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Blog von TeddeMehr

1. Teil: Schmerz 1.1

27. November 2019 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #dreimal erwachen

1

 

Er und das schwarze Mädchen. Von dem er nicht sagen konnte, ob sie dunkelhäutig oder bloß umschattet war.

Woher sie plötzlich kam, keine Ahnung hatte er. Jedenfalls begleitete sie ihn, schritt neben ihn her. Als wäre das das Selbstverständlichste auf der Welt. Obwohl man nicht miteinander bekannt war.

Immer wieder sah er zu ihr hin, bemerkte, daß sie irgendwas redete. Nichts davon, daß er allerdings verstehen konnte.

Es störte sie wirklich nicht das geringste, daß er auf keines ihrer Worte reagierte. Ab und zu hielt sie seine Hand. Als wären sie seit längerem vertrauter miteinander. Derweil er sich dauernd fragte, was es mit ihr auf sich hatte. Wo sie unvermittelt hergekommen sein könnte.

Es fiel ihm einfach nichts zu ihr ein. Nichts, was ihm eine Erklärung für ihre Gegenwart liefern hätte können.

 

Irgendwie war sie ihm geblieben. Als einziges.

Schwer für ihn begreiflich, welcher Meinung er war. Was das heißen sollte, daß da ihrer viele waren, die um ihn herum gewesen wären. Dieser eine Schluß: Keiner von jenen war jetzt noch da; keiner mehr weit und breit.

Was das zu bedeuten hatte, das zu meinen, keine Ahnung hatte er. Überdies: Woher kannte er eine mit dunkler Haut? Wenn alle dort, wo er wohnte, hellhäutig waren.

Das hieß, wenn er sich nicht täuschte, was ihre Hautfarbe anbetraf.

Hätte er sie bloß weniger umdunkelt sehen können. Statt dessen blieb es dabei: ihre Hautfarbe, die gab Rätsel auf. Es war nichts als Schattenwurf, Abgedunkeltes für ihn wahrnehmbar. Einzig und alleine: Wie konnte irgendwer dauernd wie im Schatten gehend wirken, wenn das Licht von überallher auf seine Gestalt fiel? Wie es bei ihr der Fall war.

Sie blieb ihm ein Rätsel.

 

Irgendwann hätte ihr Antlitz für ihn unzweideutig erkennbar sein müssen, was die Färbung der Haut anging. Wenn er fast ständig wiederholt zu ihr rüberschaute. Nebenher hatte sie keine schwarzen gekrauste Haare, sondern blonde. Nicht wie gefärbt, eine, von Natur aus blondhaarig.

Seltsam, das alles. Eine Irritation.

Langsam näherte er sich mit der blonden Schönen, die einfach immer weiter dunkel, umschattet wirkte, einem Ort, der aussah, als würde es bei ihm nicht weitergehen. Zumindestens nicht geradeaus.

Er blieb stehen, ließ sie los. Das bezeigte er ihr, daß voraus ein Abgrund sein mußte. Aber sie, sie verweilte dabei, traut mit ihm umzugehen, nahm ihn sofort wieder an der Hand, zog ihn einfach voran. Was er denn widerwillig mit sich geschehen ließ.

Wie die Umgebung war, es gefiel ihm nicht. Auf der etwas ansteigenden, sonderbar keramikglatten, weißen Fläche war voraus etwas, das wirkte, als wäre da eine letzte abschließende abgerundete Goldlinie. Und dann, jenseits der goldenen Farbgebung: nichts weiter mehr.

 

Man würde doch stehenbleiben können, mußte nicht dabei verweilen, nach vor auszuschreiten.

Die umfinsterte Schönheit beharrte allerdings darauf, wollte er stehenbleiben, ihn voranzuziehen. Daß er sich zu fragen begann, wie das sein würde, wenn er sich dann unvermittelt von ihr losriß.

Bloß, es konnte nicht sein, daß sie, wenn dort ein steiler Absturz war, weiterschreiten würde wollen.

Ihr mußte die Idee doch selber kommen, daß ... Das hieß, wenn sie keine Selbstmörderin war. Anderes war undenkbar, als daß sie doch jetzt bald abrupt anhielt. Mit ihm neben sich stillstand.

Wenn dort Kante, Ende, Aus war, war nicht weiterzugehen.

Konnte er sich allerdings darauf verlassen?

