"Das Geschick der weißen Frau" (01-10)
Elf Jahre später
1. Der Expreßbote
* Julia würde nicht wieder zu ihm zurückkommen, das schwor sich René Depart; diesesmal war es das. Gerade zwei Stunden hatte er die Nacht geschlafen, wegen Julia und Julias wüsten Beschimpfungen und Drohungen. So was stand nicht in den Geschäftsbedingungen mit dem Eskortservice. Dort war nichts fixiert, was "Liebe" hieß; oder daß der Kunde, zu dem die Liebesdienerin hochkam, ihre Dienstleistungen anzubieten, diese heiraten sollte. Ob die Philosophiestudentin Julia Coré noch einmal von einem Freier solch eine Summe kriegte, wie sie sie von ihm bekam, das war die Frage. Für jede Nacht, die Julia Coré exklusiv bei ihm verbracht hatte, hatte er den Betrag bezahlt, den Julia Coré erhalten hätte, wenn sie die Nachtstunden durch bei zwölf Männern gelegen wäre. Dazu die Geschenke, die Julia Coré nebenbei mitnahm: teure Halsbänder, Diamantringe und Pelzmäntel. Aber: Das Thema "Heirat" stand nirgends als Beschriftung auf einer Geschenkeschachtel oben.
* Wutentbrannt schmiß René Depart den elektrischen Naßrasierer ausgeschaltet in die volle Badewanne. Julia, das Miststück, dachte, sie könnte das für sich ausnützen, daß bei René Depart eben die Scheidung von Frau Ruth durch war. An die Stelle Ruthies wollte Julia Coré sich ihm zur Rechten plazieren. Einziehen hätte Julia Coré bei ihm, René Depart, wollen. Und jetzt, weil sich die Dinge nicht so entwickelten, wie Julia Coré sie sich vorstellte, meinte Julia Coré, daß sie an Presseleute wenden könnte, der Journaille ihre Geschichten zu erzählen. Wenn er, René Depart, sie wirklich verließ. Der Wahnsinn! Was glaubte Julia Coré? Was war das für ein Gott Julia Corés bei den vielen, zu denen man sonst noch beten konnte? Götter krochen einem wirklich von überall her daher. Praktisch aus jedem Loch. Vollkommen durchgeknallt, Julia, die kleine Hure.
* Mies gelaunt war Julia bereits raufgekommen. Als könnte Julia sich die Launen erlauben. Und Julia war schmutzig; erst ihre Unterwäsche, dann sie selber. Nur aus dem Mund hatte Julia Coré nicht gestunken; von dem abgesehen, was sie sprach. Julia quakte, jeder dürfte mal dreckig sein, riechen; sie beide, sie könnten doch jederzeit zu zweit in die Wanne steigen. Danach wäre sie sofort sauber, und auch er, René Depart, würde sofort besser duften. Wie die zu reden wagte, wie die sich aufführte, keifte, schrie, diese Julia Coré, von Beruf Nutte, als er zu ihr meinte, das wäre es jetzt. Jetzt wäre es endgültig aus, bräuchte sie nicht wieder zu René Depart herfahren und zu ihm hochkommen. Ruthie, seine Ehefrau, hätte das kaum besser gebracht. René Depart trat den außen mit rotem Samt verkleideten Abfalleimer zur Seite, daß es ein echter Umstand war, daß das Teil samt Inhalt nicht umfiel.
* Da traf Julia den Nagel auf den Kopf: Die Schlagzeilen der Regenbogenpresse, die geschäftsschädigend waren, würden nicht weniger werden, wenn sie über ihr Verhältnis mit René Depart plauderte. Ruthie hatte ja bereits nicht darauf verzichten können, jedem Reporter, der bei ihr wegen eines Interviews nachfragte, ins Mikrophon zu plappern. Die Journalisten hatten Überschriften verfaßt wie: "Der alternde Staranwalt und der wilde Sex im Nutten-Land"; "Madame Ruth Depart - das Scheitern einer offenen Ehe"; "Geiziger Anwalt der oberen Zehntausend ficht Ehevertrag an" ... Wenn Julia Coré jetzt tatsächlich dazukam, nachlegte, das würde die Auflagen und Klickzahlen weiterhin hochhalten. Zumindest war es das mit Ruthie, hatte er von nun an Ruhe vor Ruthie und ihren Freundinnen, Verwandten und Ruthies Einflüsterern. Und Julia Coré, die hatte nicht warten können, bis René Depart sich an ihre Ideen, Gedankengänge gewöhnt hatte. Mindestens bis alles mit Ruthie über die Bühne gegangen war, hätte Julia Coré warten müssen. So blieb am Schluß von Julia Coré, daß sie eine war, die die Geduld verlor. Julia Corés Pech.
* Es klingelte an der Wohnungstüre. Seufzend schaute René Depart auf sein Geschlecht herunter, band den goldfarben bestickten Bademantel im Blümchendesign zu, schritt in Badelatschen aus dem Bad, den langen Gang zur Wohnungstür hinunter. Durch das Guckloch schaute René Depart, öffnete. Der orange uniformierte Expreßbote lächelte freundlich, grüßte, als wäre er eine Ausgeburt der Höflichkeit, der Mann. Ob er Herr René Depart wäre, fragte der Briefe-und-Pakete-Bringer. Natürlich wäre er er, René Depart, antwortete René Depart. Der Postbote nickte, hielt René Depart das schuhschachtelgroße, hellbraune Paket hin, das er zu René Depart Apartment hochgebracht hatte. Als René Depart den Namen des Absenders gelesen hatte, traten ihm die Augen aus dem Kopf: Jack Spearbow. Jack Spearbow, NY, USA. Wie in Trance unterschrieb René Depart die Quittung, reichte dem Expreßdienstangestellten aus dem Geldbeutel für alle Fälle von der Ablage rechter Hand der Türe einen Fünfhunderterschein als Trinkgeld, daß der Mittzwanziger die Augen aufriß.
2. Aus Zeitungen und Magazinen
* Verloren saß René Depart auf dem schwarzledernen Ruhesofa in seinem Privatbüro; die tausendsten Erinnerungen daran, wie und wo er Jack Spearbow zum ersten Male begegnen mußte, waren in seinem Kopf. Das Expreßpaket Jack Spearbows stand vor ihm auf dem niedrigen Getränketischchen; unversehens war da diese Scheu gewesen, sich das anzuschauen, was der Paketinhalt war. Zittrig griff René Depart erneut nach der Schere. Auf einmal entschlossen, stieß René Depart die Metallspitze mitten in das dunkelgraue Klebeband, schnitt das Paket in der Mitte auf, riß die Pappflügel mit beiden Händen auseinander. Auf einer blauen Plastiktüte fand sich ein weißer Briefumschlag, auf den in schwarzen Großbuchstaben "Für René Depart" gemalt war.
* Gereizt schlitzte René Depart den Umschlag mit dem Brieföffner vom Schreibtisch auf. Zwei zusammgeheftete, gefaltete Blatt Papier waren drinnen. "Persönlich zu Händen von Monsieurs René Depart", schrieb Jack Spearbow in Französisch mitten auf die erste Seite. Im amerikanischen Text auf Seite zwei erzählte Jack Spearbow, daß er sich vor drei Jahren aus den Diensten bei den "Marines" verabschiedet und sich ins Privatleben zurückgezogen hatte; darauf folgte die genaue Anschrift Jack Spearbows in New York. Wenn er, René Depart, demnächst in die Staaten abreisen würde, könnten sie sich zu jeder Zeit treffen. Das wäre auch so sicher wie das Amen in der Kirche, daß er, René Depart, bald in die Staaten reisen würde.
* Als René Depart in die Plastiktüte hineinblickte, sah er nichts als einen dicht zusammengepreßten Papierhaufen. Ohne große Umstände schüttete René Depart den Tüteninhalt auf den Teppichboden. Das blieb ein ziemliches Brikett. Nichts als zusammengelegte Zeitungsseiten, Seiten aus Hochglanzmagazinen, ausgeschnittene Zeitungsartikel ... Mit dem Müll sollte er, René Depart, sich anscheinend spielen. Also plazierte René Depart sich mit dem Hinterteil am Teppich, begann mit dem Geschäft. Jack Spearbow schien ein Faible dafür zu haben, was die Damen und Herren Schauspieler, Models und sonstige der Promi-Welt wie zum Beispiel Milliardäre in den Vereinigten Staaten von Nordamerika so trieben und mit wem.
* Die Zeit verstrich, und René Depart fühlte sich langsam von Jack Spearbow verarscht. Eben wollte René Depart sich erheben, zur Abwechslung mal zum lautlos gestellten, ewig blinkenden Telefon sich begeben, dem erstbesten, der ihn da mit seinen Neuigkeiten belästigen wollte, einige nette Worte ansagen, egal, wer das war, da zuckte René Depart zurück. Weit riß René Depart die Augen auf. Auf dem Hochglanzfoto, das er anschaute, erkannte er ein grobschuppiges grünes Wesen. Aber es war kein Waran. Sondern etwas mit Echsenähnlichkeit. Sofort hatte René Depart das Erinnerungsbild von "Chef Rotflecke" vor seinem geistigen Auge. Jenem "Raptor", einem "Raptor" der besonderen Art. Die grünschuppige Kreatur, die war ihm, René Depart, nur zu gut bekannt. Aus einer Zeit in einer Wahnsinns-Welt.
* Das Farbfoto brachte den "Raptoren"-Sproß sehr realistisch rüber, aber im Text drunter hieß es, daß der Präparator seiner Phantasie wohl ziemlich freien Lauf gelassen hätte. Zweifellos sei das ein sehr kunstfertig präpariertes Tier. Aber gewiß eine Fälschung. Es konnte wohl kaum die Rede davon sein, daß ein Jäger solch ein Lebewesen tatsächlich in der Gegenwart erlegen würde können.
