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Blog von TeddeMehr

1. Teil: 1.2

1. Dezember 2019 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #dreimal erwachen

2

 

Er war böse aufgeprallt. Auf der bräunlichen Fußbodenfläche.

Daraufhin entdeckte er sich wach, wollte die Augen aufreißen. Ohne die Augenlider irgendwie auseinanderschaffen zu können. Auch sonst war nicht viel zu machen, nichts konnte er an sich wie gewohnt rühren. Und das, obwohl er auf Horror war. Voll die Panik spielte ihm mit.

In totaler Finsternis fand er sich vor. Es war ihm nicht mal klar, ob er noch Augen hatte, so Lider, die er aufklappen konnte.

 

Aufgeschreckt aus einem Alptraum war er. Um geradewegs im nächsten einzutreffen. 

Es blieb dabei, um in her war nichts als das Dunkel.

Nicht das geringste war das weiter gewiß, daß er noch eine körperliche Gestalt hatte.

Andererseits mußte er einen Körper haben. Wie hätte er ansonsten, so ohne Körperlichkeit, zu dieser oder jener Wahrnehmung fähig sein sollen?

Oder war das schon eine Erfahrung, eine nach dem eigenen Tod?

 

Das war nicht der Tod. Er war nicht gestorben.

Das mit dem dunkelhäutigen, umfinsterten Blondine. So eine jugendliche Schönheit, von der er nicht mal genau sagen konnte, ob sie wirklich schwarzhäutig war.

Was immer dort war, was er an Bildern frisch in der Erinnerung hatte - es war nichts als eine Traumszene.

Alles mit den verkrusteten Fratzengesichtern, an denen Rinnsale von Blut liefen. Diese vielen, die auftauchten, wie Marga später - das hatte er alles geträumt.

Nur in Träumen konnte geschehen, was dort geschehen war. Alleine die Keramikfläche mit dem Goldrand ... So was träumte einer allerhöchstens.

So ein Teller hatte er außerdem in der Küche. Von so einer gebrannten Keramik mit Goldumrandung hatte Marga am liebsten gegessen. Vielleicht war das der Grund ...

 

Nichts als Alptraumwelt. Wie sein augenblickes Befinden der reinste Alptraum war..

Was war nur mit ihm los?

Wenn eins sicher war: Er war nicht tot. Bei Bewußtsein war er.

Nur eins war ein Problem: Wie er sich bewußt war.

Es fühlte sich zumindest so an, als wäre er wach und an sich ganz der alte. Ganz davon abgesehen, was mit dem Rest war.

Er war er selbst. Er konnte denken. Gedanken fassen. Sich darauf besinnen, daß er Joachim hieß. Joachim Herrmann.

 

Wenn das zuvor Alptraumwelt war, hatte sich im Grunde durchaus wenig in der Hinsicht geändert.

Was momentan war, da war die Alptraumszene, von der er weiter als einziges etwas wußte, die reinste Abwechslung.

Diese folterhafte Eintönigkeit bei vollkommener Dunkelheit. Fast ein noch schlimmeres Alptraumgespenst. Eins, dem überdies nicht zu entkommen war,

Solange sich nichts anderes abspielte.

Plafond war er. An die blöde Alptraumszenerie konnte er sich entsinnen. Sonst blendete sein Hirn ihm nichts Besonderes ein.

 

Gegen die Ödnis des Dauerdunkelheit und dem Unvermögen, allzu viele klare Gedanken fassen zu können, fühlte sich die Alptraumszene mit dem schwarzen, blondhaarigen Mädchen wie eine Welt an, in der er besser bleiben hätte sollen.

Wäre dort nicht Marga aufgetaucht, zusammen mit den vielen. Marga, die für Unordnung sorgte. Für Stunk hatte Marga sorgen wollen, ohne daß auf Marga eingegangen worden wäre.

Alles hatte in einem Schrecken geendet. Im Traum. Paßte nicht schlecht zu Marga.

Zu einem Erwachen hatte der Schreck geführt. Obwohl dieses Erwachen kaum Erwachen genannt werden konnte.

