1b. Tafel ("The eyewitness")
Verena blickte Conny, Cornys elfjährige Tochter.
Ihr brünettes Haar hatte Conny sich in der Zwischenzeit der letzten paar Tage, seit Verena Conny nicht mehr gesehen hatte, gefärbt. Rote Haarfarbe.
Weiterhin eher kleinmädchenhaft, die beiden schulterlangen, glattgekämmten Zöpfe Connys, von Haargummis zusammengehalten. Eine Frisur, sicher eher auf den Einfluß von Mutti Corny zurückzuführen.
Mit einigen andern der Kinder zusammen, daß Conny Fangen spielte. Rannte zwischen den anstehenden Leuten rum, ob das denen paßte oder nicht. Um sich zu erwischen und an irgendeiner Körperstelle abzuklatschen. Wo immer man sich eben kriegte. Auch gut vorne, die Körpermitte der Jungs. Oder höher am Brustkorb oben bei den Mädchen.
Knapp direkt hinter Angie, daß Klein Conny sich versteckte. Bespaßt, als wäre Klein Conny deswegen für den Rest der Horde unsichtbar. Klein Conny Angie dabei mit den Händen am übergroßen, blauen Männerhemd, das Angie aus der Blau-Hose hing, das Rückgrat herabstreichend. Angie streichelnd, wie so eine zärtliche Liebhaberin.
Mit ihren fünfzehn Jahren viel älter, größer und stämmiger als Conny, wandte Angie sich abrupt nach Conny um.
Die Stirn gerunzelt glotzte Angie auf Conny herab.
Kaum irgendwas an Freundlichkeit für Klein Conny, das Angie im Ausdruck ihrer braunen Augen hatte.
Unvermittelt, ohne daß das bei Angie erkennbar gewesen wäre, stieß Angie Klein Conny mit beiden Handflächen vor die Brust.
Ein Aufschrei Connys, Conny, die ein gelbes, enges T-Shirt anhatte, einen knielangen, schwarzen Faltenrock, eine rote Strickstrumpfhose, etwas abgewetzte lilafarbene Ballerinaschuhe. Rückwärts kippte Klein Conny.
Bei einem durchaus sympathisch rüberkommenden, hochgewachsenen Mittdreißiger mit dunkelgrauem Anorak und in Jeans, den Verena vom zahlreichen Anstehen vor Ort auf der Sozialstation ebenfalls schon länger kannte, war Klein Conny mit dem Hinterkopf auf Höhe Hosenschlitz der Blau-Hose gelandet.
Reaktionsschnell, daß der Mann sich herabgebeugt, Klein Conny, die schrillte, unter den Armen angefaßt hatte, Klein Conny, die ein schlankes, wohlgeformtes Bein frei in der Luft schwang.
Der, der mit seinen starken Armen Klein Conny davor bewahrte in weiterer Abfolge der Bewegung mit dem Hinterteil härter auf den befliesten Fußboden niederzugehen, grinste breit auf Klein Conny herab.
"Dankesehr! Dan-kesehr!" bedankte Conny sich, von ihrem Helfer losgelassen, wieder freihändig dastehend, ihm gegenüber, mit ihrer glockenhellsten Mädchenstimme für die Hilfeleistung. "Vielen Dank, daß Sie mir geholfen haben, daß ich nicht hingefallen bin. War lieb von Ihnen. Sehr lieb. Sehr, sehr lieb."
"Nichts zu danken", war die Erwiderung von dem Kerl an Klein Conny. "Hübschen, kleinen Mädchen wie dir helf' ich doch gern. Immer gern. Auch immer wieder gern."
Der Blick Verenas wünschte zu dem Mitte der Dreißig in Jeans und dunkel graufarbenem Anorakteil zurückzuschweifen. Wie zufällig zurück zu demjenigen, der Conny mit seinem beherzten Zugreifen netterweise davor bewahrt hatte, nicht am Boden drunten zu landen.
Ungläubig konstatierte Verena die Tatsache, daß Klein Conny das knappe Minütchen seitdem nicht dafür genützt hatte, sich aus der Umgebung ihres männlichen Helferleins zu entfernen. Nicht viel davongemacht hatte Klein Conny sich aus der Nähe des Erwachsenen, zu ihren Altersgenossen fortzukommen, weiter Fangen zu spielen.
Am Platz da verweilte Klein Conny, wie festgefressen.
Seltsam lächelte Klein Conny den Mann mit ihren geröteten Wangen an. Er, der mit geschürzten Lippen, die Stirn gerunzelt von Klein Conny wegschaute, zu Klein Conny zurück. Von Klein Conny weg. Zu Klein Conny zurück.
Starr blickte der viel Ältere aufs neue länger auf Klein Conny, den Mund offen.
Irgendein Magnet, der für Klein Conny am Standort unten angebracht zu sein schien, daß Klein Conny einfach nicht woandershin abgehen konnte.
Überraschend für Verena vollführte Klein Conny eine Bewegung, als würde Klein Conny nach vorne stolpern. An die Körpermitte des für Verena Namenlosen drängelte Klein Conny sich in der Folge ihres Stolperers vorgebeugt heran, rieb dort die Wangen.
Bis Angie, die Fünfzehnjährige, die dem ganzen Treiben Klein Connys mit großen Augen zugeschaut hatte, nach Klein Connys Schulter und Arm langte. Zu sich zog Angie Klein Conny heran, sprach unmittelbar an Klein Connys Ohrläppchen Worte. Woraufhin Klein Conny erfreut zu Angie hinaufnickte.
Dorthin deutete Angies Zeigefinger, wo fünf Mädchen, Jungs in Angies Altersklasse beieinanderstanden.
Irgendwas Wichtiges beredeten die miteinander, wie ihre ausschweifenden Gesten ausschauten.
Ein Lächeln umspielte Connys Mund. Nochmals ein zustimmendes Kopfnicken Connys für Angie.
Mit den Gesichtszügen einer Angenervten bedeutete Angie, Klein Conny solle jetzt aber sofort abziehen, mit Angies Botschaft dorthin losmachen, wo die Bekannten Angies zusammenstanden.
Zwei, drei Meter, die Klein Conny daraufhin von Angie weg schaffte. Dann hielt Klein Conny abrupt im Schritt inne.
Nicht drauf verzichtete Klein Conny, den Hals nach der Seite zurück zu verdrehen. Das nächste Starren auf den Mittdreißiger, das Klein Conny riskierte.
Komisch, daß Klein Conny am Platz ausschaute. Allerdings hatte der Mann, der gemeint war, sein Augenpaar woanders, paßte glattweg auf nichts bei Klein Conny auf.
"Mann, da sind wir aber froh, daß es wieder was weitergeht hier, was?" drängelte sich die Stimme der kurzhaarigen Blondine mit dem Baby Verena zurück ins Bewußtsein. "Toll, was? Was sagen wir dazu? Echt toll, Hansi hat's mit dem Aufzug tatsächlich wieder runtergeschafft, fährt mit den nächsten von den 'Roten' hoch. Die 'Roten', die haben's dann irgendwann bald doch geschafft, wie's ausschaut. Und wir sind dran. Nicht zu fassen. Heut', heut', hab' ich das Gefühl, stehen wir spät nachmittags noch hier rum ..."
Als gäbe es für sie keinen Kinderwagen oder so was, wiegte Kurzhaar-Blondie ihr schlafendes Kind weiterhin im Arm. Schwer schien der das Kleine nicht zu werden.
"Teure Anzüge sind das, an ein paar von den Kerlen hier, was?" machte die andere das nächste Thema auf. "Was sagen Sie, schaut doch deutlich aus, als hätten die Anzüge mal Geld gekostet, nicht wahr?"
Die Schulter zuckte Verena.
"Und - da! Da im linken Eck da. An den Füßen haben die Schlampen da flache, spitze Schuhe an. Designerschuhe. Designerschuhe. Ah, die zwei dort haben auch so was an ..."
Ein langer Finger deutete Verena die Richtung.
"Eh, ist man mit solchen Schuhen hier nicht ein wenig - wie soll ich sagen? - deplaziert, eh? 'Over-dressed'? Gehört man sicher eigentlich woanders hin, mit solchen Latschen, oder? Nicht hierher, oder?"
Die Mundwinkel schob Verena herab, versuchte distanziert, desinteressiert, ablehnend auszusehen. Damit die blonde Mutti eventuell das Interesse daran verlöre, Verena herzuschwatzen.
"So spitzig, was, die Latschen? Wem richtig in den Arsch zu treten, was? Vielleicht ist das ja der eigentliche Zweck der Dinger." Breit grinste die Bubikopfblondine von sich her nach Verena hinüber. "Jemand in den Arsch zu treten. Fest. Daß die Latschen einem im Hintern steckenbleiben. Wenn die Latschen dafür nicht gemacht sind, weiß ich nicht ..."
"Das glauben Sie nicht, ein Abendkleid in meiner Größe haben die vom Kleiderreservoir mir vor die Nase gehalten", hörte Verena die blonde Mutti nach kleiner Pause wieder. "Na, als ich letzte Woche am Mittwoch vormittags dort war. Ein Abendkleid wäre sicher was Passendes zu den Designerdingern da an den Füßen ..."
Verena überlegte, ob Verena weggehen sollte. Oder ob es Verena geschah, daß Bubikopf-Mutti ihr samt Nachwuchs hinterherkam.
"Hätte das Abendkleid ohne weiters haben können. Mitnehmen dürfen. Wird mir richtig heiß, wenn ich an den Preis denk', den das Kleid einmal gekostet haben muß. Das Geld, das die frühere Besitzerin früher dafür gezahlt hat. Oder ihr - ah! - Ehegemahl. Könnt' ich gut brauchen, die Moneten. Bräucht' ich drei, vier Monate oder länger nicht hier vorbeikommen, anstehen. Meine Zeit hier vertun. Aber das rote Kleid hab' ich dann nicht genommen. Nicht nehmen mögen."
In Verenas Mienenspiel mußte Mutti eine Frage gelesen haben, weil Mutti sofort fortsetzte: "Hören Sie mal, ein Designerkleid, für was brauch' ich so was denn? Wo soll ich mit so was hin? Damit in den Supermarkt, oder was? Da das den Verkäuferinnen vorführen? Oder mit dem Ding an hierher ...? Stellen Sie sich das mal vor, ich mit so was an hierher. Stellen Sie sich das vor. Ich, mit dem roten Abendkleid an hier ... Hier. Ich, beim Anstehen. In 'nem roten Abendkleid. Mit so was hier ankommen ... Mich in so was hier drinnen aufstellen ... Nein danke!"
Nichts, das Verena großartig als Kommentar einfiel.
"In so 'nem Kleid holen sie dich mit dem Sanka hier weg. Bringen dich in die Anstalt. Am Schluß, komm' ich da raus aus der Anstalt, stell' ich fest, daß sie meinen kleinen Sohn hier von Amts wegen abgeholt haben. So was machen die locker."
Verena guckte bloß starr auf die blonde Mutti mit dem Baby im Arm.
"Weil ich nicht da bin und Vati ihn vernachlässigt hat. Nein, nein. Brauch' ich nicht. Nichts. Mann, wär das 'ne Möglichkeit. Ich wär' mein Baby los ..."
"Wissen Sie was?" Vielleicht eine knappe Minute, daß die Blondine, die ihr Baby herschaukelte, Verena gegenüber geschwiegen hatte.
Ein Schrittlein, der anderen.
Nun echt knappest, daß die an Verena herangekommen war. Direkt an ihrem rechten Ohr spürte Verena den Lufthauch von der. Beinahe intim.
"Wissen Sie was?"
"Nein, weiß ich nicht." Zum Davonlaufen, daß Verena sich fühlte. "Was soll ich wissen?"
"Wissen Sie, was ich denen vom Kleiderreservoir gesagt hab'?"
Die Kurzhaar-Blonde, angeblickt von Verena, grinste breit.
"Keine Ahnung, was Sie gesagt haben ..." Verenas Schulterzucken.
"Hab' gesagt, daß die Damen und Herren da ihre edlen Roben und Kleider selber mit nach Hause nehmen können. Wenn die ihnen so gefallen, sag' ich, können sie sich doch selber mit heim nehmen. Sich alles selber anziehen, oder? Sind ja direkt an der Quelle - können sie also alles auch selber für sich nehmen ... Alles. Alles, oder? Aber ich, ich brauch' so was nicht. Brauch' das nicht. Ist schließlich alles kein Fest, alles für mich im Moment. Hab's denen noch mal wiederholt, daß ich nichts als zwei Hosen haben will. Zwei hundsnormale Hosen. Zwei so ganz hundsnormale Hosen. Sonst will ich nichts haben. Zwei hundsnormale Hosen, wenn's bitte geht. Wie sie sie alle auf der Welt haben. Keine Hose, die zu einem Anzug gehört, der mal tausend Eier oder mehr gekostet hat. Man kann das doch bitte verlangen, daß man eine ganz stinknormale billige Hose kriegen kann. Wie sie alle anhaben. In Blau. Auch Cordhosen. Nicht eine Hose, als wär man auf der Bank angestellt. Oder wär mein Freund sonst ein feiner Schnösel, der sich alles leisten kann. Die Hose muß ich mir doch mal anziehen können. Oder mein Freund, wenn ich die Hose auslasse. Daß sie länger wird. Nur zwei, drei Hosen, die ich mir als Frau vielleicht auch mal anziehen kann. Ohne daß Leute sich zu viel denken. Nichts als zwei, drei ganz stinknormale Hosen, T-shirts, Unterhosen ..."
Nicht das bißchen was, das Verena kommentarmäßig zu labern einfiel. Voll blockiert am Thema, Verena.
"Ah!" entfuhr es der blonden Mutti, der das Baby schlief. "Da kommen Sindy und Anne. Da kommen Sindy und Anne."
