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Blog von TeddeMehr

1a. Tafel (The eyewitness)

24. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

So was, knapp aus dem Leben. Oder auch nicht. Des weiteren eine unheimliche Geschichte

 

Es war einmal vor langer, langer Zeit,

die eine oder andere Armut ...

 

 

 

 

Im Grunde konnten SIE ihr nicht viel.

Was sollte das denn sein, werden, was nicht bereits bei ihr war?

Nein, da ging nichts.

 

Drei Jahre her, daß sie, die mit vollem Namen Verena Tümmel hieß, den Antrag auf Privatinsolvenz stellte.

Seit über drei Jahren war Verena Tümmels Leben eins nach dem privaten Offenbarungseid. Überwacht. Und unsäglich.

 

Verena Tümmel, die hätte sich damals das eine oder andere aus dem Versandkatalog nicht aussuchen sollen. Um es sich zuschicken zu lassen.

Ratenzahlung war vereinbart worden.

Neben einigen Kleinigkeiten, die in der Kleiderkiste landeten, zum Beispiel noch für eine Kühltruhe, einen Küchenherd und ein Fernsehgerät der Nobelklasse mit Rundumraumklang. Ein neues Auto hatte Verena auch mal. Alles mögliche, das Verena meinte, besitzen zu müssen, das seinen Preis hatte.

 

Das mit dem Bezahlen der Raten, das hätte Verena Tümmel bestens hingehauen. Keine Frage. Wäre Verena nach eineinhalb Jahren nicht plötzlich ihrer Tätigkeit im Supermarkt verlustig gegangen. Total überraschend, für Verena Tümmel. Verena Tümmel, die an einen sicheren Arbeitsplatz geglaubt hatte.

Helga, die Leiterin des Supermarkts, überlegte allerdings, den Kostenfaktor "Arbeit" zu minimieren. Das müßte von ihr, Helga, gebracht werden.

Und Verena Tümmel, die arbeitete nirgends anders als in dem Supermarkt. Lediglich den nächsten Einjahresvertrag, den Verena Tümmel unterschrieben hatte.

Der Arbeitsvertrag Verena Tümmels wurde nun einfach aufgelöst. Nach ein bißchen Gespräch mit Verena Tümmel in "beiderseitigem Einvernehmen".

Wie es sich bei Katha und Zwinni, ähnlich abspielte, den beiden Lehrmädchen.

Katha und Zwinni, die, nachdem das mit ihrer Lehrzeit im Supermarkt vorüberging, also das Pech hatten, nicht übernommen zu werden. Obwohl Katha und Zwinni sogar bereit gewesen wären, für ihren Arbeitsplatz in einer Filiale auf Transit zu gehen. Überdies hatte das mit einer Weiterbeschäftigung für Katha und Zwinni bis ein, zwei Monate zuvor nicht schlecht ausgeschaut. Weswegen alles für die Mädels nur schrecklich war.

 

Die Not steigerte sich bei Verena Tümmel. Eine neue Arbeitsstelle, nicht zu finden für Verena Tümmel. Das haute einfach nicht hin, für länger oder überhaupt Arbeit zu bekommen.

Irgendwann konnte Verena Tümmel ihren monatlich laufenden Zahlungsverpflichtungen nicht weiter nachkommen.

Der Weg, der führte Verena Tümmel in ihrer Verzweiflung schlußendlich in das Gebäude, in dem die Dame von der Schuldnerberatung ihr Büro hatte.

Ergebnis der Verhandlungen, telefonisch und schriftlich: Einmal vierzig, zweimal sechzig Taler, die Verena Tümmel zu berappen hatte. Sofort am Monatsanfang, vom Konto abgezogen. Trotz der Verena Tümmel zugestandenen Privatinsolvenz. Von der netten Dame mit dem Namen Reinders für Verena Tümmel bei Verena Tümmels Gläubigern ausgehandelt.

In der Summe einhundertundsechzig Eier, die Monat für Monat auf alle Fälle von Verena Tümmels Konto weggingen.

Oberste Kante. Mehr, daß nicht ging.

 Ein paar der hübsch gefärbten Eierchen dazugegeben - wie hätte das Leben weitergehen sollen, bei Verena Tümmel?

Ohnehin war das so schon ein Problem für Verena, einigermaßen munter, gesund das Monatsende zu erreichen.

Oder hatte jemand den Wunsch, daß Verena das nicht mehr schaffte, da hinzukommen, ans Ende des Monats?

 

Knappest lebte Verena lange an der Grenze.

Den ihr zu Verfügung stehenden Betrag dividierte Verena durch dreißig. Oder einunddreißig.

Was bei der Rechnung dabei hinten herauskam, das war für Verena die Tage nicht durchzuhalten. Verena konnte das mit dem zu hohen Verbrauch nicht stoppen.

Die restlichen Monatstage noch früher die Null. War schlecht mit irgendwo hinzukommen.

Das hieß, Verena wurde, ereignete sich bei Verena eine Kleinigkeit, sofort dazu gedrängt, mit Leuten über Dinge reden zu müssen. Mit welchen vom sozialen Dienst.

Personen, die Verena im Grunde nicht fehlten. Nicht abgingen.

Sprechen mußte Verena mit denen allerdings trotzdem. Jetzt darüber, daß ihr Vermieter Conrad sie mit Anschreiben belästigte.

Renovierungsarbeiten sollten die nächsten Monate im ganzen Wohngebäude und schließlich irgendwann in Verena Tümmels Wohnung stattfinden. Dadurch, daß sich späterhin die Miete erhöhte. Außerdem war ohnehin schon, daß Herr Conrad, der Hausbesitzer, einen höheren Betrag auf Verena Tümmels Strom- und Wasserrechnung verlangte, als er das Quartal zuvor überwiesen kriegte. Was Verena erst mal hinnahm.

 

Wenn das Geld nicht woanders herkam, mußte Verena mit dem neuerlichen Aufschlag und dem später zurechtkommen. Und das, das sollte der Herr vom Sozialdienst verstehen, was das für Verena hieß, wenn Verena selber das Verlangte aufzubringen hatte.

Das mußte wirklich von den Damen und Herren begriffen werden. Das, daß das Ofenrohr längst aus war.

Haute das nicht hin, daß einvernehmliche Lösungen im Sinne Verenas gefunden wurden, bedeutete das, daß Verena Tümmel wohnungslos werden konnte.

Wenn Herr Conrad Verena Tümmel kündigte, mußte Verena Tümmel ausziehen. Brauchte Verena Tümmel eine neue Wohnlichkeit für sich. Gleichgültig, welche Fisimatenten Verena Tümmel oder anderswo Leuten daraus entstanden. Wie das Gedränge am Wohnungsmarkt gerade war.

Oder Verena Tümmel, die schlief unter der Brücke. Ganz einfach.

 

Wie sollte das nur weitergehen, das mit Verena? Das mit Verena, Verena monatlich? Wovon sollte Verena eigentlich noch leben?

Der Bürotermin für das Gespräch mit dem netten Herrn vom Sozialdienst des Städtchens, der war für Verena Tümmel vormittags.

Von Herrn Mendl festgesetzt, der Termin. In Herrn Mendls Büro.

Dieser Vormittag. Um halb zehn Uhr.

Ausgerechnet dieser Vormittag. Dummerweise.

 

Ein andrer Termin, der wäre Verena lieber gewesen. Die Auftrittszeit am besten nachmittags.

Schließlich: Verena, die mußte um zehn Uhr dieses Vormittags doch auch ran, um für die Lebensmittelausgabe anzustehen. Gelbe Farbe.

"Gelb", die Gruppe, die um zehn dran war.

 

Zum Glück war alles in einem Gebäude. Herr Mendl vom Sozialdienst. Die von der Lebensmittelausgabe.

Lief die lästige Geschichte mit dem Bürobesuch für Verena in einer knappen halben Stunde ab, paßte alles.

War Verena trotz allem pünktlich unten im Erdgeschoß. Fürs Anstehen.

 

 

Durch das feuchte Haar rubbelte Verena bei sich mit dem Handtuch.

Der Badezimmerspiegel war voll grau beschlagen. Wasserdampf.

Mit dem Handtuchzipfel wischte Verena über die Glasfläche.

Wieder eine bessere Sicht Verenas auf Verenas Gesicht.

 

Wie nannte sich das unter Verenas Augen? Die dunklen Schatten dort, bei Verena?

Krähenfüße!

Verena, die Herrin der Augenringe.

 

Vielleicht eine Stunde, daß Verena die lange Nacht durch fester geschlafen hatte.

Grund für die Schlaflosigkeit der jüngsten Zeit: die ewigen Sorgen.

Die Gedanken, die dauernd im Kopf kreiselten. Seit einigen Tagen besonders schlimm, der Dauerkreisel.

Der Wunsch, Selbstmord zu begehen, der war bei Verena besonders am Drängeln. Richtig mit Ellenbogen am Vordrängeln.

Irgendwo raufzuklettern, sich aufzustellen und sich von dem Ort runterzuschmeißen. Oder sonst sich, koste es, was es wolle, Tabletten zu besorgen, zum Einschmeißen.

Um nach einer erhöhten Dosis in den Dämmer zu fallen. Es hinter sich zu kriegen.

Die Pulsadern konnte Verena sich dazu mit einer Rasierklinge aufschneiden. Hauptsache, Verena, die merkte in ihrem Tran von nichts was.

 

Schlaflos bei sich daheim während den Nachtstunden, sie, Verena. Damit sah Verena aus wie mit fünfzig. Fünfundfünfzig.

Obwohl Verena in drei Monaten erst achtunddreißig Jahre alt wurde.

Oder achtunddreißig Jahre jung.

 

Andere rasierten sich zwischen den Beinen - Verena nicht. Ein dichtes Dreieck.

Den rosa Bademantel, den Verena sich übergeworfen hatte, schloß Verena zu, knüpfte die Mantelschnur um den Bauch. Um sich die eigenen Hängebrüste wegzutun.

Auf Verena wärs für einen Kerl vielleicht trotzdem ganz reizbar gewesen. Aber Verena, die kümmerte das nicht viel. Verena, Verena, die bevorzugte es, alleine zu leben.

 

Nicht viel, das sich bei Verena abspielte, was Geschlechterbeziehungen anging. Das hieß, was von Verena weiterverfolgt wurde.

