"Briefprotokolle der Detektei" (19.04. - 15.06.), No. 2
Schreiben der Detektei Umschau an Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, Datum: 28.04.xxxx
"Sehr geehrter Herr Doktor Weil-Esch,
das will ich jetzt hier doch schriftlich für Sie festhalten:
Selbstverständlich arbeitet die Detektei Umschau weiter und immer noch für Sie und in Ihren Angelegenheiten, für die Sie bezahlen.
Wir von der Detektei Umschau, wir pennen nicht desinteressiert rum. Wir sind keine Schnarcher, die Geld einsacken wollen, wie Sie sich ausgedrückt haben.
Daß wir den Namen Hans-Georg Tabert seit längerem wieder in einem unserer Dokumente erwähnt haben. Und das in Zusammenhang mit einer Soko Kondome, an die wir von der Detektei Umschau Unterlagen weitergegeben haben ... Das widerspricht sicher nicht den Vereinbarungen, die wir von der Detektei Umschau mit Ihnen als unser Auftraggeber getroffen haben, Herr Doktor Weil-Esch.
Die Inhalte, die durch uns von der Detektei Umschau an die Soko Kondome weitergeben wurden, haben ausschließlich mit den kriminellen Aspekten zu tun, die Herrn Hans-Georg Tabert anbetreffen. Dasselbe gilt für Herrn Drakonie Rupertus Wank ebenso.
Tatsachen hat die Detektei Umschau an die Soko Kondome übermittelt, von denen wir von der Detektei Umschau eine ungefähre Ahnung haben. Sonst nichts.
Was Herrn Hans-Georg Taberts Familie so an kriminellen Geschäften betreibt, darüber wurde informiert.
Der Soko Kondome gegenüber haben wir von der Detektei Umschau etwas von dem Verdacht erwähnt, den wir gegen Herrn Drakonie Rußertus Wank hegen. Was beispielsweise den Mordfall Josef Greitel, Spitzname: Beppi, anbetrifft. Und anderes, was sich auf Aussagen Josef Greitels uns von der Detektei Umschau gegenüber bezieht.
Die Situation in Geiersdorf habe ich Ihnen, Herr Doktor Weil-Esch, bereits öfters in telefonischen Unterhaltungen auseinandergesetzt.
Sie dürfen sich das wirklich so vorstellen, daß Thomas, Regine und Agathe überall in und um Geiersdorf herum bei den Leuten wie die bunten Hunde bekannt sind.
Steigen Thomas, Regine oder Agathe irgendwo in Geiersdorf aus dem Auto, kommen bald von irgendwo Gestalten daherspaziert. Als ob Thomas, Regine oder Agathe erwartet worden wären.
Schon mal massiv, daß Thomas, Regine und Agathe angegangen, beschimpft und bedroht werden.
Vor drei Wochen ist eine Type in Rocker-Kluft, Mitglied der Dead Riders, eines Motorradklubs aus Roting (einem Ihnen, Herr Doktor Weil-Esch, nicht mehr so unbekannten Nachbarort von Geiersdorf), in Geiersdorf nur mal so an Agathe vorüberspaziert. Ein Hühnerei zeigte der Mann Agathe. Dann patschte der Hand und Ei auf Agathes Kopf, daß Agathe die Ei-Sauce das Haar herunterlief.
Was sollte Agathe deswegen unternehmen? Der Motorradrocker hatte plötzlich ein paar Kumpels um sich herum, Kerle, die zu ihm dazugetreten waren. Gardemaß bei allen.
Das höhnische Gelächter dieser Kerle hat Agathe ertragen.
Agathe war froh, daß nichts weiter mit ihr passierte. Daß sie in ihren Mietwagen entkommen konnte.
Auf die Polizei ist Agathe gefahren, so, wie sie ausschaute, mit dem Ei im Haar. Mit dem Selbstbildnis, das Agathe zuvor mit ihrem Phone von sich gemacht hatte.
Den Beamten dort auf der Inspektion hat Agathe eine genaue Beschreibung des Rockers gegeben, der das mit dem Frischei bei ihr angestellt hatte.
Vorgestern fragte Agathe im Auftrag bei der lokalen Polizeidienststelle nach.
