1. Teil: 9.9
Bereit war Jo, der Revolvermann, eigentlich, jede Sekunde schnell zu ziehen.
Es kam bei ihm einzig und alleine darauf an, was sich ereignete. Wie rasch er auf auf die Situation reagieren konnte.
Daß er zu blitzartiger Reaktion fähig war, das wußte er. Vielfach hatte er das mit seiner Schnelligkeit schon bewiesen. Trotzdem, es mußte was drin sein für Jo, den Revolvermann. Daß er vielleicht eine Bewegung aus den Augenwinkeln sah, was lauschte oder Susan, der Wallach, sich seltsam aufführte.
Auf Susan, dem Wallach, daß Jo, der Revolvermann, immer unmittelbarer an das eine aus Holzlatten genagelte Farmhaus das der Mittelpunkt von allem am Ort war, herantrabte.
Seine Rechte ließ Jo, der Revolvermann, locker in Holsternähe baumeln.
Aus der Distanz hatte alles so prächtig ausgesehen. Je näher er allerdings an die gesamte Gebäudeeinrichtung herankam, um so miseraler und heruntergekommen, daß überall alles ausschaute.
Nicht das kleinste bißchen an Prächtigkeit faßte Jo, der Revolvermann, mehr ins Auge. Je mehr er herumblickte, um so baufälliger erschienen die hölzernen Aufbauten.
Böse in Verfall befand sich alles, konstatierte Jo, der Revolvermann. Holz, das abstand, sich verbog oder überhaupt fehlte.
Alles war schief, verzogen. Als bräuchte es nicht mehr viel, nichts als einen besseren Windstoß, einen Holzaufbau in einer Sekunde in sich zusammenstürzen zu lassen.
Das Hauptgebäude, die verschiedenen Stallungen, Silos und die beiden kleineren Schuppen, sie hätten einer dringenden Renovierung bedurft.
Während Jo, der Revolvermann, über Verwahrlosung sinnierte, lagen plötzlcih Dachschindeln auf der weißen Bodenfläche herum. An jedem Spitzdach zeigten sich Löcher, daß es hineinregnen konnte.
Es mußte auch bereits des öfteren hineingeregnet haben.
Das Kinn rieb sich Jo, der Revolvermann, her. Weiter bot er das allerbeste Ziel.
Als wäre nichts die Möglichkeit, hatte noch niemand auf ihn geschossen. Obwohl eins klar war: die Gewehre, Schießeisen der Willy-Meute waren mit Sicherheit nicht verrottet. Die setzten keinen Rost an. Die Langwaffen, Revolver, die waren mit Sicherheit auseinandergenommen, gereinigt und schußbereit. Ebenso, wie die Dolche geschärft und spitz sein mußten.
Waffenpflege war auch Jo, dem Revolvermann, ein Anliegen.
Im Sattel auf dem Rücken Susans, des Wallachs, hockend, verdrehte Jo, der Revolvermann, seinen Hals nach links und rechts, wandte sich um.
Jede Kugel würde in derselben Sekunde ihren Bestimmungsort finden, in der er den Schuß hörte. Seit altersher war das eine Begebenheit war.
Für Jo, den Revolvermann, der wieder normal im Ledersattel herumsaß, sich allerdings klein machte. Wie in sich zusammengesunken, war linker Hand ein auf vier dicken Holzpfählen aufgesetzter hölzerner Silo.
Von den hölzernen Pfählen blickte Jo, der Revolvermann, in dem Augenblick das erste Mal was. Die stämmigen Pfähle hatte er bisher noch nicht gesehen. Vielleicht, weil er von woanders einen anderen Blickwinkel hatte.
Voraus von sich widmete sich Jo, der Revolvermann, mit seiner Aufmerksamkeit der Veranda des einen Farmgebäudes, über die er bisher absichtsvoll ein wenig hinweggesehen hatte.
Im Grunde mußte wer daheim sein. Wenn Marga, die Barfrau, nach hierher unterwegs war, befand sie sich in ihrem weißen Kleidchen und ihrem brünett gefärbten Haarschopf irgendwo im Innern. Vielleicht beobachtete Marga, die Barfrau, Jo, den Revolvermann. An der Seite eines Willys? Oder des Willys der Willys?
Daß sich irgendwer am Hof aufhielt, bewies der bestens gefüllte Futterbeutel, den man Pferden vorhängen konnte, wenn die Heu nötig hatten.
Das hieß, wenn Marga, die Barfrau, nicht alleine mit Jo, dem Revolvermann, rechnete. Schließlich war das ein einziger Vorhängebeutel. Jo, der Revolvermann, saß auf Susan, dem Wallach. Sonst war niemand bei Jo, dem Revolvermann, dabei. Jo, der Revolvermann, und sein Gaul.
Zwar teilte nichts davon mit, daß am Gelände viele Kuhhirten mit Tieren umgingen. Nachdem die Koppeln leer waren. Nur, wenn man darüber nachdachte, ob noch jemand anders als die Willys hier hausen könnten, mußten sie in einer der größeren Stallungen bei den Reittieren untergebracht sein. Allerhöchstens der Butler, die Köchin, von denen war noch vorstellbar, daß sie ebenfalls im Haupthaus bei den Willys wohnten.