Von Verena ab wandte sich die Kurzhaarfrisurblondine samt ihrem Wickelkind. Nicht das allerleiseste Abschiedswort an Verena, daß sie noch übrig hatte. Obwohl ausschließlich sie die war, die Verena fortgesetzt hergeschwatzt hatte. Aus der Nähe Verenas begab sich die Frau und Mutter fort. Zwängte sich, den Nachwuchs im Arm habend, zwischen den Leuten durch, Richtung Ein- und Ausgang.
Dann war sie außerhalb, im Freien, wo ebenfalls in einer langen, breiten Masse an- und durcheinandergestanden wurde.
Die junge Mutter, ein unvermittelter Abschied von der. Ohne daß die Mutti zuvor irgendwas Beschließendes mit Verena abgeklärt hätte. Mit Verena, die mit einem unbestimmten Gefühl an ihrem Stehplatz zurückblieb. Eines, als hätte noch weiter etwas zwischen der und ihr, Verena, sein müssen.
Irgendso eine unbestimmte Kleinigkeit. Schwer zu sagen.
Vielleicht das, daß Verena sie wegrempelte, sie, die Mutti mit dem Kleinkind. Daß Verena aus dem Stand losmachte, wie eine Rugby-Spielerin. Verena, die Blond-Mutti eins hinkreischte, in einem Wutausbruch.
Und wenn das eine passierte, das nie passieren dürfte. Daß das Baby der aus den Armen rutschte. Nachdem Verena sie ...
Etwas, das am Schluß böseste Folgen haben mußte, für Verena, geschah dem Kind bei der Attacke eine größere Sache. Ergebnis: Monate, Jahre im Gefängnis für Verena. Oder längerer Aufenthalt in der Psychiatrie eines Bezirksklinikums. Oder beides durchgemischt, einmal Gefängnis-, dann wieder Gummizelle.
Vor ihrem geistigen Auge sah Verena sich in einer Zwangsjacke, einen Beißschutz vorm Gesicht angebracht ...
"Der Aufzug kommt runter!"
Der Ausruf einer weithin dröhnenden Männerstimme.
"Wird auch gut sein, daß der das jetzt wieder regelmäßig macht", übernahm ein zweiter Mann mit volltönendem Stimmumfang. "Die denken hier, ich hätt' mir meine Zeit gestohlen."
"Hast du das denn nicht?" kam es von einem Dritten. "Hast du heute noch Termine? Außer den hier?"
So ein Dämchen im allerbesten Rentenalter, das an Verena vorüberschritt, um sich bei denen anzustellen, die 'Rot' hatten.
Nach dem Koffer auf Rollen Verenas faßte die Alte, um diesen mit sich mitzuziehen. Mit einer Selbstverständlichkeit, als gehöre das gute Stück ihr.
Trotzdem ließ die alte Frau unverzüglich los, als Verena reagierte, sich vorbeugte, nach dem Haltegriff des Rollkoffers, der Verenas Eigentum war, was Verena auf Nachfrage hin auch gut beweisen hätte können, griff.
Flackernde braune Augen wichen dem starrenden Blick Verenas aus.
Die hübsche, blonde Rußlanddeutsche, die jetzt vor Verena herumstand, brachte ihr Phone aus der ledernen Hüfttasche heraus.
Das war also das tragbare Telefon dieser Süßen, das laut ein piepsendes Instrumental von sich gegeben hatte. Relativ melodisch.
Kurz, daß sich die Sechzehn-, Siebzehn-, Achtzehnjährige ihre reisefähige Telefonie ans Ohr hielt, hineinhorchte. Nickte. Ein, zwei Worte, die Verena nicht verstand, in die Membran redete.
Tatjana-Natascha, so hieß die Schönheit, erinnerte Verena sich, bei früheren Anstehgelegenheiten auf der Sozialstation nebenbei den Namen von der mitgekriegt zu haben.
Weil das mit dem Anrufsgespräch zügig vorüber gewesen war, zeigte Tatjana-Natascha ihrer dunkelblonden, kleiner gewachseneren und jüngeren Stehnachbarin, die Verena ebenfalls seit längerem nicht unbekannt war, irgendein lustiges Bildchen auf der Telefonanzeige.
Jemand, der Verena anrempelte.
Als Verena nach der Seite umschaute, standen linker Hand alle Leute nah und fern regungslos am Platz, glotzten lediglich vor sich hin.
Gesichtsweise kannte Verena den einen oder die andere länger.
Sagen wollte Verena deswegen, bloß weil man sich von der Sozialstation her bekannt war, zu keinem irgendwas. Außerdem hielt man sich momentan wieder in der Sozialstation auf. War miteinander beim Anstehen. Auf engstem Raum in der Sozialstation.
Kein Mensch dabei, der sich bei Verena meldete, sich für die kurze sinnlose Rempelei bei Verena entschuldigen hätte mögen. Und Verena, die regte sich nicht auf; wenigstens nicht sichtbar. Verena, der machte so ein kleines Rempeln nach ihr nichts aus. Mußte jemand schon Heftigeres bei Verena anbringen.
Niemand, der kundgab, daß er irgendwas von Verena wünschte. Das war denn nur langweilig, sonst nichts. In die gerade Richtung voraus kehrte der Blick Verenas zurück.
Vor Verena, die beiden Teenager. Tatjana-Natascha und ihre Freundin.
Ebenfalls zur Ansteherei verpflichtet, die beiden.
Für ein bißchen mehr oder überhaupt etwas auf den Tisch. Mittags. Zwischendurch. Oder abends.
Die dunkelblonde Freundin hatte sich bei Tatjana-Natascha vorgebeugt. Für einen besseren Blickwinkel auf das Display von Tatjana-Nataschas Phone für sich zu sorgen. Am Unterarm, daß sie Tatjana-Natascha zudem gefaßt hielt.
Dann überraschte die mit ihr befreundete Kollegin Tatjana-Natascha damit, daß sie Tatjana-Natascha die Gerätschaft für unterwegs den Fingern entriß. Schwuppdiwupp.
Nicht auf der Stelle, daß die Kleinere Tatjana-Natascha das teure Phone zurückgeben wollte. Obwohl sich Tatjana-Natascha mit schriller Stimme auf Russisch ausdrücklich bei ihr beschwerte, aufgebracht gestikulierte.
Als Tatjana-Natascha den Versuch unternahm, mit der Hand zuzugreifen - schwang die Kleine sich schnell herum, stellte sich, daß Tatjana-Natascha den Rücken von ihr dazwischen hatte.
Kenntnisreich und konzentriert, daß die Dunkelblonde anfing, an dem Teil aus Tatjana-Nataschas Besitz herumzudrücken.
Das war mehr als genug für Tatjana-Natascha, Tatjana-Natascha, die wünschte, ihr Eigentum unverzüglich zurückzukriegen.
Vorbeigreifen Tatjana-Nataschas. Zerren Tatjana-Nataschas am Freundinnenarm. Dann faßte Tatjana-Natascha ihr mobiles Phönchen - wofür Tatjana-Natascha ein paar heftige Patscher auf den Handrücken abkriegte.
Tatjana-Natascha, die hatte mit ihren Attacken gegen Null Erfolg. Ihr Eigentum mir nichts, dir nichts zurückzubekommen, das war nicht für Tatjana-Natascha. Tatjana-Natascha, die hatte zu warten.
Erst, wenn die Freundin ...
Oder Tatjana-Natascha, die mußte das das nächstemal mit noch größerem Einsatz anstellen. Weitaus gewalttätiger. Wobei allerdings die Gefahr bestand, daß Dinge kaputtgehen konnten. Am Fußboden zerschellten.
Die Wangen Tatjana-Nataschas, die hatten sich mächtig verfärbt.
Auch die Kleine mit Tatjana-Nataschas "Smartie" hatte eine dunklere Wangenfarbe wie vorher bekommen, während sie draufguckte, auf die Geschehnisse auf der Phone-Anzeige.
Ein bißchen näher heran schob Verena sich an das kleinere, dunkelblonde Mädchen, das leicht seitlich gedreht dastand. Neugierig für Verena für eine leicht bessere Sicht zu sorgen. Eventuell auch eine Kleinigkeit davon zu blicken, was es da Schönes zu schauen gab.
Die Dunkelblonde, bei der blieb das Näherkommen Verenas nicht unbemerkt. Auf dem Absatz drehte sie sich Verena zu, hielt Verena mit einem breiten Grinsen die Handtelefonie Tatjana-Nataschas unter die Augen.
Wie Verena sich das gedacht hatte, war die Fotogallerie offen. Auf ein selbstverfertigtes Handy-Foto Tatjana-Nataschas guckte Verena.
Tatjana-Natascha, splitterfasernackt auf einem weißen Bettlaken sich räkelnd.
Gespreizte Beine hatte Tatjana-Natascha, die Hüften angehoben.
Die Körpermitte Tatjana-Nataschas, ein schmaler, rasierter Strich. An den Brüsten Tatjana-Nataschas waren die Monde voll aufgegangen. Der Vollmond herrschte.
Die Funktion "Dia-Show", die am Phönchen aktiviert war - das Foto, das wechselte.
Hautfarbenes bestaunte Verena.
Ein hübsch langes Momentchen, das Verena brauchte, bis Verena das aufging, was das war, was sie blickte. Daß Verena auf die Fotografie der Erektion eines Kerls hinablinste.
Bildwechsel: Das schlankere Glied eines anderen Burschen, das sich hochgereckt hatte. Sehr definiert. Die Eichel von einer glänzenden Glätte.
Auf dem nächsten Bild war das Tatjana-Natascha. Tatjana-Natascha, die bei dem Aufgestellten desjenigen mit der Zungenspitze oben nahe der Ritze leckte.
Ein lauter, schriller Aufschrei, daß Verena und die Dunkelblonde an Verenas Seite zusammenzuckten.
Mit zornigem Gesichtsausdruck, daß die blonde Tatjana-Natascha ihrer blöde dauergrinsenden Freundin das Smartphone entriß. Rasch es bei sich in die Hüfttasche zurücksteckte, den Knopf der ledernen Handy-Schutztasche zudrückte. Anschließend, daß Tatjana-Natascha den roten Plastikkorb zwischen ihren schwarz behosten Beinen an der Seitenkante hochnahm.
Ab wandte Tatjana-Natascha sich stumm mit wilder Miene von allem in ihrer Gegenwart. Es sehr eilig habend, daß Tatjana-Natascha sich zwischen den anderen der Anstehenden durchzwängte, Richtung Ein- und Ausgang. Ziel Tatjana-Nataschas, auch mit leichtem Ellenbogeneinsatz: nur weg von allem. Auf und davon.
Die kleiner gewachsenere dunkelblonde Freundin Tatjana-Nataschas, die sich eben noch an allem erfreut hatte, entschied sich, nicht lange am Platz auf irgendwas weiteres zu warten. Herab bückte sie sich, den Tragegriff ihres blauen Korbs zu nehmen.
Klar ersichtlich, was los war. Für die Kleinere war es das Angesagte, Tatjana-Natascha hinterherzumachen.
Um sich mit Händen und Füßen bei Tatjana-Natascha zu entschuldigen. Wegen dem Spaß, den sie sich auf Tatjana-Nataschas Kosten erlaubt hatte.
Händeringend davon zu sprechen, daß es eine große Dummheit von ihr war, daß sie Tatjana-Natascha das Phone einfach entrissen und dann dran herumgemacht hätte.
Sie und Tatjana-Natascha, sie könnten doch Freundinnen bleiben. Beste Freundinnen.
Alles wäre doch nicht böse gemeint gewesen. Die Geschichte, halb so wild. Tatjana-Natascha, sie fasse die Dinge total verkehrt auf.
Die andere, die blöde, alte Zicke, die hätte vielleicht zwei, drei schmale Bildchen kurz gesehen. Mehr nicht.
Was sollte es? Was könnte die olle, doofe Kuh, die mit draufgeschaut hatte, damit denn groß machen? Wem viel was davon sagen? Ihre, Tatjana-Nataschas, Familie war die nicht. Deswegen würde die Welt nicht für Tatjana-Natascha untergehen.
So was in der Art, stellte Verena sich vor, müßte das sein, was die Kollegin Tatjana-Natascha hinschwätzen konnte. In der Hoffnung, daß Tatjana-Natascha ihr wieder wohlgesonnen würde.
Die "Roten" waren vorbei.
Verena stand an, Verena war am Dastehen, machte weiter hin und wieder kleine Schrittchen - und plötzlich entdeckte Verena, daß Verena im eigentlichen großen Anstehraum drinnen war. Hineingerückt.
Seitlich rechter Hand vor sich hatte Verena den Aufzug in Sicht. Wenigstens den oberen Teil davon.
Der Lastenaufzug war eben wieder heruntergekommen, aufgegangen.
"Eine breitere Gasse will ich hier sehen. Eine breitere Gasse. Hört ihr, Leute?"
Die Stimme Hansis, des Aufzugführers.
Für Hansi und den drei ältlichen, kleingewachsenen Damen in Hansis Hintergrund mußte der Weg breiter freigemacht werden.
Etwas, wozu sich ein paar nur sehr widerwillig bereitfinden wollten.
Aber, weil Hansi böse guckte, als könnte sich jede Sekunde verschärft etwas abspielen, ließ es sich machen, daß sich die vom Rest ebenso beiseite schafften. Obwohl leise gemurrt wurde, weil man sich deswegen netter beim andern andrängelte.
Die zwei Koffer auf Rollen der beiden gehbehinderten älteren Frauen zog Hansi mit einer Hand hinter sich her. Außerdem schleppte Hansi für die grobgesichtigen Damen, die Hansi langsam hinterherkamen, drei Stofftaschen, die sich bauschten.
