zu Irene Depart hin. Bei solchen, da spähte man besser weiter, ehe man ihnen offen gegenübertrat.

 

 

 

15. Kampf-Tanz

 

 

* Eben war der Trupp auf seinem Weg zur gegenüberliegenden Seite der Dschungellichtung an dem "Ankylo"-Kadaver vorüber, da vernahmen alle Gezwitscher. René Depart verfluchte die Welt. Eigentlich hätten sie sich ja denken können, daß die auch noch da waren, sich nur weggeduckt versteckt hätten, war von Ivan Hammer zu belauschen. Das seien jetzt zwölf Schnauzen, konstatierte Pierre Raul, nachdem er sich langsam im Kreis herumgedreht hatte; er würde zwölf zählen, wenn keiner mehr zähle, wären das zwölf. Eine lebensgefährliche Geschichte. Wie die Taliban. Amerikanische "Marines".

 

* Niemand des Spähtrupps von der "Peter", der sich groß regen wollte. Die grünbeschuppten "Dinos" näherten sich zwar bedächtig aus der Richtung Baumbestand von der anderen Seite. Angriffslustig wirkte das jedoch nicht; eher als hätte das mit was anderem zu tun. Trotz dieser Wahrnehmung mußte René Depart sich zur Kühle zwingen; auch von den anderen, Raul, Hammer, Davies und Irene, blieb jeder äußerlich ruhig. Fast ein kleines Wunder, daß keiner ausflippte, zur Waffe greifen wollte.

 

* Der "Dino"-Bursche mit dem roten Flecken auf der Schnauze, wo etwas Gelbliches lief, als hätte er dort einen Streifschuß abgekriegt, trippelte heran, baute sich in voller Größe den Menschen von der "Peter" gegenüber auf. Beinahe eine menschliche Geste, mit der "Rot-Schnauze" mit seinem dünnen Ärmchen zum "Ankylo" hin nickte. Ohne großartig zu überlegen, rein instinktiv, machte René Depart mit der Rechten eine zustimmende einladende Handbewegung; noch einmal lud René Depart alle ein. Ein erfreutes Gezwitscher von "Rot-Schnauze". Mit dem Finger zeigte René Depart auf den "Ankylo", winkte, daß niemand auf irgendwas warten müßte. Fröhlich zwitschernd tauschten die von "Dino"-Bande sich aus. Zwei der "Grünlinge" konnten sich nicht länger zurückhalten, liefen auf den "Ankylo" los. Zwei Hüpfer, und die beiden standen auf dem Rückenpanzer des "Ankylo" droben.

 

* Mit großen Augen beobachteten die menschlichen Zuschauer der Szene, daß einer derer wie aus einer "Dino"-Welt, vor dem "Ankylo"-Halsstück sich aufbaute, dort, wo in der Gegenwart der Gigantenkopf fehlte. Weit öffnete sich Maul des "Grünlings"; scharfe Zähne frästen eine Schneise ins Fleisch, von oben nach unten und zurück. Mit dem "Echsen"-Schädel voraus bohrte sich der grünfarbene "Dino" ins Weiche hinein, tiefer und tiefer. Am Schluß verschwand mit dem letzten Stück Schwanz das ganze gierige grüne, mannshohe Ungeheuer im "Ankylo"-Innern.

 

* Als ob nirgends sonst Platz wäre, tänzelte ein "Kollege" samt großem Fleischbatzen in den Ärmchen auf "Rot-Schnauze" zu. Deutlich hatte das zu bedeuten, "Rot-Schnauze", der sollte zur Seite treten, Platz machen. "Rot-Schnauze" fiel das überhaupt nicht ein, seitwärts von der Stelle wegzumachen. Ein Zwitscher-Duell entspann; zuletzt kreischten die Kontrahenten nur noch laut. Dann beabsichtigte der mit dem Batzen Fleisch, davonzuspringen, als sei ihm plötzlich die Idee gekommen, daß er "Rot-Schnauze" nicht besiegen würde können. Das Laufbein von "Rot-Schnauze" schwang hoch, es klickte. Der Stich der feststehenden Kralle verletzte nicht, weil der andere reaktionsschnell rückwärts hüpfte. Beide Gegner führten jetzt Stiche, benutzten dafür ihre Kralle. Das wäre die "Sichelkralle" der "Raptoren", raunte Irene René Depart, ihrem Vater, ins Ohr; deswegen, wegen dieser Kralle, wären das dort "Raptoren", keine Echsen wie die Warane. René Depart blickte Irene einen Moment groß an, wischte sich mit der Hand über die Lippen.