An der Oberfläche, daß die Geschichten blieben. Und dann war es mit dem Erwähnenswerten einer Beziehung auch rasch, rasant wieder vorbei.

Die ganzen vergangenen Jahre.

Auch damals schon, als es Verena noch besser ging. Was das Monetäre anbetraf.

Angefangenes, bald in der Fahrt angehalten.

Irgendwie keiner, mit dem es sich richtig angefüllt hätte, weiterzutun. Mit dem es paßte. Seit dem Tod von Thomas. Thomas, Verenas Ehemann. Und von Hannes, Hannes, dem einzigen Kind, das Verena hatte.

 

Vor bald zehn Jahren jetzt gestorben, die beiden. Thomas und Hannes, Hannes, Verenas Sohn.

Seitdem war es nicht mehr großartig möglich für Verena, das mit dem Hineinsteigen in eine neue Beziehungskiste. Entstanden schnell Probleme bei und mit Verena. Probleme, die sich beeilten, Probleme zu werden.

Zu einem Ende zu verhelfen. Einem Beziehungs-Aus.

 

 

Vor ihrem geistigen Auge sah Verena das grinsende Gesicht von Thomas, Thomas, der doch ihr Gatte war.

Verena war eine nervöse, sorgenreiche Mutti, Ehegemahlin. Von Mann Thomas öfters ausgelacht. Weil, Ehefrau Verena, die redete davon, daß so Dinge wirklich geschahen, die sie, Verena, des Nachts geträumt hatte.

Zwar war das Geschehen dann nicht unmittelbar fällig. Aber etwas, wovon Verena träumte, das konnte Realität werden. Ein paar Tage drauf böse Aktualität.

Davon redete Verena wiederholt zu Thomas, daß Geträumtes wahr geworden wäre. Daß sie ihm, Thomas, das doch mitgeteilt hätte, daß sich demnächst wieder was aus einem Traum tatsächlich ereignen würde. Und das war geschehen.

 

Das erste Mal, daß Verena das so richtig aufging, daß neuerlich einer ihrer schlimmen Träume Wirklichkeit wurde, war auf dem Kinderspielplatz in der Nachbarschaft der Wohnung.

Mit seiner Mutti Verena als Begleiterin bei sich dabei war Hannes auf dem Spielplatz. Mit anderen Kindern zusammen tollte Hannes. Bis Hannes von der Rutsche herabstürzte. Weil er bei der Tollerei nicht aufgepaßt hatte, war Hannes an der Kante weggerutscht. Erlebte einen Sturz. Eineinhalb Meter hinunter.

Ein blutiges Knie, das Hannes sich geschlagen hatte. Das reinste Glück, daß nichts weiter Schlimmeres war.

Aber Verena, die sich bei Hannes, der flennte, um Hannes' Bein kümmerte, kam es schlagartig zu Bewußtsein, daß sich die gesamte Szene in einem bestimmten Traum, den Verena die letzten Tage hatte, im Grunde genommen genauso abgespielt hatte.

Haarscharf dieselbe Szenerie mit Hannes am Kinderspielplatz, die Verena in dem Traumgespinst deutlich wahrnahm. Daß alles Verena im Gedächtnis verhaftet blieb. Nachdem Hannes oben von der Rutschkante seitlich herabgekippt war - war Verena schreiend aus dem Alptraum aufgewacht. An der Seite von Thomas, der wegen Verenas Gellen aus dem Schlaf hochgeschreckt war.

 

Nur - Thomas war das die darauffolgenden eineinhalb Jahre nicht zu verklickern, daß Verena Alpträume hatte und in diesen Dinge voraussah. Daß das Tatsache war, daß Erträumtes Verenas wirklich werden konnte. Daß es da eine Wahrscheinlichkeit für Realität gab.

Obwohl Thomas von den Geschehnissen in Verenas Träumen wußte, weil Verena sie ihm schließlich detailreich erzählte, mochte Thomas das einfach nicht einsehen, daß er manchmal eine Geschichte, die jemandem in der Familie passierte, tatsächlich bereits kannte. Aus der Erzählung Verenas. Obwohl Verena ihn, Thomas, in Wiederholung darauf aufmerksam machte, daß es möglich sein könnte, daß es so sich abspielen würde. Und daß sich schon früher ein paar Kleinigkeiten in Echt auf die Art zugetragen hatten, wie Verena sie in einem Alptraum gesehen hatte.

 

Abermals erinnerte Verena Thomas, den Ehegemahl, an die letzte bösartige Traumszene. Eine, die Verena fünf Tage zuvor schwitzig und mit Gekreisch erwachen hatte lassen.

Kaum zu beruhigen war Verena in den frühen Morgenstunden von Thomas gewesen, Thomas, der neben Verena im Bett gesessen war. Ziemlich schlimm, das, was Verena in dem Alptraum gesehen hatte.

Bei jeder Gelegenheit hatte sie, Verena, die nachfolgenden Wochentage zu Thomas gemeint, daß das ein schreckliches Unglück wäre, das sich der ganzen Familie ankündige. Der reinste Horror, der hier im Vorlauf war.

Gräßlich, die Bilder, die sie, Verena, in dem Traum gesehen hatte. Fürchterliches mit Thomas und Hannes. Ihnen beiden. Die Verena das Wichtigste in ihrem Leben waren.

Das wünschte Verena sich nicht, daß Thomas, Hannes' Vati, fortmachte, Hannes selber im Auto vom Zeltlager abzuholen.

 

Bloß lächerliche zehn Kilometer. Die Strecke lediglich ins Nachbarstädtchen. Nicht die Rede wert, die im eigenen Fahrzeug unfallfrei zu fahren. Und zurück auch. Das redete Thomas gleichgültig, herablassend gegenüber Verena, lachte über die ängstlichen Aufführungen und übernervösen Zustände Verenas, seiner Frau.

Verena wiederholte und wiederholte es Thomas schluchzend. Beschwörend sprach Verena das an, daß Hannes auch mit dem Zug vom Zeltlager heimfahren könnte.

Die Augen verdrehte Thomas.  Seine Ehefrau Verena und ihre ewigen Hirngespinste. Realträume - pah! Sich in Echt erfüllende Träume - noch mal: pah! Runtersteigen sollte Verena von dem Roß.

Auch wenn das eine oder andere Mal schon ungefähr etwas aus einem bösen Traum Verenas Realität geworden wäre, was er, Thomas, ihr, Verena, durchaus zugäbe, hieße das nichts. Nichts. Nicht das bißchen was für ihn, Thomas, Verenas Ehemann. Rein gar nichts.

Das müßte Verena doch einsehen. Daß das bald zum Verrücktwerden wäre, das mit ihr, Verena. Irgendwann, irgendwann müßte Verena einen Punkt machen. Einen Punkt.

 

Für Verena war es selber zum Verrücktwerden, Ausflippen. Denn das Kopfschütteln hatte Dauer bei Thomas angesichts von Verenas hysterischem Getue und ihrer tränenreichen Jammerei. Bloß wegen einer läppischen Autofahrt von ein paar wenigen Kilometern. Eine Viertelstunde hin und zurück. Höchstens.

Das wäre wirklich nichts Großes für ihn, Thomas, im Büro der Zeltlagerleute anzurufen, versuchte Verena es unverdrossen weiter, auf Thomas Einfluß zu nehmen. Den Menschen am Zeltlagerplatz dort könnte Thomas das doch mitteilen, daß sie Hannes darüber unterrichteten, daß Hannes für die Heimfahrt den Zug nehmen sollte. Den Zug. Am Bahnhof des Städtchens, zu den ihn die Mitarbeiter des Zeltlagers mit den anderen Jungs und Mädels sicher im Kleinbus mitfahren lassen konnten, könnte Hannes sich eine Zugkarte kaufen. Das Geld hätte Hannes reichlich.

So oft wäre Hannes in seinem Leben noch nicht mit dem Zug gefahren. Im Zug zu fahren würde Hannes sicher lustig finden. Eine Zugfahrt nach Hause, bestimmt mindestens genauso spaßig für Hannes, als von Vati im Auto heimkutschiert zu werden.

Wäre damit nicht alles gut? Sie, Verena, als Hannes' Mutti, sie wäre beruhigt. Zu Fuß könnte er, Thomas, händchenhaltend mit seiner Ehegattin Verena, die Strecke zum Stadtbahnhof spazierengehen, Hannes am Gehsteig abzuholen. Ein netter Nachmittagsspaziergang. Zum Bahnhof und zurück. Die kleine Tasche von Hannes, die hätte kein so großes Gewicht, daß es dafür eigens ein Auto bräuchte, sie heimzufahren. Das Wetter, das paßte ausgezeichnet für einen Spaziergang. Herrlichster Sonnenschein. Azurblauer Himmel.

 

Leider, Thomas' Ohren, die blieben gegenüber Verenas Anliegen taub. Den Kopf schüttelte Thomas, auf Dauerbetrieb geschaltet. Angesichts von Verenas Überängstlichkeiten von wegen Verenas Alptraumbildern.

Und Thomas, der lachte. Thomas, der lachte Verena am Ende nur noch aus.

Fast ein zweites Gesicht, mit dem Verena ihm, Thomas, hier alle paar Wochen ankäme. Jetzt ihm, Thomas, bald mal wirklich zu oft. Thomas' Worte, die trieften nur so vor Hohn und Spott, hatten viele spitzfindige Gemeinheiten für Verena parat.

Nun erst recht, nun wolle er das Blatt schwarz auf weiß sehen. Das säuselte Thomas am Schluß daher, Thomas, eine Miene gegenüber Verena aufgesetzt, als wäre Verena restlos matschig in der Birne geworden. Ein für allemal, daß er, Thomas, das wissen wolle, was Sache war. Das statuierte Exempel. Käme Vater Thomas mit Hannes heile aber wieder daheim an, dann wäre Ruhe. Ein für allemal Ruhe. Würde Verena Ruhe geben mit ihrem Zeugs. Zukünftig nie wieder ein Sterbenswörtchen von etwas, was Verena sich nächtens zusammenträumte. Nichts mehr, das für Ehemann Thomas aus Verenas Mund laut werden würde.

