"Briefprotokolle der Detektei" (07.12. - 30.12.), No. 3
Schreiben der Detektei Umschau an Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, Datum: 17.12.xxxx
Sehr geehrter Herr Doktor Weil-Esch,
sehen Sie, wären Sie nicht ungeduldig, wieder etwas von Frau Ramona Gleibt hören zu wollen, hätten wir nicht bei Frau Ramona Gleibt in der Bank angerufen. Sondern weiter darauf gewartet, daß Frau Gleibt uns anruft.
Von dem Bankangestellten namens Ulf Dieter, der Frau Gleibt hinter dem Schalter vertritt, haben wir von der Detektei Umschau erfahren, daß Frau Ramona Gleibt krankgeschrieben sei. Frau Gleibt hätte eine Grippe.
Das, das fanden Thomas und Regine, wäre vielleicht eine Möglichkeit für uns von der Detektei Umschau. Thomas hat es dann übernommen, bei Frau Gleibt anzurufen. Und Thomas und Regine hatten die Lage nicht verkehrt eingeschätzt. Frau Gleibt nieste in ihr Telefon, meinte zu Thomas, daß sie heute den ganzen Tag nichts anderes könnte, als am Sofa zu liegen, heißen Tee mit viel Zitrone zu trinken und Papiertaschentücher zu verbrauchen. Natürlich, wenn Thomas und Regine sich nicht davor fürchteten, von ihr angesteckt zu werden, könnten sie beide am Nachmittag zu ihr in die Wohnung kommen. Kein Problem. Erzählen könnte sie auch am Sofa liegend ein bißchen was.
Fortsetzung des Gesprächs von Frau Ramona Gleibt mit Mitarbeitern der Detektei Umschau (Herr Thomas Setzer und Frau Regine Datz; die Diktiergerätaufzeichnung zur Dokumentation eingetippt, daß es im Brief angehängt werden konnte, hat Frau Agathe Deuth. Ohne die Nieser Frau Ramona Gleibts und Taschentuchschneuzer Frau Gleibts.)
Detektei Umschau: Freitagnachmittag. Uhrzeit: 15:21 Uhr. Hier sind Thomas Setzer und Regine Datz, Mitarbeiter der Detektei Umschau. Wir befinden uns bei Frau Ramona Gleibt in der Wohnung. Im Wohnzimmer. Frau Ramona Gleibt liegt uns gegenüber am Sofa unter einer Decke. Beginnen wir uns zu unterhalten, Frau Gleibt ...
Frau Ramona Gleibt: Deswegen sind Sie da bei mir, oder? Detektive sind hart im Nehmen. Sie haben keine Angst davor, von mir angesteckt zu werden. Und - mir ist eh langweilig. Liege seit gestern die meiste Zeit am Sofa rum. Schlafe. Chatte. Trinke heißen Tee aus der Thermoskanne. Schlafe. Entdecke, daß mein Tablet am Boden liegt. Runtergerutscht. Während ich eingeschlafen war. Zum Glück ist es nicht kaputtgegangen ...
Detektei Umschau: Das letztemal, als Sie mit uns zusammen waren, Frau Gleibt, erzählten Sie uns eine komische Geschichte. Sie wären Ihrer Schwester Gabi hinterher, zusammen mit Gustl, dem Sohn des Bauern Strauchingers, bei dem Sie und Ihre Familie wie jedes Jahr Urlaub am Bauernhof machten. Sie erzählten, daß Sie Ihre Schwester Gabi von hinter einem Gebüsch beobachteten. Aber, Ihre Schwester Gabi, die hatte Sie eigentlich im Blick, zu Gustl und Ihnen, Frau Gleibt, hingewunken. Ab dem Moment, daß Ihnen jede Erinnerung fehlt. Bis heute. Erst Stunden später sind Sie wieder zu sich gekommen, ja?
Frau Ramona Gleibt: Ja.
Detektei Umschau: Als Sie zu sich kamen, berichteten Sie uns eine Sexgeschichte. Mit Gustl, dem ältesten Sohn der Strauchinger-Familie. Damals fünfzehn. Er war zwischen ihren Beinen, hat Sie ...
Frau Ramona Gleibt: Habe ich Ihnen erzählt, ja.
Detektei Umschau: Also, das von Gustl ... Wie Sie das so einfach hinnehmen konnten, was Gustl mit Ihnen gemacht hat, das verstehen wir jetzt im nachhinein nicht. Ihre Eltern oder Sie, Frau Gleibt, hätten das doch eigentlich Ihren Eltern erzählen müssen.Ihre Eltern oder Sie, Frau Gleibt, hätten Gustl bei der Polizei anzeigen müssen. Finden wir zumindest.
Frau Ramona Gleibt: Wa-as? Warum hätte ich Vati oder Mutti was sagen sollen, damit die Gustl anzeigen? Ich hab Gustl das doch angesehen, daß Gustl von dem Ganzen auch überrascht war. Als er zu sich gekommen ist, nachdem er ..., ist Gustl sofort von mir runter. Wollte es nicht glauben, was war. Wie ich.
Detektei Umschau: Nein! Wir denken, Gustl hat die Situation schamlos ausgenutzt. Oder hat Gustl das etwa nicht? Gustl liegt dort hinter dem Gebüsch auf Ihnen, Frau Gleibt. Zwischen Ihren Beinen ist Gustl plaziert. Wie immer Gustl dorthin gekommen ist. Wenn Sie beide, Gustl und Sie - wie Sie gesagt haben, Frau Gleibt - sich ungefähr zur selben Zeit bewußt wurden, immer noch hat Gustl weitergemacht. Bis er sich ... Bis er ... Sie, Frau Gleibt, sprechen davon, daß Sie merkten, daß Gustl ... Das müssen Sie sich doch in der Vergangenheit auch schon mal überlegt, Frau Gleibt, oder? Wenn Sie gefürchtet haben, schwanger geworden zu sein, war Ihnen klar, daß Gustl sich in Sie ergossen hat.
Frau Ramona Gleibt: Und wenn schon. Wenn Gustl das ausgenützt hätte, mich hätte das nicht gestört. Das stört mich bis heute nicht. Ich hatte nie was gegen Gustl. Gustl war nur ein bißchen jünger wie ich. Ich war damals siebzehneinhalb, Gustl war fünfzehn geworden. Vielleicht hätten Gustl und ich uns im Laufe der darauffolgenden Tage bei den Strauchingers irgendwann wirklich mal geküßt. Und dann vielleicht sogar ... Warum nicht?
Detektei Umschau: Wenn Sie Ihren Eltern nichts sagen, es auf sich beruhen lassen wollten ... Heute ist das ohnehin kaum noch wahr. Aber, es bleibt dabei, daß Sie genommen wurden, Frau Gleibt ... Aber auch Gustl, der hat anscheinend nicht viel davon gewußt, was er trieb. Bis er ... Keine Ahnung hatte auch er, wie er in die Situation kam ... Was denken Sie sich eigentlich, wie es dazu gekommen ist, daß Sie und Gustl aufeinander liegen ...? Da muß vorher doch schon einiges in Bereitschaft gebracht werden, bei Gustl und Ihnen ... Oder was denken Sie, Frau Gleibt?
Frau Ramona Gleibt: Stimmt schon. Nichts von dem, was die Stunden vorher war, weiß ich mehr. Nur, meine Träume. In denen Gabi und der Mann, Gabis Fransi vorkommen ... Gustl hat mir später mal erzählt, er könnte sich an diesen Fransi erinnern. Er hätte Gabis Fransi entfernt beim Gebüsch stehen sehen ... Und beide, mich und Gustl, beobachtend. Alles aber flüchtig. Gustl sieht hin, sieht weg, sieht wieder hin - war die Gestalt fort. Verstehen Sie? Gustl hat übrigens auch Alpträume gehabt, wie ich. In denen Gabi und Gabis Fransi auftauchen. Weiß ich, seit ich hier in der Gegend wohne und in der Bank arbeite. Habe Gustl schon öfters wiedergetroffen.
Detektei Umschau: Ah - ja?
Frau Ramona Gleibt: Heute ist die Welt wirklich um einiges anders für Gustl als damals. Und nicht nur, weil Gustl und ich ein paar Jahre älter sind. Heute sitzt Gustl im Rollstuhl. Vor zwei Jahren hatte Gustl einen Motorradunfall. Mit schlimmen Folgen für Gustl. Seit dem Unfall ist Gustl den Bauch abwärts gelähmt. Obwohl Gustl keine Schuld an dem Unfall hatte. Nur hinten am Sozius war Gustl gesessen. Gustls Freund, der das Motorrad gelenkt hat, der hat sich zu stark in die Kurve gelegt, ist dann plan weggerutscht ... Gustls Kumpel ist heil und gesund aufgestanden. Aber Gustl ... Gustl hatte einfach Pech. Das Motorrad hat Gustl erwischt hat, ein Fuß der Leitplanke ... Bei Gustl sind ein paar Sachen zusammengekommen ...
Detektei Umschau: Ja - und?
Frau Ramona Gleibt: Seitdem ich hier unten in der Gegend arbeite, habe ich Gustl schon öfters wiedergesehen. War auch schon das eine oder andermal bei den Strauchingers in Geiersdorf. Gustl hat es seit seinem Unfall schwer, eine Freundin zu finden. Würde Gustl nicht im Rollstuhl sitzen, hätte Gustl an jedem Finger eine, hat Gustl gemeint, fängt zu flennen an. Mich hat Gustl auch schon gefragt, ob ich nicht ...
Detektei Umschau: Und? Haben Sie ...?
Frau Ramona Gleibt: Gustl möchte eine, mit der er immer ... Ich habe - oder, besser gesagt -, hatte einen Freund. Seit eineinhalb Jahren. Das habe ich Gustl auch erklärt ... Jetzt habe ich schon ein paar Wochen nichts mehr von Gustl gehört. Gustl, der gedacht hatte, ich wäre für ihn wieder zu haben, nachdem ich und mein Freund immer noch ... War Gustl beleidigt, als ich gesagt hab, daß er sich deswegen nicht einbilden müßte, ich würde was Richtiges mit ihm anfangen ...
Detektei Umschau: Sprechen wir nun bitte wieder von Ihrer Schwester Gabrielle, Frau Gleibt. Wie ist die Geschichte mit Ihrer Schwester Gabi weitergegangen, nachdem sie vom Hof der Strauchingers abgereist waren?
Frau Ramona Gleibt: Als wir alle wieder daheim eingetroffen waren, waren die Sommerferien für Sonja, Gaby und für mich noch nicht vorbei. Ein paar Tage hatten wir noch schulfrei. Vati, der fing aber sofort wieder mit der Arbeit in seinem Ladengeschäft an. Schließlich war Vati selbständig. Wegen den Sorgen wegen Gabi, arbeitete Mutti Soni erst mal nur stundenweise bei Vati Didi im Geschäft mit. Die Buchhaltungsarbeit hat Mutti für Vatis Geschäft von Zuhause aus erledigt. Was Gabi anbetraf, für Gabi standen jede Menge Arztbesuche an. Mutti und Vati hatten für Gabi jede Menge Termine bei den verschiedensten Fachärzten ausgemacht. Zu denen Gabi sich, meistens begleitet von Mutti Soni, auch hinbegab. Freute mich, konnte ich Gabis Miene anmerken, daß Gabi nicht viel Spaß gehabt hatte. Der eine oder andere Arztbesuch, der nervte Gabi hübsch an.
Detektei Umschau: Sie sprachen bereits von Laboren, die Blut- und Gewebeproben Ihrer damals fünfzehnjährigen Schwester Gabi übermittelt bekamen.
