"Briefprotokolle der Detektei" (09.01. - 02.02.), No. 1
Schreiben der Detektei Umschau an Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, Datum: 09.01.xxxx
"Sehr geehrter Herr Doktor Weil-Esch,
Sie haben uns von der Detektei Umschau gefragt, ob wir das in Bernd Reils Tagebuch-Manuskript übersehen hätten.
Leider, Herr Doktor, muß ich zugeben: Sie haben recht, die Frage zu stellen, ob das Verschütt gegangen ist. Tatsächlich, ich konnte keine Notiz finden; meine Mitarbeiter, die an dem Fall, den Bernd Reils Tagebuch beschreibt, arbeiten, auch nicht.
Daß ich selber auch darüber hinweggelesen habe, dem keine Beachtung schenkte, mir das beim Lesen von Herrn Bernd Reils Tagebuch nicht notiert hatte, nicht zu glauben. Mein Fehler.
Aber, nun, nachdem Sie, Herr Doktor Weil-Esch, uns von der Detektei Umschau darauf aufmerksam machten, haben sich Herr Thomas Setzer und Frau Regine Datz, Detektive in Diensten der Detektei Umschau, sofort aufgemacht, sich um die Angelegenheit gekümmert.
Die Nachforschungen, die Herr Thomas Setzer und Frau Regine Datz führten, haben auch bereits Ergebnisse gezeitigt.
Die Näherei Zwirn gibt es am Rand der kleinen Stadt. Die Inhaberin ist heute jedoch eine andere, heißt Melanie Merk.
Frau Melanie Merk, die eine gelernte Schneiderin ist, läßt in der Näherei Zwirn nicht nur in kleinerem Maßstab in Serienfertigung nähen. Frau Merk ist außerdem firm in Mode und Design. Frau Merks Näherei Zwirn ist im Landkreis ein beliebter In-Laden für modische Kleidung. In dem Sinne brummt der Laden sogar mehr als zu der Zeit als Frau Vivienne Bach noch Eigentümerin der Näherei Zwirn war.
Im Moment ist Frau Melanie Merk dabei, die nächste eigene Modelinie zu entwerfen. Mit ersten Entwürfen hat Frau Merk einen Partner in Mailand gefunden. Das heißt, Mode der Näherei Zwirn, kreiert von Frau Merk, könnte demnächst von Models auf Mailänder Laufstegen vorgeführt werden.
Frau Melanie Merk ist jedoch nur die nächste Besitzerin der Näherei Zwirn mit acht Mitarbeitern. Vier von ihnen hatte Frau Merk von Frau Vivenne Bach übernommen. Frau Vivienne Bach, die die vormalige Geschäftsinhaberin war. Die Näherei Zwirn hatte Frau Vivienne Bach wiederum vom Ladenbesitzer davor, einem Herrn Martin Weddel, übernommen.
Frau Vivienne Bach, eine Person, die Erwähnung in Bernd Reils Tagebuch-Datei findet.
Manuela Dombrowski, die Herr Bernd Reil beim Spaziergang in der Stadt vorm Kino getroffen hatte, spricht im Café Mezzolatte von Frau Vivienne Bach. Manuela Dombrowski teilt Bernd Reil mit, daß Frau Vivienne Bach ihr, Manuela Dombrowski, eine Arbeit bei sich in der Näherei Zwirn angeboten hätte; dazu eine Unterkunft im Obergeschoß einer Lagerhalle. Dadurch hätte sie, Manuela Dombrowski, eine bessere Sozialperspektive.
Frau Vivienne Bach lebte zu der Zeit, während der die Szenen spielten, von denen in Bernd Reils Tagebuch die Rede ist, getrennt von ihrem Ehemann.
Eine komplexe Zeit für Frau Bach. Weil sich ihr Mann Max nach dem Auszug bei ihr, Vivienne, nicht viel um die drei gemeinsamen Kinder Max, Vivi und Trude kümmern wollte.
Für nichts wollte Herr Max Bach die Verantwortung übernehmen. Als Frau Vivienne Bach die Affäre ihres Mannes Max mit seiner Vorzimmersekretärin, einer Frau Annika Tekte, bekannt wurde, zog Max Bach als Folge der üblichen Streitigkeiten zwischen Ehepartnern sofort bei seiner Geliebten Annika ein. Als hätte Max nur auf die Gelegenheit gewartet. Wenig dachte Ehemann Max Bach erst mal ans Zahlen für irgendwas. Weder für die drei Kinder noch für seine Gattin Vivienne wollte Max Bach groß aufkommen. Auch weil Max Bach seiner Frau Vivienne ansagte, daß sie auch ohne sein Geld genügend Einkommen hätte. Schließlich führte Vivienne die Näherei Zwirn. Die Geschäfte der Näherei Zwirn brummten. Jede finanzielle Last könnte Vivienne alleine schultern. Vivienne wäre in der Lage, alle Kleinigkeiten für die Kinder selber zu bezahlen. Selbst ein Kindermädchen könnte Vivienne sich leisten, wie Vivienne sich einen Scheidungsanwalt leisten konnte.
Eine halbes Jahr nach der Café-Mezzolatte-Geschichte Bernd Reils mit Manuela Dombrowski, von der Bernd Reil in seinem Tagebuch schrieb, war Frau Vivienne Bach tot.
An einer chronischen Leukämie verstarb Frau Vivienne Bach.
Hohe radioaktive Werte, die im Kreiskrankenhaus bei Frau Bach gemessen wurden. Wie auch bei Frau Bachs Kindern Max, Vivi und Trude. Wo die erhöhten Strahlenwerte herkamen, konnte sich niemand im Krankenhaus erklären.
Nur ein halbes Jahr nach dem Ableben Mutter Viviennes starb auch das letzte von Frau Bachs Kindern, der Knabe mit dem Namen Max. Und zwar am gleichen Krankheitsbild, dem auch Mutter Vivienne, seine Geschwister Vivi und Trude zum Opfer fielen: chronische Leukämie.
Frau Vivienne Bachs Ehemann Max lebt heute noch. Allerdings ist die Geschichte Max Bachs eine eigenartige.
Herr Max Bach befindet sich momentan wieder hinter den Mauern des örtlichen psychiatrischen Klinikums.
Mehrmals in den letzten Jahren haben die Ärzte des besagten Bezirksklinikums versucht, Herrn Max Bach als gesund zu entlassen. Schließlich verhielt Max Bach sich hinter den Klinikmauern ganz normal. Keine Art psychischer Erkrankung konnte von den Ärzten bei Max Bach festgestellt werden. Jedoch, sobald Max Bach entlassen, scheint es, kommt Max Bach nicht mit der Freiheit zurecht. Nach ein paar Wochen befindet sich Max Bach wieder zurück in der Klinik, in psychiatrischer Behandlung. Sofort fängt Max Bach außerdem an, ruhig und "normal" zu werden, verliert den gehetzten Ausdruck in seinen Augen. Bis heute konnte keine Vorbereitung auf das Leben in Freiheit Max Bach helfen.
