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Blog von TeddeMehr

2a. Polizei ("The eyewitness")

24. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

An die weiße Kunststoffmuschel, die sein Ohr bedeckte, tippte Hansis Mittelfinger bedeutsam.

Als hätte Hansi eben im Moment jemand angerufen. So was in der Art.

Aber Hansi tippelte unmittelbar darauf wieder mit dem Finger auf das Hartplastik, Bestandteil seines Headsets.

Was hieß, daß doch nichts war.

Kein Anruf, keine Wortnachricht, nichts.

Alles nur Getue, Schauspielerei Hansis. Um sich als jemand von Bedeutung darzustellen.

 

Auf Klein Conny gegenüber grinste Hansi herab, Klein Conny, die kurz zu Hansi hinguckte.

Klein Connys gerötete Wangen und Klein Conny ihr komisches Grinsen, das alles, das auf Hansi abstrahlte.

Die Grinsedauereinrichtung Klein Connys, die eigentlich dem Mittdreißiger im dunkelgrauen Anorak und der blauen Jeans an der Aufzugwandfläche bei Hansi galt.

Wie eine Art Sonnenschein Klein Connys, von dem Hansi, der Aufzugführer, etwas abkriegte.

Während Mutti Corny an der Seite Klein Connys biestig, finster auf den Anorak-Menschen stierte.

 

"Heute hätte das Wetter ruhig wirklich schlechter sein können", dröhnte Hansi für die Allgemeinheit im Fahrstuhlinnern. "Viel, viel schlechter."

"Warum?" erkundigte sich die mit der Jeansjacke, den vollen Lippen und der haarigen Kinnwarze.

"Ha - ja!" Die Augenbraue hatte Hansi angehoben, einen echt gemeinen Gesichtsausdruck aufgesetzt. "Schließlich gibt's heute was in den Körben. Na, wenn das nichts ist, weiß ich nicht mehr. Wenn's aber draufregnen würd auf die Körbe, würden die Körbe schwerer. Viel schwerer. Wär 'ne bessere Schlepperei. Beim Heimtragen. Und das Nasse daheim, beim Auspacken ..."

Die mit dem unecht glänzenden Schwarzhaar rechter Hand von Verena kicherte blöde, wie Hansi zustimmend. Beinahe, als wäre sie selber jemand anders als eine, die ebenso zur langen Ansteher-Latte rechnete. Und als hätte Hansi eben nicht was Boshaftes dahergeredet, etwas, das nicht auch sie selber anbetraf. Sondern er, der nette Hansi, er hätte den nächsten größeren seiner besseren Witze auf die Welt losgelassen.

 

Soweit war Verena lange nicht, es der mit dem schwarzglänzenden Färbehaar gleichzutun. Bei allem mitzulachen, doof zu tun, als wär man nebenher nicht höchstselbst gemeint.

Auch nicht bei Hansi mußte Verena das. Oder wegen Hansi.

Obwohl Verena Hansi wirklich gerne mochte.

Verena, die es lange vor sich zugeben hatte müssen, daß Verena Hansi von der Seite her anschmachtete.

Hätte Hansi sich entschieden, sich ausschließlicher um Verena zu bemühen, hätte Verena seit längerem nicht viel gegen irgendwas von Hansi gehabt.

Mit Hansi hätte Verena gerne ein Treffen ausgemacht. Abends. Für ein Abendessen im Kerzenschein. Mit anschließendem Kuschelfaktor.

 

Das hatte Verena sich ebenfalls eingestanden, daß Verena Mädels beneidete, von denen Verena mitkriegte, daß die leicht näher mit Hansi bekannt wurden. Ganz davon abgesehen, daß ein paar Hansi weitaus besser zu kennen schienen. Als hätte Hansi unter ihnen freie Auswahl gehabt.

Wie es bei Hansi daheim genau zuging, das hätte Verena wirklich gerne gewußt.

Das Musikabspielgerät holte Hansi spontan schnell hinten aus dem zweiten ledernen Schutztäschchen.

Bedeutsam tippelte Hansi mit der Zeigefingerspitze auf die Anzeigefläche.

Wie einer, nun scheinbar wieder zufriedengestellt, steckte Hansi das bei ihm handflächengroße Dingens zurück in die kleinere Schutztasche an seiner rechten Hüfte. Den Kreppverschluß fingerte Hansi zu.

 

Die Stirn hatte Hansi gerunzelt. Der Schauspieler, sich den vielen Zuschaueraugen bewußt, zuckte die Schulter.

"Mal den Sound gewechselt?" wollte die mit der behaarten Kinnwarze wissen.

"Klar!" erwiderte Hansi.

Mit einem Ruck stoppte die Fahrt des Lastenaufzugs. In den Beinen spürte Verena das Nachfedern.

Ein kleines Anrucken. Mit metallischem Ächz- und Krächzgeräusch schob sich die Aufzugtüre von rechts nach links auf.

Bei Hansi im Schritt seiner falschen, grauen Soldatenhose, da beulte es sich. Als könnte dort, wenn man nachschaute, Größeres zum Vorschein kommen.

Etwas, das später sogar noch größer werden konnte. Wenn es sich erst richtig hochrichtete.

Anhaltend, der Blick ihrer Augen, den Verena da drauf riskierte.

 

"Bitte, alle hinaus aus der guten Stube!" rief Hansi, fingerte an seinem schwarzen Headset-Mikrophon.

Das störte Verena plötzlich, daß Hansi Verena bis jetzt noch kein einzigesmal besonders beachtet hatte. Sonst lächelte Hansi wenigstens einmal strahlend nach Verena hin.

Heute jedoch - nichts davon. Nicht das kleinste bißchen was ging dafür.

An diesem Vormittag führte Hansi sich auf, als wäre Verena eine, die Hansi nicht zu kennen brauchte.

Ganz davon abgesehen, daß tatsächlich nichts Zwang war in der Pappschachtel, man keine, keinen groß bemerken oder ansehen mußte. Auch wenn man das früher mal gemacht hatte.

 

Als letzte, daß Verena im vierten Stockwerk oben das Innere des Lastenaufzugs gereizt verließ, ihren Koffer auf Rollen am Haltegriff hinter sich herziehend.

Die graue Metalltüre dem Lift gegenüber öffnete Hansi, um hineinzutreten in die Regaleräumlichkeit für die Waren der Ausgabe.

Hier, daß für die Ansteher die Körbe hergerichtet wurden.

Zwei junge Mädchen mit weißen Schirmmützen am Kopf überblickte Verena.

Das eine Ding hatte den blonden Pferdeschwanz hinten durch den Mützenschlitz gesteckt, das andere den braunen. Beide Schönheiten trugen weiße Schürzen vorgebunden, hatten rosa Plastikhandschuhe über die Hände gestreift.

Außerdem gewahrte Verena an den Mädels, die hastig herumwuselten, dabei Verena eben ihre Rückansicht zuwandten, weil sie Joghurtbecher oben vom Regal herunterholten, enge Blau-Hosen. Mit toller Betonung auf dem Hinterteil, die Breite der Hüften.

Das waren Hintern. Hintern waren das.

 

"He, Boß, ich brauch' mehr Geld", sang Hansi laut und schräg. "Hey-hey, he-Boß, ich brauch' mehr Geld. Ge-eld, Ge-eld. Ich brau-auch mehr Ge-eld ..."

Die Braunhaarige des Mädchenpaars klatschte Hansi Beifall, grinste Hansi befreundet breitest ins Gesicht.

Herum wandte sich Hansi, schloß die graufarbene Metalltüre. Ohne irgendeinen Blick auf irgend jemanden, der außerhalb von seinem Gelände herumstand.

Auch nicht Verena.

In Luft aufgelöst hätte Verena sein können.

 

 

Neben sich zur Linken bemerkte Verena Corny, Corny knapp hinter Klein Conny dastehend.

Wären Mutti Cornys Augen Laser gewesen, hätten sich zwei Strahlen Klein Conny tief in den Nacken gebohrt. Klein Conny, die sich vor ihrer Mutti Corny neben den Mittdreißiger aufgestellt hatte.

Nach dem herabhängenden Arm des Mannes faßte Klein Conny. Seiner Hand. Mit ihren Fingern umfaßte Klein Conny bei ihm den Zeigefinger. Um mit der Handfläche die Fingerlänge hinauf- und hinunterzurutschen.

Vier-, fünfmal wiederholte Klein Conny den Spaß.

Als der Anorak-Mann nach der Seite auf Klein Conny herabblickte, vollführte Klein Conny eine Pantomime, als wenn eben unten etwas aus dem Finger herausfließen würde. Das, was geflossen war, schüttelte Klein Conny vom Handrücken herunter.

 

"Frau Kinnwarze", wie Verena die Schwarzhaarige mit der übergroßen Jeans-Jacke bei sich nannte, erweckte Verenas Aufmerksamkeit.

Irgendwie war die dicklippige Dame mit dem glänzend schwarzgefärbten Haarschopf ganz nach vorn geraten.

Die erste der neu Heraufgefahrenen, die an der Ausgabetheke bedient wurde, das war SIE.

Weil Verena nicht auf die Geschehnisse bei "Frau Kinnwarze" aufgepaßt hatte, fragte Verena sich jetzt, wie das zugegangen war mit der.

Daß das Weib vorgekommen war, als allererste drankommen durfte, das paßte Verena jetzt irgendwie nicht. Das, daß sich keiner wegen dem beschwerte, daß "Frau Kinnwarze" vorgemacht hatte.

Obwohl, die Reihenfolge des Rankommens an die Theke, die war im Grunde egal. Fuhr man doch am Schluß im Paket mit dem Rest der Gruppe wieder mit Hansi, dem Aufzugführer, im Lastenaufzug ins Erdgeschoß hinunter.

 

Nachdem es Verena wie der Blitz zu Bewußtsein gekommen war, wie am Platz alles ablaufen sollte, beeilte Verena sich, den Reißverschluß des Seitenfachs am Rollkoffer aufzuzerren.

Die Schutzfolie mußte von Verena herausgeholt werden, in die das amtliche Schriftstück hineingeschoben war.

Schließlich sollte, mußte auf den Zettel draufgestempelt, der Stempel dazu von dem hinter der Ausgabetheke mit einer Unterschrift beglaubigt werden. Was nichts anderes dokumentierte, als daß Verena das nächstemal für die Lebensmittelausgabe auf der Sozialstation präsent gewesen war.

In diesem Jahr bisher, kein einziger Termin fürs Anstehen, den Verena verpaßt hatte. Unzweifelhaft für jedermann ersichtlich, der sich das wünschte, das Dokument zur genaueren Überprüfung anzuschauen.

 

Nach dem gestempelten und unterschriebenen Korbberechtigungszettelchen fingerte Verena als nächstes.

Schließlich hatte Verena bei ihrer letzten Anwesenheit auf der Station ihren leeren Plastikkorb sofort wieder abgegeben. Grund: Hansi. Der liebe, nette Hansi.

In der Nähe Verenas hatte Hansi sich an dem Vormittag herumgedrückt, als Hansi gesehen hatte, daß Verena jeden Moment mit dem Ausräumen ihres Korbes fertig war.

Als Verena die ganzen erhaltenen Lebensmittel in ihrem Koffer auf Rollen verstaut hatte, war Hansi vor Verena hingetreten. Zu Verena hatte Hansi freundlich gemeint, ob Verena so lieb sein könnte, das für ihn, Hansi, zu tun, ihm den Korb zu geben. Denn sie hätten oben wieder einmal Engpaß. Bei den Ausgabekörben, daß es den gebe.

Da hatte Hansi für Verena das allerfreundlichste Lächeln im Gesicht stehen gehabt. Das, mit dem Hansi alles mögliche von Verena verlangen hätte können.

Im wahrsten Sinne des Wortes. Überallhin wäre Verena mit Hansi mitgegangen. Ohne Nachfrage, wohin.

Hatte Verena aber nicht müssen, mit Hansi wo hingehen. Kaum hatte Hansi den zuvor von Verena ausgeleerten Plastikkorb, bedankte Hansi sich kurz, wandte sich von Verena ab.

 

"Der, die nächste bitte!" erlauschte Verena, kehrte bewußt der Welt zurück.

Die lautstarke Stimme Karlies, des dicklichen Ausgabe-Scheffes. Karlie, einer, der heute überhaupt nicht übermäßig gut gelaunt ausschaute.

Der Mittdreißiger, der im Augenblick zuoberst der Liebling Klein Connys war, trat anstelle Klein Connys vor die Lebensmittelausgabestelle hin. Kopfnickend grüßte die Anorak-Type Karlie, reichte Karlie seine Unterlagen wortlos rüber.

Den Zettel zum Abstempeln, den Karlie nahm. "Geld?" raunte Karlie.

Münzgeld legte der Kerl Karlie auf das Bord. Jede Menge Münzen. Im Grunde, daß es ausschaute, der im Anorak wäre irgendwo an einem normalen Essensstand, zahle Karlie mit seinem Münzhaufen mal für eine laue Tüte Pommes.

