1. Teil: 11.3
Ein Friedhof, einer mit einer Menge frischer Gräber.
An das nächstbeste der aufgerichteten hölzernen Kreuze trat Jo, der Revolvermann, heran. Versuchte die Botschaft auf dem drangenagelten Zettel zu entziffern.
Obwohl ihm die krakeligen Schriftzeichen bekannt vorkamen, konnte er mit der Buchstabenreihe nichts anfangen.
Als hätte Jo, der Revolvermann, nicht lesen gelernt.
Nur, dem war nicht so. Jo, der Revolvermann, er konnte lesen und schreiben.
Seit jeher konnte er Zeitung lesen. Auch Bücher hatte Jo, der Revolvermann, schon in den Fingern gehabt.
Jo, der Revolvermann, war in der Lage, Steckbriefe anzusehen, ohne, wie es bei anderen der Fall war, Vorüberkommende im Schritt anhalten zu müssen, damit diese ihm die Zeilen und ausgelobten Kopfgeldsummen vorlasen.
Das Lesen hatte er in einer Gemeindeschule gelernt.
Von dem her war das nur schwer zu begreifen, daß er da zwar Buchstaben überblickte, die ihm bekannt schienen. Um trotzdem nichts zu wissen.
Obwohl auf dem Papier auch nichts weiter Besonderes geschrieben stehen konnte. Nichts als irgendwelche Namen unbekannter Leute, vielleicht noch, wie alt sie waren, als sie vertarben. Was anderes war dort mit Sicherheit nicht draufgekritzelt. War auch nicht ins Holz geritzt.
Zumindestens mal war Jo, der Revolvermann, unter den gegebenen Umständen froh, nicht ohne Bewaffnung zu sein.
Das war zumindestens ein klein bißchen was.
Jo, der Revolvermann, hatte seine beiden Schießeisen links und rechts in den Lederholstern. In einer Sekunde konnte er ziehen, auf alles und jedes schießen, was ihm in der Willy-Stadt vor die Nase kam.
Mehr als das brauchte Jo, der Revolvermann, an sich nicht.
Jo, der Revolvermann, war nicht nach Pain City geritten, mit dem Willy der Willys und Marga, der Barfrau, diplomatische Noten auszutauschen. Jo, der Revolvermann, hatte sich in die Willy-Stadt begeben, dem einen Willy eine Kugel zwischen die Augen zu verpassen.
Einmal mußte Jo, der Revolvermann, doch in der Lage sein, im Angesicht des einen Willys zu ziehen.
Wenn einer, eine Kugel zwischen die Augen dringend benötigte, dann der Willy der Willys.
Mehr als jedes Gold wertschätzte das Blei aus den Ballermännern Jo's, des Revolvermannes, den einen Willy der Willys. Ebenso wie Marga, die Barfrau, eine einziges Geschoß genügen müßte, wollte sie sich das nächstemal an der Seite des einen Willys aufbauen.
Jo, der Revolvermann, schüttelte den Kopf. Die in die Astrinde eingeritzten Buchstaben am nächsten hölzernen Kreuz deutete Jo, der Revolvermann, schlicht als einen Namen. So hieß mal irgendein Toter. Nur, daß Jo, der Revolvermann, deswegen auch nichts der ungelenken Krakelschrift klarbekommen konnte.
Es war ebenso unglaublich wie das, daß der kleine Friedhofsort der Willy Stadt Pain City solche ungeheure Ausmaße hatte. Mit aufgeschütteten Grabhügeln, bei denen hölzerne Kreuze hochgestellt waren oder auch nicht.
Innere Unruhe überkam Jo, dem Revolvermann. Wirklich vergewissern mußte er sich dessen, ob an seinen beiden Revolvern alles in Ordnung war. Bei den vielen komischen Eindrücken, die er hatte, wäre es schlimm gewesen, hätte er sich darin getäuscht, daß seine Sechsschüsser geladen waren.
Erst, daß Jo, der Revolvermann, den einen Revolver rechts aus dem Holster herauszog, die Trommel mit der Linken drehte. Mit dem Revolverteil im linken Lederholster machte Jo, der Revolvermann, dasselbe.
Patronen staken in den Trommeln.
Beide Sechsschüsser waren geladen. Sechs Schuß pro Waffe.
Breitbeinig stellte Jo, der Revolvermann, sich in Position, zum Ziehen bereit. Kurz schob er den Stetson auf seinem Kopf in den Nacken zurück. Dann schwang Jo, der Revolvermann, sich am Stiefelabsatz herum.
Nichts und niemand, der deshalb voraus auftauchte.
Kein Geräusch hinterrücks, das aufklang.
Als wäre alle Welt in bester Ordnung. Auf einem Friedhof, auf dem jüngst Leichen in rauhen Mengen verbuddelt wurden.
Jo, der Revolvermann, hatte so ein Gefühl, als würde er angesehen, beobachtet.