 

Verena, die keine Lust hatte, sich fürs Rausgehen und die Abfahrt fertigzumachen, wurde von Thomas im Wohnzimmer stehengelassen. Auf den Flur hinaus begab Thomas sich, zur Wohnungstüre, sperrte auf.

Die gemeinsame Wohnung von ihm, Verena und Hannes, die Thomas verließ. Alleine machte Thomas im Aufzug runter, in die Hausumgebung raus.

Durch den weißen, durchsichtigen Vorhang beobachtete Verena von oben, wie Thomas drunten ins Auto auf dem Privatparkplatz einstieg.

Kurz winkte Thomas vom Fahrersitz her zum Abschied zu Verena hinter dem Fenster herauf, um gleichgültig gegenüber den Sorgen, Empfindungen Verenas die Autotüre zuzuwerfen, den Motor anzulassen.

Auf der Straße düste Thomas mit dem Automobil davon.

 

Was hätte sie, Verena, damals Großartiges dagegen machen sollen, können? Was gegen alles unternehmen?

Etwa bei der Polizei anrufen? Hätte Verena auf der Stelle die Polizei herbeitelefonieren sollen?

Weil ihr der Ehegespons im Familienauto abgefahren war? Ihr Mann, der sie, Verena, doch gerne mit bei der Fahrt dabei gehabt hätte.

Wegen so einer schlimmen Traumvision, die Verena die Tage öfter hatte, hätte Verena nach der Polizeiinspektion telefoniert? Weil sie, Verena, solches des öfteren hatte, daß Verena Kleinigkeiten träumte? Das eine oder andere des Erträumten, das dann ein paar Tage drauf wahr würde. Vor allem das Schlimme.

Denen, die in ihren Polizeiuniformen eintrafen, in Wiederholung die Szene, mit der Verena ihre Furcht begründete, haarklein auseinanderzusetzen, hätte Verena das etwa anstellen sollen? Die Einzelheiten aus dem schlimmen Alptraum? Aus dem letzten, den sie, Verena, hatte? Was das war, was Verena vor ein paar Tagen, das Verena an Bösem geträumt hatte. Das von einem Unglück ihres Mannes und ihres Sohnes. Im Traum hätte Verena Thomas und Hannes im Auto sitzen gesehen, Thomas und Hannes, blutüberströmt und reglos.

Wäre es denn die Möglichkeit gewesen, das den Polizisten nicht nur mitzuteilen, sondern ihnen klarzumachen, daß das jede Sekunde jetzt jederzeit in der Realwelt geschehen konnte? Dieser Unfall mit Thomas und Hannes, der würde sich ereignen. Sobald Thomas, Verenas Mann, auf dem Zeltlagerplatz eingetroffen war, Hannes ins Auto einsteigen ließ. Die Polizisten, die müßten ihrem Mann Thomas in ihrem Polizeiwagen hinterherfahren. Unverzüglich, sofort. Mit Blaulicht und im höchsten Tempo. Hannes, ihr kleiner Sohn, durfte nicht zu Thomas, Hannes' Vater und Verenas Mann, ins Auto steigen.

Sicher nicht viel, was die Polizeibeamten daraufhin zu Verena Tümmel gesagt hätten.

Erst mal hätten die Beamten nur blöde aus der Wäsche geguckt. Sonst hätten die nicht viel gemacht, als Verena auf diese Art anzuschauen.

Oder die Staatsbediensteten hätten doch etwas unternommen. Indem sie von Verena verlangt hätten, mal schnell mit ihnen mitzukommen. Keine Scherereien sollte Verena machen. Nichts veranstalten. Kurz mal würden sie, die Polizisten, Verena wo hinbringen. Zu Verenas eigener Sicherheit. Nur zu Verenas Bestem. Ihr Ehemann Thomas, der würde später darüber verständigt werden. Kummer müßte Verena sich deswegen keinen bereiten. Mit Ehemann Thomas würden die Einzelheiten noch besprochen werden.

 

Also telefonierte Verena mit niemandem.

Jene Verena der Vergangenheit hatte nichts zu tun als einsam in der Wohnung herumzuwandern. Hoffnungslos. Den damals unmittelbar bevorstehenden Ereignissen hilflos ausgeliefert. Überhaupt nichts, das diese Verena einer vergangenen Lebenära anstellen konnte. Nur eins, die Fingernägel kauen. Das Beste hoffen. Darauf, daß sich doch nichts abspielte. Obwohl Verena es in dem Traum geblickt hatte. So deutlich. Überdeutlich alles. Von einer besonderen Klarheit.

Das Innere des Fahrzeuges, Thomas' Auto. Die blutüberströmten Gesichter von Thomas und Hannes. Nichts das daran an Deutlichkeit zu wünschen übrig ließ.

 

 

Ein trauriger Stöhnlaut entfuhr Verena.

Am Rand des Keramikwaschbeckens mußte Verena sich festhalten, abstützen. Ansonsten wäre Verena, die Schwäche in den Beinen hatte, am Fliesenboden gelandet.

Hannes' Antlitz, das vor Verenas geistigem Auge entstand.

Hannes, seine kurzen, blonden Haaren. Hannes' fröhliches, nettes Gesichtchen.

Beinahe ein Mädchengesicht, das Hannes hatte. Ein süßes Stupsnäschen mit Sommersprossen drumrum. Richtig volle Kußlippen.

In Hannes war allerdings eine männliche Härte. Auch anders als lieb und nett konnte Hannes sein.

 

Das war beispielsweise mit acht Jahren. Hannes mit acht Jahren.

Nach der Schule nach Hause, daß Hannes in die elterliche Wohnung zurückgekommen war. In die Arme der Mutti, die in der Küche essen kochte, stürmte Hannes.

Aus beiden Nasenlöchern, daß Hannes das Blut nur so herauslief. Ein Sturzbach.

Die Ober- und Unterlippe war bei Hannes aufgeplatzt.

Sofort war Mutti Verena mit Hannes, kaum daß der Blutfluß ein bißchen eingedämmt war, im Taxi zum Arzt.

 

Auf dem Schulweg heimwärts, daß Hannes fürchterlich geschlägert hatte. Fürchterlich geschlägert.

Mit einem größeren und im Grunde genommen viel stärkeren Jungen.

Einem Zwölfjährigen. Sechste Klasse.

Eine "Hure" hatte der Sechstklässler Hannes' Mutti genannt.

Hannes' Mutti, die wär eine dreckige Hure. Eine dreckige Hure. Die es mit jedem trieb. Für jeden, der Hannes' Mutti eine Sekunde anschaue, für den mache Hannes' Mutti die Beine auseinander. Ganz, ganz weit.

 

Übermäßig schlimm hatte es Hannes überhaupt nicht erwischt, Hannes, der die Ehre seiner Mutti verteidigt hatte.

Onkel Doktor Schrepp sagte schulterzuckend zu Verena, daß Hannes' Lippen nicht genäht werden müßten; das könnte gut auch so heilen. Wenn Hannes unvermittelt wieder Nasenbluten bekäme, das würde weggehen, wenn Hannes sich still verhielt, den Kopf zurücklegte. Die paar Hautaufschürfungen an Armen und Beinen, nicht der Rede wert. Den zweiten Zähnen Hannes' fehlte ebenfalls nichts. Kein einziger Zahn saß locker. Zum Zahnarzt müßte Verena mit Hannes deswegen nicht extra, außer Hannes wolle seinen nächstfälligen Nachschautermin vorziehen.

 

Der Vater von Hannes' zwölfjährigem Widersacher, der war jedoch am frühen Abend desselben Tages an der Wohnungstür von Hannes' Eltern gestanden, hatte geläutet.

Verena war die, die dem aufgeregten Mann, die Tür aufmachte.

Der Grund der väterlichen Erregung: Bei der Rauferei hatte sein zwölfjähriger Sohn sich beim Niederfallen auf den Gehsteig das Handgelenk geknackst. Beim Doktor hatte der Zwölfjährige aus der sechsten Schulklasse einen Gips für die nächsten Tage draufbekommen.

 

Ziemlich aggressiv, daß der feine Schnösel ankam, sich aufführte, der Nadelstreifenanzug und teure Krawatte trug, Familienvater war.

Bis der Mann das in Realität zu sehen kriegte, daß Hannes tatsächlich erst acht Jahre alt war. Während sein Früchtchen daheim schon die sechste Klasse besuchte, zwölf Jahre zählte und gut eineinhalb Köpfe größer war als Hannes.

Seine eigene Ehegattin wollte die Bürotype am Ende ebenso nicht "Hure" genannt wissen. Von irgendeinem frechen, dahergelaufenen Rotzlöffel. Ein Bengel, der die Dinge eigentlich nicht begriff. Außer, daß er die Worte allesamt wußte und fehlerfrei aussprechen konnte.

Entschuldigen müßte er, der Vater, sich, daß sein zwölf Jahre alter Fratz so etwas gemacht habe. Die Mutti eines anderen, der überdies erst achtjährig und einiges kleiner an Körpergröße war, eine "Hure" zu nennen. Dafür und für das Schlägern würde es für das zwölfjährige Knäblein daheim Hausarrest und Taschengeldkürzung geben, das ganze Programm.

Damit hatte sich die Geschichte, verabschiedete man sich freundschaftlich voneinander. Hannes war der einsame Sieger. Auf der ganzen Linie hatte Hannes diesen Zwölfjährigen aus der sechsten Klasse geschlagen.

 

 

Die Leute vom Amt für Arbeit hatten Verena einen Brief geschrieben. Daraufhin hatte Verena am Freitag letzter Woche um elf Uhr am Vormittag hinkommen müssen. In das Berufezentrum.

Eine neue Maßnahme stand an für Verena, erklärte der Anzugträger von der Arbeitsagentur, der Verena gegenübersaß. Ein viermonatiger Kursus. In dessen Verlauf Verena etwas über Lagerwesen erfahren und einen Gabelstaplerschein machen sollte. Den Staplerschein fürs mögliche ganztägige Gabelstaplerfahren in einer Firma, einem Betrieb.

Der Beginn des Lagerkundekurses mit Staplerschein: in drei Wochen.

 

In drei Wochen ab letzten Freitag.

Daß das Unternehmen "Lagerkundekurs mit Staplerschein" demnächst losgehen würde, das bereitete Verena das allergrößte Kopfzerbrechen.