* Das große Zittern war René Depart überkommen. Öfters als oft hatte er in der Vergangenheit von den grünschuppigen Raptoren oder Nicht-Raptoren geträumt. Manchmal erinnerte ihn bloßes Vogelgezwitscher in einem Garten an jene Unwesen. Diese urzeitlichen, menschenhohen Monster. Sehr gefährlich wären sie. Weil sicherlich lernfähig und hochintelligent. Arme zum Zufassen hatten sie außerdem ... René Depart jedenfalls, wenn er sich die Geschehnisse auf der Insel überlegte, konnte daran denken, daß solch ein Grünschuppen-Mistvieh eine Pistole nehmen konnte. Schießen, bis das Magazin leer war. Und, im Grunde genommen, war manche Technik, wenn es ums Töten ging, überhaupt nicht kompliziert.
* Richtig das Fieber hatte René Depart befallen. Alle Welt um sich herum vergessend, schaffte er sich von Papierstück zu Papierstück. Endlich kriegte er wieder was in die Finger. Der Artikel brachte René Depart voll durcheinander. Es haute aus den Socken. Von einem Wanderzirkus las René Depart, der "Sponti" hieß. "Zirkus Sponti" ware in den Vereinigten Staaten auf Tournee war. Mit einer "Dschungelblick"-Schau sorgten die Zirkusleute für helle Aufregung. Dabei präsentierte der Zirkus nicht nur gewaltige, präparierte Krokodile aus Australien, Nord- und Südamerikaner, Afrika, Warane und ähnliches - er hatte noch ganz andere Ungeheuer auf Lager. Urzeitliche Lebewesen, daß es nicht zu fassen war. Einen "Anatotiten", einen "Torosaurus", zwei "Ankylosaurusse"; dazu sieben Exemplare der grünschuppigen Raptorenart. Der Zirkusdirektor Dominik Sponti meinte zu dem Journalisten, daß die urzeitlichen Ungeheuer erst vor einigen Monaten im Amazonasgebiet erlegt und dort bald darauf von fachkundigen Männern und Frauen präpariert worden wären. Jeder Wissenschaftler könnte prüfen. Und wenn die von der Wissenschaft geprüft hätten, würde jeder die Wahrheit sehen. Daß das keine Plastiken waren, aus Tieren zusammengesetzt. Sondern daß die Viecher echt gelebt hatten. Bis erst vor kurzem.
3. Wiedersehen mit Jack Spearbow
* Zum Spaß in die Vereinigten Staaten von Amerika zu fliegen, das wäre René Depart nicht eingefallen; die USA, das unternahm einer wirklich nur, wenn einer mußte. Oder dort lebte. Die Fragekataloge, denen René Depart nach seiner Ankunft am Flughafen ausgesetzt gewesen war, wie ein menschlicher Offenbarungseid. Die Vereinigten Staaten fraßen Daten von überallher wie der alte Moloch selber. Die Sicherheitsmaßnahmen, denen René Depart begegnete: schwerlich zu überbieten. Warum sich die Sicherheitsleute, wenn sie sich anschauten, nicht sofort gegenseitig mit ihren Waffen erschossen, die Frage. Letztens hatte René Depart in einem Artikel, der die Staaten behandelte, gelesen, daß die Staaten-Geheimdienste die einheimische Elektriker-Gewerkschaft in die Pflicht nahm. Jeder Elektriker, der einem ins Haus kamen, Stromleitungen zu prüfen, nach dem elektronischen Gerät zu schauen, sollte bei seinen Arbeiten nebenher das betreffende Haus verwanzen.
* Ohne jegliches Gepäck war René Depart auf dem Flughafen angekommen; nur seine Scheckkarten hatte er dabei. Scheckkarten, die gut waren für ein Zwei-Millionen-Dollar-Geschäft; gedeckte Schecks, auszuschreiben bis zum Abwinken. Als erstes hatte René Depart sich, im Taxi in New York unterwegs, eine Zahnbürste gekauft, dann die restliche Ausrüstung für die Körperpflege. Und wenn René Depart gewollt hätte, hätte er schon am nächsten Straßeneck eine Fünfundvierziger bekommen, eine Pumpgun und einen Chemie-Kasten, samt der Farmerware, die bei der Verfertigung von Sprengstoff half. Alles kein Problem. Er, René Depart, wäre auf jeden Fall gefährlich. Er hätte gewußt, wie man Zeug mischte und es später auch erfolgreich zur Explosion brachte. Von Polizisten, FBI, CIA war hierbei nirgendwo die Rede, die untersuchten den Fall erst danach. Aber so war er ein französischer Anwalt von Beruf. Ein anständiger Kerl. Der in Frankreich sogar die "Yellow-press" fütterte. Mit seinen Eheproblemen, den Geliebten, die er hatte. Auch solchen aus dem "Escort"-Gewerbe.
* Das Greenwich Village in New York. Mit Sonnenbrille vor den Augen, die keine Elektronik enthielt, telefonlos, stieg René Depart aus dem gelben Taxi. Der Taxifahrer hatte ihn genau gegenüber dem "Greece No. III" abgesetzt. Das "Greece No. III" sah mit seinen Rissen in der Hauswand aus, als müßte das ganze Gebäude jeden Moment zusammenstürzen. Im "Greece No. III" wollten Jack Spearbow und er, René Depart, sich gegen halb acht Uhr treffen. Jetzt war es erst sieben, René Depart war also viel zu früh dran, begab sich trotzalledem auf der Stelle in das Restaurant für griechische Spezialitäten, was das Essen anging.
* René Depart winkte dem ersten Kellner, den er sah. Sagte ihm, daß er René Depart heiße und daß für ihn und Mr. Jack Spearbow ein Tisch reserviert wär. Der Restaurantangestellte mit breiter Fliege vorne am Kragen seines weißen Hemdes wußte Bescheid, ohne viel bei wem nachfragen zu müssen. Der blonde Bursche führte René Depart an einen Rundtisch hinter grünen Trennwänden. Weil Jack Spearbow noch nicht anwesend war, bestellte René Depart erst mal eine Flasche griechisches Sprudelwasser. Im "Greece No. III" war alles griechisch; nichts, das von woanders herkam. Auch nicht aus den Staaten. Zumindest nicht offiziell. Kaum hatte René Depart den ersten Schluck Mineralwasser aus Griechenland probiert, stand da Jack Spearbow bei ihm vor der Rundtischfläche. Jack Spearbow wollte René Depart nicht lange auf sich warten lassen, erschien ebenfalls ziemlich frühzeitig. Über das ganze schwarze Gesicht grinste Jack Spearbow, als hätten er und René Depart auch die Frauen miteinander gemein, wechselten sich bei ihnen ab.
* Der Kellner kam, fragte, ob das Essen geschmeckt hätte. Jack Spearbow und René Depart bejahten das. Dann räumte der Angestellte des "Greece No. III" die Teller ab, verzog sich wieder. Umständlich zündete Jack Spearbow sich eine von René Departs Zigarren an. Zum wiederholten Male wichen René Departs Augen dem Blick Jack Spearbows aus. Man wäre sich mit den Jahren nicht sympathischer geworden, konstatierte Jack Spearbow. Daraufhin nickte René Depart. Jack Spearbow meinte, daß er immer ein beliebter Mann gewesen wär, nie eine "Etappenratte". René Depart zuckte die Schulter, erklärte, daß die Abneigung mit der Vergangenheit zu tun hätte; die Erinnerung an damals wäre nicht eben erfreulich. Ein lässiges Schulterzucken präsentierte Jack Spearbow René Depart, René Depart, der sich fragte, ob er sich bei Jack Spearbow erkundigen sollte, ob er einen Schlagring hätte. Wenn ja, dann sollte er ihm, René Depart, das Ding doch mal kurz geben.
* Willens, festeren Boden bei Jack Spearbow unter die Füße zu bekommen, erzählte René Depart davon, wie sich alle auf der "Peter" sich damals in die Hosen gemacht hätten, als die kleine Kriegsschifflottilie am Horizont aufgetaucht war. Allesamt waren sie der Meinung, das wäre das Ende, daß sie an Bord der "Peter" immer noch zu nahe der verfluchten Trauminsel sich befänden. Tatsächlich näherte sich das kleinste Schiff der Kriegsschiffe, zeigte in einer halben Seemeile Entfernung die Breitseite. Zwei, drei Leute in Uniformen schauten durch Ferngläser nach der "Peter". Auch auf der "Peter" hatte man ein Fernglas. Jeden Augenblick eröffnete der Amerikaner das Feuer, dachten sie alle, die auf der "Peter" übriggeblieben waren, die "Peter", der Mäste fehlten, die am Meer schwamm, von einem Dieselmotor vorangetrieben. Die von der "Peter" sendeten einen SOS-Ruf nach dem anderen. Die von der Kriegsflottilie mußten die Rufe lange empfangen haben. Der Kreuzer, der seine Breitseite zeigte, bei dem sich Geschütze ausgerichtet hatten, nahm dann die Fahrt unvermittelt wieder auf. Ohne daß es Geschützfeuer gegeben hätte. In das Bugwasser der drei größeren Kriegsschiffe kehrte das Kleine zurück, während sie von der "Peter" immer noch SOS-Rufe schickten.
* Da hätte man aber mal verdammtes Glück gehabt, versetzte Jack Spearbow; mehr Glück als Verstand. Da konnte René Depart nicht mehr behaupten, er hätte im Leben nie Glück gehabt. Helmut und Markus Unger hätten dieses Glück nicht gehabt. Helmut und Markus Unger hätten die Suchtrupps auf der Insel aufgegriffen. Kurz wurden Helmut und Markus Unger vorgeführt und befragt und anschließend unverzüglich vor ein Exekutionskommando gebracht und erschossen. Drei "Piraten"-Typen aus Jaques' Mannschaft waren ebenfalls übrig, verlassen auf der Insel geblieben; denen erging es nicht anders. Langwaffen rauchten. Sie kosteten ein paar Kugeln. Ja, die Liebe, die war ein heißer Gewehrlauf, meinte René Depart, rieb sich die Nase. Eine innere Unruhe hatte René Depart in sich, guckte herum, blickte jedoch nichts als die grünen Trennwände. Wegen ihnen konnte man die anderen Restaurantgäste auch nicht sehen. Allerdings die Frage: Hätte er, René Depart, einem Mann, einer Frau, die nebenbei hockte, irgendwas angekannt? So oder so, Amerika war voller schwarzer Löcher, in denen man verschwinden konnte. Wie vielleicht Sibirien. Nur, über Sibirien wußte jeder Bescheid.
