"Eine neue Lieferung": Die Vorspeise
Die Freundin eines reichen Mannes
Den Ausschnitt ihres schwarzen Kleides fand Karin genau richtig. Gerade so tief geschnitten, daß er die Größe ihrer Brüste andeutete.
Der Rocksaum endete über den Kniescheiben.
Das Mondmuster-Kleid war kurz, ohne daß die, die das Kleid anhatte, Schwierigkeiten bekommen würde, sollte sie sich irgendwo hinsetzen, während Leute ihr auf die Beine guckten.
Zu sehen bekam jemand nur mehr, wenn sie das wollte. Und nichts anderes war das, was sie im Sinn hatte. So sollte es sein.
Hannes mußte bald kommen, an der Wohnungstür läuten. Ausgemacht war gegen halb acht. Neunzehn Uhr dreißig.
Eigentlich jede Sekunde, daß Hannes dasein konnte.
Ihre Mutti, empfand Karin, die bis kurz vor sechs bei ihr in der Wohnung war, nervte an. Voll auf die Nerven fiel die. Mit den Ansagen, mit denen sie rüberkam, ihren Blicken.
Ausschließlich an Geld dachte ihre Mutti bei Hannes. Hannes' Geld.
Weil Hannes ein reicher Mann war, sollte sie Hannes ja festhalten, meinte Mutti. Scheiden lassen, das konnte sie sich später immer noch.
Aber, nur an Moneten zu denken, die einer mehr oder weniger hatte, das durfte es wohl so auch nicht sein. Schließlich, bei dem Gedränge, das bei Hannes herrschte, konnte eine schnell leicht Pech haben.
Am Schluß wechselte Hannes schneller zu einer anderen rüber, als das zu glauben war. Daß welche bei ihm bloß an seinen Reichtum dachten, das hatte Hannes sicherlich schon öfter. Das war für Hannes nichts Neues.
Den Aufstieg in die feine Gesellschaft, den hatte Mutti jedenfalls hauptsächlich im Sinn.
Ihre Mutti, eine, die war auf dem Empfang in der Firma letzten Freitag einfach unmöglich gewesen.
Nichts Gutes verhieß das für die Zukunft, wenn ihre Mutti es bei gesellschaftlichen Anlässen einzig und alleine auf Großtuerei und das Posen abgesehen hatte.
Zufällig war sie, Karin, in der Nähe ihrer Mutti herumgestanden. Und das, was sie von ihrer Mutti zu hören gekriegt hatte, das war beinahe nicht zu fassen gewesen.
Muttis Ansage zu Zenkel, diesem komischen Investment-Manager von Def.Invest.: "Meine Tochter Karin - haben Sie sie gesehen? Wirklich, das war meine Tochter Karin. Ein Weilchen jetzt schon mit Hannes Dankorf zusammen, meine Karin. Hannes Dankorf, der die Maschinenbaufirma Dankorf von seinem Vater erben wird, glauben Sie nicht? Mit Sicherheit ist nur er der Erbe."
"Hannes Dankorf, schon eine Partie. Hannes Dankorf, den lernt man doch nicht so einfach kennen ... Wie hat Ihre Tochter Karin Hannes Dankorf denn kennengelernt?"
"Wie sich die beiden kennengelernt haben, meine Tochter Karin und Hannes Dankorf? Meine Tochter ist in der Firma Dankorf Büromanagerin. Nicht im Büro von Hannes Dankorf, sondern bei Personalleiter Renze. Bei dem sitzt Karin im Vorzimmer. Zwar waren Karin und Hannes Dankorf sich schon bekannt. Kaum zu vermeiden, daß Karin und Hannes Dankorf sich in der Firma die vergangenen Jahre schon öfters über dem Weg gelaufen sind. Aber nähergekommen, nähergekommen sind sich die beiden erst vor zwei, drei Monaten. In der Firmenregistratur im Keller. Für die Katalogisierung alter Aktenordner sollte Karin im Auftrag von Renze, des Personalers, sorgen. Über die Kundenkontakte im Laufe der achtundfünfzigjährigen Firmengeschichte, daß Hannes Dankorf zufällig auch nachforschte. Akteninhalte aus der Kellerregistratur, die Karin zur Archivierung einzuscannen hatte, interessierten Hannes Dankorf. Hannes Dankorf und Karin arbeiteten dann zusammen an Hannes Dankorfs Firmenprojekt. In Absprache mit Hannes Dankorf stellte Karin ein paar Kleinigkeiten online. Hat Kommentare dazugeschrieben, meine Karin ..."