Frau Ramona Gleibt: Vati Didi kannte Labormitarbeiter schon von Berufs wegen. Leute kauften bei meinem Vati in der Stadt schließlich alle mögliche Software für ihre Rechner ein. Außerdem war Vati privat mit vielen in der Stadt bekannt. Also: Ein Abstrich wurde bei Gaby gemacht, Gabi Blut entnommen. Das volle Programm gab es für Gaby bei den Ärzten. Auch Sitzungen beim Psychologen. Je mehr Tage vergingen, nachdem die Familie Gleibt vom Strauchinger-Hof abgereist war, um so mehr blühte Gabi auf. Scheinbar war Gabi wieder die alte Gabi. Sondern noch viel mehr. Gabi war unbeschwert, fröhlich. Nur mit mir, ihrer älteren Schwester Mona, hatte das nichts zu tun. Nicht mit mir. Mir gegenüber verhielt sich Gabi weiter abwehrend bis richtiggehend feindselig. Weiß nicht, hielt mich für eine Gefahr für ihre eigene Vorteile? Oder hätte ich einem Freund, den Gabi für sich alleine haben wollte, zu tief in die Augen geblickt. Hätte dabei zu stark Wirkung hinterlassen. Irgend so was in der Art. Nicht ganz genau zu durchblicken war das eigentlich für mich. Nur eins war klar: Zu mir war Gabi ein Biest. Und natürlich ließ ich mir nichts gefallen. Vati Didi und Mutti Soni fiel das öfters auf, meinten, Gaby und ich, wir würden uns nur noch anzicken. Aus den nichtigsten Anlässen. Immer klarer wurde es mir, daß Gabi mich nicht mehr nur nicht mochte, Gabi, sie haßte mich regelrecht. Vor Gabi mußte ich mich in acht nehmen. Es fing an, daß Gabi in der Küche ein Teller auf den Boden schmiß, Mutti rief, und sobald Mutti in der Küche eingetroffen war, wurde Mutti von Gabi informiert, daß ich das Teller absichtlich auf den Küchenboden geschmissen hätte. Einfach, zum Spaß; weil mir das Spaß machen würde. Tags drauf machte Gabi das wieder, sagte zu Mutti, daß ich jetzt schon wieder ein Teller zerdeppert hätte. Einfach so. Weil ich zu ihr, Mutti, sagen hätte wollen, daß sie, Gabi, den Teller auf den Boden geworfen hätte. In diesem Stil ging es jetzt zwischen Gabi und mir zu. Kaum ein Tag, daß es nicht zu irgendeinem ähnlichen Vorfall kam. Richtig heiß stieg es mir auf, wenn ich am Abend im Bett lag und daran dachte, was meiner Schwester Gabi morgen als nächstes einfallen könnte. Mutti hat versucht, mich zur Räson zu bringen. Echt geschafft hatte es Gabi, mich als die Böse hinzustellen. Stimmt ja auch, im Vorbeigehen habe ich mit der Faust nach Gaby geschlagen. Gabi schlägt zurück. Sonja sieht mich und Gabi, wie wir immer schlimmer nacheinander hauen. Sonja ruft Mutti, Mutti soll schnell aus der Küche kommen, Gabi und Mona hauten sich böse. Wir Schwestern, Gaby, Sonja und ich, Mona, wir hatten jede unsere eigenen Zimmer. Nie hatte eine von uns Schwestern die Zimmertüren zugesperrt. Um die Zeit herum fing ich aber an, meine Zimmertüre zuzusperren. Und zwar ständig. Als wäre ich irgendwo in einem Hotel. Sobald ich aus meinem Zimmer herauskam, sperrte ich hinter ab. Wer zu mir hineinwollte, der mußte anklopfen. Auch Vati Didi, Mutti Soni. Aber als einzige der Familie. Schon auffällig für Vati Didi und Mutti Soni. Mußte ich aber auch machen, bei mir abzusperren. Ehe ich mich entschlossen habe, das mit dem Zimmerabsperren wirklich durchzuziehen, war es, daß ich im Schlafanzug ins Bett ging. Eben wollte ich mich aufs Bett schmeißen, als ich merkte, daß da was in meinem Bett lag. Eine Glasflasche mit gefährlichen Zacken. Verrückt. Dafür konnte nur eine verantwortlich sein, wußte ich sofort: Gabi. Gabi hatte eine angeknackste Mineralwasserflasche bei mir im Bett plaziert. Ich komme mit der kaputten Flasche in Küche, habe Gabi angeschrien, was ihr denn einfällt, mir eine zerbrochene Flasche ins Bett zu legen. Hat Gabi mir den Vogel gezeigt. Zu Vati und Mutti sagte Gabi, Mona, die spinne doch. Wahrscheinlich hätte die angeknackste Flasche selber im Bett vergessen. Jetzt wolle ich, die große Schwester, ihr, Gaby, das mit der geknacksten Flasche in die Schuhe schieben. Aus reiner Bosheit.
Detektei Umschau: Ihre Schwester Gabi hatte Sie damals auf dem Kieker, Frau Gleibt ...?
Frau Ramona Gleibt: Ja, Gabi hatte mich auf dem Kieker. Das war nicht gut für mich, daß ich die Ältere war, die, die vernünftig sein sollte. Schließlich bin ich Gabi in ein paar Fallen gelaufen, und Gabi konnte mich bloß stellen. Während ich die gemeine große Schwester war. Dabei mußte ich in der Wohnung meiner Eltern langsam aufpassen, daß mir nichts Schlimmeres passierte. Gabi redete im Wohnzimmer mit Vati und Mutti darüber, daß ich die einzige wäre, die ihr Zimmer absperren würde; Sonja und sie, Gaby, sie beide sperrten nicht ab. Irgendwas mußte Mona zu verbergen haben. Nahm Mona Drogen? Trotzdem blieb es dabei: Ich habe meine Zimmertüre zugesperrt. Rein zu mir kam nur der, den ich zu mir reinließ. Wenn ich dabei war, konnten Mutti und Vati nach Herzenslust bei mir im Zimmer herumschnüffeln. Solange Mutti und Vati das wollten. Gaby blieb nur die Möglichkeit, von draußen zu mir hereinzuschauen. Rein kam mir die nicht mehr ins Zimmer, während ich Sonja zu mir reinließ, wenn Sonja wegen irgendwas bei mir an der Zimmertüre klopfte. Trotzdem, wenn ich von der Schule gekommen war, meine Zimmertür aufsperrte, habe ich erst ausgiebig geschaut, ob nicht irgendwas in meinem Zimmer anders war. Im Bad habe ich aufgepaßt, erst mal in die Dusche hineingeguckt. Duschgel und Zahnpasta ließ ich nicht mehr im Bad stehen; alles brachte ich immer aus meinem Zimmer mit, wenn ich ins Bad ging. Ich habe echt gefürchtet, mal die Wasserhähne aufzudrehen und einen elektrischen Schlag abzubekommen. Oder daß in der Duschkabine plötzlich kochend heißes Wasser auf mich runterkam. Barfuß bin ich in der Wohnung nicht mehr herumgelaufen. Ständig habe ich herumgeguckt, ob irgendwas wie zufällig am Boden herumlag. Sonjas Skateboard war einmal vor meiner Zimmertüre plaziert. Hätte ich gut draufsteigen können. In der Küche habe ich zugeschaut, daß ich mir meine Brötchen selber strich. So fleißig hatte ich Mutti früher nie in der Küche geholfen. Schnippelarbeit miterledigt. Mit einer Pizza, die geliefert worden war, ohne daß ich dabei war, als der Pizzabote die Pizzen an der Tür ablieferte, habe ich nicht gegessen. Bin, statt die Pizza mit allen zusammen zu essen, lieber zum Essen auf mein Zimmer ... Die Pizza ist geradewegs in unserem Müll gelandet. Wirklich, von daheim auszuziehen, darüber habe ich stark nachgedacht.
Detektei Umschau: Der blanke Terror, würden wir sagen. Nicht?
Frau Ramona Gleibt: Mußte nur achtsam sein, sonst nichts. Auch Gabi mußte aufpassen. Gabi mußte aufpassen, nicht in eine ihre eigenen Fallen zu steigen. Ende Oktober hat Mutti Gabi zum Doktor fahren müssen, erinnere ich mich. Der Grund: Gaby war beim Kartoffelholen in unserem Kellerabteil ausgerutscht. Eigentlich hätte ich ja die Kartoffeln heraufholen sollen, wie immer. Aber ich war eben erst von der Schule heimgekommen, hatte zwei Stunden länger. Und weil Sonja schön über ihren Hausaufgaben hockte, hatte Mutti Gabi kurz hinuntergeschickt. Eigentlich kein Problem, oder, für niemanden. Sonja hat eine Kurznachricht auf ihr Phon gekriegt. Dann sind Sonja und ich schnell in die Keller hinuntergelaufen. Worauf Gabi ausgerutscht ist, habe ich nicht gesehen. War mir schleierhaft. Gabi hatte jedenfalls einen angeknacksten Köchel, konnte kaum auftreten.
Detektei Umschau:Pech für Gabi.
Frau Ramona Gleibt: Hatte nicht wenig Schadenfreude, das können Sie mir glauben. Vielleicht war da auch keine Falle oder so was gestellt. Vielleicht war es einfach nur an irgendeiner Stelle glatt. Auf alle Fälle hatte Gabi es weggemacht. Was weiß ich. Auf was Gabi ausgerutscht ist, habe ich nie erfahren. Jedenfalls, wenn man sich das überlegt, war es wahrscheinlicher, daß ich in den Keller gehe, als daß Gabi das tut. Oder Sonja. Um auszurutschen. Eine Bänderdehnung hatte Gabi im Knöchel. Der Fuß wurde Gabi eingegipst. Den Rest der Woche ging Gabi auf Krücken in die Schule. Alles weit weniger tragisch, als Gabi sich aufführte. Solange Gabi mir gemein hinfauchen und mich verfluchen konnte, war die Welt doch für sie in Ordnung, oder?
Detektei Umschau: Da war Gabi aber ziemlich gesund, oder? Wann fing es an, daß Gaby wieder körperlich abbaute? Ab wann ging es Gabi wieder schlechter?
Frau Ramona Gleibt: Also, wir hatten die Laborbefunde, daß sich in Gabi ein seltenes Virus im Körper befinden sollte, schon vergessen. Vati hat die Briefe aus den Labors an die Adresse seines Ladengeschäfts bekommen. Ob das Virus einen Namen hatte, ich wußte das nicht. Nicht von Mutti, Vati. Es war alles wieder total verdrängt. Kein Wort mehr drüber. Verstehen Sie? Gegen Ende November, glaube ich, daß es sich neu ankündigte.
Detektei Umschau: Wie denn? Wie kündigte sich das an, daß sich der Gesundheitszustand Ihrer Schwester Gabi verschlechterte?
Frau Ramona Gleibt: Hm! Ende November war ich am Montagnachmittag gegen siebzehn Uhr von der Schule nach Hause gekommen. Hatte Hausaufgabenhilfe, in Mathe mußten mir immer wieder ein paar Dinge wiederholt erklärt werden. War davon richtig angenervt. Sonja und Gabi waren von dort, wo sie Schule hatten, bereits wieder daheim. Mutti, hatte mir Sonja gesagt, befand sich bei Vati in seinem Stadtgeschäft. Mutti Soni hatte auch mir eine Kurznachricht geschrieben, daß sie erst nach halb sieben Uhr oder später mit Vati heimkäme. Hätten Gabi, Sonja und ich nicht zu großen Hunger, sollten wir warten, Mutti würde Pastagerichte mit nach Hause mitbringen. Sonja sagte mir das von Mutti, obwohl ich nur selber zu lesen gebraucht hätte. Dann war Sonja wieder zu sich aufs Zimmer gegangen, für ihre Spielekonsole. Am Flurgang bin ich unentschlossen herumgestanden. Habe überlegt, mir eine Stulle zu streichen, Brot oder Baguette? Da öffnet sich mir gegenüber die Türe von Gabis Zimmer. Grinsend schaut Gabi bei sich heraus, hält die Zimmertüre mit einer Hand. Was Gabi zu mir gesagt hat, war ungefähr das: 'He, Mona, große Schwester! Wie wars denn heute in der Schule?' Ich hatte eigentlich keine große Lust, mich viel mit Gabi zu unterhalten. Gabi grinste mir breit ins Gesicht. Gabi: 'Wo bleiben denn bei dir eigentlich die Stecher, Mona? Wofür hast du eigentlich immer die Kondome in deiner Handtasche dabei? Immer gleich viel, keins kommt weg ...' Ich antwortete: 'Du warst an meiner Handtasche? Was willst du schon wieder von mir, Gabi?' Gabi: 'Selber schuld, wenn du was rumliegen läßt, Mona. Dachte, du tust das nicht mehr.' Ich: 'Bleib mir doch einfach vom Hals, Gabi.' Gabi: 'Tun andere anscheinend auch. Hör mal, Mona - kann mich überhaupt nicht mehr dran erinnern, wann du das letztemal einen Freund gehabt hast. Will sich keiner mehr in dich verlieben, Mona?' Ich: 'Kümmer dich besser selber um was. Wo sind denn deine ganzen Liebhaber, Gabi? Hast du zur Zeit überhaupt Freundinnen? Habe schon lange keine deiner Freundinnen hier bei uns in der Wohnung gesehen. Geschweige denn, daß du in der letzten Zeit irgendeinen der Jungs nach Hause mitgebracht hättest. Pah, Gabi! Hör mir doch auf!' Gabi: 'Hör mal, Mona, große Schwester, ich sag dir mal was.' Ich: 'Was sagst du mir denn? Spuck's schon aus, wenn du es nicht bei dir behalten kannst, Gabi.' Gabi: 'Haha, Mona! Ich hab das, was du nicht hast, weißt du? Weißt du, mit wem ich simse?' Ich: 'Nö. Interessiert mich auch nicht, Gabi, mit welchem berühmtem Sänger, Schauspieler du ... Ich glaub jetzt, es ist besser, ich hör hier auf mit meinem Mist, Gabi. Ich geh jetzt besser auf mein Zimmer.' Gabi: 'Mit IHM. Mit IHM simse ich. Du weißt schon, Gaby, mit IHM. Mit IHM.' Irgendwie war ich von dem, was Gabi mir gerade gesagt hatte, innerlich erschüttert. Hatte weiche Knie. Und ich hab gesehen, daß Gabi das auch mitgekriegt hatte. Gabi: 'Ja, mit IHM, Mona. Und weißt du, was ER mir geschrieben hat?' Die Schulter hab ich gezuckt. Gabi: 'Daß ER kommt! ER kommt hierher in die Stadt. Zu mir, Gabi. ER kommt zu MIR, Mona. Ich fehle IHM. Total fehle ich IHM. Und jetzt, jetzt kommt ER MICH besuchen. MICH kommt ER besuchen, Mona. Hierher in die Stadt ist ER, Mona. Dauert nicht mehr lange, daß ER da ist. ER schreibt mir immer, wenn ER woanders ist. Ich weiß, wo ER gerade ist, Mona - du nicht. Ich muß nicht auf den nächsten Sommer warten, Mona, IHN wiederzusehen. ER kommt. Zu mir, Mona. Zu mir. Und nicht zu dir, Mona. Nein, nicht zu dir.' Ich sage etwas leise, habe auch dieses Gefühl von Schwäche in den Beinen, zu Gabi: 'Du tickst doch nicht mehr richtig im Kopf, Gabi? Laß dich mal im Kopf untersuchen, Gabi.' Gaby: 'Nein, nein, Mona. ER kommt. Kannst es mir ruhig glauben. Es dauert nicht mehr lange. Höchstens noch ein paar Tage kommt. Dann ist ER hier in der Stadt. Kann bei uns vorbeischauen, Mona ... Wart das nur ab, liebe große Schwester. Und ER kommt nur zu mir, Mona. Nur zu mir, schreibt ER mir. Nur wegen mir hat ER sich auf den Weg gemacht. DU schaust in die Röhre, Mona. Voll in die Röhre.' Mir hat das Geschwätz von Gabi dann gereicht. Abgewandt hab ich mich endlich von Gabi. Habe meine Zimmertüre aufgesperrt, während Gaby gemein in meinem Rücken gelacht hat. Hinter mir habe ich die Tür zugemacht, abgesperrt, und ich hatte Ruhe vor Gabi. Nur erholen mußte ich mich ein Weilchen am Fußboden unten. Bin eigentlich erst wieder hochgekommen, als Mutti bei mir an die Türe geklopft hat. Mutti war heimgekommen, hatte was zum Essen mitgebracht, und ich sollte in die Küche kommen ...