Zur Antwort bekam Agathe, daß Beamte den betreffenden Motorradrocker ausfindig gemacht und zur Rede gestellt hätten. Ein Schreiben habe man dem Dead Riders-Motorradklubmitglied postalisch ebenfalls bereits zukommen lassen. In dem Schreiben sei er aufgefordert worden, sich ihr, Agathe, nicht mehr zu nähern. Das Beschleichen von Leuten sei schließlich ein kriminelles Delikt. Würde er sich wieder in Agathes Umgebung blicken lassen, Agathe das polizeilich melden, müßte er damit rechnen, daß die Bewährung bei ihm außer Vollzug gesetzt würde.
Schön, wenn der es nicht war, mußte Agathe sich eben vor anderen dieses Rocker-Klubs fürchten.
In Geiersdorf dürfen Thomas, Regina oder Agathe ihre gemieteten Fahrzeuge kaum aus dem Auge lassen.
Passiert es, daß Thomas, Regina oder Agathe irgendwo in Geiersdorf in ein Geschäft oder ein Haus hineingehen, kann es passieren, kommen sie zurück, daß die Reifen zerstochen sind, der Autolack schlimme Kratzer hat.
Geiersdorfer Kinder im Grundschulalter haben das Auto Agathes und Regines letzten Sonntag nach dem Geiersdorfer Vormittagsgottesdienst mit Steinen beworfen. In unmittelbarer Nähe, Geiersdorfer Erwachsene, die Bibeln in der Hand hielten, heimgingen. Kaum Beachtung, daß die dem Treiben des Nachwuchses schenkten.
Es war erst damit Schluß, als Agathe und Regine vor den Wagen traten, ihre Smartphones herzeigten. Damit bedeuteten, daß sie die Steinewerfer fotografierten, Filmchen machten.
Trotzdem haben Agathe und Regine sich entschlossen, in Absprache mit der Detektei, für den Lackschaden und den Steinschlag am Seitenfenster selber aufzukommen, die Aufnahmen nicht an die Polizeibehörden, einen Anwalt weiterzureichen.
Das müssen Sie wirklich verstehen, Herr Doktor Weil-Esch, wie es in Geiersdorf zugeht, was uns von der Detektei Umschau anbetrifft.
Wir von Detektei Umschau setzen uns in Geiersdorf unübersichtlichen Gefahren aus.
Wie zufällig in der Nähe von Herrn Hans-Georg Taberts Bauerngehöft in einem Transporter oder sonst einem PKW irgendwo hinzuparken, das ist nicht.
Kaum, daß Thomas und Regine kurz das Richtmikrophon auf die Gebäude, die Herrn Hans-Georg Tabert gehören, ausgerichtet haben - obwohl Thomas und Regine wissen, daß das eine sinnlose Aktion ist, weil von drinnen aus der Tabert-Anlage immer nur atmosphärisches Geräusch hereinzubekommen war -, da spaziert ein Jäger mit Gewehr und Hund heran.
Wenn Thomas, Regine oder Agathe von der Detektei Umschau von einem erkannt werden, das Geplärre können Sie sich nicht vorstellen, Herr Doktor Weil-Esch.
Richtig auf Wachposten hocken welche.
Selbst mitten der Nacht noch plazieren sie sich mit ihren Infrarotferngläsern auf den Ansitzen. Jägersleute. Im weiteren, ferneren Umkreis des Tabert-Geländes.
Es ist immer das gleiche Bild: Kommen Thomas und Regine abends oder zu einer späteren Stunde an, parken sich auf einen Feldweg, müssen Thomas und Regine nicht lange warten, sehen mit ihrem eigenen Infrarotfernglas, wie Gestalten aus dem Wald kommen, Gewehre geschultert. Wie irgendwelche Jäger, die noch kurz auf der Jagd waren. Nächtliche Uhrzeit: egal. Jetzt kamen sie jedenfalls heran. Waren da, wenn man nicht davonfuhr.
Glauben Sie mir das, regelrecht Patrouille gefahren wird von ihren Freunden in Jagdkleidung für die Tabert-Leute.
