1. Teil: 12.4
Das Gesicht hatte Joachim auf seinen Armen aufliegen, riß es in die Höhe.
Abermals hatte er saft- und kraftlos rumgedöst.
Mit was war das zu vergleichen?
Eigentlich knapp vor dem Ende; aber eben nur knapp.
Lärm hatte ihn auffahren lassen.
Eindeutig, was das war, das ihn aus seinem Dämmerdunkel geholt hatte: Hundegebell. Bellerei. Das Gekläffe Stockies.
Das Hundevieh der Dottlers war erneut am Bellen. Von unterhalb kläffte es zu ihm herauf. Und er wußte im Grunde nicht, warum.
Hatte er irgendwie zu laut gestöhnt, Schmerzenslaute von sich gegeben?
Irgendwas mußte gewesen sein, weswegen Stockie sich dazu aufgerufen fühlte, von drunten zu ihm heraufzukläffen.
Wenn Stockie dermaßen ausdauernd rumkläffte, mußten die Dottlers nicht in ihrer Wohnung sein.
Sonst hätten die Dottlers sicherlich dafür gesorgt, daß Stockie sich rasch wieder beruhigte.
Was allerdings auch bedeutete, weil die Situation das letztemal eine andere war, daß ein weiteresmal Zeit vergangen war, zwischen dem jetzt und dem von zuvor.
Nochmals, daß Joachim das mit dem Aufstampfen seiner Füße ausprobierte. Dreimal hintereinander, dann Pause, abermals drei weitere Male und so weiter.
Stockie war ein blöder Kläffer. Sonst spielte sich nichts ab.
Selbst als Joachim sein Getrampel angenervt aufhörte, wollte Stockie sich nicht abregen.
Helfen konnte Joachim Stockie deswegen jedoch nicht. Nicht das bißchen. Das hätten die Dottlers unten unternehmen müssen. Allerdings rügte keiner der Dottlers Stockie. Nur zum Atemschöpfen hielt Stockie kurz sein Maul.
Vielleicht war auch schon wieder keiner der Dottlers daheim. Dann hatte Stockie anscheinend im Heute freie Fahrt, erlaubte es sich, rumzukläffen, soviel er wollte.
Stockie, ganz das vergessend, daß er auf der Hundeschule war.
Die Erziehung, die Stockie auf der Hundeschule genossen hatte, vor allem, was die häusliche Ruhestörung durch Vielbellerei anbetraf, hatte Stockies Geist total verlassen. Zumindestens solange Herr- und Frauchen nicht in ihren Wohnräumen waren, störte Stockie sich an nichts mehr.
Wäre Joachim raus aus seiner Wohnung, wäre zornig runtergelatscht, hätte unten bei den Dottlers geklopft und geklingelt, wäre trotzdem wegen des Hundegebells nichts zu unternehmen gewesen.
Wenn keiner außer Stockie daheim war, half nichts weiter, als auf die Heimkehr der Dottlers zu warten.
Und: Wollte Joachim das? Draußen rumwarten, ewig nicht rein zu Stockie zu können. Die Tür in die Wohnung der Dottlers anstarren, Stockies Lärmen noch unmittelbarer zu erlauschen.
Es blieb für ihn abgesperrt, und die Dottlers, die konnten noch Stunden auf sich warten lassen.
Überdies mußte er erst mal unten im Stockwerk vor der Wohnungstür der Dottlers ankommen. Und wenn er zu so was fähig war, woanders hinkonnte - was brauchte Joachim an sich überhaupt die Dottlers?
Frau Dottler hatte er nicht nötig, Herrn Dottler ebensowenig.
Spontan verstummte Stockies Bellen.
Multivitamintabletten zum Auflösen fanden sich in den drei geöffneten Röhrchen.
Die einen Tabletten welche mit Orangen-, die anderen mit Zitronengeschmack.
Blutige Fingerabdrücke und Schmierstellen am Plastik.
Nach dem Wasserglas, mit den blutschmierigen Abdrücken, an denen jede Spurensicherung allergrößte Freude haben hätte können, faßte Joachim zittrig.
Totalegal war ihm das gerade, wie abgestanden das gelbfarbene Gesöff im Dreiviertel vollen Glas war.
Wenigstens war kein Blut reingespuckt. Das fand Joachim schon mal das Beste an der Geschichte.
Seine wundrissigen, blutdunklen Finger, mit denen er das glatte Glas umfaßte, kamen Joachim zu Bewußtsein.
Der reinste Irrsinn, was das bei ihm war. Überall am Körper.
Irgendwas an dem Sachverhalt ändern konnte er deswegen nicht. Die Welt, die er erlebte, blieb ein schmerzvolles Mysterium.
Das Trinkglas hob Joachim sich vor die Lippen.
Mehrere kleine Schlückchen, die er sich genehmigte.
Die Flüssigkeit schmeckte gräßlich. Wie was Ätzendes fühlte es sich in Joachims Mund und Kehle an.
Was nichts anderes zu bedeuten hatte, als daß er innerlich ebenso verletzt war. Daß sich die eine Grundsatzfrage ein weiteresmal nicht von der Hand weisen ließ: Warum war Joachim eigentlich immer noch am Leben?
Unter den Umständen, die er erfuhr, hätte jemand tot sein müssen, nicht lebendig.
Das Panschegesöff, überraschend, daß sein Magen, von dem her es schrill brannte, die Flüssigkeit bei sich behielt.