Das letztemal, daß Max Bach in das Bezirksklinikum eingeliefert worden ist, ist erst ein paar Wochen her. Mit lautem panischem Geheul war Max Bach splitterfasernackt durch die Straßen seiner Heimatstadt gelaufen. Ein paar von Passanten herbeigerufene Polizisten schafften es, Max Bach in einer Sackgasse einzufangen. Auf der Polizeiinspektion informierte Max Bach die Beamten, die ihn verhörten, daß Manu, das Monster, das seine Kinder und seine Frau auf dem Gewissen hätte, zu seiner Mutti ins Haus gekommen wäre. Bei ihm am Schlafzimmerbett gesessen hätte Manu, das rothaarige Vampirweib, als er abends vor den Zwanzig-Uhr-Nachrichten aus dem Bad gekommen war. Blut hätte sie verlangt; sein Blut trinken zu dürfen. Im allerletzten Augenblick wäre er, Max Bach, zu sich gekommen, als diese Manu sich mit ihren Vampirzähnen bereits über ihn beugte. Irgendwie schien Manu nicht mit Gegenwehr zu rechnen, so daß er Manu von sich stoßen konnte. Aus dem Haus seiner Mutti ist er geflohen, hatte nichts weiter im Sinn als weit, weit fortzulaufen. Ein weiteresmal, daß er dem Vampir entkommen konnte. Wie oft ihm das aber noch gelingen würde, das wüßte er nicht.
Von Max Bachs Mutter Hilde wissen wir die Geschichte. Außerhalb der Klinikmauern, daß ihr Sohn Max sich ständig verfolgt fühlte. Von einem weiblichen Vampir. Manu mit Namen.
Der Name Manu der Vampirin hat für uns einen ziemlich vertrauten Klang, Herr Doktor Weil-Esch
Max Bachs Mutti Hilde weiß recht gut über dieses Vampir-Exemplar Bescheid.
Das erste Mal, meinte Frau Hilde Bach, die Mutter Max Bachs redselig zu Thomas und Regine, den Mitarbeitern der Detektei Umschau, die sie zu sich ins Haus einließ, hätte ihr ihr Sohn Max erzählt, hätte er das Vampir-Monster bei seiner Ehefrau Vivienne gesehen. In der Wohnung, die Max früher gemeinsam mit seiner Ehefrau Vivienne bewohnte. In der Vivienne mit den Kindern wohnen bleiben durfte. Großzügig überließ Max Vivienne und den Kinder die Wohnung, deren Mieter er eigentlich war. Auf Viviennes Namen ließ Max den Mietvertrag beim Vermieter umschreiben. Vivienne und die Kinder sollten keine Scherereien haben, daß Vivienne sich eine neue Wohnung suchen mußte.
Bei Vivienne im Kinderzimmer hätte Max jene Manu am frühen Abend irgendwann das erste Mal gesehen, kurz nachdem Vivienne die Ehescheidung angesagt hätte, sagte Max zu Mutti Hilde. Ganz normal hätte jene Manu im Grunde ausgesehen. Eine junge Frau, Manu, so Mitte zwanzig. Vivienne sagte, daß Manu auf die Kinder Max, Vivi und Trude aufpasse, Manu wäre das neue Kindermädchen.
Am Hals von Max hätte er, Max' Vater, jene Manu schon beim ersten Besuch herumknutschen sehen. Da hätte Max, der Vater der Kinder, sich aber nichts Böses bei gedacht. Überhaupt nichts hätte Vater Max sich gedacht; außer, daß das jedesmal fast nach Erwachsenenküssen ausschaute, wie die Frau Max knutschte. Sorgen machte Vater Max sich deswegen lange keine. Vivienne konnte die drei Kinder, deren Mutter Vivienne ja auch war, wirklich allesamt im Paket behalten. Sex würde die Frau, die Manu hieß, wohl kaum mit dem kleinen Max haben. Dazu brauchte Max sicher noch das eine oder andere Jahr. Alles andere war unvorstellbar.
Der Grund, warum Vater Max bei Noch-Ehefrau Vivienne vorbeischaute, war jedesmal der gleiche: vernünftig mit Vivienne zu reden. Das zu versuchen, in aller Ruhe die Dinge zu klären, die mit der Ehescheidung zu tun hatten. Die monatlichen Unterhaltszahlungen, die angesagt waren, waren Vater Max schließlich zu hoch. Die wollte er unbedingt drücken. Vater Max sprach das wiederholt bei Noch-Ehefrau Vivienne an, daß Vivienne eine eigene Näherei hätte. Einen Betrieb, der monatlich mehr als genug abwarf. Eigentlich genügend, daß Vivienne die Kinder Max, Vivi und Trude auch alleine durchbringen konnte. Ohne größere Beutelschneiderei betreiben zu müssen.
Obwohl die Besuche Max Bachs bei seiner Frau Vivienne, von der er sich scheiden lassen wollte, meistens unerfreulich verliefen, schaute Max Bach am Schluß noch nach den Kindern. Berichtete Kleinigkeiten bei seiner Mutti daheim, wenn er bei seiner Mutti im Haus vorbeischaute. Was Max Bach, der Sohn mindestens jeden zweiten Tag für ein, zwei Stunden machte. Max Bachs Mutti teilte mit, daß ihr Sohn Max bei Vivienne dann mitkriegte, daß die Kinder bei seinem Eintreffen in Viviennes Wohnung meist ziemlich lebhaft waren. Alle drei tollten herum. Um von dieser Manu umarmt, geknutscht zu werden. Auf den Mund, als könnte auch die Zunge ins Spiel gebracht werden, am Hals. Dann, am Abend wieder beim Weggehen von Vivienne, erinnerte sich Max Bach, daß er die Kinder Max, Vivi und Trude schon mal komisch herumtorkeln sah. Hielt Vati Max für Schlaftrunkenheit. Auch am Erdboden lagen die Fratzen müde herum. Auch wie halbtot, einigermaßen leblos. Als würden sie kaum noch atmen. Einmal, glaubte Max Bach, war ihm, er würde es rot vom Hals herunterlaufen sehen. Als er, der Vater der Kinder, doch mal nach Trude und Max schauen wollte, um sie sich genauer anzusehen, trat ihm diese Manu mit feindseligem Blick in den Weg, rief nach Vivienne. Vivienne, die auf der Stelle herbeieilte, sich vor dieser Manu niederduckte, als wäre Vivienne das Hündchen dieser Manu. Vivienne drängte ihren Mann Max, den Vater der Kinder, aus dem Wohnzimmer hinaus, Richtung Wohnungstür. Vivienne meinte zu ihrem Noch-Ehemann, daß doch alles hier mit ihm schon schlimm genug wäre, er, Max, müßte das nicht noch schlimmer machen, indem er Manu angehen müßte, Manu, die zu den Kindern wirklich wie eine zweite Mutter war. Gehen sollte er jetzt wieder, auf der Stelle, zusehen, zu seiner Freundin Annika zu kommen. Gute Lust hätte sie, Vivienne, mal zu Annika zu gehen, Annika was davon zu sagen, was für ein Rabenvater ihr Schatz Max war. Das war es dann, es reichte Max Bach seiner Frau Vivienne. die bald seine Ex-Frau sein würde. Max Bach fuhr zu seiner Mutter Hilde, berichtete der eigenen Mutter ziemlich genau die Szene. Mutter Hilde, der Sohn Max so was anscheinend ganz gut auseinandersetzen konnte. Befremdend fand Mutter Hilde das auf alle Fälle nicht, wie wenig die eigenen Kinder Sohn Max bekümmerten. Sohn Max darüberhinaus der, der seine Frau Vivienne betrogen hatte.