 

Für sich mußte Joachim festhalten, daß sene Rückkehr ins Bewußte geradezu eine einzige Fortsetzung des Schlimmsten war.

Im Moment hätte er jedem Traumerleben den Vorzug gegeben. Bei dieser langweiligen Eintönigkeit von Dauerschwärze.

Urplötzlich stellte sich eine Veränderung ein. Erst begann es hintergründig. Als etwas Unangenehmes. Dann wandelte es sich zu Schmerz, Pein.

Eine Qual war das. Die reinste Folter.

Ihm war es, als hätte sich ihm bei vollstem Bewußtsein eine Folterkammer aufgetan. Gefoltert wurde er. Es stach, biß. Von überallher drang es auf ihn ein. War eine Bedrängung ohne Fluchtmöglichkeit.

Hätte er schreien können, hätte er geschrien.

 

Fast wäre er tatsächlich lieber wo draufgeprallt. Dabei ums Leben gekommen. Anstatt das Durchleben zu müssen, was er durchleben mußte.

Eine unsägliche Wirklichkeit.

Ein Brennen war das. Die Haut schien Joachim in Flammen zu stehen.

Keine Stelle seines Körper, die es aussparte.

Regelrecht ein Empfinden, wie irgendwo in ein Säurebad hineingelegt.

Aufs Beste trieb er in einer Flüssigkeit, wurde rundum geätzt.

Nur eins war leider nicht, daß die Säure ihn tötete. Daß daran zu versterben gewesen wäre, das war das einzige, das nicht war.

 

An der Schmerzerfahrung änderte sich nichts.

Im Wachen erlebte er etwas, das sich immer noch mal steigerte. Nochmals eine Raste weiter.

Es wollte überhaupt nicht wieder aufhören. Den Tod hätte Joachim jederzeit genommen, ihm den Vorzug gegeben, hätte er eine Wahl gehabt.

Plötzlich überfiel es Joachim schrill und grell. Lichtschein.

Es war festzuhalten, er hatte unvermittelt beide Augen offen.  Er blinzelte zu einer weißen Wand hinauf. Zur Zimmerdecke.

Es war nicht zu fassen: Er war nicht blind, er sah etwas.

Das Tränennaß mußte dafür gesorgt haben. Die Tränen weichten das bei ihm auf, das ihm die Augenlider verklebt hatte. Anders war das nicht vollstellbar.

Einiges an Tränensekret hatte es anscheinend dafür gebraucht, wieder wie üblich mit seinem Augenpaar ein Stückweit etwas sehen zu können. Obwohl sein Sichtfeld eingeschränkt war. Weiter, als daß er die Augen rundherum nach überallhin verdrehen konnte, reichte seine Sicht nicht.

 

Draußen mußte es Tag sein. Tageslicht.

Die Deckenlampe, sie leuchtete nicht. Elektrisches war nicht an.

Deutlich eins für ihn beim Augenverdrehen zu erkennen: das Schlafzimmer seiner eigenen Wohnung. Die Zimmerdecke.

Ein Glück, daß er die Fenstervorhänge nicht zugezogen hatte. Daß er das vergessen oder gleichgültig unterlassen hatte.

Das Licht eines gewöhnlichen Tages brach sich seine Bahn.

Eine Tatsache, sich etwas abzuregen: Nirgendwo sonst hielt er sich auf als daheim. Dort fand er sich wieder, wo er üblicherweise sein sollte. In seiner Wohnung.

 

Das mit der Betrachtung seiner Umwelt, obwohl der Radius bei ihm eingeschränkt war, mit dem er sich ein klein wenig vom Dauerschmerz ablenkte, das hörte für Joachim auf. Weil er anfing, grelles Geflirres vor  Augen zu sehen: Feuerräder. Sprühende Funken. Damit verschwand restlos alles. Davon abgesehen war nichts weiter mehr zu gewahren.

Es hörte nicht wieder auf. Die feurigen Spiralen drehten sich ihm unablässig im Kreis. Rechts-.lLinksherum.