 

* Ein tänzelnder Kampf. Wie wenn Menschen mit einem Messer gegeneinander antraten: Attacke, Abwehr, dem Hieb ausweichen, davonspringen, dem Feind etwas antäuschen. Mit bloßem Auge war es manchmal schwer, alles genau mitzubekommen, so rasend bewegten sich die Kämpfer. Bis es war, als hätte irgendwer mit der Fernbedienung die Szene angehalten; nach vielleicht einer halben Minute das Bild stand. Der Zweikampf war entschieden. "Rot-Schnauze" zielte mit der "Sichelkralle" auf den ungeschützten Unterbauch seines Gegenübers. Dagegen gab es nicht die allergeringste Abwehrmöglichkeit; der Stoß war tödlich, wurde er geführt. Vom Besiegten war ein jämmerlich traurig-feiges Zwitschern zu vernehmen. Abrupt ließ er sich nach hinten auf den Rücken fallen, präsentierte der Welt am Grasboden eine geschlagene Kreatur, schicksalsergeben. "Rot-Schnauze" jedoch bezeigte Großzügigkeit, erlaubte es dem Geschlagenen, sich hochzurappeln. Auf schnellen Laufbeinen warf sich der eine, Hoch sprang, der vorhin der Herrscher sein wollte, auf seine Laufbeine, warf sich herum, um mit hoher Laufgeschwindigkeit davonzumachen, im Unterholz des Dschungels den Blicken der menschlichen Beobachter und seines Kontrahenten zu entschwinden.

 

 

 

16. Rübermachen

 

 

* Der dichte Dschungel war zurückgeblieben. Die schweigsamen Mitglieder des Spähtrupps marschierten auf härterem Boden, aus dem nur vereinzelt Baumriesen und fremdartiges Krüppelgebüsch in die Höhe wuchs. Da sei ein Abgrund, rief Gina Davies aus, die dauerhaft die Spitze des Spähtrupps für sich erwählt hatte. Knapp vor der Spaltkante verhielten alle von der "Peter", blickten auf die andere Seite hinüber. Das wäre über dem Daumen gepeilt eine Dreißig-Meter-Erdbebenspalte, meinte Ivan Hammer. Links und recht verlief der breite Spalt so weit das Auge reichte. Pierre Raul seufzte; es müßte der Spalt irgendwo ein Ende nehmen, sprach Pierre Raul den anderen hin. Eine Münze holte Ivan Hammer aus seiner Hosentasche. "Kopf" war Marschrichtung linker, "Zahl" Marschrichtung rechter Hand. "Kopf" fiel, also würden sie alle nach links gehen, wenn keiner was dagegen hatte. Also war es entschieden. In der Hoffnung, daß der Riesenspalt irgendwo enden müßte, schritten die Leute der "Peter" schweigsam den Felsspalt in die Richtung längs, die der Zufall gewählt hatte.

 

* Abrupt stoppte Gina Davies, daß Raul gegen sie stieß. Mit ausgestrecktem Arm zeigte Davies voraus. Jeder des Spähtrupps der "Peter" sah es.  Schon die Frage, ob man sich an dem Ort über irgendwas freuen sollte, öffnete Pierre Raul den Mund, brachte seine Gefühle zum Ausdruck. Es wäre wirklich die Frage, die sich jeder stellen sollte: ob man nicht besser zur "Peter" zurückmarschieren sollte, statt hier auf der andern Seite sein Glück zu versuchen. Weder René Depart, Ivan Hammer, Gina Davies oder Irene Depart wollten Pierre Rauls Worten irgendwas hinzufügen. Das, auf das die Leute von der "Peter" starrten, war eine Art stählerne Hängebrücke; das Ding schien stabil für eine ganze Gruppe. René Depart fragte alle, was man nun anstellen sollte: Umkehren oder rübermachen? Entschlösse man sich zum Rübergehen, müßte man Weitergehen, bis zum Ende.