4. Spuren im Sand der Zeit
* Zwei Tage nach ihrem Wiedersehen erschien Jack Spearbow René Depart wieder pünktlich zur Verabredung. Mit ein paar Getränken aus dem nächsten Supermarkt in der Papiertüte begab René Depart sich zusammen mit Jack Spearbow in ein Billig-Hotel, das den Namen "Hotel Serenade" hatte. An der Rezeption bezahlte René Depart das Zimmer für die Nacht. Schließlich saßen René Depart und Jack Spearbow sich in dem Zimmer mit der "No. 30" auf Holzstühlen an einem mit Plastiktisch gegenüber. Jack Spearbow riß zwei Dosen Bier auf, schob René Depart die zweite Dose rüber.
* Über die Abenteuer auf der Insel, die Insel, die kein Mensch kannte, habe er all die Jahre über geschwiegen, eröffnete René Depart die Gesprächsrunde mit Jack Spearbow. Seine Freunde, die damals am Schluß mit ihm an Bord der "Peter" von der Insel fort waren, habe er, René Depart, alle aus den Augen verloren; von seiner Frau Ruth habe er sich vor kurzem erst scheiden lassen. Außerdem wäre das eine Tatsache: alle hätten sie sie, die auf dem Schoner "Peter" waren, bloß für verrückt erklärt, hätten sie der Öffentlichkeit die Insel-Geschichte größer ausbreiten wollen. Was von Dinosauriern und Riesenaffen auf einer mysteriösen Insel mitten im Ozean zu berichten, von der nie jemand irgendwas gehört hatte, wo jedes Kind wußte, daß es Dinosaurier seit Jahrmillionen nicht mehr gab, von den Vögeln abgesehen - wäre total verrückt gewesen, so was zu palavern. Ohne lange erst lange zu fragen, griff sich Jack Spearbow eine von René Departs langen Zigarillos, roch an dem Teil und nickte.
* Was für Geld man machen könnte, wenn man den Längen- und den Breitengrad wüßte, wo die Insel lag, sprach Jack Spearbow aus, was in seinem Kopf vorging. Den Sicherheitsgürtel rund um die Insel zu überwinden und mit einer Horde Journalisten an Land zu gehen, die sofort mit der Live-Berichterstattung anfing. Jaques und Jaques' Hintermänner müßten eine Seekarte mit dem Insel-Eintrag gehabt haben, meinte René Depart dazu. Obwohl die um Jaques die Karte hätten, erfuhr die Menschenwelt trotzdem nichts von der Insel, erklärte Jack Spearbow, worüber er sich wunderte. Immer hätte er gehofft, mal was von diesem Jaques zu hören, irgendwie, irgendwo, meinte René Depart; aber: nichts. Irene meldete sich ebenfalls nicht daheim. Nicht mit einer Silbe oder einem Zeichen unterrichtete Irene ihre Familie darüber, daß sie noch am Leben war. Aus diesem Grund wäre er, René Depart, jetzt auch in die Staaten gereist: Er wollte wissen, was aus seiner Tochter Irene geworden wäre. Er, Jack Spearbow, wäre eine heiße Spur. Endlich wieder ein Faden, den Irenes Vater aufnehmen konnte, um ihn weiterzuverfolgen.
* Jack Spearbow erkundigte sich, ob da wirklich nichts gewesen wäre, all die Jahre. Nichts von Irene Depart, der Tochter, nichts von irgendwem, der Drohungen ausgesprochen hätte? Keine Autos gesehen, die öfters hinterhergefahren wären? Keine Probleme auf Arbeit gehabt? Ein bißchen was sei schon gewesen, antwortete René Depart. Einige Mitarbeiter seiner Hauptkanzlei in Paris, die er auf die Sache angesetzt hatte, hätten herausgefunden, daß eine Firma, die als Logo zwei diagonal sich gegenüberliegenden Kreuze hatte, tatsächlich existierte. Ihren Sitz hatte sie auf den Bahamas. Nachdem er, René Depart, auf die Bahamas gereist war, entdeckte er, daß die angegebene Adresse zwar die richtige, "Tech.-Adv.Internatinal" jedoch nichts weiter als eine Briefkastenfirma war. Trotzdem war das mit "Tech.-Adv.International" groß. Im Handelsregister auf den Bahamas war "Tech.-Adv.International, Firma zur Erforschung der Weltmeere und des Genoms von Meeresbewohnern" mit einem freien Grundkapital von zwei Milliarden Dollar eingetragen. Schrill pfiff Jack Spearbow durch die Zähne.
* Interessant wäre noch eine andere Geschichte, setzte René Depart fort. Vor zwei Jahren hätten seine Mitarbeiter, als sie an einem anderen Fall arbeiteten, im Netzwerk von "Pharmakika", "Pharmakika", ein weltweit operierendes Pharma-Unternehmen, unter anderem den Namen "Tech.-Adv.International" gefunden, total versteckt. Der genaue Link lautete: "dele-gate.org/tech.-adv.international.org/inhabitent.org.com/". Das hätten sie dann eingegeben. Darauf erschien eine Seite. Der Text drehte sich darum, daß "Tech.-Adv.International" eine Firma in Privatbesitz wäre, die sich verpflichtet hätte, mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit ausschließlich dem Wohle der Menschheit zu dienen. Jack Spearbow lachte.
* Ein Doppelklick auf das Firmenlogo: das Bild einer braunen Holztüre erschien. Das Türschloß entstand: übergroß abgebildet. Nach doppeltem Klick auf das Schloß: zwei Zeilen. Die Worte sagten, daß der Besucher keine brauchbare Identität sowie keinen Schlüssel hätte. Wenn der Besucher durch die Türe hineingehen wolle, müßte er dreihunderttausend Dollar bezahlen; Zahlungsart, Bank und Kontonummer in Klammern. Dreihunderttausend Dollar, das war ein ordentlicher Preis. In Ordnung, beschied er, René Depart, seinen Leuten, einmal zahlte die Kanzlei das. Die Überweisung an die Bank auf den Bahamas wurde ausgeschrieben. Ein paar Tage drauf erhielt die Kanzlei Post, normale Post, die ein Postbote brachte, ein Einschreiben von dem Bahamas-Bankhaus. Drinnen fand sich ein Dokument, mit dem die Bank den Erhalt des Geldes bestätigte, unten im Text: einige Erklärungen zu dem Nummern-Code. Der müßte im Internet eingegeben werden. Als seine, René Departs, Mitarbeiter, die Zugangsnummer und alles, wie es in der Gebrauchsanweisung stand, eingegeben hatten, entstand ein goldener Schlüssel, "Schlüssel 92900". Weitermachen konnte man, bis man sah, wie der Schlüssel sich ins Schloß steckte. Aber, der Schlüssel paßte trotzdem nicht; "keine brauchbare Identität" stand zu lesen. Bei jedem neuen Versuch paßte der Schlüssel nicht, blieb die Identität unbrauchbar. Das hieß, jeder durfte dreihunderttausend Dollar zahlen. Bloß bedeutete das am Schluß nicht, daß dann jeder tatsächlich durch die "Türe" hineingehen durfte. Allem Anschein nach hatten die Leute der Gegenseite die Informationen, die aus René Departs Kanzlei mitgeteilt wurden, gegengeprüft, und die Daten wurden nicht für opportun befunden.
5. Die Tochter des Zirkusdirektors
* René Depart tigerte im Motelzimmer auf und ab. Wieder hielt er vor dem Fenster an, schaute hinaus. Außerhalb sah er nichts als gelbliches Neonlicht aus der Nebelsuppe leuchten. Er würde sich jetzt erst mal eine Zigarre anzünden, verkündete Jack Spearbow, der auf dem schäbigen Sofa lümmelte, Bier trank; die Braut würde sicher kommen, wär schließlich bestellt. Es klopfte. Auf der Stelle sprang René Depart zur Tür, drehte am Knauf, öffnete. Draußen befand sich eine Frau. Sie war es, Rebecca Sponti, war René Depart sich sicher. Rebecca Sponti, die da auf der Schwelle stand, Sonnenbrille vor den Augen, den Kragen des grauen Männertrenchcoats hochgestellt, einen roten Schal vor den Lippen.
* Lächelnd bat René Depart Rebecca Sponti, in die gute Stube hereinzukommen. Die weibliche Person trat ein. Natürlich käme sie gerne überallhin, wenn der Mann, der dem Zirkus Sponti dreihunderttausend Dollar spendete, sie persönlich kennenlernen wolle, meinte Rebecca Sponti, nachdem sie die Sonnenbrille abnahm, sich von Schal und Trenchcoat befreit hatte. Zwar nicht wirklich für sie, Rebecca Sponti, zu verstehen, warum sie, als die Direktorin des Zirkus Sponti, den Gönner, der dem Zirkus Sponti eine stattliche Summe überwiesen hatte, die dem Zirkus half, unmittelbar über eine schwere Zeit hinwegzukommen, nicht in einem besseren, feierlicheren Rahmen der breiten Öffentlichkeit präsentieren dürfte. Warum daraus ein Geheimnis gemacht werden müßte, daß jemand dem Zirkus Sponti half. Aber der, der zahlte, der hätte das Sagen. Da käme sie, Rebecca Sponti, auch in ein finsteres Loch von einem einem billigen Motelzimmer, statt in einem noblem Restaurant zusammen mit Zirkusmitarbeitern und Freunden, der Presse das Glück des Zirkus Sponti zu feiern.