Dann kam die Zeit, daß Vivienne Bach immer häufiger ins Krankenhaus mußte. Auch den Kindern Max, Vivi und Trude ging es gesundheitlich schlechter. Vater Max Bach kam deswegen allerdings nicht auf den Einfall, sich mehr als nur fürs Nötigste um seine Klein Max, Vivi und Trude zu kümmern. Max, Vivi und Trude mal bei sich und Freundin und Geliebter Annika wohnen zu lassen, davon war bei Vater Max Bach nicht die Rede. Viviennes Eltern waren die, die die Kinder Max, Vivi und Trude zu sich nahmen, hatte Mutti Vivienne einen ihrer längeren Krankenhausaufenthalte. Auf der anderen Seite war da auch Manu, das Kindermädchen, das ansonsten ganztägig für die Kinder da war, statt halbtags, war Mutter Vivienne nicht daheim. Sogar Frau Vivienne Bach pflegte diese Manu für ein paar Tage, als Viviennes Zustand bereits sehr schlecht war.
Viviennes beide Elternteile Gerhard und Therese Gubel sind im übrigen vor eineinhalb Jahren ums Leben gekommen, Herr Doktor Weil-Esch. Herr und Frau Gubel waren beim Schuhwandern auf Wald- und Wiesenwegen an einem Steinbruch abgestürzt, bei dem der Wanderpfad nahe vorüberführte. Die natürliche Felswand befindet sich in einer Landschaft, zu dessen Einzugsgebiet im weitesten Sinne auch Geiersdorf gehört. Irgendwie gemeinsam in den Tod gestürzt, Herr und Frau Gubel. Vielleicht, weil der eine den anderen, der am Hinabrutschen oder -stürzen war, im letzten Augenblick festhalten wollte. Ein Unglück, für das es keine Zeugen gab. Nur die zwei Toten waren eine eindeutige Sprache, daß etwas vorgefallen sein mußte. Auch Selbstmord konnte nicht ganz ausgeschlossen werden. Frau Gubel, Viviennes Bachs Mutter, hatte Wochen zuvor eine Krebsdiagnose mitgeteilt bekommen. Blutkrebs. Nur, daß Herr Gubel, der als sehr lebenslustiger Mensch beschrieben wird, sich mit in den Tod stürzen hätte wollen, das war die Frage. Außerdem gaben die Ärzte Frau Gubel noch eine hohe Heilungsprognose.
Leider, Herr Doktor Weil-Esch, möchte Herr Max Bach, den wir, die Detektei Umschau, anfragten, nicht während der Besuchszeiten im Bezirksklinikum mit uns sprechen. Deshalb bleibt uns nur das, was uns Max Bachs Mutti Hilde sagte. Max Bachs Mutti Hilde meinte zu uns, daß Vivienne ein halbes Jahr nach der Entdeckung der Leukämie im Kreiskrankenhaus starb. Und ein halbes Jahr darauf starben in kurzer zeitlicher Abfolge nach Vivienne zuerst Vivi, Trude und am Schluß Max, bei dem das Sterben, im Koma liegend, ein wenig länger dauerte. Als Sohn Max Bach die Neuigkeit erfuhr, daß Vivienne gestorben war, hätte Max es nicht glauben mögen. Zwar erledigte sich das mit der Scheidung deswegen von selbst, den Tod hatte Max Vivienne auch dann und wann gewünscht. Aber daß es wirklich sein könnte, darauf wäre Max nicht gekommen. Und das hätte Max auch nicht geglaubt, hätte man ihm das Monate zuvor erzählt, daß nach nur ein paar kurzen Monaten nach dem Ableben Viviennes auch die Vivi, Trude und Max tot sein würden.
Und eine andere Idee hätte Max Bach auch nicht gehabt, daß er, ab dem Zeitpunkt, daß Klein Max unter der Erde lag, dauernd diese komische Manu wiedersehen würde, die bei Vivienne als Kindermädchen eingestellt gewesen war.
Manu wollte von ihm, Max Bach, daß er sie zu ihm und seiner Freundin Annika einließ. Zu Annika hinein und mitmachen wollte Manu. Ganz schnuckelig sah Manu vom Äußeren her auch aus, fand Max Bach, teilte uns Max Bachs Mutti mit. Aber Manu, das erfuhr Max Bach, wollte was anderes, ganz was anderes: Manu wollte beißen. Manu wollte saugen, Blut saugen. Manu war ein Vampir. Annika ließ Max Bach eines Abends nicht mehr zu sich in die Mietwohnung. Weil Annika gesehen hatte, wie Manu bei Max im Gartenhäuschen am Hals saugte. Aus Bißwunden an Max' Hals lief Blut, das Manu wegschleckte. Manus Fehler, weil Manu den Vorhang nicht zugezogen hatte. Annika war noch nicht auf alles vorbereitet war, hatte ihren eigenen Kopf. Und Annika ließ Max Bach nicht mehr zu sich in die Wohnung. Kathi hätte besser vorbereitet sein müssen. Dann ... So aber.