 

* Tochter Irene war launisch, gereizt. Und irgendwie und irgendwo schien Ivan Hammer nicht den passenden Augenaufschlag gebracht zu haben, was Irene anging. Jedenfalls mochte Irene den Schokoriegel nicht, den Ivan Hammer ihr anbot. Auch aus der Wasserflasche Hammers wollte Irene nicht trinken. Das einzige Wasser, das schmeckte, war das von Gina Davies. Zu Ivan Hammer hin zuckte René Depart die Schulter, sagte, daß, wenn die Gruppe dann hinüberginge, das ein nicht wieder gut zu machender Fehler sein könnte. Jetzt könnte noch darüber nachgedacht werden, auf die "Peter" zurückzukehren. Irene meinte zu Gina Davies, daß die Kerle daran dächten, daß die Mädchen die sein könnten, die sich zur Umkehr entschlossen. Böse Blicke Richtung Vater René werfend, begab sich Irene aus der unmittelbaren Umgebung der Leute fort. Breitbeinig baute Irene sich knapp vor dem steilen Abgrund auf, starrte in die Tiefe hinab. Unvermittelt entfuhr Irene Depart ein Schrei; dort drunten an der Felswand gegenüber wäre ein riesiges Netz gespannt; ein Netz von einer Riesenspinne. Das Spinnenvieh müßte ja einen Durchmesser von einem Meter haben.

 

* Ivan Hammer war der, der seine Gedanken laut aussprach, sagte, die Augen müßten Irene einen Streich gespielt haben; nichts als Dunkelheit sähe er, wohin Irene deutete, drunten, Irenes Meinung nach, dieses Spinnennetz sein sollte. Kopfschütteln Irene Departs. Plötzlich sei das weißfädrige Netz verschwunden, verstand Irene die Welt nicht.  Ivan Hammer zuckte die Schulter, es wäre sowieso alles ziemlich egal, solange die "Spinne" nicht hochkäme ... Ein Aufschrei Ginas erschreckte; wo Gina Davies herumstand, deutete Gina Davies in die Abgründigkeit hinunter. Jedem des Spähtrupps von der "Peter" schlug das Herz sofort bis zum Hals. Alle konnten das gleiche blicken: bleiche Viecher. Bleiche Riesenviecher, sicherlich mannsgroß, die aus ihren Nischen zwischen dem Fels herausschlüpften. Die bleichen Monster wie übergroße Raupen machten sich relativ geruhsam, unaufgeregt daran, heraufzukriechen.

 

* Von einer Dreckssituation in die nächste würden sie in diesem Alptraum tanzen, lamentierte Ivan Hammer, der sich das Gewehr von der Schulter riß, entsicherte. Nicht schießen, befahl René Depart; Schießerei nur in allerhöchster Not. Pierre Raul sollte als erster gehen, Gina Davies Pierre hinterher, dann Irene, Hammer und er selbst, René, entschied René Depart die Reihenfolge. Pierre Raul ließ sich nicht lange bitten, begab sich mit entschlossener Miene auf die stählerne Hängebrücke, hielt sich links und rechts an den zweimal fingerdicken Stahllängssträngen fest. Zu Rauls Füßen waren Ein-Meter-Stahlplatten ineinandergeschoben, und als Raul einmal hochhüpfte, schaukelte das Ding nur ein wenig. Also in dieser Hinsicht alles bestens und sicher; man konnte hinüberkommen.

 

* Als René Depart hinter Ivan Hammer auf der Stahlplattenhängebrücke etwa die Hälfte des Weges nach der anderen Seite zurückgelegt hatte, fiel ihm ein, daß er doch gerne gesehen hätte, was sich in seinem Rücken abspielte. Herum wandte René Depart sich, sich nur mehr mit einer Hand am Stahlseil festhaltend. Dort, wo der Spähtrupp eine Pause eingelegt hatte, krochen acht bleiche Ungetüme durch die Gegend. Die größte der herumsuchenden "Raupen" schätzte René Depart auf drei Meter. Was sein würde, befand man sich den Viechern in der Mitte, während sie ihren Kreis enger schlossen, daran wollte René Depart lieber nicht denken. Auch wenn man Gewehre, Pistolen hatte, mußte das nicht heißen, daß sich damit eine Sache schnell erledigt hatte.