Nicht daß Verena direkt irgendwas gegen den Kurs gehabt hätte. Eine Abneigung dagegen, sich wieder hinter eine Schulbank zu klemmen. Einen Lehrer lange doof hinauf und -unter und zurück anzuglotzen. Daß das mit dem mehrmonatigen Schulleben für Verena in ein paar Wochen anfangen sollte, das war schön und gut.

Das Kümmernis an der Geschichte war lediglich, daß Verena zweimal die Woche vormittags zur Lebensmittelausgabe sollte. Fürs Anstehen.

Verenas Farbe: gelb.

Ohne die Lebensmittel von der Sozialstation, für Verena der Ofen bedenklich aus. Verena brauchte die Sachen.

 

Lief die Geschichte ganz schlecht, konnte es Verena im Verlaufe einer Lagerkundestunde, während der der Lehrer erklärte, auf dem Stuhl am Schulbänkchen geschehen, daß Verena wegkippte. Einfach seitlich runter. Vor Schwäche.

Ursächlicher Grund: kaum was im Magen.

Wasser aus der Leitung würde Verena dort im Kursusgebäude zwar in den Pausen trinken können. Ob das Verena aber immer reichte?

Verena brauchte das mit den an die Leute ausgegebenen Lebensmittelrationen, ganz einfach. Fertig, aus. Dafür mußte es für Verena eine Lösung geben. Eine, die für Verena zufriedenstellend war.

Vielleicht eine der Art, daß es Verena von den Kursusveranstaltern erlaubt würde, an den besagten beiden Wochentagen der Lebensmittelausgabe vormittags jeweils eine Zeitlang weggehen zu dürfen.

Die Zeit, die für Verena knapp nötig war, ihre Angelegenheiten zu regeln.

 

Zum einen war da das Hinkommen auf das Gelände der Sozialstation. Dann die Dauer der Ansteherei. Sobald Verena ihr Zeug bekommen hatte - es heimzuschaffen in die Straße und das Haus, in dem Verena ihre Wohnung hatte. Zu guter Letzt: die Rückkehr in das Gebäude, in dem der Kurs in Lagerwesen für Verena stattfand.

Verpaßte Verena eben das eine oder andere des Schulstoffes.

Würde von Verena bestimmt auf die Reihe zu kriegen sein, daß Verena versäumten Stoff nacharbeitete.

 

Oder das mit dem Weggehen aus dem Schulungszimmer, das erledigte sich für Verena. Weil Verena ihr Warenkorb auf der Sozialstation beiseitegestellt wurde.

Was wiederum bedeutete, daß es Verena an den besagten zwei Wochentagen der Essensausgabe erlaubt werden mußte, zwanzig Minuten, eine halbe Stunde oder so früher aus dem Klassenzimmer fortzugehen. Weg aus dem Schulgebäude. Damit Verena pünktlich eintraf, ehe die Festangestellten der Sozialstation mit der werktäglichen Berufstätigkeit aufhörten. Am Nachmittag. Gegen halb vier.

Hatte Verena bei den Sozialstationsmitarbeitern Wünsche, war das unbedingt nötig, vor Arbeitsschluß bei den Leuten da anzukommen. Ansonsten stand Verena unverrichteter Dinge vor einem versperrten Tor.

Der Schultag, der sich dadurch für Verena eben ein bißchen verkürzte. An zwei Wochentagen eher schulfrei für Verena.

Allzu schlimm fand Verena das mit den zwanzig, dreißig Minuten jedoch nicht. In der letzten Schulstunde würde der Lehrer sicherlich nichts Weltbewegendes zu erzählen haben.

 

 

In ihr Schlafzimmer latschte Verena.

Daran machte Verena sich, sich für ihren vormittäglichen Ausflug Richtung der sozialen Station des Städtchens anzuziehen.

Verenas Unterhose: blutrot. Kein Büstenhalter. Ein kürzeres und ein längeres Unterhemd. Weiß und schwarz und beides fleckig. Darüber ein rotweißkariertes Metzgerhemd. Übergroß, bauschig. Eigentlich für den Mann, das Hemd. Eine weite Blau-Jeans mit hellbraunem Frauenbauchgürtel. Blaue Sportsocken mit Löchern.

 

Das größte Loch hatte die eine Socke, rechte Ferse.

Allerdings: Passierte Verena unterwegs kein Unfall, oder mußte Verena irgendwie komischerweise einen Striptease irgendwo an einem Plätzchen hinlegen, kriegte das mit den Löchern in den Socken zu einhundert Prozent kein Mensch mit.

 

Zum Schluß, daß Verena in die Art Pappeturnschuhe für die Dame schlüpfte.

Blieb zu hoffen, daß es an dem Vormittag nicht viel herunterregnete.

Regen, gefährlich für diese Turnschuhe.

Durchnäßte es diese Turnschuhe, war das Paar Turnschuhe einigermaßen schnell für Verena hinüber. Neue Schuhe, die Verena brauchen würde.

 

Selber von Verena eingekauft, das Schuhwerk für die Sportlerin. Im Supermarkt.

Zehn Eier.

Zehn blanke Eier, die Verena für das Schuhpaar in dem Discounter gelassen hatte. Eier, von Verena am Monatsanfang extra aus der schmalen Börsenkiste herausgeholt, der Kassiererin geziert hingefingert.

Der reinste Luxus, den Verena sich erlaubt hatte.

Sich das Paar Damensportschuhe zuzulegen, Luxusreise pur.

Das hatte Verena sich gegönnt. Es war von Verena nichts dagegen bei Verena zu machen.

 

Seitdem Verena diesen Einkauf getätigt hatte, verweilte in Verenas Gedankenwelt die eine Frage der Fragen: Warum hatte Verena diese blöden Schuhe unbedingt für sich haben müssen?

Starrköpfig, bedenkenlos, Verena.

Für die Dinger, daß Verena die hohle Geldraumtasche weit aufmachte.

War Stolz der Grund Verenas?

Der Wunsch einer Frau, wieder einmal etwas Neues an sich zu sehen? Selbstgekauftes?

Schon ein Problem, Verena, manchmal für sich. Ein echtes Problem.

Warum hüpfte Verena eigentlich nicht aus dem Fenster? Dann hatte sich das mit all ihren Sorgen und Nöten.

 

Traurig seufzend stellte Verena sich auf die Beine, loszugehen, das Kofferteil mit den Rollen unten dran aus der Küche zu holen und am Flurgang bereitzustellen.

 

 

Zurückgekehrt in ihr Schlafzimmer war Verena Tümmel. Auf die Kante des Doppelbettes hatte Verena Tümmel sich gesetzt.

Noch, daß für Frau Verena Tümmel genügend Zeit blieb. Erst in einer Stunde, daß Frau Verena Tümmel aufbrechen mußte. Um aus ihrer Stadtwohnung abzugehen. Auf den Weg sich zu begeben, Herrn Mendl von der Sozalstation zu sehen.

 

Die Vergangenheit, die bei Verena Wiederkehr hielt.

Vor ihrem geistigen Auge blickte Verena zwei Polizeibeamte. Polizisten, die bei Thomas und Verena Tümmel an der Wohnungstür geklingelt hatten.

Die Türe, die hatte Verena den Beamten zögerlich geöffnet, ahnungsvoll. Damals, vor bald zehn Jahren.

Natürlich war in Verena die Gewißheit. Die klare Sicht hatte Verena. Darauf, daß Verena den Uniformierten nie hätte aufmachen sollen, dürfen. 

Bloß, was hätte Verena damit geändert? Nicht viel.

Höchstens zu einem Zeitaufschub, daß Verena sich verholfen hätte.

Die uniformtragenden Leute wären einhundertprozentig wiedergekommen. Ihnen und ihren Neuigkeiten hätte Verena irgendwann auf irgendeine Art begegnen müssen.

Ein Entkommen gab es für Verena nicht.

 

Die zwei Männer drückten die Uniformmützen her, die sie Frau Verena Tümmel gegenüber höflich abgenommen hatten. Erst grüßte der eine, dann der andere Frau Verena Tümmel.

Der größer gewachsene Beamte, der das Reden übernahm. Der Mann meinte, er hätte eine Mitteilung zu machen, etwas, was nicht zwischen Tür und Angel besprochen werden sollte. Hereinkommen müßte man in die Wohnung.

Matt, daß Verena den Uniformträgern hinnickte, sich zur Seite abwandte und die Türe weit aufmachte.

Ins Wohnzimmer schritt Verena voraus. Auf das schwarze Ledersofa, daß Verena sich müde niederhockte. Zu den Männern in Uniform guckte Verena hinauf, die Verena auf dem Fuß gefolgt waren.

 

Die sonore Stimme eines vertrauenswürdigen, mitfühlenden Mannes unterrichtete Verena Tümmel, daß es auf der Autobahn einen Unfall gegeben habe. Ein schlimmer Unfall, der nicht passieren hätte dürfen. Frau Verena Tümmels Ehemann und ihr kleiner Sohn, beide seien tot.

Schuld hatte ein Kleintransporter. Der Kleintransporter sei bei zu hoher Geschwindigkeit nach der Seite ausgebrochen, ins Schleudern geraten. Jenes nachfolgende Fahrzeug, das ihn, Frau Verena Tümmels Gatten, am Lenkrad sah, sei in den eiernden, schleudernden Transporter hineingeknallt.

Jeder der Fahrzeuglenker habe sein Kraftfahrzeug nahe am Geschwindigskeitslimit bewegt. Eine Kleinigkeit, die die Gefahrenmomente multiplizierte.

Der Kleintransporter sei mit Umzugsmöbeln überladen gewesen. Das sei der eine Grund für das unvermittelte Ausbrechen, Schleudern. Der zweite, womit das Problem verschärft worden sei, waren die Transporterreifen. Kein Mensch konnte da mehr von einem brauchbaren Reifenprofil sprechen.

Unglaublich oft müßten sie, sie von der Polizei, sich darüber wundern, in welchem Zustand Transportfahrzeuge wären, die auf den Straßen und Autobahnen durch die Gegend kurvten. Wenn dann dazu die Fahrgeschwindigkeit nicht im mindesten angemessen war, waren Katastrophen zwangsläufig. Zudem habe der Fahrer des Kleintransporters die gesetzlichen Ladungssicherheitsvorschriften erheblich mißachtet.