Immer wieder stöhnte Joachim vor Schmerz. Und sobald er das nächstemal lauter daherstöhnte, meldete sich Stockie, bellte von unten herauf.
Allerdings wie ein kluger Hund. Zwei-, dreimal hintereinander. In einer Tonart, als wolle Stockie was von Joachim. Ihm irgendwas mitteilen.
Keinen Zorn, den Joachim Stockie gegenüber empfand. Es war etwas anderes: Haß. Er haßte Stockie, den Drecksköter der Dottlers.
Ab der Zeit, wenn es ihm demnächst wieder besser ging, würde er sich bei den Dottlers wegen ihrer stinkigen Tölle beschweren. Beim Hausmeister würde er im Vorüberkommen ein paar Töne fallen lassen, wenn man sich wieder mal traf. Ansagen, die alle Stockie, den Kläffer der Dottlers zum Mittelpunkt hatten.
Stockie, sterben sollte das Mistvieh, sonst nichts. Dazu hätte man es bringen müssen, daß die Dottlers ihren Liebling einschläfern lassen mußten.
Ein Giftköder, der wäre im Moment für Stockie genau das richtige gewesen.
Köder jeder Art konnte Joachim sich ins Haus schicken lassen, selbst für Singvögel. Daß die vom Flachdach herunterregneten.
Hätte keiner erfahren müssen, wer da giftige Kleinigkeiten auslegte.
Nicht mehr herunterkommen wollte Joachim von seinen Haßgedanken. Diesem abgrundtiefen Haß, den er Stockie gegenüber empfand.
Die Dottlers, die beiden, anschauen sollten die sich noch, was ihrem vierbeinigen Streichelzoo in nächster Zukunft alles passierte.
Da würde sich einiges tun, was Stockie anbetraf. Sorgen wollte Joachim zumindest da dafür, daß es Stockie nicht mehr so gut hatte.
Abrupt versuchte Joachim, die Aufregung und seine gehässigen Einfälle in was anders umzumünzen.
Sich auf die Beine hochzuschaffen, nicht nur daran zu denken, das war das Angesagte.
Vorhin htte er noch einwandfrei torkelnd rumstehen können, jetzt knickten ihm die Knie unter dem Gewicht seines Oberkörpers weg.
Mit dem Hinterteil, daß Joachim zurück auf der Polsterfläche des Metallgestühls landete. Fast ein Zufallstreffer.
Scheinbar war er doch dazu gewzungen, solange er zu nichts anderem imstande war, die Belästigung durch Stockie zu ertragen.
Es würden sicher aber noch andere Tage und Zeiten kommen - dann konnte er auf Stockie und die ekelhaften Dottlers zurückkommen.
Hätte Joachim nur die geringste Idee gehabt, was das war, was da von hier auf jetzt über ihn gekommen war. Welche Krankheit ihn hier erwischte. Seit einem Weilchen
Sein gesamter Körper war eine einzige schwärende Wunde. Unerklärlich.
Mit solch einem wundschwärenden Körper schmerzerfüllt in der Wohnung in der Gegend rumzuturnen, das war unfaßlich. Wie das, unter solchen Umständen am Leben zu sein.
Irgendwie lebte Joachim dennoch. Konnte sich bewußt werden, darauf hoffen, daß eine Änderung seines Allgemeinbefindens eintrat.
Andererseits: Am Fußboden war Joachim mit seiner Ganzkörperwundoberfläche schon lange genug im Dreck herumgerutscht. Über längere Zeit bewußtlos wo herumgelegen, wo von Keimfreiheit keine Rede sein konnte. Daß es doch zu befürchten stand, daß einer, je mehr Zeit ohne Wundsäuberung und sonstige Pflege verstrich, doch noch das Opfer eine schlimmen Infektion wurde.
Ein Arzt, der war zwingend für ihn notwendig. Irgendein Doktor, der ihn sich ansehen mußte.
Mit Sicherheit würde man ihn sofort an einen Tropf anzuhängen. Und dann: Ganzkörperdesinfektion. Ein Tiegelvoll Wundsalbe und alle paar Stunden ein Verbandwechsel. Ganzkörperverband wie bei einer Mumie.
Was hieß, er sollte in ein Krankenhaus, endlich.
Krankenhauspersonal mußte etwas für Joachim unternehmen. Anders war das nicht vorstellbar.
Krankenschwestern, -pfleger. Ärzteschaft, die sich alle paar Stunden nach Joachim schaute, sich nach seinem Befinden erkundigte.
Es mußte sich irgendwas ereignen. Selbst, wenn es die Dottlers gewesen wären, die ihm geholfen hätten.
Blöde, die Nummer der Dottlers nicht am Phon abgespeichert zu haben.
Wo befand sich das Phon überhaupt?
Warum fand Joachim sich woanders als sein Phon?
Mit dem Phon war auch zu telefonieren, wenn es angesteckt war ...
Bewußt hatte er lediglich nach den Anruflisten geguckt. Dabei nicht mal darauf achtgegeben, welche Tages- oder Nachtzeit, welchen Tag sein Phon anzeigte?
Es war schier die Welt nicht zu fassen. Es war nicht zum Aushalten.
Wut auf sich überkam Joachim. Alles Zeug wollte er vom Küchentisch herunterwischen.
In dem Augenblick ging bei Joachim in der Küche das Licht aus.
Stromausfall, konstatierten Joachims Gedanken.
Die Dunkelheit rund um Joachim her wurde allerdings schlagartig noch mal um eine Nuance schwärzer. Das Bewußtsein, das Joachim verließ.