Männer aus Geiersdorf oder der Geiersdorfer Umgegend. Sympathisanten der Taberts, in rauhen Mengen scheint es die zu geben.
Mehr als wir von der Detektei Umschau uns bis vor kurzem noch vorstellen konnten.
Letzte Woche am Dienstag abends gegen achtzehn Uhr dreißig haben zwei dieser Jagdknilche, weil Thomas und Regine in ihrem Wagen nicht wie verlangt von ihren Parkplatz mit Blick auf die Hans-Georg-Tabert-Gebäude seitlich vom Kiesweg abgefahren sind, tatsächlich ihre geschulterten Gewehre abgenommen. Der eine hat in die Luft geschossen, der andere seitlich an der Motorhaube des Mietwagens von Thomas und Regina vorbei in den Boden. Daß Erde aufspritzte.
Zwei laute Schüsse!
Ob sich in der Gegend jedoch viele Gedanken wegen des Schießens gemacht hat?
Die Geiersdorfer Bevölkerung ist Geballer gewohnt. Auch nächtens kann jederzeit mal ein Schuß oder mehrere Schüsse, scheinbar aus einer Jagdwaffe, aufklingen.
Ballerei, Herr Doktor Weil-Esch, gehört eigentlich zur Geiersdorfer Berglandatmosphäre dazu wie Böllerschläge, Feuerwerk zu Sylvester.
Daß nicht ungestört nahe bei den Taberts geparkt werden darf, das merken aber nicht nur wir von der Detektei Umschau, als überall in der Umgebung bekannte Leute, bei denen aufmerksam gemacht wurde, daß die nicht von der Polizei sind, sondern lediglich Detektive.
Auch andere Leute kommen in diesen Genuß. Bald jeder, der sich fahrzeugtechnisch zu nahe am Bauernhofgelände des Herrn Hans-Georg Tabert hinplaziert. Nur um mit dem größeren, kleineren Hundchen spazierenzugehen.
Nach ein paar Minuten kommt man in einem geländegängigen Fahrzeug angefahren, kleidungsmäßig im Jägerstil ausstaffiert.
Der Geländewagen parkt in unmittelbarer Nähe des Menschen, der bei seinem Vierbeiner für Auslauf sorgen möchte. Ausgestiegen wird. Der Spaziergänger wird konfrontiert, angesprochen. Kleinigkeiten werden auseinandergesetzt, zum Beispiel das, daß das zwar ein öffentlicher Weg wäre, daß trotzdem nicht jeder kommen könnte, auf ihm herumzulaufen.
Eine Frau haben Thomas und Regine letztens beobachtet, die wollte nicht auf zwei der Jägertypen horchen. Kam anscheinend mit ihrem angeleintem Hund von weiter her, fürs Gassi-Gehen, kannte sich in der Gegend nicht so aus. Wie es schien, gab die Dame Widerworte. Da kam es unvermittelt zu einer Schubserei, von einem bei ihr. Der Hund kläffte, schnappte nach dem Angreifer.
Den zweiten des Duos brachte das dermaßen in Rage, daß er zu seinem Fahrzeug zurückstiefelte. In aller Ruhe holte der Mann sein Gewehr heraus, entsicherte die Waffe, lud durch, legte auf den Hund an.
Ihren Hund riß die Hundebesitzerin schnell an der Leine zu sich heran, beugte sich herab, nahm ihm hoch. Mit ihrem vierbeinigen Liebling vor der Brust ist sie zu ihrem Auto gerannt, hat mit dem Funkschlüssel aufgesperrt, das Tier hinten auf die Beifahrersitze geworfen. Um sich auf den Fahrersitz hinter das Lenkrad zu schmeißen, und im schärfsten Tempo zurückzusetzen. Thomas und Regine meinten, die würde jetzt die Jäger über den Haufen fahren. Aber dann gab sie Gas, um mit durchdrehenden Reifen in die entgegengesetzte Richtung abzufahren.
Der eine im Jägergewand hat sein Schießgewehr daraufhin an die Wange gerissen, in die Richtung des Autos hinterhergezielt.