 

Die Insassen des Personenkraftwagens ...? Pech, das diese hatten.

Mehrmaligen Überschlag habe es gegeben. Unglaubliche Kräfte, die gewirkt hätten.

Herausschneiden haben die von der Feuerwehr den Mann und das Kind aus dem Autowrack müssen. Zuvor habe der Notarzt bei beiden nur noch den Tod feststellen können.

Der Junge, der sei am Beifahrersitz angeschnallt gewesen. Der Vater, der das Fahrzeug lenkte, dagegen nicht.

Auf der Fahrer- und der Beifahrerseite seien die Aufprallkissen aufgegangen. Eine Tatsache, die den Fahrzeuginsassen nur nicht das kleinste bißchen irgendwas geholfen habe.

 

 

Der letzte Schluchzer Verenas, der war länger her.

Das zusammengeknüllte Papiertaschentuch, mit dem Verena sich unter den Augen, sich über die Wangen gewischt hatte, warf Verena auf den roten Teppich.

Eine überraschende Nachricht war das mit dem Unfalltod von Thomas und Hannes vor bald zehn Jahren nicht für Verena.

Verena hatte es augenblicklich gewußt, als sie die Polizisten durch das Guckloch der Wohnungstür erblickte, daß jene Situation eingetreten war. Die aus dem bösen Traum.

Ihr geliebter Mann Thomas und Hannes, ihr vielgeliebter, zehnjähriger Sohn, waren tot. Dahingestorben.

Was die Polizeibeamten Verena schlußendlich von dem schrecklichen Autobahnunfall sprachen, war für Verena quasi die Erläuterung zu den ihr bekannten Tatsachen.

Das aus Verenas Alptraum, das war eingetroffen.

 

Warum hatte Thomas nicht auf sie, Verena, hören können?

In Wiederholung, daß Verena Thomas davon geredet hatte. Immer wieder die Tage zuvor, seit Verena ihren Alptraum hatte.

Schlimmstens zugerichtet hatte Verena Thomas und Hannes in dem bösen Traum gesehen. Wie es aussah, beide gestorben.

Genauso ein reales Bild, das Traumbild, wie das, als Verena Thomas und Hannes auf den Liegen daliegen sehen mußte. Nachdem im Leichenschauhaus Thomas' und Hannes' Röhren herausgezogen worden waren. Die weißen Laken von den Leibern weggenommen wurden, damit Verena freie Sicht auf die Leichname hatte.

 

Andererseits, selbst wenn Thomas seine Ehegemahlin Verena vor seiner Abfahrt an jenem Samstag vor zehn Jahren ernster genommen hätte - was wäre gegen das schreckliche Geschehen zu unternehmen gewesen? Was hätte in Wahrheit dagegen getan werden können?

Das mit dem Horrortraum, in dem Verena das Unglück von Thomas und Hannes vorausgesehen hatte - das war nicht von der Hand zu weisen.

Wenn nicht so, hätte das Schicksal sich am Schluß einen anderen Weg gesucht, zu demselben Ergebnis und den gleichen Bildern zu kommen.

Der Tod, ein unvermeidbares Mißgeschick.

Ein nicht einmal selbstverschuldeter Unfall auf der Autobahn war auch nur eine Möglichkeit. Sterben konnte man am Schluß auf vielerlei Arten.

 

Auf den mechanischen Rundwecker auf dem Nachtkästchen zu ihrer Rechten starrte Verena.

Schlagartig klärte sich Verenas Blick auf.

Ein spitzer Schrei entfloh Verena. Auf die Beine hüpfte Verena.

Wo war denn die Zeit abgeblieben? Oder hatte Verena vorhin die Uhrzeit nicht richtig ablesen gekonnt?

Höchste Zeit war es für Verena, aufzubrechen. Eine Viertelstunde blieb Verena, dann hatte Verena ihren Termin bei Herrn Mendl auf der Sozialstation.

Der war für Verena nicht eben ein unwichtiger. Für Verena ging es bei Herrn Mendl um was. Verena Tümmels Anliegen war Herrn Mendl verständlich zu machen.

Pünktlichkeit war in dem Fall das Angesagte. Unbedingt.

 

 

Aus dem Schlafzimmer eilte Verena auf den Flurgang hinaus.

Lange stand da der Rollkoffer für den vormittäglichen Ausflug bereit.

Das Telefon, das klingelte, daß Verena zusammenzuckte.

Abheben? Nicht abheben?

Nein, nicht abheben!

Wenn der Anruf aber wichtig war ...

Eine Minute allerhöchstens. Eine Minute, die mußte für das Gespräch reichen. Dann mußte Verena Bescheid wissen, was los war. Beziehungsweise dem Anrufer sagen, daß Verena schnell woanders hinmachen müßte.

 

"Ja bitte?" keuchte Verena, die abgenommen hatte, unten in die Hörermembran.

"Berufezentrum hier!" sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. "Hier ist die ArGe! Herr Meier am Telefon. Sie haben eine Einladung für einen viermonatigen Kurs in Lagerwesen mit anteiligem Gabelstaplerschein von uns erhalten, nicht wahr, Frau Tümmel?"

"Ja, habe ich", raunte Verena dem Hörer hin.

"Ich muß Ihnen leider mitteilen, Frau Tümmel, daß die Maßnahme nicht stattfindet. Tut uns leid. Aber die Sache ist abgesagt. Kurzfristig sind die Mittel dafür gestrichen worden."

Verena fiel nichts ein, das sie dazu daherzuschwätzen gehabt hätte. Vielleicht auflegen. Kurz und schmerzlos.

"Das wär eigentlich schon alles ...", setzte Herr Meier fort.

"Ja, ich hab' auch gerade überhaupt keine Zeit", hörte Verena sich plappern. "Um halb zehn hab' ich jetzt gleich einen Termin. Bitte, entschuldigen Sie! Aber ich hab's gerade eilig ..."

"Gut denn! Jedenfalls wissen Sie jetzt Bescheid. Die Schulungsmaßnahme entfällt ersatzlos."

"Weiß ich jetzt Bescheid, Herr Meier, ja ..." Das bemerkte Verena bei sich, daß Verena dem Telefonhörer hinnickte.

"Noch etwas: Am Zwölften des nächsten Monats kommen Sie, Frau Verena Tümmel, bitte für ein Gespräch zu mir. Morgens, um acht Uhr in der Früh. Zimmer neun, Erdgeschoß. Darüber werden Sie die nächsten Tage auch noch schriftlich unterrichtet. Das müssen Sie sich jetzt nicht extra alles merken, ja?"

"Ja, Herr Meier! Acht Uhr früh. Werde am Zwölften um acht bei Ihnen sein. Zimmer neun, Erdgeschoß. Bitte, Herr Meier, könnten Sie mich jetzt entschuldigen, ja ...? Hab' wirklich nicht die Zeit - ehm! Muß unbedingt wohin ..."

"Gut, Frau Tümmel! Dann möchte ich Sie nicht weiter belästigen. Sie haben auf alle Fälle Bescheid gesagt bekommen. Das Ganze mit dem Kurs in Lagerwesen mit dem Gabelstaplerschein anbei, das entfällt."

 

Ziemlich kühl, empfand Verena es, hatte Herr Meier die telefonische Verbindung abrupt getrennt. Ohne jegliche Art von Verabschiedung. Und ohne außerdem ein weiteres Wort zum Abschied von Verena vernehmen zu wollen.

Das störte Verena jetzt, irgendwie.

Liebend gerne hätte Verena "Auf Wiedersehen" zu Herrn Meier von der ArGe - einem neuen Zuständigen in Verenas Angelegenheiten bei der ArGe, im Berufszentrum -, gesagt.

Der Umstand der Verabschiedungsfloskel fehlte Verena nun. Daß es Verena das Gefühl herunterzog. Brutal.

 

 

Mit dem Arm stützte Verena, die Herzrasen hatte, sich an der Wand ab. Dem Drängen widerstand Verena, sich auf den Fußboden niederzuhocken. Dort der Flennerei sich zu ergeben.

Herr Mendl fiel Verena ein. Verena hatte den Termin bei Herrn Mendl auf der Sozialstation.

Jetzt war es knapp acht Minuten vor halb zehn Uhr. Das mit der Zeit, ein Wahnsinn. Die Minuten schienen zu rasen.

Zur Wohnungstür hastete Verena, den Rollkoffer hinter sich herziehend. Mit zittrigen, ungeschickten Fingern löste Verena die Türkette, sperrte die Tür auf.

Samt dem Koffer auf Rollen begab Verena sich über die Türschwelle.

Aus dem Schloß innen riß Verena, der es heiß war, der das Herz bis zum Hals schlug, den Wohnungsschlüssel. Mit ihren Zitterfingern schaffte Verena das wichtigste silberfarbene Metallstück, das den Schlüsselbund schmückte, draußen wieder rein, zum Zusperren.

 

Wieder waren sicher zwei, drei Minuten flugs vergangen. Wie hatte sich das bei Verena ereignen können?

Jetzt geschah es, daß Verena tatsächlich fünf, sechs Minuten zu spät zu ihrem wichtigen Termin bei dem netten Herrn Mendl vom sozialen Dienst kam.

Schlimmstenfalls, ereignete sich nochmals unterwegs irgendwas, war Verena eine Viertelstunde verspätet dran.

Eine geschlagene Viertelstunde Verspätung - eine Unpünktlichkeit, nicht weniger als schlimm zu nennen. Für Verena.

 

Dabei hätte Verena locker pünktlich sein können.

Vor einer Stunde hatte Verena noch die feste Absicht gehabt, mindestens fünf Minuten früher dort zu sein, bei Herrn Mendl. Vor der Bürotüre Herrn Mendls von der Sozialstation.

Vorgestellt hatte es sich Verena, am Flur zu warten. Bis es genau halb zehn Uhr würde. Dann leise anzuklopfen an die Türe. Ein Momentchen zu lauschen. Die Klinke zu drücken, sich selber aufzumachen, freundlich lächelnd, hatte Verena von drinnen was gehört oder nicht.

Statt dessen ...

Laut schluchzte Verena.

 

Zum einhundertundfünfzigtausendsten Male funktionierte in dem doofen Schrotthaus der Aufzug nicht. Zu Fuß mußte Verena die Stiegen runtersteigen, aus dem dritten Stock, den Rollkoffer bei sich über den Rücken gelegt.