Die eins fünfzig Cents in Münzen wischte sich Karlie mit ausdrucksloser Miene in die offene Handfläche. Um mit gerunzelter Stirn konzentriert zu beginnen, das Häuflein Ein-, Zwei- und Zehn-Centmünzen abzuzählen.

 

Zufriedengestellt nickte Karlie schließlich, ließ die Münzstücke einzeln in das Münzabteil der stählernen Geldschatulle hinabregnen.

Bis Karlie damit fertig war.

Verena sah, daß Hansi, der ohne großes Gerede - wie niemand dort dahinter momentan vernehmbar viel daherredete - beim Einräumen in die Plastikkörbe mithalf, die Hand hob und die Szene Karlies beim Münzenabzählen nachäffte, ein Karlie-Gesicht zog.

In Karlies Rücken klang helles Mädchengekichere auf. Das, was Hansi aufführte, fanden die Hübschen vom Sozialstationmitarbeiterinnennachwuchs spaßig.

Während Karlies Mienenspiel bei der Art dauerfinsteren Einstellung verharrte, setzte sich hinterrücks bei Karlie das Gekichere des Mädchenduos losgelöst fort, weil Hansi die Karlie-Pantomime in ihre Richtung wiederholte.

Die Gesichtszüge Karlies nun deutlich die von einem, der sich jede Sekunde umwenden konnte, um es heftig und lautstark aus sich herausbrechen zu lassen. Eine zornige Attacke zu reiten. Gegen alles und jeden.

 

Vielleicht war Hansi mit seiner Bespaßung zu weit vorndran bei den Mädels, überlegte Verena. Bestimmt der Grund, daß Karlie momentan derart sauertöpfisch wirkte. Weit über das am Ort handelsübliche Maß hinaus.

War Karlie eifersüchtig? Eifersüchtig auf Hansi und Hansis Erfolg bei den hübschen Stationsmitarbeiterinnen?

Irgendwie hatte Verena das Gefühl, daß es zwischen Karlie, dem Ausgeber-Scheffe, und Hansi, dem Aufzugführer, schon irgendwas Größeres gegeben haben könnte. Sonst wären Hansi und die Mädels sicherlich lockerer, wortreicher vor Ort unterwegs gewesen.

 

 

Aus den Augenwinkeln bemerkte Verena linker Hand unvermittelte Bewegung.

Die bisher von Verena in keinster Weise groß beachtete Butzenglastüre, die in die Richtung der für die Körbe Anstehenden aufging.

An Corny vorüber schaute Verena einen Polizeibeamten, der mit ernster Miene auf der Bildfläche erschien. Einen zweiten, der dem andern unmittelbar auf dem Fuß folgte.

Nebeneinander, daß sich die Männer in schmucken dunkelblauen Uniformen und gleichfarbigen Polizeimützen mit schwarzem Plastikschirm am Kopf in Positur stellten.

Die Polizisten, die sich zu keinem Gruß oder so was herabließen, überblickten die Anzahl der Anwesenden. Während sich die Glastüre hinter den beiden von selber ins Schloß zurückschwang.

 

Den einen der Polizeiuniformträger, der einen einzigen Stern als Rangabzeichen auf dem Schulterrevers oben hatte, den kannte Verena. Der zweite, der vier Sterne präsentierte, der war Verena einigermaßen fremd. Aber mit seinen vier Sternen droben war der Ältere sicherlich der Wichtige des Duos.

Alle Szene am Flurgang bei der kleinen Gruppe Korbabholern war erstarrt. Jeder Mann, jede Frau glotzte auf das Polizeibeamtenpärchen.

Dann wußte Verena vom jüngeren der Polizisten - demjenigen mit dem einen Stern am Revers -, plötzlich wieder den Namen, Herr Ernst.

Herr Ernst, den Verena altersmäßig auf dreißig Jahre schätzte, war der eine derjenigen, die Verena Dienstag am Nachmittag letzter Woche auf dem Polizeipräsidium der Stadt ausführlich vernommen hatten.

Mit seinen stahlblauen Augen blickte Herr Ernst offen auf Verena, daß Verena den Blick unwillkürlich abwenden mußte.

Am liebsten, daß Verena sich in Luft aufgelöst hätte. Unbemerkt mit einer Tarnkappe am Kopf ins pralle Nichts entschwunden wäre.

 

"Hal-lo!" grüßte Karlie, der Ausgabe-Scheffe, der sich von hinter seiner Ausgabetheke vorbeugte, den Hals lang reckte, das neugierige Gesicht seitwärts gedreht reckte, um die Szenerie besser zu überblicken. "Polizei? He, Polizei haben wir hier? Aber hallo - Po-li-zei! Polizei? Was geht ab?"

"Ja, hallö-chen aber auch!" erwiderte der Ältere und Ranghöhere des Polizistenzweiers in samtener dunkelblauer Uniform.

"Was ist denn?" wollte Karlie mit verdutztem Tonfall von den Beamten wissen. "Wer hat was angestellt? Bitte, womit können wir dienen? Wer hat denn die Polizei hierher gerufen? Warum kommen Polizisten her?"

Die Polizistenherrschaften schwiegen mit ihren ausdruckslosen Mienen, hatten nicht die allergeringste Lust, eine von Karlies interessierten Fragen zu beantworten.

 

Die Gedanken überschlugen sich in Verena. Aus welchem Grund tauchte hier jetzt die Polizei auf?

Doch nicht wegen Verena, oder?

Zwar, daß Verena bei Herrn Mendl hier oben am langen Flur im vierten Stock mit dem Turnschuhfuß gegen die Bürotüre getreten hatte. Aber, hatte sich das nicht erledigt gehabt? Hatte die ältliche Dame aus den Sozialstationbüros Verena nicht versichert, daß Verena deswegen nichts zu befürchten hätte? Außer, das Vorkommnis mit Verena, das wiederhole sich.

Das hatte sich aber nicht. Nichts war weiter vorgekommen.

Das war Tatsache, nachdem Verena sich ausdauernd und sich herabbuckelnd bei der Grauhaarigen mit dem Bubikopf entschuldigt hatte, hatte diese gemeint, es wäre nichts weiter. SIE hatte behauptet, daß nichts sein deswegen sein würde. Kein Schaden sich ereignen.

 

Eine zweite Idee überwältigte Verena: Corny!

Mutti Corny!

Mutti Corny, die sich Sorgen wegen ihrer elfjährigen Tochter Conny machte. Um Klein Conny besorgt war.

Das war sich Verena zu einhundert Prozent sicher, daß Corny die Type im dunkelgrauen Anorak und mit der Blau-Hose an nicht in den Kram paßte. Nicht das kleinste bißchen. Das, was sich da zwischen Klein Conny und dem Mittdreißiger abspielte.

Todsicher konnte das für Corny ein Grund sein, das Verlangen, Polizeileute anzurufen, auch in die Tat umsetzen zu wollen. Koste es sie bei Klein Conny schließlich, was es wolle.

Irgendwann würde sich bei Klein Conny jedoch wieder Vernunft einstellen, mochte Mutti Corny sich denken. Kam Zeit, kam Rat. Bestimmt würde die Gelegenheit kommen, daß sie, Connys Mutti, ein paar vernünftige Worte mit Klein Conny sprechen würde können.

 

Bloß, Tatsache, Verena hatte Corny nicht telefonieren gesehen. Nirgends.

Mußte Corny sich, die mobile Telefonie versteckt in der Handfläche, gespielt haben. Wobei Corny eine Kurzmitteilung getippt haben könnte. Mit dem Inhalt, Polizei solle schnell kommen, Straße, genauer Ort.

Kein Ding der Unmöglichkeit, das.

Mit den Fingern einer Hand mit herabhängendem Arm ohne die kleinste Sicht auf die Handy-Tasten zu tippseln, das hatte Verena erst letztens bei einer gesehen, die in der städtischen Geschäftsmeile unten bei dem Elektronikmarkt an Verena vorübergelatscht war. In der zweiten Hand hatte die junge Frau in einer hautengen Blau-Jeans eine sich bauschende Leinentasche getragen.

 

Schon die Frage, ob Corny so was ebenfalls draufhatte?

Die Nummer der Polizei zumindest konnte Corny am Handy auf der Telefonliste abgespeichert haben. Und vielleicht hatte Corny doch Gelegenheit zum Telefonieren gehabt.

Daß Mutti Corny wieder ein Handy hatte, wußte Verena.

Hatte Verena das letztemal bei der Ansteherei gesehen, daß Mutti Corny Klein Conny, die nervig herumquengelte, an einem mobilen Telefon eine Nachricht schreiben hatte lassen. An die Schulfreundin.

Aber nur einmal, daß Klein Conny 'simsen' hatte dürfen. Ein einziges Mal.

 

 

Anders war das Eintreffen der Polizeibeamten Verena nicht erklärlich, als daß Corny die Männer in Uniform herbeitelefonierte. Wegen ihrer Tochter Conny.

"... Hal-lo, Frau Tümmel? Hallo, Frau Verena Tümmel? He, was denn? Schlafen Sie hier im Stehen, Frau Tümmel? Schlafen Sie hier im Stehen mit offenen Augen, Frau Tümmel?"

Voll, daß Verena in ihre Überlegungen vertieft gewesen war. Heftigst, daß Verena vor Schreck zusammengezuckt war, als sie mitkriegen mußte, daß ihr die Ansprache galt.

"Sekundenschlaf, Frau Tümmel?"

Herr Ernst, der junge Mann von denen von der Polizei, der mit geschürzten Lippen und gerunzelter Stirn aus seiner Höhe auf Verena herunterblickte.

"Leiden Sie unter Sekundenschlaf, Frau Tümmel? Immer wieder für ein paar Sekündchen hin und weg? Oder was?"

"Nei-ei-ein ...? Wa-was wol-wol-wollen Sie de-denn ...?" Die Augen hatte Verena gegenüber dem Polizisten - Herrn Ernst - weit aufgerissen.

 

Der ältere und ranghöhere Polizeibeamte plazierte sich an der Seite seines jüngeren Kollegen bei Verena.

Eine Miene zog der Mann, als denke er darüber nach, Verena unverzüglich ein Paar Handschellen anzulegen. Oder sonst etwas mit Verena anzustellen, daß Verena in ein Loch fiel.

"Würden Sie bitte ohne viel Aufhebens mit uns mitkommen, Frau Tümmel, ja?" vernahm Verena Herrn Ernst.

Den Kopf schüttelte Verena.

"Bitte, machen Sie uns und sich keine größeren Umstände, liebe Frau", redete der ältliche Polizeimensch mit dem höheren Dienstgrad als Herr Ernst nun ebenfalls Verena eine Runde.

"Ich ...", schaffte Verena betroffen hervor. "I-ich ..."

"Worauf warten Sie?" war der Polizist mit dem Vier-Sterne-Dienstrang die Ungeduld in Person. "Kommen Sie!"

Lahm hob Verena die Hand, mit der sie die Klarsichtfolie mit dem eingeschobenen amtlichen Dokument festhielt, das Verena als Mitglied derer mit der gelben Farbe für den Lebensmittelerhalt auswies; außerdem, daß da das kleine Korbberechtigungszettelchen mit dem Finger zwischengeklemmt dabei war.

"I-ich brau-brau-brauche ...", stotterte Verena.

 

Herr Ernst verstand Verena. Stumm nahm Herr Ernst Verena das von Verena Vorgezeigte ab.

Die Unterlagen Verenas vor sich haltend, begab sich Herr Ernst die zwei Schritte vor das Art große, rechteckige Fenster ohne zugehöriger Glasscheibe.

Hinter der Ausgabetheke, daß Karlie, der Ausgabe-Scheffe, mit offenem Mund wie zur Salzsäule erstarrt dastand, auf die Polizisten und die Geschehnisse mit ihnen stierte.

"Hier!" meinte Herr Ernst, legte Karlie das Mitgebrachte auf die hellbraune hölzerne Bordfläche mit dem Glanzanstrich.

"Un' - was nu?" gab Karlie sich begriffsstutzig.

"Bitte, bereiten Sie das Übliche vor, das Frau Tümmel bekommen soll, ja?" Den Zeigefinger präsentierte Herr Ernst Karlie. "Ah - ja! Bitte, wann hört ihr hier spätestens mit der Arbeit auf?"

"Halb vier!" kam Karlies prompte Antwort.

"Bis dahin werden Sie bitte alles für Frau Tümmel zum Abholen aufbewahren", unterrichtete Herr Ernst Karlie.

"Ja, gut, könnte sich von uns schon machen lassen", stimmte Karlie dem zu.

"Könnte möglich sein, daß Frau Tümmel so knapp vor halb vier wieder hier vorbeikommt. Kein Problem, das für Frau Tümmel in die Kühlung zu tun, nicht wahr? Hoffe, daß wir von Frau Tümmel in der Hinsicht nichts zu hören kriegen." Herr Ernst hob den Finger nochmals für Karlie. "Geht also klar? Wir haben uns verstanden?"

