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Blog von TeddeMehr

1. Teil: 1.3

3. Dezember 2019 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #dreimal erwachen

3

 

Kaum war Joachim wiedererwacht, war weiterhin nichts bei ihm beim alten. Vielmehr war die Geschichte wie vorhin. Nachdem er aus dem Alptraum aufschrak. Die eine unausstehliche Qual, die ihm aus jeder Richtung zurückkehrte; vor den Augen sah er Geflirre, sonst nichts

Tatsache, bewußt in die Welt zurückzukehren, das hätte ihm ohne weiteres erspart bleiben können.

Warum war er in der Zwischenzeit nicht einfach verstorben? So mies, wie es ihm ging, war das die Schwelle zum Tod. Allzuviel fehlte nicht.

Das mit seinem Ableben war ihm allerdings nicht geschehen, ließ auch auf sich warten, leider.

 

Wie es ihm ging, wer würde sich das wünschen? Ein einziger unsäglicher Elendszustand, den er erfuhr.

Jedes Tier, hätte man gesehen, wie miserabel das Befinden des Viehs war, wahrscheinlich hätte man es auf der Stelle eingeschläfert.

Während niemand bei ihm war, kein Mensch, der sich wegen ihm bekümmern konnte. Oder?

An sich hatte sich nicht das geringste geändert. Überhaupt nicht das allergeringste. Nichts wollte sich ändern.

Seine Schmerzenswelt lenkte nichtsdestotrotz ab. Davon, daß es noch was anderes gab: Durst, Hunger. Davon verspürte er nichts, obwohl Essen und Trinken grundsätzliche menschliche Bedürfnisse waren.

 

Trotzalledem, gleichgültig, wie mies es ihn erwischt hatte, es schien nicht arg genug für die nächste Ohnmacht. Daß sich dieses Glücksmoment einstellen hätte können, nichts weiter an sich und von all der Qual wahrzunehmen.

Nichts war, daß die Bewußtlosigkeit ihm zurückkehren hätte können. Oder daß das eine Momentchen sich einstellte, das Tod hieß.

Nicht zu verstehen war das, was war. Das, was hier über ihn gekommen war. Quasi über Nacht. Wenn das vorhin Tag gewesen war, dann mußten mehrere Nachtstunden dazwischengelegen haben. Eine Zeit, die er mitunter träumend verbrachte.

Am Goldrand eines Keramiktellers hatte er sich im Traum aufgehalten. Zusammen mit Leuten, mit Marga. Und einer Blondine, mit der überhaupt dort eintraf. Eine, zwar blondmähning, von der er trotzdem nicht sagen konnte, ob ihr Gesicht nun umfinstert war. Oder ob sie dunkelhäutig war.

Komisch war nur, daß sie eine Fremde war. Alle dort waren fremde Leute. Außer Marga kannte er keinen.

 

Ein ungemütlicheres Körpergefühl hatte Joachim in seinem bisherigen Leben nicht gehabt. Außer, daß das Leben war, wußte er davon nichts. Nichts daran war ihm bekannt.

Noch nie war es ihm so totalmies gegangen. Mit einem Kater von wegen ein paar alkoholischer Getränke zuviel hatte das wirklich nicht das bißchen was zu tun.

Oder war er doch lange tot? War das eine Art Fegefeuer?

Etwas, von dem einem die Religion im einzelnen was erzählte: daß es Sündern nach ihrem Ableben geschah, daß sie wegen ihren Sünden im Leben ...

Glaubte Joachim dann aber nicht, daß das was anderes wäre. Es war war weiter das eine Leben. Nur nicht so. So schön. Ganz im Gegenteil.

 

Geschah ihm nun das, was jedem mit Sünde Belasteten auf unabsehbare Zeit überkommen konnte?

War der Gedanke an einen Körper lange ein Trug?

Dieses Meer des Schmerzes, in dem er schwamm, schließlich die endgültige Rechnung für seine begangenen Sünden? Hiermit bezahlte er für seine Missetaten als Lebender?

Andererseits: Er hatte seine Augen schon mal offen gehabt. Vor seinen Augen hatte er es, das Dauerflirren. Er mußte es sich nur bewußtwerden.

Weiterhin hatte er seine Augenlider. Die Lider, tatsächlich gehorchten sie erneut seinem Willen.

Abermals vollbrachte es Joachim, die Augen zu öffnen. Um in der Gegend rumzublinzeln. Und etwas zu sehen.

Das letztemal, als er was schauen hatte können, war es ebenfalls bei Tag gewesen.

War das wieder ein neuer Tag?

 

In seiner Wohnung und in seinem altgewohnten Schlafzimmer befand er sich, blickte Tageslicht.