Oder hatte man keine Viehtreiber von außerhalb, trieben die Willys ihr Vieh selber? Nicht leicht vorstellbar, Willys, die auf ihren Reitpferden um Viehherden herumritten.
Willys, jenes schiefmäulige Gesindel, von dem Jo, der Revolvermann, als er sich nach dem Willy der Willys zu erkundigen anfing, erzählt wurde, daß, wenn er Willys und den Willy der Willys finden wolle, in Saloons suchen sollte. Bei käuflichen Weibern, dem Whiskey-Glas; auch an den Tischen für das Glücksspiel.
Herauskommen aus dem Haus, sich Jo, dem Revolvermann, gegenüberzustellen, nach dem Begehr Jo's, des Revolvermannes, zu fragen, das schien einstweilen keiner zu wollen. Nicht einer der Willys. Genausowenig, wie Marga, die Barfrau, sich präsentierte. Marga, die Barfrau, als eine Brünette. Obwohl die Gefahr bestand, daß Jo, der Revolvermann, nicht zu lange auf etwas wartete und die Tür ins Wohnhaus hinein auftrat.
Andererseits, Jo, der Revolvermann, er konnte auch Geduld zeigen.
Für Jo, dem Revolvermann, war es zunächst besser, draußen zu bleiben, von außerhalb die Bruchfenster zu überblicken, die seitlich herabhängenden Fensterläden.
Zwei zerbrochene Fensterscheiben überblickte Jo, der Revolvermann, bei denen die ursprünglich vorgemachten Läden bis auf den Verandaboden herunterhingen. Als hätten Kugeln dafür gesorgt. Jede Menge Blei, das in das Holz rundherum um die Fenster eingeschlagen war.
Spuren einer Schießerei, die nicht weggeräumt waren. Alles erweckte vielmehr den Eindruck, als wäre seit längerem niemand mehr vor Ort gewesen. Kein Willy oder sonstwer.
Bloß, Marga, die Barfrau, die Schwebende mit dem langen brünetten Haarschopf, die mußte hier Ankunft gehabt haben. Wenn Jo, der Revolvermann, nicht das Falsche meinte.
Nahe bei sich gewahrte Jo, der Revolvermann, jedoch die eine Querstange fürs Anleinen seines Pferdes. Diesen unerwarteten Luxus pur, dem mit einem nahezu bis zum Rand gefüllten Wassertrog und einer Strohfuttervorhängetasche, die von dem Holzpfahl gegenüber herunterhing.
Nicht leer, die Tasche, sondern erkennbar mit Inhalt.
Obwohl er nicht das kleinste Lüftchen im Gesicht spürte, drehte sich ein Windrad vorne am spitz zulaufenden Silodach, als wäre vor Ort eine steife Brise am Wehen.
Schwapp - schwapp - schwapp ... Sehr geschwind in der Abfolge, das Rad.
Eine Vierer-Lattenstiege hoch zu Veranda bestaunte Jo, der Revolvermann. Stieg er von Susan, dem Wallach, runter, begab er sich auf den kurzen Gehweg, eröffnete sich ihm eine kleine Schreitfläche unter einem baufälligen Vordach.
Seitlich war das überall eine hübsche Schnörkellatten-Veranda, wäre da nicht viel zuvor entzweigeballert worden. Latten zer- und durhcschossen; manches Holz, das splitterte.
Nach der zugemachten Holztüre, die ins Farmgebäude hineinführte, glotzte Jo, der Revolvermann, dumpf.
Ins Türholz war auch das eine oder andere an Bleikugeln eingeschlagen. Ohne größeren Schaden an der Tür anzurichten.
Seitlich fanden sich jetzt zu beiden Seiten je drei Fenster, die ihre Schutzläden eigentlich allesamt ziemlich schief hatten. Wenigstens hielten bei der einen oder anderen Fensteröffnung die Dinger knapp noch, erfüllten einigermaßen ihren Zweck. Daß nicht genau zu sehen war, wie kaputt die Glasfenster waren.
Welch ein schäbiger Ort! Einer zum Davonreiten. Mir nichts, dir nichts dafür zu sorgen, daß Susan, der Wallach, kehrtmachte.
Wäre der Trog voll mit Wasser nicht gewesen und hätte sich keine Vorhängetasche mit Strohfüllung hingehängt entdecken lassen.
Sobald er einmal am Gebäude wo eine flüchtige Bewegung blickte, wollte Jo, der Revolvermann, seine Revolver aus den ledernen Holstern herausreißen und in Richtung jedes Fensters feuern.
Hier kamen schließlich Willys, und es durfte vermutet werden, daß, wenn sich irgendwo etwas regte, das mit Willys zusammenhing, die angekommen waren.
WILLIES KOMMEN - das war auf dem einen hölzernen Begrüßungsschild geschrieben gestanden.
Was immer unter jenem WILLIES KOMMEN zu verstehen war.