Jo, der Revolvermann, wartete darauf, daß irgendwas geschah.
Aber, es blieb dabei, daß sich in seiner Gegenwart niemand vorzeigen wollte. Der Friedhof, der Ausmaße hatte, daß er voraus bis zum Horizont heranreichte, war verlassen.
Keine Willys weit und breit. Kein seltsames Volk, gesichtslos, oval- oder kugelköpfig, das graue, schwarze Anzüge oder Damenkostüme übergestreift hatte.
Nichts und niemand erschien in Nah oder Fern zwischen den Erdhaufen am Friedhofsplatz. Auch nicht bei den Grabsteinen, wenn Jo, der Revolvermann, sich nach ihnen umguckte.
Keiner in Zivil oder in einer Uniform, als wäre er ein Soldat.
Blieb es weiterhin so einsam, mußte Jo, der Revolvermann, von dem komischen Willy-Stadt-Friedhof fortgehen, sich zur Hauptstraße aufmachen, die im Grunde höchstens ein paar Dutzend Schritte entfernt sein konnte. Angesichts der an sich ein klein wenig geringeren Größe Pain Citys.
Ein Gedanke überkam Jo, den Revolvermann: Wenn das Bürgerwehren aus den Städten der näheren Umgebung waren, die in die Willy-Stadt Pain City einfielen, dann konnten da wichtige Stadthonorationen Soldateneinheiten aus Armeestützpunkten der Umgebung zur Unterstützung angefordert haben. Gewichtige Stadtobere aus der Region, die mochten das durchaus möglich gemacht haben. Solche, die man vorließ und sich mit Generalität unterhalten durften.
Von daher war das kein Ding der Unmöglichkeit, daß sich verschiedene Kavallerie-Trupps an Unternehmungen beteiligten, wenn es darum sich drehte, nicht nur in irgendeiner Willy-Stadt und unter den Willys dort aufzuräumen. Sondern im größeren Maßstab in sämtlichen Willy-Städten in Nah und Fern.
Einzig und alleine das verstörte: diese Unmengen an Gefallenen. Haufenweise frisch angelegte Gräber. Hier schienen mehrere Armeetrupps der kämpferischen Auseinandersetzung zum Opfer gefallen zu sein. Was auch nicht unbedingt mit dem zusammenpaßte, daß die Willys eher Geschäftsleute waren. Wenn auch solche, die in Pain City für Glücksspiel und tanzende Mädchen sorgten.
Unter der Voraussetzung war die Angelegenheit alles andere als klar. Wenn die Wahrscheinlichkeit hoch war, daß die Willys, angesichts überlegener uniformierter Kräfte, die weiße Fahne gehißt und sich ergeben hätten. Statt sich in ein nutzloses Kampfgetümmel zu stürzen, dessen Ausgang absehbar war.
Alles war ein klein wenig unverständlich, was sich Jo, dem Revolvermann, an dem Friedhofsort präsentierte. Mitsamt all der Perspektive von Größe und Weite, Tiefe. Genausogut, daß das Bühnenbild auf diesem Friedhofsgelände am Rand von Pain City, dieser Willy-Stadt, ein Trugbild sein konnte.
Irgendwas belog die Sinne Jo's, des Revolvermannes. Den verschiedensten Trugschlössern, denen er aufsaß.
Erde trat Jo, der Revolvermann, von einem Grabhügel fort. Zumindestens spritzte der dunkle Kot.
Auf ein neues nahm Jo, der Revolvermann, sich selbst in Augenschein.
Äußerlich konnte er wirklich nichts an sich wahrzunehmen.
Obwohl er auf der Erde rumgelegen war, schließlich hatte er sich auf die Beine hochgerappelt, waren weder Jacke, Hemd noch Weste eingestaubt.
Fast, als könnte nichs der Erde an Jo, dem Revolvermann, haften bleiben.
Auch an den beiden Revolvern war nicht die leiseste Spur von Dreck zu erkennen. Jo, der Revolvermann, wie aus dem Ei gepellt.
Es blieb dabei, daß Jo, dem Revolvermann, nicht das geringste einfiel, was mit ihm in jüngster Vergangenheit geschehen sein könnte.
Für gewöhnlich legte Jo, der Revolvermann, sich nirgendwo in den Schmutz. Decken breitete er für sich aus, wollte er sich am Erdboden niederlassen. Selbst wenn er sich auf einen Baumstamm setzte, entfaltete er zuerst ein Taschentuch.
Was bedeutete, wenn Jo, der Revolvermann, einfach auf der Erde rumlag, mußte er das jemandem zu verdanken haben. Daß irgend jemand Unbekanntes ihn hinterrücks niederstreckte. Etwas in der Art.
Bloß, das alles hieß nicht, sich aufzurappeln und auszuschauen wie einer, der aus dem Badehaus kam. Bei einem Schlag auf den Kopf war der Schmerz noch tagelang wahrzunehmen. Außerdem zeigte sich eine Beule.