"Klar doch, daß's klargeht! Alles geht klar, echt wahr!" Das Kopfnicken in Dauergebrauch bei Karlie. "Werden wir gern tun, für die Frau da, jaja! Aber, es fehlen mir jetzt noch eins fünfzig. Eins fünfzig. Die eins fünfzig, die jeder hier zahlen muß ..."

 

Zu Verena guckte Herr Ernst, der in dunkelblauer Polizeiuniform und der Polizistenmütze auf, zurück, sich seitlich an die Holzkante der Ausgabetheke anlehnend.

In ihrer Hosentasche suchte Verena die zwei Münzstücke - eins fünfzig Cent in der Summe.

Die zwei Münzen - eins fünfzig - legte Verena Herrn Ernst, Herrn Ernst, der vor Verena hingetänzelt kam, in die offene Handfläche. Herr Ernst, der sich mit dem Münzendoppel in der Hand sofort zur Theke für die Ausgabe zurückbegab.

Der zweite, ältere und ranghöhere Polizeibeamte hatte sich wieder in die Nähe der Butzenglastüre verzogen - als hätte der Mann die Überlegung, sich dort aufzustellen, das sei nicht das schlechteste, falls Verena Tümmel daran dachte, plötzlich einen Fluchtversuch unternehmen zu wollen.

 

Dem Starren von Cornys Blick wichen Verenas Augen aus.

Hinter Mutti Corny, daß Klein Conny sich im Moment regelrecht hinduckte und klein machte.

Beinahe wie ein aufgescheuchtes, großäugiges armes Rehlein, Klein Conny. Eins, das nur einen einzigen Wunsch hatte: Zusammen mit Mutti Corny ins Unterholz zu springen. Auf und davon. Ob es an irgendwas die Schuld hatte oder nicht.

Klein Conny, die "Tante" Verena lange kannte.

"Tante" Verena, eine alte Bekannte von Mutti Corny.

Dauernd, daß Klein Conny "Tante" Verena beim Anstehen auf der Sozialstation traf, begleitete Klein Conny ihre Mutti.

Sogar daheim bei Mutti Corny war "Tante" Verena bereits ein-, zweimal. Bei Mutti Corny in der Wohnung ...

Und nun waren da Polizeibeamte auf die soziale Hilfsstation gekommen, zwei Beamte, die sich herausragend für "Tante" Verena interessierten. Was "Tante" Verena wohl Schlimmes angestellt haben mochte, daß Polizei sich um sie kümmerte?

 

Die zwei Mädels vom Sozialstationnachwuchs hatten lange aufgehört, die Plastikkörbe mit Lebensmittel für die Ansteher drunten zu füllen. Gemeinsam waren sie die graue Metalltüre aus ihrem Arbeitsraum herausgetreten.

Die Blond- und die Braunhaarige hatten sich - ihre weißen Schirmmützen auf, ihre weißen, hie und da mit diversen Fleckchen versehenen Schürzen vorgebunden - links und rechts von der Tür hingestellt. Für einen freien Schuß Blickfeld auf Verena und die Geschehnisse bei Verena.

Hansi tauchte bei den Hübschen auf.

Hochgewachsen stellte Hansi sich jenseits der Türschwelle leicht abgesetzt zwischen den Sozialstationschönheiten auf.

 

Mit gerunzelter Stirn betrachtete Hansi die Szene mit Verena mittendrinnen.

Einigermaßen verständnislos, Hansi. Als fehle ihm, Hansi, im Moment irgendein Mosaiksteinchen, das ihm dieses Bild hätte vervollständigen können.

Das runde, weiße Plastikkopfhörerteil, das sich an Hansis Ohrläppchen anschmiegte. Von dem Hartplastik am Ohr, daß der schwarze Mikrophonarm nach vorn wegverlief. Bis zur Mitte der Wange.

Hansi, der einzige vor Ort mit einem Headset. Eine Instrumentenanlage, mit der Hansi ausschaute, einer wichtiger als wichtig.

Hansi, mit seinen blonden, kurzen Haaren. Als wäre er der Mann. Er, Hansi, der eigentliche Beherrscher der Szene. Der Befehlegeber. Jeder Geste Hansis, der gehorcht werden müßte.

Nichtsdestotrotz, kein Mensch, der sich um Hansi kümmerte. Niemand, der Hansi überhaupt irgendwie großartig beachtete. Außer Verena.

 

Vom gutaussehenden, großen Mittdreißiger im dunkelgrauen Anorak und der Blau-Hose - der bei Klein Conny, der Elfjährigen, so weit vorn dran war, daß Klein Conny sich bei ihm aufführte, als müßte er das Mädchen, Cornys Tochter, nur noch bei der nächstbesten Gelegenheit wie einen reifen Apfel vom Baum herunterpflücken -, von dem sah Verena überhaupt nichts mehr am Szenenbild.

Ebensowenig, daß Verena irgendwas von der mit dem schwarzglänzenden Färbehaar und der Kinnwarze blickte.

Mußten sich demnach beide schon, wenn sie nirgends anders hingegangen waren, fürs Runterfahren bereit im Lastenaufzug hinter Verena befinden.

Wenigstens zwei, die nicht die allergeringste Lust hatten, für die von der Polizei weithin sichtbar herumzustehen und sich in ausschweifender, aufdringlicher Gafferei zu ergehen.

Das war Verena wirklich bewußt total entgangen, daß sich der Mitte der dreißiger Jahre seines Lebens mit dem dunkelgraufarbenen Anorakteil an mit seinem mehr oder weniger gefüllten Plastikkorb und der Plastiktüte mit dem Obst und Gemüse drinnen seitlich an ihr, Verena, vorbeigestohlen haben mußte, in den Aufzug hinein zu gelangen.

 

 

"... He! Hee-hee, Frau Tümmel! Hallo! Keiner mehr daheim? Was ist denn das mit Ihnen? Schon wieder träumen Sie im Stehen in der Gegend rum. Sie träumen hier im Stehen durch die Gegend. Sie haben nicht gehört, was ich zu Ihnen gesagt habe, nicht? Nicht ein Wort, ja? Nicht ein einziges, nicht? Ich habe zu Ihnen gesagt: Bitte, Frau Tümmel, kommen Sie jetzt mit uns mit. Los, kommen Sie, Frau Tümmel. Wir wollen aufbrechen, ja? Jetzt sollten wir langsam gemeinsam miteinander hier weggehen. Oder was ist mit Ihnen? Weigern Sie sich? Sollen wir Sie in die Mitte nehmen und abführen?" Mit dem Finger deutete Herr Ernst Richtung dem höherrangigen, älteren Kollegen und der Butzenglasgangtüre.

Voll hilflos fühlte Verena sich, war resigniert willens, allem zu gehorchen. Trotzdem, daß Verena sich nicht regte. Nicht einen Millimeter schaffte Verena sich in Bewegung.

Aufmerksam guckte Herr Ernst, Herr Ernst, mit seiner dunkelblauen Polizeimütze mit einem doppelten weißen Kordelschnürchen am Stoffteil und dem vorstehenden schwarzen Plastikschirm am Kopf droben, auf Verena herunter.

 

Unvermittelt, das Kopfnicken Verenas. Sie, Verena, sie würde mitkommen.

Überallhin wollte Verena mitkommen. Keine Umstände, die Verena machen würde.

Verena unter dem Arm fassen, Verena anpacken oder so - das mußte Verena keiner. Auch nicht Herr Ernst.

Ihren Koffer auf Rollen, den sie in ihrem Rücken stehen hatte, den vergaß Verena nicht. Nach dem Haltegriff faßte Verena, den Rollkoffer hinter sich herzuziehen.

"Nein!" rief Herr Ernst aus. "Nicht den Koffer. Den Koffer brauchen wir nicht dabei. Den lassen Sie bitte da, Frau Tümmel."

"A-aber ...", begehrte Verena auf. Den Metallgriff hatte Verena trotzdem losgelassen, als hätte sich Verena an ihm unvermittelt die Finger verbrannt.

"Bitte, Frau Tümmel, darf ich?" Herr Ernst mit seiner Frage und einem Fingerzeig.

Ohne eine Antwort Verenas abzuwarten, nahm Herr Ernst den Rollkoffer am Haltegriff, hob das leere Kofferteil hoch. Um es mit langgestrecktem Arm vor sich zu halten. Daß Herr Ernst beinahe wie einer ausschaute, der mit dem einarmigen Stemmen eines Gewichts prahlen wollte.

"Den Koffer hier sollen die Leute hier auch für Sie aufbewahren, Frau Tümmel", sprach Herr Ernst laut in die Umgebung. "Sollte Frau Tümmel heute nicht mehr hier vorbeikommen, werden wir sicher eine Gelegenheit finden, von der Wache aus hier anzurufen."

Auf Herrn Ernst glotzte Verena.

"Es wird nichts wegkommen, was Ihnen gehört, Frau Tümmel. Das dürfen Sie mir ruhig glauben." Großzügig lächelte Herr Ernst Verena eins, wandte sich von Verena ab und setzte sich in Bewegung.

 

Die hübschgesichtigen Schirmmützenträgerinnen von der Sozialstation, die weiße Schürzen vorgebunden hatten, übersah Herr Ernst. Hansi, der den Betrieb mit leicht offenem Mund auf Dauergaffen hatte, eine Runde hinnickend, hielt Herr Ernst den metallenen Griff des Koffers knapp vor die weiß-blau gestreifte Hemd- und weiße T-Shirt-Brust, daß die Kante des vorderen Kofferrands unten Hansi ein bißchen gegen die Knie schlug.

Das gute Stück Koffer sollte, mußte Hansi Herrn Ernst abnehmen.

Nach einigem Zögern packte Hansi mit seinen zwei Händen zu, Hansi, der die Stirn tief in Falten hatte, stumm blieb.

Von Hansi, dem örtlichen Headset-Menschen, trat Herr Ernst einen Schritt zurück.

Bedächtig setzte Hansi das Kofferteil am Boden auf seine Rollen auf.

"Das wär's dann aber jetzt wirklich für uns hier", konstatierte der ältere, ranghöhere Polizist, der wieder näher an Verena rangekommen war, mit arroganter Stimme. "Das hat jetzt wirklich alles lange genug hier gedauert. Kommen Sie bitte mit uns mit, Frau Tümmel. Wenn nicht freiwillig - werden wir Sie abführen."

"A-aber - wa-warum so-soll i-ich ...?" konnte Verena nicht an sich halten, stotternd die Frage anzubringen. "I-ich ..."

"Das besprechen wir besser nicht hier, nicht in aller Öffentlichkeit, Frau Tümmel", entgegnete der Vier-Sterne-Polizist. "Reden können wir darüber auf der Inspektion ruhiger. Wenn also hier am Ort alles geregelt ist, würd' ich Sie bitten, Frau Tümmel, ohne weitere Umstände mit uns mitzukommen. Kommen Sie bitte, jetzt!"

"I-ich ..."

"Mein Kollege und ich, wir führen Sie hier ab, Frau Tümmel! Renitenz bringt Ihnen sicherlich nicht den allerkleinsten Vorteil. Würd' sagen, überhaupt keinen. Haben wir uns verstanden?"

Über die feuchte Stirn wischte Verena sich mit dem Papiertaschentuch aus der Hosentasche.

Die Butzenglastüre hielt Herr Ernst auf. Auf Verena guckte Herr Ernst hin, Verena, die kommen sollte.

"Gut, gut, ich komme. Ich komme ja." Ein Kopfnicker Verenas, der aussagte, daß Verena die Herrschaften von der Polizei begleiten würde. Irgendwie anfassen, das mußte Verena keiner; Handschellen mußten Verena ebenso keine angelegt werden.

 

 

Die Flurgangtüre aus Butzenglas hatte Verena mit einem Gefühl des Unwillens hinter sich gelassen. Am Flur, auf dem im Moment kein Mensch zufällig rummarschierte, begab Verena sich zu dem Durchgang, durch den sie zu den Stiegen das Treppenhaus hinab gelangen konnte.

Abrupt wandte sich Verena zu den beiden Uniformierten von der Polizei um.

"Was ist denn?" meinte der Ältere des Polizistenduos - der mit den vier weißen Sternen auf seinen Jackettschultern -, zu Verena herunter. "Stimmt schon alles genau - da geht's runter. Macht Ihnen doch kein Problem, oder? Oder hätten wir anordnen sollen, daß wir den Aufzug hinunter nehmen? Müssen Sie schon sagen, wenn Sie nicht gut zu Fuß sind."

"Nein, wegen mir müssen wir nicht den Aufzug nehmen." Die Schulter zuckte Verena mit geschürzten Lippen, blinzelte zu den Polizisten hoch. Nahe dran war Verena, in ihrer Situation in Tränen auszubrechen.

"Schön! Wenn Sie es also nicht mit den Füßen haben ... - dann los!" Der ältere Dunkelblauuniformträger mit seiner dunkelblauen Mütze am Kopf deutete mit dem Finger auf die ersten der grauen Betonstufen abwärts.

Ein Fingerzeig, dem Verena jedoch nicht gehorchte. Regungslos verweilte Verena auf der Stelle.