Bei jedem seiner Auftritte faszinierend anzuschauen, Hansi.
Eine graue, falsche Soldatenhose, die Hansi sich daheim angezogen hatte. Ein weiß-blau waagrecht gestreiftes Männerhemd; die Knöpfe bis zur Hälfte auf. Darunter präsentierte sich bei Hansi ein blitzeweißes T-Shirt.
Seine mobile Telefonie hatte Hansi an der rechten Hüfte hinten am breiten Hosengürtel in einer Ledertasche. Ebenso ein zweites Gerät, von dem die zwei Kopfhörerleitungen weiß hinauf zur Hemdbrusttasche Hansis verliefen. Dafür da, daß Hansi bei Gelegenheit die Lieblingsmusik anhören konnte, von Hansi daheim am Rechner herunter- und rüber draufgeladen. Oder die Musik, wenn Hansi umstöpselte, die Hansi am Phönchen gespeichert hatte.
Das eine Ohrläppchen Hansis bedeckte ein weißes Kopfhörerteil. Ein schwarzer Mikrophonarm aus Hartplastik, das von dort weg Hansi anliegend halb die Wange herabstak.
Auf die Art und Weise, daß Hansi wie ein Agent aus einem Spionagethriller ausschaute. Geheimagent Hansi auf geheimer Mission.
Lediglich die Geheimagentensonnenbrille auf der Nase, die fehlte Hansi momentan. Die hatte Hansi im Augenblick irgendwo gelassen.
Andererseits: Hätte Hansi einen breitkrempigen Hut aufgehabt, daß Hansi auch an einen Cowboy in einem Westernfilm erinnert hätte. Fand Verena wenigstens.
Die Männer und manchmal auch die Frauen, die in diesen Filmen immer wichtig lederne Revolvergürtel um die Hüften geschnallt mit sich rumtrugen.
In der Gegenwart heutiger Zeitenwende waren das allerdings keine Revolver mehr. Keine Sechsschüsser, mit denen man sich links und rechts schmückte. Sondern die Erzeugnisse der modernen Telefonier- und Informationsgesellschaft mit ihren irre vielen Möglichkeiten. Die der einzelne immer und überall funktionsbereit dabei haben mußte. Bereit, gezogen und der Welt präsentiert zu werden. Wenn man es nicht ohnehin schußbereit in der Hand hielt.
Um zu zeigen, eine neue Nachricht, die könnte man jederzeit erhalten. Der nächste Anruf, den man jede Sekunde entgegennehmen würde.
Jedem, der sie haben wollte, dem man die Zahlen preisgab. Die Nummernkombination, unter der man erreichbar war.
Wünschte jemand irgendwas von einem, ein Fingerdruck, mehr brauchte der-, diejenige nicht. Was gleichzeitig hieß, man war wichtig. Existierte auf der Welt.
Das verleugnete Verena nicht bei sich, sich gegenüber, daß Verena den Status für sich bei Hansi gerne höhergeschaltet hätte. Auf "wichtig", "bedeutend".
Einen Anruf von Hansi zu erhalten, das wäre echt was Großes für Verena gewesen.
Oder Hansi anrufen zu können, weil Hansi Verena eine Phone-Nummer von sich übermittelt hatte.
Immer, wenn Verena das Verlangen in sich spürte, von Hansi in die starken Arme genommen zu werden. Den Telefonhörer nehmen, mehr mußte Verena daraufhin dafür nicht tun. Ein Knöpfchen drücken. Verena, die gab Hansi Bescheid. Hansi, der in Folge sofort bei Verena vorbeikam. Hansi, der Verena in seine starken Arme nahm, Verena tröstete.
Jede Menge Trost, den Verena gerne von Hansi empfangen hätte. Viel, viel Trost.
Ein Seufzer entrang sich Verenas Brust.
Die Umstehenden der Warte-Meute, die das vernommen hatten, vermuteten gewiß, Verenas Geseufze hätte mit der fortgesetzten Dauer der Ansteherei vor Ort zu tun.
Das war gut so, wenn die sich das da hindachten, nichts von den intimeren Vorstellungen, Ideen Verenas wußten. Denen mit Hansi. Das war Verena sich als Tatsache sicher. Zu einhundert Prozent. Von ihren Wünschen, Hansi anbetreffend, erzählte Verena am besten niemandem. Nicht auf der Sozialstation. Der Spaß, der Verena zum Mittelpunkt hatte, hätte zu unangenehm groß werden können.
Weil Verena das mit den Telefonier- und Tippselgerätschaften ins Bewußtsein gekommen war, bemerkte Verena jetzt in der Umgebung das eine oder andere Handy, Phone.
Die Allgegenwart der Telefonier- und Verfügbarkeitsgerätschaften war nicht von der Hand zu weisen. War man ärmer dran in der Gesellschaft oder nicht.
Von Mädchen-, Frauenhänden umschlossen, die Dinger. Bei manchen der Jungs und Männergestalten im Rund war es nicht viel anders.
Von der und der oder ihm und ihm aus der Hand-, Hüft-, Hosentasche herausgeholt, um einen Fingertipperer zu wagen und auf die aufleuchtende Anzeige zu gucken. Als wäre vor einem Sekündchen vibrationsmäßig etwas unterwegs gewesen.
Voll für das Interesse, mit dem draufgeglotzt wurde. Auf die Geräteanzeige. Und sei es schließlich lediglich für das Ablesen der digitalen Angabe der Uhrzeit.
Was für ein Statussymbol, solches zu besitzen, herzeigen zu können. In jeder Gegend. Auch in der.
Auf der anderen Seite - davon wußte Verena zur Genüge Kleinigkeiten - eine ungeheure Kostenfalle, die Dinger. Sobald jemand die Angelegenheit nicht ernst nahm, nicht scharf aufpaßte, die Rechnungen nicht fristgerecht überwies.
Die Beträge sammelten sich rasant, schraubten sich in die Höhe. Bis sie zu von einem kleinen Hügel zu einem Berg wurden, den man zu besteigen hatte. Daß man schwer atmete, obwohl dieser Berg eigentlich nicht hoch schien.
An Anwaltsschreiben, die sie in ihrem Briefkasten unten im Haus gehabt hatte, erinnerte sich Verena. Der Absender war Anwalt und Besitzer eines Inkasso-Büros in einem.
Vom Telefonanbieter eingeschaltet, der Rechtsverdreher. Samt seiner florierenden Eintreiber-Firma.
Weil Verena dem Anbieter monatelang die Monatsrechnung nicht bezahlt hatte.
Statt zu zahlen hatte Verena lieber seelenruhig weitergelebt. Am Monatsanfang keine Überweisung geschrieben. Nicht eine, die die Beträge nannten, die in den Mahnschreiben an Verena als zu überweisende Summen draufgeschrieben standen.
Zwar kündigte der Betrieb für Telefonier- und Internetdienste Verena die beiden Handy-Verträge, nachdem das mit Verena und Verenas mangelnder Zahlungswilligkeit das oberste Limit erreicht hatte. Nur, deswegen hatte Verena noch lange nichts von dem rüberwachsen lassen, was Verena an Geldbeträgen schuldig war. Vertragskündigung und -auflösung, das kostete extra dazu.
In der Folge reichte die anbietende Firma in Telefonierfragen das Problem an den anwaltlichen Inkasso-Laden weiter. Damit der die ausstehenden Geldsummen eintrieb.
Daraufhin verdreifachten sich die ursprünglich zu zahlenden Beträge für Verena.
Eintausendundfünfundfünfzig dicke Eier, die Verena heranschaffen sollte. Für Verena eine schlimme Last. Auf einen Schlag waren die für Verena nicht im Paket verpackt abzuschicken.
Bezahlen mußte Verena allerdings. Nach einigem Hin und Her mit den bedrohlichsten Anschreiben und nach diversen Telefonaten mit einem Angestellten der Geldeintreiberfirma des Anwaltstypen Ratenzahlung, die vereinbart wurde.
Sechs Zehner, monatlich. Sechs weitere Zehner für Verena, am Monatsanfang weggeballert, damals.
Nie wieder einen Vertragsabschluß, das war das, was Verena sich daraufhin feierlich schwor. Gleichgültig, welchen Bonus es bei Abschluß eines Handy-Vertrages noch gab.
Ob die Verlockung Bargeld war. Asche für einhundert, einhundertundfünfzig, zweihundert Eier oder mehr pur auf das Patschehändchen. Oder ein Einkaufsgutschein mit aufgedruckter Zahl. Mehrere Rollen Klopapier. Was immer an Versprechen. Nichts davon würde Verena je wieder nehmen und ihre Unterschrift unter ein derartiges Vertragswerk druntersetzen.
Die Art von Verträge, die mußte man sich leisten können. Daß die Zahlungsfähigkeit bis zu Vertragsende gesichert war.
"Bitte, liebe Herrschaften, haben Sie Geduld!" rief Hansi von seinem Platz beim Aufzug her in die Menge der Anstehenden, holte Verena aus ihren Gedanken in die Welt zurück. "Haben Sie Geduld! Die, die Körbe haben, reichen bitte die Körbe vor. Die Körbe sind uns im Augenblick oben ausgegangen. Haben Sie Verständnis, daß es dauern kann, bis es weitergeht. Weitere Körbe werden bereits besorgt ..."
"Mensch, heut wird's noch Spätnachmittag, bis wir heimkommen", ließ sich ein Verena gesichtsweise bekannter Mann rechts von Verena vernehmen.
"Wir tun, was wir können", erwiderte Hansi in die Menschenmeute hinein. "Es tut mir leid! Was ich kann, ist, um Verständnis bitten. Haben Sie bitte Verständnis. Wir tun, was wir können. Wir beeilen uns."
Von Hand zu Hand wanderten Plastikkörbe vor, zu Hansi hin. Hansi, der die Tupperware aufeinanderstapelte, die Türme ins Aufzuginnere hineintrug.
"Bitte nochmals, haben Sie Verständnis", ergriff Hansi aufs neue für alle im Rund das Wort. "In ungefähr einer Viertelstunde, zwanzig, fünfundzwanzig Minuten, daß wir hier wieder bereit sind. Bis dann ..."
"Tschüssie!" meinte eine Verena von früheren Anstehgelegenheiten nicht am Platz bekannte Frau Hansi hinterher, Hansi, der sich in der Aufzugkabine drinnen befand.
Die Aufzugtüre, die sich, aus Verenas Sicht, von rechts nach links zuschob.
Für Hansi alleine, daß die Fahrt aufwärts ging.
Bei einer neuen Bewußtwerdung entdeckte Verena sich.
Vor ein paar Sekunden noch am Klo, war Verena in die Warte-, Anstehräumlichkeit mit dem Aufzug zurückgekehrt.
Die Schlucke Wasser aus der Leitung hatten Verena wirklich gutgetan. Frischer fühlte Verena sich.
Verena blinzelte. Ungefähr ihre alte Anstehposition hatte Verena eingenommen.
Das Duo hochgewachsener Männer, das war zuvor rechter Hand von Verena herumgestanden, erinnerte Verena sich.
Zu den beiden begab Verena sich samt Koffer auf Rollen geradewegs hin.
Hinter denen zu stehen, das war auch nicht schlechter als anderswo. Oder besser.
Den Haltegriff ihres Rollkoffers plazierte Verena, daß Verena den Griff an der rechten Hüfte spüren konnte. Eventuell beizeiten etwas davon mitzukriegen, sollte sich jemand für das gute Stück interessieren.
Dann fing sie an für Verena, die nächste Runde von Verenas Dauersteherei.
"Haha!" hörte Verena den Kerl mit dem dunkelgrauen Filzhut nach Jägerart und dem blauen Anzugjackett vor sich lachen. "Jaja, buddel, buddel. Das stimmt. So war das: buddel, buddel. Buddeln für die Archäologie. Löcherbuddeln, ununterbrochen Löcherbuddeln. Ein Scheißjob, für eins fuffzig die Stunde. Leck mich."
"Eh, gibt's was andres als Scheißjobs?" meinte der nebendran, der eine hergeschabt und brüchig aussehende braune Lederjacke am Oberkörper anhatte, eine rote Schirmmütze umgedreht am Kopf auf. "Nicht mal in der Brauerei hast du deine Ruhe, kannst saufen. Obwohl die die Bierfässer in Massen haben."
"Ich sag' dir noch was ...", nahm der Filzhutträger in die Richtung seines Sprechpartners aufs neue die Rede, "Ich sag' dir, Bertie. Bertie hat der geheißen. Also, dieser Bertie ... Bertie, der hatte sein Tuch am Schädel immer so auf wie ein Pirat in 'nem Film. Aber ansonsten, ansonsten so was, so was von einer bräsigen, unfreundlichen Type, eigentlich, dieser Bertie. Dabei mit einer dauergeilen Tour."
"Ach was?" Der mit der rotfarbenen Schirmmütze auf guckte nach der Seite, den Kollegen fragend an. "Wie, was, wo - was 'dauergeil'? Eh, 'dauergeil'?"
"Wenn ich dir das sag'. Als hätten der und die andern so Nachholbedarf, die Familienväter. Wär's denen daheim oder so nicht genug." Den Daumen hoch präsentierte der Mann mit dem Hut seinem Freund. "Ewig das gleiche Geilheitgelaber. Volle Fahrt voraus. Ehrlich, ich weiß nicht, wo sie immer die Steine herhatten. So von zehn, zwölf Zentimetern Länge. Weißt schon, knapp für die Länge. Hab' mich auch öfters umgeschaut, nicht viel einen von denen gesehen. Von diesen Steinen. Nirgendwo einen. Nichts als Erde, Kies, runde Steine. Vielleicht haben die so was einfach immer mal in ihren Taschen. Für alle Fälle. Von früheren Ausgrabungen."
