"Protestwähler" ('ne Uhr hat da jetzt komisch zu ticken begonnen)
Da ist man aber freundlich, nett zu Leuten. Sieht sie weiter als bloße "Protestwähler" an. Das nächstemal, wenn was Stimmung vielleicht anders wird, laufen sie wieder andern hinterher, wird in die Richtung von denen gemeint.
Dabei ist das durchaus eine überlegenswerte Beschreibung: Wenn beispielsweise von jemandem, der die Umgebung gewählt hat, gesagt wird, daß er seine Stimmenabgabe für DIE lange erst im Herzen getragen hat. Quasi monatelang hatte er, sie, es diese Absicht, DIE zu wählen. Daß vielleicht sogar genauere Überlegung dahinterstecken könnte, auch das Wissen darum, wer DIE genau sind.
Trotzdem hat man ... Voll absichtlich, nicht wahr?
Jedenfalls wurde der Entschluß am Wahltag, als man denn wählen ging, in die Tat umgesetzt: DIE wurden viel zu oft gewählt. Als wären DIE tatsächlich was irgendwie Wählbares, was, das man sich erwählen könnte, hat man bei denen angekreuzt. Wie man anderen, Normalparteien gegenüber, die Nase rümpfte, sie unwählbar fand; dort wollte man nicht wählen.
Als müßte man irgendwie die Stimme von denen auch irgendwie als was Besondres hören, die deswegen nun praktisch im Heute Gewählte sind: Diese Europaleugner, Kleinstaatler- und Rechtsaußenleute, die liebend gerne was uralte Einzelnation mit hochgezogenen Grenzzäunen zurück hätten, jede Menge Intoleranz und Unfreundlichkeit noch dazu. Selbst mit Waffen könnten sie auf Unbewaffnete, bloße Flüchtlinge, schießen lassen, das haben DIE oft genug gesagt.
Man stelle sich nur so oberkomische Animositäten vor, die nicht zu glauben sind, die man jedoch für so Landesgenzen gerne auf der Wiederholungsschienemhätte. Etwa ungefähr das, wie sich dieser Müll zwischen Schwaben und Baden-Badenern anhört, der daherkommt. Bestimmten "Schwaben" und "Baden-Badenern". Dieser Charakter an Stutenbissigkeit, gegenseitiges borniertes Angezicke. "Schwaben" gegen "Baden-Badener", man stelle sich DAS mal vor. Alles bei welchen mit einer Art Regionalgeist verhaftet, daß Bestimmte sich in einem Zug nicht auf einen Sitz hocken möchten, weil der Samtbezug nicht den eigenen Vorstellungen an Farben entspricht, die die Regionallandschaft im Regionalgebietwappen hat. Daß man, nimmt man so dieses Späßchen wirklich für Ernst, unter Umständen sogar mal mit Fäusten aufeinander losgehen könnte. Sonst geht's einem aber gut. Betrachtet man die Angelegenheit so Schlägertypenart, da könnt man sich glattweg als Gipfel auch soldatisch aufführen und sich bewaffnen. Schießgewehre, Panzer und Granaten.
Solch ein regionaler Horizont, ganz groß. Was ziemlich das Hinterletzte, Totalborniert ein viel zu angenehmer Ausdruck für so was in Wirklichkeit kaum Hinnehmbares. Mit dem einige sich aber wichtig fühlen, sich damit zu verbreiten. Wie etwa andernorts so "Katalanen", die, die sich von Spanien abnabeln wollen. Motto anscheinend: Jedes kleine Nest die eigene Währung, das eigene Staatsgebiet. Mit eigener Armee. Wie im Frühmittelalter, wo die meiste Soldateska aber noch zu Fuß ging, die Stadtstaaten mit den irre hohen Mauern weiter entfernt lagen.
Ehrlich, braucht man so was nun wirklich, den weiten Kleingeisthorizont? Wenn man auf der Welt geradezu im Nu von einem Ort zum anderen gelangen kann, was jede Urlaubsreise beweist? Was bedeutet da eine "Nation"? Eine "Nation", nichts als eine begrenzte Lokalität, eine die's im Dutzend billiger gibt, samt all den Flaggen und Hymnen. Selber schuld, wenn man zu einem Staatsgebiet dazugehört und so Regionalsprachen nicht erhalten kann, weil man bei der Zentralregierung nicht dafür sorgen konnte, daß auch die und die regionale Sprache an den Schulen weitergelehrt wird. Als stünde was dagegen, mehrere Sprachen gleichzeitig zu können.
Ich weiß ja nicht, was manche Leute gerne zuürckhätten. Das Alte, das mit der Nationalität und dem, das hat's schließlich lange genug gegeben. Bis zum Rand oben müßt's einem stehen. Das mit diesen wichtigtuerischen, Großkotz-Einzelnationen, für die jahrhundertelang unnütz in das Schlachtengetümmel gezogen wurde. Ständig mit dabei: jede Menge Rassismus, Derbheit und Ignoranz. Noch und nöcher wurde für so was blöde stolz die Brust geschwellt und am Ende oft genug gestorben. Und der Charakter reichsdeutscher Vorväter, der läßt sich nun wirklich nicht abstreiten, was die da an Mördertum entfalteten. Daß man das als Erbe gut finden kann, um es für sich anzunehmen.
Gab's da nicht lange ohnehin die kriegerischsten, blutigsten Auseinandersetzungen für so was "Exklusives"? Blut, Ehre, Vaterland? Daß man das echt gerne zurückhätte?
Aber für so was möchte man wieder gehen?
So Geist zurückhaben? Den jenes Faschismus?
Bloß, "Faschist", das Wörtchen scheint zu vielen was Unzweideutiges zu sagen zu haben. Deswegen nennen sie sich lieber anders, "alternativ", "alternative Rechte", "alternativ rechts", "neue Rechte" und so. Als hätte alles, was da neu sein will, nicht einen dermaßen Bart. Daß jeder von A nach Z blicken könnte. Verhangen ist dem Fernblick das Allerwenigste.
Klar, zwölf Jahre dieses Regimes waren lang. Manch einer anderen Geistes hat diese langen zwölf Jahre nicht überlebt. Konnte den Moment nicht erleben, als wieder anderes Einzug hielt. Nachdem man wegen dem anderen zwischen Trümmern herumwanderte. Mit manchdem sich mehr oder weniger auseinandersetzen mußte. Daß das kleine Herz einem bang war: Plötzlich hatte man sich sorgenvolll zu fragen, was hatte man selber im Dritten Reich betrieben? War man in der Partei? Man hätte nicht in der Partei sein müssen. Mehrere Millionen waren in der Partei. Einige leugneten es, bis man ihnen den eigenen Namen auf den Listen zeigte. Manche hatten Glück, daß sie so bedeutungslos waren, daß man nicht nach ihren Namen guckte.
Die waffenstarrenden Alliierten konnten am Ende überallhin kommen, zu jedem. Wen immer sie wünschten, der hatte vor ihnen zu erscheinen. Oder wurde abgeholt. Fuhr eine Runde im Geländewagen, vorbei an Ruinen, Panzerwracks, in langer Reihe vor einer Essens- oder Kleiderausgabe anstehender Leute. Haufenweise Weiber mit ein paar Kerlen mit eingefallen Wangen und irrlichternden Augen. Da war ein Loch voraus in der Straße, das man zu umfahren hatte.
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