Andererseits: Das war gesunder Menschenverstand.. Wenn es wo nichts mehr mit Vorwärtsgehen war, mußte abgebogen werden. Entweder nach links. Oder nach rechts. Kehrtmachen konnte man mit Sicherheit auch. Wenn es nichts mehr mit dem Geradeausgehen war.

 

Ein Glück, daß das näher Wirkende doch ein Stückweit entfernter war. Rasch erreichten sie das goldliniert scheinende Randstück nicht.

Er würde das sehen müssen, was es mit der Linienziehung dort auf sich hatte. Was es damit auf sich hatte.

Als gäbe es ein unausgesprochenes Einverständnis zwischen ihnen, daß sie beide, er und sie, im Moment wieder händchenhaltend dahinspazierten. Das war andererseits auch das Bessere, als wenn sie vorausschritt und ihn anfaßte, hinterherzerrte, sobald er stehenblieb.

Dann verharrte sie abrupt im Schritt. Augenblicklich, daß auch er anhielt. Schlußendlich war es nicht sein Anliegen, an der äußeren Umrandung einzutreffen. Sie war das, die sich den Weg dorthin wünschte.

Voraus, diese Art Keramikrandstückhlinie, sie bedenklich nahegekommen. Dahinter war es zwar ebenso milchig weiß, nur, eher in einer Weise, sich lieber auf den Bauch niederfallen zu lassen, auf die Stelle hinzurobben. Dort hinauszugreifen und hinabzusehen.

 

Seine Begleiterin bestaunte er. Ihr Antlitz, das wirkte verändert.

Er sah keine dunkle Haut, nichts Umfinstertes. Eine dunkelbraune Krustenschicht war das, was er an ihr erkannte. Wie eine tönerne Maske, die an ihr aushärtete, getrocknet war. Risse im Verkrusteten präsentierten sich an ihren Wangen, Bruchstellen. Was sie für eine Hautfarbe hatte, war deswegen lange nicht herauszubekommen, wenn das von Interesse war. Weil zwischen den Rissen Blut herauslief. Plötzlich war es ihm sowieso so, daß der Hautbelag Trockenblut war.

Bei ihr schaute er zu, wie die Blutkruste aufbrach. Je länger er darauf starrte, umso stärker lief das Rötliche.

Den Mund öffnete seine Begleiterin weit, sprach irgendwelche Worte, von denen er weiterhin keins verstand, woraufhin sich die nächsten Krustenrisse an ihrem Gesicht bildeten.

Dann hatte sie den Mund weit aufgerissen. Wie ein schmerzerfülltes Kreischen kam ihm das bei der Blonden vor. Blondfarbenes Haar, das sich büschelweise von ihrem Kopf löste. Die blutverklebten Haarbüschel fielen auf den keramikartigen Boden, sammelten sich dort.

 

Sie schloß die Lippen öffnete sie, zeigte rotverschmierte Zähne. Für ihn vollführte sie die Pantomime einer Kreischenden. War das wirklich lautstarke Kreischerei, vermochte er keinen Ton davon zu hören.

Nichts von dem, das sich ihm auf einmal durch sie darbot, war angenehm. Im Grunde war die gesamte Szene eine des Schreckens. Unbegreiflich. Was für ihr Getue veranwortlich sein könnte, auf nichts konnte er geistig kommen.

Schlimmste Verzweiflung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Panisch war der Ausdruck ihrer Augen.

Aus dem Stand sprintete sie los. Dorthin, zu der einen Kante, bei der es ihm, wenn er bloß hinsah, unheimlich war, unübersichtlich.

Fast hätte er sie noch an ihrem rotfarbenen Kleid erwischt. Eines, das eventuell nicht das bißchen rot war, sondern blutgetränkt. Dann war sie in einer Sekunde davon, ohne über die Umrandung drüberweggegangen zu sein. Nach der Seite war sie ihm entwischt.

 

Auch an ihren Füßen war diese bräunliche Krustschicht; dort, daß sich ebenfalls Risse ausbildeten, zwischen denen Blut herausquoll.

Außerhalb seiner Reichweite befand sie sich. Neugierig glotzte sie zu ihm her, als hätte es ihn in seinem Schwung über den Randbereich hinaustragen sollen; wäre er hinuntergestürzt, unglücklicher wäre sie darüber nicht gewesen. 

Wirklich ein Glück, daß sie weiter weg von ihm aufhielt. Im Moment wäre es mit ihr irgendwas passiert, wenn er sie greifen hätte können.