Detektei Umschau: Das sagt Ihre Schwester Gabi Ihnen, daß sie mit IHM simst und daß ER die nächsten Tage in der Stadt ankommt? Und, ER ist gekommen?
Frau Ramona Gleibt: Die folgenden Tage war Gabi nur noch nett zu mir. Wenn Gabi und ich uns vor die Füße gelaufen sind, hat Gaby mir immer vertraut zugeblinzelt. Als ob sie und ich ein Geheimnis teilen würden. Hab versucht, Sonja auszuhorchen, ob sie auch was von Gabi wüßte. Aber, Sonja schien von nichts eine Ahnung zu haben. Außer davon, daß wir diesen schrecklichen Mann damals dort mitten im Wald gesehen hatten, als wir beim Pilzesuchen zu weit von den uns bekannten Plätzen weggegangen waren. Was da war, darüber sprachen Sonja und ich. Aber nur das Bekannte. Nichts von dem, was ich sonst noch mitgekriegt hatte. Sie wissen ja, Gabi und der, auf dem abgedeckten Baumstamm oben ...
Detektei Umschau: Dann kam der Tag, daß ER eingetroffen war, nicht? Wie gab es das zu merken, daß ER da war. Daß ER bei Gaby war?
Frau Ramona Gleibt: Donnerstag war ... Die erste Woche im Dezember. Da war ER das erste Mal seit unseren Geiersdorfer Ferientagen wieder bei ihr, bei Gabi. An diesem Donnerstag war ER zum ersten Mal bei uns in der Stadt, hat sich irgendwo mit Gabi getroffen. Dieser Donnerstag, da hatte Gabi Mutti mit ihrem Phon angerufen Von der Schule aus. In der großen Pause. Gabi hat Mutti informiert, daß sie nach dem Nachmittagsunterricht nicht nach Hause komme. Weil sie danach noch zu Trixi, ihrer besten Freundin, gehen wollte.
Detektei Umschau: Und? War Gabi dann nicht bei Trixi?
Frau Ramona Gleibt: Sicher war Gabi bei Trixi. Warum sollte Gabi nicht für ein, zwei Stunden bei Trixi gewesen sein? Was weiß ich? Denk schon, daß Gabi auch bei Trixi daheim war. Aber danach - wo Gabi dann war ... Woran ich mich einhundertprozentig erinnere ist, daß Gabi kurz nach einundzwanzig Uhr nach Hause gekommen ist. Vati und Mutti zeigte Gabi sich im Wohnzimmer. Sonja und ich, wir saß auch im Wohnzimmer, zusammen mit Mutti und Vati. So komisch fand Gabi ich, fahrig, aufgesetzt fröhlich. Wie eine Schauspielerin kam mir Gabi vor. Zu Mutti und Vati sagte Gaby, daß sie schon bei Trixi was zu Abend gegessen hätte. Ziemlich bleich im Gesicht war Gabi, fand ich. So unstete, stumpfe Augen. Als wäre Gabi am liebsten sofort wieder aus dem Wohnzimmer draußen gewesen. Und Gabi war dann auch nach kürzester Zeit wieder fort. War rausgeeilt aus dem Wohnzimmer, begab sich auf ihr Zimmer.
Detektei Umschau: Wenn weiter nichts mit Gabi war ...
Frau Ramona Gleibt: Doch, es war was. Sofort, als ich Gabi ins Wohnzimmer reinkommen sah, wußte ich Bescheid. Sogar zusammengezuckt bin ich leicht. ER war da. DAS war los bei Gabi: Gabi hatte IHN getroffen. Mir genügte ein Blick auf Gabi. Mehr brauchte ich nicht. Ihnen passiert das doch auch hin und wieder, daß man Ihnen nichts Genaures sagt, aber trotzdem wissen Sie über etwas Bescheid, nicht wahr?
Detektei Umschau: Ist schon gut.
Frau Ramona Gleibt: Am nächsten Morgen trug Gabi beim Frühstück ein glitzerndes Seidentuch um den Hals, eine Sonnenbrille auf der Nase. Eine Sonnenbrille, die Gabi nur kurz abnahm, weil Sonja die Sonnenbrille schick fand, sich die Sonnenbrille mal aufsetzen wollte. Noch dumpfer wie am Abend zuvor, fand ich, Gabis Blick ohne Sonnenbrille. Ziemlich abgestumpft, daß Gaby aus der Wäsche tot. Als wäre Gabi was genommen worden, irgendein Funke. War wirklich gut, daß ich, als Gabi die Sonnenbrille wieder aufgesetzt hatte, ich nicht mehr nach diesen Augen Gabis schielen mußte. Ab diesem Morgen gewohnte sich jeder an die Sonnenbrille bei Gabi. Überall hatte Gabi diese Sonnenbrille auf. In der Wohnung. In der Schule. Auf der Straße. Als hätte sie über Nacht ein Problem mit den Augen gekriegt. Wäre ihr vor allem am Tag jedes Licht zu hell. Auch das Halstuch an Gaby wechselte täglich nur die Farbe. Einmal Seide, dann Strickware. Oder der Schal von Vatis Lieblingsfußballverein. Als wäre Gabi plötzlich zu einem Anhänger von dem geworden. Gabi, die sich nicht viel für Fußball interessierte. Trotzdem dauerte es ein paar Tage, bis Mutti Soni Gabi mal fragte, ob sie Probleme mit ihren Augen hätte. Jederzeit könnte man zu einem Augenarzt gehen. Einen Termin zu vereinbaren, das wäre kein Problem.
Detektei Umschau: Und, was denken Sie, Frau Gleibt, was hatte das alles dann zu bedeuten? Gaby mit Sonnenbrille und Halstuch ...?
Frau Ramona Gleibt: Angegeben hat Gabi nicht wieder mir gegenüber, daß sie IHN treffen würde. Von der Schule aus rief Gabi Mutti Soni ein-, zweimal die Woche an. Daß sie nach der Schule zu Trixi oder einer anderen Freundin ging. Hatte wieder viel mit Freundinnen, meine Schwester Gabi, meinte ich mal zu Mutti Soni in der Küche. Interessierte aber keinen wirklich, das, wenn Gabi ihre besten Freundinnen besuchte. War schließlich nichts. Weil Gabi immer brav gegen zwanzig, einundzwanzig Uhr wieder daheim war. Kann mich nicht erinnern, daß sich einer der Familie damals wegen Gabi größere Sorgen gemacht und Gaby hinterhertelefoniert hätte. Ganz offiziell durfte Gabi nun tagsüber ihre Sonnenbrille auch in der Schule und im Unterricht tragen. Weil Mutti Soni mit Gabi beim Augenarzt war, der bei Gabi eine Lichtempfindlichkeit der Augen festgestellt hatte. Dafür schrieb er Gabi ein augenärztliches Attest. Gabi mußte Pillen schlucken, deren Namen ich heute nicht mehr weiß, kriegte Tropfen, die Gabi sich von Mutti Soni in die Augen tröpfeln ließ. Bloß besser wurde das mit Gabis Augen deswegen nicht. Die Tatsache, daß Gaby jeden Morgen nur sehr schlecht aus dem Bett rauskam, lichtempfindlich war, sich sofort die Sonnenbrille auf die Nase setzen mußte, das bereitete Mutti und Vati dann schon größere Probleme. Solange Gaby es in die Schule schaffte und die Noten Gabis einigermaßen waren, war alles gut. Der Rest, um den wollte man sich, während den Winterferien kümmern. Dann war ein genereller Gesundheitscheck für Gabi fällig, hörte ich Vati Didi zu Mutti Soni sagen.
Detektei Umschau: Zwischen Ihnen und Ihrer Schwester Gabi wieder alles in Butter, Frau Gleibt?
Frau Ramona Gleibt: Ein Weilchen lang schien Gabi tatsächlich vergessen zu haben, daß sie mich auf dem Kieker hatte. Schwer war das für mich einzuschätzen, wie schlapp Gaby wirklich war. Hing Gabi erst nur so müde rum, passierte es, daß Gabi was gegen den Strich, führte Gaby sich auf wie von der Tarantel gestochen. Gabi maulte, nölte in der Gegend rum, benutzte die hübschesten Schimpfworte, haute nach Sonja oder mir. Sogar mit Sachen warf Gabi, brach Gabi der Zorn aus. So was reduzierte bei jedem in der Familie die Sorgen, die er sich eventuell wegen Gaby machen wollte. Wenn man aufpassen mußte, daß Gabi nicht plötzlich loslegte wie eine Rakete. Die Tage der Winterferien näherten sich. Jeden Tag wechselte Gabi jetzt ihre Sonnenbrille wechselte Gaby. Ende November hatte Gabi sich eine hübsche Sonnenbrillenkollektion zugelegt. Schwarz, gelb, braun, rosa. Gabys Augen kriegte man nur noch selten ohne Brille davor zu sehen. Und weil die Brillengläser farbiger wurden und man Gabis Augen besser sah als bei den schwarzen Sonnenbrillen, ließen bei Vati und Mutti die Sorgen wegen Gabis Augenlicht nach. Mir schien jedoch, ich sollte mit Mutti Soni reden, sie wieder darauf aufmerksam machen, daß mit Gabis Augen irgendwas war. Vielleicht dauerhaft. Das haßerfüllte Gesicht Gabis hätten Sie sehen müssen, Gabi, die zufällig zugehört hatte, was ich mit Mutti Soni redete. Dann waren Weihnachtsferien. Gabi war eben so gegen halb acht Uhr am Abend von Tag eins nach den Feiertagen von Trixi nach Hause gekommen. Am Flurgang stand Gabi einfach nur da, und ich bin aus dem Klo gekommen. Gabi ist rumgestanden, und ich hab lange nach dem zufällig halstuchfreien Hals von Gabi gestarrt. Meinte, ich würde bei Gabi am Hals so drei, vier rötliche Punkte ausmachen. Punkte, die mir bekannt vorkamen; die ich durchaus auch schon mal an mir ähnlich gesehen hatte. Wo die Halsschlagader war, bei Gabi. Kam plötzlich Leben in Gabi. Baute Gabi sich breitbeinig und aggressiv mir gegenüber auf, die Arme in die Hüften gestemmt. Gabi macht mich an: 'He, was guckst du so doof, Schwesternschlampe? Willst du was?' 'Nein, nichts will ich', hab ich schnell geantwortet, ehe die Sache zu laut wurde, Vati, Mutti aus der Küche spaziert kamen: 'Geh mir aus dem Weg, Gabi.' Gabi: 'Mona, du große Schwesternschlampe, dich mach ich jetzt richtig fertig. Kannst du mir glauben. Dich hab ich schon lang in Verdacht, daß du eifersüchtig bist. Und jetzt, so, wie du mich anschaust, denke ich, daß das stimmt: Du bist eifersüchtig. Auf mich. Weil ich ... Bei IHM ...' Ich: 'Was - ich, eiferüchtig? Du hast sie nicht mehr alle, Gabi.' Gabi: 'Klar bist du eifersüchtig, Mona. Wenn ich eins bestimmt weiß, dann das, daß eifersüchtig bist. Du bist eifersüchtig, Mona. Hättest gern, was ich habe, was?' Ich: 'Das hättest du wohl gerne, daß ich auf dich eifersüchtig bin. Immer den ganzen Tag mit Sonnenbrille rumrennen, Leute wie tot angucken. Das denkst du dir, daß ich auf dich eifersüchtig bin, Gabi.' Gabi: 'Soso! So willst du das drehen, große Schwesternschlampe. Aber sogar Sonja weiß, daß du auf mich eifersüchtig bist. Schon aus Prinzip. Weil du einfach so eine bist. Und jetzt bist du gerade wieder eifersüchtig. Auf mich. Besonders aber auf mich. Weil mich jemand mag, von dem du auch gerne gemocht werden würdest. Stimmt doch, oder? Gerne würdest DU IHN auf DIR spüren. SEINEN Atem an deiner Haut. Wie ich IHN spüre. SEINEN Atem, auf mir. Wie ER mich berührt, Mona. An mir knabbert. Ah, Mona - das hättest du gerne wie ich ...' Ich: 'Paß auf, Gabi, Mutti und Vati könnten dich hören. Oder Sonja.' Gaby: 'Und wenn schon, Mona. Denkst du, das ist wichtig, was Vati, Mutti hören? Denkt ihr, ihr seid wichtig? Du denkst, ihr seid irgendwie wichtig, Mona, Schwesternmiststück? Nein, keiner von euch ist wichtig. Nehmt euch alle ja nur in acht. Du bist Opfer, Mona, sonst nichts. Dich saug ich bald noch aus, sag ich dir.' Ich: 'He! He! Warum sollten Vati und Mutti nicht wichtig sein? Warum sollte ich dein Opfer sein, Gabi?' Gabi: 'ER und ich, wir können über euch bestimmen. Du bist nicht mehr lange in der Lage, Mona, für dich selber zu denken. Glaub mir das. Und Vati und Mutti, Sonja, die Kleine ... Sicher, daß wir, ER und ich, keinen von euch besonders brauchen. Gut kann ich ohne euch alle zurechtkommen. Weißt du, Mona, ER und ich, wir denken gerade da darüber nach. Ob ich nicht demnächst dauerhaft zu IHM kommen soll. Schluß mit dem Versteckspielen. Lange mit euch muß das nicht dauern, Mona, nicht mit dir, Mutti, Vati, Sonja ... Und dann: Ich, bei IHM. Aber weit und breit keiner von euch. Nur ich, Mona, ich werde immer sein. Bei IHM. Ich mit IHM, Mona ...' Den Kopf hab ich geschüttelt, gesagt: 'Hörst du dir eigentlich selber zu, Gabi? Du bist doch plemplem. Hast sie nicht mehr alle.' Gabi flüstert, ganz nahe bei mir: 'Ich bin nicht plemplem, sag ich dir. Das solltest du wissen, Mona: Ich bin IHM wichtig. Nur ICH. Wer bist du denn schon, Mona? Von dir sagt er, dich nimmt er vielleicht einmal kurz hoch - dann läßt ER dich runterfallen. Du bist nichts, Mona. Was zum Wegwerfen. Abfall bist du, Mona. Abfall. Für die Tonne.' Mit dem Arm hat Gabi mich vor die Brust gestoßen, daß ich gegen die Wand bin. Aufgekreischt hab ich. Mit der flachen Hand haute Gabi Richtung von meiner Wange, trifft meine Nase voll. Aus der Nase ist mir das Blut geschossen gekommen. Gabi, die ist schnell weggelaufen, auf ihrem Zimmer zu verschwinden, hat die Zimmertür hinter sich zugemacht, weil die Küchentür aufgegangen ist. Mutti hat zu mir auf den Gang rausgeschaut, mich mit Nasenbluten gesehen. Sonst jedoch hatte Mutti nicht viel mitgehört. Mutti hatte sich mit Vati über Probleme in seinem Laden unterhalten. Verschiedene fehlerhafte Software hatte Vati zugeschickt bekommen, und die Ware zu reklamieren, das hatte sich als schwierig herausgestellt.