"Schon eine Sache. Groß."
"Stimmt. Hätte für Karin nicht besser laufen können."
"Ja ...?"
"Während diesen Tagen ihrer Zusammenarbeit haben sich Hannes, der leibliche Sohn des Direktors der Firma Dankorf, der wiederum der Sohn des Gründers der Maschinenbaufirma Dankorf ist, und Karin, mein Kind, ineinander verguckt. Seitdem sind sie zusammen."
"Der Junior-Chef und Ihre Tochter ...?"
"O ja!"
Den Kopf schüttelte Karin.
Richtig oberpeinlich, die Schwätzerei ihrer Mutti.
Was Mutti immer bedeutungsschwanger daherredete, dafür hätte Karin schon öfters nach ihrer Mutti kurz hauen können.
Mit dem nächsten Sektglas in der Hand, Mutti.
Ein gräßliches lila Abendkleid, zu tief ausgeschnitten für Muttis Alter, das Mutti angehabt hatte.
Viel zu ordinär, daß Mutti öffentlich auftrat.
Viel zu offenherzig, daß Mutti zu viel aus dem Nähkästchen schwatzte. Ihrem Nähkästchen.
Zum Glück war bis jetzt nichts von den Worten ihrer Mutti zu Hannes vorgedrungen. Hannes hätte sicherlich nicht darauf verzichtet, darauf zu sprechen zu kommen. Hätte Karin, seine Freundin, bestimmt aufgefordert, Text zu erläutern, den Karins Mutti absonderte.
Mutti wäre schuld gewesen, wären Streitigkeiten mit Hannes die Folge gewesen. Weil Mutti sich einfach nicht zurückhalten konnte, was ihr Mundwerk anbetraf.
Auf dieser Ebene zu offen Leuten gegenüber was zu schwätzen, das war doch gefährlich. Das hatte es in sich. Eigentlich mußte Mutti das wissen.
Überdies klang bei Mutti immer alles, als ob sie, Karin, nicht wirklich in Hannes Dankorf verliebt wäre. Sondern bloß wegen der Idee von Hannes' Festgeldkonto.
Ein gefährlicher Grat, der des Gelddenkens. Wenn Mutti irgendwann mal was anrichtete, würde Mutti noch erfahren, daß ihre Tochter Karin böse werden konnte. Richtig böse.
Heute würde Hannes sie, Karin, wieder groß ausführen.
Erst mal zum Essen.
In den Klub, daß es wieder für ein Abendessen gehen sollte, hatte Hannes unterrichtet.
Alleine bessere Kreise, die dort im Klub verkehrten. Kein Pöbel weit und breit, wie Hannes es nannte; Pöbel konnte sich keiner den Klub leisten.
Später war Tanzen angesagt. In ein einwandfreies, gediegenes Tanzlokal, das plante Hannes, daß Karin und er vom Klub aus weiterfuhren. Für Rumba, Twist und Walzer ...
Rock'n'roll übte Hannes gerade. In einem Tanzkurs.
Auf Hannes' Tanzpartnerin war Karin ein wenig eifersüchtig. Am liebsten hätte Karin sich auch bei dem Tanzkursus angemeldet, Hannes im Auge zu haben.
Es bereitete Karin Mühe, nicht die Nummer der Tanzschule aus dem Telefonbuch herauszusuchen und anzurufen.
Allerdings: Alles bei Hannes war wie sonst auch. Keine Veränderungen des Benehmens.
Hannes war außerdem frisch. Nichts an Hannes, das nach irgendeiner anderen roch.
Meinte das Leben es derzeit nicht gut mit ihr, Karin?
Das Schönste an allem war, daß die Liebe zwischen ihr und Hannes echt zu sein schien.