 

 

 

17. Dschungelstraße

 

 

* Der Dschungel kehrte mit seinem dichten Pflanzenwuchs zurück. Mit ihrer Machete schlug Gina Davies, die weiter die Anführerin spielte, dem Trupp von der "Peter" links und rechts den Weg frei. Plötzlich schrie Gina, stoppte, und René Depart, in dessen Gedanken die vergangenen Geschehnisse irrlichterten, stieß gegen Gina. Soeben schaffte Gina es, auf den Beinen zu bleiben, nicht wegen René Departs Rempler nach vorn hinzustürzen.

 

* Ein aufgeschütteter Kiesweg im Dschungel, den Gina Davies entdeckt hatte. Eine bequeme Straße, breit genug für einen Geländewagen oder sogar größere motorisierte Fahrzeuge; auch Gegenverkehr konnte es geben. Weil der Ort eine Kurve war, hatten unbekannte Arbeiter zwei armdicke Stahlrohre in den Erdboden getrieben; an den Rohren droben fanden sich hölzerne Pfeilschilder angeschraubt. Weiße Flächenfarbe, schwarze Schrift. Auf dem einen Schild stand "Station IV" geschrieben; auf dem zweiten, ein einfaches Rechteck, kein Richtungspfeil, stand "Kasino", darunter, Pfeil in die gegenüberliegende Richtung: "Station II". Irene meinte, sie wolle ins "Kasino". Damit entschied Irene Depart die weitere Marschrichtung des Spähtrupps, "Kasino" und Richtung "Station IV".

 

* Ivan Hammer und Gina Davies, ihre Gewehre in Anschlag, schritten etwas voraus; Pierre Raul sicherte als letzter hinten, ebenfalls die Waffe schußbereit. Dort sei etwas, da im Gebüsch, meinte Irene Depart, huschte, ohne irgendwas abzuwarten, zwischen das Gesträuch, bückte sich auf den Boden herab. Zurückkommend präsentierte Irene einen fleckigen hellbraunen Safarihut, den sie weit genug von sich hielt und schüttelte. Der Hut hatte auf der Stirnseite ein Einschußloch, durch das Irene ihren Zeigefinger bohrte. Dann kreischte Irene, schleuderte den Hut weg, zurück ins Gebüsch, dorthin, wo sie das Teil hergeholt hatte. Heulend hüpfte Irene, wischte die wuselnden, zentimetergroßen roten Viecher runter, die sie aus dem Hutbauch heraufkrabbelnd unvermittelt angriffen und in die Finger, den Handrücken bissen.

 

* Irene Depart hatte sich nach ein paar Minuten, weil sie gesund blieb, von Gina Davies verarztet und bemitleidet wurde, wieder soweit beruhigt. Ivan Hammer kam zu René Depart und Pierre Raul, versetzte, alles hier wäre ihm viel zu ruhig, direkt wie tot; es müßten doch Dschungeltiere in der Umgegend rumschreien. Pierre Raul lief auf seine Freunde zu, rief, das sollten sie sich alle mal selber anschauen, das, was da voraus wäre. Unlustig eilte René Depart Hammer und Raul hinterher, während Gina Davies und Irene nachfolgten. Mit ausgestrecktem Arm zeigte Raul, auf das, was an diesem Ort vorzufinden war, was jetzt alle überblickten: eine abgeholzte Fläche im Urwald mit vier Pfahlbauten, die Dächer mit dickem Stroh ausgelegt; drei offen stehende gemauerte Garagen. Irgendwelche Fahrzeuge standen nicht drinnen herum. Auf dem größten der Pfahlbauwerke war ein meterlanges Holzschild angebracht, auf dem in weißer Malfarbe "Kasino" draufgeschrieben stand.

 

 

 

18. Der Besuch im "Kasino"

 

 

* Bei den Pfahlbauten blieb es ruhig. Stille beherrschte die Szene, Blätterrauschen. Vielleicht möglich, daß es hier bei Dunkelheit richtig abginge, konnte Pierre Raul den Mund nicht halten; wenn die Lichter brennen würden, die Neonreklame ganz oben dort am Dachgiebel des größten Holzbaus aufleuchtete, das Wort "Kasino" blinke ... Pierre Raul lachte. Männliche, weibliche Soldaten, setzte Raul fort, Alkohol, was zu rauchen. Das Leben, das müßte doch nicht immer aus langweiligem Dienst bestehen, aus Sitte, Ordnung und Gehorsam; zwischendurch könnte man doch auch Spaß miteinander haben, ein klein wenig über die Strenge schlagen. Die Offiziere mehr, die gewöhnlichen Soldaten weniger.