Obwohl mit ihrem Gegenüber nichts los war, machte sie am Absatz kehrt, rannte knapp längs der goldfarbenen Randlinie. Anscheinend achtete sie darauf, nicht unmittelbar an den einen Bereich heranzukommen, jenseits von dem es für den Absturz gehen konnte. Und das, wiewohl sie ihn in ihrem Rücken zu spüren schien, ihn, der ihr hinterherlief.

An sich glotzte er hinunter, beschaute schwarze Hosenbeine. Im Laufschritt, daß er es beibehielt, sie zu verfolgen, ohne sich recht im klaren darüber zu sein, warum. Was sollte sich ereignen, wenn sie einholte. Entweder, weil sie erneut stehenblieb, oder sie plötzlich nicht länger weiterlaufen konnte, wollte.

 

Hinunter blickte er. Da am abgerundeten Goldrand war tatsächlich Grenze, Ende, Aus.

Er blieb stehen, nachdem er sie nicht mehr sah. Keine Ahnung hatte er, wo sie schon wieder hin war. Der eine Augenblick, daß er abgelenkt war, hatte für sie hingereicht, daß er sie aus dem Blick verlor.

Spurlos verschwunden war sie für ihn.

Beinahe wäre er über den abgerundete goldeingefärbten Keramikrand hinweggetaumelt, beim Rundumdrehen. Nahe dran war er, abzustürzen, in eine ziemliche Tiefe hinab. Hätte er sich nicht im allerletzten Moment mit den Armen rudernd abgefangen, hätte er den Kampf mit dem Gleichgewicht nicht gewonnen, wäre er für ein Weilchen gefallen, immer tiefer hinab. Bis ...

Hinab, daß er starr linste. Jenseits, das wirkte wie eine Bodenfläche voller brauner Farbschattierungen. Hölzern. Ein Holzboden.

Was immer es war, es war sicher nichts besonders Angenehmes, drunten aufzuschlagen. Mit dem Leben wäre nicht davonzukommen gewesen.

 

SIE hatte sich nicht in das Abgründige hinabgestürzt. Wiewohl sie die war,  die in der Hinsicht Anstalten gemacht hatte.

Auf ihn, daß sie zugelaufen kam. Wie verzweifelt. Und ohne jedes Kleid. Trotzdem konnte bei ihr nicht von Nacktheit geredet werden, weil ihr gesamter Körper braun-, schwarzverkrustet war. Wo er rote Sprenkel gewahrte, war bei ihr die Kruste aufgebrochen.

Einen weit geöffnetem Mund hatte sie. Wie es ausschaute, war sie unablässig am Kreischen.

Hilflosigkeit stand in ihrem Blick geschrieben. Trotzdem wünschte er sich nicht noch mal, daß sie näher an ihn rankam.

Knapp an der bleichen keramikgleichen Kante lief sie entlang.

Dann war sie erneut unmittelbar bei ihm eingetroffen, bei ihm, der sich das gewünscht hätte, daß sie im Laufschritt einen schlimmen Fehltritt begangen hätte. In einer Sekunde hätte sie wegkippen können, um hinunterzuknallen.

Hätte er keine Mühen aufwenden müssen, sie mal herzustoßen.

Schon irre, wie sich die Gefühle von ihm für sie gewandelt hatten. Vor ein paar Augenblicken, nicht ewig her, waren sie noch händchenhaltend auf dem Weg gewesen.

 

Überhaupt nicht bewußt war ihm das zunächst, daß er, statt sich von ihr fortzubegeben, auf sie zueilte.

Erst versuchte er, sich zum Innehalten zu bewegen. Bloß, er gehorchte sich nicht.

Zwar wirkte sie näher, trotzdem blieb sie eine Zeitlang gleich weit entfernt. Verstehen konnte er den Effekt nicht.

Dann war er wieder nahe genug an sie herangekommen.

Früher hatte sie besser ausgesehen, überlegte er. In ihrem Antlitz konnte er vor dicker Verkrustung die Augen nicht mehr sehen. Ein paar längere blonde Haarsträhnchen, daß ihr am Schädel blieben.

Es gelang ihm, sie am Handgelenk zu packen. Widerwillig hielt er fest, gerade, als sie über den Keramikgoldrand hinwegtorkeln wollte. Zu sich zerrte er sie hin, riß sie an sich vorüber und stieß sie von sich.

