Ende-der-Zwanziger-Jahre-Melancholie
Hier war nun dieser Entscheid für ein vierjähriges Neuexemplar eines deutschregionalen Bundestages. Wie es ihn vor vier Jahren gab. Wieder so Jahre zurück. Oder es war mal eine außerordentliche Unterbrechung im Rhythmus, weil es vorgezogene Neuwahlen gab.
Jedenfalls ward nun über das nächste Parlament für die nächsten vier Jahre entschieden. An jenem Sonntagabend im September des Jahres '17 nach dem Millenium, als es die Ergebnisse erbrachte.
Neue Gesichter werden in dieser parlamentarische Nachfolgeausgabe aufscheinen, neue Parteien darin zum Vorschein kommen.
Die eine Partei, die frisch Auftritt hat, eine, die das letztemal unter den Vollverlierern war. Ihr bester Platz. Dort sollten sie immer sein. Die andere, eine Parteineugründung. Neudeutschsprachlich: so ein "Start-up", Neuversuch. Einer von JENEN. Der geradezu ziemlich hoch fliegt, in dem Sinne. Daß das Fassen nach dem Kopf Dauerzustand ist, der ungläubige Blick.
So was wie die, so was hat man überhaupt noch nicht gesehen im Bundestagsparlament, die Deutschregionalität. Da muß man schon sehr weit sehr lange blicken, so die Zeit vor Adenauer, Erhard, so was Vergleichbares entdeckt zu kriegen.
Dort, das sind ja die dreißiger Jahre, unmittelbar. So Anno dreiunddreißig war eine Wahl. Der Gipfel einer Wahl. Erst mal ganz normal verging ein altes Parlament, wurde im Jahre dreiunddreißig durch eine neue Parlamentszusammensetzung ersetzt. Wie es so jenem Weimarer-Republik-Parlament zuvor Ende der zwanziger Jahre ergangen war.
Im Jahre dreiunddreißig waren die Veränderungen am Ende grundlegender, umfassender. In der Folgezeit gab es nur noch dem Scheine nach Neuparlamente oder so bei den Nationalsozialisten. Nichts mehr mit Volkssouvereign und so parlamentarischer Parteienvielfalt, ein Ein-Partei-Parlament war das. Eher ein Parteitag, der da noch tagte. Parteigranden, die sich dort einfanden, sich abfeierten und von Klatschvolk bejubeln ließen. Alles eher wie ein Klassentreffen. Alle übrigen Parlamente waren ebenfalls von oben her in Form gebracht, per Anordnung, wer drinnen sitzen durfte, was zu sagen hatte, wer nicht. Bei nur noch einer Partei, die die Macht im Staate hatte. Bei der Gleichschaltung aller Staatsinstitutionen. Per "Gleichschaltungsgesetz", das nichts anderes als eine Verfassungsänderung war, in Richtung Einparteienstaat.
Das ergab sich aus einer Neuerscheinung eines vom Volk gewählten Parlaments. Einem Nachfolgeexemplar. Im vormaligen waren noch ein bißchen mehr anderweitige Kräfte. Man mußte sich das für die Umfänglickeit erst erwerben. Das zu erwerben, mußten sie denn Wahlsieger sein. Führten einen Wahlkampf. Die Charlie-Chaplin-"Tramp"-Fälschung reiste viel mit dem Flugzeug rum, praktisch schwebte sie über den "Reichsgauen". Und, echt wahr, Wahlsieger wurde man. Fast alles konnte man den Leuten weismachen, ihnen direkt auch viel von sich erzählen. Das Deutlichste. Nichtsdestotrotz, auch wenn man gewann, blieb trotzdem ein Restmakel. Es war nicht so, daß man nicht noch jemand anders nötig gehabt hätte. Für alles, was man sich wünschte. Einen Moderator benötigte man des weiteren. Jemand, dessen Sarg man im Jahr drauf folgte, als der Mann seinem hohen Alter Tribut zollte.
Den letzten Riegel mußte man auch noch wegnehmen, ganz weit die Tür aufreißen, ehe die ewige Charlie-Chaplin-"Tramp"-Variation den Leuten den Allmachtsregenten mit umfänglichem Machtstatus geben konnte. Wobei er sich sein Breitbärtchen nie abrasieren wollte. Kam, was wollte, das nahm er nicht ab. Als solcher war er denn ein jahrelanger Kriegsvorbereiter zu Friedenszeiten. Präsentierte den allmächtigen Großregenten, füllte die Tage mit den seinen mit all dem, was er an Kult die Phase vor dem großen Krieg, der seiner Meinung nach kommen mußte, noch füllen konnte. Die Verfolgung politischer Gegner, Aufräumen in der eigenen Partei, Fackelaufmärsche zuhauf. Gedenkumzüge. Olympische Spiele. Immer größere Progrome gegen Minderheiten.