 

* Sie sollten von hier verschwinden, zurück, in die Richtung, aus der sie gekommen wären, sprudelte es aus René Depart heraus; dort müßten sie überlegen, wie das mit dem Spähtrupp weitergehen sollte. Irene Depart schüttelte zu ihrem Vater hin den Kopf, das bockige Mädchengesicht aufgesetzt. Gleich darauf, ohne über ihre Absichten zu unterrichten, brachte Irene Depart sich in Bewegung, schritt davon. Beobachtet von allen, spazierte Irene Depart über den Platz, auf den großen Pfahlbau zu, auf dem die aufgerichtete Neonreklameleiste mit dem Wort "Kasino" draufstand, das Strohdach oben schmückte, als hätte das ordinäre Holzschild mit den Malbuchstaben über dem Türeingang, wenn die Gäste die Holzstiege hinauftänzelten, nicht gereicht.

 

* Wenn Irene zurück wäre, würde man umkehren, meinte René Depart. Es gab nur einen Weg für den Trupp: sich zur "Peter" auf den Weg zu machen. Die Mannschaft der "Peter" müßte eben zusehen, die "Peter" alleine irgendwie flott zu bekommen. Und dann: nichts wie weg von dem Ort, dieser Insel. Oder was immer es war. Die Schulter zuckte René Depart. Außerdem hätten sie Diesel und einen Motor, dem nicht viel fehlen konnte. Auf alle Fälle konnte der Dieselmotor auf Vordermann gebracht werden. Werkzeug und Ersatzteile genug gäbe es auf der "Peter". Zusätzliches Segeltuch hätte man außerdem unter Deck. Müßte eben genäht werden. Müde nickte Pierre Raul René Depart eins hin. Gina Davies hatte sich von René Depart abgewandt. Ivan Hammer zupfte an seiner Kleidung herum, als wären dort irgendwelche Stacheln wegzureißen.

 

* Ein Schrei, der aufklang. Ein schriller Schrei aus dem größten der Pfahlbauwerke. Eine weibliche Stimme. Irene, die die Holzstiege in das "Kasino" hinaufgemacht hatte, die drinnen aus einer Räumlichkeit zu schreien angefangen hatte. Ohne groß sich mitzuteilen, rannten Ivan Hammer und René Depart, Irenes Vati, los, Irene zu Hilfe eilen. Mit gerunzelter Stirn verstellte Pierre Raul Gina Davies den Weg, ehe Gina Davies ebenfalls hinterherlief. Irgendwer müßte hier sichern, erklärte Pierre Raul, holte sein Gewehr von der Schulter herunter, entsicherte; es wäre nett von Gina, mit ihm, Raul, dazubleiben. Es sah aus, sie beide müßten das mal übernehmen.

 

* Die Holzstiege hatte René Depart hinter Ivan Hammer hinaufgemacht. Droben auf der Veranda horchte René Depart, an der Holztüre, die angelehnt war. Wieder erlauschte René Depart ein Schluchzen; Irenes Schluchzerei. Langsam stieß Depart die Türe ganz auf. Da stand Irene, fast in der Raummitte. Irene heulte wie ein waidwundes Tier auf, warf sich in die Arme Ivan Hammers, der René Depart mit vorgehaltenem Gewehr gefolgt war. Den Kopf, den Irene an Ivan Hammers breite Männerbrust drückte.