Fast eine Art Feuerwerk. Jedoch kein erwünschtes, angenehmes Feuerwerk.

 

Den Zustand seiner Selbst fand Joachim entsetzlich. Entsetzlich schrecklich.

Schrecklich und ingesamt unerklärlich.

Vor allen Dingen fühlte er sich irritiert.

Fragen über Fragen, die sich ihm stellten: Was war denn mit ihm geschehen? Was war los?

Irgendwas hatte sich mit ihm ereignet. Ohne, daß er sagen konnte, was.

So zu erwachen, zu sich zu kommen, darauf wäre Joachim nie gekommen, daß ihm das mal passieren könnte. So irgendwann mal aufzuwachen, nie hätte er je an so was gedacht.

 

Gehör hatte Joachim auch. Bisher hatte er bloß trotzdem nicht so viel gehört, was sich zwar nicht größer änderte. Wegen des schrillens Pfeiftons, der in seinen Gehörgängen eingesetzt hatte.

Die Tonart war von einer ekelhaften Penetranz. Stellte sich einfach nicht ab.

Eine Blase, das wurde Joachim klar, die hatte er ebenfalls. Da drückte es ihn. Eine überdeutliche Aufforderung, mal hochzukommen, auf Klo zu laufen.

Wollte er es nicht rinnen lassen, mußte er aufs Klo.

Rinnen ließ es Joachim.

 

Das gehörte mit zum Elend dazu, daß die Verbindung zu seinen Beinen nicht so vereinfacht wie früher herzustellen war.

Er konnte gedanklich versuchen, was er wollte, es blieb die Lähmung. Obwohl es ihn von den Beinen her mehr brannte. Als zu der Zeit, ehe er dem dringlichen Bedürfnis noch nicht nachgegeben hatte.

Imstande war er zu nichts. Nichts an und bei sich war in Bewegung zu schaffen. Gleichgültig, was er meinte, sich überlegte.

Lediglich mit dem Paar Augäpfeln durfte er anstellen, was immer er sich wünschte. Nur, daß er mit den Augen nichts Großartiges überblicken konnte, solange sich die Flirrerei mit den diversen Mustern nicht abstellen wollte.

 

Zwischenzeitlich fiel ihm doch noch mal was ein. Zu dem dazu, daß er Joachim Herrmann hieß. Sonntagabend war es. Den Abend über hatte er drei, vier Flaschen Bier getrunken, verschiedene Kurze aus dem Schnapsglas und eine Flasche Wein. 

Das eine war ein Obstbrand aus dem Supermarkt; der Wein ein etwas besserer Wein, der einen Zehner gekostet hatte. 

So richtig betrunken war er sich deswegen die Abendstunden über nie vorgekommen.

War auch alles über den Abend verteilt. Andererseits: Die Kurzen, wenn er sich da ein Gläschen vollgemacht hatte, wurden die durchaus ex und hopp erledigt.

 

So für echten Vollrausch hatte er eigentlich nicht bei sich gesorgt. Sogar was gefeiert, und zwar das, daß die Geschichte mit Marga sich fortsetzte. Marga hatte sich gemeldet, gemeldet und gemeldet.

Das kam Joachim in den Sinn, daß er vorgehabt hatte, am frühen Morgen in die Arbeit zu gehen.

War anscheinend nichts daraus geworden, wie es im Augenblick ausschaute.

Ganz gewöhnlich in die Arbeit hatte er gewollt, Marga hin, Marga her. Und gleichgültig, was er am Vorabend so für Getränke konsumiert hatte. Eigentlich hätte er hochkommen müssen, aufstehen, sich für den Beruf fertigmachen. Daß er mal ein bißchen was intus hatte, vom Vorabend her, das hätte das nicht verhindern müssen, aus den Federn rauszukriechen. Unter die Dusche zu machen. Kaltgeduscht. Hätte es sich mit der Geschichte haben müssen.

Hatte es aber anscheinend nicht. Wie es ausschaute.

 

Den Kopf zermarterte Joachim sich.

