1. Teil: 16.3
Joachim konnte irgendwie schwebend fliegen. Irgendwie war das auch nicht länger jene langweilige Bleiche, sondern abend-, nächtliche Straßenschluchten. Oben in der Luft daß er sich um die eigene Achse drehte. Ohne, obwohl er die Orientierung verlor, abzustürzen.
Vor Fensterscheiben hielt sich Joachim auf, blickte hinein in die unterschiedlichsten Wohn-, Schlafzimmer, Küchen. Bis ihm etwas aufging, was ihm beim Hineinblicken in die Räumlchkeiten fehlte: Leute.
Nie blickte er irgend jemanden. Nur, das elektrische Licht brannte.
Beim Purzelbaumschlagen in luftiger Höhe erkannte er während keiner Umdrehung jemanden unten auf der Straße. Andererseits mußte er beim Hinabstarren in die Tiefe immer rasch die Augen schließen, den Blick abwenden, so schwindelerregend hoch verhielt er in der Luft.
Höhe des vierten Stocks verharrte er dann an einem Gebäude.
Vier Stockwerke, das war eine ausreichende Fallhöhe, passierte ihm irgendwas. Sobald es schlagartig mit dem schwerelosen Schweben vorüber war, stürzte er haltlos ab.
Was eigentlich jeden Moment der Fall sein konnte.
Kein sterbliches Wesen war normal in der Lage, einen Absturz aus dieser Höhe zu überleben.
Überraschend, daß Joachim Marga und Willy wiedersah. Dieselbe Gebäudeetage verharrten Marga und Willy nicht allzu weit entfernt vor einem Fenster, guckten hinein, während sie herumgestikulierten und sich aufgeregt besprachen.
Was Marga und Willy so zu reden hatten, das interessierte jedoch kein Stück, daß er näher an Marga und Willy herangleiten hätte müssen. Anderes war viel interessanter. Die nächtliche Straße mit ihren Standstrahlern auf die er hinunterschaute. Die Straßenfläche hinauf und herunter.
Solange er nicht zu unmittelbar hinabblickte, hatte das mit dem Hinunterschauen nicht viel Schreckliches an sich.
Eigentlich war die Vogelperspektive ganz angenehm. Von einem Schwindelgefühl konnte kein bißchen mehr die Rede sein, als mache sich langsam die Gewöhnung in ihm breit.
Die eine Seitenstraße, in der er selber normal wohnte, war das, die er von hoch droben überblickte, ging Joachim plötzlich auf. Die ganze Zeit über war ihm alles immer irgendwie bekannt vorgekommen. Jetzt wußte er es, so oft er schon von oben aus auf alles unten auf der Straße und den Gehsteigen herabgesehen hatte.
Marga und Willy, die beiden Hübschen, sie hielten sich nicht vor irgendeiner Wohnung auf, begriff Joachim - es war seine, Joachims, Wohnlichkeit.
Sicher nichts als dummes Geschwätz, das Marga und Willy ohne Unterlaß absonderten.
Vielleicht erklärte Marga auch die eine Tatsache, daß siie länger schon nicht mehr bei Joachim in den Wohnräumen drinnen gewesen war. Mehrere Monatewar dem schon so, daß Marga Partner Joachim verlassen hatte. Für Willy. Den einen an ihrer Seite, nach dem sie nicht trat, daß er von dem Tritt überrascht vielleicht mal aus der Höhe des vierten Stockwerks abstürzen hätte können.
Darauf konnte Joachim sich nicht entsinnen, daß er auch nur einmal irgendwo mit Willy zusammengelebt hatte. Anders war das wie bei Marga, die heute Willy aufs schiefe Maul küßte.
Rauf und runter beschmuste Marga den schiefmäuligen Willy.
Wie es bei Marga eben geschehen mußte, nachdem sie sich mit einem wie Willy zusammentun mußte. Was bedeutete, daß Marga es im Heute schaffen mußte, jenen einen Willy überall herzuküssen. Auch auf sein Schiefmaul.
Nicht zu fassen, das, was Marga trieb. Marga, die früher die Stirn tief in Falten legte, wenn Joachim auch nur kurz die Möglichkeit erwähnte, Willy würde keine Männer lieben, sondern hätte ein Interesse an Frauen. Ein großer Aufreißer war Willy dabei zwar nicht, führte Joachim weiter aus; die, bei denen Willy am besten war, waren die, für die er Geldscheine abzählte. Die Scheine halfen mancher, präsentierte Willy sie, das Schlimmste an Willy zu übersehen.
Wo Marga rumschwebte, war nun heute auch Willy am Schweben. Egal, wie Willy dabei ausschaute, wenn er etwas redete.