 

* Früher mußte das einmal ein angenehmer Gesellschaftsraum mit allem Drum und Dran gewesen sein, empfand René Depart: ein großer Billardtisch, bei dem Ivan Hammer und Irene beieinanderstanden, Irene, die ihr Gesicht bei Ivan Hammer anschmiegte, an Ivan Hammers Brust flennte. Bequeme Bastsessel. Rundtische. Sofas. Eine langgestreckte Bartheke mit Tür seitlich, wahrscheinlich in die Küche. Der einzige Bildschirm im Raum war der eines großen Fernsehgeräts, mit einer Vorrichtung knapp unter der Decke angebracht. Mitten im Fernseherbildschirm steckte ein armdicker Ast. Die Scherbenbatterie der Flaschenwand hinter der Theke: es wirkte, als hätte jemand zum Vergnügen herumgeballert, die Flaschen als Zielscheiben benutzt. Die bunten Langsofas waren komisch unregelmäßig zerschnitten, der gelbe Schaumgummi herausgerissen. Ein paar Stühle, sahen zusammengetreten aus; andere waren einfach bloß umgeschmissen. Am Billardtisch: das Grün durchstoßen und an einigen Stellen mit viel Liebe mit der Schere zerschnitten. Irgendwie für Zeichen. Für den, der da in der Zukunft mal käme, sich das Ganze anzuschauen.

 

* Ivan Hammer, den Irene losgelassen hatte, Irene, die sich die Hände vors Gesicht geschlagen hatte, forderte René Depart auf, beim Nordfenster mal hinter die an die Wand gestellte Tischfläche zu gucken. Da wäre was. Die Ahnung René Departs, daß er dort nichts Angenehmes zu sehen bekommen würde, bestätigte sich für René Depart: fünf Totenköpfe und ein Haufen Knochen. Im Dschungel müßte niemand lange warten, bis er abgefieselt wäre, wenn sich niemand drum kümmerte, versetzte Hammer. Und Hammer setzte fort: Ein Schädel hätte einen glatten Durchschuß. René Depart erblickte einen Stoffetzen, das Stück einer khakifarbenen Uniform. Samt Abzeichen. Ein Offizier. Die Toten, amerikanische Soldaten, Marinesoldaten, "Navy". Aber anders tot als die, die man in den Tragtaschen gefunden hatte, für die es weiter Kühlung der Aggregate gab, Stromzufuhr.

 

 

 

19. Fernes Schießen

 

 

* Am "Kasino"-Platz hatte Ivan Hammer das Gefühl, als säße er in einer Falle. René Depart teilte die Gefühle seines Freundes, und Irene torkelte ohnehin nur rum, als hätten ein paar Schläge sie getroffen. Anscheinend hatte der Anblick der hergenagten Totenschädel und sonstigen Skelettknochen im "Kasino" oben Irene erst mal ziemlich mitgenommen. Die roten, zentimeterlangen Ameisen, die Irene aus dem Hut heraus angriffen, könnten die Leute im "Kasino" bis auf die Knochen aufgefressen haben, mutmaßte Ivan Hammer.

 

* Der Trupp der "Peter" stand versammelt hinter einem meterdicken Baumstamm. Zwischen ihnen herrschte Schweigen. René Depart betrachtete seine Freunde. Auffällig wie Pierre Raul der Schweiß von den Wangen tropfte; außerdem hatten Rauls Wangen dunkle Flecken, an solche Flecken konnte Depart sich bei Raul überhaupt nicht erinnern. Ivan Hammer zuckte der Mundwinkel; verstohlen wischte der dunkelhäutige Ivan Hammer immer wieder über Stirn und Wangen. Auch bei Gina Davies war auszumachen, daß etwas nicht stimmte; eine Art Verstörtheit, Unruhe bei Davies, nichts, das viel mit Davies' üblichem Gehabe einer lebenslustigen Abenteuerin zu tun hatte. Ihr Gewehr hielt Gina Davies außerdem schußbereit. Und Tochter Irenes Blick: ewig leer, seit sie aus dem "Kasino" draußen war; Irene, ein hübsches Püppchen, dem der eigene Wille abhandengekommen schien. Das alles erzählte René Depart, daß es bei ihm nicht viel besser aussah. Daß es mit dem Spähtrupp jetzt reichte; hier und jetzt reichte es.