 

"Sie wer-werden mir do-doch schnell et-etwas davon sagen können, was Sie genau von mir wünschen", brach es aus Verena heraus.

"Nein!" widersprach der wichtigere Polizist. "Auf der Inspektion reden wir über alles, was Sie betrifft, Frau Tümmel. Wenn Sie also, Frau Tümmel ... Oder wollen Sie von Herrn Ernst unter dem Arm genommen und von Herrn Ernst hier hinabgeführt werden ...? Kann Herr Ernst schon machen, das. Alles kann Herr Ernst machen. Auch das, Ihnen Handschellen anzulegen ..."

"Nein, nein, keine Handschellen. Ich geh' ja schon ..." Herum drehte Verena sich, trippelte auf die Gehfläche.

Die Betonstufen hinunterzusteigen fing Verena an, unmittelbar auf dem Fuß gefolgt von den zwei Mann hoch von der Polizeibehörde.

 

Wie in Trance fühlte Verena sich, als sie drunten die Treppenhaustüre mit einem kräftigen Ruck aufzog.

Gesichter blickten Verena entgegen. Viel zu viele Gesichter.

Männer, Frauen. Ältere, jüngere Figuren verschiedenster Größe. Dick, dünn. Einmal häßlicher, einmal weniger häßlich. Anoraks, Jacketts, Mäntel, zumeist in grauer, schwarzer Färbung. Beim Beinkleid beherrschte die Farbe Blau langweilig die Welt. Auch als Altherrenhose.

Welche der Anstehgruppe der "Blauen", die Verena entgegenstarrten. Deren Augenpaare sich jedoch schnell von Verenas Gestalt abwandten, sich auf das Doppel Polizeiuniformierter in Verenas Rücken richteten.

Aggressiv, feindselig, daß sich manche Augen am Anblick der uniformierten Polizei festsaugten.

"Was ist?" vernahm Verena den Höherrangigen des Polizistenduos, dessen Pensionierung vielleicht nicht mehr in allzu weiter Ferne lag. "Wir wollen hier keine Wurzeln schlagen, liebe Frau, oder?"

"Nein, wollen wir nicht." Den Kopf schüttelte Verena nach links rückwärts.

 

"Hallo, Leute!" erlauschte Verena Herrn Ernst rechts von sich. "Machen Sie bitte mal für uns Platz. Wir wollen hier durch."

"He!" klang ein Ausruf mitten aus der Anstehergruppe. "Was hat die Frau da denn bei denen droben angestellt, daß ihr, die Bullen, sie abführt?"

"Reiß dich bloß zusammen, du Kerl!" kam es vom Vier-Sterne-Polizeibeamten in Verenas Rücken. "Sag noch mal 'Bullen' - dann kommst ebenfalls schnell mit uns mit. Wirst von uns in Handschellen hier weggeführt. Los, du mußt nur das Wort 'Bullen' wiederholen, kümmern wir uns um dich. Da mußt du keine Sorgen haben."

 

Am Unterarm wurde Verena grob angefaßt. Von Herrn Ernst.

"Was stehen wir hier nur rum, Frau Tümmel?" war es Herr Ernst, der nicht nett zu Verena war. "Wir gehen weiter, Frau Tümmel. Los, los."

Die Ansteherleute, die eine ausreichende Gasse für Verena und die Polizeibeamten freimachten.

"Vielleicht hat die oben randaliert ...", erreichte der Kommentar einer Frau Verenas Gehörgänge.

"Wenn sie einen angegriffen hat ...", erklang eine zweite. "Auch schon passiert ..."

"Muß was Schlimmes droben angestellt haben, die - sonst wär die Polizei nicht gekommen ...", säuselte die nächste Geschlechtsgenossin Verenas, eine blonde Alte, als Verena vorüberkam.

Ein regelrechter Spießrutenlauf war dieser Auftritt für Verena. Während es für Verena, am Ellenbogen angefaßt und vorangeleitet von Herrn Ernst, immer weiter durch die Menschenmenge ging.

"Scheiß mich an!" ließ ein junger, grobgesichtiger Kapuzenkerl linker Hand nahe bei Verena lautstark in das Rund vernehmen, als Verena bei ihm vorüber war. "Geh mir einer 'nen Spargel holen ..."

Verena spürte die Tränen heiß, die ihr dick die Wangen hinunterliefen.

Ins Freie hinaus war man gekommen. Durch die gläsernen Türflügel, die, am Boden mit Holzklötzen festgemacht, aufstanden.

 

 

Wie aus einem trüben Dämmer zu sich gekommen, entdeckte Verena sich plötzlich vor dem beim ehemaligen Hausmeisterseitengebäude geparkten Polizeiauto.

"Wir fahren mit Ihnen schnell auf die Inspektion, Frau Tümmel", meinte Herr Ernst zu Verena, öffnete Verena hinten die Seitentüre des cremefarbenen polizeilichen Fahrzeugs mit den grünen Streifen. "Hinein mit Ihnen!"

Bewegung gewahrte Verena aus den Augenwinkeln. Statt Herrn Ernsts befehlenden Worten zu gehorchen, wandte Verena sich lieber demjenigen zu, der da daherkam. Auf das, was sich bei dem Neuankömmling abspielte.

 

Großäugig hatte Verena Herrn Mendls Gestalt im Blick.

Herr Mendl, schwarze Jeans an, graue Wollweste, war mitten auf der Örtlichkeit beim Auto der Polizisten angekommen.

Einigermaßen aufgeregt aussehend, daß sich Herr Mendl gegenüber dem Vier-Sterne-Polizisten aufbaute. Beide Arme, die Herr Mendl in die Hüften stemmte.

"Ich grüße Sie, Herr Polizeihauptmeister Dischinger!" eröffnete Herr Mendl die Unterhaltung. "Es ist mir wirklich eine Ehre und eine Freude, den Leiter der Polizeiinspektion persönlich hier auf dem Gelände der Sozialstation zu sehen. Mein Name ist Mendl. Gerald Mendl. Sicherlich kennen Sie mich noch schnell. Vor ein paar Tagen war ich erst bei Ihnen auf der Inspektion. Wir haben uns da sogar die Hand gegeben und ein paar Sätze miteinander gewechselt. Wissen Sie sicher noch ..."

"Sicher kenn' ich Sie noch, Herr Mendl", gab Herr Dischinger, den Herr Mendl "Polizeihauptmeister" und "Inspektionsleiter" genannt hatte, mit gerunzelter Stirn und alles andere als erfreut kund. "Ihr Chef, Gratzel - Gratzel, der Mann, der das hier managt -, der hatte nicht kommen können. Deswegen hat man Sie bei uns vorbeigeschickt. Sie, Herr Mendl."

"Stimmt genau. Tatsache. So war das. Bitte, Herr Polizeihauptmeister Dischinger - wie soll ich sagen ...? Es ausdrücken ...?" Die Hände rang Herr Mendl, als hätte er damit ein Problem, die rechten Ausdrucksweisen zu finden. "Sie befinden sich hier auf dem Gelände der Sozialstation, Herr Polizeihauptmeister Dischinger. Hier auf der Station haben wir das Hausrecht."

"Na - und ...?" Kühl guckte Herr Polizeihauptmeister Dischinger auf Herrn Mendl. "Was wollen Sie mir damit sagen?"

"Sie können hier nicht einfach herkommen, eine Festnahme durchführen, Herr Polizeihauptmeister ..." Mit der Hand fuhr Herr Mendl sich fahrig durch das brünette Kurzhaar. "Ich würd' sagen, wenn Sie hier auf dem Gelände der Sozialstation Amtshandlungen durchführen wollen, sollten wir, die Mitarbeiter der Sozialstation, vorher zumindest darüber Bescheid gesagt bekommen."

"Das ist keine Festnahme, Herr Mendl, darin irren Sie sich", erklärte Herr Polizeihauptmeister Dischinger herablassend. "Wir benötigen die Frau da lediglich für ein dringendes klärendes Gespräch. Für uns ist es notwendig, mit der Frau da ein paar Dinge zu klären. Abzuklären. Dafür holen wir die Frau hier ab. Eine Verhaftung ist eigentlich was anderes ... Verhaftet haben wir hier niemanden."

"Sei dem, wie dem sein will, Information wäre trotzdem nötig gewesen, Herr Polizeihauptmeister", beharrte Herr Mendl auf seiner Sicht der Dinge. "Ich trage momentan für alle Vorkommnisse auf der Station die Verantwortung. Als solches hätte jemand mir Mitteilung machen müssen."

"Jemand hat es ihnen mitgeteilt ..." Seine fast schwarze, dunkelblaue Mütze, die Herr Polizeihauptmeister Dischinger abnahm, blondes Kurzhaar zeigte.

"Aber nicht Sie!" war Herr Mendls Einwand.

 

Herr Polizeihauptmeister Dischinger seufzte nach ein paar längeren Momenten vielsagenden Schweigens. "Na schön, Herr Mendl! Es ist, wie es ist. Die Frau kommt jetzt auf alle Fälle mal mit uns mit. Was die nächsten Tage weiter mit ihr wird, wird sich noch entscheiden. Erst mal unterhalten wir uns bloß mit ihr. Dringend müssen wir ihr ein paar Fragen stellen. Undurchsichtige Umstände in einigen uns bekannt gewordenen Fällen sind aufzuhellen. Gewisse Kleinigkeiten bei der Frau sind nur schwer zu durchblicken. Da soll sie uns bei der Aufklärung helfen ..."

"So genau will ich das eigentlich überhaupt nicht wissen, was Sie von der Frau dort wünschen, Herr Polizeihauptmeister." Die Stirn gerunzelt, zuckte Herr Mendl die Schulter. "Sehe das einigermaßen, daß sich jetzt nicht mehr viel an den Geschehnissen ändern läßt. Ich meine, für diesesmal lassen wir die Sache auf sich beruhen. Aber das nächstemal, wenn Sie wieder in solchen Absichten hierherkommen wollen, wünschen wir, vorher davon verständigt zu werden. Das sollte für Sie von der Polizei gewiß kein Problem sein, möchte die Polizei hier eintreffen, jemand abzuholen - zu was auch immer -, daß wir davon zuvor eine Benachrichtigung bekommen. Das sollte eigentlich problemlos zu machen sein, nicht wahr?"

Ungeduldig betrachtete Herr Polizeihauptmeister Dischinger Herrn Mendl, statt Herrn Mendl weiter irgendwas erzählen zu wollen.

"So war es bisher eigentlich immer", setzte Herr Mendl fort, "daß wir die Polizei ... Oder daß die von der Polizei bei uns ... So ist jeder Seite gedient. Oder ist ihr so nicht gedient? Sehen Sie das anders?"

"Hat sich durchaus an nichts irgendwas geändert. Stimme dem voll und ganz zu." Die Lippen, die Herr Polizeihauptmeister Dischinger fest zusammenpreßte, die Mundwinkel tief herabgezogen. "Dann wäre das jetzt geklärt. Wenn's nichts weiter zu bereden gibt, Herr Mendl ..., fahren wir jetzt hier ab. Auf Wiedersehen, Herr Mendl!"

"Sehe ich auch so!" Drei-, viermaliges Kopfnicken Herrn Mendls. "Daran sollte eigentlich jede Seite Interesse haben, daß alles beim alten bleibt. Wollte nur lediglich kurz unseren Standpunkt - den der Sozialstation - zum Ausdruck gebracht haben, Herr Polizeihauptmeister Dischinger. Das habe ich hiermit getan, denke ich. Also, schönen Tag noch, Herr Polizeihauptmeister!"

"Paßt schon, der Tag!" versetzte Herr Polizeihauptmeister Dischinger. "Alles fit im Schritt. Kann man lassen. Ist's bei Ihnen nicht der Fall - kann ich auch nichts dafür."

Ein Momentchen stierte Herr Mendl auf Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, machte dann auf dem Absatz kehrt, um sich zwischen die Menge der Ansteherleute zu begeben, dort dazwischen zu entschwinden.

 

 

Zu Bewußtsein kam Verena die Tatsache, daß Herr Mendl, der momentan der Obere der Sozialstation war, zwar herbeigekommen war. Ein bißchen, daß Herr Mendl herumgeschwatzt hatte. Nun war Herr Mendl aber auch schon wieder auf und davon. Die gesamte Situation war wie zuvor: Verena, die sich in der Gegenwart von Polizeibeamten - Herrn Ernst und Polizeihauptmeister Dischinger - befand. Mit diesen Männern in Polizeiuniform, daß Verena alleine war.

Voll am Boden fühlte Verena sich. Verena schluchzte. Frische Tränen stürzten Verena die Wangen herab.

"Steigen Sie jetzt ein!" zischte Herr Ernst Verena unfreundlich hin, Herr Ernst, der Verena die Fondtüre des Polizeifahrzeugs aufhielt. "Wir wollen hier wegkommen ..."

Bei Verena langte Herr Ernst hinauf, legte Verena die Handfläche auf Schopf und Kopf. Mit leichtem Druck machte Herr Ernst nachdrücklich, daß Verena die Knie beugen und einsteigen sollte.