Die Vorhalle drunten war nicht einsam und verlassen, leer. Käthe, die gräßliche Hausmeistersfrau, stand mitten auf der gefliesten Fläche, blickte spöttisch, erwartungsvoll Verena herauf entgegen.

"Einen schönen guten Morgen, Frau Tümmel!" empfing das dicke Weib Verena scheinbar freundlich. "Gut, daß ich Sie heute schon mal sehe. Muß ich nicht extra hochkommen, zu Ihnen an die Wohnungstür. Nächste Woche sind Sie wieder mit dem Treppenputzen dran. Das heißt nicht zwei-, dreimal die Woche Treppenputzen. Nein, das heißt das nicht. Bestimmt nicht. Sieben Tage hat die Woche. Sieben Tage hat die Woche, nicht wahr? Ja? Sieben Tage Treppenputzen, oder?"

"Ja!" Mattes, entsetztes Kopfnicken Verenas.

"Dann verstehen wir uns ja!" Die Arme, die "Fettauge"-Käthe bei sich in die breiten Hüften stemmte. "Sieben Tage die Woche. An sieben Tagen müssen die Treppen geputzt werden ..."

"Bitte ...! Ich hab' gerade keine Zeit. Überhaupt keine. Hab' einen Arzttermin. Bin ganz, ganz knapp dran, noch so eben pünktlich in die Praxis zu kommen. Ein anderesmal, wenn ich keinen Termin hab', können Sie mir alles auch noch sagen, was Sie auf dem Herzen haben. Ja ...?"

In Bewegung zu bringen versuchte Verena sich, Marschrichtung Haustüre. Aber "Fettauge"-Käthe verstellte Verena kurzerhand den Weg.

"Darauf sollten Sie auch achten, daß, wenn Sie putzen, die Stiegen dann auch sauber sind." Den Zeigefinger hob "Fettauge"-Käthe Verena vors Gesicht. "Zumindest sollte man das sehen, daß Sie geputzt haben. Die ganze Woche durch, jeden Tag. Sieben Tage die Woche."

"Jaja ..." Voll die Ungeduld war Verena. "Bitte, ich kann mich jetzt nicht damit aufhalten. Ich muß ..."

"Wenn Ihnen demnächst hier gekündigt wird ..." Die Herablassung in Person war Käthe, Frau des Hausmeisters. "Dann müssen Sie sich mit niemandem hier im Haus mehr aufhalten. Passen Sie nur auf, Frau Tümmel. Ich hab' da was läuten gehört, was Sie angeht ... Vielleicht sind Sie bald sehr schnell hier ausgezogen. Schneller, als Sie sich das momentan denken."

Ihre Füße brachte Verena in Marsch, begab sich stumm an "Fettauge"-Käthe vorüber, "Fettauge"-Käthe, die nichts dagegen unternahm, diesmal.

Im Nu befand Verena sich an der Haustür, öffnete die Tür für sich.

Ein flüchtiges Sekündchen, daß Verena auf "Fettauge"-Käthe zurückblickte, auf "Fettauge"-Käthe, die Verena mit angewiderter Miene hinterherstarrte.

 

 

Unter freiem Himmel dastehend, atmete Verena erst mal tief durch.

Ein grauer Wochentag war das.

Tiefhängendes Wolkengrau.

Lediglich der Regen, der fehlte.

Jeden Augenblick konnte es jedoch zu tröpfeln anfangen. Und Verena, die konnte, wurde das mit dem Niederschlag stärker, mit ihren Pappeturnschuhen Pech haben. Daß Verena diese Schuhe das letzte Mal anhatte.

 

Welches war der schnellste Weg, den Verena wählen sollte?

Der lange, den Verena ursprünglich zu gehen beabsichtigt hatte? Oder der durch den Park, der der kürzere war?

Das Problem war nur, daß auf der anderen Seite des Stadtparks mächtig durch die Gegend gebaut wurde.

Die Straßenbreite war von Baggern mehrere Meter breit und tief ausgehoben worden. Schwere Lastwägen fuhren auf dem Platz dauernd an und ab.

Konnte Verena dort nicht weiter, mußte Verena sogar umkehren, zurücklatschen. Die Geschichte mal zwei.

Das durch die Parkanlage, das kostete am Schluß mehr Zeit. Wobei Zeit das Momentum war, das Verena nicht hatte. In keinster Weise. Eigentlich.

Das bedeutete, daß der lange Laufweg der kürzere war, Verena größere Überraschungen ersparte.

"Verflucht!" entfuhr es Verena, schüttelte den Kopf. War das Leben nicht Slapstick?

 

Den Gehsteig stürmte Verena hinauf.

Weil das kein gemütliches Spazierengehen war, hatte Verena sich den Rollkoffer über die Rückenlänge gelegt, hielt ihn mit der Rechten am eisernen Haltegriff. Etwas, das außerdem die Kofferrollen schonte. Daß am Koffer die Rollräder kaputtgingen, die Tatsache hätte Verena ebenfalls gerade gefehlt.

Verschiedenste Nebenstraßenkreuzungen, die Verena bewältigte.

Zweimal, daß Verena das Glück hatte, daß für den Fußgänger die Ampel auf Grün stand.

Trotzdem, erst nach einer gefühlten Ewigkeit von Minuten, die große Straßenkreuzung für Verena.

Hier, auf der Kreuzung, daß der Autoverkehr sich staute.

 

An der roten Ampel wartete Verena auf das grüne Männchen, überlegte sinnend, was das mit dem Verkehrsaufkommen am Ort war.

Waren das alles Leute - die drinnen in den Fahrzeugen hockenden Männer, Frauen -, die, kaum daß sie das mit der Arbeit am Morgen angefangen hatten, schon wieder aufhörten mit ihrem Job? Abhauten, raus aus den Betrieben, den Büros?

Oder waren sie beruflich auf der Fahrt?

Oder schließlich solche, die überhaupt nicht arbeiteten?

 Allesamt, daß sie ungerührt im Automobil Stoßstange an Stoßstange Minute um Minute verplempern konnten. Weil sie keiner Arbeit nachgingen? Deswegen irgendwo im Stauverkehr zu stehen, im Grunde genommen egal. Egal wo und wie lange, man hatte sie ja, die Zeit.

Nach dem glücklichen Ankommen auf irgendeinem Parkplatz oder in einem -haus bevölkerte man die Kaufhäuser, Cafés. Als könnte man sich das leisten, leistete man sich was.

 

Verenas Fragestellung: Wer von denen hatte so viel Bares? Durften hier einige die Karte überziehen, weiterhin überziehen?

Bis zum Monatsende, das waren schon noch ein paar nette, pralle Tage.

Nur Verena, vielleicht Verena, der die rechte Perspektive fehlte.

Weil, bei Verena, bei Verena war die Karte lange tot. Praktisch augenblicklich mit jedem Monatsanfang passierte Verena das. Kaum der Erste gekommen, war das wieder vorbei, was die Möglichkeit mit den aufschlagbaren Geldeiern für Verena anging.

Die Null, die gähnte.

 

 

Atemlos erreichte Verena nach dem nächsten kleinen Gewaltmarsch das vierstöckige Klotzgebäude. Ihr Ziel.

Auf der Kirchturmuhr zeigte der große Zeiger, daß es in zwei Minuten dreiviertel zehn Uhr am Vormittag wurde.

Das war Katastrophe. Die Katastrophe schlechthin für Verena.

Eine Viertelstunde, die Verena verspätet dran war. Und Verena war immer noch nicht annähernd dort, wo Verena lange hingesollt hätte.

 

Zwanzig, fünfundzwanzig Minuten zu spät, daß Verena eintraf, rechnete Verena das weitere hoch.

Zwanzig, fünfundzwanzig Minuten, daß Verena den Zeitpunkt verfehlte, zu dem Verena zu dem Termin in Herrn Mendls Büro auf der Sozialstation anwesend sein hätte sollen.

Als ob Verena sich das erlauben hätte können, dürfen.

Kaum erträglich war das für Verena. Kaum erträglich, wie im Moment die Gegenwart war.

Wie sollte das jetzt bloß weitergehen, das mit Verena, Verena, die nicht aus der eigenen Haut heraushüpfen konnte?

 

Den Rollkoffer stellte Verena niedergeschlagen auf den geteerten Gehsteig ab. Arme und Beine schüttelte Verena aus. Schließlich hatte Verena Sport gemacht. Was Verena nicht gewohnt war.

Drei ältliche Weibspersonen in grauen, braunen Stoffmänteln kamen die Ein-, Ausfahrt herausgeschritten.

Links und rechts trugen die Alten schwere Stofftaschen, gelbe, rote Plastikkörbe.

Anscheinend war das diesmal ein guter Tag. An dem jemand eventuell was im Körbchen zu sich nach Hause tragen konnte.

 

Die Dicke der Tragtaschen, der Inhalt der Körbe, das alles, das hatte Verena nur gerade überhaupt nicht zu interessieren, schimpfte Verena sich.

Auf ein neues, daß Verena sich in Bewegung schaffte, kurz aufschluchzend. Hinein auf die graue Teerfläche des Hinterhofs, dicht mit Vierrädern zugeparkt, eilte Verena.

Ein Verena unbekannter rothaariger, großgewachsener Jungmann, am Namensschild am Brustrevers seiner schwarzen Jacke als Mitarbeiter der Sozialstation erkennbar, stritt sich mit ausschweifenden Gesten mit einem dicklichen Mittvierziger mit Glatze, der sich mit der Hüfte leicht an die Fahrertüre seiner silberfarbenen viertürigen Karre anlehnte.

"Bitte, steigen Sie wieder ein!" klangen Worte Verena in den Gehörgängen. "Fahren Sie Ihr Fahrzeug bitte woanders hin. Sie können sich doch nicht einfach hier hinparken."

"Warum denn nicht? Mein Auto steht doch gut hier. Steht doch gut hier."

"Das müssen Sie einsehen, daß das mit dem Parken, wie Sie das jetzt machen, hier nicht hinhaut. Sie versperren ein-, ausfahrenden Wägen den Fahrweg. Das ist doch nicht zu fassen, was Sie hier treiben, Mann. Steigen Sie sofort wieder ein! Fahren Sie hier raus!"