* Was er nötig hätte, wären Informationen, raunte René Depart Rebecca Sponti hin, die auf dem einzigen Stuhl in dem kargen Motelzimmer Platz genommen hatte. Rebecca Sponti, rotblonde Haare, hübsch, nickte, erwiderte, daß, wenn sie René Depart, dem Gönner des Zirkus Sponti, was sagen könnte, würde sie das René Depart sagen. Wie sie, Rebecca Sponti, wisse, hieße der Mann, hinter dem er, René Depart, her wäre, Jaques, redete René Depart; Jaques, das wäre der Mann. Einer, der ihm an einem mysteriösen Ort begegnet wäre; die Tochter hätte Jaques ihm, René Depart, genommen. Wenn ihr Vater Dominik nicht spurlos verschwunden wäre, wäre der gewiß der bessere Ansprechpartner, meinte Rebecca Sponti, die Stirn gerunzelt. Seltsam wäre das, daß bloß die Zugwaggons total ausbrannten, in denen sich die präparierten Dinosaurier befunden hätten, die der Zirkus Sponti in seiner "Dschungel-Schau" ausstellte, wechselte René Depart das Thema. Kopfnicken Rebecca Spontis. Rebecca Sponti informierte, daß die Polizeibehörden jetzt davon sprachen, daß sich ihr Vater Dominik in sich mit Sicherheit in keinem der Waggons befunden hätte. Die Sachverständigen, die der Zirkus zuzog, bestätigten außerdem die Tatsache, daß es mehrere Kurzschlüsse in einem gewesen wären, der zu den Bränden geführt hatte. Unzufrieden schüttelte René Depart den Kopf, blaffte, daß die ganze Geschichte zum Himmel stank. Ein Blinder müßte das sehen, daß es die, die das Feuerwerk an Kurzschlüssen verursacht hatten, nur darauf abgesehen hatten, die "Dinosaurier"-Ausstellung abzufackeln.
* René Depart stellte fest, daß er seinem "Freund" Jaques schon ein Stückchen näher wäre, wenn er wüßte, woher der Zirkus Sponti die Sammlung der präparierten Dinosaurier hätte. Ihr Vater hätte die großen Kisten einfach von seiner letzten Reise nach Südamerika mitgebracht, gab Rebecca Sponti zurück. Es wäre für sie alle unfaßlich gewesen, als ihr Vater die Kisten hatte öffnen lassen. So was hatte die Welt noch nicht gesehen: Dinosaurier, die aussahen, als könnten sie jeden Moment lebendig auf einen zuspringen. Wenn sie am Ende einer Schau die letzte war, die das Licht ausmachte, hätte sie, Rebecca Sponti, öfters voller herumgeschaut, ob nicht eines der Monster zu ihr hingehüpft käme. Unglaublich echt, plastisch, lebendig, diese Kreaturen. Daher auch der Erfolg, den der Zirkus Sponti damit hatte. Ihr Vater Dominik hätte einmal so nebenbei bei einem Abendessen gemeint, er hätte die Dinosaurier für einen Sonderpreis gekriegt; wieviel genau das an Geld trotzdem war, hätte ihr Vater nie preisgegeben. Außerdem hätte Vater Dominik, weil die Schau solch ein Publikumserfolg war, richtig Geld in die Kasse des Zirkus spülte, in kürzester Zeit sämtliche Schulden des Zirkus Sponti getilgt.
* Woher die Tierpräparate genau kämen, da wüßte sie trotz der Geheinniskrämerei ihres Vaters Dominiks was, versetzte Rebecca Sponti, blickte in irgendwelche unbestimmten Fernen. Sie könnte sich erinnern, daß ihr Vater Dominik von einem General gesprochen hätte. Ihr Vater Dominik war in den verschiedensten Ländern Südamerikas unterwegs, um Tiere für den Zirkus einzukaufen. Auf einer seiner Fahrten durch die Lande hatte Vater Dominik diesen General getroffen. Ihr Vater hätte bei dem General zu Abend gespeist. Nach dem Essen hätte der Mann zu ihrem Vater gesagt, daß er da vielleicht etwas Nettes hätte, etwas, wofür Vater Dominik sich brennend interessieren könnte. Am nächsten Nachmittag erschienen zwei Unteroffiziere aus dem Regiment des besagten Generals im Hotel ihres Vaters. Zu dritt stiegen sie in einen großen Wagen. Vater Dominik durfte nicht mitbekommen, wohin die Fahrt ging, also verband man ihm die Augen; keine angenehme Sache, weil in dem Land ständig Menschen ohne Grund spurlos verschwanden, wenn sie eine Meinung geäußert hatten. Als Vater Dominik die Augenbinde wieder abgenommen wurde, befand man sich in einer Lagerhalle, in der große Dinge dicht an dicht herumstanden, alles mit weißem Tuch abgedeckt. Nachdem eines der Laken heruntergezogen wurde, stand dort eine Echse Vater Dominik gegenüber. Ein übermannshoher Echse, die jedoch wie etwas aus einem Dinosaurier-Film aussah. So echt, das Tier, wie im Sprung, daß Vater Dominik vor Angst am liebsten davongerannt wäre. Das war es; Vater Dominik zahlte den verlangten Preis für die "Dinosaurier". Wegen dem Geld handelte Vater Dominik nicht lange. Vater Dominik war überzeugt, etwas Wahrhaftes vor sich zu sehen; entweder die Arbeit eines hochbegabten Künstlers und Präparators. Oder die Realität. Klar könnte sie, Rebecca Sponti, die Sachen ihres Vaters Dominik auf den Kopf stellen, nachschauen, ob sie nicht doch genaure Hinweise darauf fände, in welchem Land sich Vater Dominik aufgehalten hatte.
6. Der freundliche General
* Hernandez Zilla gebot René Depart und Jack Spearbow, sie beide sollten in den teuren Ledersesseln seines Rauchzimmers Platz nehmen. Jack Spearbow und René Depart machten das, plazierten sich in den edlen Sesseln. Noch einmal lobte René Depart das ausgezeichnete Mahl, das der Hauskoch Zillas zubereitet hatte. Dann holte René Depart sein Scheckbuch aus der inneren Jackettasche. Mit einem massiv goldenen Kugelschreiber schrieb René Depart einen Scheck über neunzigtausend Dollar aus. Der Betrag von neunzigtausend Dollar wäre doch gewiß ausreichend, ihm, General Zilla, bei seinem Kampf um die Wählergunst von Nutzen zu sein, meinte René Depart. General Hernandez Zilla nickte, schaute freundlich auf René Depart. Es käme ganz drauf an, legte René Depart nach; vielleicht ließe er mit sich reden, demnächst weitere sechzigtausend Dollar der Wahlkampfkasse General Zillas zukommen zu lassen. Ein Wink General Zillas, und der Diener, der eine große Zigarrenkiste in beiden Händen hielt, kam herbei. Der Mann in Livree öffnete die Kiste, präsentierte den verehrten Gästen des Generals den Inhalt: dicke, teure Havannazigarren. Verschiedene kubanische Tabaksorten. Nicht viele Sorten hatte René Depart bisher in seinem Leben geraucht.
* Wenn er hier in diesem Bezirk zum Gouverneur gewählt werden wollte, bräuchte er alle Unterstützung, die er nur kriegen könnte, kehrte General Zilla zum Thema Politik zurück. Ein klein wenig wäre ihm, dem General, nun auch von ihm, René Depart, in Sachen Wahl geholfen, gab René Depart zurück, grüßte mit dem Cognacschwenker zu General Zilla hin. Eifrig sprach General Zilla einen Toast auf seinen freigiebigen Gast aus Frankreich aus. Der General, der selber drei hübsche, noch ziemlich kleine Kinder hätte, würde das sicherlich verstehen, daß die Sorge um ein Kind einen Vater rasend machen könnte, umschrieb René Depart die Geschichte seines Anliegens. Zustimmend nickte General Hernandez Zilla mit dem Kopf, sprach, daß Kinder das Salz des Lebens wären; es gäbe auf Erden keine Speise, die gelänge, könnte man sie nicht mit einer Prise Salz abschmecken.
* Nachdem die Runde eine Weile mit dem Rauchen beschäftigt war, strich General Zilla sich über den feisten Bauch, eröffnete, daß er nicht das allergeringste Problem hätte, das zu erzählen, wovon Herr Depart und sein lieber Freund Jack, der "Americano" etwas hören wollten. Das wäre sogar sehr nett, mal wieder mit jemandem darüber zu sprechen, mit jemand, der etwas von der Materie verstünde. Worum es sich damals gehandelt hätte, wäre eine geheime Kommandosache gewesen. Ziel: "Up-Genetics", eine Biotechnikfirma in Besitz eines internationalen Konsortiums. Seit längerem hieß es, daß auf dem Gelände von "Up-Genetics" seltsame Dinge vor sich gingen, und dann bekam die örtliche Generalität, infolge einiger Vorfälle bei "Up-Genetics", eine Handhabe, sich die Örtlichkeit einmal näher anzuschauen.
* Alles leitende Personal von "Up-Genetics" bestand zu dem Zeitpunkt, als das Problem gelöst wurde, aus nordamerikanischen Herrschaften. Die Nordamerikaner hatten den Laden quasi übernommen; anscheinend durch geschickte Personalpolitik. Bloß schienen sich die Damen und Herren, die den Betrieb leiteten, untereinander nicht grün zu sein. Obwohl sie alle doch die gleiche ungefähre Herkunft hatten. Eines Nachmittags erschien ein soeben frisch bei "Up-Genetics" entlassener "Yankee-Cowboy" auf der örtlichen Polizeistation. Was der Kerl den Polizisten dort mitteilte, klang total hanebüchen, richtiggehend der Wahnsinn. Aber der Cowboy mit Sporen an den Stiefeln hatte seine Telefonie, eine mit Fotos und Filmchen drauf. Jede Menge Fotos und Filmchen, klasse Gerät. Außerdem waren kopierte Computerfestplatten in seinem Besitz. So viel Zeug, das man sich nur auf dem Bildschirm anzuschauen brauchte. Damit untermauerte der "Amercano" in aller Seelenruhe all seine irren Behauptungen. Er machte darauf aufmerksam, daß es die mittlere, die größte der Lagerhallen, mehrere abgegrenzte Abteile gäbe, in denen die gräßlichsten, fürchterlichsten der Monster gehalten würden. Es wären "Raptoren". Grün beschuppte "Raptoren", keine Warane oder so. "Raptoren". Die "Grünschuppenraptoren", mit denen würde gezüchtet. Um die Viecher zu "domestizieren". Praktisch, um Haustiere für jedermann aus ihnen zu machen. Total unglaubliches Zeugs, das der "Cowboy" auftischte.