Manu war ein Vampir, ein weiblicher Vampir. Das wiederholte Sohn Max ständig bei seiner Mutti Hilde. Und Mutti Hilde suchte ein paar Vormittage drauf in der Stadt einen Psychiater auf. Dem setzte Mutti Hilde auseinander, daß ihr Sohn Max in letzter Zeit fast ununterbrochen von einer Vampirin redete. Die Vampirin würde ihn beißen. Meistens in den Hals. Aber auch schon mal woanders. Außerdem teilte Mutti Hilde mit, daß ihr Sohn Max, der jetzt bei ihr, seiner Mutti, im Haus wohnte, spät nachts im Haus herumwandere. So komisch fauchen würde Sohn Max. Zweimal hätte Sohn Max jetzt bereits bei seiner Mutti an die Schlafzimmertüre geklopft, hätte von seiner Mutti verlangt, ihn zu sich einzulassen. Weil Sohn Maxi nie von selber zum Arzt gehen würde, einem Psychiater schon gar nicht, fand der Psychologe sich am Ende bereit, am Abend zu Max Bachs Mutti in Haus zu kommen.
Gegen einundzwanzig Uhr, daß Max Bach torkelig zur Haustür seiner Mutter hereinkam, als wäre er angetrunken. Aus zwei Stellen am Hals, daß Max Bach herausblutete. Mutti Hilde fragte ihren Sohn Max im Beisein des Stadtpsychologen, woher er denn die Halswunde hätte. Darauf antwortete Sohn Max, daß Manu gerade bei ihm war; ihrem Blut-Hunger hätte Manu, seine Herrin, an ihm gestillt. Auf die Nachfrage des Psychologen sagte Max Bach, daß Manu eine Vampirin wäre; Vivienne, seine Frau, hätte Manu auf dem Gewissen, seine drei Kinder Max, Vivi und Trude. Ununterbrochen, daß Max Bach nur das daherredete. Bis Mutter Hilde dem Psychiater zunickte. Der Mann rief im Bezirksklinikum an. Seitdem ist Max Bach Patient in dem Klinikum. Max Bachs Installationsfirma ging in die Insolvenz. Seine drei Mitarbeiter mußten sich einen neuen Arbeitsplatz suchen. Und Max Bach, er blieb ein ganzes Jahr in dem Bezirksklinikum. Bis die Ärzte das erste Mal entschieden, Max Bach sei keine Gefahr für Mensch und Umwelt, könnte entlassen werden. Mehrere Wochen, die für Max Bach in Freiheit vergingen, dann erreichte die Klinik ein Anruf von Max Bachs Mutter Hilde, daß ihr Sohn wieder durchdrehen würde. Überall sähe Sohn Max diese Manu. Blut liefe Sohn Max aus dem Hals. Sohn Max schrie in der Gegend rum, er würde seine Mutti umbringen, wenn sie nicht erlaube, daß Manu zu ihm ins Haus kommen könnte. Sie, seine Mutti, müßte Manu einladen. Das Haus sollte Mutti Hilde verlassen, damit er, Max, Manu sagen könnte, sie dürfte ins Haus hereinkommen. Dann dürfte auch sie, Mutti Hilde, wieder reinkommen. Daraufhin wählte Mutti Hilde den Notruf des Bezirksklinikums und telefonierte nach der Polizei. Das nächste Jahr, das Max Bach anschließend in der Psychiatrie des Klinikums verbrachte. Bis die Ärzte dort wieder dachten, Max Bach könnte soweit sein, mit dem Leben in Freiheit wie früher zurechtzukommen. Was Max Bach auch diesesmal nur für mehrere Wochen schaffte. Weil sich bei Max Bach alles wiederholte. Manu, die Vampirin, kehrte zu Max Bach zurück, trieb Max Bach innerhalb kürzester Zeit in den Wahnsinn.
Wie oben erwähnt, Frau Melanie Merk hat für ihre Näherei Zwirn Belegschaft der Näherei Zwirn Frau Vivienne Bachs übernommen. Vier Frauen. Drei Näherinnen und eine Schneiderin. Die Näherinnen sitzen bei Frau Merk hinter den Nähmaschinen, während die Schneidereifachfrau Ilona Plathe Frau Merk auch bei der Verfertigung der Entwürfe und Schablonen hilft.
Ilona Plathe haben Thomas und Regine, die Mitarbeiter der Detektei Umschau, während der Mittagspause beim Essen im Restaurant gefragt, ob sie sich nicht zu ihr und ihrer Tischnachbarin dazusetzen dürften. War Frau Plathe mit einverstanden. Und Frau Plathe war durchaus nicht abgeneigt, sich mit Leuten von einer Detektei zu unterhalten. Das mit Vivienne Bach, das, das fand Frau Plathe, war ohnehin Jahre her. Max Bach, Vivienne Bachs Ehemann auch heute noch ein Verrückter. Total durchgeknallt. Seit dem Tod Viviennes würde Max Bach weit und breit nur noch Vampirinnen sehen. Ein Glück, daß der im Irrenhaus war.
Thomas und Regine meinte, daß Max Bach ständig eine Manu sähe. Diese Manu, die bei Vivienne das Kindermädchen war, wäre hauptsächlich die, die Max Bach für den Vampir hielt. Ein Foto Manuela Dombrowskis legte Thomas auf den Restauranttisch. Bei der Betrachtung des Bildes meinte Frau Plathe, daß das durchaus diese Manu sein könnte. Die roten Haare stimmten. Wenn auch nicht fein kupferrot wie bei der am Bild, sondern schrill blutrot. Schön bauschig aufgefönt. Durchaus mit dem Aussehen einer Hexe, diese Manu. Obwohl sie, Frau Plathe, öfters schon welche gesehen hätte, die durchaus diese Manu sein könnten. Irgendwie gäbe es anscheinend diesen Frauentypus.
Wie das damals so zugegangen wäre, das zwischen Vivienne Bach und dieser Manu, wollten Thomas und Regine wissen. Darauf antwortete Frau Plathe, daß Vivienne diese Manu erst als Hilfsarbeiterin in der Näherei Zwirn eingestellt gehabt hätte. Hilfsarbeiten sollte Manu machen, den Nähererinnen und Schneiderinnen zur Hand gehen. Zwei, drei Tage oder so war diese Manu auch jede Stunde an ihrem Arbeitsplatz, schaute von hinter ihrer blauen, roten, orangen Sonnenbrille hervor, als wäre sie überrascht, wenn einer sie ansprach, sie sollte was für ihn tun oder überhaupt was arbeiten. Dann kam Manu, der Vivienne Bach einen Raum über der Lagerhalle, in dem Vivienne Bach ihre Stoffballen und Zubehörzeug verwahren ließ, zum Wohnen besorgt hatte, nicht mehr den ganzen Tag, sondern nur noch stundenweise morgens oder abends in die Näherei Zwirn. Für Vivienne Bach schien das kein Problem zu sein. Diese Manu und Vivienne Bach schienen die besten Freundinnen zu sein. Jetzt beschäftigte Vivienne Bach jene Manu eher als Kindermädchen. Vivienne, die außerdem Probleme mit ihrem Ehemann Max hatte, weil der ihr fremdgegangen war. Max, der überhaupt ein Saubär war, wie Frau Plathe Herrn Max Bach nannte. Einen reinen Dreck scherte Max Bach sich um die eigenen Kinder. Anscheinend wollte Max Bach tote Erde hinterlassen. Was dann ja auch so. Von der Familie, die Max Bach mit Vivienne hatte, lebte heute nur noch Max Bach. Alle anderen waren jetzt Jahre tot. Keine Ahnung, wie die Leukämie, wenn sie schon die gesamte Familie, Mutter und drei Kinder, traf, dem Vater als Schicksal erspart bleiben konnte. Obwohl der der bodenlos Mieseste von allen war. Eigentlich hätte Max Bach das Schicksal Viviennes und der Kinder eher verdient als was anderes.