Detektei Umschau: Starker Tobak, was Ihre Schwester Gabi Ihnen gegenüber dahergerdet hat, Frau Gleibt. Welchen Reim haben Sie sich darauf gemacht.
Frau Ramona Gleibt: Es ab da schwer für mich. Wenn ich Gabi am Flurgang oder wo gesehen hab und ich alleine mit Gabi war, hab ich sofort abgedreht. Bin ins Klo, Badezimmer oder zu mir aufs Zimmer hinein sofort zurück. Hab Gabi nicht mehr offen angeschaut, immer sofort den Kopf gesenkt, als wär ich ein eingeschüchtertes Huhn. Dann fragte ich mich, warum Gabi nichts an sich auffiel.
Detektei Umschau: Bitte, was sollte Gabi an sich auffallen?
Frau Ramona Gleibt: Immer verblaßter, daß Gabi wurde, schmaler. Wie eine Magersüchtige. Nur noch eine, die sich toll fühlte, war Gabi, fand ich. Sonst blieb bald nicht mehr viel bei Gabi übrig, außer ihrer Boshaftigkeit. Daß sie einem bei jeder Gelegenheit was antat, einem Dinge kaputtmachte. Mit dem Messer hatte Gabi mich schon bedroht. Seit Monaten hatte ich das im Kopf, von daheim auszuziehen. Der Plan, mit Impi, meiner Freundin, zusammenzuziehen, der hatte mir nicht geklappt. Weil Impi die Wohnungssuche aufgab. Plötzlich hatte Impi keine Lust mehr. Die Sucherei nervte Impi an. Impi wollte dann nicht mehr von daheim ausziehen, Impi entscheid sich, bei ihren Eltern wohnen zu bleiben. Impi schrieb mir die Kurzmitteilung, daß sie nicht mit mir zu der Wohnungsbesichtigung am Samstag in der Früh mitkommen würde. Impi schätzte es voll richtig ein: Es war der nächste Fehlschlag. Ich sollte an die zehnte Position auf der Kandidatenliste; ich würde dann angerufen ... Weil Impi mir abging, war es gelaufen. Ohne Impi konnte ich mir eine Wohnung auch nicht leisten. Als Gabi zu der Zeit immer noch ekelhafter wurde, kam mir die Idee, ich könnte zu Omi ziehen. Alles schien mir besser, als weiter bei meinen Eltern in einer Wohnung mit Gabi bleiben zu müssen. Das mit Gabi, das war ja lebensgefährlich. Und dann auch noch das ... Daß ich es endgültig mit der Angst kriegte. Einmal wegen Gabi, diesem ekelhaften Miststück, dann aber auch noch ... Und wenn Gabi das mitkriegte, hab ich gewußt, war Gabi endgültig zu allem fähig ...
Detektei Umschau: Erklären Sie uns das näher, Frau Gleibt ...
Frau Ramona Gleibt: Mit der Angst kriegte ich es so was zu tun. Ich habe mir wirklich in die Hosen gemacht. Und das nicht nur als Spruch jetzt. Und ich hab mich gewundert, daß Gabi mich nicht damit anmachte. Fragte mich, warum Gabi nichts wußte ... Ich konnte mir das nicht denken. Weil, hätte Gabi es gewußt, hätte Gabi mein Zimmer gestürmt, hätte sich auf mich gestürzt ...
Detektei Umschau: Verdeutlichen Sie uns das, Frau Gleibt? Was sollte Gaby wissen, wovon Gabi nichts wußte?
Frau Ramona Gleibt: Ende Dezember, Anfang Januar hatte ich dieses Gefühl hatte. Dieses Gefühl, ER wäre unten. Und dann, sah ich zum Fenster hinaus, konnte IHN urplötzlich tatsächlich sehen. Das heißt, ER war das. ER trat aus dem Dunklen heraus. ER ließ sich offen sehen. Von mir. Nicht von Gabi.
Detektei Umschau: Was ...?
Frau Ramona Gleibt: Ich wußte, daß ER das unten vor dem Haus gegenüber war. Tags drauf, als von der Seite aus meinem dunklen Zimmer von der Seite aus dem Fenster schaute, war ER das wieder. Tatsächlich, ER befand sich unten vorm Haus. Auf meiner Hausseite. Ließ sich von mir sehen. Nicht wegen Gabi ist ER unten auf dem Gehsteig auf der andern Straßenseite gestanden. Sondern wegen mir. Und Gabi schien komischerweise davon nicht viel zu ahnen. Gabi wußte von nichts.
Detektei Umschau: Der, wegen Ihnen, Frau Gleibt ...?
Frau Ramona Gleibt: Hören Sie, ich bin im Dunklen seitlich an mein Zimmerfenster getreten, habe nach unterhalb hinausgeschaut. Da ist ER sofort ins Licht getreten. Nicht irgendwie zufällig. Sondern für mich. ER, ER war für mich dort. Ich spürte IHN immer stärker. Ich wußte, wenn ER da war. Und ER wußte, wann ich vor das Fenster hintrat. Ich sollte ich zu IHM kommen. Hinunterkommen. Nur, nur, ich hatte dazu keine Lust. Weil er doch Gabi hatte. ER wollte es, daß ich zu IHM runtermache, aber ich bin oben in der Wohnung meiner Eltern geblieben. Nein, ich bin nicht zu IHM hinuntergekommen. Wirklich, ich war in der Lage, mich IHM zu verweigern. Obwohl es nicht leicht für mich war, seinem Begehren nicht Folge zu leisten, kann ich Ihnen nur sagen. Hinunterzwingen in dem Sinne konnte er mich nämlich nicht. Ich hatte schon noch freien Willen. Und mir stand immer wieder, wollte ich losgehen, Gabis Gesicht vor Augen. Da bin ich dann nicht hinunter. Und, stellen Sie sich vor, Gabi hat mir in die Augen geschaut, und Gabi, Gabi, die schien von nichts was zu wissen. Gabi war nur die Bosheit in Person, wußte ansonsten jedoch nicht, was los war. Obwohl Gabi das doch behauptet hatte, SEINE Präsenz zu jeder Zeit zu spüren.
Detektei Umschau Sie wollen uns das nun verdeutlichen, Frau Gleibt, sagen uns, ER war nun auch hinter Ihnen her? Und zwar so richtig?
Frau Ramona Gleibt:Wenn Gabi damals aber behauptet hat, daß sie IHN exklusiv für sich hätte, ich hätte Gabi ab Ende Dezember was anderes erzählen können. Auf alle Fälle habe ich IHN zu Gesicht bekommen. Mich hat ER versucht, zu sich zu locken. Ich wußte wirklich, wann ER da war, wo ER herumstand. Und zum Beweis, daß ich das nicht nur wußte, sondern daß ER auch wirklich da war, trat ER schon mal aus der nächtlichen Finsternis heraus, zeigte sich mir im Straßenlampenlicht. Wovon Gabi nicht das geringe zu ahnen schien. Nichts. Wie es aussah, hätte ich es Gabi extra sagen müssen. Vielleicht hätte ich es Gabi noch beweisen müssen.
Detektei Umschau: Aber, dann hätte mit Ihnen, Frau Gleibt, genau das gleiche geschehen können, müssen, wie es Ihrer Schwester Gabi geschah. Ihre Schwester Gabi, die ist jetzt seit Jahren tot, nicht wahr?
Frau Ramona Gleibt: Stimmt. Jahre ist Gabi heute tot. Tot ist Gabi. Aber, ich bin nicht tot, wie Gabi tot ist. Wußte damals, was ER von mir wollte. Als allererstes aber wollte ER, daß ich zu IHM hinunterkäme. Nur ... Ich blieb oben. In meinem Zimmer. Immer in meinem Zimmer. Wenn ich nachts aufstand, zu IHM hinunterblickte - ganz heiß war mir, und das nicht, weil die Heizung zu weit aufgedreht war. Hervorgetreten war ER, ins Lampenlicht. Zu mir hat ER mir gewunken. Mit jedem Tag, der verging, um so ungeduldiger wurde ER. ER gestikuliert mir, endlich zu IHM hinterzukommen.
Detektei Umschau: Und Gabi war da in ihrem Bett? Gabi wußte, ahnte - nichts?
Frau Ramona Gleibt: ER war doch mit Gabi zusammen. Gabi kam jeden Tag meist kurz nach neun von einer ihrer Freundinnen nach Hause. Anschließend redete Gabi nie viel mit irgendwem, war immer schnell auf ihrem Zimmer verschwunden. Gabi sagte, es wäre ein langer Tag für sie gewesen, sie wäre müde. Was wahrscheinlich auch stimmte, so wie Gaby ihrer äußeren Erscheinung nach wirkte. Vielleicht lag Gabi da um die Zeit, wenn sie nicht raus mußte, irgendwelche Pflichttermine wahrzunehmen, schon nur noch im Bett rum. Saft- und kraftlos.
Detektei Umschau: Während ER die ganze Nacht damit verbrachte, quasi unter Ihrem Fenster zu stehen? In der frostigen Nacht? Trotzdem seltsam, daß Gabi ... Während Sie, wenn Sie IHN doch zu Gesicht kriegten ...
Frau Ramona Gleibt: Tja. Mit Gabi war es eben anders. Gabi hat ER ...
Detektei Umschau: Die ganze Zeit sprechen wir also von IHM, Gabys 'Fransi'? Diesem als Fransen bekannten Mann, der sich meistens schäbig kleidet? Sein bevorzugtes Kleidungsstück: ein Trenchcoat. Von IHM, den wir auch als Herrn Drakonie Rupertus Wank kennen? Dem Mann, den Sie, Frau Gleibt, auf dem von uns von der Detektei Umschau verfertigten Phantombild erkannt haben?
Frau Ramona Gleibt: Von dem spreche ich. Von keinem anderen.
Detektei Umschau: Und Sie sind wirklich nur immer oben auf Ihrem Zimmer geblieben, Frau Gleibt? Sind nicht mal hinunter, zu IHM? Obwohl Sie so einen Drang verspürten, zu IHM hinunterzugehen, blieben Sie oben, in der Wohnung Ihrer Eltern auf Ihrem Zimmer?