* Wie dem auch war, "Up-Genetics" hatte sich lange einen Ruf erworben, daß der Staat sich auf dem Gelände umschauen sollte. Bestechungsgelder waren nicht so an die lokalen Behörden geflossen, wie sie fließen hätten sollen, unter diesen Voraussetzungen. Das hieß, jetzt bekam er, Hernandez Zilla, die Order, gegen "Up-Genetics" vorzugehen. Er, General Zilla, sollte das Kommando führen,auf dem Gelände von "Up-Genetics" nach dem Rechten zu schauen. Sollte der Polizei, die die Vorhut bildete, der Zutritt auf das "Up-Genetics"-Firmengelände verwehrt werden, hatte General Zilla alle Befugnisse, sich mit seinen Soldaten auch mit Gewalt Zutritt zu verschaffen. Tatsächlich weigerten sich die Pförtner hinten und vorne, den normalen Polizisten die Tore zu öffnen; die Gestalten riefen sogar den Werkschutz, Leute, die Waffen trugen. Also war das die Gelegenheit, gab er, General Zilla, den Befehl, mit Panzerfahrzeugen die geschlossenen Tore zu durchbrechen. Im Schutz der beräderten Panzer stürmten einzelne Trupps mit verschiedenen Aufgabenstellungen das Firmengelände. Schnell waren die Bewaffneten des Werkschutzes bereit, sich zu ergeben, befanden sich die Soldaten in den Büro- und Laborräumen von "Up-Genetics", in denen nicht gearbeitet wurde. Vielmehr beschäftigten sich die anwesenden einheimischen Firmenmitarbeiter damit, Papier durch Reißwölfe zu schicken, Festplatten zu zertrümmern, dies und das sogar mit Benzin zu übergießen. Alles zerstörerische Treiben wurde unverzüglich mit Waffeneinsatz unterbunden. Ein paar Feuer mußten trotzdem eilig gelöscht werden. Irgendwer hatte die "Americanos", die bei "Up-Genetics" das Sagen hatten, gewarnt, dafür gesorgt, daß die Rednecks alle zehn Minuten vor dem Zugriff in ihren Limousinen abgefahren waren. Zum Flughafen. Wo ein Düsenjet für solche Gelegenheiten gewartet wurde, bereitstand. Geflogen wurde von einem von "Up-Genetics" selber.
* Das gesamte Betriebsgelände von "Up-Genetics" hatte man übernommen. Trotzdem klang unvermittelt Schießen aus automatischen Waffen auf. Die dafür vorgesehene Kohorte, bis an die Zähne bewaffnet, hatte das Doppeltor der größten Lagerhalle aufgebrochen; die Halle, in der sich die Abteile mit den "Raptoren" befinden sollten. Das mit den grünen Monstern war kein bloßes Schauermärchen, sondern brutale Realität. Die grünlichen Ungeheuer waren aus ihren Käfigen freigelassen. Monster sprangen den eindringenden Männern aus dunklen Ecken entgegen, als hätten sie dort zusammengekauert gewartet. Die urzeitlichen Ungeheuerlichkeiten schafften es, ein fürchterliches Blutbad anzurichten; das dauerte, bis eines von ihnen im Kugelhagel niedersank. Am darauffolgenden Tag war in den lokalen Nachrichtenmedien zu hören und lesen, es hätte mehrere Schießereien zwischen Soldaten und dem Werkschutz von "Up-Genetics" gegeben; der Werkschutz von "Up-Genetics", der nicht hätte aufgeben wollen. Um jede einzelne Lagerhalle hätte man Krieg führen müssen. Hinten und vorne eine Falschmeldung, die er, General Zilla, eigenhändig bei den Presseleuten lanciert hatte.
* Noch etwas müßte er, Zilla, gestehen: Als er die Dinge gesehen hatte, die in der "Osthalle" von "Up-Genetics" herumstanden, hätte er sofort den Befehl gegeben, das Tor da zu versiegeln. Von dem Schönen, das in der "Osthalle" wartete, brauchte offiziell niemand zu wissen. Die Soldaten, die drinnen waren, alles sahen, bekamen für ihr Schweigen Sonderurlaub, einen Zuschlag auf ihren Sold und das Versprechen, bei nächster passender Gelegenheit befördert zu werden. Das, was in dieser Lagerhalle dastand, das waren die präparierten Dinosaurier, die, die er, Hernandez Zilla, an Dominik Sponti verkaufte. Die Viecher, die standen dort, wie auf den Abtransport wartend. Vielleicht sollten sie auch wirklich bald abgeholt werden, um auf Schiffsreise in einem Container zu gehen, nach Europa, in die Vereinigten Staaten. Tote Saurier, die aussahen, als würden sie leben. Keine Rechner-Animation, die an solche Lebendigkeit heranreichte. Zu guter Letzt war er, Zilla, der Mann, der die Chance nutzte, mit den Monstern ein Geschäft zu machen. Dominik Sponti, der einen Zirkus besaß, zahlte den verlangten Preis. Dominik Sponti unternahm gar nicht erst den Versuch, den Betrag runterhandeln zu wollen.
7. lokale Zeitung - Lokalradio ...
* Langsam hing Jack Spearbow René Depart aus dem Hals. Wo immer man war, auf jeder Speisekarte wählte Jack Spearbow immer das teuerste Menü. Außerdem hatte René Depart gedacht, Jack Spearbow hätte in New York irgendwo eine Frau und zwei süße Kinder. Was die treu liebende Gattin wohl dazu zu sagen hätte, wüßte sie, daß ihr Jack es jeden Tag nötig hatte und daß er für die Huren seinen Kumpel René Depart zahlen ließ? Und nicht eben die billigsten Flittchen. Nein, das Puff-Ambiente mußte schon stimmen. Wie für René Depart. Warum er, René Depart, mit Jack Spearbow an seiner Seite die Zeit weiter in dieser Gegend vertrödelte, keine Ahnung. Vielleicht, damit's Jack Spearbow gut ging, sein Stecker glühte.
* Sämtliche ausländische Mitarbeiter von "Up-Genetics" waren in der Gegenwart vor Jahrtausenden abgereist. Auf Nimmerwiedersehen. Die einheimischen Befehlsempfänger hatten kaum irgendwas mitzuteilen. Die wirkten entweder eingeschüchtert, dumm oder störrisch, wenn man sie auf ihre Tätigkeit bei "Up-Genetics" ansprach. Das Ergebnis der bemühten Unterredungen: gleich der Null. Am deutlichsten sprach das José Mullo, dreißig Jahre, ehemals Laborant bei "Up-Genetics", aus, was los war. Mullo jammerte, wenn er hier viel Sachen erzählen würde, kämen vielleicht bald mal Attentäter zu ihm, Leute, die nicht nur ihn, José, umbrachten, sondern ihm die gesamte Familie wegballerten. Entweder waren die Mörder "Americanos" oder einheimische Agenten; Polizei war im Land auch gut für jeden Mord. War man tot, war sicher egal, wer schoß.
* Der Schweiß lief René Depart in Strömen überall runter. Die Hitze war drückend; die Klimaanlage im ganzen Hotel funktionierte nicht richtig. Vom Ausgehen, Bier und Schnaps saufen wurde das nicht besser. Die Frage der Fragen: Was sollte René Depart als nächstes unternehmen? Praktisch jede Spur hatte sich bisher ins Nirgendwo verloren. Nach Zilla, den überfreundlichen General, jetzt: wieder nichts. Wenn er und Jack Spearbow in die Scheiß-Staaten zurückreisten, wäre das möglicherweise das beste. Mochte sein, daß Rebecca Sponti doch noch etwas auf Lager hatte. Ein weiteres Geheimnis ihres Vaters Dominik. Oder Vater Dominik war wieder da, lebendig in den Schoß der Zirkusfamilie zurückgekehrt.
* Es klopfte an der Holztüre des Hotelzimmers. Es wäre leider nicht abgesperrt, bellte René Depart. Jack Spearbow kam in die Räumlichkeit hereingelaufen, wedelte aufgeregt mit einer papiernen Zeitung, schrie, das müßte er, René Depart, auf der Stelle lesen; den Artikel auf Seite drei. Auf Seite drei, hatte da eine besondere Titten, fragte René Depart, starrte Jack Spearbow freudlos an. Jack Spearbow hielt René Depart die Zeitung hin. Sich überlegend, daß er mit der Zeitung auch auf Jack Spearbow einschlagen könnte, faßte René Depart nach dem Käseblatt. Der Artikel auf Seite drei, wiederholte Jack Spearbow. In Ordnung, wehrte René Depärt ab, schlug Seite zwei und drei auf.
* Tatsächlich war der Text, auf den Jack Spearbows Finger gezeigt hatte, höchst interessant: Im Nachbarland war ein Kommando Soldaten hinter linken Guerilleros her. Statt auf Guerilleros stieß der Trupp auf etwas anderes: eine Horde grüner Monster auf zwei Laufbeinen. Erst Maschinengewehrsalven schlugen die angreifenden Ungeheuer in die Flucht. Sieben Soldaten überlebten den Überfall nicht; ein Dutzend mußte in ein Krankenhaus in der Stadt gefahren werden. Das miserabel abgedruckte Schwarzweißbild links auf Seite drei präsentierte zwei der Soldateska, die lange Gewehre in Jubelpose hochhielten, vor irgendwas, was die Strecke der Monstrositäten sein sollte, die man getötet hatte. Jack Spearbow bellte, daß es in den Ohren wehtat, daß er, wenn das grüne Schuppen-"Raptoren" von der Insel wären, seinen Hut ohne Salz verspeisen würde.