Nein, wiederholte Frau Plathe es meinen Mitarbeitern Thomas und Regine, sie wüßte nicht, wo diese Manu abgeblieben wäre. Müßten Thomas und Regine Max Bach fragen. Wie es ausschaute, hätte Max Bach auch was mit jener Manu gehabt. Bloß, daß die Max Bach wahnsinnig machte. Keine Ahnung, warum Max Bach, die namens Manu für einen Vampir hielt. Was das für eine Geschichte war, das könnte sie, Ilona Plathe, nicht überblicken.
Dann war es mit der Unterhaltung für Thomas und Regine mit Frau Plathe vorbei, Herr Doktor Weil-Esch, weil Frau Plathe wieder in die Näherei Zwirn an die Arbeit zurückkehren mußte.
Schon mit heißer Nade gestrickt, dieser Brief an Sie, Herr Doktor Weil-Esch.
Leider hat es uns Herrn Max Bachs Mutter Hilde nicht erlaubt, das Gespräch mit ihr mitschneiden zu dürfen. Unterlagen, die die Familie Bach anbetreffen, wollte Frau Hilde Bach auch nicht aus den beiden Zimmern ihres Sohnes Max in ihrem Haus holen. Auch Frau Plathe hat es uns am Restauranttisch nicht erlaubt, ein Tonaufzeichnungsgerät auf den Tisch zu legen.
Sobald Herr Max Bach, der sich im Bezirksklinikum befindet, den wir von der Detektei Umschau über seine Mutter Hilde weiter anfragen werden, sich nicht mehr weigert, mit den Mitarbeitern der Detektei Umschau während der Besuchszeiten im Klinikum zu sprechen, werden wir Sie sofort darüber unterrichten, Herr Doktor Weil-Esch.
Damit verbleibe ich,
mit freundlichen Grüßen
___________________
Anlage
3 Fotos (Bilder des Lagerhallenraumes, den Frau Vivienne Bach, Eigentümerin der Näherei Zwirn, jener Manu damals als Wohnung über der besagten Lagerhalle zur Verfügung stellte. Heute mit diversen Kisten und Schachteln vollgestellt. Ein roter, von Ungeziefer zerfressener Schlafsack fand sich drinnen; lange her, daß jemand der mal jemand gehört hatte.)
6 Fotos der Näherei Zwirn (Front- und Hinterhofseite mit Hinterhof und Rückwand mit Müllcontainern zur Kleiderresteentsorgung und Reste- und Papiertonnen.)
6 Fotos des Wohnhauses, dessen Eigentümerin Frau Hilde Bach ist
6 Fotos des Gebäudes, in dem Herr Max Bach früher mit seiner Familie, Frau Vivienne, den Kindern Max, Trude und Vivi die Mietwohnung im ersten Obergeschoß links hatten. Mit Pfeil vermerkt.)
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Schreiben der Detektei Umschau an Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, Datum: 18.01.xxxx
"Sehr geehrter Herr Doktor Weil-Esch,
sofort hatte ich Sie vor drei Tagen angerufen.
Jetzt haben Sie mich darauf aufmerksam gemacht, Ihnen unseren derzeitigen Kenntnisstand zu dem, über das wir bereits telefonisch gesprochen haben, für Sie auch schriftlich als Dokument festzuhalten und es Ihnen zu übermitteln.
Ihrem Wunsch wird hiermit Folge geleistet.
Herr Josef Greitel ist tot.
Josef Greitel ist tot.
Ermordet. Und zwar auf eine ziemlich grausame Art und Weise.
Am 14.01. wurde Herr Josef Greitel gegen halb zwölf Uhr mittags von einem Spaziergänger mit Hund auf einer Feldlichtung am Rand des Geiersdorfer Waldes aufgefunden.
Die Befürchtungen, die Josef Greitel Herrn Thomas Setzer und Frau Regine Datz gegenüber geäußert hatte, daß ihm nach dem Leben getrachtet würde, haben sich bewahrheitet. Herr Josef Greitel lebt nicht mehr.
Auf eine ziemlich makabre, grausame Art und Weise, daß Josef Greitel den Tod fand. Sogar außerhalb der Region war das Ableben Josef Greitels Nachrichtenmedien Berichte wert.
Der Grund: Die Art und Weise, wie Josef Greitel ums Leben gebracht wurde.
Man muß sich das vorstellen: Drei armdicke Pfähle, zwei Meter hoch, wurden in die Erde getrieben. An den spitz hochragenden Pfahlenden, daß Josef Greitel aufgesetzt wurde. Dafür wurde gesorgt, daß die Pfahlspitzen Josef Greitel in den Leib hinstießen. Mehr wurde jedoch nicht getan. In Folge des Eigengewichts seines Körpers trieben sich die hölzernen Spitzen bei Josef Greitel immer tiefer in Josef Greitels Oberkörper und Aftergegend
Um es genau zu formulieren: Herr Josef Greitel wurde bei lebendigem Leib gepfählt. Stundenlang muß Josef Greitel sich im Todeskampf befunden haben.
Lauthals schreien, das konnte Josef Greitel allerdings nicht, weil ihm ein Tuch in den Mund gestopft worden war. Ein Tuch hatte Josef Greitel in den Mund gestopft, ein Klebeband über den Lippen.
Eine oder mehrere Personen, die das Werk des Pfählens im Lauf der Nachtstunden auf jener Feldlichtung am Rand des Geiersdorfer Wald bei Herrn Josef Greitel vollbracht haben mußten.
Als das Opfer einer mittelalterlichen Pfählung stak Josef Greitel an den Holzspitzen droben, als der einsame Spaziergänger mit Hund ihn gegen halb zwölf Uhr an dem tristen, grauen Vormittag bei leichtem Schneefall auffand.
Wie auf den Seiten der Lokalzeitungen zu lesen stand, wie das Regionalradio und der -fernsehsender berichteten, wurden in der Umgebung der Pfähle Fußspuren gefunden. Schuhabdrücke, die jedoch lediglich einer Einzelperson zugeordnet werden konnten. Oder mehreren mit derselben Schuhgröße.