Hinten stieg Verena in das weiß cremefarbige Polizeifahrzeug mit den breiten grünen Streifen, der Sirenen- und Blaulichtbalkenanlage auf der Autodachmitte ein.

"Rutschen Sie rüber!" verlangte Herr Ernst von Verena, die drinnen am Sitz hockte. "Menschenskind, Sie -! Sie -! Ich sag's Ihnen ..."

Eifrig nickte Verena zu Herrn Ernst, dem Polizisten, draußen hoch, beeilte sich, auf den Fondsitzen nach dem anderen Autofenster rüberzurutschen.

 

Beinahe hatte es auf Verena den Eindruck gemacht, Herr Ernst, der sich neben Verena auf die Sitzfläche plaziert hatte, hätte nach Verena hauen mögen, hätte Verena sich seinen Wünschen gegenüber bockig gezeigt.

Jetzt saß Herr Ernst mit ausdrucksloser Miene reglos neben Verena.

Herr Polizeihauptmeister Dischinger öffnete die Fahrertüre des polizeilichen Dienstfahrzeuges, setzte sich mit einem Seufzer hinter das Lenkrad. "Dieses Gesocks hier ... Die, die sie versorgen, die passen gut zu denen ... Selber Penner. Diese Socke von Mendl ... Was für eine Socke!"

"Kann man nicht anders sagen", meinte Herr Ernst zustimmend.

"Ich könnte die Zecke nehmen, sie ..., sie zwischen den Fingern ..."

 

Quer durch die ganze Stadt ans gegenüberliegende Ende mußte gefahren werden, von der Sozialstation zur Polizeiinspektion zu gelangen, ging es Verena durch den Kopf.

Was dort auf der Inspektion aber von denen von der Polizei von Verena genau gewünscht würde, daß Verena deswegen extra vom Inspektionsobersten und einer Begleitung persönlich aus der sozialen Station des Städtchens abgeholt werden mußte, das war Verena nicht recht begreifbar.

Ein Anruf bei Verena Tümmel in der Wohnung hätte eigentlich genügt, und Verena wäre zum vereinbarten Termin dann auf der Inspektion vorbeigekommen.

So aber war Verena was falsch. Hier war was falsch.

 

Vor der ersten Ampel, die auf Rot stand, wurde Verena sich wieder bewußt. Als hätte Verena die Abfahrt vom Hinterhof der Sozialstation verpaßt. Die trotz des Verkehrs ein- und ausfahrender Fahrzeuge für die Leute im Polizeiwagen reibungslos verlaufen war.

"Wären Sie daheim gewesen, Frau Tümmel", öffnete Herr Polizeihauptmeister Dischinger für Verena den Mund, "hätte es das mit unserem Eintreffen auf der Sozialstation nicht gebraucht. Seit zehn Minuten vor zehn Uhr rufen wir bei Ihnen daheim an. Alle zehn Minuten. Alle zehn Minuten, daß wir bei Ihnen angerufen haben."

"Seit zehn Minuten vor zehn Uhr ...?" echote Verena mit aufgerissenen Augen, rieb sich das Kinn her.

"Seit zehn Minuten vor zehn Uhr," hielt Herr Polizeihauptmeister Dischinger die Tatsache für Verena fest, klang fast, als wäre er traurig. "Hätten wir uns gerne erspart, wegen Ihnen auf die Sozialstation fahren zu müssen, Frau Tümmel. Geben Sie mir eine Zigarette, Herr Ernst."

"Konnt' nicht zu Hause sein", entfuhr es Verena mit heiserer Stimme. "Konnt' überhaupt nicht zu Hause sein. Um halb zehn Uhr hatte ich einmal einen Termin. Bei Herrn Mendl in seinem Büro. Seit ein paar Minuten nach zehn Uhr bin ich dann angestanden. Für 'gelb'. 'Gelb' ist um zehn dran. Kann doch nicht wissen, daß ..."

"Bei der Zecke hatten Sie also einen Termin, Frau Tümmel ...?"

 

Das polizeiliche Automobil fuhr langsam an, nachdem es ziemlich lange gedauert hatte, daß die Ampel von Rot auf Grün schaltete.

Die Filterzigarette hatte Herr Ernst aus der Packung geklopft. Auf die Uniformjackettschulter rechts tippte Herrn Ernsts Finger bei Herrn Polizeihauptmeister Dischinger.

Die linke Hand von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger langte über die rechte Schulter hoch. Zwischen Zeige- und Mittelfinger schob Herr Ernst die Filter.

"Danke, Wachmann Ernst!" Mit der Zunge schnalzte Herr Polizeihauptmeister Dischinger. "Nun, Frau Tümmel - weil Sie nicht an Ihr Telefon gegangen sind, sind wir bei Ihnen zu Hause vorm Haus vorgefahren. Wir haben an Ihrer Wohnungstür geläutet, Sie haben nicht aufgemacht ..."

"Zweimal die Woche muß ich auf die Sozialstation!" Einen aufgeregten Klang hatte Verenas Stimme. "Sie rufen an, wenn ich nicht daheim bin. Kann ich vielleicht wissen, daß die Polizei nach halb zehn was von mir will ...?"

"Zum Glück hat die Frau des Hausmeisters - Frau Levid - uns im Erdgeschoß die Tür aufgemacht, Frau Tümmel ..." Mit dem Feuerzeug zündete Herr Polizeihauptmeister Dischinger sich seine Filterzigarette umständlich an, mußte daraufhin zweimal kurz trocken husten. "Frau Levid hat uns gesagt, daß Sie, Frau Tümmel, gesagt hätten, daß Sie auf dem Weg zum Doktor wären. Und dann später zum Einkaufen. Das würde aber sicher bei Frau Tümmel so nicht stimmen, sagt Frau Levid. Viel eher wär zu vermuten, daß sie, Frau Tümmel, zur Sozialstation wären. Um da bei den Hungerleidern mit anzustehen. In der Reihe."

"Frau Le-vid", quetschte Verena zwischen den Lippen hervor - 'Le-vid', zwei Silben, wie ein Fluch.

 

Voll heiß, daß es Verena geworden war. Der Kehlkopf hüpfte bei Verena in einer Tour.

Käthe, das dicke Eheweib des Hausmeisters von Verenas Wohnblock, die wußte. Käthe, die Hausmeistersfrau wußte, daß Verena ... Vielleicht seit längerem.

Käthe Levid hatte davon Mitteilung gekriegt, daß Verena Tümmel öfters die Woche aus dem Wohngebäude wegging. Nicht etwa, um einen Arzt in seiner Stadtpraxis aufzusuchen. Zum Einkaufen. Oder zu sonst einem Zweck. Käthe Levid war es bekanntgemacht worden, daß Verena Tümmel auf die Sozialstation des Städtchens marschierte.

Etwas, das Käthe, die gräßliche, feiste Kröte, die aufdringliche Hausmeistersgattin, niemals erfahren hätte dürfen.

Nicht das allergeringste, daß Käthe das zu interessieren gebraucht hätte. Überhaupt nichts, daß das "Fettauge"-Käthe anging.

Nicht das geringste, daß Käthe das zu jucken gehabt hätte.

Obwohl die Tatsache, daß Käthe nicht bereits die letzten Jahre irgendwann größere Kleinigkeiten davon mitgekriegt hatte, für Verena sicherlich als Riesenzufall und -glück zu werten war.

 

Die Fortsetzung der Reise im polizeilichen Dienstfahrzeug zusammen mit Herrn Polizeihauptmeister Dischinger und Herrn Wachmann Ernst, die empfand Verena als einzigen Alptraum.

Kein weiteres Wort, das noch aus dem Mund der beiden Polizisten fiel.

Herr Polizeihauptmeister Dischinger rauchte, während er den Wagen lenkte. Herr Ernst, unmittelbar bei Verena zur Linken am nächsten Fondsitz, tat dasselbe wie sein Chef.

Hauptsächlich durch die Nase stieß Herr Ernst den Rauch aus. Ein toller weißer Raucher.

Polizeifunk oder ähnliches schien es bei Herrn Polizeihauptmeister Dischinger und Herrn Wachmann Ernst im dienstlichen Fahrzeug nicht zu geben.

Die Anlage war entweder lautlos geschaltet. Oder gar nicht an.

Jedenfalls störte während den sich sammelnden Minuten der fortgesetzten Autofahrt mit Ampelstopps nichts weiter die Stille zwischen den Fahrzeuginsassen. Von dem einen oder anderen Hupgeräusch von außerhalb abgesehen. Diversen vernehmbaren Stimmfetzen.

 

 

Den Blinker hatte Herr Polizeihauptmeister Dischinger lange gesetzt.

Die Ampel schaltete auf Grün. Los wurde gefahren.

Nach links steuerte Herr Polizeihauptmeister Dischinger das Polizeiauto auf die freie Gegenfahrbahn.

Am Bestimmungsort war man angekommen. Ein Umstand, der Verena die Tränen heiß die Wangen hinunterschickte.

Mit dem Papiertaschentuch aus der Hosentasche wischte Verena die salzige Nässe fort.

Die Polizeiinspektion war zur Hauptstraße hin ein weißgestrichenes, langgezogenes, dreistöckiges Gebäude mit jeder Menge Fenstern, einem Flachdach samt mehreren hochragenden Antennen, deren Zweck Verena nicht überblickte.

Eine Örtlichkeit war das, deren Inneres Verena im Grunde genommen nicht unbekannt war. Mehrmals im Laufe der letzten Jahre war Verena schon in dieser und in Nebengebäuden drinnen gewesen. Hatte sitzend wartend Gänge bevölkert.

Den Bogen der Seitenstraße wählte Herr Polizeihauptmeister Dischinger, lenkte das polizeiliche Einsatzfahrzeug hintenrum.

Als Herr Polizeihauptmeister Dischinger den Polizeiwagen auf das straßenbreite weißfarbene Gittertor in der weißen Mauer zusteuerte, begannen sich die Torhälften ziemlich rasant automatisch nach links und rechts seitlich zu schieben.

Die Weitläufigkeit des Parkplatzes, auf den von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger eingefahren wurde, hätte jedem Supermarkt zur Ehre gereicht. Entsprechend viele Kleintransporter und Autos, die alle ausschließlich der Polizei gehörten, standen geparkt am Ort herum. Bereit für den nächsten Einsatz. Oder einfach zur Abfahrt.

 

Nahe der weißen Hauswand unter einem rechteckigen Großfenster parkte Herr Polizeihauptmeister Dischinger den Wagen, stellte den Motor ab.

"Da wären wir also, alle zusammen, Frau Tümmel", konstatierte Herr Polizeihauptmeister Dischinger, der sich auf seinem Sitz nach Verena umgewandt hatte. "Wir sind da. Da angekommen. Da, wo wir eintreffen sollten."

Die Lippen preßte Verena fest aufeinander, blinzelte Herrn Polizeihauptmeister Dischinger ins Gesicht.

Ein befremdlicher Augenaufschlag war das, mit dem Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verena fixierte. Als wäre Verena irgendein lästiges Insekt, eins, das Herr Polizeihauptmeister Dischinger am liebsten noch in dieser Sekunde zwischen seinen Fingern zerdrückt hätte.

Weit, weit fort wünschte Verena sich, an einen anderen, besseren Ort. Regelrecht auf Dauerschleife, daß Verena den Wunsch im Augenblick hatte.

 

Unvermittelt öffnete Herr Ernst, der ebenfalls noch da war, auf seiner Seite die Fondtüre. Herr Ernst stieg aus dem Fahrzeug aus.

Das mit Herrn Ernst, das gab Verena die Möglichkeit, dem bohrenden Blick Herrn Polizeihauptmeisters Dischinger auszuweichen. Mit der Hand, daß Verena hinfaßte, bei sich ebenfalls die Fahrzeugtüre für sich aufzumachen.

"Nein!" Der Ausruf von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger. "Das tun Sie nicht. Das lassen Sie schön bleiben."

Die Finger Verenas, die augenblicklich von dem Türgriff wegzuckten.

Die Stirn von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger lag in tiefen Falten. Es schaute aus, als wartete Herr Polizeihauptmeister Dischinger nur darauf, daß eine falsche Handlung, ein mißratenes Wort Verenas ihm die Gelegenheit gäbe, am Fahrersitz hochzurumpeln, Verena hinten auf ihrem Fondsitzplatz anzupacken und Verena ein paar links und rechts zu verpassen.

 

"Bitte, Frau Tümmel, bei mir spielt die Musik!" erlauschte Verena irgendwann nach einigen ewig langen Momenten den spöttischen Stimmklang von Herrn Ernst, Herr Ernst, der sich draußen stehend herabbeugte, nach Verena ins Wageninnere hereinguckte. "Das meint mein Chef. Das will er Ihnen sagen, daß es Ihnen sicherlich nichts ausmacht, auf meine Seite hier herüberzurutschen, bei mir drüben auszusteigen, oder? Oder? Oder macht das Probleme?"