 

Es war komisch, er rappelte sich auf die Beine hoch, ohne mitgekriegt zu haben, wie er zu Boden ging. Das beobachtete er, daß sie sich ebenfalls hochrappelte.

Er hatte sie gerettet, sie davor bewahrt, daß es für sie abwärts ging. Dankbar sein wollte sie ihm deswegen allerdings nicht im geringsten. Ihr Antlitz war das einer vor Zorn wütenden Furie. Ihre Worte spuckte sie heraus, daß blutige Fäden aus ihrem Mund auf ihn losspritzten, ihn mit ihrem Blut besudelten.

Hätte sie darauf verzichtet, mit ihrem Wutausbruch daherzukommen, hätte sie mit Sicherheit weniger Blut vergossen.

Herum giftete sie. Dabei war sie wirklich kein angenehmer Anblick, mit dieser ständig neu aufbrechenden Krustenschicht, bei der die Blutrinnsale am Laufen waren.

 

Viel zu nahe war er ihr. Tatsächlich, daß sie ihn von sich wegstieß.

Das wiederholte sie, ihn mit beiden Handflächen vor die Brust zu stoßen. Während er nicht begriff, warum er auf ein neues zu ihr hinmachte. Um sich rempeln zu lassen. Darüberhinaus schwer zu sagen, warum er sich das gefallen ließ.

Ihre Augen wurden groß. Sie guckte dabei aus der Wäsche, als wäre ausgerechnet sie irritiert.

Das nächstemal, daß sie ihm brusthoch einen Stoß verpaßte. Diesesmal jedoch, daß sie, als er zu ihr zurückkehrte, seitlich auswich.

Nicht ihr drohte die Gefahr, über den abgerundeten  Keramikrand hinwegzumachen. Er hatte allergrößte Mühe, nicht abzustürzen. Wie er sich abfing, klar war er sich darüber nicht. Ausreichend lange schaute er auf das hellbraunfarbene Holzartige hinunter. Um am Ende mitzukriegen, daß er ihr neuerlich zugewandt war.

 

Ihr Schädel war haarlos und dunkel verkruste. Am Tanzen war sie. Herausfordernd. Wobei sie sich dauernd in einer ausreichenden Entfernung von ihm hielt, jedoch knapp dran an der Möglichkeit, sich bei einem Fehltritt zu einem Absturz in die Abgründigkeit zu verhelfen

Es blieb dasselbe wie zuvor: Sobald er sich ihr näherte, schaute sie zu, außerhalb seiner Reichweite zu bleiben.

Unbegreiflich fand er es, das an sich zu bemerken, daß er sie gestenreich anflehte, mit ihrer gefährlichen Herumtanzerei aufzuhören. Lieber sollte sie von der Keramikumrandung wegbleiben, zu ihm herkommen. Sich in seine Arme zurückbegeben. An seiner Brust befände sie sich in Sicherheit.

Was ihm einfiel, er begriff sich nicht. Sein eigenes Verhalten mißfiel ihm außerordentlich. Was lag ihm denn an ihr? Sie war es außerdem, die sich aufführte, ein seltsames Gehabe präsentierte. Alles war rätselhaft; am meisten das, woher man sich überhaupt kannte, daß man miteinander irgendwohin gehen hätte können, unbestimmt wo eintreffen.

Wie er das haßte, nicht von dem Fleck wegzukommen, an dem sie sich aufhielt.

 

Sie lachte ihn aus. Es wirkte, als könnte sie sich vor Gelächter kaum mehr einkrigen. Zwar hatte sie kein einziges blondes Strähnchen mehr am Schädel, ihre blutumrandeten Zähne schienen allerdings vollständig geblieben, während sie sich zähnefletschend verhielt

Lachen hatte sie für ihn übrig. Für ihn, der sich abmühte, an sie heranzugelangen.

Es blieb frustrierend, ihr bei ihrer spotterfüllten Lacherei zuzuschauen. Richtige Tanzschritte übte sie nahe der abgerundeten weißlichen Kante, schüttelte dazu ihr kahles Haupt, forderte ihn mit winkender Geste auf, doch endlich an sie ranzukommen.

Spreizend, daß sie sich tanzend wiegte. Während ihr überall aus dem Schwarzverkrusteten, das rissig, brüchig war, Blut heraussickerte. Größere, kleinere Rinnsale waren das.

