1. Teil: 13.8
Die nächste Pause war einzulegen.
Den Kopf legte Joachim auf seine Arme. Wollte damit vermeiden, daß es ihn vom Sitzpolster herunter auf die kühlen Küchenfliesen bretterte. Derart griff es ihn an.
Die Furcht hatte Joachim, mal eine herumstehende Glasflasche zu übersehen, auf ihr zu landen und sich was zu prellen. Das Schlimmste war immer, für zerbrochenes Glas zu sorgen.
Bisher hatte er immer mit Scherben Glück gahabt. Aber nicht immer konnte das sein, war ans Glückhaben zu denken, sorgte er für Zerbrochenes. Um dann aus der nächsten Bewußtlosigkeit zu erwachen, festzustellen, daß anscheinend Heinzelmännchen in der Küche unterwegs gewesen waren.
Nur, daß es diese hilfreichen Geister nicht gab. Nirgends, daß die kleinste Rede von Heinzelmännchen sein konnte. Demgegenüber durchaus klar, wer hier zusammenkehrte, wegwischte. Tatsächlich er selber, in der Gestalt eines anderen Joachims.
Ein Joachim, der wach war. Eigentlich niemand anders als Joachim selber war. Und trotzdem, daß der zweite Joachim, der sich für den entscheidenden Joachim hielt, sobald er ins Bewußtsein zurückkehrte, vom jenem Joachim und seinem Treiben nichts wußte. Fast, als hätte der eine Joachim nichts mit dem anderen zu schaffen.
Schwer einzusehen für Joachim, warum seinem Gedächtnis Kleinigkeiten fehlten, sobald er in die bewußte Welt zurückkehrte.
Der eine Joachim, der sich als DER Joachim fühlte, wußte von dem zweiten reingarnichts. Er hatte keine Ahnung davon, was Joachim Nummer zwei trieb. Wie es Joachim Nummer zwei ging, der sich fühlte, währenddessen er die Scherben zusammenkehrte, wegräumte.
Alle mögliche Nässe war überdies schon öfters am Fußboden, die von jemandem fortgewischt worden war.
Den Metalleimer, den der andere Joachim benutzte, sah Joachim rechter Hand an der Küchentürschwelle gegen die Wand geschoben rumstehen. Ohne daß Joachim deswegen der kleinste Erinnerungsfetzen an das des anderen wiederkehrte.
War wirklich die Frage, was daran so schlimm war, hätte Joachim sich darauf entsinnen können, wie er mt dem metallenen Eimer umging.
Es ging Joachim nach und nach wieder einigermaßen. Er war wieder in der Lage, sich normal aufrecht hinzusetzen.
Einen Einfall hatte Joachim. Eiine Sache war bemerkensweert: Der gute Joachim, derjenige war er als der Joachim des jetzten Augenblicks im Grunde nicht. Der eine Joachim, der manches für den zweiten Joachim unternahm.
Das Heinzelmännchen war der andere.
Gerne hätte Joachim davon was gewußt, was der zweite Joachim auf die Reihe bekam und was nicht.
Auf das Digitalradio starrte Joachim. Es war nicht zu glauben, daß er von dort nichts zu hören kriegte.
OleEins war eine von Joachim festeingestellte Institution. Jedesmal lief Musik, wenn Joachim den Einschaltknopf drückte.
Und jetzt - nichts. Nicht ein Ton. Nicht zu begreifen. Normal wurde jede Störung irgendwann behoben. Und davon, daß OleEins den Sendebetrieb einstellen wollte, davon war mit keinem Sterbenswörtchen je was zu vernehmen gewesen.
Nicht, daß Joachim davon etwas wußte.
Andererseits, was wußte Joachim? Irgendwie saß Joachim auf dem Schlauch. Hätte gerne was von Dingen gewußt.
Unvermittelt entsann Joachim sich doch auf etwas: Der Sprecher von OleEins, des lokalen Rock'n'Roll-Radios, hatte vor kurzem verlauten lassen, daß der Sender seinen Sendeplatz und damit seine Nummer doch nicht wechseln würde. Die Lizenz für die Musikstation wäre um fünf Jahre verlängert worden.
Also: dieselbe Welle, der gleiche Platz.
Jetzt hatte Joachim tagelang das Digitalradio nicht eingeschaltet gehabt. Aus dem Grund wußte er nichts von plötzlichen Veränderungen.
Was bedeutete, eine Sendeplatzwechsel konnte durchaus über die Bühne gegangen sein. Während Joachim von nichts irgendwas mitkriegte. Und das, obwohl OleEins, seit Marga bei ihm ausgezogen war, war daheim, hielt sich in der Küche, morgens und abends auf Dauerbetrieb lief.