"Nei-ein, macht es nicht!" Eifriges Kopfnicken Verenas. "Klar mach' ich das. Geht auch klar. Kein Problem, ich rutsch' rüber. Rutsch' zu Ihnen rüber."

"Dann machen Sie das bitte auch!" dröhnte Herr Ernst. "Das wird Herrn Polizeihauptmeister Dischinger nicht böse machen, wenn Sie das machen. Wenn Sie brav sind, Frau Tümmel."

Eiligst, daß Verena auf den Fondsitzen zu Herrn Ernsts Wagentürseite hinüberrutschte.

 

Auf eine gemauerte Dreierstiege in so fünf, sechs Metern Entfernung deutete Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verena mit dem Zeigefinger. Die graue Fliesengehfläche oben führte zu einer Glastüre mit Art quergelegtem, dickerem Metallrohr als Aufziehgriff hin.

Ein Kopfnicker Verenas, daß Verena verstanden hatte, und Verena brachte sich in Bewegung, dort zu den Stufen hinzugehen.

Herr Ernst in seiner schmucken, dunkelblauen Uniform, die beinahe schwarz war, begab sich unversehens neben Verena hin, rempelte Verena heftig mit der Schulter an.

Ein Aufschrei Verenas. Zur weißgestrichenen Hausmauer taumelte Verena, aus dem Schritt gebracht.

Im allerletzten Moment vermied Verena es, mit ihrem Turnschuhfuß in das knapp meterbreite Blumenbeet zu den lila Tulpen hineinzusteigen.

Empört blinzelte Verena Herrn Ernst ins Gesicht.

 

Weiterhin die Tatsache für Verena erkennbar, daß Herr Ernst das Bedürfnis hatte, Ausführlicheres mit Verena anzustellen. Sollte Verena irgendwie Fehler machen.

Den ganzen Spaß von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger und Herrn Ernst, den konnte Verena gerade überhaupt nicht so richtig verstehen. Weshalb diese Feindseligkeit von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger und von Herrn Ernst gegenüber Verena? Was hatte Verena Herrn Polizeihauptmeister Dischinger oder Herrn Ernst denn Größeres getan, was Herrn Polizeihauptmeister Dischinger oder Herrn Ernst derart gegen Verena aufbrachte, Verena Gemeinheiten antun zu wollen?

Laut schluchzte Verena. Verena wußte nicht, was Verena sonst groß für sich anstellen hätte sollen, als sich mit dem Papiertaschentuch das nächstemal die Wangen herzuwischen und rumzuschluchzen.

Hinter sich erlauschte Verena einen dumpfen elektronischen Schnappklang.

Herr Polizeihauptmeister Dischinger, der mit dem Impuls aus dem Funkschlüssel in seiner Hand das Polizeifahrzeug abgeschlossen hatte.

 

 

Die drei Stufen auf die Gehfläche in einem Sprung nehmend, überholte Herr Ernst Verena, Verena, die sich entschlossen hatte, auf nichts bei den Polizeibeamten zu warten, sondern weiterzugehen.

Bei der Glastüre oben, daß Herr Ernst sich aufstellte. Herr Ernst, der die gläserne Türe am rohrartigen Haltegriff aufzog.

Alles, das Herr Ernst für Verena und Herrn Polizeihauptmeister Dischinger aufhielt, feindselig auf Verena starrend.

"Gehen Sie sofort hinein!" verlangte Herr Ernst, weil Verena auf der Fliesengehfläche stehengeblieben war, Verena, die sich nicht traute, an Herrn Ernst vorüberzumachen. "Wird's bald!"

"Nur immer rein in die gute Stube, Frau Tümmel ...", versetzte Herr Polizeihauptmeister Dischinger, baute sich auf der steingrauen Fliesenfläche neben Verena auf, faßte Verena in einer fließenden Bewegung am linken Unterarm. Ohne daß Verena in der Folge was weh tat. Außer, daß Verena die Berührung unangenehm war.

 

Von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger in eine kleine Gebäudevorhalle geführt, ging es für Verena auf graubefliestem Boden geradeaus vor eine Art Rezeption. Auf die Möglichkeit der Leibesvisitation, Durchschreiten einer Sicherheitsschleuse wurde bei Verena verzichtet.

Eine braune Holztheke, vor die die ganze Thekenlänge eine eineinhalb Meter hohe, zentimeterdicke Scheibe angebracht war. Wahrscheinlich kugelsicheres Glas.

Hinter der Empfangstheke, das entdeckte Verena, als sie sich unmittelbarer vor dem Thekenbord aufgebaut hatte, hockte eine junge Frau mit blondem Pferdeschwanz auf einem schwarzledernen Bürodrehstuhl. Ein hellblaues Hemd, bis oben zugeknöpft, das die Blondine anhatte.

Aus Verenas Sicht seitlich rechts von der jungen Polizistin mit dem hübschen, sympathischen Teenagergesichtchen befand sich ein großer Flachbildschirm auf der Tischfläche. Tastatur, Rechnermaus.

Überall am restlichen Arbeitsplatz lagen diverse papierne Dokumente einzeln oder bündelweise durcheinander. Rote, schwarze, gelbe Plastikablagefächer sah Verena fünffach übereinandergestapelt.

Ein hübsches Durcheinander, übersetzten Verenas Gedanken das Bild. War am Arbeiten, die vom Polizistinnennachwuchs.

 

"Hallo, Uschi!" grüßte Herr Polizeihauptmeister Dischinger die bildhübsche Blondine, als diese auf einem gelben Merkzettel zu schreiben aufgehört hatte, den Kugelschreiber weglegte und hochguckte.

"Hallo, Herr Polizeihauptmeister Dischinger!" klang die Erwiderung des Grußes durch Uschi, die man wegen ihres jugendlichen Aussehens auch noch "Mädchen" nennen hätte können.

"Bin zurück im Gebäude, Uschi", hielt Herr Polizeihauptmeister Dischinger die Tatsache für die "Rezeptionsdame" Uschi fest. "Ist Kommissar Moinson in Zimmer vier im ersten Stock? Habe Frau Tümmel persönlich geholt, und jetzt bin ich mit Frau Tümmel eingetroffen ..."

Die Computermaus wurde von Uschi gerührt, mit dem Zeigefinger draufgetippt. Das gleiche wiederholte sich.

Verena konnte es nicht am Flachbildschirm Uschis sehen. Aber Verena stellte sich vor, daß am Bildschirm ein "Fenster"-Dokument minimiert und ein anderes geöffnet wurde.

"Herr Kommissar Moinson hat nicht mitgeteilt, daß er außer Haus gegangen wäre, Herr Polizeihauptmeister Dischinger", unterrichtete Uschi, die durch die Glasscheibe zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger heraufblickte. "Herr Kommissar Moinson müßte also oben anzutreffen sein. Oder jeden Moment wieder dorthin zurückkommen."

"Danke, Uschi!" Kopfnicken Herrn Polizeihauptmeister Dischingers zu Uschi. "Wir bringen Frau Tümmel jetzt unverzüglich hoch. Und - ich möchte informieren, Uschi: Die nächste Zeit bin ich auch auf Zimmer vier im ersten Stock anzutreffen. Möchte nur dort gestört werden, wenn wirklich Wichtiges ist. Sonst bitte auf keinen Fall. Auf keinen Fall, ja? Es muß schon ganz, ganz wichtig sein."

"Ja, werde ich vermerken, Herr Polizeihauptmeister Dischinger." Uschis Nicken.

"Wir gehen rauf - Zimmer vier ...", sprach Herr Ernst zu Verena, zeigte mit dem Finger dorthin, wo breite, weißglänzende Sandsteinstufen anfingen, für den Fußweg hinauf in das nächste Stockwerk.

Lediglich interessiert guckte Verena ungefähr dorthin und in der Gegend rum.

"Ach, kommen Sie, Frau Tümmel ...", kam es von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger. "Wir gehen rauf, ja? Sie wollen doch jetzt nicht hier anfangen, uns größere Umstände zu machen? Jetzt, wo wir so schön beieinander und hier sind, nicht? Muß ich mir doch nicht die Sorgen machen, oder?"

Keinerlei Regung Verenas.

Das nächstemal, daß Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verena am Unterarm anfaßte, Verena mit sich mitzog.

Keinen Widerstand, den Verena dem entgegensetzte.

Was hätte Verena gegen die Wiederholung gleicher Szenen unternehmen sollen? Was immer Verena darüberhinaus anstellte, brachte Verena im Grunde höchstens in noch größere Fisimatenten. Größere als ohnehin schon.

 

 

Im Gleichschritt mit Herrn Polizeihauptmeister Dischinger stieg Verena die Steinstufen hinauf.

Geleitet von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, daß Verena im ersten Stock ankam.

Den ganzen langen Fenstergang vor sich sah Verena leer; schrecklich leer.

Nichts als verschlossene Türen, soweit Verena das überblickte. Kein Mensch, der gegenüber den grauen Türflächen auf einer der dunkelbraunen Holzbänke gehockt hätte.

Zumindest derzeit herrschte kein "Kunden"-Verkehr. Niemand, der irgendeine Kleinigkeit beobachten hätte können. Keine Zeugen nirgendwo.

 

"Zimmer vier, Frau Tümmel", redete Herr Polizeihauptmeister Dischinger auf Verena herab, Verena, die, von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger losgelassen, am Platz herumstand.

Verena starrte auf das dunkelblaufarbene, samtene Polizistenkleid von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger.

Ein schmuckes Jackett, eine ebensolche Hose. Die Schirmmütze hatte Herr Polizeihauptmeister Dischinger auf den Haaransatz hochgeschoben.

Sonst spielte sich nichts bei Verena ab, als daß Verena Herrn Polizeihauptmeister Dischinger im Auge hatte.

Weil Verena sich nicht weiter regte, wiederholte sich der Spaß, daß Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verena am Unterarm anfaßte und weiterzog. Verena, die sich abermals nicht dagegen wehrte.

 

Am Gang die vierte Türe, vor der Herr Polizeihauptmeister Dischinger stehenblieb, Verena freigab.

"IV" - die römische Zahl auf Höhe von Verenas Augen an der graugestrichenen Türfläche.

Wo rechter Hand gewöhnlich ein Namensschild in der weißen Mauer angebracht war, klaffte ein handflächengroßes Loch in der Wand. Derart tief, die Beschädigung, daß der rote Ziegel ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen war.

Ein Schaden, dachte Verena bei sich, der vielleicht infolge von Maurer- und Verputzarbeiten, die demnächst im großen Inspektionsgebäude stattfanden, behoben werden könnte. Oder auch nicht.

Herr Polizeihauptmeister Dischinger, der, der an die Bürotüre anklopfte.

Aus der Räumlichkeit drinnen gab es trotz des Klopfens nichts zu erlauschen.

"Gehen wir also hinein", redete Herr Polizeihauptmeister Dischinger zu Verena hin, drückte die Türklinke für Verena herunter.

Nach innen, daß die Tür aufschwang.

"Nach Ihnen, Frau Tümmel. Würden Sie bitte hineingehen ..."

 

Auf zwei senkrecht vorm großen Fenster zusammengeschoben stehende Schreibtische mit Tischlampen, Flachbildschirmen, Tastaturen und weiterer üblicher Büroorganisation schaute Verena.

Zimmerpflanzen in bauchiger, roter Töpferware standen auf dem langen, breiten Fensterbrett. Linker Hand gegenüber befand sich ein hochwachsender Gummibaum im Zimmereck.

Herr Kommissar Moinson, von dem Herr Polizeihauptmeister Dischinger zu Verena geredet hatte, war nicht in dem Büro anwesend. Nirgendwo.

"Setzen Sie sich bitte bei den Schreibtischen auf den Stuhl da in der Mitte, Frau Tümmel", redete Herr Polizeihauptmeister Dischinger, daß Verena der Holzstuhl ins Auge fiel, als wäre dieser plötzlich aus dem Nichts erschienen.

Umstandslos, daß Verena Herrn Polizeihauptmeister Dischinger gehorchte, sich selbsttätig zu dem besagten Holzmöbel im ordinär eckigen Stil hinbegab.

Auf die rote Polsterfläche hockte Verena sich mit dem Po nieder. Mit dem Rücken lehnte Verena sich an die Stuhllehne an.

Die Polizeibeamten - Herrn Polizeihauptmeister Dischinger und Herrn Wachmann Ernst -, beide hatte Verena im Moment hinter sich, und das bereitete Verena in ihrer Gegenwartswelt nicht eben ein besseres Gefühl für alles.

"Hm, Frau Tümmel!" hörte Verena Herrn Polizeihauptmeister Dischinger unmittelbar nahe ihres Rückens. "Wir können Sie doch für ein paar Augenblicke alleine lassen? Oder? Möchte nur kurz nachschauen gehen, wo Herr Moinson gerade abgeblieben ist. Nicht, daß uns das noch zu lange wird, bis Kommissar Moinson kommt. In Ordnung?"