Ein angenehmer Anblick war sie nicht. Nichtsdestotrotz, begehrenswert schien sie sich vorzukommen. Je länger sie sich in der Weise rumtanzend verhielt, umso mehr erfreute sie sich daran.

 

Zornig versuchte er, sie zu fassen zu kriegen. Sie beidarmig um die Hüften zu fassen und hochzuhieven. Um sie ...

Klar war er sich dessen nicht, was er genau wollte. Sie von sich schleudern. Dafür sorgen, daß sie in die Tiefe hinunterstürzte.

Nichts mehr hatte damit irgendwas zu tun schaffen, daß sie mal händchenhaltend rumspaziert waren.

Dann war er doch irgendwie näher an ihr dran. Nichtsdestotrotz, jeder seiner Umklammerungsversuche, der lief bei ihr ins Leere ging. Viel zu reaktionsschnell war sie für ihn. Überdies war sie für ihn zu glitschig. Seinen zupackenden Händen entwand sie sich mit einem hämischen Grinsegesicht.

Als er nach ihr zu schlagen anfing, duckte sie sich locker weg. Seine geballten Fäuste sah er fliegen, alles mögliche an Luft treffen, nur nicht sie.

Der bei ihr wahrzunehmende andauernde Blutfluß, der wollte nicht schwächen.

Ihre Bespaßung, wegen seiner zahlreichen Fehlversuche, war nicht von schlechten Eltern.

 

Plötzlich waren manches rundherum verändert. Haufenweise Leute taumelten in der Landschaft rum. Als wäre Marktplatz, ein Konzertbesuch, irgendwas, das Volksmengen anzog.

Allesamt, daß die der Menge wie aus dem Nichts auftauchten. Ein echtes Rätsel, wo die herkamen, obwohl sie von irgendwo herkommen mußten. Irgendeinen Herkunftsort mußte man haben. Wie er ebenso.

Jeder in der mehr oder weniger drängeligen Menge hatte diese komische Krustigkeit, wo Hautfläche sein sollte. Mehr oder weniger das Blut lief bei den Gesichtern, oder sonstwo, wo Kruste aufbrach.

Jeder, den er anblickte, war irgendwo am Bluten. Männ-, weiblich. Es war der reinste Horror.

Da war nun unvermittelt eine, die mitten über der Menschenmenge von weiter oben herabschwebte. Keine Ahnung hatte er, warum die, die ihm auf der Stelle bekannt vorkam, einfach so in der Gegend rumschweben konnte.

Wenn er genauer hinschaute, befand sie sich frei in der Schwebe. Kein Mensch, der sie in der Höhe hielt oder auf den Schultern trug. Flügeln oder irgendso etwas präsentierte sie ebenfalls nicht.

Das war Marga war, wußte er. Marga, seine Freundin. Das war Marga, während die erste, die, mit der er eingetroffen war, von der er ein Weilchen nichts mehr gesehen hatte. Nichts als eine Namenslose war sie jetzt.

 

Alles andere als freundlich führte Marga sich auf, als sie ihn von oben herab gewahrt hatte.  Aufrührerisch gestikulierte Marga in der Landschaft rum, zeigte mit dem Finger in seine Richung. Was das sollte, das bei Marga, er verstand es nicht. Schließlich war Marga alleine eingetroffen, was etwas bedeuten mußte. Irgendwas. Sonst hätte Marga Begleitung mitgebracht.

Es war nicht zu fassen: Zornig sprach Marga von oberhalb mitten in eine Gruppe von ein paar Blutenden hinein, gestikulierte beim Sprechen und Schreien wüst in der Gegend rum, mit diesen bestimmten Fingerzeigen zu ihm hin.

Hätte Marga sich ihm gegenüber anders verhalten, vielleicht hätte er etwas wie Sorge dabei empfunden, daß Marga sich ohne Unterlaß, ein blutdurchtränktes Tuch in der Hand, Wangen, Lippen, Stirn herwischte. Obwohl sie die Wischerei gut und gerne unterlassen hätte können. Schließlich bewirkte die Wischerei bei Marga, daß sie nur um so mehr blutete. Andererseits sorgte das Wischen mit dem Tüchlein dafür, daß Marga die einzige ohne häßliche Gesichtsverkrustung war.

 

Es war unglaublich, wie es Marga blutig die Wangen, das Kinn hinunterstürzte.