Josef Greitel war ein ausgewachsener Mann, alles andere als ein Leichtgewicht. Herrn Josef Greitels über neunzig Kilo über zwei Meter in die Höhe zu wuchten, dazu benötigte man als einzelner entweder übermenschliche Kräfte. Oder man nutzte einen Traktor mit Aufsätzen wie bei einem Gabelstapler. Mit den hochfahrbaren Traktorarmen mit Herrn Josef Greitel auf den Gabeln hätte man Josef Greitel über den angespitzten Holzpfählen ausrichten können. Um dafür zu sorgen, daß die hölzernen Spitzen ein weniges in Josef Greitel hineinstießen. Josef Greitels eigenes Körpergewicht, das in den folgenden Nacht- und Vormittagsstunden den Rest erledigen würde.
Wie die Polizei informierte, schaute es nicht so aus, daß Herr Josef Greitel, ehe ihm die nächtliche Marter wiederfuhr, darüberhinaus viel Gewalt angetan wurde. Herr Josef Greitel wies keine Spuren von gröberen Schlägen mit der Hand oder Schlagwerkzeugen auf. Josef Greitel war allerdings an Händen und Füßen gebunden gewesen.
Als Herr Josef Greitel gefunden worden war, war Josef Greitel allerdings von seinen äußerlichen Fesseln befreit. Auf dem ersten Blick wirkte es für seinen Finder und spätere Betrachter geradezu, Josef Greitel hätte sich die Tortur ganz freiwillig angetan, sich selber auf die Spitzpfähle geworfen. Problem dabei: kein Baum zum Herabspringen weit und breit in der unmittelbareren Nähe. Ebensowenig wie Spuren am Boden entdeckt werden konnten, daß ein landwirtschaftliches Nutzgerät vor Ort durch die Gegend rangiert worden wäre. Ein Rätsel für die Polizei.
Übrigens, Herr Doktor Weil-Esch, wir von der Detektei Umschau, wir sind von dem, was mit Herrn Greitel geschah, genauso überrascht wie jeder andere auch. Die Grausamkeit der Szene, von uns auch nur schwer zu fassen. Irgendwie kennen wir von der Detektei Umschau wie die gesamte Region dort derzeit nur dieses eine Thema: Josef Greitels Pfählung. Ein Geschehen wie im tiefsten Mittelalter.
Was uns von der Detektei Umschau darüberhinaus angeht ...
Das letztemal, daß Herr Thomas Setzer und Frau Regine Datz, die Mitarbeiter der Detektei Umschau, Herrn Josef Greitel getroffen und gesprochen haben, war am 29.12.. Eher zufällig nachmittags gegen halb drei Uhr. In Geiersdorf.
Herr Josef Greitel ist Thomas und Regine wirklich eher zufällig am Schuhmacherweg, in dem vom Geiersdorfer Marktplatz abgebogen werden kann, vor die Füße gelaufen. Thomas und Regine erinnern sich, daß Herr Josef Greitel abrupt stehenblieb, unerfreut aus der Wäsche guckte. Herr Greitel hätte sich allem Anscheine nach am liebsten sofort umgedreht und wäre vor den Detektiven Thomas und Regine davongelaufen. Nur, daß er, Greitel, dann das Problem gehabt hätte, daß Thomas und Regine ihm dann vielleicht sofort hinterhergerannt wären. Außerdem hätten Thomas und Regine, neugierig geworden, was denn los wäre, Josef Greitel, von dem sie wußten, wo er wohnte, besuchen kommen können. Also mußte Josef Greitel sich Thomas und Regine, weil man sich schon kannte, stellen.
Ziemlich kurz angebunden gab Josef Greitel Thomas und Regine auf ihre Fragen Antwort.
Wo er denn herkäme, darauf wollte Herr Josef Greitel Thomas und Regine überhaupt nicht Antwort geben. Obwohl Thomas und Regine darüber Bescheid wußten, daß Tabert-Tante Minchen im Schuhmacherweg ihre Wohnung hatte. Da konnte es möglich sein, daß Josef Greitel alias Beppi wieder den Versuch unternommen hätte können, mit Klärchen Tabert, der ältesten Tochter Tante Minchens, zusammenzukommen. Überhaupt nicht jenseits der Möglichkeiten, daß Klärchen Tabert und Josef Greitel dabei sein konnten, ihre Probleme miteinander ad acta zu legen.
Was Beppi dann doch zu Thomas und Regine gemeint hat, war, daß er bald wieder ein paar Sorgen weniger hätte. Seine Spielschulden würde er, Beppi, bald bezahlen können. Demächst wäre es außerdem vorbei mit der ganzen winterlichen Kälte, würde Beppi in die Sonne reisen. Weit, weit weg. Dorthin, wo beständig dreißig Grad herrschten, Sommer, Sonne, weißer Strand.
Darüber wunderten sich Thomas und Regine, daß Beppi vom Geldzurückzahlen redete, von einer Reise in tropische Gefilde. Weil es die Frage: Wer bezahlte so was für Beppi? Hatte Beppi Geld, war Geld etwas, das nie lange bei Beppi blieb. Josef Greitel war ein Spieler. Josef Greitels Vorlieben: Roulette und Poker. Besonders aber Poker. Hier hätte Josef Greitel gerne bei einem der großen Turniere zum Beispiel in Las Vegas mitgemacht. Nicht nur bei solchen im Internet, die so hießen.
Allerdings war Josef Greitel alias Beppi keine Gewinnertype. Eher wahrscheinlich, daß Josef Greitel schnell alles verlor, als daß er mehrere Runde am Spieltisch überstanden hätte. Das heißt jedoch auch, Beppi war die meiste Zeit pleite. Auch bei Thomas und Regine, den Mitarbeitern der Detektei Umschau, hatte Beppi Schulden. Obwohl Beppi von Thomas und Regine schon öfters Geldbeträge erhalten hatte. Auch für Auskünfte, die Beppi Thomas und Regine erst geben wollte, hatte Beppi von Thomas und Regine längst Geld gekriegt.
Wenn Herr Josef Greitel keiner Arbeit nachging, trotzdem Geld erwartete, hieß das für Thomas und Regine demnach nicht, daß Josef Greitel irgendwo beim Spielen an einem Kasinotisch oder privat Unsummen rübergeschoben bekam. Eher das, daß Herr Josef Greitel vielleicht etwas Ungesetzliches für jemanden tun sollte. Oder ähnliches bereits getan hatte. Oder Beppi hatte irgendeinen Versuch unternommen, auf irgendeine leichte, aber gefährliche Art und Weise an Geldscheine heranzukommen.