Frau Ramona Gleibt: Wenn ich es Ihnen sage, ich bin nicht zu IHM hinunter. Aber, beinahe wäre es soweit gewesen. Mehrere Wochen waren vergangen. Mitte Januar war es. Und wieder wußte ich, daß ER da war. Daß ER für mich gekommen war, als ich ans Fenster trat. Sofort trat ER aus dem Dunkel, sobald ich bei ausgeschaltetem Licht an mein Zimmerfenster herantrat. Zu mir gestikulierte ER herauf. Während ich IHN beobachtete. So voller Sehnsucht war ich. Ich weiß heute nicht recht, wie ich diesem Sehnen während diesen Tagen eigentlich widerstehen konnte, um dann irgendwann mit lautem Geräusch meinen Rolladen herunterfahren zu lassen. Als wäre ich beleidigt. Wie ein Knallen in der Nacht. Keine Ahnung, was es war. Daß ich trotz allem oben geblieben bin. Dem Verlangen widerstehen konnte. Vielleicht war es Gabi. Gaby, meine Schwester, die zwischen uns war, zwischen IHM und mir. Daß die das zwischen uns war. Schließlich war mir das gewiß, daß ER erst vor kurzem ganz nahe bei meiner Schwester Gabi war. Und, obwohl ER eng an meiner Schwester Gabi dran war, wollte ER danach auch noch zu mir. Nach Gabi wollte ER Gabis ältere Schwester. Vielleicht war unter anderem das, was mich oben bleiben ließ. Es hat mir etwas bei ihm gefehlt. Sein Entschluß, von Gabi abzulassen. Ich hab Gabi doch heimkommen sehen, Gabi, war wieder daheim. Und ich hab gewußt, daß ER bei Gabi war. Erst Gabi, dann als Nachtisch mich, das mochte mir nicht gefallen. ER hätte es Gabi schon auseinandersetzen müssen, daß ER nicht mehr zu Gabi käme. Das hätte ich wirklich sofort bei Gabi bemerkt. So aber ...
Detektei Umschau: Ts, Frau Gleibt.
Frau Ramona Gleibt: Was denn? Es war also jener Abend Mitte Januar. Danach war einiges anders. Der Rolladen, der war unten. Von mir heruntergelassen. Im Bett bin ich gelegen. Das Herz hat mir schnell geschlagen. Die widersprüchlichsten Gefühle haben in mir gekämpft. Ich doch wollte doch eigentlich. Ich wollte das doch. Ich wollte doch zu IHM hinunter. Warum nicht aus der Wohnung meiner Eltern rausgehen, die Treppe hinuntersteigen? Kurz zur Haustüre raus, ein Moment, ich wäre bei IHM auf der anderen Straßenseite. Ob ER Gabi vorher hatte oder nicht, doch egal. Ich wäre doch auch bei IHM. Bei IHM. In SEINEN Armen. Gehalten würde ich. Fest von IHM gehalten. Alles bekäme ich von IHM. Was ich mir wünschte, das würde ER mir geben. Alles, was ich mir wünschte.
Detektei Umschau: Hört sich beinahe nach Liebe an, Frau Gleibt.
Frau Ramona Gleibt: Unvermittelt bin ich im Bett liegend zusammengefahren. Weil, da war ein Kratzen. An meinem Kunststoffrolladen. Dem vor meinem Fenster. Ein Kratzen, wie von Fingernägeln. Minutenlang immer wieder. Das Herz, das hat mir gerast. Ich wußte, das war ER draußen. ER wollte mich. Heute noch. ER gekommen, war endlich zu mir hochgekommen. Dann klopfte ER an meinem Rolladen, ich sollte hochmachen, IHN einlassen ... Bitte, können wir hier abbrechen. Sprechen wir morgen abend weiter, ja? Mir ist echt alles gerade zu viel ... Erkältet bin ich ja eigentlich auch noch, habe leichtes Fieber. Zwar hab ich geredet wie ein Wasserfall, aber ...
Detektei Umschau: Gut, schalten wir aus ...
Fortsetzung des Gesprächs von Frau Ramona Gleibt mit Mitarbeitern der Detektei Umschau (Herr Thomas Setzer und Frau Regine Datz; die Diktiergerätaufzeichnung dokumentarisch eingetippt hat Frau Agathe Deuth):
Detektei Umschau: Wir haben Samstagabend, nach neunzehn Uhr. In der Wohnung Frau Ramona Gleibts. In Frau Gleibts Wohnzimer sitzen wir, Herr Thomas Setzer und Frau Regine Datz, Mitarbeiter der Detektei Umschau, Frau Ramona Gleibt gegenüber. Sie haben angerufen, Frau Gleibt, daß wir gegen sieben am Abend vorbeikommen dürfen ...?
Frau Ramona Gleibt: Ja.
Detektei Umschau: Wie geht es Ihnen heute, Frau Gleibt?
Frau Ramona Gleibt: Die Husterei nervt. Gestern hatte ich noch leichtes Fieber. Ein Wunder, daß ich so viel geschwätzt habe ... Heute ist das Fieber fast ganz weg. Hätte fast Lust, auszugehen. Will wahrscheinlich nur als Virenschleuder rumlaufen ... Und Sie, wie geht es Ihnen heute denn? Habe ich noch keinen von Ihnen angesteckt? Heute ist aber der zweite Tage, daß ich dazu die Gelegenheit habe ...
Detektei Umschau: Wir sind hier bei Ihnen in der Wohnung, Frau Gleibt. Scheinbar haben wir keine Angst, angesteckt zu werden ...
Frau Ramona Gleibt: Dachte, ich könnte Sie anrufen ... Sie kommen sicher am Abend sofort vorbei ...
Detektei Umschau: Sehen Sie, wir sind hier, Frau Gleibt. Um noch ein bißchen was von Ihnen erzählt zu bekommen ...
Frau Ramona Gleibt: Ist schon klar.
Detektei Umschau: Fangen wir doch dort an, wo wir gestern aufgehört haben. Wovon Sie gestern abend zuletzt gesprochen haben: daß es Mitte Januar war, Frau Gleibt. Ihren Fensterrolladen hatten sie unten. Sie sind auf Ihrem Zimmer in Ihrem Bett gelegen, hatten mit den widersprüchlichsten Gefühlen zu kämpfen. Dem Verlangen mußten Sie widerstehen, nicht aus der Wohnung Ihrer Eltern hinauszugehen. Zu IHM hinunter, nicht? Demjenigen, den Sie in Ihrer Nähe spürten ...
Frau Ramona Gleibt: Wie Sie es sagen, stimmt es. Es war nicht einfach für mich, am Bett liegen zu bleiben. Aber, ER konnte doch nicht alles haben. Entweder hatte ER mich. Oder ER hatte Gabi. Und Gabi hatte ER bereits gehabt. Gabi war, von ihm kommend, am Abend heimgekommen ... Also blieb ich am Schluß wieder liegen, obwohl ich viel lieber zur Wohnungstür gerannt wäre ...
Detektei Umschau: Plötzlich haben Sie sich erschrocken. Sie haben gehört, wie etwas an Ihrem Rolladen gekratzt hat ...?und schließlich geklopft wurde.
Frau Ramona Gleibt: Ja, ich habe mich erschrocken. Voll der Schreck. Erst hörte ich es draußen am Rolladen kratzen. Zuletzt lauter. Dann hab ich leise Klopfer gehört. An meinen Rolladen wurde geklopft.
Detektei Umschau: Warten Sie, Frau Gleibt! Im wievielten Stockwerk lebten Sie und Ihre Familie in diesem Gebäude mitten in der Stadt eigentlich?
Frau Ramona Gleibt: Im dritten.
Detektei Umschau: Der dritte Stock ist nicht der erste ... Und da wurde bei Ihnen einfach mal am Rolladen gekratzt und geklopft?
Frau Ramona Gleibt: Ja. Kratzen habe ich gehört. Dann wurde dagegen geklopft.
Detektei Umschau: Und Sie, Frau Gleibt, Sie haben deswegen nichts unternommen? Sie sind nicht aus ihrem Bett aufgesprungen, aus Ihrem Zimmer hinausgelaufen. Oder haben etwa Vati, Mutti gerufen? Oder mit Ihrem Phon die Polizei?
Frau Ramona Gleibt: Nein. ER hat dann ja auch irgendwann aufgehört damit. ER ist fort. Fortgeblieben. Nur einschlafen konnte ich danach nur sehr schlecht. Im Bett habe ich mich herumgewälzt. Wenn Gabi in der Schule schlechter geworden war, wurde ich es auch damals. Weil ich oft tagelang übermüdet in die Schule gekommen bin.
Detektei Umschau: So richtig vorstellen können wir uns das eigentlich nicht, Frau Gleibt. Sie behaupten, ER wäre nun des Nachts oben bei Ihnen am Fenster gewesen, hätte da mit seinen Fingernägeln am Rolladen vor Ihrem Fenster gekratzt. Dann hätte ER gegen das Rollo geklopft. Alles einmal lauter, dann wieder leiser. Obwohl Sie wußten, daß ER draußen war, Sie so ein Verlangen in sich spürten, IHM aufzumachen, haben Sie IHM nie aufgemacht. Das verstehen wir richtig, oder?
Frau Ramona Gleibt: Ja.
Detektei Umschau: Wenn das über eine längere Zeit war, Sie haben IHM nie das Fenster einfach aufgemacht, Frau Gleibt? Trotz Ihres Begehrens?
Frau Ramona Gleibt: Habe IHM nicht aufgemacht. Einige Tage habe ich IHM nicht aufgemacht.
Detektei Umschau: Fast nicht zu glauben. Einige Tage, sagten Sie - dann haben Sie Ihm endlich das Fenster geöffnet, Frau Gleibt?
Frau Ramona Gleibt: Nein! Hab ich nicht.
Detektei Umschau: Daß Sie IHM widerstehen, Frau Gleibt ... Wenn wir Sie richtig verstehen, Frau Gleibt, haben Sie IHM nächtelang widerstanden. Obwohl er direkt vor Ihrem Fenster draußen war. Und sonst hat das auch niemand mitgekriegt - etwa Gabi?
Frau Ramona Gleibt: Ja, ich habe IHM widerstanden. Ich habe das Rollo nicht hochgezogen. Ich habe IHM nicht geöffnet. Wochenlang habe ich nicht aufgemacht, weil ER vorher bei Gabi war. Mit Gabi war ER zusammen. Dann wäre ER zu mir gekommen ... Als Nummer zwei.
Detektei Umschau: Wochenlang ...?
Frau Ramona Gleibt: Drei Wochen war ER fast täglich nachts vor meinem Fenster draußen. Drei Wochen. Drei Wochen war ich trotzig, habe mich geweigert, zum Fenster hinzukommen, den Rolladen hochzumachen und aufzumachen. Dann war ER länger nicht da. Die ganze Woche drauf. Februar war schon. Gabi war eine ganze Woche nicht bei ihrer besten Freundin Trixi. Kaum, daß ich Gabi mal zu Gesicht gekriegt hab. Bleich, fahl, daß Gabi ausschaute. Gabi gestand Mutti, daß sie Liebeskummer hätte. Deswegen, daß es ihr, Gabi, schlecht ginge. Deswegen wollte sie kaum was essen. In der Art redete Gabi bei Mutti daher ... Dann war Mitternacht vorbei, Dienstag auf Mittwoch, weiß ich noch. Ich bin in meinem Bett gelegen. Wirklich, ich war soweit, daß ich IHM das Fenster aufmachen wollte, wenn ER das nächstemal wiederkommen würde. Und, wenn das stimmte, daß ER Gabi nicht mehr so gern mochte, daß ER Gabi deswegen nicht mehr besuchte, wollte ich IHM aufmachen. Ich hatte mir alles ganz genau überlegt, was ich IHN fragen wollte. Ich wollte auch nicht mehr, konnte nicht mehr länger warten. Ich war soweit. Das Verlangen in mir war stärker als jede Angst. Und - vor was eigentlich ...? Zwischen mir und meiner Schwester Gabi würde ER sich entscheiden müssen.
Detektei Umschau: Hm! Wir hätten ja eher vermutet, Sie würden das, daß einer nachts vor Ihr Zimmerfenster kommt, dort am Rolladen kratzt, dranklopft, Ihrem Vati Didi und Ihrer Mutti Soni erzählen. Oder Sie würden selber bei der Polizei anrufen, daß die Polizisten mal still und leise vors Haus schleichen, hinaufleuchten, droben eine Gestalt zu Gesicht bekämen. Vielleicht hätte sich der Spaß dann erledigt gehabt.
Frau Ramona Gleibt: Sie finden das komisch, was ich Ihnen erzähle? Bitte, warum sollte ich Vati, Mutti was sagen? Oder selber die Polizei rufen? Nein, nein. Wochenlang hatte ich gewartet. Und dann, als ich mitkriegte, daß Gabi niedergeschlagen nach Hause kam. Und das für ein paar Tage. Das konnte nur einen einzigen Grund haben: ER hatte Gabi auf sich warten lassen. ER war nicht zu Gabi gekommen. Alleine war Gabi geblieben. Das änderte alles. Und dann kam ER plötzlich vor mein Fenster ...
Detektei Umschau: Tja ...
Frau Ramona Gleibt: Auf das, was sich dann abgespielt hat, bin ich nicht gekommen. An das hatte ich nicht gedacht. Als alles vorbei war, war dann schlagartig Schluß mit SEINER Gegenwart vor unserem Wohnhaus. Nie mehr zeigte ER sich mir, wie ER sich mir die Wochen zuvor gezeigt hatte. Ausgerechnet an dem Tag, als ich entschlossen war, IHM das Fenster zu öffnen, hatte das sein müssen. Alles konnte eigentlich nur passieren, weil ich meinen Mund nicht halten habe können. Ich konnte meinen Mund nicht halten. Noch Tage später habe ich mich beschimpft, wie ich nur so blöde sein konnte. Daß ich nicht an alles mögliche denken hatte können ...
Detektei Umschau: Was denn? Zu wem haben Sie was gesagt, Frau Gleibt?
Frau Ramona Gleibt: Natürlich zu Gab. Zu wem denn sonst?