Womit es allerdings schlagartig vorüber war. Die Feuerräder und Spiralformen, die ihm überfallartig wiederkehrten.

Aber, immerhin: das Blinzeln, dazu war er ohne Unterlaß in der Lage.

Vielleicht mußte er lediglich Geduld aufbringen, war drauf zu warten, wieder einwandfrei rumblicken zu können.

 

Unverhofft hatte Joachim den Blick erneut klar. Das nächste, das grenzte nahezu an ein Wunder: Er konnte sich im Bett in die Seitenlage drehen.

Vor Freude wollte Joachim durchdrehen. Seitlich lag erblinzelnd seitlich mit der rechten Wange am Kopfkissen in seinem Bett.

Weiß war der Kissenbezug nicht gerade zu nennen. Angefeuchtet war der Stoff überdies.

 

Dort war sein Nachtkästchen, und am Nachtkästchen stand der Radiowecker.

Die Augen richtete Joachim aufwärts, starrte diagonal hinauf, weil er es nicht schaffte, den Kopf anheben zu können.

Wie sehr er sich das mit dem Kopfanheben auch wünschte, es tat sich nichts.

Es dauerte und dauerte, bis er die Zahlen der digitalen Anzeige am Elektrogerät erkennen und ablesen konnte: 14 und 42 mit Doppelpunkt dazwischen.

Vierzehn Uhr zweiundvierzig. Dreiviertel drei, dreiviertel drei Uhr am Nachmittag.

Es war nachmittags. Schließlich war es draußen taghell. Unter freiem Himmel schien die Sonne. Es war hellichter Tag.

 

Als wäre diese Erkenntnis was Besonderes, daß Joachim sich in die Rückenlage zurückbegab. Das Gesicht aufwärts, glotzte er zur weißgestrichenen Zimmerdecke hinauf.

Am Rücken lag er in seinem Doppelbett, und er hatte das Gefühl, er sollte die gute Phase ausnutzen, während der er sich fast normal fühlte.

Den Kopf samt Nacken hob Joachim an. Vollbrachte es, ihn oben zu halten.

Ziemlich altgewohnt üblich, die Umgebung, die er in seinem Schlafzimmer beim Rumgucken überschaute.

Im Grunde war nichts anders wie sonst auch. Nichts, das ihm irgendwas erklären hätte können. Am wenigsten das, was mit ihm los war. Was überhaupt im Augenblick sich abspielte.

 

So war er im Schlafzimmer seiner Wohnung eingerichtet. Die Räumlichkeit, alles ganz profan beim Althergebrachten.

Der Kleiderschrank mit Doppelflügeltür linker Hand.

Rechter Hand: das Ecktischchen mit weißem Deckchen, der blaufarbenen Vase mit der Kunststoffrose, die drinnenstak.

Die künstliche rote Rose hatte er auf dem Wochenmarkt an einem Schießstand mit dem Kleinkalibergewehr erballert. Für Marga.

Zwei Monate bald her. Seitdem lag das Stück Kunstoff dort, das knickbare Plastikstacheln hatte.

 

Als das gerahmte Bild mit Margas Lächelgesicht noch an der Mauer mit der Blümchentapete hing, erinnerte das Zimmereck immer ein klein wenig an einen Altar. Einen für Marga.

Bis zu dem Augenblick, als er das Marga-Porträt abhing.  Auch die bunten Kleckschen-Malereien hinter Glas und Rahmenwerk, die die Schlafzimmerwände darüberhinaus geschmückt hatten, hatte er entfernt.

Marga war die gewesen, die die Bilder am Flohmarkt erstanden und an den Wänden im Schlafzimmer plaziert hatte.

Vor allem aus dem Grund hatte er sich drum gekümmert, die Dinger wegzumachen: weil die Kunstwerke exklusiv Margas Wahl waren.

Vor Joachims innerem Auge entstand eine Szene mit Marga, Marga, die sich mit einem Hammer und kurzen Nägeln beschäftigte. Bis sie die Bildnisse an den von ihr aufgesuchten Orten hängen hatte.

Ansonsten gab es außer dem Fenster mit weißem Store noch jede Menge hellbraunen Teppichboden, den Marga am liebsten rausgerissen gesehen hätte.

 

Viel zu lange hatte Joachim das gemacht, Nacken und Kopf oben zu halten, sich im allzu Vertrauten, Bekannten umzusehen.

Der Hinterkopf landete ihm schwer auf dem Kopfkissen - womit ihm die Pein im wahrsten Sinne des Wortes von der hinteren Nackengegend her regelrecht explodierte.

 

 

 

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