"Ja-a ...!" Verenas Kopfnicken, der Versuch nach der rechten Seite zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger hinzuschauen, Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, den Verena trotzdem nicht sah. Ebensowenig wie Herrn Ernst.

Toter Winkel. Totester Winkel.

 

Gläserner Klang störte die Stille im Bürozimmer. Von einer Glasflaschenunterkante, die leicht gegen andere Glasflaschen schlug.

Das war Verena sich sicher, daß Verenas schreckhaftes Zusammenzucken Herrn Polizeihauptmeister Dischinger und Herrn Wachmann Ernst erfreut hatte.

Ein paar Sekündchen nach dem Glasflaschengeklinge, daß Herr Ernst sich links von Verena zeigte.

Mit geschürzten Lippen, gerunzelter Stirn stellte Herr Ernst Verena eine Dreiviertelliterflasche Mineralwasser knapp an die Schreibtischkante.

Zutiefst angewidert, der Gesichtsausdruck Herrn Ernsts, mit dem Herr Ernst sich Verena beschaute.

Das mit dem wenig freundlichen Wesen Herrn Ernsts, dem Wachmann mit dem einen weißen Stern links und rechts auf den Schulterklappen seines Uniformjacketts, das Verena anbetraf, das hatte für Verena jetzt langsam bedenklich eine lange Weile.

Die Unfreundlichkeit Herrn Ernsts, die Verena zum Mittelpunkt hatte, die schien sich sogar mit jedem Moment seines Herabstarrens zu potenzieren. Ohne daß Verena recht wußte, was Verena Herrn Ernst eigentlich Schlimmeres getan hätte.

Verena ließ einen Schluchzer hören.

 

"Also, Frau Tümmel ...", hielt Herr Polizeihauptmeister Dischinger für Verena fest, unsichtbar bleibend. "Ich und mein Kollege Ernst, wir gehen dann. Wird aber nicht lange dauern, bis ich wiederkomme. Zusammen mit Kommissar Moinson."

"Kei-kein Pro-blem", fühlte Verena sich zu einem Kommentar, einer Erwiderung gezwungen.

"Nun denn, Frau Tümmel, wir lassen Sie für ein paar Augenblicke hier alleine", klang Herr Polizeihauptmeister Dischinger. "Gehen wir, Herr Ernst. Lassen Frau Tümmel alleine, ja?"

"Ja!" Herr Ernst nickte, wandte sich von Verena ab, ohne sich zum Abschied eine Kleinigkeit zu Verena hin zu erlauben. So was wie einen unwillkürlichen Schlag mit der Faust kurz beim Weggehen.

 Überdeutlich, die Schritte, die Verena in ihrem Rücken erlauschte. Die Türklinke wurde heruntergedrückt.

Hinaus aus dem Büroraum, daß man machte, zwei Mann hoch.

Es dauerte einige Momente, die Bürotüre hinter Verena, die fiel ins Schloß. Beinahe wie von selbst. Nicht wie zugezogen.

 

Tatsächlich waren Herr Polizeihauptmeister Dischinger und Herr Ernst aus der Räumlichkeit abgegangen.

Verena wollte es beinahe nicht glauben, daß Verena alleine war. Das erstemal seit längerem einsam und verlassen, Verena.

Oder doch nicht?

Zaghaft fing Verena an, in dieser Büroraumeinrichtung des Polizeigebäudes von links nach rechts und das Ganze zurück den Hals zu verdrehen, herumzublicken.

Das Doppel Schreibtische mit allem Drum und Dran war soweit klar.

Ohne die Position des hölzernen Stuhles irgendwie einen Millimeter zu verrücken, wandte Verena sich mit dem Hinterteil am Sitzpolster der Bürowand ihr zur Linken zu.

Zwei Schautafeln von eineinhalb Meter Breite und Länge, die jedem Klassenzimmer einer Schule zur Ehre gereicht hätten, waren da im Zentimeterabstand nebeneinander an der Wand angebracht.

Mit Hilfe von fingernagelgroßen, grauen, runden Magnetplättchen ziemlich mit Zeugs vollgepinnt, die glatt weißen Grundflächen.

An der linken Tafel waren die oberen vier Din-A4-Porträtfotos mit den Frauennamen "Nora", "Maike", "Edith", "Liliane" überschrieben. Darunter befand sich ein wahres Bildersammelsurium, wie aus Fotoalben der betreffenden Frauen.

Nora, Maike, Edith, Liliane als Kinder, Jugendliche, jüngere Erwachsene. Klassenfotos. Schulabschlußbilder. Jede einzelne mal inmitten ihrer Familien. Mit Freunden, -innen. Edith und Liliane präsentierten sich im weißen Hochzeitskleid mit Ehemann im schwarzen Anzug an der Seite.

 

An die zweite, rechte Tafel waren, auch mit Hilfe der magnetischen Plättchen, ebenfalls Fotos Noras, Maikes, Ediths und Lilianes angebracht. Jede jedoch in Dessous posend. Oder ganz nackt. Sogar hemmungslos die Beine spreizend, Nora, Maike, Edith und Liliane.

Unter diesen fotografischen Werken, die Nora, Maike, Edith und Liliane zum Mittelpunkt hatten, gab es jede Menge Männerfotografien.

Junge, alte Kerle. Dazu diverse Zeitungsausschnitte und drei vollgeschriebene Blätter, handgeschriebene Kugelschreibertexte.

Liebesbriefe von dem einen oder andern Geliebten waren das, schätzte Verena, Verena die es nicht wagte, von ihrem Platz am Stuhl aufzustehen und näher vor die Schauflächen zu treten.

Zwischen den Fotografien und allem war ein bißchen mehr Platz als nebenan. Für mit Filzstift gezogene kürzere, längere Pfeile in blauer, roter, grüner Farbe, die Beziehungen in vielerlei Richtung herstellten.

 

"Swingerklubmord" - der dicke Überschriftbalken des einen ausgeschnittenen Zeitungsartikels. Darunter las Verena in kleinerer Schrift: "Mord nach Gangbang im 'Klub Rosa'".

Daran erinnerte Verena sich, daß die Tage vor einem Vierteljahr auf der Sozialstation viel davon die Rede gewesen war.

Die Erzählungen der Leute fingen damit an, daß, allen Protesten der Anwohner zum Trotz, vor einem Jahr ein Wirtspaar den "Klub Rosa" eröffnet hatte. In einem dem Städtchen benachbarten Dorf, das Verena nicht so kannte, daß der Ortsname Verena entfallen war. Viel Schlagzeilen machte der "Klub Rosa" dann nach der Eröffnung eigentlich nicht mehr. Bis vor drei Monaten, nach gewissen sexuellen Aktivitäten, die nächtens zwischen einem Dutzend Männern und zwei Frauen im "Klub Rosa" stattgefunden hatten, die eine der Hauptakteurinnen tot in einem der rosa Plüschzimmer aufgefunden worden war.

Mit einem Seidenschal von hinten erwürgt, die junge Frau. Verknotet hatte sie den Schal um den Hals.

 

Eigentlich hätte der Mörder unter den zahlreichen nächtlichen Gästen des Swingerklubs mit dem Namen "Klub Rosa" sein müssen.

Nur, wenn Verena sich den Sozialstationserzählungen recht entsann, entwickelte sich daraus eine komische Geschichte. Weil, obwohl die von der Polizei mit genetischem Fingerabdruck, Faserproben der Kleidung sämtlicher "Klub Rosa"-Anwesenden und allen möglichen weiteren ermittlungstechnischen Finessen arbeiteten, ermangelte es der Polizeiseite die Wochen darauf allmählich eines Mörders. Auch der letzte Mann, den man des heimtückischen Mordes verdächtigte, mußte auf freien Fuß gesetzt werden.

Als ob das wahr wäre, was einige der "Klub Rosa"-Gäste sofort bei der ersten Vernehmung behaupteten. Daß sich ein Fremder - einer, der das erste Mal im "Klub Rosa" zu Gast war - unter die teilweise venezianische Masken tragenden Männer und Frauen im Klub eingeschlichen hatte. Eine "Zorro"-Augenbinde, die er aufgehabt haben sollte. Zu dem Zeitpunkt, als die mit der Toten befreundete "Klub Rosa"-Bedienung die Untat entdeckte, war der eine schon aus dem Klub verschwunden. Ein Rätsel und ein Problem, daß er keine Spuren hinterließ. Keine zuordenbare Hautschuppe. Als wäre der ominöse Unbekannte lediglich ein Phantom, jemand, den man sich ausgedacht hatte. Um von ihm bei den Polizeiverhören zu erzählen.

 

 

Allerdings, was hatte das "Klub Rosa"-Geschehen mit Verena und Verenas Eintreffen im Hauptgebäude der Polizeiinspektion zu tun?

Soweit Verena das überblickte, überhaupt nichts.

Nicht die allergeringste Kleinigkeit, die Verena von dem "Klub Rosa"-Kriminalfall wußte. Außer knapp etwas von dem Zeug, das die Leute in Verenas Ansteherumgebung auf der Sozialstation davon dahergeredet hatten. Und das, was Verena am Zeitungsstand gelesen hatte, ohne daß Verena die Zeitung in die Hand genommen hätte.

Am Kopf kratzte Verena sich, während Verena hoffte, möglichst doof aus der Wäsche zu gucken.

Die Bürowand rechts von Verena nämlich, die war nur gut das untere Drittel Mauerwerk zu nennen. Den Rest der Wand, den Verena blinzelnd überblickte, war eine Fläche mattgrauen Glases. Zimmerhoch- und -breit bis knapp unter die Raumdecke in die Mauer eingelassen.

 

Nichts anderes als jene dumpfmatte, graue Glasfläche, die Verena beim Hinschauen überblicken konnte.

Was jedoch nicht hieß, daß nicht jemand, der sich im nächsten Raum nebenan aufhielt, den allerbesten, farbigsten Blick auf sie, Verena Tümmel, hatte.

Praktisch im billigsten Kriminalfilm, daß es so etwas gab. Polizeibeamte, die sich hinter einer gläsernen Wand oder so aufbauten, von da aus denjenigen beobachteten, der von anderen Polizisten gerade verhört wurde. Oder daß die, die das Verhör durchführten, die verhörte Person für ein paar Augenblickchen im Verhörzimmer alleine ließen. Für ein psychologisches Moment, während dem sie dem Verhörten dann ein Weilchen bei seinem Tun und Lassen zuschauten. Dem Verdächtigen, der drinnen einsam dahockte oder irgendwann herumspazierte.

 

So wirklich alles rein zufällig, daß dieser Kommissar Moinson nicht in Persona in der Büroräumlichkeit präsent gewesen war, als Verena in ihr eintraf? Eine Räumlichkeit, in die die nebendran, die sich das wünschten - war das eine richtige Vermutung Verenas - hineinschauen und die Anwesenden betrachten konnten, ihre Verhaltensweisen. Lauschen, was es zu hören gab, wenn es was zu hören gab, die Marke "Selbstgespräch".

War gut wahrscheinlich, daß sich dort, auf der anderen Seite des für Verena gedämmten Grauglases, welche aufhielten. Leute wie Herr Kommissar Moinson, Polizeihauptmeister Dischinger.

Miteinander, daß Herr Polizeihauptmeister Dischinger und Kommissar Moinson eben in der Sekunde über Verena Tümmel diskutierten. Verena Tümmels Erscheinungsbild besprachen, die Haltung, die gegenüber Verena Tümmel einzunehmen war, wenn man dann in ein paar Minuten bei ihr auftauchte.

 

Tränen, die Verena in die Augen geschossen kamen.

Aus ihrer Hosentasche holte Verena das eine geknüllte Papiertaschentuch, wischte sich die Wangen her.

Verena Tümmels Flennerei, die fand Verena durchaus praktisch. Im Grunde gnommen paßten die Tränen ausgezeichnet zu Verena Tümmels Situation.

Sollten SIE Verena Tümmel weinen sehen. Daß Verena Tümmel herumschluchzte, schadete Verena Tümmel erst mal nicht.

 

Auf dem Holzstuhl im Eckenstil hockte Verena sich besser zurecht. Dann wandte Verena sich abrupt um, sich die Landschaft anzugucken, die bisher in ihrem Rücken war.

Über dem grauen Türrahmen der Bürotüre war eine runde, weiße Uhr mit schwarzen Zeigern angebracht.

Dafür war Sorge getragen, daß die Uhr lautlos tickte.

Fünf nach eins war es. Dem Gefühl Verenas nach hätte es später sein können.

Fünf nach eins. Mittagszeit.

 

Sechs nach ein Uhr. Der große Zeiger ruckte: sieben nach ein Uhr.

Da war Zeit vergangen, konstatierte Verena.

Da war Zeit wo geblieben. In der Sozialstation, bei der Ansteherei. Von dort fort, auf der Fahrt von der Sozialstation zum Polizeigebäude. Bis Verena dann in dem Büro im Hauptgebäude der Polizeiinspektion eintraf.

Auf dem Sitzpolster ihres Stuhls drehte Verena sich wieder um. Neuerlich dem Schreibtischdoppel zu.