Detektei Umschau: Was sagen Sie - Gabi, zu der haben Sie was gesagt?
Frau Ramona Gleibt: Ja. Ausgerechnet an dem Abend, als ER dann Stunden später, nachts ... Gabi und ich, wir waren uns mal wieder am Wohnungsflur begegnet. Leider kein Mensch weit und breit, der dafür sorgen hätte können, daß Gabi sich zusammenreißen hätte müssen. Breitbeinig stand Gabi mir höhnisch grinsend gegenüber. Die Tage vorher, passierte so was, habe ich Gabi immer reden und mich verspotten lassen. Aber an diesem frühen Abend noch vor zwanzig Uhr habe ich meinen Mund nicht halten können. Ausgerechnet der Abend vor der Nacht, daß ER, nach Tagen, daß ER verschwunden geblieben war, wieder an mein Zimmerfenster kam. Schon kurz nach neunzehn Uhr war Gabi an diesem Abend von ihrer Freundin Trixi nach Hause gekommen. Unverrichteter Dinge, wie es aussah. Ich sah es Gabi, daß Gabi IHN wieder nicht getroffen hatte. Leider waren Vati, Mutti nicht daheim, sondern mit Sonja im Kino. Erst kurz vor einundzwanzig Uhr, daß alle wieder heimkamen. Wäre Gabi um die Zeit wie eigentlich bei ihr normal erst heimgekommen, wäre es kein Problem gewesen. Gabi hätte sich sicher nicht aufgefrüht, nicht so offenherzig am Gang zu mir Dinge gesagt. Gabi ließ mich nicht an sich vorüber, verbaute mir den Weg auf mein Zimmer. Voller Boshaftigkeit und Hohn hat Gabi mich von hinter einer Sonnenbrille mit orangefarbenen Gläsern her angeschaut. 'Laß mich vorbei, du -', hab ich zu Gabi gemeint, schritt los, um jetzt wirklich an Gabi vorüberzumachen. Vor die Brust hat mich Gabi gestoßen. Nur mit Mühe konnte ich mich auf den Beinen halten. Überrascht war ich von Gabis Kraft. Paßte irgendwie nicht zu Gabis schiefem, abgehärmtem, magersüchtigem Aussehen. Echt fahl, mit eingefallenen Wangen, schwächlich, so wirkte Gabi eigentlich. Gabi: 'Ich weiß das doch, Mona, daß du das gerne hättest, was ich habe.' Ich: 'Was hast du denn, was ich gerne hätte, Gabi?' Gabi: 'IHN!' Ich: 'Du hast sie doch nicht mehr alle, Gabi. Geh auf dein Zimmer, Gabi, bleib einfach von mir weg. Wäre das Beste.' Gabi: 'Doch, doch, Mona. Es ist so. Und ob das so ist. Ich weiß das doch ganz genau, wie du bist. Dich kenn ich von klein auf. Du bist die hier, die das am liebsten hat, was die andere hat. Wenn ich eins von meiner älteren Schwester Mona weiß, dann das, daß sie gerne hätte, was ich habe. Du bist einfach so, Mona, meine große Schwester. Du willst immer nur das, was andere haben. Wenn du das nicht bekommen kannst, was andere haben, dann bist du einfach nicht glücklich.' Ich: 'Was du nicht sagst, Gabi. Was hätte ich denn gerne, was du hast?' Gabi: 'IHN. IHN hättest du gerne. IHN. Sag es mir endlich mal, Mona, daß es stimmt. Sag, daß es stimmt. So, wie ich dich kenne, Mona, weiß ich das zwar bestimmt. Nur, so richtig sagen möchtest du mir das nicht. Warum denn nicht, Mona? Ich kenne dich doch. Kenne dich doch ganz genau. Ganz genau kenne ich dich. Du liegst auf deinem Zimmer in deinem Bett, spielst an dir rum, stellst dir was vor. Du stellst dir vor, wie ER zu dir kommt. Du stellst dir vor, wie ER dich am Hals küßt, an dir knabbert. Dich mit Haut und Haaren nimmt, hilflos, wie du da in deinem Bett liegst. Gerne hättest du es von IHM, Mona. Und wie du es gerne hättest. Und wenn ER dann nur noch zu dir käme, zu dir alleine ...' Ich: 'Wenn du alles weißt, Mona, dann ist es doch gut. Dann weißt du alles, Gabi. Weißt alles ganz genau. Wenn dich das glücklich macht. Mir ist es egal. Ach, Gaby, geh mir weg. Los, geh mir endlich aus dem Weg.' Gabi: 'Nein! Warum denn? Jetzt gerade, wo wir beide uns so nett unterhalten. Da gehe ich doch nicht weg. Hörst du schließlich nicht gerne, wenn dir eine die Wahrheit sagt. Dir sagt, wie du wirklich bist. Dir sagt, Daß du eine bist, die nur will, was andere haben. Alleine schon, weil ich IHN habe, willst du IHN, Mona. Du kannst dir das überhaupt nicht vorstellen, wie ich das weiß. Wie ich weiß, wie nötig du IHN hättest. So, so nötig. Du wünscht dir das, daß ER sich auf dich legt. Dich ... Dich ... Aber nur, leider, ER ist nicht bei dir. ER kommt nicht zu dir. ER kommt nicht zu dir. Weil ER nur zu mir kommt. Ich habe IHN. Ich bin bei IHM an erster Stelle. Ich bin DIE, die ER will. Ich bin SEINE Nummer eins.' Ich konnt mich nicht zurückhalten. Konnte das einfach nicht. 'Weißt du das ganz bestimmt, Gaby?' rutschte es mir heraus: 'Bist du dir da wirklich ganz sicher? Ganz, ganz sicher.' Gabi: 'Klar bin ich mir das sicher.' Ich konnte leider überhaupt nicht mehr an mich halten. 'Weiß nicht, Gabi', hab ich gesagt, 'bist du dir das wirklich sicher, daß du IHN hast? Was ist denn die letzten paar Tage bei dir los? Ich seh dich doch. Ziemlich früh kommst du heim. Vorgestern, vorvorgestern bist du nachmittags aus der Schule heimgekommen. Mehr als Schulweg war nicht. Warst daheim, bist daheimgeblieben. Sonst nichts. Die letzten Tage, da kommst du abends auch immer früher heim. Immer früher. Als wäre nichts, was sonst ist, wenn du bei Trixi weg bist. Wo ist ER denn gerade im Augenblick, Gabi? Weißt du eigentlich, wo ER jetzt im Augenblick ist? Wo ist ER denn gerade ganz genau?' Erschüttert, daß Gabi aus der Wäsche schaute. Als hätte ich einen wunden Punkt bei Gabi getroffen. Gabi: 'ER mußte mal woandershin. ER hat auch Geschäfte, nicht ständig Zeit. Momentan ist ER nicht in der Stadt.' Ich: 'Bist du dir da wirklich ganz sicher, Gabi. Du meinst, ER hat woanders Geschäfte?' Gabi: 'Natürlich weiß ich das, du doofe Tussi. Da bin ich mir ganz sicher. Warum sollte ich mir das denn nicht sicher sein?' Voll von oben herab, daß Gabi mich anguckte. Ich mußte es rauslassen. Ich: 'Na schön, Gaby. Du sagst immer nur zu mir, daß du die einzige bist. Die einzige bei IHM. Dauernd hör ich das von dir. Du denkst also, ER ist nicht in der Stadt? Du meinst, daß du das weißt. Ich sag dir mal was: ER ist in der Stadt. Und weißt du, wo ER ist? Gegenüber von meinem Fenster steht ER schon abends rum. Möchte zu mir rauf. Zu mir rein. Kaum, daß ich ans Fenster trete, weißt du, Gaby, kommt ER vor, sehe ich IHN. Keine Ahnung, wie ER das weiß, daß ich am Fenster bin. Oder es ist Zufall. Immer Zufall. Sobald ich ans Fenster trete, kommt ER jedenfalls aus der Seitengasse oder dem Dunkel gegenüber rausgetreten. Damit ich IHN ja ganz genau sehe, stellt ER hin, schaut zu mir hoch. Ich sehe IHN im schönsten Lampenschein. Wenn es nicht noch hell genug ist, daß ich IHN sehen kann. Zu mir winkt ER herauf. Was ER von mir möchte, Gabi ...? Kannst du dir vielleicht was denken, Gabi, was ER von mir möchte?'
Detektei Umschau: Das sagen Sie zu Gabi? Wie hat Gabi drauf reagiert? Jetzt hat Gabi Sie angegriffen, oder?
Frau Ramona Gleibt: Fassungslos war ich, nachdem ich das zu Gabi gesagt hatte. Warum hab ich das zu Gabi gesagt? Warum lasse ich mich dazu hinreißen?
Detektei Umschau: Was hat Ihre Schwester Gabi daraufhin gemacht, Frau Gleibt?
Frau Ramona Gleibt: Heute bin ich noch ganz fassungslos deswegen. Warum halte ich nicht den Mund? Ich meine, war ich blöde? Ich hatte das da ja schon vor. Wollte IHM im Laufe des Abends oder der Nacht das Fenster aufmachen. Ich wollte es, daß ER zu mir hereinkommt. Ich war bereit, IHN zu mir hereinzulassen. Ich war bereit, IHN zu empfangen. Und dann bin ich da am Gang Gabi gegenübergestanden, blökte das Gabi nur das, was das Gabi sonst auch ständig blökte, und ich ... Ich hab das Wasser nicht halten können ... Versaut habe ich es mir da ... Ganz einfach selber versaut.
Detektei Umschau: Was hat Gabi gemacht, als Sie es ihr gesagt hatten, Frau Gleibt?
Frau Ramona Gleibt: Nichts hat Gabi gemacht. Lange angeschaut hat Gabi mich. Bis heute wäre mir lieber, Gabi wäre mir sofort ins Gesicht gesprungen. Hat Gabi aber nicht gemacht. Angestarrt hat Gabi mich. Immer mehr, daß Gabi ihr herablassendes Grinsen gefroren ist. Gabis hämische aufgestellte Visage wurde zur leeren häßlichen Maske. Die Erkenntnis, die war es, die Erkenntnis, die Gabi überwältigt hat. Daß ich nicht log. ... Daß ich ihr die Wahrheit sagte. Wirklich die Wahrheit. Mit einem schrecklich schrillen Schrei hat Gabi sich von mir abgewandt. Auf ihr Zimmer ist Gabi, hat hinter sich abgesperrt.
Detektei Umschau: Dann war ER also nachts bei Ihnen ...?
Frau Ramona Gleibt: Ja. Es war alles, wie ich es tun wollte. Ich habe IHM den Rolladen hochgemacht, das Fenster geöffnet. In der Hocke befand ER sich bei mir auf dem Fenstersims. Hat zu mir hergestarrt. Ich habe zu IHM zurückgestarrt, in heißer Erwartung ... Im nächsten Augenblick fliegt meine Zimmertüre auf. Mit der Schulter hat Gabi sie aufgerammt, obwohl ich zugesperrt hatte. Abgewandt hat ER sich sofort. Ist wie der Blitz seitlich nach rechts meinem Blick entschwunden ... Gellend hab ich geschrien. Geschrien habe ich. Aber nicht, weil ich mich vor irgendwas bei IHM erschrocken hätte. Nein, das Elend für mich war Gabi. Gabi, die mir alles vermasselt hatte, Gabi, die bei mir drinnenstand, IHM hinterherstarrte. Dann ist Gabi wie der Blitz bei mir raus. Zur Wohnungstür ist Gabi, hat sich aufgesperrt. Aus der Wohnung hinaus und die Stiegen hinunter ist Gabi gelaufen. Die ganze Nacht ist Gabi verschwunden geblieben. In die Schule ist Gabi jedoch am Morgen gegagen. Nach der Schule ist Gabi gegen sechzehn Uhr fünfzehn heimgekommen. Neue Kleidung hatte Gabi am Leib. Gabi sagte zu Mutti, daß das Gewand von ihrem eigenen Geld bezahlt hätte. Auch für meine Zimmertüre würde sie die Rechnung zahlen. Es täte ihr auch leid, was sie getan hatte, die Tür meines Zimmers einfach aufzurammen. Würde nicht so bald wieder vorkommen. Müßte auch nicht. Echt wahr, keine Ahnung, wie Gabi das angestellt hat. Hatte Gabi Mutti und Vati hypnotisiert? Jedenfalls, bei Vati und Mutti war mit dem Einsetzen einer neuen Zimmertüre bei mir am Tag drauf alles in Ordnung für Gabi. Friede, Freude, Eierkuchen.
Detektei Umschau: Und, Gabi hat Sie nicht sofort bei erstbester Gelegenheit angepackt, Frau Gleibt?
Frau Ramona Gleibt: Auch nicht. Gabi hat mich überhaupt weiter beachtet. Das heißt, Gabi hat sich nicht mehr um mich gekümmert, als sie das mußte. Ansonsten war ich Luft für Gabi.
Detektei Umschau: Und - was war mit IHM? War ER Tage später irgendwann wieder Ihrem Fenster gegenüber am Gehsteig, Frau Gleibt, zeigte sich Ihnen?