Im Jahre neununddreißig fühlte Breitbärtchen sich dann in einer Postion, daß er sich dachte, losschlagen zu können. Das mit dem von ihm herbeigesehnten Krieg zu beginnen.
Tja, er war nicht zivil. Zu bändigen schon gar nicht. Seine Absichten setzte er in die Tat um. Gewann ein Weilchen dabei was. Da und dort hatten seine Truppen bei den kriegerischen Auseinandersetzungen Landgewinne. Besetzten jene Lande. Übernahmen dort die Staatssouveränität. Bis der Moment kam, daß sich der Charakter des Siegers verlor. Dieser Faden ging großartig verloren. Was anderes, das kam mehr und mehr zum Vorschein. So ein Geist. Der Geist des großen Verlierers. Der wie ein Kartenspieler am Spieltisch hineinwerfen mußte, hineinwerfen. Immer mehr, daß er reinwarf. Je mehr er reinwarf, um so mehr verlor er. Bis er restlos alles am Tisch im Pott hatte. Dabei hatte er nur noch schlechte Karten.
Alles ging ihm verlustig. Und was die Sieger, die sich zuvor schon immer mehr einfach nehmen konnten, dabei am Schluß noch zu allem dazu mit zu Gesicht kriegten, als sie sich ihren Gewinn ausgiebig anschauten, das war ein unerhörter Charakter. Der des bürokratischen Massenmörders industriellen Ausmaßes. Die Konzentrationslager wurden von den Siegreichen befreit. Zu vieles, was man gerne weggeräumt, verborgen hätte, ehe die Siegreichen eintrafen, geriet da in vollem Umfang in den Blick.
Eine bestialische Fratze war anzusehen. Was er auch wußte, was geschehen würde, wenn ... Jedenfalls waren seine Anweisungen dafür nicht groß in den Unterlagen der reichsdeutschen Ämter auffindbar. Eher die der niederrangigeren Beamten, die sich unzweideutig über alles ausließen. Wie sie das Angeordnete abschließend umzusetzen beabsichtigten. Was für Neuentwicklungen, daß sie dafür parat hatten. All das, daß ER es haargenau gewußt haben muß, wie er angesehen werden würde. Was man von IHM SEINER Bevölkerung preisgeben würde. Daß DIE das im vollen Umfang aufgehellt kriegen würde. Ungeschönt. Daß er die Geschichte seinen Untergebenen, in deren Verantwortungsbereich so Sachen waren, gegenüber eher mit Worten ansprach. Statt es größer in papierne Dokumenteform anweisen zu wollen. Daß es zu lesen gewesen wäre. Das, wie es seine Staatsbeamten handelten, es in die Tat umsetzten. .
Daß es späterhin schien, der EINE, ausgerechnet der oben an der Spitze, der hätte weniger mit DEM was zu tun gehabt.
Tja, Adenauer war dann der erste Name bei denen, die zum Bundeskanzler der Westrepublik gewählt wurden. Demokratische Wahl. Mit den Alliierten kehrte die Demokratie wieder. Wurden die Leute an die Wahlurnen gerufen, für eine freie Wahl unter verschiedenen Parteien. Später fanden sich sogar wieder so diese Nachgänger-Parteien des Unsäglichen ein, versuchten die Rückkehr. Ohne allzu durchschlagenden Erfolg. Bis heute versucht man DAS.
Die Ostrepublik, in den sechziger Jahren hatte sie am Ende eine Mauer hochgezogen vor. Die Ostrepublik hatte ein anderes Staatswesen wie die im Westen. Das im Osten nannte sich "Kommunismus", "Kommunismus", auch eine Art faschistisches System. Was für den einen despotischen Dauerregenten. Jede Menge Berührungspunkte hatte dieser "Kommunismus" mit dem Faschismus. Nur "links" benannt, weil die Enden weit auseinander und für sich gesehen. Nichts im Kreis; wobei man im Kreis die große Nähe, die geringe Entfernung zueinander erst so richtig gewahren kann. Der faschistische Ostdespotismus tarnte sich nur mit anderen institutionellen Namen, hatte ein paar andere Gesichter. Dabei hatte die Ostbevölkerung gegenüber dem Faschismus die Jahre von zuvor in Wahrheit lediglich einen kleinen Sprechwechsel zu bewältigen.
Wer aber begriff, sich den Sprech anlernen konnte ... Da war "rechts" nur ein Schrittweit von "links" entfernt. Und umgekehrt war es nie auch allzu weit. Ein Katzensprung.
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