* Für René Depart und Jack Spearbow hieß das eins: sofortige Abreise. In einem von René Depart als fahrbarer Untersatz bar bezahlten Jeep fuhren sie Richtung Grenze. Jack Spearbow steuerte den Geländewagen, entdeckte beim Hantieren mit dem Sendersuchlauf des Autoradios einen Radiosender aus dem Nachbarland. Nicht nur Musiktitel wurden gespielt, sondern zwischen den Liedern in Portionen eine interessante Geschichten aufgetischt. Als die zweite Stunde anfing, horchten René Depart und Jack Spearbow besonders auf. Es begann mit der erst mal nichtssagenden Meldung, daß ein Unteroffizier namens Fernandez Diaz festgenommen worden wäre. Begründung: Vertuschung einer Schießerei unter Untergebenen, Täuschung höherer Dienststellen und der Öffentlichkeit, Aufruhr. Es wäre Unteroffizier Fernandez Diaz' Pech, daß zwei europäische Archäologen vor Ort waren und genauer hinschauten. Die riesige Kreatur, die Unteroffizier Diaz zusammen mit seinen Männern getötet haben wollte, wäre kein Stegosaurus, wie das Unteroffizier Diaz weis machen wollte, sondern wären lediglich zwei Dschungelelefanten, die im Erdloch bereits stark in Verwesung übergegangen waren, als die Europäer, Dr. Meyer und Dr. Hefthand, sich den Spaß anschauten. Das Gehörn: angespitztes, mit weißer Farbe angemaltes Holz; von einem Dinosaurier könnte wirklich nicht die Rede sein ... Wenn das, was er, Jack Spearbow, gesehen hätte, immer alles nur Elefanten gewesen wären, wäre ja alles gut, meinte Jack Spearbow zu René Depart auf dem Beifahrersitz hinüber, hieb mit beiden Handflächen auf das Lenkrad. Jetzt hätten sie beide wieder ein Ziel, sprach René Depart es aus.
8. Rochos Ansage
* Chiulana hieß die kleine Stadt; nach Chiulana ging für René Depart und Jack Spearbow die nächste Reise. In der Umgebung von Chiulana hatte Unteroffizier Fernandez Diaz den Stegosaurus präpariert, hatte es der Radiomoderator ausgedrückt. Natürlich war es René Departs und Jack Spearbows Wunsch, einen Blick auf den Dino zu werfen, auch wenn der nichts als eine Fälschung sein sollte. Auf der Polizeistation von Chiulana erfuhren René Depart und Jack Spearbow, daß die europäischen Wissenschaftler namens Meyer und Hefthand Leuten Geld dafür gezahlt hatten, den "Fälscher-Fleischhaufen", wie die zwei Europäer das im Erdloch nannten, mit Benzin zu übergießen und anzuzünden; anschließend wurde das Loch zugeschüttet. Weil die Europäer eigentlich keine staatliche Legitimation für ihr Handeln hatten, war das was Illegales, dessen sich Meyer und Hefthand schuldig machten, weswegen jetzt sämtliche polizeilichen Behörden des Landes überall auf der Suche nach den "Wissenschaftlern" waren. Bei ihren Ermittlungen hatte die Polizei herausgefunden, daß die Archäologen "Meyer" und "Hefthand" nicht zu dem Ausgrabungsteam gehörten, dem es erlaubt war, in der Umgebung Chiulanas Ausgrabungsarbeiten durchzuführen. Vor der Presse würde man das jedoch gerne weiterhin geheimhalten, daß man keine Ahnung hatte, woher "Meyer" und "Hefthand" mit ihren Ausweisen eigentlich kamen.
* Es war René Departs Begehr, Unteroffizier Diaz, den Mann, der Elefanten präpariert hätte, um sie wie Dinosaurier aussehen zu lassen, im Gefängnis zu sprechen. Glücklicherweise für René Depart war Diaz noch nicht ins Militärgefängnis in der Hauptstadt, in der er seine Militärgerichtsverhandlung zu erwarten hatte, überführt worden. Jedoch wurde René Departs Anliegen eines Besuches bei Diaz negativ beschieden. Auch mit keinem des Soldatenhaufens, den Diaz befohlen hatte, durfte René Depart reden. Kein Geldangebot half, René Depart bei seinem Wunsch vorwärts zu bringen. Der General, der die Diaz-Sache über hatte, war unerbittlich, stur, um nicht zu sagen: Der Mann war nicht das bißchen korrupt. Zum Frusttrinken begaben René Depart und Jack Spearbow sich ins "Diabolo", einem Saloon, wie er in alten nordamerikanischen Wildwestfilmen hätte vorkommen können. Im "Diabolo" saßen René Depart und Jack Spearbow bei Whiskey und Bier, ließen die Stunden vorübergehen. Jack Spearbow meinte zu Jack Spearbow, daß er rausgekriegt hätte, daß es hinten Räume gab und Mädchen, die dort in fünf Minuten für einen dasein könnten.
* Eine abgerissene Type stellte sich unvermittelt vor dem Tisch René Depart und Jack Spearbows auf, fragte, ob er sich zu René Depart und Jack Spearbow an den Tisch hocken dürfte. Schlecht gelaunt, weil sich René Depart nicht sofort für die Idee mit den Mädels begeisterte, meinte Jack Spearbow zu dem Mann hinauf, daß der blöde Penner sich verziehen sollte. Der schlau blickende Kerl, der einen staubig schäbigen, an manchen Stellen geflickten schwarzen Anzug anhatte, setzte sich trotzdem zu René Depart und Jack Spearbow dazu. Er würde Rocho heißen, unterrichtete der Fremde; zwanzig Dollar auf die Hand, dann würde er, Rocho, ihnen was sagen. Neuigkeiten wären immer gut, lallte René Depart, der das dritte volle Whiskey-Glas hintereinander gekippt hatte, legte zwei Zehn-Dollar-Scheine mitten auf die Tischfläche. Rocho wollte sich die Scheine augenblicklich greifen, aber Jack Spearbow wischte Rocho die Hand vom Tisch, schnauzte, erst mal wolle man hier die gute Nachricht hören. Zu Jack Spearbow nickte Rocho hin. Drauflos erzählte Rocho, daß im "Horizonte", im Hotel "Horizonte" am anderen Ende des Städtchens, ein Journalist ein Zimmer hätte. Der Journalist wäre der, den Diaz im Dschungel getroffen hätte; der hätte von Diaz und seinem ganzen Trupp Fotos gemacht, jede Menge Fotos.
* Gegen Mittag des darauffolgenden Tages fanden René Depart und Jack Spearbow sich im "Horizonte" ein. Für ein paar Dollar mehr: der Pegel an Freundlichkeit steigerte sich im "Horizonte" sofort ins Unermeßliche. "Zimmer neunzehn" im ersten Stock, da wohne der Gesuchte, informierte der ältliche Mann an der Rezeption, buckelte bei jeder Silbe dienstbeflissen. Immer noch von dem Trinkgelage des Vorabends angeschlagen, stiegen René Depart und Jack Spearbow die hölzernen Stufen in das erste Stockwerk hoch. "Zimmer neunzehn" entdeckten René Depart und Jack Spearbow am Ende des langen Ganges linker Hand. Jack Spearbow klopfte. Nichts und niemand regte sich. Neuerliches Klopfen. Keine Reaktion. Der Mensch am Hotelempfang hatte mitgeteilt, daß Herr Rial im Haus wäre. Laut schrie Jack Spearbow, daß niemand hier von der Polizei wäre. Jetzt drehte sich plötzlich der Schlüssel im Schloß, öffnete sich die Holztür ein Stückchen ins Zimmerinnere. Das nicht eben sympathische Gesicht eines schwitzigen kleinen Mannes präsentierte sich; braune Schweinsäuglein glotzten ängstlich neugierig.
* Sie wären wirklich nicht von der Polizei, versicherte René Depart, stellte sich und Jack Spearbow vor. Sie wollten nichts als sich ein bißchen unterhalten, ein paar Auskünfte, wenn möglich; dafür würden sie sehr gut zahlen. Darauf zuckte Rial die Schulter, wischte sich über die verquollenen Augen, die aussahen, als hätte Rial erst vor kurzem eine längere Runde geweint. Rial trat zurück, ließ die Zimmertüre ganz aufschwingen. René Depart und Jack Spearbow spazierten zu Rial hinein. Als erstes fiel die teure Informationstechnik auf, die auf einem Rundtisch mit weißer Tischdecke herumstand, aufgeklappt. Auf dem Bildschirm blinkte bei weißem Hintergrund ein fingernagelgroßer schwarzer Punkt in der Mitte. Nachdem er draußen von seinem Hotelzimmer kurz den Flur hinauf und hinunter überblickt hatte, machte Rial die Türe hinter sich zu, sperrte ab. Rial meinte zu René Depart und Jack Spearbow, daß er sich sehr darüber wundern würde, daß nun schon seit Tagen kein Polizist mehr etwas von ihm, Rial, wollte. Er dürfe die Stadt und auch sein Hotelzimmer nicht mehr verlassen, hätte man ihm gesagt. Aber sonst wollte keiner mehr was von ihm. Auf dem Zimmer zu hocken, Däumchen zu drehen, das wäre eine sehr langweilige Angelegenheit.
* Mit ganzem Namen hieß der kleingewachsene Journalist Ignatio Rial. Plötzlich war dieser Ignatio Rial, Journalist, das Schweigen in Person. Um diesem Ignatio Rial, der bei Diaz gewesen war, einen Brocken hinzuschmeißen, erzählte René Depart ihm ausführlich von Dominik Sponti, Dominik Spontis Zirkus, der "Dschungel-Schau" des Zirkus Sponti und von General Hernandez Zilla. Der Spur Spontis, des Zirkusdirektors, wäre er gefolgt, schloß René Depart seine Geschichte. Ignatio Rial kratzte sich ausgiebig hinterm Ohr, nickte, meinte, daß Herr René Depart und Herr Jack Spearbow sich nicht an den Falschen gewandt hätten. Lächelnd begab Ignatio Rial sich vor sein elektronisches Arbeitsgerät, drückte Leertaste. Der Bildschirmschoner verschwand. Schnell tippte Ignatio Rial aus dem Kopf ein paar Codes in hintereinander auftauchende Zugangsfelder, öffnete am Schluß mit Doppelklick eines der vielen "Fenster". Anschließend wandte Ignatio Rial sich grinsend René Depart und Jack Spearbow zu, während sich in Rials Rücken auf dem Laptop-Bildschirm ein Farbfoto aufbaute. Das Foto zeigte einen "Grünschuppenraptor", wie in den Zeilen unter dem Bild zu lesen dastand. Der Raptor lag auf einer saftig grünen Wiese, das Schreckensmaul offen, daß die gefährlichen Zahnreihen bestens im Blick waren; Blut war die Schmiere, das, was aus dem Maul herausgelaufen war. Der Raptor war getötet worden.