Von der Tatsache abgesehen, daß er Bier, Schnaps und Wein trank, fiel ihm überhaupt nichts ein.

Was den gesamten Abend über bei ihm abgegangen war, wenn Marga sich wieder bei ihm meldete. Voll der Filmriß.

Daran sich zu erinnern, was das mit Marga genau war, jetzt, das wäre ihm momentan wirklich wichtiger als wichtig gewesen. Auf das mit Marga kam es ganz grundsätzlich an.

An allem, was mit Marga war, hängte sich alles auf.

 

Daß ihm nichts einfiel, was mit Marga war?

Hätte er sich nicht sofort an alles erinnern müssen, was zwischen Marga und ihm los war, am Sonntag?

Selbst wenn er totalbesoffen gewesen wäre - mußte er schließlich zugeben, daß er vier, fünf Bier intus hatte, zig Kurze, eine ganze Pulle Wein -, trotzdem war das, was ihm im Augenblick mitspielte, weit mehr als ein Kater.

Irgendwas anderes war ihm da passiert, daß es ihm so gehen konnte, wie es ihm im Augenblick ging.

Mit Sicherheit war das ein Zustand, viel schlimmer als irgendein gewöhnlicher Allerweltskater mit einem schwerem Kopf und dem.

Alkoholnachwirkungen hatte er in seinem Leben schon öfters mal gehabt. Hernach war allerdings bald wieder auf den Füßen. Lief auf beiden Beinen in der Gegend rum. Ganz anders, als das jetzt.

 

Zu voller Bewegungslosigkeit war er verurteilt.

Außer Herumzuliegen, war nichts drinnen.

Nicht zu begreifen, wie er zusichkommen konnte, um am Ende nichts weiter zu können, als dazuliegen.

Nur eins konnte er, blinzeln, die Augen hin und her verdrehen. Ziemlich eingeschränkt die eigene Schlafzimmerumgebung wahrnehmen. Wurde ihm das kurz gestattet. Ansonsten hatte er diese schrillgrellen Phänomene zu gewahren.

Wäre er lediglich verkatert aufgewacht, hätte er einhundertprozentig aufs Klo torkeln können.

Eigentlich war das immer, daß er aus einem Suff zu sich kam, um sich kurz darauf aufzurappeln, in der Wohnung die paar Meter nach nebenan zu machen. Und jetzt war nicht mal auf allen vieren was drinnen.

Kurz vom Doppelbett herunterzurutschen, am Boden unten ...

 

Mehrere Flaschen Bier, eine Weinflasche, verschiedene Kurze - mehr war  das nicht.

Es drehte sich ewig dasselbe in Joachims Kopf.

Der Grund, warum er in jüngster Zeit ein bißchen mehr Zeug kippte, hatte einen Namen: Marga. Bloß, am Sonntag, da war es anders. Da antwortete ihm Marga wieder. Es gab Unterhaltung.

Marga, sie bestand zwar darauf, weiter nicht zu ihm zurückzukehren. An eine Heimkehr zu ihm dachte sie nicht. Trotzdem ...

Marga weigerte sich, noch mal seine Wohnung zu betreten. Hatte gesagt, daß sie sicherlich zu ihm hinfahren würde, noch mal im Lift zu ihm hochzumachen.

Treffen wollte Marga ihn tatsächlich auch nirgends mehr. Es sei denn, er gestand ihr das zu, daß er sie wieder gehen ließ, wenn sie sich das wünschte.

Darauf war bei ihm nicht Verlaß, daß sie ohne weiters wo wieder weggehen konnte, das hatte Marga ihm wirklich mehrfach wiederholt. Ohne, daß er deswegen geflucht hatte, was dazu gemeint. Nicht wie sonst.

 

Obwohl Marga sich mit ihm unterhielt, ihm erzählen, wo sie sich aufhielt, das wollte sie nicht. Dabei hätte er sie gerne mal besucht, wäre sie sicher besuchen bekommen. Sich mit ihr unter vier Augen auszusprechen. Bloß, das wünschte Marga sich nicht. Dagegen hatte sie war, daß er sich bei ihr einstellte. Marga ließ sich einfach nicht darauf ein, ihm das mitzuteilen, wo sie sich zur Sekunde aufhielt. Das fiel ihr nicht ein.