"Ich muß das hier ... Ein paar Minuten muß ich noch auf meine Frau warten. Die kommt jede Sekunde ..."

"Wenn Sie nicht augenblicklich machen, was ich sage ..."

"Was dann?"

"Sie werden angezeigt. Sie erhalten eine Anzeige von uns. Sie werden angezeigt, mein Lieber ..."

 

In Marsch setzte sich Verena, weg von der Szene, hörte nicht mehr viel weiter.

Herzrasen hatte Verena. Gefährliches Herzrasen.

Daß sie tatsächlich stehenbleiben hatte müssen, deutlich wortreiche Rede zu erlauschen und doof zu glotzen? Beinahe zuviel für Verena im Moment, die eigene Person und ihr Treiben.

Was ging Verena das zwischen dem neuen Jungspund von der Sozialstation und dem glatzköpfigen widerborstigen Knilch an?

Im Grunde nichts. Überhaupt nichts, daß Verena das anging. Verena, die hatte schließlich andere Sorgen an dem Vormittag. Ganz andere.

Erst wenn Verena wieder unten war, aus dem Büro droben draußen. Dann war das mit dem Anstehen angesagt, hatte Verena genug Zeit fürs Gaffen und all das. Mehr als genug.

Übergenug konnte Verena sich dann allem und jedem widmen. Sogar ein, zwei Stunden. Oder länger. Wäre nicht das erstemal.

 

Hinauf mußte Verena, in den vierten Stock.

Die Flügel der gläsernen, hohen Doppeltüre standen weit auf, Verenas nächstes Ziel.

Damit fing Verena an, Leute anzutippen und anzusprechen, sie, Verena, bitte durch- und vorüberzulassen.

Durch die lange Reihe des dichtgedrängten Volks der Ansteher am Hof drängelte Verena sich voran.

Ab und an mußte Verena sich bei jemandem entschuldigen, der sich Verena hinwandte, Verena anstierte, weil Verena ein klein bißchen gerempelt hatte.

Zum Glück unbekanntere Gesichter für Verena, im Augenblick. Niemand willens, aufzuhalten.

 

Den Rollkoffer weiterhin hinter sich herzerrend, entdeckte Verena sich im Hauptgebäude der Sozialstation drinnen.

Nachdem das mit dem Aufzug noch eine Runde langsamer sein würde, mußte Verena die Treppenstiegen in das vierte Stockwerk zu Fuß hoch.

"He, Verena ...!" vernahm Verena von links hinter sich einen Ruf.

Eine bekannte Frauenstimme. Hörte sich nach Corny an.

Verena reagierte nicht auf Corny. Für Verena, daß sich die Reise zwischen den Männer-, Frauengestalten noch fortsetzte.

"Darf ich bitte hier durch? ... Danke!"

Die Glasfibertüre, die in das Treppenhaus des Vierstockklotzgebäudes hineinführte, die Verena endlich erreicht hatte. Die Klinke drückte Verena unverzüglich herab, schob die Türe für sich nach innen auf.

 

Unvermittelt war Verena alleine, verlassen von den vielen der Anstehermeute.

Hinter Verena fiel die Glasfibertüre ins Schloß.

Den Koffer auf Rollen legte Verena sich auf den Rücken. Zwei betonierte Stufen auf einmal nehmend, begann Verena den Aufstieg.

Nichts als das eigene, schwere Schnaufen erlauschte Verena.

 

 

Droben war Verena angekommen. Im vierten Stock.

Ihren lästig gewordenen Rollkoffer, den Verena anfangs des dritten Stockwerks am liebsten abgenommen und am nächsten Ort stehengelassen hätte, schwang Verena sich von der Rückenpartie herunter.

Mit rasselndem Atem lehnte Verena sich mit der Schulter gegen den Mauerrand des türlosen Durchgangs zum Flur.

Zittrig zog Verena ein frisches Papiertaschentuch aus der Packung.

Sich mit dem papiernen Taschentuch das Gesicht herwischend, begab Verena sich am Flurgang nach rechter Hand, zur Bürotür da in der Mitte gegenüber.

 

Auf das Pappeschild dran an der braungestrichenen Holztür glotzte Verena.

Ein von Kindergartenkindern mit Wachsmalstiften in Regenbogenfarben gemalter Name - GERALD. Jede Menge rote Herzchen rund um den Namenszug GERALD herum. Oben links am Bild eine goldfarbene Sonne mit gelben Strahlen. Das Sonneninnere: ein Grinsegesicht aus Bleistiftstrichen.

Das Kunstwerk, hübsch und brav verfertigt von Kindern aus dem benachbarten Kindergarten. Für Herrn Mendl, Herrn Gerald Mendl.

 

Sicher war es jetzt schon fünf vor zehn Uhr, überlegte Verena. Wenn es nicht bereits zehn war.

Sollte Verena nun die Schulter zucken, weggehen? Zum Anstehen für die Lebensmittel wieder hinuntermachen?

Was sprach aber bei Verena dagegen, doch noch kurz anzuklopfen?

Brachte Verena das nicht, hätte Verena schlichtweg sofort drunten mitten unter der vielköpfigen anstehenden Bevölkerung bleiben können. Vorhin.

Irgendwas würde Verena bestimmt einfallen, Verenas Verspätung zu entschuldigen.

 

Ziemlich lautstark, daß Verena zweimal mit der Faustunterkante gegen die braunfarbene Türfläche haute.

Auf eine männliche Stimme von drinnen horchte Verena.

Keinerlei Reaktion aus der Büroinnenwelt.

Die Türklinke drückte Verena, viermal.

Es war abgesperrt, und es blieb zu.

Im Büro des Herrn Mendl - Herrn Gerald Mendl - befand sich kein Mensch. Niemand.

Mit dem rechten Turnschuhfuß trat Verena gegen die Mitte des unteren Türrandes. Nochmals dagegen.

Laut waren die Geräusche. Die Holzfläche, die nachvibrierte.

 

"Aber hallo!" erklang Verena die Stimme einer Frau.

Unmittelbar bei Verena, die andere. Seitlich leicht links hinten versetzt, das Miststück.

"Aber, also wirklich ...", wiederholte sich das mit der Ansprache der Dame für Verena, Verena, die zur Salzsäule erstarrt war. "Was fällt Ihnen denn ein, Sie -! He, liebe Frau, reißen Sie sich bitte hier mal hübsch zusammen, ja? Wer glauben Sie, daß Sie sind? Sie können doch nicht denken, sich hier alles erlauben zu können. Wirklich nicht. Wenn bei Gerald zu ist, ist bei Gerald zu."

"Bit-te, ich hab' um halb zehn Uhr einen Termin bei Herrn Mendl im Büro", plapperte es aus Verena heraus, Verena, die sich blitzschnell nach ihrer Widersacherin umgewandt hatte; einer Grauhaarigen sah Verena sich gegenüber. "Und Herr Mendl ist nicht da. Ist einfach nicht da. Herr Mendl sollte da sein, wenn ich um halb zehn komme."

"In drei Minuten haben wir zehn", versetzte die Bürodame zu Verena hin. "Zehn Uhr ist knapp eine halbe Stunde, die Sie zu spät dran sind, liebe Frau. Hätten vielleicht pünktlicher sein sollen, für Ihren Termin bei Gerald. Nun führen Sie sich hier aber auch noch auf, daß ich mich frage, wie Sie sich das erlauben können. Was erlauben Sie sich eigentlich?"

"Hab' mit Herrn Mendl wichtige Dinge zu besprechen", schnarrte Verena trotzig.

"Heut' kommt Gerald nicht mehr in sein Büro", unterrichtete die graue Bubikopfdame, die ein Serviertablett mit Kaffeekanne und Tassen drauf auf Bauchhöhe vor sich hielt. "Wir haben kurzfristig eine Konferenz einberufen müssen. Sie haben das ja selber gesehen, was drunten wieder bei uns los ist. Das wird bald zuviel. Wir müssen weitere Farben einführen. Wir müssen anscheinend Zeug für noch mehr Leute herkriegen. Darüber muß man sich unterhalten. Und wenn die Lagebesprechung vorbei ist, fährt Gerald mit, wenn es in die Geschäfte geht. Ich würde sagen: Sie hätten pünktlich dasein müssen. Jetzt hat Gerald wirklich keine Zeit mehr. Jetzt gehen Sie bitte."

"Ich muß unbedingt mit Herrn Mendl reden", blieb Verena bei der Stange, wollte sich nicht vom Ort wegbegeben. "Der Termin mit Herrn Mendl, den ich um halb zehn hatte - der ist wichtig für mich."

"Pünktlichkeit wäre wichtig für Sie gewesen. Wenn ich das Gerald sage, wie Sie sich hier aufführen ..." Ihr Tablett, mit dem sie für die Kaffeeversorgung sorgte, stellte die graubehaarte Sozialstationsmitarbeiterin auf einen von Verena bis dahin unbemerkt gebliebenen Rechtecktisch an der Wand gegenüber ab.

Apotheker- und Gewerkschaftsbroschüren, die dort auf der Tischfläche durcheinander herumlagen, fürs Mitnehmen für den Parteiverkehr. Ein Bistumsblatt.

 

"I-ich mu-muß mi-mit Herrn ...", stotterte Verena.

"Daß Sie hier bei Gerald hier gegen die Tür getreten haben, das find' ich wirklich klasse." Die Arme, daß die Grauhaarige, die ein dunkelgraues, knielanges Rockkostüm für den schmucklosen Büroauftritt anhatte, nun bei sich in die Hüften stemmte. "Wirklich nur noch klasse find' ich das. Einsame Klasse. Ausgezeichnet. Hört Gerald das von mir, denke ich, daß Gerald das auch klasse finden wird. Sie können von Gerald hier sofort Hausverbot kriegen, wenn Sie das wollen."

"Aber ...", beharrte Verena auf ihrem Standpunkt.

"Sie gehören auch zu denen, die drunten anstehen, nicht? Wenn Gerald das möchte, geben Sie augenblicklich Ihren Ausgabeausweis, alles ab. Sie wären nicht die erste, der das passiert. Und Sie können mir das glauben, daß wir das mit dem Hausverbot auch durchsetzen. Lassen Sie sich dann hier noch mal blicken, sehen Sie sich schneller Polizisten gegenüber, als Sie das jetzt meinen. Ein Anruf von einem von uns reicht. Eine Anzeige haben Sie daraufhin außerdem am Hals ..."