Obwohl Hannes und sie damals viel zu rasch miteinander beschäftigt gewesen waren. Abends bei Hannes in der Hochhausterrassenwohnung im Doppelbett landeten. Was jedoch tags drauf bei Hannes zu keinen Veränderungen seines Verhaltens geführt hatte. Die Welt zwischen Hannes und ihr verwandelte sich nach den paar Sex-Stellungen nicht.
Überraschenderweise war Hannes keiner, wie Karin es insgeheim im Innern befürchtet hatte. Hannes keiner, der nach dem viel zu leichten Sex dann verändert war. Hannes blieb ihr gegenüber der gleiche. Derselbe wie zuvor.
Hannes Dankorf, keiner dieser Trophäensammlern, die sofort, nachdem sie die Trophäe hatten, losliefen, sich die nächste Trophäe zu holen. Das Interesse hatte Hannes nicht vorloren.
Zumindest bis jetzt Fakt bei Hannes. Daß Hannes mit ihr zusammengeblieben war.
Hannes und Karin, für jeden sichtbar ein richtiges Paar. Ein Liebespaar. Obwohl zunächst jeder von ihnen in seiner eigenen Wohnung verweilte, keiner beim andern einzog.
Angedeutet hatte Hannes ihr, Karin, sogar, daß er sich mit dem Gedanken trug, sich vielleicht demnächst offiziell mit ihr zu verloben. Daß er deswegen bei seinen Eltern vorfühlte. Die folgenden Tage, Wochen, daß es jederzeit passieren könnte, daß Hannes seiner Karin Verlobungringe vorzeigte. Verlobungsringe, sie auf den Finger zu stecken.
Jedenfalls wäre das ein schlimmer Fehler, Hannes, wenn er solche schönen Absichten hatte, mit irgendwas zu bedrängen. Daß damit irgendwas danach ausschaute, diese Karin, die hätte es nötig, sich für ihren Status in der Firma, bei den Leuten, die Verlobte von Hannes Dankorf nennen zu dürfen.
Auch nur den Anhauch solch eines Verdachts, den würde sie von sich weisen. Sie war mit Hannes Dankorf aus Liebe zusammen, sonst wegen nichts.
Im Spiegel betrachtete Karin sich.
Lipgloss war besser als jeder Lippenstift, fand sie.
Möglich, daß ihre Lippen momentan zu übertrieben blutrot ausschauten. Fast ein wenig billig, daß sie damit rüberkam. Nuttig.
Nichtsdestotrotz, ihr gefiel das im Moment.
Karin schaffte es nicht, es über sich zu bringen, das Lippenrot abzurüsten.
Im Spiegelglas sah sich Karin den Kopf schütteln. Um ihre mittellangen Haare ein bißchen in Unordnung zu bringen.
Das gab ihrer Frisur mehr natürliche Wirkung.
Nicht dieses Aussehen, als ob sie sich stundenlang gekämmt hätte. Oder eben frisch vom Friseur käme.
Es klingelte an der Wohnungstür. Vor Schreck zuckte Karin zusammen.
Die Lippen schürzte Karin. Das glänzende Rot der Lippen unverzüglich wieder abzuschwächen, das fiel ihr überhaupt nicht ein.
Schulterzuckend erhob Karin sich vom Stuhl vor ihrem Schminktisch.
Noch einmal betrachtete Karin sich für ein paar Sekündchen im Glas wiedergespiegelt. Ganz vorzeigbar für den weiteren Verlauf des Abends, so empfand Karin sich.
Bis auf die Lippen. Das hatte das Aussehen, als wäre da eine Nutte.
Regelrecht fühlte Karin, wie sie auf den Flurgang hinaus und zur Tür ihrer Wohnung schwebte.
Den Schlüssel drehte Karin im Schloß, öffnete.
Hannes, der ihr einen Blumenstrauß roter und weißer Rosen entgegenreckte und breit grinste.
Den Strauß Blumen nahm Karin mit einem Lächeln und einem nervösen Schulmädchenknicks von Hannes entgegen.