* Es klopfte bei Ignatio Rial an der Zimmertür. Mit gerunzelter Stirn wollte Rial wissen, wer draußen wäre. Der Zimmerdienst, klang die Antwort eines Mannes. Ehe die ihm die Türe eintreten würden, würde er ihnen lieber mal aufmachen, sagte Ignatio Rial ruhig zu René Depart und Jack Spearbow, klappte sein Rechnerteil zu. Ignation Rial begab sich zur Tür, drehte den Schlüssel im Schluß, machte die Tür auf. Drei vermummte Kerle drängten hintereinander herein, Pistolen im Anschlag, bellten, kein Mensch sollte sich bewegen. Gedämpfte Schußlaute. An den Pistolen waren Schalldämpfer aufgesetzt. Eine Handgranate flog, landete René Depart vor den Füßen, explodierte. Im Nu war René Depart in weißen Nebel eingehüllt. Dann wußte René Depart nichts mehr.
9. Jaques gibt auf
* Kaum wach, riß René Depart die Augen auf. Er blickte auf eine rotfarbene Raumdecke; gedämpfte Geigenmusik erfüllte die Räumlichkeit. Unwillkürlich dachte René Depart, er wäre irgendwo in einem Puff, auch wenn das Debussy war. Auf der Stelle verlangte René Depart von sich, sich aufzusetzen. Erfreulicherweise gelang René Depart das, sich in die Sitzposition zu schaffen. Die hochkommende Übelkeit zwang René Depart allerdings, sich augenblicklich wieder zurücksinken zu lassen.
* Am liebsten würde er den lieben René für immer in die ewigen Jagdgründe schicken, zischte eine Männerstimme gepreßt. Irgendwie kam der Klang des Männersoprans René Depart bekannt vor. Nur leider, so einfach ginge das alles nicht, setzte die Stimme fort; leider müßte er sich beherrschen, war es angesagt, jeden Unsinn zu unterlassen. Eine beschissene Zeit wäre das gerade; wirklich eine beschissene Zeit. Einige Minuten vergingen René Depart, den der Schwindel zwang, liegen zu bleiben, bis der Mann sich wieder vernehmen ließ. Im Moment würde alles zusammenkommen, säuselte der Unbekannte. Er, René Depart, hier bei ihm in der guten Stube und mit auf dem Pulverfaß. Endlich brachte es René Depart, sich aufs neue hochzuschaffen. René Depart gaffte in eine grinsende Visage, einem Mann mit angegrauten Schläfen, dicke Sonnenbrille vor den Augen. Sofort wußte René Depart, wer das war: Jaques. Das war niemand anders als Jaques. Das füllig und breit gewordene Antlitz von Jaques.
* Mehrere Schluck Wasser hatte Jaques René Depart aus dem Wasserglas trinken lassen. Jetzt hockte Jaques wieder René Depart gegenüber in einem braunen Ledersessel, spielte mit einem modernen Revolver herum, drehte die Trommel, schwang die heraus, ließ sie zurückschnappen. Zwischen René Depart und Jaques war ein schwerer, breiter Art grauer Keramiktisch. Jaques trug eine grüne Uniform behangen mit goldenen Orden, Kordeln und allem. Sicher eine Phantasie-Uniform. Um die Nasenlöcher herum sah Jaques aus, als hätte er erst vor kurzem Nasenbluten gehabt, hätte sich bloß nirgendwo frisch machen können.
* Das wäre keine gute Nacht heute, fing Jaques, weinerlich fast, wieder das Gesäusel an. Jedermann wollte heute nacht nur eins: ihn, Jaques, fertigmachen. Es gäbe einfach keine Dankbarkeit auf der Welt. Für die Dinge, die abliefen, müßten sich die Idioten dann schon selber verantwortlich machen, Vollidioten, die ihr bißchen Hirn nicht im Kopf, sondern zwischen den Beinen hätten; dort würden die das herumtragen, was sie "Hirn" nannten. Die grünen Raptoren, das wären Biester, das könnte er, René, sich überhaupt nicht vorstellen. Aber die Bosse, die hätten mit allem rechnen müssen, weil er, Jaques, es ihnen gesagt hätte. Nur Scheißdreck wäre allerdings jetzt rausgekommen, nichts als Scheißdreck. Weil man Idioten mit Raptoren zusammenbringen hätte müssen; Gehirnschwämme der Marke "Homo Sapiens": dümmer ging's immer.
* Jaques schwieg ausgiebig. René Depart zögerte, Jaques, der in mieser Stimmung war, eine Pistole bei der Hand hatte, aus seinen Gedanken zu reißen. Obwohl ihn, René Depart, die eine Frage ihn bedrängte. Die Frage der Fragen, weswegen René Depart überhaupt sich auf die Suche nach der Vergangenheit gemacht hatte. Die Frage, die lautete, was Jaques mit Irene gemacht hätte. Unvermittelt lachte Jaques los. Als ob er Gedanken gelesen hätte, erkundigte Jaques sich bei René Depart, ob er, René, nicht gerne was Genaures wissen wollte. Nämlich das, was aus seinem Töchterchen Irene geworden wär. Schweigen bei René Depart.
* Erst mal müßte er, Jaques, ihm, René, mitteilen, daß Irene und er vor vier Jahren geheiratet hätten; seit vier Jahren wären sie Mann und Frau, er und Irene. Und er, René, wäre der Schwiegerpapi. Der Schwiegerpapi. Der Mund stand René Depart weit offen. Spöttisches Gelächter von Jaques. Jaques setzte fort, daß Irene sich von ganzem Herzen nichts mehr gewünscht hätte als eine Hochzeit in Weiß, eine kirchliche Trauung; so richtig mit einem Pfarrer, einer Kutsche, die vorfuhr, Mutti, Papi und allem Drum und Dran. Das hätte nun leider nicht geklappt. Vati und Mutti hatten nicht kommen können. Dafür waren ja genügend andere da.
* Er möchte Irene sehen, auf der Stelle, konnte René Depart nicht mehr an sich halten. Lässig winkte Jaques ab. Er wolle seine Tochter Irene sehen, und zwar sofort, schrie René Depart, bekam einen Hustenanfall. Es täte ihm sehr leid, das könnte er im Moment nicht anbieten; schlecht gelaufen alles, lehnte Jaques ab, den Wunsch René Departs zu sofort zu erfüllen. Nachdem René Depart sich anschickte, sich aufzurappeln, um sich auf die Füße zu stellen, präsentierte Jaques eine Pistole, die er auf dem Sessel zwischen den Beinen liegen gehabt hatte, und den Revolver. Es täte ihm alles sehr, sehr leid, plapperte Jaques; die Pistole auf den eigenen Schwiegerpapi zu richten, das würde ihm, Jaques, nun doch nicht so leichtfallen. Anderseits, gute Lust hätte er schon, ihn, René Depart, eine Kugel durch die Schädeldecke zu jagen, ergäbe sich die Gelegenheit dazu. Schwiegerpapi René sollte aber besser zuhören, darauf lauschen, was sein Schwiegersohn Jaques zu sagen hatte. Weil die nette Unterhaltung jeden Sekunde vorbeisein konnte: Er, Jaques, hätte Irene gewiß nichts getan. Alles, was er vorhin getan hätte, wäre gewesen, draußen den Elektrozaun abzuschalten. Damit hätte Irene in den Dschungel entkommen können. So sicher wie Irene wäre im Moment niemand. Um Irene müßte keiner Sorgen machen. Er würde ihn, Jaques, eigenhändig umbringen, wäre etwas mit Irene, schwor René Depart. Die Augen zur Raumdecke verdrehend, zuckte Jaques die Schulter.
* Da, die "Freunde" wären endlich oben angekommen, rief Jaques aus, deutete mit dem Zeigefinger; lange genug hätten die Brüder sich dazu Zeit gelassen, in diesen Flügel zu gelangen, überraschend lange. Langsam drehte René Depart sich um, das zu sehen, was in seinem Rücken sein sollte. Dreimal vier metergroße Bildschirme waren dort, in die Wand eingelassen, alle an, aber der Ton ausgeschaltet. Alle Fernsehbildschirme zeigten dasselbe Bild: Uniformierte, die in einem teuer ausgestatteten Salon die Szenerie überblickten. Ein Offizier und drei Soldaten, ihre Gewehre schußbereit. Nun wollte er die amerikanischen Kriegshunde mal nicht länger warten lassen, sprach Jaques, erhob sich, müde seufzend; das wäre sicherlich auch in seinem, Renés, Interesse. Daß Schwiegerpapi René nicht auf dumme Gedanken verfiele, bloß weil er, Jaques, der Gatte von Irene, seine Pistole und seinen kleinen Revolver nicht mehr in den Händen hätte.