Thomas und Regine sahen, daß Beppi sich in Geiersdorf herumtrieb. Im Schuhmacherweg kam Beppi Thomas und Regine direkt in die Arme gelaufen, als Thomas und Regine in die Seitengasse einbogen. Für Thomas und Regine hatte das nur eins zu bedeuten: Beppi war wieder Klärchen, der Tochter Minchen Taberts, nähergekommen. Oder Beppi war überzeugt, demnächst seinen Platz an Klärchens Seite zurückzuerhalten.
Oder Beppi suchte etwas anderes bei den Taberts zu erreichen, das er über Klärchen Tabert anzureißen versuchte. Eventuell hatte Josef Greitel sich mit einem der Tabert-Brüder angelegt. Schließlich war Beppi schon Jahre mit den Taberts bekannt, war an der Seite Klärchens bei den Taberts in der Küche gesessen. Das hieß, Beppi könnte den Versuch unternommen haben, an ein kleines Vermögen aus dem Tabert-Schatz heranzukommen. Eventuell sogar, daß Beppi dafür an Herrn Hans-Georg Tabert persönlich herangetreten ist. Über den Umweg Klärchen Tabert. Einiges, das Josef Greitel alias Beppi über Hans-Georg Tabert wissen könnte. Josef Greitel und Hans-Georg Tabert waren bereits miteinander bekannt, da war Hans-Georg Tabert erst ziemlich am Anfang seiner Karriere. Josef Greitel war jahrelang festes Mitglied einer von Hans-Georg Tabert finanzierten Einbrecherbande, wie wir wissen.Festes Mitglied einer von Hans-Georg Tabert finanzierten Einbrecherbande war Josef Greitel. Bestimmt wußte Hans-Georg Tabert noch so einige Dinge von den Taberts und den Geschäften der Taberts, von denen er uns von der Detektei Umschau nichts erzählen hatte mögen.
Einfach mal so sind Thomas und Regine im Auto zu dem Mietshaus gefahren, in dem Josef Greitel seine Mietwohnung hatte. Frau Helga Untersetz, die Hauseigentümerin, die an Josef Greitel die Wohnung vermietet hatte, war überhaupt nicht voreingenommen gegenüber Detektiven. Als Thomas und Regine sich Frau Untersetz als Mitarbeiter der Detektei Umschau vorstellten, war Frau Untersetzt weiterhin die Freundlichkeit in Person. Bereit war Frau Untersetz, Thomas und Regine jede Auskunft zu geben, als wären Thomas und Regine von der Polizei.
Was Frau Helga Untersetz Thomas und Regine sagte, war, daß Herr Josef Greitel am 30.12. abends bei ihr an der Wohnungstüre klingelte. Josef Greitel meinte zu Frau Untersetz, daß er die drei Monate Mietrückstand begleichen wolle. Bar zählte Josef Greitel Frau Untersetz die Scheine auf die Hand. Darüberhinaus hat Josef Greitel bei Frau Untersetz die Miete für die nächsten eineinhalb Jahre im voraus bezahlt.
Anschließend legte Josef Greitel das Gummiband wieder um das dicke Bündel Geldscheine, das Herr Josef Greitel in der Jackettseitentasche mit sich herumtrug.
'Glück im Spiel, Glück in der Liebe', säuselte Josef Greitel zum Abschied noch zu Frau Helga Untersetz, seiner Vermieterin, nachdem Frau Untersetz Josef Greitel den Erhalt des rückständigen Mietobulusses und der Mietvorauszahlung schriftlich und mit Unterschrift bestätigt hatte.
Das Beppi tatsächlich einen fetten Packen Scheinchen in der Jackettasche mit sich herumtrug, das warf bei Thomas und Regine, den Mitarbeitern der Detektei Umschau, natürlich Fragen auf.Dazu entschlossen sich Thomas und Regine, die folgenden beiden Tage im ganzen Landkreis herumzufahren. Kasinos der Umgebung haben Thomas und Regine aufgesucht, ein Foto Josef Greitels vorgezeigt.
Dabei fanden Thomas und Regine heraus, daß Josef Greitel in fast allen Spielkasinos Hausverbot hatte.
Mitarbeiter der zwei Kasinos - "Vegas" und "Glückskarte" -, die Herr Josef Greitel betreten hätte dürfen, teilten mit, daß Josef Greitel in der jüngsten Zeit keinen größeren Gewinn gemacht hatte. Vielmehr war im Kasino "Glückskarte" folgendermaßen, daß Herr Josef Greitel, nachdem er am sechsten Dezember das ihm gewährte Limit an Geld verloren hatte, das Spielkasino wieder verließ.
Zwanzigtausend Euro war der Betrag, für den beim Inhaber des Kasinos gebürgt war. Für zwanzigtausend Euro durfte Herr Greitel im Kasino "Glückskarte" spielen, bis der letzte Schein der Kasinobank gehörte.
Wer dem Spielkasino die Summe von zwanzigtausend, nachdem Herr Greitel die Summe verspielt hatte, anwies, wer diese Person war, das wollte uns von der Detektei Umschau niemand sagen. Vielmehr teilte man uns von der Detektei Umschau mit, daß man uns schon mehr als genug an Wissen übermittelt hätte. Irgendwann müßte es uns reichen.
Von Glück im Spiel konnte bei Herrn Josef Greitel also nicht die Rede sein. Hätte Josef Greitel irgendwo Geld gewonnen, wenn er es nicht woanders herhatte, konnte Josef Greitel es höchstens im privaten Kreis gewonnen haben. Deshalb sind Thomas und Regine ins Joeys. Um den ersten Einstieg zu finden, mit wem Herr Josef Greitel Poker gespielt haben könnte. Die Unterhaltungen in Joeys Pils Pub waren jedoch alles andere an ergiebig. Wenn Leute drinnen mit Herrn Josef Greitel überhaupt Poker spielen wollten, dann im besten Falle um Minimalbeträge. Sonst wußten Herrn Josef Greitels Bekannte nur, daß Beppi sich schon mal ernsthaft aufbröselte, um in das eine oder andere Kasino zu machen. Mit was für einem Geld auch immer.
Thomas und Regina haben gestern abend noch privat mit ihnen bekannten lokalen Polizeibeamten gesprochen. Um herauszufinden, ob die polizeilichen Ermittlungen nicht doch eventuell schon Größeres an den Tag gebracht hätten.
Die beiden Beamten, die sich mit Thomas und Regina getroffen haben, sagten jedoch aus, daß das mit der Sachlage im Fall 'Beppi' ziemlich mau wäre, dafür, daß Greitels Tod einer mittelalterlichen Hinrichtung ähnelt, für die man viel Aufwand betrieben hatte.