"Entschuldige, daß ich nicht schon früher gekommen bin, Karin", meinte Hannes, als wäre Hannes zeitlich tatsächlich irgendwie zu spät dran.
In den Wohnungsflur trat Hannes Dankorf ein, weil Karin von der Türschwelle zurücktrat.
"Du bist genau pünklich, Hannes", ließ Karin hören, das Timbre einer Frau in der Stimme, die froh war, daß ihr Liebhaber überhaupt eingetroffen war. "Spät wärst du, wenn du in einer halben Stunde kommen würdest ..."
Von Hannes wandte Karin sich ab, begab sich zu dem hüfthohen Schuhschrank. Nach der für solche Anlässe auf der Stellfläche bereitstehenden Ziervase faßte Karin.
"Was ist denn los, Karin, mein Schätzchen?" erkundigte Hannes Dankorf sich, klang nachdenklich. "Irgendwann müssen die Stengel des Rosenstraußes drinnen sein im Loch, mein Schatz ... Was denn los, Schätzchen? Was bist du denn so fahrig? Bist du mir fremdgegangen? Tsts! Ein Gefummel ist das. Krieg' ich nun einen Kuß von dir? Oder krieg' ich keinen Kuß von dir?"
Plötzlich hatte Karin alles Grünzeug in der Vase untergebracht, schwang sich von ihrem Schuhschrännkchen fort, beguckte Hannes eine Sekunde. Auf Hannes, ihren Liebsten, daß Karin loshüpfte.
"Natürlich kriegst du 'nen Kuß, Liebling!" Links und rechts drückte Karin Hannes ihre Schmatzer auf die Wangen, Schmatzer, die ihr unverständlicherweise ziemlich schüchtern gerieten. Daß Karin sich wirklich fragte, was mit ihr los war: Warum entwickelte sich ihr die Szene so?
"Nein, warte, Karin", raunte Hannes, der in unbestimmte Fernen blickte. "Den nächsten Kuß gibst du mir im Wagen drunten. Ich will dann unten richtige Küsse von dir, Karin. Werden ein paar Minuten unterwegs sein. Da können wir uns schon noch ein paarmal richtig küssen. Verflucht soll alles sein, Karin, mein Schatz, mein Fahrer heute ist Anton, unser Butler. Anton hat die Erlaubnis gekriegt, darf mich fahren ... Anton, der Schwätzer. Gefällt mir überhaupt nicht, das mit Anton. Hoffentlich bringt uns Anton wenigstens auf geradem Wege in den Klub, Karin-Schätzchen. Um zwanzig Uhr dreißig sollten wir im Klub sein. Oder die Kerls sagen wieder, daß ich einfach nicht pünktlich zum Essen kommen kann. Später darfst du dich noch aufs Moussé freuen, Karin. Ja, danach geht's ins Moussé. Das berühmte Moussé. Habe einen Tisch im Moussé bestellt. Freust du dich nicht jetzt schon aufs Moussé? Später können wir dann noch nach nebenan ins Kasino hochmachen. Kannst dich wieder an den Roulettetisch setzen, Karin ... Du verspielst doch gerne Geld von mir, nicht? Vielleicht gewinnst du heute aber mal ... Werd' selber Pokern, denk' ich. Schauen wir mal, wie lange. Ob ich dir dann wieder zuschauen muß ... Bis vier in der Früh können wir bleiben, wenn wir wollen. Hab' morgen vormittag ab elf aber Familienmittagessen zu Hause. Verflucht, Vater hat was mit mir zu bereden."
"Aufs Moussé freu' ich mich jetzt schon. Im Moussé wird's bestimmt lustig. Im Kasino darf ich wieder an den Roulettetisch ...?"
"Bis du deine Chips verloren hast, Karin ... Ziehst du nicht noch 'nen Mantel oder so an. Kann frisch werden heute. Kalter Wind. Sturm."
"Doch. Zieh' nen Mantel an ..." Von Hannes löste Karin sich, begab sich zum Flurkleiderständer, griff sich den erstbesten Mantel aus Kunstpelz. Falscher Nerz.