* René Depart hielt den Mund, erhob sich jedoch mit Bedacht auf die Beine, während er auf die Bildschirmreihen starrte. Der blonde Offizier mit den unmilitärisch langen Koteletten holte ein handgroßes Gerät aus der Hüfttasche. Das Ding richtete der Mann auf die Wand gegenüber, schwang den Arm von links nach rechts und zurück. Das Arschloch würde bloß die Mauern scannen, kommentierte Jaques, Jaques, der weiterhin anwesend war; technisch bestens ausgerüstet, die CIA-Bastarde. Trotz ihrer Technik nichts als hohle Köpfe und Ignoranten, etwas anderes wären die nicht, überall auf der Welt. Und hier, in dem Scheiß-Verräterland würde sich mit Sicherheit jetzt nicht mehr viel tun. Weil kein Mensch Verträge einhalten könnte, jeder Verträge brechen könnte, wie er das wollte. Alles hätte die Rattenbande abgeknallt, Frauen, Männer, die jungen Anatotitans, Toros, Ankylos. Alles und jedes: tot. Obwohl die Tiere voll harmlos wären. Auf der anderen Seite hätte er, Jaques, mit eigenen Augen beobachtet, daß jede Menge kleiner Raptoren mit drei der Erwachsenen aus der Grünschuppenbande, die den Kleinen viel lernen konnten, in den Dschungel entkommen wären. Der "CIA"-Mann zielte mit seinem Scanner auf den Fußboden. Jetzt wäre es allerhöchste Zeit für ihn, den "Freunden" aufzumachen, sagte Jaques, und Jaques entfernte sich.
10. Der erste Gruß von Irene
* Zornig kehrte René Depart auf sein Hotelzimmer zurück, schleuderte den Aktenkoffer auf das Doppelbett. Erst mal fluchte René Depart ausgiebig, ehe er zur Flasche griff. Teurer Whiskey; diese Sorte Whiskey sollte jedermann Schlückchen für Schlückchen genießen, den Whiskey am Gaumen rollen lassen, nicht ein Viertel der Flasche ex und hopp in sich hineinschütten, um tierisch loszuhusten. Als die Husterei vorbei war, warf René Depart sich auf das große Bett, legte sich den Arm über die Augen.
* Weiterhin ließen die Behörden niemand zu Jaques vor. Nur Souza, Landesansässiger und der einzige Anwalt, der sich bereitgefunden hatte, sich von René Depart bezahlen zu lassen, war es erlaubt, Jaques aufzusuchen. Jaques, den die Amerikaner an die lokale Regierung ausgeliefert hatten. Grund: Die Todesstrafe drohte Jaques. Jaques, der kaum ein Wort mit Souza von der Anwaltskanzlei redete, obwohl Souza Jaques klarmachen konnte, daß René Depart ihn bezahlte, René Depart, dem man nicht gestattet hatte, die Verteidigung Jaques' selber zu übernehmen. Ellenlang war die Anklage, die die oberste Strafbehörde für Jaques vorbereitet hatte: vielfacher Mord, räuberische Erpressung, Bestechung staatlicher Institutionen, Anstiftung zu aufrührerischen Handlungen, illegale Bodennahme, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Bandenbildung, unerlaubte wissenschaftliche Experimente in einem Privatlabor, Landesverrat nach Einbürgerung ...
* So gut könnte er, René Depart, es haben in Frankreich. Ein sorgloses Leben führen. Nach Frankreich hatte René Depart jedoch nicht zurückfliegen können. René Depart, der um die halbe Welt geflogen war, seine mißratene Tochter Irene aufzufinden, eine, deren Launen bis hin zum Mord reichten. Konnte er, René Depart, sich bestens dran erinnern, an den Schuß, den Irene auf einen namens Henry abgefeuert hatte. Zu allem Überfluß heutzutage mit diesem Jaques verheiratet, Irene. Irene und Jaques waren jahrelang ein trautes Paar, hatten dann mal geheiratet. Wenn es die letzten Jahre Eheprobleme bei Irene und Jaques gab, hatten die nicht zu einer Scheidung Irenes von Jaques geführt. Irene, heute eine Endzwanzigerin, eine, total ihrem Vater René Depart entfremdet. Noch dazu eine, die selber auf sich aufpassen konnte. Das mit Jaques, voll Irenes Wahl; kein Mensch mußte Jaques heiraten, nirgendwo auf der Welt, und vor allem eins nicht: mit Jaques verheiratet bleiben. Schließlich hatte Jaques Irene nicht kaserniert, hätte Irene immer eine Fluchtmöglichkeit gehabt. Statt jedoch vor Jaques zu fliehen, hatte Irene sich prächtig mit Jaques verstanden, und Irene würde sich weiter prächtig mit Jaques verstehen. Also: Was sollte der Unsinn, den er, René Depart, hier trieb? Abenteuerlust? Ein Selbstmordversuch?
* Drei Tage war er, René Depart, im Stadtgefängnis gesessen. Die Aussagen Rials und Spearbows und die Zeitungsartikel Rials, der einen Lungendurchschuß und zwei Schultertreffer überlebt hatte, hatten ihm geholfen, rauszukommen. Dank Ignatio Rial glaubte die Welt, er, René Depart, wäre zum Opfer einer Entführung geworden. Eine Entführung, um Lösegeld zu erpressen. Denn René Depart war ein reicher, angesehener Anwalt, vertrat in Frankreich zumeist Leute mit Geld; ein vom Glück verwöhnter französischer Staranwalt. Das meinte anscheinend auch der amerikanische Offizier "Kirk Douglas", der Typ mit den langen Koteletten. Dreimal war "Kirk Douglas" bei ihm, René Depart, auf der Zelle, fragte nach den Grunddaten von René Departs Leben und ließ sich von René Depart Geschichten erzählen. Nach dem dritten Gefängnisbesuch war "Kirk Douglas" nicht wiedergekommen. "Kirk Douglas" schien die Zusammenhänge nicht zu kennen. Daß das, was René Depart widerfahren war, die Vortäuschung einer Entführung war. Weil das, was Jaques eigentlich beabsichtigt hatte, Familienzusammenführung war. Er, René Depart, hätte seine Tochter Irene wiedersehen können; Tochter Irene ihn, ihren Vater. Vereitelt hatten die amerikanischen Agenten und lokales Militär das Treffen. Unter der Anleitung der Amerikaner griffen Soldaten das Firmengelände an, auf dem Jaques der Direktor war.
* Gerne hätte René Depart eine Dschungelexpedition unternommen. Die einheimischen Leute, die mit in den Dschungel gehen hätten wollen, hatte Jack Spearbow längst bezahlt. Nur leider, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und der Behörden. Die Regionalverwaltung wollte dem Antrag nicht stattgeben: wegen der Guerilleros. Das wären keine Schlagzeilen, die das südamerikanische Land nötig bräuchte, meinte der zuständige Bezirksgouverneur, wenn die PTH solch eine Berühmtheit wie ihn, René Depart, gefangensetzen und Lösegeld erpressen könnte. Auf die mediale Propaganda der PTH, dieser Mörderbande, konnte man gut verzichten, blieb die Ansage gegenüber René Depart. Demnach war es ihm, René Depart, unmöglich gemacht, der Dschungelstraße entlang die Orte aufzusuchen, wo man eine blonde Frau auf dem Rücken eines monströsen Gorillas gesehen haben wollte.
* Jack Spearbow kam durch die Trenntüre in René Departs Hotelsuite zu René Depart hereingelaufen, ohne vorher bei René Depart anzuklopfen. Seit der Attacke von Jaques' Leuten, die aus ihren Gewehren Geschosse abgefeuert hatten, die ein starkes Betäubungsmittel auf Schlangengiftbasis enthielten, sah Jack Spearbow alles anderwe als sonderlich gesund aus. René Depart fand, er hatte das viel besser überstanden, obwohl er einige Jahre älter war als Jack Spearbow. Jack Spearbow war zum Fernsehgerät geeilt, hatte das Ding eingeschaltet, griff sich die Fernbedienung, die oben auf der Stellfläche des knapp mannshohen, meterbreiten Schaubfachkastens herumlag. In ein paar Minuten würde eine neue Nachrichtensendung auf TV3 laufen, erklärte Jack Spearbow. Das Fernsehbild von Kanal acht brauchte bei dem Flachbildschirm an der Zimmerwand ewig, aus dem Dunkel zum Vorschein zu kommen. Der Ton war von René Depart weggeschaltet, entdeckte Jack Spearbow, der an Fernbedienung herumfingerte.
* Der Sender behauptete, er hätte Fotos der blonden Frau, die mit dem Gorillariesen zusammen unterwegs war, unterrichtete Jack Spearbow. Auf TV3 fing jetzt die Nachrichtensendung an, erschien nach der dramatischen Musik ein Nachrichtensprecher, der überall auf der Welt üblicher Pose hinter dem Schreibtisch hockte. Tatsächlich war Irene der Aufmacher, hatte Jack Spearbow recht. Der Nachrichtenmensch redete davon, daß man eigene Bilder von der Frau hätte, die die wäre, die mit einem monsterhaften Gorilla im Dschungel unterwegs wäre. Die erste Fotografie erschien, und René Depart erkannte sie auf der Stelle. Das war sie, Irene. Irene, die breit grinste, grüßend in die Kamera winkte; ein Cowboyhut drückte auf Irenes struppiges Haar. Die Jahre waren an Irene nicht spurlos vorbeigegangen, fand René Depart. Irene wirkte älter als eine Endzwanzigerin. War fast eine reife Frau geworden, die Wangen ein bißchen eingefallen. Nichtsdestotrotz hatte Irene gewiß für Männer ihren Reiz, konnte einigermaßen hübsch genannt werden. Die vollen Kußlippen waren bei Irene die gleichen geblieben. Sechs Bilder Irenes, die auf Holzplanken herumstand, präsentierte der Sender. Eigentlich hätte eine Polizeieinheit die Frau festnehmen wollen, ließ der Nachrichtenmann vernehmen. Von diesem polizeilichen Vorhaben dürfte der Sender leider keine Aufnahmen zeigen. Informierend dürfte man allerdings, daß die Frau plötzlich eine Blendgranate aus der Hüfttasche gezogen und gezündet hatte. Mit dem Blitz, daß die Blonde spurlos verschwand, als hätte es sie überhaupt nicht gegeben.
***
He, ob's mit dem da oben weitergeht?
Vielleicht, wenn jemand Münzen einwirft ...
Bei Münzeinwurf, daß das TeddeMehr-Püppchen für die Fortsetzung tanzt.
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