Zorn auf Marga war in Joachim. Hilfloser Zorn. In seinem Bett konnte er nicht mal mit einer Hand auf das große Kissen draufhauen, in solch einem Zustand befand er sich. Daß nicht mal das ihm was half, sich ein Stückweit an was mit Marga zu erinnern.

Noch was wußte Joachim plötzlich wieder: Bei keiner der ihm bekannten Freundinnen war Marga untergekommen. Nicht bei Susanne, Gesche. Auch nicht bei dem Rippe genannten Typen, mit dem Marga schon mal gerne zusammengekommen wäre, der aber lieber Ilse nahm, Ilse, noch so eine Freundin Margas von früher.

 

Dutzende Anrufe hatte Joachim geführt. Elektronische Post haufenweise versandt, alles Adressen, die er hatte, weil Marga ihren Rechner bei ihm in der Wohnung gelassen hatte. Marga holte den Heimcomputer auch nie bei Joachim ab.

Nicht nur telefoniert hatte Joachim mit den Leuten, Kurznachrichten, Briefe versandt. Hatte er Realweltwohnorte, hatte er irgendwann persönlich an Wohnungstüren geklingelt. Nachzusehen, ob Marga wirklich nirgends anzutreffen war, wie man behauptete.

Bei Susanne und Gesche war er in der Küche rumgesessen. Rippe hatte ihn nicht reinlassen wollen, ihm dann die Wohnungstür vor der Nase zugeknallt. Daß Joachim ihm mehrfach gegen die Tür trat, ohne ihm diese einzutreten.

Ein Glück hatten Rippe und Ilse, daß es sich herausstellte, daß Marga echt nicht bei ihnen oben wohnte.

 

Weder Susanne, Gesche noch Rippe und Ilse wußten, wo Marga sich rumtrieb.

Der Weg zu ihren Eltern, der war für Marga jedenfalls zu weit. Es mußte sein, daß Marga sich unter falschen Namen wo einmietete. Oder tageweise ein Hotelzimmer nahm. Wenn sie nicht doch bei einer Arbeitskollegin unterkam. Andererseits war bei keiner etwas, wenn Joachim einer in einem Mietwagen hinterherfuhr.

Viel zu viele Unterkunftsmöglichkeiten gab es. Da mußte man auf sein Glück hoffen, Marga zufällig wo herauskommen zu sehen.

In den sozialen Netzwerken, daß Marga ihn blockierte. Briefe von ihm landeten wahrscheinlich im "spam"-Ordner. Es war kaum auszuhalten. Marga war für ihn nicht mehr erreich- und verfügbar.

Margas Netzwerkfreundinnen trugen ebenfalls dafür Sorge, daß Joachim bei keiner von ihnen mehr sichtbare Kommentare hinterlassen konnte, die Marga zum Mittelpunkt hatten.

Nicht mal mehr das Harmloseste mit Herzchen und dem Zeug, mit der Aufforderung an Marga, sie solle doch bitte zu ihm, ihrem Jo, zurückkehren, wurd mehr geduldet. Dabei tat ihm alles wirklich leid; so leid.

 

Marga hatte ihm die Tage immer wieder geschrieben. So Zeilen wie, er solle ihre Freundinnen in Frieden lassen. Die hätten alle mit der Geschichte zwischen ihm und ihr nichts zu tun. Andere Leute hätten ihn nicht weiter zu interessieren.

Dann hatte Marga die eine Handtelefonnummer auch geändert. Um sich doch wieder bei ihm zu melden. Am Sonntag hatten sie den ganzen Tag über miteinander getextet. Sogar per Telefonfunktion verschiedene Male miteinander gesprochen.

Was dabei genauer rüberkam, fiel Joachim im Moment nicht ein. Auf alle Fälle befand er sich alleine im Bett. Keine Marga weit und breit.