In den Pelzmantel schlüpfte Karin, ohne daß Hannes dazugesprungen kam, ihr zuvorkommend in den Mantel hineinzuhelfen. Worüber Karin sich wunderte.
"Heute ist Pierre wieder im Klub, Karin", ließ Hannes schnarrend hören, verweilte am Platz, als hätte er es doch nicht eilig. "Pierre, unser Zwei-Sterne-Koch aus Frankreich. Heißt, geschlossene Gesellschaft im Klub-Restaurant, Karin. Nur die Klub-Mitglieder. Mehr als oft in der letzten Zeit geschlossene Gesellschaft im Klub, was? Kommt Pierre, unser Franzose, kommen momentan nur handverlesene Gäste rein. Wenn du mich nicht hättest, Karin. Wenn du mich nicht hättest. Müßtest du draußen bleiben. Aber mit mir kommst du da rein. Mit mir kommst du in den Klub rein. Mit mir, deinem Hannes, dem Junior-Chef, kommst du rein in den Klub und ins Klub-Restaurant. Mit mir kommst du überall rein. Ich konnt' mir den Code diesmal aber nur ganz knapp besorgen, Karin. Es wird immer schlimmer, das. Scheiße, daß sie im Klub keinen automatisch vormerken. Bei dem Andrang im Klub-Restaurant, wenn Pierre kocht ... Simse ich meinen Zugangscode, sind wir beiden aber im Nu drinnen im Klub, Karin, mein Schatz, sitzen am reservierten Tisch auf unseren Plätzen ..."
"Schön, Hannes", krächzte Karin, der an Hannes' Worten auf unbestimmte Weise manches nicht gefiel, Tonfall und Text. "Pierre ist der Beste. Daß ich mit dir in den Klub mitkommen darf, wenn Pierre kocht ... Einige würden sich das wünschen, bei dir dabeisein zu dürfen, wenn Pierre im Klub ist und für die Leute kocht ..."
"Hat sich spezialisiert, unser Pierre." Mit dem Zeigefinger kratzte Hannes sich unter dem Kinn, guckte starr. "Echt spezialisiert. Ich mein', momentan kommt Pierre nur noch für DAS in den Klub. Wir können aus drei Fünf-Gänge-Menüs auswählen, Karin, konnt' ich erfahren. Du hast dir hoffentlich Platz gelassen im Magen?"
"Hab nur kurz zweimal mit Margarine und Tomatenscheibchen belegtes Knäckebrot gehabt", erwiderte Karin. "Daß du meinen Magen nicht hörst, Hannes, wie der knurrt, wundert mich."
"Mal sehen, wie dir die Pastete Pierres heute mundet, Karin."
Ins Gesicht grinste Hannes Dankorf Karin, als wäre da was, was er wüßte, sie, Karin, aber nicht.
"Alles wird sicher verboten gut schmecken, denk' ich. Verboten gut, Karin. Verboten - und gut. Auf unseren Pierre ist Verlaß. Von Pierre sagt jeder nur, daß er dir alles auf der Welt zubereiten kann. Pierre serviert dir deine alten Socken als Gourmet-Schmauß, wenn du sie ihm gibst ... Oder er nimmt dein Hündchen mit in die Küche, weil es zu viel kläfft - haha! Du kennst es dann nicht wieder ..."
"Hündchen ...? Die Stirn in Falten gelegt, die Lippen geschürzt, starrte Karin in das befremdlich maskenhafte Gesicht Hannes'.
"Ein Scherz, Karin; ein Scherz." Zur Abwehr zeigte Hannes Karin die Handfläche. "Verstehst du heute keinen Spaß? Schlecht drauf?"
"Warum soll ich schlecht drauf sein, Hannes?"
"Ich sag' nur: Pierre ist so ein Zauberkünstler, Karin." Der Blick Hannes', wie der von einem, der mit jemandem was vorhat. "Wenn du willst, bestelle ich Pierre zu uns an den Tisch. Dann kannst du ein paar Worte mit Pierre reden. Du kannst doch Französisch, nicht? Pierre mag gutes Französisch."