Kein Ton eines Musikstücks, der Joachims Gehörgänge erreichte. Bei etwas, das ansonsten jeden Tag gedudelt hatte. Weil OleEins nach dem Auszug Margas n der Küche Joachims Lieblingssender war.
Die eine Dauerstille bei eingeschaltetem Radiogerät war eine Tatsache. Die nicht alleine nervte, sondern auch Fragen aufwarf.
Denn, selbst wenn einige Musiksendekanäle mal ihre gewohnten, eingefahrenen Empfangsplätze verließen, hieß das lange nicht, daß deswegen sofort das Radio kaputt war. Überdies, Sendersuchläufe hatte er auch schon gemacht. Ohne daß auch nur irgendwas hereinzubekommen war.
Die Augen verdrehte Joachim, seufzte. Ohne daß Stockie aus dem Stockwerk darunter das Geseufze Joachims mit Gebelle und Gewinsle kommentierte.
Zwar blieb es beim Digitalradio, was das Unterhaltungsprogramm anging, bei der Stille. Sonst aber war immer weniger, das Joachim zu beanstanden hatte. Bloß eins verstörte,daß überall, wo es ein klein wenig zwickte und zwackte, auch das Blut in Rinnsalen zu laufen anfing. So daß Joachim nur ungern hinschaute.
Insgesamt fühlte er sich. Um einiges besser als viele der letzten Male zuvor.
Geradezu Euphorie, Übermut, das, das sich in Joachim breitmachen wollte.
Keine Veranlassung gab es, Traurigkeit an den Tag zu legen. Sich wegen irgendwas Sorgen zu machen, wenn sich Dinge auch von selbst regeln konnten. Der Körper hatte seine natürlichen Abwehrmechanismen. Von allem möglichen konnte er sich mit der Weile erholen. Und das schien gerade bei ihm der Fall zu sein.
Alles war zwar noch nicht wie früher, trotzdem konnte er es lassen.
Das sah Joachim, daß er sich demnächst doch ohne fremde Hilfe noch zur Wohnungstür hinausbegeben konnte. Auf den eigenen zwei Beinen.
Wenn der Gebäudeufzug funktionierte, war alles noch viel weniger ein Problem.
Unten, auf dem Gehsteig, daß es als erstes zu Kunis, seinem Hausarzt, in die Praxis weitergehen sollte, Doktor Kunis, der nur ein paar Straßen entfernt seine Praxis hatte.
Zuerst zu Doktor Kunis. Doktor Kunis war das Angesagte. Doktor Kunis mußte seine Diagnose stellen, feststellen, was Joachim wirklich fehlte.
Blieb nur zu hoffen, daß Doktor Kunis das richtige diagnostizierte.
Alles würde ein gutes Ende nehmen. Auf die Auflösung aller Rätsel war zu hoffen.
Die Verbesserung seinen allgemeinen körperlichen Befindens, die versprach so viel.
Doktor Kunis, der erste Haltepunkt auf seiner Strecke, brach Joachim auf, verließ die Wohnung.
Zwingend, die Geschichte mit Doktor Kunis. Joachim, der eine Krankmeldung brauchte, und jemanden, den er kannte, der ihn bei Personaler Menzle vertreten konnte.
Doktor Kunis mußte mit Menzle, dem Personaler, sich unterhalten. Das konnte Doktor Kunis per Bildschalte auch augenblicklich von der Praxis aus, während Joachim zur Untersuchung bei ihm auf der Krankenliege rumlag. Sobald Doktor Kunis was zu Joachim meinte, konnte er selber Personaler Menzle ebenfalls dies und das erläutern. Mit Hilfe Doktor Kunis würde alles passen, selbst wenn Joachim sich nichts des Miserablen der jüngsten Zeit bei ihm erklären konnte.
Das Erstplazierte, das, was Joachim, wie er fand, am Dringendsten benötigte, war eine rückwirkende Krankschreibung.
Um diese mußte Doktor Kunis sich kümmern. Oder Doktor Kunis war die längste Zeit sein Hausarzt gewesen.
Anders war Menzle, dem Personaler, kaum beizukommen. Ohne Doktor Kunis' Feststellungen wurde die Geschichte für Joachim zu einem Kopfschuß.
Jede Menge Fehltage hatte er längst. Würde er dann sehen müssen, wie viele Tage wirklich vergangen waren. An sich hatte er momentan keine Ahnung, wie viele. Alles, was er wußte, war, daß es Personaler Menzle längst für ein Kündigungsschreiben reichte. Er mußte einfach irgendwas zur Hand haben, anders brauchte er sich überhaupt nicht auf der Arbeit blicken lassen.
Ohne irgendwas von Doktor Kunis war Joachim dem Untergang geweiht. Ohne Attest war das eine Bodenlage.