Das Einschlagen der Pfähle, übermannshoch. Hochgewuchtet werden mußte Josef Greitel, auf die Pfahlspitzen exakt aufgesetzt und dann draufgedrückt. Dazu war Kraftaufwand einer Marke Gewichtheber notwendig. Es wäre allerdings Tatsache, daß wirklich nur die Fußspuren eines Mannes in der Umgebung der drei Holzpflöcke auffindbar waren. Das von der Spurensicherung gesicherte Profil war nichts Herausragendes. Gummistiefel, wie sie in jedem Supermarkt verkauft wurden.
Daß beim Tatort technisches Gerät zum Einsatz gekommen wäre, konnte man beinahe ausschließen. Auch fanden sich keine Hinterlassenschaften einer Klappleiter, auf die der Täter eventuell hinaufgestiegen wäre. Die Frage in dem Fall wirklich: Wer macht so was? Man hätte Greitel den Hals auch anders umdrehen können. Einfacher. Mit weniger Symbolik.
Kein Mensch, der sich bisher auf einem Polizeitelefon gemeldet hätte, daß er sich erinnern würde können, die drei Holzpfähle auf der Waldlichtung schon früher in die Erde getrieben gesehen zu haben. Beobachtet wurde von den Spaziergängern dort auf der Lichtung niemand, der sich auffällig verhalten hätte. Auch nachts war nichts, daß jemand, zum Beispiel ein Autofahrer, beim Wald zufällig Auffälliges wahrgenommen hätte, etwa länger anhaltenden Lichtschein.
Die beiden Polizisten erklärten Thomas und Regine detailreich, daß es auch aussah, als wären die Holzpfähle per Hand in den Erdboden hineingetrieben. Durch bloße Muskelkraft. Das müßten Thomas und Regine sich mal vorstellen, Josef Greitel wurde in die Höhe gestemmt, Josef Greitels Körper auf die Holzspitzen geschwungen. Wahrscheinlich zuerst in den After. Daß die eine Spitze als erstes dort hineinbohrte.
Was man nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen zusätzlich noch sagen konnte, war, daß Herr Josef Greitel das Ganze bei vollem Bewußtsein erlebt haben mußte. Mit Sicherheit hatte Josef Greitel, als er oben stak, in seiner Verzweiflung dafür gesorgt, daß sich ihm das angespitzte Holz noch tiefer in das Fleisch trieb. Erst als Josef Greitel schwächer war, hat der unbekannte Täter bei Josef Greitel die Hand- und Fußfesseln gelöst.
Es bleibe bis auf weiteres die Frage, die sich die ermittelnden Beamten des Sonderkommandos stellen, warum der oder die Täter Herrn Josef Greitel auf eine solche brutale und gleichzeitig obskure Weise umbringen mußten. Die viel mediale Aufmerksamkeit erregte, sehr an einen Ritualmord oder an eine mittelalterliche Hinrichtung erinnerte.
Für die Soko-Mitarbeiter deswegen ein rätselhafter Fall. Schließlich, wer war Herr Josef Greitel eigentlich? Im Grunde nichts als ein mehrfach zu kürzeren, längeren Haftstrafen verurteilter Einbrecher, Schläger, Betrüger, Taschendieb. Was Herr Josef Greitel anstellen hätte können, daß jemand sich für seine Person solch eine Todesart ausdenken würde, das war nicht einfach zu überblicken.
Oder wurde Herr Josef Greitel als abschreckendes Beispiel als Verräter hingerichtet? Die Pfählung Josef Greitels, die im Geiersdorfer Wald stattfand, das ließ die Ermittlungsbeamten schon an die Nähe zu Herrn Hans-Georg Taberts Bauernhof denken. Josef Greitel, der erwiesenermaßen der Tabert-Familie nahestand. Die meisten der Taberts lebten in Geiersdorf.
Nur, auf der anderen Seite, daß die Taberts den Mord an Josef Greitel in Auftrag gegeben haben könnten ... Dafür war der Leichenfund an den drei angespitzten Pfählen wieder zu nahe an den Taberts. Die Taberts wären vollkommen verrückt, jemand aus ihrem Bekanntenkreis in der unmittelbaren Nähe ihres Wohnorte umbringen zu lassen. Schließlich sicher, daß der Verdacht der Polizei sofort auf die Tabert-Brüder und den Rest der Taberts fallen würde.
Hans-Georg Taberts älterer Bruder Heinrich und Klärchen Tabert, die Tochter der Tabert-Tante Hermine, beide wurden bereits in der Mordsache Josef Greitel befragt. Ohne daß sich daraus brauchbare Resultate ergeben hätten.
Woher Herr Josef Greitel das viele Geld hatte, mit dem Josef Greitel die letzten Tage seines Lebens nur um sich schmiß, wußte Heinrich Tabert nicht zu sagen. Darüberhinaus verweigerte Heinrich Tabert jede weitere Aussage.
Alles, was es an Ermittlungsergebnissen und Erkenntnissen im Todesfall Josef Greitel bisher gibt, Herr Doktor Weil-Esch, ist einigermaßen dünne Indizienlage. Das einzige, was mit Sicherheit feststeht, ist, daß Herr Josef Greitel, genannt 'Beppi', tot ist.
An drei angespitzten Holzpfählen oben aufgesetzt, wurde Herr Josef Greitel leblos aufgefunden.
Sollten sich neue Entwicklungen ergeben, was den Tod Herrn Josef Greitels angeht, werden wir von der Detektei Umschau Sie, Herr Doktor Weil-Esch, natürlich augenblicklich darüber in Kenntnis setzen.
Kurzer Themenwechsel, Herr Doktor Weil-Esch: Nach einem zweitägigen Abstecher bei ihrer Mutter Sonja Gleibt zu Hause befindet Frau Ramona Gleibt sich jetzt wieder daheim in der Wohnung. Werktäglich fährt Ramona Gleibt an ihren Arbeitsplatz in der Bank. Von einem Psychologen, der in der Friedrich-Ebert-Straße wohnt, wird Ramona Gleibt psychologisch betreut.
Hiermit verbleibe ich,
mit freundlichen Grüßen
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Anlage
15 Fotos der Waldlichtung im Geiersdorfer Wald mit den drei angespitzten Pfählen, auf denen oben aufgespießt Herr Josef Greitel aufgefunden worden war
30 Fotos die Strecke des Waldweges nahe der Waldlichtung
2 Fotokopien (Frau Helga Untersetz' Zahlungsbelege; einmal, daß Herr Josef Greitel seine Mietrückstände bar bezahlt hat, dann, daß Herr Josef Greitel die Monatsmiete für fünf Monate im voraus zahlte.)
Verschiedene Zeitungsausschnitte, in denen die Artikelverfasser den Tod Herrn Josef Greitels im Geiersdorfer Wald behandeln
3 Berichte des lokalen Fernsenders, den Todesfall Josef Greitel betreffend
Link-Verweise für Inhalte im Internet"
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