Frau Ramona Gleibt: Nein. Damit war es ab jener Nacht vorbei. Gabi hatte daran die Schuld, das war ich mir sicher. Gabi mußte IHN gefunden haben. Gabi mußte bei IHM den richtigen Ton angeschlagen haben. ER war ab da nicht mehr meinem Fenster gegenüber am Gehsteig. ER ist nicht wieder dort rumgestanden. Was mich anging, war ER fort. Den Rolladen hatte ich oben, die Vorhänge auseinandergezogen; das Fenster von meinem Zimmer war trotz der Kälte die folgenden Nächte stundenlang nur angelehnt. Solange ich es eben ausgehalten habe. Ohne jedes Problem hätte ER zu mir ins Zimmer hereinkommen können. Beinahe jede Stunde bin ich bei mir ans Fenster getreten. Aber, da war nichts und niemand mehr. Weder in der Nähe meines Fensters im dritten Stock. Auch aus den Schatten unten trat ER nicht mehr ins Licht der Straßenlampe. Da konnte ich schauen so lange und so viel ich wollte, da war keiner da. Sogar spüren konnte ich es. In mir war eine gähnende Leere. Verquollene, verweinte Augen hatte ich. Beim Zähneputzen konnte ich mir kaum selber in die Augen schauen.
Detektei Umschau: Und wie ist es zwischen Gabi und Ihnen nun weitergegangen, Frau Gleibt?
Frau Ramona Gleibt: Derselbe Spaß, den ich schon einmal hatte, hat wieder angefangen. Ich mußte aufpassen, was ich aß. Wo ich hintrat. Mal waren kleine Glassplitter in meinem Joghurt-Müsli. Daß Mutti das Müsli in den Supermarkt zurückgebracht hat. Als ob die Splitter dort hineinfabriziert worden wären.
Detektei Umschau: Glassplitter in Ihrem Müsli?
Frau Ramona Gleibt: Ja! Wie Gabi das gemacht hat, daß der Joghurtdeckel ausgeschaut hat, als hätte ihn niemand manipuliert, keine Ahnung habe ich. Die Glassplitter konnte ich zum Glück im letzten Moment ausspucken. Hatte keinen von ihnen geschluckt. Hätte Gabi das Glas aber fein zermahlen, denke ich, wäre ich vielleicht heute tot.
Detektei Umschau: Glassplitter in Ihrem Müsli. Dem Alu-Deckel nichts anzumerken, daß das Joghurt wie neu ausgesehen hat ...
Frau Ramona Gleibt: Sie sagen es. Das war knapp. Da habe ich heute Glück, noch am Leben zu sein.
Detektei Umschau: Sie haben das aber Ihrer Mutter erzählt? Oder Ihrem Vati?
Frau Ramona Gleibt: Ich sagte doch, daß Mutti gemeint hatte, der Splitter sei schon beim Kauf im Joghurt-Müsli gewesen. Mutti hat den Joghurt-Müsli-Becher in den Supermarkt zurückgebracht. Geld dafür gekriegt. Nein, ich habe Mutti nicht gesagt, daß ich dachte, Gabi hätte den Glassplitter in das Joghurt-Müsli hineinfabriziert. Mußte Gabi allerdings nur ansehen, schon wußte ich darüber Bescheid, daß ich mich nicht irrte. Gabi war es. Es war einfach alles wieder unerträglich für mich daheim. Fest entschlossen war ich, von daheim auszuziehen. Habe Omi angerufen, Omi mütterlicherseits. Omi war damit einverstanden, daß ich zu ihr ziehe. Wenn meine Mutti oder mein Vati nichts dagegen hatten. Das war aber das Problem. Vor allem Mutti hatte was dagegen. Als Mutti das von mir erfahren hat, daß Omi mir erlaubt hatte, zu ihr umzuziehen, rief Mutti bei ihrer Mutti an, setzte ihrer Mutti die Dinge auseinander. Und zwar die, daß ich doch nicht mitten im Schuljahr zu ihr umziehen könnte, weil damit ein Schulwechsel verbunden war. Ganz ohne Grund. Auch wenn ich schon achtzehn war, konnte ich das nicht machen. Ich mußte erst mein Schuljahr zu Ende bringen, dann ... Daraufhin hat Omi mit mir telefoniert. Omi hat mir erklärt, was Mutti ihr, Omi, erklärt hatte. Bei Impi, meiner immer noch besten Freundin, war ich die nächsten Wochen jedes Wochenende. Von Freitagnachmittag bis Sonntagabend. Das waren unbeschwerte Tage bei Impi und bei Impis Familie. Gerne wäre ich bei Impi geblieben. Einzig, ich mußte wieder nach Hause. Mutti holte mich ab. Eine schwere Zeit war das damals für mich. Gabi war eine einzige Bedrohung für Leib und Leben für mich. Werktags mußte ich in die Wohnung meiner Eltern und zu Gabi zurück. Nach dem Unterricht habe ich die Lippen vor Angst hergekaut, hatte nervöse Zitterzustände. Daß der Vertrauenslehrer Mutti zu sich in die Schule kommen ließ. Trotzdem kam ich nicht aus der Wohnung meiner Eltern raus. Zur Rede stellte mich Mutti, was ICH getan hätte, daß solche Feindschaft zwischen Gabi und mir herrsche. Sage ich, daß Gaby ein Miststück wäre; daß es bald nur noch eine geben könnte: entweder Gabi oder mich. Sagte Mutti, daß das so nicht ginge, daß ich die Ältere wäre. Ich müßte die sein, die zurückstecken sollte. Sage ich Mutti, sie sollte das doch Gabi erzählen. Gabi wollte MICH fertigmachen, nicht ich Gabi. Ansonsten, wenn ich aus der Wohnung ausziehen dürfte, gäbe es keine Probleme mehr. Vati sollte mir helfen, für mich eine Wohnung zu finden. Vati hätte die Beziehungen, Vati könnte die Leute auch bei der Miete herunterhandeln. Aber, mir half nichts. Nichts. Mutti sprach auch mit Gabi, und Gabi und ich blieben in einer Wohnung.
Detektei Umschau: Zwischen Ihnen und IHM war aber nichts mehr, Frau Gleibt?
Frau Ramona Gleibt: Nein. ER war, was mich anging, nirgends mehr. Nichts, was ich wahrgenommen hätte. Das ganze Gefühl, daß ich um SEINE Gegenwart wußte - jetzt war da nichts mehr. ER war fort. Blieb fort. Schon für ein geraumes Weilchen. Wiedergesehen haben ich IHN dann aber doch. Als es Gabi schlechter ging. Immer schlechter. Bis es Gabi ganz, ganz schlecht ging. Bis dahin mußte ich aber immer aufpassen, daß es mir nicht schlecht ging. Eine Zeitlang habe ich immer nur das gegessen, was ich mit Mutti zusammen in der Küche gemacht habe. Und was dann auch Mutti, Vati und Sonja gegessen haben. Weil Gabi wahrscheinlich nicht daran dachte, alle in der Familie zu vergiften. Nur mich. Ehrlich, das damals, was ich mit Gabi erlebt habe, das ist auch heute noch ein einziger Alptraum für mich. Sonja zum Beispiel mußte sich den Fuß eingipsen lassen, weil Sonja auf einen Rollstuhl gestiegen war, der zufällig vor meiner Tür am Gang rumgestanden ist. Sonja hatte das Ding übersehen. Einer meiner alten Rollschuhe war das, die ich schon ganz vergessen hatte.
Detektei Umschau: Was war dann am Schluß mit Gaby? Ab wann fing das an, daß es Gaby schlechter zu gehen anfing?
Frau Ramona Gleibt: Schwer zu sagen. Gaby früh morgens blaß im Gesicht zu sehen, das war nichts Neues. Aber ab April, Mai fiel mir ein neues Wort dafür ein: sterbensblaß. Sterbensblaß war Gabi. Was ich sah, wenn ich Gabi zufällig sah, Gabi, die unter die Dusche schlich, war, daß Gaby ziemlich ausgemergelt aussah. Oft torkelte Gabi einfach mal grundlos rum. Als hätte Gabi in dem Moment eine kleine Schwäche durchzumachen. Während der Rest der Familie das anscheinend nicht so wie ich mitkriegte. Vati Didi, Mutti Soni schien das nicht so wahrzunehmen. Vielleicht, weil Gabi voll aufgebrezelt, dick zugeschminkt am Frühstückstisch erschien, sich voller Tatendrang und lustig gab. Daß Gabi nichts gegessen hätte, konnte man auch nicht sagen. So Getränke ließ sich Gabi von Mutti besorgen. Proteindrinks, eiweißhaltige Gesöffer. Pulver löste Gabi sich in Milch auf. Unvorstellbar. Viel Fleisch und Gemüse haute Gabi sich hinunter. Dazu schluckte Gabi die verschiedensten Eisenpräparate. Mit Blutbildung beschäftigte Gabi sich. Sonja erzählte mir, daß sie bei Gabi im Zimmer gesessen hätte und Gabi im Internet wegen 'Vermehrung von roten und weißen Blutkörperchem bei schlechtem Blut' recherchierte. Was einer bei zu wenigen weißen Blutkörperchen im Blut und bei Immunschwäche tun sollte. Auch, was war, wenn Leukämie bei einem auftrat. Das war Gabis großes Thema. Öfters blieb Gabi sogar ein paar Tage abends daheim, besuchte weder Trixi noch irgendeine keine ihrer anderen 'Freundinnen'. Das hieß für mich ganz klar, ER legte Pause bei ihr ein. Klar wie Kloßbrühe war mir das irgendwie. Daß Gabi ein Päuschen brauchte. Ich meine, ganz klar war mir ja eigentlich nicht, was ER bei Gaby anstellte; nur daß es Gaby dann zu viel wurde, das begriff ich. Weil, wGabi ihre paar Tage Pause gehabt hatte, war Gabi sehr schnell viel, viel frischer, wenn Gabi ihre paar Tage Pause gehabt hatte.
Detektei Umschau: Wie Sie das sagen, Frau Gleibt, hört sich das an, komisch an. Was war das denn für eine Art Beziehung, die Gabi zu dem hatte. Wo ging Gabi hin, wenn sie von ihrer Freundin Trixi oder einer andern wegging? Klingt alles fast, als hätte ER in die Stadt kommen können, für ein, zwei Stunden, dann irgendwohin verschwinden. Gabi war doch höchstens ein, zwei, drei, vier Stunden mit IHM zusammen, oder? Was machte ER eigentlich die restliche Zeit? Haben Sie zufällig etwas davon mitgekriegt, was ER anstellte, wenn ER sich von ihrer Schwester Gaby fernhielt?
Frau Ramona Gleibt: Darüber habe ich die Tage damals auch nachgedacht. Gabi führte eine Beziehung, die am Tag eine, zwei, drei Stunden dauerte. Dann war Gabi wieder daheim. Das konnte man dann auch in einem Stundenhotel erledigen, oder? Dachte ich auch damals darüber nach, ob ich so eine Beziehung überhaupt wollte. Andererseits: Gabi war noch nicht mal sechzehn. Vati, Mutti hätten sicher ungläubig darauf reagiert, hätten sie je gewußt, wer das war, mit dem Gabi sich traf. Die wußten doch nichts. Die dachten wirklich, Gabi wäre nach Schulschluß bei ihrer Freundin Trixi oder anderen Freundinnen.
Detektei Umschau: Ihre Eltern dachten sich alles bei Gabi immer nur harmlos ...?
Frau Ramona Gleibt: Keine Ahnung, was das war. Ich jedenfalls fand Gabi nicht zu verachten. Für mich war es eng. Sonja stürzte mit meinem Fahrrad, brach sich das Bein. Mutti Soni rutschte ebenfalls im Bad aus, knackste sich das Handgelenk. Und Vati Didi, den haute es in seinem Laden hin, als Gabi und ich mal zufällig bei ihm drinnen waren. Schulterecksgelenkssprengung bei Vati. Vati war wo drübergestürzt, wie wenn ich Ihnen beiden das Bein stellen würde. Böse war Vati am Boden gelandet, dabei mit der Schulter gegen den Schreibtisch geprallt. Vati sagte, daß er ganz vergessen hatte, daß er das Gerät an dem Ort abgestellt hatte. Schon ein Pechserie, die alle der Familie hatten.
Detektei Umschau: Die Fallen Ihrer Schwester Gabi für Sie, Frau Gleibt?