"Zehn, zwölf Zentimeter lange Steine ...?" Der Schirmmützenmann winkte ab. "Für was denn? Was denn für Spiele zu spielen?"
"Werd' ich dir gleich mal kurz sagen, Mann, ja? Nur keine Ungeduld." Das Daumenhoch wiederholte sich bei dem Mann mit dem Jägerhut. "Also ... Da haben sie das zweite Skelett ausgebuddelt gehabt. Über zwölfhundert Jahre soll das alt gewesen sein, haben sie gesagt. Wie's aussah so 'n Opfer von 'nem Gemetzel mit Schwertern. Die Toten waren nichts als gewöhnliches Fußvolk. Der Mann und die Frau. Weil, gekillt und ohne viel Grabbeigaben ins gebuddelte Loch reingetan. Erde drauf, gut war's."
"He, würd' ich momentan abkacken", warf der mit der Mütze breit grinsend ein, "wär so was für meine Leute auch gut, könnten sie das mit mir irgendwo in der Pampa machen ... Loch graben. Erde drauf. Gut is'. Abmarsch. Vergessen. Für immer."
"Ich könnt's verstehen." Der mit dem Filzhut Marke "Jäger" nickte zu seinem Kumpel hinüber. "Nur, das Problem des Ausgräbertrupps war das in der Nachbarschaft. Dort, wo bereits das neu gebaute Haus draufstand, hab' ich das richtig mitgekriegt. Dort hatten sie ein anderes Pärchen gefunden. Ein ganz ein andres. Das hatte goldene Grabbeigaben bei. Tierisch echtes Gold. Halsketten, Ringe, goldene Schwerter. Jede Menge von Zeugs. Demnach reiches Pack. Edles Volk. Obere Zehntausend. Mit allem Pipapo ehrenvoll da beerdigt. Und die da, von denen ich rede, das waren arme Schlucker. Entweder Dienerschaft. Oder ein knapper Zeitunterschied dazwischen, du verstehst?"
"Mann, Mann, Gold könnt' ich brauchen", laberte der mit der Schirmmütze. "Mann, Mann! Gold könnt' ich auch gut brauchen. Gold, Gold, Gold. Viel, viel Gold. Mensch, her mit dem Gold. Gibt mir einer Gold. Wo sagst du, war das, wo du gebuddelt hast?"
"Hahaha!" brach das Gelächter dem Huttypen aus. "He, mußt du aber 'ne Schaufel in die Hand nehmen. Hahaha! Mit 'ner Schaufel arbeiten."
"Hast du Sorgen? Juckt dich viel?"
"Nee, eigentlich nicht."
"Na, dann ..."
"Das eine Problem ist nur, da sind schon jede Menge neue Häuser im Umkreis. In denen wohnen schnuckelige, anständige Leute. Die haben schmucke, nette Gärten. Die leuchten abends, nachts, daß du denkst, du bist auf der nächsten Kirmes. Die Anwohner da, so 'ne astreine Ladung Spießbürger, Kleingärten-Krieger. Unvorstellbar. Die wollen nächtens erst mal eins, ihre Ruhe. Grölt dort einer rum, oder hören die die Nacht durch sonst so komische Geräusche, rufen die sofort die Bullerei. Sofort. Die kommt für die bestimmt wie der Blitz, würd' ich meinen, über den Daumen gepeilt. Das andere Problem ist, das reiche Grab haben ja die Ausgräber bereits gesichert, kapisch? Hätte man früher kommen müssen. Hat aber keiner gewußt ..."
"War in der Nähe von dem Skelett am Zuschütten von 'nem Loch", übernahm der mit dem Filzhut oben das nächstemal die Rede, nachdem er und sein Kumpel ein Minütchen rumgeschaut hatten. "Waren Bertie, der 'Pirat', und Martin, der zweite der Ansager-Ausgräber, da am langgestreckten Skelett zugange. Haben überlegt, wie der Schwertstreich gefallen sein könnte. Der, der den Mann da vor über einem Jahrtausend umgebracht hatte."
"Daß ich nie Gold find', das geht mir einfach nicht in den Kopf", sprach der mit der roten Schirmmütze und der braunen Lederjacke. "Immer find' ich kein Gold. Während's anderen nur so vor die Füße fällt."
"Was willst du denn nur dauernd mit deinem Gold?" Abwinken mit der Hand von dem mit dem dunkelgrauen Jägerhut. "Tststs!"
"Anderen fallen die Goldbatzen nur so vor die Füße, mir nie."
"Hahaha!"
"Lach du nur ... Lach nur weiter."
"Für die von der Ausgrabe war das viel wichtiger, ob das 'n Mann war oder kein Mann. Aber ja doch, die andre, die war mit ihren Hüften 'ne Frau. Und der da, der muß 'n Mann gewesen sein. Schmalere Hüften, 'nen Kopf größer. Klaro, das ist 'ne männliche Statur. Eindeutig. Ebenso klar, das mit der Gewalteinwirkung. Bei beiden. Bei dem Mann von oben herab, von 'nem Pferd aus herunter, der Stoß mit dem Schwert. Hinein in den Brustkorb ... Grinste Bertie, der 'Pirat', Martin breit eins hin, hat unvermittelt seinen kantigen Stein rausgezogen aus der Jacke. Hatte den in den Griffeln. Den von so zehn, zwölf Zentimetern Länge, einen Zentimeter Dicke. So lang kann einer gut schon mal auch in Echt sein, so dick ... Zu Martin meint der 'Pirat' rüber, daß man eben in der Lage sein muß, 'zurückstoßen' zu können. Feste 'zurückzustoßen'. Zwischen die Hüftknochen dazwischen rein in die Erde steckt Bertie, der 'Pirat', den langen Stein mit seinen Zentimetern. Scherzkeks-Blick Richtung Martin, daß der 'Pirat' weitersäuselt, jetzt wär's aber wieder besser mit dem. Jetzt hätt der nach all den Jahrhunderten seit zuletzt wenigstens wieder einen 'stehen', der skelettierte Tote. Wieder einen 'stehen'. Einen 'Ständer'. Wär für den heutigen Tag schon wieder mal was, daß IHM einer 'steht'. ER einen 'Ständer' hat. "
Weibliches Gekicher im Umkreis Verenas.
"Ja, Martin lacht los. Ich lach' auch mit. Der dritte der Ansager-Ausgräber - Tobi - kommt mit Harry, dem Zeichner, dazu. Werden grinsend auf den 'Ständer' aufmerksam gemacht. Gelacht wird. Voll bespaßt ist jeder, wegen dem 'Ständer'. Spricht Harry warnend zu Bertie, dem 'Piraten', der 'Pirat' soll ja aufpassen, nicht vergessen, das gute Stück - den 'Ständer' - da wieder rauszuziehn. Nicht daß der 'Taliban' was auffällt, die so auf Gedanken kommt, die keiner braucht. Die 'Taliban', die muß in einer Viertelstunde rum mit dem Auto am Ort ankommen. Will sich sicher das Skelett da noch mal anschauen, das zusammen mit den Funden am Nachbarfeld in Augenschein nehmen. In die Zeitung kommen soll alles auch. Das heißt, daß die 'Taliban' vielleicht nicht alleine vorfährt. Könnt gut sein, daß die 'Taliban' Presse dabei hat."
"Huhu!" kommentierte der die rote Schirmmütze verkehrt herum aufhabende Kumpel des Erzählers. "'nen 'Ständer' für 'nen Toten ... Eh, ist das nicht so 'ne Störung der Totenruhe? So was in der Art?"
"Was weiß ich ...?" Schulterzucken vom anderen mit dem Filzhut.
"'Störung der Totenruhe' ... Steht da nicht wo was davon im Gesetzblatt rum? Könnte das einer nicht anzeigen, wenn er Lust drauf hat?"
"Und? Willst du das jetzt machen? Etwa deshalb, weil ich dir das erzählt hab'? Ich halt' dich nicht auf. Mach du mal 'ne Anzeige ..."
Verena schneuzte sich in ein frisch aus der Plastikpackung herausgezogenes Papiertaschentuch. Weil Verena die Nase plötzlich lief.
Zum Glück war es kein Nasenbluten. Blieb das auch so.
"Gib mir auch so 'n Tuch", verlangte der Mann mit dem Filzhut und im blauen Jackett, der sich nach Verena umgewandt hatte, von Verena.
Hastig fingerte Verena das papierne Einzelstück aus der Packung heraus, reichte es dem Kerl geziert hin.
"Bittesehr!" versetzte Verena.
"Danke!" sprach der, Verena gegenüberbleibend. "Heute haben wir aber wieder Zeit, was? Viel, viel Zeit. Warten wir wieder ewig auf bess're Zeiten. Sollen wir sicher auch."
"Ja ..." Zustimmendes Kopfnicken Verenas.
"Ist nicht einfach, einfach nach Hause zu gehen ...", meinte Verenas Gegenüber. "Wenn man sich ansieht, wie viele wir sind. Und keiner von uns mag hier weggehen, wieder heimgehen oder so. Obwohl wir uns die Beine in die Bäuche stehen, wir bleiben hier und stehen an, nicht wahr?"
"Stimmt, ja! Was soll man machen?" Die Nasenlöcher wischte Verena sich mit dem Taschentuch nervös her.
"Draußen stehen schon lange die von der blauen Farbe rum ..." Der Filzhutträger deutete mit dem Finger.
"Wann hier heute mal wieder welche mit dem Pfeifen und Johlen für 'n bißchen mehr Betrieb sorgen ... Das frag' ich mich. Alles so friedlich hier. Friedliche Leute."
"Hansi kommt endlich wieder im Aufzug runter!" verkündete eine aufgeregte Männerstimme mit raumfüllender Lautstärke die frohe Botschaft von dem Geräusch aus der Aufzuggegend, als ob Verena das nicht sofort selber für sich wahrgenommen hätte.
"Na, dann ... Lassen wir uns überraschen, wie schnell's jetzt für uns nach vorn geht" Mit dem Kopf nickte der Hutmensch zu Verena herunter, um sich umzudrehen und fürs weitere Anstehen an der Seite seines Freundes aufzustellen.
Das erstemal seit längerem, daß Hansis Lastenaufzug wieder mit fünf der Anstehenden hochfuhr.
"Erzähl' ich dir noch 'n bißchen was ...", plapperte der mit dem grauen Filzhut Marke "Jägersmann" auf ein neues in die Richtung seines Anstehpartners.
"Hach, 'n Spaß!" erwiderte der Kumpel mit der roten Schirmmütze und der braunen, brüchigen Lederjacke. "Spaß haben wir heute, hier. Von dir muß ich ja einiges hören ..."
"O ja!" stimmte der mit dem Hut zu. "Ist eigentlich spaßig. Hab' ich vorhin nicht was von 'dauergeil' gesagt ...? Hab' da noch was Interessantes, Spaßiges. Ja, das läßt sich gut erzählen. Wird dich interessieren. He, weißt du, wir sind zu dritt beieinandergestanden. Am nächsten Loch. Am nächsten Loch, das wir zu buddeln angefangen haben. Es war mal Päuschen. Zigaretten haben wir uns angezündet. Also, einmal war da Ivan. Ivan war der, der geschaufelt hat. Jonathan hat mit der Spitzhacke in den fett harten Boden reingehauen. Ich hatte die Schubkarre wegzufahren. Wenn die voll war. Nennt sich Arbeitsteilung, so was. Dir bekannt?"
"Un' nu' - was is' da dran geil?"
Der mit dem Filzhut grinste nach der Seite, zuckte die Schulter. "Würd' mal sagen, erst mal Martin. Martin, einer der drei gleichgestellten Ansager-Ausgräber. Martin, der in seinen blauen Hotpants dahergestelzt kommt. Mann, 'nen Druck vorndran an der Hose, Martin."
"Haha!" lachte der Mützenmann los. "Wie sich das anhört! Das hört sich gut an; wirklich gut."
"Kann nicht anders sein. Hinter Jonathan tänzelt Martin. Plötzlich macht Martin ein Schrittchen vor, drängelt sich so hinten an Jonathan dran, als wär's irgendwie eng am Platz. Von hinter Jonathan greift Martin vor, Jonathan feste an die Jeans. Siehst du das Bild? Martin hat Jonathan die Hand vorn im Schritt seiner Jeans die Hand aufgelegt. Mehrfach drückt Martin Jonathan den Sack und da immer in der Gegend herum. Daß Jonathan nur so mit großen Augen an sich runterstiert. Auf die sich bei ihm beschäftigende Pratze Martins. Dann lacht Martin unvermittelt auf, um schnell von uns fortzumachen. Weg von uns. Während Jonathan Martin so doof hinterherschielt. Für 'n Weilchen."
"Kleines Schwuli, was?" konstatierte der Anstehkollege, guckte mit heruntergezogenen Mundwinkeln, währenddessen von der Weiberschar im Rund rumgekichert wurde.
"Nee, nee, 'Schwuli' - nix 'Schwuli'." Kopfschütteln von dem mit dem Jägersmannhut. "Würd' ich nicht sagen. Wie kommst du da nur da drauf? 'Schwuli' - eh? Schwul - nee, nee. Schwul doch nicht. Von denen ist doch keiner schwul. Nie im Leben. Das solltest du gar nicht erst denken, mein Lieber. Nicht da dran denken. Jonathan hat drei süße, kleine Fratzen daheim. Und Martin auch zwei von der Sorte. Die im frühen Teenageralter sind. Alle Mann sind verheiratet. Ehefrauen, Mann, Ehefrauen. Richtige Ehefrauen. Wie kannst du da nur drauf kommen, daß einer von denen schwul sein könnte, bei den Horden an Ehefrauen und Kindern, die die haben? Ich fass' dich nicht. Was meinst du, wenn du einen von denen da drauf ansprechen würdst, was dann mit dir los wär? Wär Weltuntergang für dich. Nicht aushalten würdst du's mehr können auf der Welt, sag' ich dir. Nee, nee, da ist keiner schwul. Nicht einer dieser Typen ist schwul. Nee, von denen ist keiner schwul. Nie im Leben."