"Konnt' ich schon mal besser, Hannes. Dauernd schreib' ich bei Renze nur englische Sachen. Weiß nicht, wann ich das letztemal was in Französisch zu tippen hatte ... Kann nur hoffen, sprech' ich mit Pierre, ich beton' nichts falsch. Na, in Spanisch wäre das viel eher schlimm ... Eine falsche Betonung im Spanischen, und du hast einen beleidigt. Oder ihm was Anzügliches erzählt."
"O ja, stimmt, Karin. Das stimmt." Eine Verbeugung deutete Hannes Dankorf für Karin an, eine, die Karin als komisch empfand. Überhaupt, der Augenaufschlag Hannes'. Einen richtig sympathischen Auftritt legte Hannes bei ihr, Karin, gerade nicht hin. Schwer zu sagen für Karin, was Hannes über die Leber gelaufen war. Mußte sie vorsichtig erst noch herausfinden.
"Gehen wir nun aus, Schätzchen? Oder gehen wir nirgends hin? Daheimbleiben - das hab' ich aber nicht angesagt, nicht wahr?" Hannes Dankorfs Wink bezeigte, daß Karin an ihm vorüberschreiten sollte, sofort. "Worauf warten wir denn hier nun eigentlich, in deiner Wohnung? Abmarsch, Karin, mein liebes Schatzi! Sonst muß Anton, der Fahr-Doofi, zu viel Gas geben, und Anton, der ist fähig, fährt mir an der Abfahrt zum Klub geradeaus vorbei. Dann müssen wir umkehren - und es ist halb neun ... Wenn Pierre kocht, sollten wir schon zur ausgemachten Zeit im Klub sein. Immer. Man kann nie wissen, wann Pierre das nächstemal im Klub kocht ... Nachdem Pierre in der letzten Zeit so oft im Klub gekocht hat."
"Stimmt überhaupt nicht, Hannes! Daß ich daheimbleiben möchte, davon kann keine Rede sein." In einer Sekunde war Karin an Hannes vorüber, die Fragestellung im Kopf, warum sie, Karin, in Hannes' Gegenwart gerade nicht behaglich fühlte. Sie und Hannes, sie waren einander doch ein Paar. Sie beide, sie liebten sich.
Trotzdem fühlte sie sich von Hannes momentan einigermaßen befremdet.
"Was ist denn, Karin?" kehrte Hannes' Stimme mit einem befremdenden Spottklang Karin zurück. "Was stehst du mir jetzt im Weg rum? Als hätt dich einer plötzlich ausgeschaltet. Heute nicht die richtige Batterie genommen, zum Anschließen? Oder bist du heute ganz allgemein verwirrt, Karin, Schatzi?"
"Keine Ahnung, Hannes, was heute mit mir ist. Jetzt ... Entschuldige ... Ö, meine Handtasche ... Muß noch schnell noch mal rein, meine Handtasche holen. Die hab' ich drinnen liegengelassen... Weiß nicht ... Bin in einer Sekunde bei dir zurück, ja?"
"Dann mach das mal, Karin - haha! - hol deine Handtasche", versetzte Hannes Dankorf, daß Karin wieder rätselte, was das für eine Miene war, die Hannes aufgesetzt hatte. Das Gesicht eines Fremden, eigentlich. Als würde sie, Karin, Hannes zum ersten Mal sehen.
An Hannes vorbei eilte Karin in den Flur ihrer Wohnung zurück, bemerkte tatsächlich bei sich, daß ihr Tränen in die Augen schossen.
Die Welt mit Hannes, die entwickelte eine Atmosphäre. Eine, als sollte tatsächlich besser daheimgeblieben werden.
Irgendwas war mit Hannes. Mußte sie Hannes vorsichtig auf den Zahn fühlen, unterwegs, während der Fahrt in den Klub.
"Kommst du nicht, Karin?"
"Doch, Hannes. Ich komme. Jetzt komm' ich wirklich."
"Vergiß nicht, deine Wohnung abzusperren, Karin. Seh' hier nirgends einen Schlüssel. In der Hand hast du auch keinen. Oder, darf heute jeder mal zu dir in die Wohnung rein, sich bei dir drinnen was zu besorgen?"