Eigentlich hätte es Marga einfallen müssen, daß sie mit ihrem Tüchlein und dem andauernden Fortwischen alles bei sich nur verschlimmerte. Besann sich Marga nicht bald eines Besseren, ließ das mit der Herumwischerei nicht bleiben, war sie die noch die erste am Platz, die verblutete.

Das mußte Marga doch auffalen, Marga, die über allem schwebte, wie sie die Angelegenheit mit dem Blutfluß bei sich schlimmer machte. Kaum hatte sie das Blut weggewischt, fing es in der Art von vorne los. Während sich das Blut bei den anderen verkrustet hatte. Nur bei den Bruchstellen in der Kruste, daß es bei den meisten in Rinnsalen lief.

Wahnsinn, wie es jedem im Umkreis ähnlich erging. Was da passiert sein könnte, es war für ihn nicht zu durchblicken. Genauso wie der Umstand, daß die meisten alles reglos ertrugen. Währenddessen Marga verzweifelte. Marga, die eine, die tatsächlich das Blut nicht frei laufenlassen wollte.  Weil sie mit dem Tüchlein in ihrem Gesicht herumwischte. Zumindestens dort konnte sich deswegen nichts verkrusten.

 

Aufs neue, daß Marga damit begann, von dort, wo sie auf der Stelle über allem Volk herumschwebte, auf ihn hinabzuzeigen, eine feindselige, regelrecht haßerfüllte Fratze aufgesetzt.

Begreifen konnte er die Feindseligkeit Margas gegen ihn nicht so recht. Marga, mit ihr war er bekannt. Mit Marga war er bekannter wie mit der, mit der zusammen er vor Ort eingetroffen war.

Andererseits, schaute Marga ihm in die Augen, wich er ihrem Blick aus. Als wüßte er doch ein klein wenig was davon, weswegen Margas Verhalten so feindselig war.

Marga gestikulierte, winkte. Ohne daß irgendeiner der Menge sich um das bei Marga kümmern wollte. Zumindest wandte sich keiner nach ihm um oder kam auf ihn zu. Obwohl Marga mit ihren Armen und ihrer Winkerei ganz schön einheizte.

Von mal zu mal schadenfroher besah er sich das, wie Marga bei sich wischte und wischte. Herumfuchtelnd schrie, kreischte Marga scheinbar was. Jetzt freute in das, daß er taub zu sein schien, von nichts um rum viel erlauschen konnte. Wenn er Dinge nicht hörte, brauchte er sich wegen ihnen auch nicht größer aufzuregen. Außerdem blieb es dabei, trotz Margas Gehabe passierte nichts. Die Resonanz Margas bei den vielen war, daß Marga sich alles auch sparen hätte können.

 

Zur Abwechslung deutete Marga mal woanders hin. Er guckte hin, wen Marga meinen konnte. Um sich klarzuwerden, daß die eine, die zu anfangs der Szene seine Begleiterin war, tatsächlich auch noch in der Nähe war. Obwohl sie sich entfernter von ihm aufhielt, auf Distanz zu ihm blieb, als hätte man noch nie miteinander händchenhaltend Wege beschritten.

Um die, daß er sich doch gekümmert hatte, bedeutete Marga den vielen, über deren Köpfe sie unablässig rumschwebte. Das hätte er beibehalten sollen, sich um die eine zu kümmern, drückte Marga aus; man sollte das doch sehen, daß er mit einer anderen zusammen ankam. Nicht mit ihr, Marga, wäre er eingetroffen, mit der dort.

Er guckte hin zu der, auf die Margas Fingerzeig verwies, die eine, die vorhin noch am Tanzen war, nun nicht mehr tanzte.

Mit spitzem Finger zeigte und zeigte  Marga auf die ehemalige Blonde. In deren Gesicht nichts mehr irgendwie komisch verkrustet war; aus keiner einzigen Rißstelle waren bei ihr Rinnsale an Blut am Laufen. 

Vor Schreck, daß er mehrere Schritte zurücktaumelte. Großzügig wurde ihm von denen in seiner unmittelbareren Nähe Platz gemacht.

Es war Schrecken in Reinkultur. Nichts mehr als Dunkelheit war dort, wo mal die brüchige Verkrustung im Antlitz der einen war, mit der er Hand in Hand herbei. Verlorengegangen war all das an der einen, wegen der Marga sich aufgebracht aufführte.