"He, was war das denn? Was war denn dann los mit dem? Der kann einem doch nicht locker vorne an die Hose gehen, mit seinen Griffeln ..."
"Keine Ahnung. Weiß ich doch nicht, was los war. Vormittäglicher Sonnenstich. Bei der Sonne, die runtergebrannt hat ... Vielleicht hat Martin nur mal 'nen Moment nachschauen wollen, wie sich das vorndran so anfühlt, bei Jonathan. Wie sich das so anfühlt. So für Jonathans Ehefrau. Wenn Jonathan, blöde vom Löcherbuddeln, heimkommt. Sonst ...? Würd wohl nicht weit kommen, die Geschichte mit dem 'Schwuli'. Glaubt dir doch eh keiner. Wir, die Schaufel-Dödel, und er, Martin, einer, der den guten Ton ansagt, sagt, was es zu tun gibt. Wem glaubt man wohl, sollte ein blöder Schaufler mal ankommen und was wollen? Ich erzähl's ja auch nur dir hier. Dir. Ganz im Vertrauen."
Der Lastenaufzug Hansis kam herunter.
Mit größerem metallischem Geächze als vorhin, meinte Verena, schob sich die Aufzugtüre, auf die Verena, wegen den Leuten vor ihr, weiter nicht den rechten freien Blick hatte, auf.
Hansi war der erste, der aus dem Innern des Aufzugs heraustrat, kriegte Verena flüchtig mit.
"Hier wollen welche aussteigen, ja?" gellte Hansi aufgebracht. "Wir wollen für die, die aussteigen wollen, wieder Platz hier machen, ja? Oder wollen wir keinen Platz hier machen? Wollen wir keinen Platz hier machen? Wollen wir das?"
Verena ging unvermittelt auf, daß auch sie eine war, die im Weg herumstand. Faßte den Haltegriff ihres Rollkoffers, wandte sich unverzüglich nach linker Hand.
Kräutermischung-, Knoblauchgeruch - oder was das sonst für ein Dampf war -, hatte Verena bereits dauernd penetrant in der Luft gehangen. Der Ausgangspunkt von so was eindeutig jetzt: Verenas neuer Nebenmann. Ein dürrer Glatzkopf mit knitterigem dunkelbraunem Altherrenanzug.
Große, rotädrige Knollennase. Dichte Nasenhaare, die herauswuchsen. Konnte der bei sich bürsten.
Als der Mann neben Verena Verena mit faltigem Gesicht und eingefallenen Wangen eins hergrinste, fehlten ihm oben und unten die Schneidezähne ganz. Das andere, das sichtbar wurde: schwarze Stumpen. Allerschönste Zahnruinen.
Wie aus dem Gruselkabinett, der Mann. Hätte er sich, Verenas Meinung nach, in so einem anstellen lassen können.
Als Verena das bemerkte, was sie gerade gedacht hatte, fragte Verena sich, wie das eigentlich mit ihr selber war. Wie Verena wohl den Leuten vorkam, wenn die sich Verena eingehender betrachteten. Verena mit den Krähenfüßen unter den Augen, Verenas abgehärmte, klapprige Gestalt. Oben ohne sollte Verena es momentan eigentlich nirgends versuchen.
So seit zwanzig, dreißig Jahren volljährige Weibsbilder, die Verena vom Gesicht her seit längerem bekannt waren, nutzten die unübersichtlichen Begebenheiten, sich rempelnd vor Verena hinzudrängeln.
Dabei erlebte Verena, daß die eine, die mit dem schwarzgefärbten glänzenden Kurzhaar, Verena die Zunge rausstreckte.
Ehe Verena zu einer Reaktion kommen konnte, war die aus der Umgebung Verenas fort.
Das war immer die Frage, fand Verena: Sollte man sich über solche Leute bei der Obrigkeit beschweren? Weil die ein paar läppische Positionen gewannen, lauthals losplärren?
Ob deswegen am Schluß ihre Körbe voller waren, auch wenn sie schneller rauf- und drankamen?
Schließlich war auch mittendrinnen mal möglich, daß etwas oberhalb weniger war. Weil die Regale beispielsweise droben für den Moment nachgeräumt wurden. Neu aufgefüllt.
Hatte man also unter Umständen ebenfalls Pech. Erlebte man es, daß man mit weniger Gewicht im Korb von Hansi wieder heruntergefahren wurde. Mit der Klage, daß Leute früher mehr gekriegt hatten, bei Hansi auf taube Ohren stieß. Bei Hansi, Hansi, dem es nicht verboten war, auf der Sozialstation auffällig werdenden Personen die Sozialstationslegitimation, die für den Lebensmittelerhalt berechtigte, abzunehmen.
Momentan war das ein gutes Tempo, wie es voranging, war Verena die Meinung. Die nächste Aufzugfuhre, mit der Hansi nach oberhalb hochfuhr. Fünf Nasen hoch.
Viermal, daß Hansi das noch unternehmen würde, rechnete Verena das im Kopf hoch. Dann war Verena mitten in einer Vierer-, Fünferpackung mit dabei. Verena, die sich ein Plätzchen bei Hansi und den Bedienknöpfen Hansis für sein Gerät wünschte. Vielleicht, daß Hansi Verena anlächeln würde und ein paar nette Worte mit Verena wechselte.
Hatte Hansi ja schon gemacht, daß er sich mit Verena unterhielt.
Daheim zurück in der Wohnung, hatte Verena anschließend nicht gewußt, was mit der geistigen Verwirrung und der Wuschigkeit anzufangen. Einiges, das von Verena dagegen unternommen werden mußte. Bis das vorbei war.
Warum sich anstehende Männertypen vor Verena nur so seltsam die Köpfe nach linker Hand seitlich verdrehten? Um starr zu glotzen. Ehe sie die Äuglein langsam wieder abwandten, den Blick nach voraus zu richten.
Dem einen vor Verena, dem hüpfte regelrecht der Kehlkopf. Die Farbe der Wangen seines voll schartigen Mondgesichts hatte sich dunkel verfärbt.
Eine komische Sache empfand Verena das.
Dazu entschied sich Verena, mal neugierig zu sein, nach links hinten herumzuschauen. Mit den Augen sich auf der Suche nach dem zu machen, was da am Platz dem Kerl großartig geboten sein könnte.
Gedacht, getan. Ihr Blickfeld hinterrücks erweiterte Verena, indem sie sich langsam umdrehte.
An die Mauer geschoben stand ein großes, langes Sofa. Auf dem eigentlich dichtgedrängt gehockt wurde.
Alles Weibspersonen, die längst in das Ungefähre der Reizlosigkeit übergetreten waren. Zumindest, was die äußere Gestalt anging.
Ältlich, abgehalftert, grobschlächtig. Aufgedunsene Gesichter. Doppelt, dreifach, das Kinn. Schwammig, die Leiber. Trist, plump, die dunkelgrauen, schwarzen, braunen knielangen Röcke. Die weiten Hosen.
Schönheit, echt ade. Schwer zu sagen, ob die in der Vergangenheit viel war.
Der einzige Blickfang da war: Klein Conny. Klein Conny, die jüngte und hübschte das am Sitzsofa voll auf.
Klein Conny, die sich am Sofa rumräkelte.
Irgendwie hatte Klein Conny trotz der Breite der müden Tanten, die eine Stehpause nötig hatten, links und rechts von sich ausreichend genug freie Fläche. Für kapriziöse Aufführungen.
An ihren roten Zöpfen zupfte Klein Conny herum. Die Beine überschlug Klein Conny.
Parallel was plazierte Klein Conny ein Momentchen das Beinpaar, daß bei Klein Conny zwischenrein gelinst werden konnte. Zur Genüge dort hinein.
Dann: neues Beineüberschlagen Klein Connys.
Nun, daß sich Verena, weil gewiß ein weniges der Aufführung vorhin schon war, über nichts mehr wunderte.
Daß sich hier Männerhälse verdrehten, verständlich. Nachdem für Anstehermännlein, die zu ihr hinstarrten, durch Klein Conny tatsächlich Kleinigkeiten geboten wurden. Daß Verena es nicht faßte, was Klein Conny einfiel, sich an dem Ort anbringen zu müssen.
Wo war Corny, Klein Connys Mutti?
An eine rote Strickstrumpfhose zum knielangen, schwarzen Faltenrock erinnerte Verena sich bei Klein Conny. Jetzt, während diesen Augenblicken, hatte Klein Conny die Strumpfhose aus irgendeinem Grund nicht länger an den Beinen. Und der Klein Conny ziemlich gut stehende, knielange Rock, der war Klein Conny im Sitzen die Schenkel weit hinaufgerutscht. Weit.
Die abgewetzten, flachen, lila Ballerinaschuhe, die waren an Klein Conny unten dran an den Füßen die gleichen geblieben. Füße, die Klein Conny auf den Fußboden aufsetzte, mit ihnen auf der Stelle zu trippeln.
Nackte Mädchenbeine. Mit diesen Beinen, daß Klein Conny in der Gegend herumzappelte. Die Beine am Boden langstreckte.
Viel zu sexy in der momentanen Wirkung, die Beine Klein Connys, war Verena die Meinung. Überdies: Einen neuen, richtig schönen Einblick dazwischen rein, den Klein Conny jedem, der eventuell interessiert hinguckte, gewährte.
Ein weißer Schlüpfer war das, den Klein Conny anhatte. Das Weiß, das blitzte.
Unter drunter unterm Weiß, daß schnell etwas zu erahnen war. Dunkleres. Das sich da dagegenbauschte.
Viel, das einem Burschen, Mann bei solchem Anblick mitspielen konnte, an Einfällen, Regung. Feuerholz, draufgeworfen auf die gähnende Glut.
Der bewundernde Pfiff eines anstehenden Kerls, vorne in der Reihe der Ansteher, dem Aufzug am nächsten, in Richtung Klein Conny.
Mitte zwanzig, der Mann, schätzte Verena. Trug ein schwarzes Jackett.
Sicherlich befähigt genug, der Mittzwanziger, kleine, verwirrte Mädchen anzusprechen. Ihnen zumindest auf den Zahn zu fühlen. Wenn die sich aufführten, ungehörige Sachen erlaubten.
Es ging los für Klein Conny. Wie es absehbar war. Wie Klein Conny das selber sehen mußte.
Ein Seufzer, der sich Verenas Brust entrang. In Bewegung schaffte Verena sich, zog ihren Rollkoffer hinter sich her.
Weil so eine dickliche Alte mit schwarzem Trauerkopftuch auf, einen grünen, zugeknöpften Mantel anhabend, anbei bei Klein Conny in dem Moment glücklich aufstand, um woanders hinzugehen, hatte Verena andere Möglichkeiten, als sich mitten im Bild vor Klein Conny aufzubauen und auf Klein Conny hinunterzugucken.
Zur Seite Klein Connys hockte Verena sich nieder, den Koffer auf Rollen breit dergestalt hingestellt, daß sich dieses und jenes für die Glotzeräuglein auf Klein Conny, die momentan brav dasaß und die Oberschenkel beieinander hatte, einschränkte.
Aufdringlich knapp an Klein Conny, daß Verena sich heranschob.
Die Reaktion Klein Connys war es, Verena mit gerunzelter Stirn eine Runde gereizt eins herzustarren. Sonst fiel Klein Conny nichts zur Begrüßung Verenas ein. Als würde man sich nicht seit längerem besser kennen.
Seitlich rutschen mußte Klein Conny, weil Verena weiterhin mehr Platz brauchte. Engstens ran an die dunkelblonde, schwitzige Dicke auf der Seite und der Frau ihr grobes, fusseliges Gewand.
Sozusagen im Sandwich der älteren Dicklichkeit und Verena, Klein Conny nun.
Das mit den weiteren Winkeln dann und wann rein zwischen die Beine Klein Connys, damit hatte es sich erst mal.
War für die Gaffer, als wäre ein Tor zugegangen.
Höchstens noch auf Klein Connys nacktes Beinpaar, daß einer verschärft hinlinsen konnte. Ungeniert offen oder hintenrum, wie unbeabsichtigt.
"Hallo, Conny!" eröffnete Verena die Gesprächsrunde bei Klein Conny. "Wo ist denn deine Mutti abgeblieben? Hab' Corny heute noch gar nicht gesehen. Stehst du etwa ganz alleine hier an? Könntest du nicht schon lange dran sein?"
"Nönö!" antwortete Klein Conny. "Nö-chen! Mutti ist nebenan. Im Billigmarkt. Mutti hat Freundinnen getroffen. Mit denen ist Mutti zusammen. Schaun sich die Sachen da an. Schöne Büstenhalter haben sie, hab' ich gesehen. Billig. Für Mutti, wenn sie sich einen kauft. Hab' gesagt, Mutti, Mutti könnte sich doch einen kaufen. Wenn der BH so billig ist."
"Soso!" In die Handfläche hüstelte Verena.
Das nächstemal, daß Hansis Aufzug hinauffuhr, bemerkte Verena.
Kleine Jungs und Mädchen spielten immer noch Fangen, konstatierte Verena, als sie durch die Meute der Anstehenden durch einen flüchtigen Blick durch die Glasscheibe ins Freie hinaus erwischte.
"Ich mein' nur, Conny", redete Verena wieder, "du warst schon vor zehn Uhr hier, oder? Warum stellst du dich nicht vorn an, jetzt? Statt dessen hockst du hier am Sofa ..."