Keine Ahnung hatte Joachim gerade, warum Marga und Willy so aufgeregt mit den Armen ruderten. Als wolle jeder die Nähe des anderen abwehren.
Schließlich, daß Willy mit dem Armschlenkern und dem aufhörte, doch lieber still in Luft verharrte, womit auch Marga mit dem Rumgeschlenker aufhörte. Wobei Joachim das durchaus gerne gesehen hätte, wenn Willy was von Marga abbekommen hätte. Mal einen besseren Hieb.
Bei allem, daß Willy dann in der Folgezeit mitmachte, wohin immer Marga sich schwebend hinbewegte. Marga bekam Willy einfach nicht los.
Bloß, so Richtung Joachim kamen Marga und Willy nicht. Das vermied Marga, die zu Joachim hinschielte. Als müßte sie das nachsehen, ob Joachim auch wirklich an seinem Standort blieb.
Ganz so schlecht fand Joachim das am Ende nicht, daß Marga - und bei Marga auch Willy - auf einer gewissen Distanz zu ihm blieb. Nicht an ihn herankommen und zu ihm dazustoßen wollte. Obwohl die beiden zusammen unzweideutig zu diesem Ausflug fähig waren, währenddessen Joachim zwar was sich abstrampelte. Aber, anders als Willy und Marga, nicht so recht fürs Voranschweben in Schwung geriet. Ein kleines Stückweit hatte Joachim zu genügen, dann hatte Joachim wieder Pause.
Abermals guckte Marga so von der Seite, um erschrocken zu merken, daß sie näher an Joachim rangekommen war. Sofort wandte Marga sich ab, glitt wieder höher hinauf, gefolgt von Willy.
Vielleicht war es tatsächlich bald Zeit für was Neues, kam Joachim in den Sinn. Eine neue Freundin, Geliebte. Lange genug hatte er sich damit verrückt gemacht, an Marga zu denken. Die bei Willy blieb, gleichgültig, was dafür unternommen wurde, daran etwas zu ändern.
War nicht von der Hand zu weisen. So wenig, wie Joachim im Moment dabei empfand, Marga hinterherzuschauen, der Willy hinterherdackelte.
Was kümmerte ihn bald noch, was bei Willy und Marga geschah? Eher gleichgültig ließ ihn der Anblick Margas, die Willy bei sich nebendran hatte. Als wäre Marga ihm überraschend fremdgeworden. Hätte sie für ihn keine Relevanz mehr. Wäre das vollkommen uninteressant für ihn, was sich da bei Marga abspielte. Zwischen Marga und Willy. Im Guten wie im Schlechten. Marga und Willy, die beiden, die sich im Augenblick ziemlich gut miteinander zu unterhalten schienen. Anders wie vor kurzem noch. Daß hieß, das Wahrgenommene konnte alles auch ganz anders sein.
Auf alle Fälle wollte sich Joachim jetzt Marga nicht noch mal annähern.
Außerdem sah er Marga zur Sekunde immer noch zur Genüge. Das reichte auch aus der Entfernung voll und ganz. Mittun mußte er bei Marga und Willy bei nicht dem geringsten.
Zwar war Joachim unvermittelt, daß er beide, Marga und Willy, jede Sekunde aus den Augen verlieren könnte. Willy und Marga, die gemeinsam zu einer Hauskante hinschwebten. Vor einer Fensterscheibe dort verharrten. Sich unbeschwert unterhaltend, die Arme raumgreifend schlenkernd.
So blieben Willy und Marga einstweilen noch in Sichtweite.
Dem Gebäudeeck näherten sich Willy und Marga dann bedenklich. Während Joachim hinguckte. Ohne größer vom Fleck zu kommen. Wofür Joachim allerdings auch nicht direkt viel unternahm.
Und dann blinzelte er einmal - und Marga und Willy waren nicht länger wo zu erkennen. Vor keinem einzigen Fenster des vielstöckigen Gebäudes. Während er schaute, die Etagen rauf und runter.
Setzte er Marga und Willy nicht rasch hinterher, beeilte sich damit, waren Marga und Willy vielleicht nirgendwo mehr aufzufinden. Um sie wiederzusehen, hätte er wissen müssen, wo Marga und Willy ihre Wohnung hatten.
Was hatte Marga gemeint? Daß sie und Willy für ein Weilchen bei einem Arbeitskollegen Willys unterkommen könnten. Das würde Joachim dann erst mal herausfinden müssen, wo der Kollege Willys seine Behausung hatte. Überlegte er sich den Mist mit Marga doch wieder.
Für den Augenblick war alles zu spät, machten Willy und Marga nicht kehrt. Ließen sich beide nicht aufs neue blicken.