Frau Ramona Gleibt: O ja! Gabi und ich, wir sind uns wieder mal am Flur gegenübergestanden. Leider keiner weit und breit, nur Gabi und ich. Gabi hat zu mir gemeint: 'Du hast aber Glück, Mona.' Ich konnte Gabi nur anglotzen, habe versucht, mich Gabi gegenüber trotzig, ungerührt zu geben. Etwas, was ich überhaupt nicht war. Eher, daß ich öfters am Tag geweint habe. Oft machte mich das traurig, daß ich mich immer noch in der Wohnung meiner Eltern aufhielt. Irgendwie klappte das nicht, von daheim auszuziehen. Immer nur in den Ferien war ich wo. Jetzt hatten wir schon Ende März. Bisher hatte ich alles knapp überlebt, was Gabi bei mir an Anschlägen versucht hatte. Ich fühlte mich richtig unter Druck, daß Gabi jederzeit etwas klappen könnte. Nur Gabi gegenüber, der wollte ich das nun wirklich nicht zeigen, wie kaputt ich war. Sogar schön schminkte ich mich, wenn mir meine Augen wieder mal zu verquollen ausschauten. Kühl meinte ich also zu Gabi: 'He, Gabi, schon ein paar Tage her, daß du zu Mutti gesagt, daß du nach der Schule zu einer Freundin gehst. Ist nichts, derzeit los bei dir? Wo ist ER denn? Hat ER dich satt, momentan?' Gabi: 'Wie du daherredest ... Dir geht's wohl immer noch zu gut, Mona, was. Glaub's nicht. Dachte, du heulst in deinem Bettchen die Kissen voll. Habe ich dich nicht gestern schluchzen gehört? Was hast du in der Küche zu Mutti gesagt? Na, du und Mutti in der Küche ... Habe ich doch richtig verstanden, was ich gehört habe - du willst schon wieder ausziehen? Und das wegen mir? Immer wegen mir, deiner kleinen Schwester Gabi, willst bei deinen Eltern ausziehen. Sie sagt, die Mona, ich würde ihr was antun wollen. Ihr, Mona, was tun wollen. Das sagst du zu Mutti, echt wahr? Du fürchtest, ich würde dir bald ... Ts! Ts! Das muß ich zufällig hören, von dir, Mona, daß du so was mal wieder bei Mutti daherlaberst ... Und jetzt stellst du dich hier vor mir hin, Mona, reißt bei mir das Maul auf. Daß ich es nicht glaube. Du sagst was zu mir, Mona. Echt wahr, du traust dich, was zu mir zu sagen, Mona ...' Ich: 'Das wird schon noch passieren, Gabi, daß du einen Fehler machst. Darauf warte ich. Irgendwann fliegt dir deine Maske vom Gesicht fliegt. Daß Vati und Mutti irgendwann die Wahrheit sehen ... Wer dahintersteckt, wenn was passiert.' Gabi lachte mich schrill aus. Gabi fand die Schwätzerei nett: 'Mensch, bist du spaßig, Mona. Du bist spaßig.' Ich: 'Gut. Mache ich dir eben Spaß. Was soll's? Geh zur Seite, daß ich auf mein Zimmer gehen kann.' Gaby: 'Du findest einfach keinen Freund, Mona. Keinen, zu dem du ziehen könntest. Schon schlimm. Schlimm, schlimm. Schon schlimm, daß du dich noch nicht am Knabenklo bücken magst. Immer noch, daß sie bei Papi und Mutti mit der bösen, bösen Schwester zusammenwohnt, die Arme.' Ich: 'Und du? Was ist denn mit dir? Du sitzt auch noch daheim. Wo ist ER denn? Wo ist ER denn die letzten Tage? Dachte, du wärst SEINE Nummer eins. Wo ist ER dann momentan abgeblieben? Oder hast du momentan wieder einfach eine längere Pause nötig, Gabi?' Gabi: 'Hm, hm, Mona. Wird schon wo sein, Mona. Habe SEINE Nummer. Ich kann IHN anrufen. Du kannst das nicht. Hihi!' Ich: 'Wenn ER bei dir nicht kann, Gabi, hat ER wohl gerade andere. Überhaupt, wie viel hat ER denn eigentlich nebenher, die sich alle als Nummer eins fühlen?' Gabi, ganz unbeschwert, von hinter ihrer blauen Sonnenbrille. Zuletzt wieder seltener, daß Gabi hellerei Sonnenbrille hatte. Gabi, ganz freiweg: 'Wird so sein. Gut möglich, Mona, daß ER sich eine vorknöpft. Oder einen. Nur, die Nummer eins sind die nicht. Sondern Futter. Nichts als Futter. So sieht's aus, Mona. So sieht's wirklich aus. Aber trotzdem bin ich immer DIE. Die eine, Mona. Seine Erste. Kann ja verstehen, wie schwer das für eine ewige Verliererin wie dich zu verstehen ist, Mona. ICH - nicht DU, Mona! Ich, Gaby, nicht du, Mona ...' Ich: 'Na denn, Gabi. Paßt alles. Ist alles schön für dich. Sehr schön für dich, Gabi.' Gabi: 'Aber sicher, Mona! Das eine, das stillt SEINEN Hunger. Das ist wie Hundefutter ... Muß sein. Aber ich bin die eine, die an oberster Stelle. Ich bin SEINE Königin. SEINE Königin.' Ich: 'Was - du eine Königin? Von was bist du denn eine Königin, Gabi?' Gabi: 'Wirst du schon noch irgendwann sehen, Mona. Wirst du irgendwann schon noch mitbekommen, was los ist, Mona.' Ich hab am Gang in der Wohnung unserer Eltern ausgiebig links und rechts herumgeschaut: 'Sehe dich nirgendwo auf einem Thron, Gaby. Wo ist es denn, dein Schloß? Wo ist deine Dienerschaft?' Gabi: 'Eifersüchtig bist du auf mich, Mona. Ach, bist doch nur eifersüchtig. Nur eifersüchtig auf mich. Weil ER nicht dich, sondern mich erhöht. Zu was Edlem macht ER mich. Während du ... Du nichts bist, bleibst. Wirst du schon noch merken, Mona, daß ich ganz was Besondres bin.' Ich: 'Ach ja?'
Detekei Umschau: Und - das 'Besondere', von dem Gabi gesprochen hat, was war das?
Frau Ramona Gleibt: Gabi hat dann ungefähr das weiter gesagt: 'Ich werd noch genauso sein, wie ich heute bin, wenn du alt und grau bist, Mona. Das heißt, Mona, wenn du alt und grau wirst. Das ist noch die Frage, ob ich dir das erlaube, noch viel älter zu werden.'
Detektei Umschau: Diese Drohung sprach Gabi ganz offenherzig aus ...?
Frau Ramona Gleibt: Einige Tage war ich nicht daheim. Bin von Zuhause ausgerissen, muß ich Ihnen sagen. Übers Wochenende war ich bei Omi. Dann war ich bei einem Freund. Mit dem ich ganau das gemacht habe, was Gabi sagte, daß ich wohl machen müßte. Dann hab ich Sonja auf der Straße getroffen. Sonja, die mir von Gabi erzählte, daß Gabi so schwach und kränklich war, daß Gaby kaum mehr alleine ihr Bett verlassen konnte. Ins Krankenhaus hätte Gabi müssen. Also bin ich mit Sonja zusammen wieder zu Mutti Soni und Vati Didi nach Hause. Mit dem, bei dem ich ein paar Tage war, habe ich Schluß gemacht. Daheim wußten Vati Didi und Mutti Soni, daß ich einen Freund hatte. Ich war achtzehn. Wenn ich bei einem bleiben wollte, viel dagegen haben konnten Vati und Mutti eigentlich nicht ... Ah, das Krankenbett war dann Gabis Königreich geworden. Wenn Gabi mal alleine aufs Klo konnte, war das schon stark. Gabi ging es wirklich schlecht, schlecht. Sehr schlecht.
Detektei Umschau: Ja ...?
Frau Ramona Gleibt: O ja, ich hab mich insgeheim wirklich gefreut, wenn ich mal zu Gabi ins Zimmer reinschaute, Gabi krank im Bett liegen sehen habe. Halbtot. Von dem Virus, der sich hartnäckig bei Gabi zeigte, daß die Ärzte bei Gabi nur das Beste hoffen konnten, wie sie sagten, erzählten Vati, Mutti mir. Ein Gegenmittel hatten die Krankenhausärzte nicht gegen ihn. Solange Gabi jedoch am Leben war, es ihr einmal besser, dann wieder schlechter ging, gab es Hoffnung, wurde Vati Didi und Mutti Soni gesagt. Dann waren Vati Didi und Mutti Soni mit Sonja zusammen zum Einkaufen gefahren. Für eine Stunde. Und ich hatte keine Lust gehabt, mitzukommen. Sollte nur kurz nach meiner Schwester schauen, wenn Gabi, die fest zu schlafen schien, sich rührte, eine Kurznachricht schreiben. Ich war am Klo, habe die Türe aufgemacht, sehe ich Gabi am Flurgang stehen, Gabi, die mich angegrinst hat. Gaby hat gesagt: 'Du, Mona, alleine mit mir?' Den Schrecken, der mich befiel, können Sie sich nicht vorstellen. Ich war am Klo, aber ich habe mir in die Hosen gemacht. Gabi war nicht danach, mich anzugreifen. Obwohl sie ziemlich fest auf ihren beiden nackten Beinen stand, sie Turnschuhe anhatte. Gabi meinte: 'Du bist nichts, Mona. Nichts. Ich bin von uns beiden die Edle. Die Hochgestellte. Bald wirst du sehen, wie ER mich edel macht. Edel will ER mich machen, Mona. Zu gleichem von seinem Blut, Mona. Nur mich. Nicht DICH, Mona. Du wirst die gleiche bleiben. Das bleiben, was du bist. Hihihi! Im besten Fall bist du das, was du bist, meine Schwester. Hihihi! Aber doch NUR das, meine Schwester ... Sonst bist du nichts. Nur meine Schwester. Eigentlich sollte ich zu IHM sagen, Mona, daß ER doch einmal zu dir kommen soll. Nur einmal, Mona. Ein einziges Mal. Wenn ER will, reicht auch das eine Mal, Mona. Ja, Mona, das sollte ich eigentlich, das zu IHM sagen. Einmal, das müßte schon für dich reichen. Muß ja nicht sein, daß ER das bei einer öfter macht. Daß ER zu dir reinkommt. Auch einmal reicht da. Ein einziges Mal, Mona. Nur ein einziges Mal. Dann, Mona, dann ... He, Mona, dann haben wir einen Trauerfall in der Familie. Was willst du? Willst du ein Begräbnis? Oder willst du eine Urne? Deine Asche in einer Urne? Du, zu Asche verbrannt, Mona, stell dir das nur vor ... Ah, darüber muß ich nachdenken, große Schwester. Eine Urnenbestattung für dich wäre schön. Darüber muß ich wirklich nachdenken. Daß ich die Idee erst jetzt habe, Mona? Schon vor Wochen hätte ich die haben können ... Aber, was soll's? Hauptsache, ich bin jetzt drauf gekommen, Mona. Vielleicht sage ich demnächst zu IHM, daß ER zu dir kommen soll, große Schwester. Aber nur ein einziges Mal. Ein einziges Mal, daß ER das darf. Einmal. Einmal bei dir sein. Ein einziges Mal. Dann wäre endlich auch das Problem mit dir ein für allemal erledigt, Mona. Wenn ER in SEINEM Hunger nicht innehält, Mona ... Wenn ER ...' Sardonisch, wie Gaby mich angrinste. Wirklich, so ein böses Grinsen. Kaum zu glauben, daß diese boshafte Person meine Schwester Gabi war. Eiskalt ist es mir den Rücken hinuntergelaufen. Das war kein Spaß, keine leere Drohung, was Gabi da daherredete. Ich wußte, daß mir das ab jetzt jederzeit geschehen konnte. Herumgeworfen hab ich mich, zur Wohnungstür, habe aufgesperrt. Gabis hämisches Gelächter hat mir in den Ohren geklingelt. Wollte nur weg, fort. Draußen war ich, hab die Wohnungstüre zugeworfen. In dem Moment geht der Aufzug auf. Sonja kommt heraus, gefolgt von Mutti Soni und Vati Didi. Mutti Soni fragte mich, was denn mit mir wäre. Ob ich wo hingehen wollte. Habe ich den Kopf geschüttelt. Mit Vati und Mutti und Sonja bin ich wieder in die Wohnung zurück. Auf mein Zimmer bin ich gelaufen, habe hinter mir abgesperrt. Den Rolladen meines Fensters habe ich heruntergemacht. Zitternd bin ich angsterfüllt auf meinem Bett gelegen. Abhauen wollte ich von daheim, mein Konto plündern, irgendwohin verschwinden, wo mich keiner finden könnte. Eine Chat-Bekannte hatte mir gesagt, ich könnte zu ihr kommen. Eigentlich hätte ich das sofort gekonnt. Bloß, es war schon abends. Da war zu befürchten, daß ich, wenn ich aus dem Haus rauslief, zufällig ... IHM in die Arme lief. Während diesen Momenten, nachdem Gabi mir IHN als Drohung angesagt hatte, war das kein so angenehmer Gedanke. Also bin ich auf meinem Zimmer geblieben. Wußte nicht, was ich sonst hätte machen sollte. Wahnsinn. Wahnsinn. Bitte, können wir jetzt hier abbrechen ...? Würden Sie bitte meine Wohnung verlassen, jetzt, auf der Stelle. Morgen rufe ich Sie an. Oder übermorgen.
Detektei Umschau: Natürlich können wir jetzt sofort gehen. Sie melden sich dann morgen bei uns, oder? Das war noch nicht alles, nicht?
Frau Ramona Gleibt: Bitte würden Sie jetzt gehen. Ich möchte alleine sein. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen wieder etwas erzählen möchte, rufe ich an. Auf Wiedersehen!
Detektei Umschau: Wir könnten auch über Nacht bleiben. Morgen könnten wir weitersprechen ...
Frau Ramona Gleibt: Nein! Sie gehen! Jetzt, auf der Stelle.
Detektei Umschau: Na gut!
Jetzt sind ein paar Tage vergangen, Herr Doktor Weil-Esch. Frau Ramona Gleibt hat bisher nicht wieder bei uns angerufen. Erst mal schicken wir Ihnen trotzdem dieses Gesprächsprotokoll. Ist schließlich auch einiges zu lesen. Oder: Wenn Sie es lieber nachhören wollen. Bei einer Fahrt im Auto oder sonst irgendwo, dafür schicken wir Ihnen zwei Speichersticks als Anlage dieses Briefes mit.
Hiermit verbleibe ich,
mit freundlichen Grüßen
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Anlage
2 Speichersticks (Die Tonaufzeichnung der jeweiligen Gespräche, die Herr Thomas Setzer und Frau Regine Datz letzten Freitag- und Samstagabend mit Frau Regine Gleibt führten.)
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