"Ich wart' auf Mutti", meinte Klein Conny, die für Verena so eine unzufriedene Schnute zog, als verlöre Klein Conny wegen Verenas Gegenwart bei ihr langsam die Laune. "Mutti hat außerdem die Körbe ..."
"Ach so!" Verena seufzte. "So ist das. Mutti hat die Körbe ..."
"Draußen klatschen sie sich immer noch ab, tun Fangen spielen, Conny ...", laberte Verena, der das mit der Sprechpause zwischen ihr und Klein Conny zu lang wurde.
"Ist auch irgendwann doof", unterrichtete Klein Conny Verena von der Tatsache. "Dauernd nur Fangen spielen ... Hab' ich lange genug hier gemacht. Jetzt mag ich nicht mehr. Jetzt mag ich was andres ..."
"Ja ...?" Kopfschütteln Verenas.
Undefinierbar guckte Klein Conny Verena an.
"Nein, weiter Fangen zu spielen, dazu hab' ich keine Lust mehr jetzt. Ist mir zu doof."
Die Schulter zuckte Verena. "Und, deine Mutti ...? Willst du deiner Mutti nicht Bescheid sagen, daß es hier weitergeht ...? Könntet bald ruckizucki hier raus sein, du und deine Mutti. Und wieder daheim ..."
Abwinken Klein Connys, die ihren Faltenrock mit beiden Händen Höhe den nackten Schenkeln anhob, das Bild für ein paar Momente fixierte, den Kleidstoff fallen ließ.
"Mutti wird schon bald kommen. Macht mir aber nichts, noch ein bißchen zu warten, bis Mutti kommt. Nichts dabei. Warte ich eben auf Mutti. Warte, bis Mutti kommt. Wird irgendwann schon kommen."
Ein zustimmendes Blinzeln Klein Connys, das nicht Verena galt. Dem Augenblinzeln grinste Klein Conny frech breit hinterher.
Immer breiter, Klein Connys Grinsen.
Mit der Zunge leckte Klein Conny sich die Unterlippe, lasziv.
Verena schaute denn doch widerwillig in die Richtung derjenigen Person, die Klein Connys Grinsen und der Rest gemeint hatte.
Sogleich, daß der Mann Verena zum Mittelpunkt von allem wurde.
Er, eben mit dem Augenaufschlag des Mitfühlenden für Klein Conny dabei. Weil, Klein Conny, Klein Conny, die Arme, die hatte jetzt jemanden an die Seite bekommen. Einen Wauwau. Einen Anstands-Wauwau.
Kein Unbekannter für Verena, der.
Der mit dem dunkelgrauen Anorak und der Jeans an war das, hielten Verenas Gedanken fest. Der, gegen den Verena beim Fangenspielen vorhin nach dem Stoß Angies gefallen war.
Aufgefangen hatte der Klein Conny, Klein Conny davor bewahrt, mit dem Hinterteil härter am Boden drunten zu landen. Eine Kleinigkeit, die bei Klein Conny anscheinend irgendwie nachhaltigeren Eindruck hinterlassen hatte.
Irgendeinen Narren, den Klein Conny seitdem an dem Mistkerl gefressen hatte. Daß er nun tatsächlich der zu sein schien, der bei Klein Conny weiter vorn war. Komischerweise.
Für Verena in keinster Weise nachvollziehbar, das. Daß Klein Conny plötzlich irgendwelche Kleinigkeiten in dem dort entdeckte, was den heraushob aus der schwachmatten Masse abgeschabter Lebensmittel-Ansteher.
Die Aufführungen Klein Connys, die trotzdem IHM galten. Und zwar herausragend.
Vielleicht, daß das mit der spreizenden Spielwiese Klein Connys sogar auf seine Einfälle, Fingerzeige zurückging. Daß hier ein kleines Orchester aufspielte, von IHM nebenbei dirigiert.
Nicht im geringsten irgendwas Besonderes erkannte Verena an dem Kerl in den Dreißigern, ihn feste anstarrend. An ihm, der sich momentan von Klein Conny und Verena abgewandt hatte. Nach vor zum Aufzug hin zu linsen.
Nichts einer außergewöhnlichen, herausragenden Kleinigkeit empfand Verena beim Betrachten von dem an dem.
Einer war das, in einer ordinären handelsüblichen Blauhose und einem dunkel graufarbenen Anorak.
Alles an dem Marke "Dutzendware". Billige Stücke. Für jeden verfügbar. Auch für Ansteher.
Zum Beispiel die weiß-schwarzen Männersportschuhe, die der an den Füßen hatte. Diese Sportgaloschen hatte Verena erst letztens bei einem Rundgang im Supermarkt gesehen. Preisklasse: ein Zehnerschein. Ein Zehner, unterlag Verena keiner Täuschung hinsichtlich des Betrages. Die eigenen Pappeturnschuhe hatten Verena auch einen Zehner gekostet.
Von jeder Menge vergangener Anstehgelegenheiten her, daß Verena die Type außerdem kannte.
Genauso, wie Klein Conny den bei solchen Gelegenheiten, an der Seite Cornys, ihrer Mutti, sich befindend, öfters gesehen haben mußte.
Nicht weniger oft war der vor Ort wie Verena. Verena, die die Lebensmittel nötig hatte. Weil Verena ohne am Untergang schrammte.
Ansonsten ...? Was war mit dem sonst noch? War mit dem sonst noch was? Woran erinnerte Verena sich?
Auf nichts mit dem entsann Verena. Nichts war mit dem, was Verena anbetraf.
Und nichts war bei dem, was Verena zum Mittelpunkt gehabt hätte.
Kein Sterbenswörtchen, das Verena je mit dem gewechselt hätte.
Nicht ein Vorkommnis, das Verena mit dem gehabt hätte, das Verena einfiel, jetzt, wo der derart im Zentrum von Verenas Gedankenwelt sich befand, daß es hinter Verenas Schädeldecke nur so ratterte.
Bloß den Kerl immer kurz wahrgenommen, am Stationsstehplatz, dort, wo Lebensmittelausgabe war. Und beim Weggehen aus der Sozialstation, den mit Lichtgeschwindigkeit vergessen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Obwohl ER gewiß um einiges besser ausschaute als manch anderer der männlichen Ansteherbevölkerung. Was deswegen aber lange nicht hieß, daß Verena was mit dem nötig gehabt hätte.
Der großgewachsene Mittdreißiger, schlußendlich auch nur einer, der mit einer langen Latte Personen auf der sozialen Station der Stadt anstand. Das mit der Ansteherei betreiben mußte.
Auf der Sozialstation anzustehen, das bedeutete nichts anderes, als daß er ein nahe der Null prall angefülltes Bankkonto hatte. Wie Verena ebenso. Der ganze Rest.
Auf Kante wurde gelebt. Knapp letzte Naht.
Ein dunkel graufarbenes Anorakstück an, eine Allerwelts-Blau-Hose. Wenngleich mit ein wenig einem besseren Aussehen als einige andere der Ansteher. Damit, daß er für die lange Weile auf Sozialstationspräsenz rumstand.
Dem seine Gegenwart bei der Ansteherei sagte nur eines aus: daß dort einer war, der so seine Besorgungen, Kümmernisse hatte, über die Runden zu kommen. Sonst hätte er sich nicht für die Sozialstation zu entscheiden gebraucht. Nahrungsmittel für sich zu holen, zumeist solche, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen war.
Was mochte schuld daran sein, daß der Kerl zur Anwesenheit auf der Sozialstation des Städtchens gezwungen war?
War es Arbeitsplatzverlust? In weiterer Folge größte Schwierigkeiten beim Finden einer neuen Arbeitsstelle?
Ehescheidung? Schulden? Suff? Drogen?
Für Leute, die aus dem Gefängnis entlassen worden waren, standen in der Gesellschaft ebenfalls nicht immer sämtliche Türen offen.
Alles mögliche, das Verena sich als Ursache für seine Dauersteherei vorstellen konnte.
Auch die Möglichkeit, daß der in den dreißiger Jahren seines Lebens hundsgewöhnlich in Privatinsolvenz lebte. Wegen dem ganzen sich ihm auftürmenden Schuldenberg, daß er zur Schuldnerberatung gegangen war. Dorthin, daß er sich begeben hatte müssen. Das Erleben eines Verfahrens hatte, die meisten Einzelheiten Verena aus eigener Erfahrung allerbestens bekannt.
Nach der Seite guckte Verena. Auf Klein Conny. Klein Conny, die bei Verena hocken geblieben war.
Bockig, das Gesichtchen Klein Connys. Mit roten Wangen. Tief geröteten Wangen.
Im Moment wohl eher eine Zornesröte, bei Klein Conny. Zornig, Klein Conny, wegen "Tante" Verena.
Trotzdem traute Klein Conny sich erst einmal nicht, aufzuhüpfen. Um sich wegzubegeben aus der sie einengenden Gegenwart Verenas.
Bestimmt alles vor allem aus einem einzigen Grund: Mutti Corny und Verena kannten sich gut. Mutti Corny und Verena konnten miteinander reden. Sich über Klein Conny und bestimmte Verhaltensweisen Klein Connys unterhalten. Am Schluß nicht unbedingt zur Freude Klein Connys.
Das war für Verena wirklich die Frage: Hatte eine Elfjährige nicht auch lange eine Ahnung, was mit Leuten los war?
Klein Conny mußte das doch ein-, abschätzen können, war jemand unten. War er oben. Mit wem ein Mädchen sich abgeben sollte. Mit wem besser nicht.
Verena jedenfalls war davon überzeugt, daß jede Elfjährige, die mit Vati, Mutti hierher mit auf die Sozialstation latschte, mit im Auto mitgenommen wurde, am Sozialstationsvorhof eintraf, ausstieg, Plastikkörbe in der Hand, Bescheid wissen mußte, was das für eine Örtlichkeit war.
Dem kleinsten Kind sollte das möglich sein, das begreifen zu können.
Daß an dem Platz - auf der Sozialstation - für Lebensmittel angestanden wurde. Entweder, weil man die Essenssachen überhaupt nötig brauchte. Oder als Nebenherhilfe, über den ganzen Monat zu kommen, hatte sich das mit dem eigenen Geld dem Ende zugeneigt.
Ohne diese Lebensmittelhilfe kriegte die Familie oder der einzelne nicht mehr viel auf den Teller. Die verschiedensten Speisen, die sich daheim unvermittelt vom Speiseplan verabschiedet hatten. Ab einem gewissen Datum im Monatsverlauf.
Was gleichzeitig bedeutete, für keinen der auf der Station Anwesenden in der Ansteherreihe war die Welt in allergrößter Ordnung. Auch nicht für die Kinder derer, die Kinder hatten.
Alle Ansteher auf der Sozialstation waren arm. Solches mußte Klein Conny eigentlich seit langem überblicken. Begriffen haben.
Diejenige Klein Conny, die oft genug ihre Mutti Corny mit auf die Sozialstation begleitete.
Auch mit elf war das für ein Mädchen zu wissen und zu durchblicken, daß es von keinem der Kerls, die hier auf der Station anstanden, viel zu erwarten hatte. Wahrscheinlicher eher, daß ein solcher das blanke Nichts in der Hinterhand hatte. Wenig Erfreuliches. Dinge, jenseits jeglicher Romantik für ein kleines Mädchen. Gleichgültig, wie der ausschaute. Wie nett, freundlich er sich am Anfang gab.
Da sollte sich besser für eine wie Klein Conny nichts zu einer ernsteren Angelegenheit entwickeln. Damit der, mit dem das kleine Ding sich herumspielte, nicht nach einer kleinen Weile anfing, Sachen zu verlangen. Mit denen von der Süßen aus der Mädchenklasse hübsch Geld verdient werden konnte.
Einfache Dinge, das zu tun. Erzählte er ihr wenigstens. Am Ende jedoch, plötzlich nicht mehr so nett, er, der der sein wollte, der den ganzen geldwerten Rahm für sich abschöpfte. Für den es sich mit dem jungen Körper eingesetzt hatte, das Mädchen. Indem es in rauhen Mengen Kundschaft an sich ranließ. Viel zu viele von der Sorte, als daß es "Spaß" zu nennen wäre.
Das mußte eine mit elf Jahren im Grunde genommen ebenso lange überblicken können. Wie Kleinigkeiten sich ungefähr dumm entwickeln konnten.
Und wenn die Elfjährige so eine Freche, Kesse wie Klein Conny war, durfte ihr das eigentlich nicht ferne liegen, die verschiedensten dieser Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Um keine unliebsamen Überraschungen zu erleben. Am Schluß selbst die, lief die Geschichte miserabel, als früher Teenager Mutti zu werden.
Ein weiteresmal wandte sich der großgewachsene Mittdreißiger Klein Conny zu. Nun sichtlich ziemlich der Geduldsfaden gerissen bei ihm, wie sein Gesichtsausdruck ausschaute.
Die Stirn hatte der große Mann auf Dauerrunzeln. Von Klein Conny zu Verena blickend und von Verena zu Klein Conny zurück.
Gegenüber Klein Conny verdrehte er die Augen zur Decke. Die Lippen schürzte er. Wegen dem, was bei Klein Conny los war. Die Szene, die sich bei Klein Conny staute. Voll der Verkehrsstau.
Die Hand vorm Bauch, hob er den Daumen, drehte ihn seitlich. Dazu ein Seitwärtszucken mit dem Kopf hinterher.
Nicht viel Platz für Interpretationen ließ das für Verena. Richtige Deutlichkeit der Verhältnisse war das.
So klar hatte Verena das im Grunde bisher nicht wahrgenommen, was Sache war.
Heiß, daß es Verena aufging, daß der Mistkerl wünschte, daß Klein Conny vom Sofa aufstehen sollte. Mit ihm woanders hinzugehen. An einen Ort, wo man sich inniger miteinander beschäftigen konnte.