"Bit-te, i-i-ich ..." Die Hände, die Verena mitleidsheischend in die Richtung von der von der Sozialstation rang.

Einen unvermittelten Schritt machte Verena auf die andere zu, buckelte sich herab - daß es beinahe aussah, Verena wolle sich auf den Boden schmeißen, der Dame vor die schwarzen Lederhalbschuhe.

"Lassen Sie das bitte!" Mit der flachen Hand vollführte die Büroangestellte eine abwehrende Handbewegung, als wolle sie einen bösen Geist vertreiben. "Lassen Sie das, ich bitte Sie! Kommen Sie mir ja nicht zu nahe, sag' ich Ihnen. Hören Sie - ich will nichts von Ihnen. Gar nichts. Keine Art von Beziehung möchte ich zu Ihnen haben. Kann ich gut drauf verzichten. Auf alles mit Ihnen kann ich gut verzichten. Mir ist alles hier eigentlich ziemlich egal. Wenn Sie jetzt schnell wieder von hier verschwinden, vergesse ich die ganze Angelegenheit mit Ihnen vielleicht auf der Stelle. Und wenn nichts weiter mit der Tür ist, nichts mehr vorkommt, weiß ich sicher bald von überhaupt nichts mehr. Sie können sich bei Gerald entschuldigen, weil Sie nicht zu dem Termin bei ihm erschienen sind. Wird Gerald sicherlich einen neuen Termin mit Ihnen ausmachen. Nicht wahr? Heute aber nicht mehr. Diese und die nächste Woche durch jedoch leider auch nicht. Tut mir leid. Sehr leid für Sie. Wären Sie früher hierhergekommen, pünktlich ..."

"Wenn i-ich Herrn Mendl aber jetzt nötig bräuch-bräuchte ..." Beide Handflächen wie zum Gebet in der Kirche aneinandergelegt, mit dieser bittenden, flehentlichen Geste versuchte Verena sich.

"Nein!" lehnte die Sozialstationsbüromitarbeiterin ab. "Heute hat Gerald bestimmt keine Zeit mehr für Sie. Auch nicht für jemanden sonst. Nicht mehr heute. Wie gesagt ..."

"Aber ..." Eifrig nickte Verena, Verena, der heiß war, die bei sich am Kopf Druck spürte. "Aber, i-ich ... Ich brau-brau-che ..."

"Nein! Gerald hat keine Zeit mehr, heute. Hören Sie nicht, nichts von dem, was ich sage? Gerald hat zu tun. Gerald hat heute keine Zeit mehr für Sie. Oder wen anders. He, bleiben Sie friedlich. Friedlich bleiben. Bleiben Sie ja friedlich. Unterlassen bitte jeden Unsinn, ja? Oder ich ... Sie müssen mit Gerald eben einen neuen Termin vereinbaren. Fertig, aus, nicht wahr? Und ansonsten ... Und ansonsten möchte ich - daß Sie hier weggehen. Sofort. Jetzt sofort. Unverzüglich." Die mit dem grauen, schmucklosen Kostüm an, deutete mit dem Finger zur Butzenglastüre, damit Richtung Aufzug.

 

"Entschuldigung!" Traurig seufzte Verena. "Entschuldigen Sie bitte! Wird nicht wieder vorkommen, alles. Werd' mir von Herrn Mendl einen neuen Termin geben lassen. Für übernächste Woche ... Wann immer Herr Mendl Zeit hat."

"Ja, schön, tun Sie das." Kopfnicken von der grauhaarigen Kurzhaardame aus den Büroräumlichkeiten. "Tun Sie das. Was immer Sie wollen. Wie Sie's immer gern haben. Nur gehen Sie jetzt bitte. Gehen Sie jetzt bitte hier weg. So-fort! Auf Wiedersehen!"

"Auf Wie-der-se-hen!" kam es gepreßt von Verena, Verena, die sich kopfnickend, Tränen bei sich fortblinzelnd in Bewegung schaffte.

Das vergaß Verena nicht, den Rollkoffer, den Verena links von sich entdeckte, am Haltegriff zu greifen, das Teil hinter sich herzuziehen.

An der Sozialstationsmitarbeiterin taumelte Verena vorüber.

Zu dem Durchgang ins Treppenhaus hinein begab Verena sich.

 

Nun hatte Verena es, unter dem Eindruck der Geschehnisse, nicht mehr viel mit irgendwas eilig.

Ob Verena eine Minute oder eine Stunde brauchte, die Stiegen aus dem vierten Stock ins Erdgeschoß des Gebäudes hinunterzusteigen, das war nochgerade egal. So was von egal. Schnurzegal.

 

 

Bei der Ansteherei entdeckte Verena sich.

Eine Bewußtwerdung. Denn: Wie Verena von oben drunten angekommen war, das war Verena für den Moment wie weggeblinkt.

Andererseits: Brauchte Verena diese Erinnerung eigentlich viel? Jemals wieder? Die Hauptsache war, daß Verena wußte, daß Verena droben in der Einrichtung war und bei Herrn Mendl die Bürotür zu. Der Rest, der war zum Vergessen. Richtig zum Vergessen

Ab nun war das Anstehen. War Anstehen angesagt. Nach ein paar schnöden Augenblicken, als würde Verena schon wieder ewig am Ort rumstehen.

Brav, daß Verena dastand. Ganz, ganz brav.

Mußte Verena ja auch, einen Platz in der Reihe einnehmen und für ihre Sachen, die sie dringend brauchte, anstehen.

 

"Sie sind auch 'gelb', nicht?" redete eine Kurzhaarblondine, die Verena gesichtsweise seit längerem kannte, Verena an.

Ihr schlafendes Baby schaukelte die Blonde im Arm.

"Ja, bin 'gelb'", gab Verena zögerlich zur Antwort. "Hatte auch schon mal 'blau'. War 'blau'. Aber schon länger her. Jetzt bin ich 'gelb'."

"Das ist heute wieder was hier!" Die mit dem Wickelkind zuckte die Schulter, wie hilflos. "Es ist schon zwanzig nach zehn, und die mit der roten Farbe, die sind noch nicht durch. Noch lange nicht. Und die, die 'gelb' sind, die sind so viele vor uns. Nur, daß die meisten noch draußen rumhängen ..."

Abwinken Verenas.

Mit dem Papiertaschentuch, das sie in der Faust geknüllt hatte, tupfte Verena sich unter den Augen.

 

"Unsere Zeit müssen wir hier verschwenden ...", war die kurzhaarige Blondine, die ihr Baby im Arm wiegte,  mit der nächsten Ansprache in Richtung Verena dabei.

"Ja, ist nicht schön", säuselte Verena. "Damit verdienen wir es, unser Zeug: mit Anstehen. Was soll ich aber machen? Was soll ich sonst machen? Ich ..."

"Paßt doch auf, ihr blöden Fratzen!" schrillte die Blonde mit dem Bubikopfhaarschnitt, gegen deren Hüfte ein Verena nicht bekanntes, ungefähr neun-, zehnjähriges Mädchen mit braunem Pferdeschwanz leicht rempelte, geschubst von einem Jungen mit roter Mütze. "Du doofe Funze! Bald wär mir mein Baby runtergefallen, Drecksfunze! Ein Glück für dich und deinen Kumpan, für euch zwei Fratzen, das, daß das nicht passiert ist. Könnt ihr mit euren Schlammärschen nicht draußen Fangen spielen?"

"Nein, können wir nicht", erwiderte die Pferdeschwanzträgerin, die tief gerötete Wangen hatte, frech.

"Deine Mutti, die ist hier doch irgendwo ..." Die mit dem blonden Kurzhaar guckte herum. "Wo ist deine Mutti, meine Liebe? Zeig mir mal deine Mutti, ja? Daß ich weiß, wer hier deine Mutti ist ..."

"Mutti ist draußen, raucht eine, du blöde Kuh", entfloh es der Göre. "Blöde Kuh. Blö-de Arschkuh."

Ab wandte die Kleine sich, machte auf ihren behosten Beinen davon. Schaute zu, daß ihr zwischen die momentan nicht sehr dichtgedrängt stehenden Leute durch die Flucht gelang.

 

Verena zog ihren Rollkoffer zu sich her, weil der zu weit von Verena entfernt dastand. Das Kofferteil, das gehörte schließlich zu Verena, nicht zu jemand anders.

"Daß die Fratzen, wenn Ferien sind, alle immer hierher mitkommen müssen", klagte die blonde Mutti, ihren Nachwuchs im Babyalter wiegend.

"Hat man sie wenigstens ein bißchen mit dabei, im Auge, würd' ich sagen." Die Schulter zuckte Verena.

"Schon klar!" vernahm Verena die andere. "Können sie sich nicht daheim für sich alleine den nächsten Porno reinziehen. Oder sonst was anstellen, was keiner braucht. Sich leisten kann. Schon am Vormittag. Hier spielen sie nur Fangen, rempeln nebenher die Leute."

Darauf fiel Verena nichts Rechtes fürs fortgesetzte Dahergesäusele ein. Verena hatte nichts gegen Kinder, und daß Kinder mit auf die Sozialstation genommen wurden, war nichts Neues. Gab es seit eh und je.

Am liebsten hätte Verena sich jedoch einfach fortgepackt. Wäre woanders hingegangen. Ganz, ganz weit weg. Eine Örtlichkeit, wo niemand sie mit irgendwas an- und bequatschen hätte können.

Einzig und alleine, Verena konnte das nicht. Verena konnte sich nicht packen und weggehen. Verena mußte dableiben. Anstehen. Für Lebensmittel. Ein paar Lebensmittel.

 

 

Verena blickte Conny, Cornys elfjährige Tochter.

Ihr brünettes Haar hatte Conny sich in der Zwischenzeit der letzten paar Tage, seit Verena Conny nicht mehr gesehen hatte, gefärbt. Rote Haarfarbe.

Weiterhin eher kleinmädchenhaft, die beiden schulterlangen, glattgekämmten Zöpfe Connys, von Haargummis zusammengehalten. Eine Frisur, sicher eher auf den Einfluß von Mutti Corny zurückzuführen.

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