Ihren Magen hörte Verena rumoren.

Ein lautes Geräusch, fand Verena.

Viel gegessen hatte Verena nicht, seit Verena am Morgen aufgestanden war.

Die Mineralwasserflasche griff Verena sich von der Schreibtischkante.

Nach ein paar längeren Momenten des Zögerns, während denen Verena die Flaschenkante am behosten Oberschenkel aufstehen hatte, drehte Verena der Wasserflasche den Plastikverschluß herunter.

Einen Schluck zu trinken war angesagt. Weil: Getrunken hatte Verena jetzt ein geraumes Weilchen nichts mehr.

Für langsame, kleine Schlucke entschied Verena sich.

 

 

Unvermittelt, daß hinterrücks von Verena die Türklinke herabgedrückt wurde, daß Verena vor Schreck die Flasche Mineralwasser aus den Fingern glitt.

Wasser spritzte, als Verena die Glasflasche am gläsernen Hals zu fassen kriegte.

"Was treiben Sie denn, Frau Tümmel?"

Die bekannte Stimme Herrn Polizeihauptmeister Dischingers, die aufklang.

Keine Regung, Erwiderung Verenas nach hinten, zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger, Herr Polizeihauptmeister Dischinger, unsichtbar in Verenas Rücken.

"Also, Frau Tümmel ...", vernahm Verena Herrn Polizeihauptmeister Dischinger. "Da bin ich wieder. Mit Kommissar Moinson."

"Mein Name ist Moinson, Kommissar Moinson", meinte der große Mann, der rechts an Verenas Stuhlplatz vorübergeschritten war, sich beim Schreibtisch aufbaute und voller Neugier auf Verenas Gestalt herunterguckte.

Keinen Ton brachte Verena, der das Herz bis zum Hals schlug, über die Lippen.

Verenas Gedanken hielten die Tatsache fest, daß Kommissar Moinson ein Glatzkopf war.

Schmale Lippen, Kommissar Moinson.

Eine so gerade Nase, daß die unnatürlich ausschaute. Wie kosmetisch gerichtet, bei Kommissar Moinson.

Glattest rasiert, daß Kommissar Moinson war. Ein breites Kinn.

 

Dem braunledernen Bürodrehstuhl wandte Kommissar Moinson sich zu, faßte nach der Rückenlehne, drehte den Stuhl für sich zurecht.

Grinsend schaute Kommissar Moinson Verena fragend an, um sich dann auf die gepolsterte braune Sitzfläche draufzusetzen.

Nebenbei am Schreibtisch, daß Herr Polizeihauptmeister Dischinger bereits Platz genommen hatte. Ohne viel Aufmerksamkeit Verenas darauf lenken zu wollen.

Die Arme, die Herr Polizeihauptmeister Dischinger vor der Brust verschränkte. Herr Polizeihauptmeister Dischinger, der seine Schirmmütze woanders gelassen hatte, sein kurzes, blondes Haar am Kopf oben präsentierte.

Mit verschlossener Miene betrachtete Herr Polizeihauptmeister Dischinger Verena.

"Eh-hem!" ließ Kommissar Moinson vernehmen, um damit Verenas Aufmerksamkeit zurückzugewinnen.

 

Auf die aufkleberfreie Rückseite der Mineralwasserflasche in ihrer Hand starrte Verena herab.

Der Plastikverschluß der Flasche war Verena aus den Fingern geglitten, herabgefallen. Nach dem Verschluß, daß Verena herumzugucken anfing.

Am Holzparkettboden entdeckte Verena das Plastikteil nahe bei sich am linken Turnschuhfuß.

Bis zehn, daß Verena in Gedanken langsam zählte, dann bückte Verena sich am hölzernen Stuhl herunter, das Stück Plastik eines Flaschenverschlusses aufzuheben.

Wie zuvor dasitzend, unternahm Verena konzentriert die Übung, mit der Zunge die Unterlippe leckend, der Flasche den Plastikdrehverschluß draufzudrehen.

Zum Schluß, nach getaner Arbeit, schniefte Verena ausgiebig, stellte die Wasserflasche zurück auf die Schreibtischkante. Ungefähr dorthin, wo die Pulle vorhin gestanden hatte.

 

"Sind wir soweit ...?" erkundigte sich Kommissar Moinson bei Verena.

Verenas Kopfnicken.

"Das ist schön, daß wir nun soweit sind", setzte Kommissar Moinson fort, Kommissar Moinson, der einen gelben Ranglistenstern links und rechts auf den Schulterklappen seines dunkelblauen, fast schwarzen Polizeiuniformjacketts hatte. "Würd' sagen, wir fangen hier noch mal mit allem ganz von vorn an. Will mich vorstellen. Mein Name ist Moinson. Kommissar Moinson. Ich bin LKA-Mitarbeiter. Beamter zur besonderen Verwendung. Gestern abend bin ich aus Berlin hierher angereist."

Das wußte Verena nicht, was sie das kommentieren sollte.

"Ah, wollen Sie meinen Ausweis sehen, Frau ...? Sie wollen meinen Ausweis sehen, nicht, Frau ...? Äh, wie war der verehrte Name noch mal? Wie war der noch mal schnell? Wie heißen Sie - Frau ...?"

Die Lippen, die Verena nicht auseinander brachte. Nicht für den leisesten Ton.

 

"Frau Verena Tümmel heißt sie ...", störte Herr Polizeihauptmeister Dischingers Stimme die Stille zwischen den Anwesenden. "Frau Verena Tümmel. Persönlich bin ich aufgebrochen, die Frau herbeizuholen. Jetzt befindet sich die Frau mit dem Namen Verena Tümmel hier. Frau Verena Tümmel."

In die Brusttasche seines Uniformjacketts innen faßte Kommissar Moinson, den Verena nicht aus den Augen ließ, holte etwas Rechteckiges von Handflächengröße heraus.

Ein paar Sekündchen, daß Kommissar Moinson sich das Ganze selber beguckte. Dann beugte Kommissar Moinson sich vor, hielt das Teil zwischen Daumen und Zeigefinger Verena hin, den Arm langgestreckt.

"Das ist mein Ausweis, Frau Tümmel", erklärte Kommissar Moinson.

"Kommissar" - das las Verena. Unter "Herr" stand - "Herrmann Moinson".

 

Das Paßfoto, ganz eindeutig, daß das Kommissar Moinson abbildete. Also war das Kommissar Moinson persönlich.

Das fand Verena, daß Herr Herrmann Moinson auf dem Foto eine reichlich verkniffene Miene der Welt herzeigte.

Leider gab es dann für Verena nichts mehr weiter zu sehen. Als Verenas Augenpaar sich aufs neue der Schrift auf dem Ausweis zuwenden wollte, schwang Kommissar Moinson die Hand zur Seite. Als hätte Kommissar Moinson sich lange genug dazu herabgelassen, der doofen Verena Tümmel seinen Kommissarsausweis hinzuhalten.

Zurück steckte Kommissar Moinson das in Klarsichtfolie eingeschweißte Ausweisteil in die innere Brusttasche seines Jacketts. Dorthin, wo es sich zuvor befunden hatte.

"Also, das wäre klar", war Kommissar Moinsons Feststellung. "Ich hätte mich Ihnen vorgestellt, nicht wahr?"

"Ja-a ...", kam es leise von Verena. Statt daß Verena weiter geschwiegen hätte.

 

Nichts anderes tat Kommissar Moinson, als Verena auf ihrem Stuhl penetrant ekelhaft das Gesicht, den Oberkörper hinauf und -unter zu betrachten.

Immer wieder zuckten Verenas Augen hastig fort, sobald Kommissar Moinson Verena Tümmel mit zudringlichem Starreblick fixieren wollte.

Sogar ins Sexuelle, daß das Ganze bei Kommissar Moinson tendierte. Eine äußerst unangenehme Geschichte für Verena, das, was Kommissar Moinson aufführte. Am liebsten wäre Verena vom Holzstuhl aufgesprungen, aus dem Büroraum im Polizeigebäude hinausgestürmt und allem davongelaufen.

Bloß, wie weit wäre Verena gekommen, hätte Verena das in Echt getan?

Draußen, am langen Fenstergang, wartete gewiß Herr Ernst, der Wachmann, auf der Holzbank nur auf ein solches Vorkommnis. Passierte eine Geschichte, daß Wachmann Ernst ganz offiziell gröber mit Verena umgehen durfte. Wie schon mal.

 

 

"Fangen wir an, Herr Dischinger!"

Auf der Sitzfläche ihres Stuhls zuckte Verena angesichts der unvermittelten neuen Worte aus Kommissar Moinsons Mund zusammen.

"Ja, fangen wir an." Kopfnicken von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger.

Die Rechner-Maus auf der schwarzen Plastikunterlage bei sich auf dem Schreibtisch rührte Herr Polizeihauptmeister Dischinger.

Der Zeigefinger von Herrn Polizeihauptmeister Dischinger tippte auf die Maus. Deutlich klang Verena das Klickgeräusch an die Gehörgänge.

"Sie stimmen einer Aufzeichnung der Unterhaltung, die Sie mit mir, Herrn Kommissar Moinson, und Herrn Polizeihauptmeister Dischinger führen, zu, Frau Tümmel?" war die Frage Kommissar Moinsons.

"E-eh ...?" Verena wußte nicht recht, was Verena antworten sollte.

Viel lieber wäre Verena überhaupt nichts gewesen. Keine Aufzeichnung, nichts.

Gar nichts. Dem hätte Verena ganz allgemein den Vorzug gegeben.

 

"Wäre besser für Sie, Sie würden uns die Zustimmung geben, Frau Tümmel", meldete sich Herr Polizeihauptmeister Dischinger.

"Mir ist's glei-gleich ...", stotterte Verena. "Mir is-ist das do-doch gleich."

"Sie haben's gehört, Herr Dischinger!" Zu Herrn Polizeihauptmeister Dischinger nickte Kommissar Moinson grinsend hinüber. "Frau Verena Tümmel hat soeben einer Aufzeichnung unserer Unterhaltung mit ihr zugestimmt. War deutlich genug vernehmbar, oder?"

Herr Polizeihauptmeister Dischinger, daraufhin mit ein paar schnellen Maus-Klicks dabei.

Sonst unternahm Herr Polizeihauptmeister Dischinger nichts, für Verena sichtbar ein Ton- oder Bildaufzeichnungsgerät einzuschalten.

Vielleicht war alles längst an. Die Frage Kommissar Moinsons eine rein rhetorische.

 

Kommissar Moinson berührte mit der Fingerspitze den Bildschirm, der sich daraufhin aufhellte.

"Name: Frau Verena Tümmel, ja ...?" eröffnete Kommissar Moinson die Runde Befragung, Unterhaltung.

"Ja!" antwortete Verena.

"Die bei mir in der Anlage hier eingetragenen Daten - Geburtsdatum, Familienverhältnisse, Wohnort und so weiter -, da ist alles bei dem bereits Festgestellten geblieben?" setzte Kommissar Moinson fort.

Verena zuckte die Schulter.

"Bitte, sprechen Sie mit uns, Frau Tümmel!" fuhr Kommissar Moinson Verena an. "Mit mir, Moinson, und mit Herrn Dischinger drüben. Etwas anderes hilft Ihnen nicht weiter. Verstehen wir uns?"

"Ja-a ..." Eifrige Kopfnicker Verenas.

"Alles also beim alten bei Ihnen, Frau Tümmel?" wiederholte Kommissar Moinson die Frage.

"Ja!" Geradeaus fixierte Verena ausschließlich einen rottönernen, bauchigen Blumentopf mit Rippenstreifen rundum.

"Keine Neuigkeiten, die uns interessieren könnten?"

"Nein! Weiß aber auch nicht, was 'Neuigkeiten' sein könnten, die Sie interessieren würden ..."

"Schauen Sie mich an, Frau Tümmel!" verlangte Kommissar Moinson. "Wenn Sie sprechen, schauen Sie bitte mich an, Frau Tümmel."

Verena gehorchte.

"Nichts hat sich bei Ihnen geändert, Frau Tümmel, alles ist gleich?" Die Augenbraue, die Kommissar Moinson fragend hochgezogen hatte.

"Ja! Alles genau das gleiche. Keine Änderungen, bei nichts." Schulterzucken Verenas. "Hat sich nichts Neues getan."

 

"Gut!" konstatierte Kommissar Moinson, der ein kleines Weilchen am Monitor gelesen hatte. "Hier habe ich ein Protokoll am Bildschirm. Von den Streifenpolizisten Holger Ernst und Tim Rainer Schmitz verfertigt. Am Schluß von Ihnen unterschrieben, Frau Tümmel. Herr Ernst und Herr Schmitz, die beiden haben Sie, Frau Tümmel, am Dienstag letzter Woche nachmittags in der Innenstadt aufgegriffen. Dann Sie anschließend augenblicklich hierher auf das Polizeiinspektion verbracht. Nachdem Sie, Frau Tümmel, von woanders die Flucht ergriffen hatten, ein

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