 

Immer wähnte er, Marga wäre eifersüchtig. Was war aber, wenn Marga das nicht war, eifersüchtig. Wenn Marga aus anderen Gründen eine Wut auf ihn hatte.

Irgendwie war ihm das schlagartig klar, daß Marga nicht wegen irgendeiner Art von Eifersucht aufgebracht war. Marga zürnte, weil ...

Marga hatte einen Zorn, weil ...

Die Gründe für Margas Zürnen, er konnte sie sich nicht klarmachen.

Außer, daß er unvermittelt wußte, daß Margas Widerwille gegen ihn berechtigt sein könnte. Ziemlich berechtigt. Obwohl Marga ... Marga selber, sie hatte auch etwa angestellt, daß ...

Es hatte im nicht mißfallen, daß Marga mit ihrem blutdurchtränkten Tüchlein ohne Unterlaß am Blutfortwischen war.  Was aber jetzt war, das mißfiel ihm beträchtlich. Als er für ein Momentchen von Marga weggeschaut hatte, war von Margas Gestalt, nichts mehr zu sehen.

 

Die andere, die mal seine Begleiterin war, war lästig. bedrängte ihn. Von sich, daß er sie stieß.

Und dann war die eine nicht länger vorhanden, irgendwie. Es war, als hätte sie ausgeholt gehabt, um ihn nur mit dem Ärmel ihres blutdurchweichten Kleids erwischen zu können.

Knapp am Goldrand des Keramikbereichs, daß er eintraf. Zusammen mit der einen, von der nichts mehr zu erkennen war. Nur noch ihr rotgetränktes Leinen ließ was eines aufrecht stehenden Körpers vermuten. Ansonsten war nichts mehr, das Körperlichkeit bewies. Wie es ebenso bei den vielen in der  Umgebung war.

Dann fiel die restlos inhaltsleer gewordene Kleidung in sich zusammen, flatterte haltlos in den Abgrund hinunter. Ohne daß er das verhindern hätte können.

 

Als er zu Marga, die über allem drüberschwebte, hochstarrte, hatte er sich nicht geirrt. Etwas war bei Marga geschehen.

Als erstes wischte sich Marga mit ihrem blutigen Tüchlein nicht mehr übers Gesicht. Nichts mehr von Margas körperlicher Gestalt war wahrnehmbar, obwohl weiter irgendwas von Marga vorhanden sein mußte. Schließlich ließ sich Margas blutgetränktes Kleid weiterhin in einer Weise blicken, als würde sie getragen. Auch wenn nicht das kleinste bißchen was von Margas mit rissiger Kruste überzogenen Körper mehr zu blicken war.

Marga, sie war und blieb verschwunden. Als hätte sie sich mit den anderen zusammen in Luft aufgelöst.

Zu begreifen war da nichts. Alles an Marga war weg, Margas Kopf, Hals, Margas Arme ,die nackten Füße, die unter dem Kleid herausgeragt waren. 

 

Margas Ärmel schwangen weiterhin in der Gegend herum, als würde Marga was zeigen. Allerdings ohne irgendeinen Sinn. Als ob ein Wind in die Kleidung hineinführe. Windstöße, von denen er nichts spürte.

Einigermaßen schrecklich, unheimlich war das. Das Schrecklichste aber war, als Margas Kleidung auf die Keramikbodenfläche herabschwebte, dort auf einer freien Stelle, wo keine Gewandung anderer herumlag, liegenblieb.

Er, er wünschte sich fort von dem Ort. Begreifen konnte er nicht, was mit den vielen geschehen war. Mit Marga, mit der einen, die noch eine Blondhaarige war, als er gemeinsam mit ihr eingetroffen war.

Alle schienen plötzlich vergangen zu sein, irgendwas Unbegreiflichem zum Opfer gefallen zu sein. Lediglich die Kleidungshaufen, die noch davon Mitteilung machten, daß da vor kurzem noch Unzählige waren.

Der reinte Schrecken hatte ihn im Griff. Nach hinten wich er zurück. Ohne sich darüber klar zu sein, was er da anstellte. Achtlos war er. Bis es zu spät war, er den Fehler merkte, das begreifen mußte,egriff, daß er über den abgerundeten Art Keramiktellerrand hinweggeraten war.

Ins Leere, daß er trat. Nirgends konnte er mehr Halt finden. Rasend, daß er in das Abgründige hinabstürzte. Zu auf dieses Hellbraune, das nach einem Art Holzboden ausschaute.

 

 

 

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