Der Kissenbezug sah an manchen Randstellen seltsam rot, gewissermaßen blutgetränkt.

Andererseits: Das war die Wirklichkeit, nicht die Szene seines einen Alptraums, von dem er ein Stückweit noch was wußte.

 

Hilflos fühlte Joachim sich.

Feuerräder drehten sich vor seinen Augen.

Was immer mit Marga war, sie war tagelang nicht mehr für ihn greifbar. Entweder war Marga in ein Hotel gezogen. Oder eben doch zu einer Kollegin, die mit ihr auf Arbeit war.

Auch Margas Eltern hatten einen Telefonnummernwechsel.

An ihrem Arbeitsplatz war Marga seit Tagen nicht, fiel es Joachim ein.

Bei Marga im Büro hatte er mehrfach vorbeigeschaut. Dort sagte man ihm, daß Marga sich mehrere Wochen Urlaub genommen hätte.

Drei Wochen am Stück konnte Marga sich nehmen, so übervoll war ihr Überstundenkonto. Andereseits mußte Marga nicht auf Arbeit erscheinen, konnte auch von daheim aus am Rechner arbeiten. Das hatte Marga auch schon öfters gemacht, als sie noch mit Joachim zusammen war.

 

In ihrer Firma erschien Marga auf alle Fälle derzeit nicht, resümierte Joachim.

Irgendwas war darüberhinaus mit Marga, worauf Joachim im Moment nicht kommen konnte, weil es bei ihm blockiert war.

Etwas war mit Marga, und er konnte es sich nicht ins Bewußtsein zurückrufen. Sosehr er sich auch das Gehirn zermarterte.

Ein Zischlaut hörte Joachim in der Stille. Klang ziemlich entfernt, das Zischen.

Die Erkenntnis ließ ihn zusammenzucken, daß er zuvor die Zeit nichts erlauschen hatte können. Genausowenig, wie er in der Lage war, zu zucken.

Aber, er hatte gezuckt. Ganz unzweideutig hatte er wahrgenommen, daß er zuckte.

 

Daß die Getränke vom Vorabend so reinhauen hätten können. Vier, fünf Flaschen Bier, zig Kurze und eine Pulle Wwin.

Wäre er normal nicht draufgekommen. Normal hätte er in der Lage sein müssen, aus dem Bett rauszukommen. Aufs Klo. Ins Bad - unter die Dusche. Dann: sich anziehen, um ... War sicher, daß sie ihn am Arbeitsplatz vermißt hatten. Das würde Ärger geben.

War weiter nichts damit, trotz Gezuckes da und dort, sich größer in Bewegung zu bringen..

Bewußt kontrollierte er in Wahrheit nichts seiner Körpers als die Augenlider. Einzig una alleine, rumzublinzeln, das war nicht die Welt..

Es war einfach nicht fassen. Nicht das bißchen.

Das mit seinem Befinden, das konnte im Grunde nur bedeuten, etwas anderes war mit ihm geschehen. Mehr als unbestimmt die Alkoholnachwirkung vom Vorabend.

 

Irgendwas Schlimmeres war das, das ihm mitgespielt hatte. Was sich vom gewöhnlichen Geschehen stark unterschied. 

Etwas Unerklärliches geschah ihm. Oder träumte er all das jetzt bloß?

Keine Ahnung hatte er. Nicht die geringste. Was war Traum, was Wirklichkeit?

Ein wenig, daß er den Kopf anheben konnte, um wieder diesen Blutrand am großen Kissen zu blicken, das über ihn gebreitet war. Das, das er mit Sicherheit selber über sich gebreitet hatte.

Es blieb im großen Ganzen bei seiner Unfähigkeit, sich bewegen zu können. Lediglich die Augen, die sich verläßlich nach links und rechts verdrehen ließen. Den Blick konnte er schweifen lassen, wenn auch eingeschränkt, und nicht für sehr lange. Dann blickte er das nächstemal diese grellen Leuchtpunkte, sah es Flirren, all das. 

Keinerlei bewußte Macht hatte er an sich über sich.

 

 

 

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