 

* Jeder hatte der Leute von der "Peter" hatte seine Meinung zum Ausdruck gebracht. Weder Ivan Hammer, Pierre Raul, Gina Davies noch René Depart wollten weiter. Der Entschluß stand fest: Der nächste Weg wäre der auf die "Peter". Wenn sie alle Glück hätten, kämen sie vielleicht an Deck der "Peter" zurück. Und auf der "Peter mußte alles unternommen werden, damit man die Anker lichten konnte. Jetzt: Abmarsch, meinte René Depart. Nur Irene Depart, die rührte sich nicht von der Stelle, obwohl die anderen schon meterweit von ihr entfernt anhielten, um zu ihr zurückzuschauen. Zurück zu Irene schritten René Depart und Ivan Hammer, sahen sich Irene an, Irene, die überhaupt nicht gut aussah, Irenes Gesicht, das eher an eine teigige, bleiche Totenmaske erinnerte. Eben beabsichtigte René Depart, Ivan Hammer zu bezeigen, daß sie beide Irene in die Mitte nehmen sollten, um mit ihr zusammen vom Ort, aufzubrechen, um nach Möglichkeit vor Einbruch der Dunkelheit noch auf der "Peter" anzukommen, da schrak René Depart heftig zusammen. Er hörte Schüsse. Alle hörten das Geballere. Eindeutig das Geräusch von Gewehrfeuer. Großes Schießen. Irgendwer schoß auf irgendwen oder irgendwas. Nichts Neues, seitdem sie an Bord der "Peter" vor dem Eiland eingetroffen waren. Auch Mörsergranaten hatte jemand bereits hörbar abgefeuert.

 

* Herausfordernd starrte Ivan Hammer René Depart mit herabgezogenen Mundwinkeln ins Gesicht. Sich hinterm Ohr kratzend, redete Hammer, ob das nun Glück oder Unglück wäre, egal; das Glück der Welt müßte das gewiß nicht sein. Trotzdem wäre die Ballerei ein Zeichen, ein Zeichen dafür, daß er, der Spähtrupp von der "Peter", noch ein letztes vorhätte. Und zwar das, einen Blick auf diese Leute zu werfen, die Schußwaffen benutzten. Sonst wäre der ganze Auftrag sinnlos gewesen, mit dem sie von der "Peter" aufgebrochen wären. Am besten wäre es jedoch, sich diese viel schießenden Leute anzuschauen, ohne selber gesehen zu werden. Das müßten sie jetzt bringen, wenigstens das, sonst hätten sie ja gleich an Deck der "Peter" bleiben können.

 

* Die Örtlichkeit der "Kasino"-Pfahlbauten und der gesamte Rest blieb hinter der dicht wachsenden Dschungelwand zurück, als hätte jeder von "Peter" die Bilder der Aufbauten nur geträumt. Der aufgeschüttete Kiesweg setzte sich in den Dschungel hinein fort. René Depart und Ivan Hammer hatten gemeint, man sollte die Gewehre nicht offen schußbereit tragen, sondern sie geschultert lassen. Es müßte reichen, die Waffen entsichert zu wissen. Langsam schritten die Leute von der "Peter" voran. Fast waren sie auf jede Überraschung gefaßt, nur daß sich nichts abspielte. Ein paar vereinzelte Schüsse, die sich bei jedemmal lauter anhörten, das war es.

 

* Die Leute des Spähtrupps der "Peter" verhielten abrupt im langsamen Marsch. Nachdenklich überblickten René Depart, Ivan Hammer, Irene Depart und Gina Davies, Pierre Raul, die den Abschluß der Gruppe bildeten, die Szene. Vor ihnen allen fand sich hoher Fels, dort mündete die Dschungelstraße in eine Passage. Als wäre dahinter eine Falle. Unvermittelt war von jenseits des Felsspalts Männergejohle zu vernehmen; schrill kreischte Weiblichkeit. Das klang spaßig, ob es aber lustig war, das war die andere Frage. Nur, direkt etwas Bedrohliches hatte das erst mal nicht. Irene Depart meinte, Männer, Frauen, dort wollte man doch hin, oder? René Depart forderte Irene, die losschritt auf, stehenzubleiben. Besser wäre, Irene blieb bei ihren Freunden. Die auf der anderen Seite des Felsens, das wären vielleicht nicht ihre, Irenes, Freunde. Erst mal müßte Irene das sehen. Wie sie alle das sehen müßten.