"Schau mal, Conny - deine Mutti ...!" entfuhr es Verena atemlos. Am Ärmel ihres hautengen, gelben T-Shirts, daß Verena Klein Conny, die eben von ihrem Sofasitzplatz hochmachte, faßte.
Mit dem langen Mittelfinger deutete Verena Klein Conny, dorthin, wo Verena jemand ins Blickfeld geraten war. Niemand anders als Corny, Klein Connys Mutti. Mutti Corny, die nach Klein Conny Ausschau hielt.
Endlich, daß Corny, Connys Mutti, sich blicken ließ, in der Warteaula der Stehereigesellschaft auftauchte. Nach Klein Conny, der Tochter, daß Mutti Corny herumschaute.
"Da ist deine Mutti, Conny", zischte Verena. "Guck mal schnell, Conny, da kommt deine Mutti. Da ist deine Mutti."
Klein Connys feindseliger Gesichtsausdruck für Verena war schnell wie weggewischt. Unzufriedenheit war von der Miene Klein Connys abzulesen, während Klein Conny dorthin guckte, wohin Verena zeigte.
"Da ist deine Mutti, Conny! Deine Mutti ist gekommen, schaut nach dir, Conny."
Zurücksinken ließ Klein Conny sich mit dem Rücken gegen die Sofalehne, starrte mit bockigem Kleinmädchengesicht geradeaus.
"Sicher, Tante Verena, da ist Mutti", hörte Verena Klein Conny. "Stimmt, Tante Verena, Mutti ist da, schaut, wo ich bin."
Zu Klein Conny sah Verena hin, und Klein Conny erwiderte mit verkniffenem Gesicht Verenas Blick.
"Dann werd' ich mal schnell zu Mutti gehen, Tante Verena ..."
Kopfnicken Klein Connys, daß die Kleinmädchenzöpfe Klein Connys hüpften, was allerdings nicht Verena, sondern dem großgewachsenen Mittdreißiger galt. Dem Mann, der die Lage ebenfalls längst peilte. Bescheid wußte, daß seinen Absichten etwas dazwischenkam. Die Tatsache, daß Klein Connys Mutti bei Klein Conny am Eintreffen war.
Mit einem Hüpfer befand Klein Conny sich auf den Beinen, eilte auf Mutti Corny zu, Mutti Corny, die Klein Conny endlich entdeckt hatte, Mutti Corny, die breit grinste. Ein Grinsen, das Klein Conny, ihrem Kind, galt, aber auch sofort Verena.
Mitten in der Bewegung stoppte Klein Conny Mutti Corny, ehe Mutti Corny mit ihrem Grinsegesicht vor Verena auf der Sofaörtlichkeit hintreten konnte. Mit Verena ein paar freundliche, nette Worte zu wechseln.
"Muß dir schnell was sagen, Mutti", ereiferte sich Klein Conny hastig. "Mutti, Mutti - muß dir schnell was sagen. Gehen wir da rüber, ja? Gehen sofort da rüber, ja?"
Auf Verena sah Mutti Corny herunter, grüßte Verena mit einem Kopfnicker.
Lächelnd, daß Verena zu Corny hinauf zurücknickte.
"Kommst du schnell, Mutti? Kommst du schnell? Muß dir dringend was sagen. Es ist wichtig. Wichtig. Bitte, Mutti! Bitte! Mag dir das hier nicht sagen, Mutti ... Bitte, Mutti! Bitte, Mutti, gehen wir schnell dorthin ins Eck, ja? Muß dir unbedingt was sagen. Tante Verena da braucht es nicht hören. Will's nur dir sagen."
Am lila Jackenärmel zog Klein Conny Corny, ihre Mutti. Und Mutti Corny, die gab Klein Conny schließlich, schulterzuckend für Verena, nach, brachte sich in Bewegung, Klein Conny ihren dringenden Wunsch zu erfüllen, einen Moment woanders hinzugehen.
Ein entschuldigender Gesichtsausdruck Mutti Cornys in Richtung Verena am Sofaplatz, und Mutti Corny war zusammen mit Klein Conny auf dem Weg, fort aus der Umgebung Verenas.
Aufs neue ging es für Mutti Corny mitten zwischen die Horde der Anstehenden rein, diesmal vorangezogen von Klein Conny.
Die Augen des Mittdreißigers, knapp unter zwei Meter Körperhöhe, lasteten schwer auf Verenas am Sofa sitzender Gestalt.
Dem Mann sein Gesichtsausdruck, Feindseligkeit in Reinkultur. Wenn Blicke töten hätten können, wäre Verena tot gewesen.
Einiges, das er Verena mitzuteilen gehabt hätte. Vielleicht auch, daß er Verena herschütteln und ein paarmal gemein boxen gekonnt hätte. Wäre der Ort ein wenig einsamer, verlassener gewesen.
Nach dem Haltegriff ihres Rollkoffers langte Verena seufzend, erhob sich langsam, wackelig von der Sofasitzfläche.
Vom Sofa begab Verena sich weg.
Die nächste Fuhre mit Leuten, für die sich die Lastenaufzugtüre, mit Hansi als Aufzugführer, schloß.
Eine der fünf, sechs Nasen, die mit Hansi hochfuhren, hätte vielleicht Verena sein können. Hätte Verena sich nicht um andere Angelegenheiten gekümmert.
Den mit dem dunkelgrauen Filzhut der Marke "Jägersmann" sah Verena vor sich.
Für den mit dem Jägerhut und den Kollegen mit der roten Schirmmütze und der braunen, brüchigen Lederjacke war das mit der Ansteherei dieses Vormittags ebenfalls noch immer nicht erledigt.
Zu den beiden, die ihr wie ein Ankerplatz schienen, begab Verena sich, ihren Koffer auf Rollen hinter sich herziehend.
Kein Mensch, der Verena dabei mittendrinnen aufhalten hätte wollen. Auch der gutaussehende Mittdreißiger im dunkelgrauen Anorakteil und mit der Blau-Hose an, den Verena bei Klein Conny gewissermaßen gestört hatte, hatte nichts dagegen einzuwenden.
"Mußt du dich hier vordrängen, Schlampe?" fuhr eine glänzend Schwarzhaarige Verena an, die am Oberkörper eine übergroße, ausgewaschene Jeansjacke anhatte. "Stell dich gefälligst hinten dran hin. Wo du hingehörst, blöde Arschdränglerin!"
"He, he, mein Herzchen!" meinte der mit dem Filzhut eines Jägers und dem blauen Anzugsjackett, der sich zu der Aufgeregten, die eine dicke, haarige Warze unten am Kinnwinkel hatte, umgewandt hatte. "Wir werden hier doch nicht ausfallend werden. Odinär. Jemanden beleidigen ... Nicht hier, oder? Das paßt alles schon. Das geht schon klar. Die Frau da, die wartet schon länger hinter uns. Steht schon länger hinter uns an. Hat uns, meinem Freund da und mir, vorhin gesagt, daß sie mal 'ne Weile wohin muß. Kann jedem von uns passieren, nicht? Oder nicht? Jetzt ist sie zurück. Geht doch klar, oder, daß sie sich wieder hinter uns hinstellt? Oder geht's nicht klar? Geht's nicht klar?"
Verena war die, die kopfnickte.
"Oder was ...?" fragte der Huttyp bei der mit dem billig gefärbten schwarzen Glanzhaar und der Kinnwarze nochmals nach. "Oder was willst DU? Was willst DU? Willst DU was? Willst DU wirklich hier was?"
Die angesprochene Dame bleckte böse die Zähne.
"DU willst was? Echt wahr? Dabei müßte das aber doch klargehen, Mann-o ... Wo sind denn die größeren Probleme hier? Bisher hatten wir die nicht, nicht wahr? Welche Probleme haben wir? Wollen wir welche? Kann schon für ein paar sorgen. Soll ich das, für ein paar sorgen? Meinst du, ich kann das nicht, nicht für Probleme sorgen? Meinst du, mir macht das viel aus, ich schaff' den Ärger dann nicht?"
"Schon gut, es geht klar!" entfloh es dicken Frauenlippen. Die Schulter, daß die Jeansjacken-Dame zuckte. "Wenn die vorhin schon da war ... Dann war sie das eben ..."
"Na, wer sagt's denn? Geht doch! Dacht' auch nicht an größeren Kummer oder Sorgen. Kummer, Sorgen, das alles gibt's woanders, nicht hier, oder? Oder? Wär alles auch zu blöd ... Wenn wir gerade so nett alle beieinander sind. So zusammen miteinander kuschlig rumstehn. Hätte mir wirklich leid getan. Sehr, sehr leid."
Neu für die Rumsteherei, Verena.
Verena überlegte, daß es für Verena, wenn nichts dazwischen kam, im schlechtesten Fall noch zwei weitere Runden dauern würde, bis sie von Hansi im Lastenaufzug nach oben hinaufgefahren würde.
Das war dann doch mal ein übersichtlicher Zeitraum, fand Verena. In dem Sinne erträglich.
Bald war es geschafft. Für diesen Vormittag wieder die Geschichte vorüber. Heimgegangen werden konnte.
"Der Aufzug kommt runter ...!" ließ eine Frau rechts von hinter Verena mit schriller Stimme vernehmen, unterrichtete von einer Tatsache, von der ohnehin jeder der Anwesenden etwas mitkriegte.
Ächzend, rumpelnd, daß Hansis Gefährt drunten ankam. Die Aufzugtüre schob sich nach rechts auf.
Als erster trat Hansi heraus, überschaute draußen die Aufzugumgebung. Anschließend nickte er den Damen und Herren im Innern des Aufzuges zu, mit ihren Plastikkörben, Stoff- und Plastiktüten herauszukommen.
Tatjana-Natascha und ihre das eine oder andere Jahr jüngere, kleiner gewachsenere Freundin schienen sich wieder miteinander zu vertragen. Hatten ihre Unstimmigkeiten soweit ausgeräumt. Zumindest waren die beiden Hübschen in derselben Fuhre mit dabei, kamen unmittelbar hintereinander aus dem Aufzuginnern heraus. Trugen ihre relativ gut gefüllten Körbe in der einen, die dralle Plastikwegwerftüte für das Grünzeug in der anderen Hand.
Spaßig präsentierte Hansi der Umgebung die drohende Faust, zeigte anschließend vier Finger.
Zwei in schwarze Stoffmäntel ziemlich eingemümmelte Dämchen, die schwarzweiß gestreifte Kopftücher am Kopf oben aufhatten, und der mit dem Filzhut und sein Kumpel mit der roten Schirmmütze setzten sich in Gang.
Verena, die sich ebenfalls in Bewegung gebracht hatte, blieb abrupt stehen. Weil Verena doch bis vier zählen konnte, vier die Zahl war.
Etwas anderes, als zum Stehen zu kommen, weiter dazustehen, wäre bei Hansi kein Bringer gewesen. Hätte Verena bei Hansi nichts genützt. Ärgerlicherweise mußte Verena auf die nächste Aufzugherabkunft warten.
"Hal-lo!" grüßte eine der Kopftuchträgerinnen Hansi mit ungelenkem Zungenschlag.
"'lö-chen!" erwiderte Hansi bespaßt den Gruß, schob sich, die Wichtigkeit in Person, das schwarze Mikrophonteil bei sich an der Wange zurecht. "Immer nur herein in mein fahrendes Geschäft. Eintritt für diesen wie jeden Tag, wenn bei uns offen, frei. Bis sich nichts anderes tut, ich was für die Fahrt verlangen darf. Fahren wir sofort nach oben ...? Oder soll ich zuerst draußen noch eine Zigarette rauchen? Oder zweie? Wär mal wieder eine fällig. Eine zumindest, daß ich rauchen könnt' ... Ganz kurz."
"Nei-ein, fah-ren wir lie-ber rau-auf ...", stotterte die zweite der Mantel- und Kopftuchweiber, lächelte freundlich zu Hansi hoch, daß sie tatsächlich um einiges jugendlicher ausschaute. Als wäre sie in Wirklichkeit noch gar nicht so alt, könnte unter Umstände sogar Reize entfalten. Ein echter Gegensatz zu ihrer Altweiberaufmachung.
"Na denn, ihr Damen, ihr Herren! Bin ich nicht so. Rauch' ich später eine. Oder zwei. Bin ja zur Arbeit hier ..."
Ein Wink Hansis an die mit den Kopftüchern, doch bitte jetzt weiterzugehen, hinein in den Aufzug, wenn sie schon gehört hatten.
Als letzter trat Hansi selber in die Aufzugwelt hinein, drückte seitlich rechts auf der Höhe seiner Hüfte einen der Knöpfe.
Es blieb dabei, daß Hansi den draußen Stehenden die Hinteransicht zuwandte.
Die nächste Fuhre mit dem Lastenlift, Verena würde mit hinauffahren. Wirklich eine Erleichterung für diesen späten Vormittag. Die schönste Aussicht, bald nach Hause zu können, in die Wohnung. Drinnen die Ruhe zu haben.
Das schrille Aufkreischen eines Mädchens drang Verena von linker Hand her an die Gehörgänge, daß Verena regelrecht zusammenzuckte.
Den Kopf mußte Verena dorthin wenden, die Örtlichkeit und alle Vorkommnisse dort zu überblicken. Die ganze Szene.
Das Gekreische hatte sich nach Klein Conny angehört, und es war Klein Conny.
Die Kreischerei Klein Connys wiederholte sich.
Voll der beschwingte Spaß Klein Connys, bei dem Verena zuguckte. Klein Conny, ihr helles Kleinmädchengepruste, -gekicher.
Den Mittdreißiger im grauen Anorak, der Verena für diesen Tag gut genug bekannt geworden war, hatte Klein Conny knapp hinter sich stehen. Seine Handflächen hatte der hochgewachsene Kerl auf Klein Connys schmalen Schultern aufliegen.