Auch das bereitete Jo, dem Revolvermann, kein Problem, stellte sich später heraus, daß er auf Marga, die Barfrau, geschossen hatte. Marga, die Barfrau, die dem einen Willy eigentlich schon länger jetzt die Stange hielt.
Nur, es blieb ein klein bißchen unsicher, ob die eine Brünette tatsächlich Marga, die Barfrau, war. Bezog das WILLIES KOMMEN sich jedoch auf die einen Willys, hinter denen Jo, der Revolvermann, her war, war das nun das erstemal seit längerem wieder eine Gelegenheit, eines Willys habhaft zu werden. Oder sogar des Willys der Willys.
Einen Willy zu treffen. Vielleicht genau zwischen die Augen. Was hätte Jo, der Revolvermann, dafür gegeben.
Alleine deswegen sollten Willys sich an dem Ort aufhalten, damit Jo, der Revolvermann, sie niederschießen konnte. Auch gerne zu dritt nebeneinander dastehend. Wie immer, die Hauptsache war, dieser und jener Willy war tot. Und wenn der eine Willy der Willys in seinem Blut lag, waren sowieso sofort alle Willys hinüber.
Dann blieb nur mehr die Frage, was aus Marga, der Barfrau, werden sollte. Was Marga, die Barfrau, brauchte, was nicht.
Gereizt begann Jo, der Revolvermann, sich zu fühlen. Weil sich keiner zeigte, nichts sich ereignete.
Auch Susan, der Wallach, wollte nicht nur auf der Stelle rumstehen. Susan, der Wallach, wollte fressen. Susan, der Wallach, wünschte, daß ihm der Futterbeutel umgehängt würde.
Öfters hatte Jo, der Revolvermann, jüngst irgendwo länger gewartet. Dabei hatte Jo, der Revolvermann, bei sich gemeint, daß nicht noch mal zu lange auf irgendwas warten würde. Auf nichts und niemanden. Am allerwenigsten aber auf Marga, die Barfrau, und noch viel weniger auf irgendeinen Willy.
Obwohl das ein verfluchtes Willy-Heim war, konnte jeder Willy Jo, dem Revolvermann, auch gestohlen bleiben. Wenn keiner der Willys den Wunsch hatte, Jo, dem Revolvermann, offen gegenüberzutreten, konnte Jo, der Revolvermann, auch am Zügel Susans, des Wallachs, ziehen, damit dafür sorgen, daß der Wallach sich umwandte und die Strecke, die er hergetrabt war, zurücktrabte.
Selbst wenn jene gespenstisch in weißes Laken gekleidete Marga hierher geschwebt sein müßte, hieß das nicht, daß diejenige sich wirklich drinnen im Wohngebäude aufhielt. So heruntergekommen, wie alles ausschaute, war Willies Kommen am Ende doch Geisterort.
Den Kopf schüttelte Jo, der Revolvermann, schob seinen Stetson in den Nacken zurück.
Über Marga, die Barfrau, konnte er sich nur noch wundern. Daran entsann Jo, der Revolvermann, sich gut, daß Marga, die Barfrau, zuletzt öfters gemeint hatte, bürgerlich werden zu wollen. Glattweg ein anderes Leben woanders wollte sie beginnen.
Damals, als Marga, die Barfrau, mit Jo, dem Revolvermann, darüber sprach, daß sie sich selbst als Farmersfrau vorstellen könnte. Oder die eines Kaufmanns, Lehrers. Zumindest, wenn Jo, der Revolvermann, der Whiskey trank, sich recht daran erinnerte.
Marga, die Barfrau, als die Gemahlin eines Farmers, Kaufmanns, Lehrers. Der Witz, der war gut. Jo, der Revolvermann, der lauthals loslachte.
War auch alles anders gekommen, wovon Jo, der Revolvermann, erfuhr, als er das nächstemal in die Stadt einritt, in der er Marga, die Barfrau, in dem einen Hotel mit Saloon wußte. Erfahren mußte Jo, der Revolvermann, daß Marga, die Barfrau, die nicht dort zu finden war, wo sie sonst immer zu finden war, in der Zwischenzeit mit jemandem besser bekanntgemacht hatte. Mit dem Willy der Willys.
Mit dem Willy der Willys, daß Marga, die Barfrau, sich abgab. Nur noch für den Willy der Willys war sie da, die Willys. Bis es so weit kam, wie es kommen mußte: Marga, die Barfrau, kündigte ihre Gemächer. In dem Hotel mit Saloon und Tanzboden. Wahr machte Marga, die Barfrau, ihre Worte, packte ihre Koffer. Einen Einspänner mietete sich Marga, die Barfrau,, um sich zu einem Treffpunkt kutschieren zu lassen. Dort, daß der Willy der Willys sie erwarten sollte.
Dann ließ der Kutscher Marga, die Barfrau, bei ihrem Gepack hockend, zurück. Auf den Willy der Willys wartete sie. Und das Unglaubliche geschah, der Willy der Willys hielt Wort. Er kam tatsächlich, Marga, die Barfrau, abzuholen. Bei ihm, jede Menge Willy-Brut.