 

 

 

20. Die Jagdgemeinschaft

 

 

* Das war eine Qualität Ivan Hammers: er fand Wege. Ivan Hammer führte die Truppe erst tiefer in den Dschungel, auf Umwegen einen Abhang hinauf. Schließlich dorthin, wo sie ankommen sollten. Als der Spähtrupp von der "Peter" droben zwischen verschiedenen Bäumen heraustrat, war vor ihnen ein paar Meter Fels, gestört von Grasbüscheln. Fast ein Eindruck wie daheim. Gelächter von unterhalb. Fröhlich, unbeschwert, daß es bei denen, die man noch nicht sah, eben zuzugehen schien. Irgend jemand blies falsch in ein Horninstrument. Das sei ein Jagdhorn, flüsterte Pierre Raul, der bei René Depart stand.

 

* Jeder von der "Peter" hatte sich auf das Zeichen Ivan Hammers hin niedersinken lassen. Knapp vor dem Abgrund ließen sich René Depart, Ivan Hammer, Pierre Raul, Irene Depart und Gina Davies auf die Knie nieder. Auf dem Bauch robbten alle, Rucksäcke, Gewehre vorsichtig nachziehend, an die Kante. Ein überraschter Aufschrei Irenes; Pierre Raul faßte nach Irene, hielt ihr die Hand vor den Mund. Mit aufgerissenen Augen schüttelte Pierre Raul den Kopf, stierte mit verschwitzter Miene Irene wild an.

 

* Die Kiesstraße drunten querte eine gewöhnliche Wiese. Leute bevölkerten den Ort. Überall stand scheinbar wahllos Zeug herum, größere, kleinere Plastikbehälter, Metallkisten, längliche Koffer von Gewehrlänge. Mitten am Platz jedoch lagen Seite an Seite grüne Körper im Gras bei der mit Kies aufgeworfenen Straße, "Raptoren", tot, erschoßen. Siebzehn dieser Kreaturen waren von René Depart zu zählen. Die "Raptoren"-Jäger, fünf Männer, zwei Frauen, trugen auf dem Kopf typische Jägerfilzhüte mit Federschmuck und diversen metallenen Abzeichen, Thermo-Westen oder Lang-Jacketts, Jagdbundhosen verschiedener grüner Schattierung, Wander- oder Langschaftstiefel. Wie direkt aus dem Werbeteil einer Jägerzeitschrift. Als wäre ein Foto daraus zu Leben erwacht.

 

* Die Waffen für die "Raptoren"-Jagd lehnten an einem dicken Baumstamm. Bei den Gesprächsfetzen, die den Leuten von der "Peter" an die Gehörgänge heraufdrangen, drehte sich ausschließlich ums Schießen: "das richtige Ziel, das anvisiert werden mußte"; "der Druckpunkt,  je nachdem einstellbar, für den man mit dem Finger einfach das Gefühl entwickeln mußte"; "das Kaliber mußte hier stimmen, und es stimmte" ... Zwischen den Mitgliedern der "Raptoren"-Jagdgemeinschaft wuselte Jungvolk. Kahlköpfige Knaben, Mädchen. Neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn, vierzehn Jahre alt. Lediglich ein bleiches, schmales Tüchlein hatten die Kinder um den Hüften.

 

* Das wären "Lustmädels und Lustknaben", raunte Ivan Hammer nahe von René Departs Ohr. Ein großer Mann mit dem Aussehen von einem auf Safari im Busch klatschte in die Hände, gab Zeichen. Die fast nackten Angehörigen der Kinderschar fingen auf der Stelle an, zusammenzulaufen und Behältnisse zu öffnen. Auf Zinktellern plazierten die kindlichen Diener mit Löffeln und Gabeln irgendwelche Köstlichkeiten. Ein Mädchen, das, für den Ort dort drunten, schon eher gut entwickelte Brüste hatte, verteilte Zinkbecher; zwei Knaben schenkten aus großen Flachmännern Alkoholisches ein. Die in der Jägerkleidung, die "Raptoren" gejagt und erlegt hatten, toasteten einander lautstark zu. Einer warf juchzend den grauen Filzhut in die Luft, fing das gute Stück wieder auf. An den Schmerbauch eines besonders dicken Jagdbruders schmiegten sich links und rechts zwei der kahlköpfigen Knäblein, die der Mann sich gegriffen hatte. Sicher nicht älter als zwölf, die beiden. Selbst aus der Distanz war den Knaben anzumerken, daß sie sich schwer damit taten, sich nicht anmerken zu lassen, daß sie nur gute Miene zum bösen Spiel machten. Daß sie am liebsten woanders gewesen wären. Weit, weit weg.

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