Ihr Hinterteil stieß Klein Conny mit breitem Grinsen plötzlich nach hinten, befand sich in einer vorgebeugten Position, verharrte so, kichernd.
Die Hände von ihm, dem Mann, Mitte dreißig, wanderten bei Klein Conny über dem gelben T-Shirt den Rücken herab. Die eine Hand von ihm verließ auf halber Strecke ihren Weg, bewegte sich am T-Shirt-Stoff seitlich - um bei Klein Conny den Ansatz einer Brust zu ertasten und zu drücken.
Von Klein Conny war eine Art Gequieke zu erlauschen.
Die Szene endete damit, daß Klein Conny sich mit ihren hübsch geröteten Wangen zur vollen Körpergröße aufrichtete.
Breit grinste der, der Klein Conny losgelassen hatte. Locker, daß sein Armpaar auf beiden Seiten herabhing.
Als ob nie das geringste gewesen wäre. Nicht die allerkleinste Kleinigkeit.
Alles das flüchtigste Moment, von niemandem der rundum Stehenden irgendwie großartig beachtet, kommentiert.
Anscheinend das Ganze nicht viel von jemandem außer Verena betrachtet. Interesse der Leute: gegen Null. Hätte schon noch was noch Interessanteres sein müssen. Damit sich hin- und zusehen gelohnt hätte, Auf- oder Erregung irgendeiner Art.
Als ob sich ihr der Horizont plötzlich weite, entdeckte Verena, daß Klein Connys Mutti Corny auch am Platz anwesend war.
Mit der Schulter, daß Mutti Corny mit der lila Jacke an der weißgestrichenen Mauer lehnte. Mutti Corny, das Gesicht eine einzige verschlossene Maske.
Unvermittelt trat Klein Conny direkt vor ihre Mutti Corny hin.
Irgendwas, das Klein Conny nahe am Ohr Cornys zu Mutti Corny meinte. Der Daumen Klein Connys zeigte in die Richtung des einen Mitte der dreißiger Jahre seines Lebens, was für Verena bedeutete, daß Klein Connys leise Worte an Mutti Corny den zum Mittelpunkt hatten.
Dann hüpfte Klein Conny wieder weg aus der Umgebung der Mutter.
Zurück begab Klein Conny sich. Klein Conny, die sich ganz dicht vor den Großgewachsenen im dunkelgrauen Anorak stellte. Praktisch in die Ausgangsposition.
Nach dem ersten Zopf faßte die Männerhand bei Klein Conny, fingerte das kleine Haltebändchen herunter. Beim zweiten tat die Hand genau das gleiche.
Das glatte, rotgefärbte Haar Klein Connys schüttelte der Mittdreißiger lächelnd mit beiden Händen. Daß es nun losgelassen frei die Schultern herabfiel.
So, daß ihm das bei Klein Conny besser gefiel.
Und Klein Conny, die hatte da auch nichts dagegen. Den Kopf hob Klein Conny aufwärts nach hinten, um mit breitem Grinsen im tief rotem Gesichtchen, die Stirn in Falten, zu ihm, ihrem Liebling, der alles bei ihr durfte, mit ihren weißen Zähnen hinaufzublitzen.
Ausschließlich Augen für ihre elfjährige Tochter hatte Mutti Corny. Der Rest, den übersah Mutti Corny beflissentlich.
Das mußte Klein Conny zu einhundert Prozent klar sein, daß Corny, ihre Mutti, ihr Verhalten nicht guthieß. Daß Mutti Corny davon in keinster Weise irgendwas paßte.
Trotzdem führte Klein Conny sich auf, gestattete dem Hochgewachsenen Dinge.
Darüber dachte Verena nach, was das vielleicht bei Klein Conny war. Warum Klein Conny sich in der Gegenwart ihrer Mutti Corny und gleichgültig gegen Mutti Corny mitten unter den Leuten derart aufführte.
Ob die Antwort darauf war, daß Klein Conny das Mutti Corny mal so richtig zeigen wollte, wie man das locker anstellte, sich aus dem Stand einen Typen aufzutun. Das, daß eigentlich nichts daran problematisch war. Klein Connys Frage an Mutti Corny: "Wo, bitteschön, Mutti, ist hier das Problem?"
Corny, das wußte Verena, die hatte so ihre Schwierigkeiten damit, Männer kennenzulernen. Und noch mehr Probleme hatte Corny, danach, mit einem, den sie mal kennengelernt hatte, für länger zurechtzukommen.
Fast war das dasselbe wie bei Verena. Verena, die seit dem Unfalltod ihres Mannes Thomas und ihres kleinen Sohnes Hannes keine feste Beziehung mehr eingegangen war.
Bei Mutti Corny war das, seitdem der Vater Klein Connys Corny verlassen hatte. Seitdem war nicht mehr viel los bei Corny, was das männliche Geschlecht anging.
Corny war alleinerziehende Mutter. Die Ehe mit ihrer immer unberechenbarer und anspruchsvoller werdenden Tochter, einem Einzelkind, die langte Corny. Voll und ganz. Lange viel auszugehen, um die Bekanntschaft irgendwelcher Männergestalten zu machen, das war nicht großartig Teil von Cornys alltäglichen Gedanken.
Dafür hatte Klein Conny jetzt einen an der Angel. Einen, den Klein Conny schon oft mitten unter der Anstehgesellschaft auf der Sozialstation gesehen hatte.
Bei dem hatte Klein Conny das relativ schnell geklappt. Mit dem, der wirklich nicht schlecht aussah, großgewachsen war. Nebenbei, das mochte ebenfalls ein Gedanke Klein Connys sein, einer, der auch für Mutti Corny gut sein konnte. Mit dem machte Klein Conny jetzt also zunächst mal ausschließlich rum. Und nichts, das Klein Conny daran irgendwie unangenehm war, Klein Conny schlimmere Umstände bereitete.
Der Finger des Mittdreißigers fuhr bei Klein Conny am gelben T-Shirt hinten das Rückgrat entlang hinunter.
Dasselbe wiederholte sich bei Klein Conny..
Danach drückte der Mann im dunkelgrauen Anorak Klein Conny mit beiden Händen seitlich die Hüftgegenden. Daß von Klein Conny glockenhelles Kleinmädchengekichere und -gequietsche aufklang, während Klein Conny sich herumverbog.
Bei Klein Conny sah es aus, als wolle Klein Conny dem Treiben des hochgewachsenen Mannes entkommen. Ohne, daß Klein Conny jedoch deswegen recht wegkam von der Stelle. Am Platz wie am Bierdeckel verweilte Klein Conny.
Verbiegetänzchen mit Kicksergeräuschkulisse und falschen Abwehrversuchen, so nannte sich das, was Klein Conny aufführte.
Unvermittelt, das Eingreifen Mutti Cornys.
Am Unterarm faßte Mutti Corny Klein Conny. Zu sich heran zog Mutti Corny Klein Conny, ihre Tochter. Klein Conny, die das mit dem schrillen Aufschrei einer Überraschten mit sich geschehen ließ.
Kaum allerdings, daß Klein Conny unmittelbarer bei Mutti Corny dastand, daß Klein Conny fauchte, sich von ihrer Mutti losriß, die Arme in die Hüften stemmte. Verschärft aggressiv, daß Klein Conny nach Mutti Corny hinstarrte.
Klein Conny, wie eine, knapp davor, aufgebracht lauthals durch die Gegend zu plärren. Bedenkenlos unerfreuliche Dinge abzulassen, die Mutti Corny zum Mittelpunkt hatten. Ein Schauspiel für alle am offenen Szenenbild Anwesenden zu bieten, daß sich das für Mutti Corny gewaschen hatte.
Wenig Spaß, den Mutti Corny an den Geschehnissen haben würde. Vielleicht, daß sie, Klein Conny, sogar nach Mutti Corny schlagen könnte, ein-, zwei-, dreimal. Oder mit den Füßen zutreten. Nach Mutti Cornys Bauch.
Mit dem Zeigefinger, daß Mutti Corny, die die schmalen Lippen verkniffen aufeinandergepreßt hatte, deutete.
Unwillkürlich, daß Verena den Kopf in die Richtung wandte, die Mutti Corny zeigte.
Hansi!
Hansi stand dort, Hansi, der ausdruckslos guckte.
Hinter Hansi, der Lastenaufzug, der leer war, offenstand.
Weil die, die die nächsten sein wollten, ihn, Hansi, der für die Auffahrt mit ihnen bereit war, tatsächlich bemerkt hatten, verbeugte Hansi sich tief. Eine tiefe Verbeugung von Hansi.
Ehe Hansi sein Headset das blonde Haar herunterrutschte, faßte Hansi hin, richtete sich auf, schaffte alles der Gerätschaft zurück in Position.
Einen spaßigen Knickser vollführte Hansi, wie der eines Mädchens.
Eine fragende Pantomime vollführte Hansi, schwang Arme und Oberkörper Richtung Aufzug. Hansi säuselte: "Wenn denn wer, den's angeht, mal Lust hätte, loszumachen, da sich ins Innere hineinzubegeben. Für die Hinauffahrt."
Niemand in seiner Umgebung, der sich von der Stelle rührte.
"Okay, ihr Leute!" erklang Hansis Ruf der Allgemeinheit der Anwesenden. "Okay, okay. Wer nicht will, der hat schon ... Ich glaub's ja nicht. Was sagt man denn da dazu? Keiner interessiert sich für mich. Keiner hat Zeit. Frag' mich: Warum bin ich nicht eine rauchen gegangen? Sag mir das einer: Warum stehe ich noch hier, bin nicht eine rauchen gegangen? Zeit wär's, mal wieder eine zu rauchen. Oder zwei."
Schale, unbegeisterte Lacherei klang da und dort auf.
"Na, soll ich nun eine rauchen gehen? Oder gehe ich eine rauchen? Das ist die Frage."
"Nein, wir wollen ja hinauffahren", übernahm die Schwarzhaarige mit der großen behaarten Warze unten am Kinnwinkel, von der Verena lange nichts mehr bemerkt hatte, den Text. An Verena spazierte die Frau vorüber.
"Hallo, Hansi!" meinte die mit der knitterigen, blaufarbenen Jeansjacke, nickte zu Hansi, dem Mann mit dem wichtigen Headset, hoch, als sie an Hansi vorbeimachte.
"Aber hallo - man kennt sich?" gab Hansi zurück. "Kennen wir uns denn wirklich näher? Glaub's ja nicht. Tatsächlich, sie ist eine, eine, die mit mir mit will. Da haben wir eine, die will mit mir mit hoch ... Die erste, die die nächste Runde mit mir rauffahren möchte ... Ich pack' das ja heute nicht. Gibt's das?"
Mutti Corny, die Klein Conny an der Hand hatte, folgte der mit dem gefärbten, glänzenden Schwarzhaar auf dem Fuß. Hand in Hand, scheinbar friedlich vereint, schritten Mutter und Tochter in das Fahrstuhlinnere hinein.
Der hochgewachsene Mittdreißiger hatte sich entschieden, Klein Conny und Mutti Corny hinterherzumachen, beeilte sich, an Verena vorüberzumachen.
Den drängenden Wunsch spürte Verena plötzlich, ebenfalls mit diesen Leuten da mit hochzufahren. Aus dem Stand schritt Verena los, zog den Koffer auf Rollen am Haltegriff hinter sich her.
Hansis Miene war eine starre Maske, lächelfreie Zone, als Verena dicht an ihm vorüberschritt.
Kein Wort allerdings, das Hansi zu Verena herabsprach. Was nichts anderes hieß, als daß Hansi nichts dagegen hatte, daß Verena sich zu den anderen in die Aufzuginnenwelt hineinbegab. Verena als Person Nummero fünf.
Drinnen im Lastenaufzug stellte Verena sich hinten an der linken Seite der Schwarzhaarigen mit der hübsch fetten Warze mit Haarbesatz am Kinnwinkel unten an die rückwärtige Aufzugwand.
Nach Mutti Corny linste Verena, Mutti Corny, die Verena zur Rechten an der seitlichen Wand lehnte, Mutti Corny, die geradeaus vor sich hinstarrte. Während Klein Conny den Mittdreißiger in seinem dunkelgrauen Anorak breit grinsend anhimmelte. Den Mann, der seinen roten Plastikkorb - den Verena bisher kaum bei ihm bemerkt hatte - am Doppelgriff haltend, alleine die Seite gegenüber einnahm.
Undurchdringlich lag der Blick des großen Kerls auf Klein Connys halber Gestalt. Aber Verena war sich sicher, daß der daran dachte, wie er sich Klein Conny an einem ruhigen Plätzchen am besten vornehmen konnte. Mit allem Drum und Dran. Ob für Klein Conny dann danach alles schön war oder nicht.
"Dann wollen wir mal wieder die nächste Runde hochfahren ...", dröhnte Hansi, der Aufzugführer. Hansi, der sich oberhalb bei den Druckknöpfen neben dem Anoraktypen aufstellte, der bei Klein Conny so im Vorteil war. "Heute gibt's viele Runden. Echt viele Runden, muß ich schon sagen. Daß wir so viel Zeugs haben ...? Mann, Leute! Mann, Mann, Mann!"
Wie jemand, der aus der Hüfte heraus seinen Revolver zog, schwang Hansi seinen Unterarm samt Handgelenk vor. Hansis Zeigefinger drückte den runden Knopf unter dem obersten, den ein wenig größeren roten Leuchtknopf.
Gelblich leuchtete der Plastikdruckknopf im Rot auf.
Innerhalb eines Momentchens, daß die Aufzugtüre kurz anruckte und sich mit metallischem Ächzen von links nach rechts in Bewegung schaffte.