Hätte Thomas und Regine, die auf einem Ansitz hinter einem Verschlag hockten, durchaus interessiert, wie weit der Knilch in seinen Handlungen gehen hätte können, wenn der zweite nicht zu ihm dazugetreten wäre, seine Hand auf den Lauf gelegt hätte. Vielleicht hätten Schüsse fallen können, wäre hier einer alleine auf der Pirsch gewesen.
Im übrigen, Herr Doktor Weil-Esch: Was die Sache Provider im Zusammenhang mit Herrn Hans-Georg Tabert angeht ...
Darüber habe ich Sie immer wieder unterrichtet, daß sich bei dem Thema nichts mehr Größeres getan hat, seit dem erstem Versuch Herrn Augustins, in die Tabert'sche Superrechneranlage einzudringen. Obwohl es jeden Monat einen neuen Anlauf durch Herrn Augustin gegeben hat.
Ob alleine oder mit Freunden, am Schluß ist es für Herrn Augustin immer dasselbe Ergebnis. Es gibt einfach nur immer das gleiche zu berichten: Herrn Augustins Anlagen gehen hinüber.
Wenn Sie uns das nicht glauben mögen, Herr Doktor Weil-Esch, können Sie das gleiche, was Herr Augustin schon mehrmals machte, durchaus noch durch Dritte anstellen lassen.
Vielleicht gelingt es ja jemand anderem besser als uns von der Detektei Umschau, dort unbemerkt zwischen die Bits und Bytes zu gelangen, Dateien abzugreifen.
Ohne die leiseste Reaktion hervorzurufen ...
Nun möchte ich hier das Thema kurz wechseln. Das schriftlich behandeln, was sich in jüngster Zeit bei Frau Ramona Gleibt abgespielt hat ...
Viel los ist ja eigentlich nirgends, Herr Dokor Weil-Esch. Herbeizaubern kann kein Mitarbeiter der Detektei Umschau irgendwas für Sie Interessantes, bloß weil Sie sich was Neues wünschen, Durchbrüche.
Thomas, Regine und Agathe, die Mitarbeiter der Detektei Umschau, wohnen nicht mehr im Hotel Bertha. Jetzt wundern sich Thomas, Regine und Agathe nicht mehr, warum Ramona Gleibt im Hotel Bertha wohnt. Seit ein paar Tagen wohnt Ramoma Gleibt nämlich im Mandlinger Hof.
Für welchen Zweck Ramona Gleibt denn im Hotel Bertha geparkt war - konnten Thomas, Regine und Agathe nicht herausfinden. Was das mit dem Mandlinger Hof nun ist, müssen Thomas, Regine und Agathe erst sehen.
Auch im Mandlinger Hof hat sich bisher nichts bei Ramona Gleibt geändert. Genauso wie im Hotel Bertha verhält Ramona Gleibt sich extrem bewegungsarm, leise. Das lauteste ist, wenn Ramona Gleibt im Mandlinger Hof aufs Klo geht. Ansonsten raschelt Ramona Gleibts Gewand mal.
Abwechslung bringen Ramona Gleibt nur ihre Fahrten in die Bankfiliale werktags, ihre Arbeit für die Bank. Außerdem unter der Woche ihre momentan nur stundenweisen Aufenthalte bei Herrn Josef Hänsel in der Wohnung. Pünktlich um Mitternacht für Frau Ramona Gleibt hieß: Abfahrt ins Hotel Bertha. Jetzt: der Mandlinger Hof.
Vorletztes Wochenende war Frau Ramona Gleibt zum letztenmal von Freitag- bis Sonntagnachmittag bei Herrn Josef Hänsel.
Zweimal die Woche - dienstags und donnerstags - hält sich Frau Ramona Gleibt auf dem Gelände von 'Gestärktes Leben e.V.' auf. Immer Zwei-Stunden-Sitzungen - neunzehn Uhr dreißig bis einundzwanzig Uhr dreißig -, in denen Frau Ramona Gleibt sich verhielt, wie eine sich bei 'Gestärktes Leben e.V.' verhalten sollte. Soweit Agathe und Regine das in Erfahrung bringen konnten.
Der Mandlinger Hof ...?
Der Mandlinger Hof, der ist billiger ist als das Hotel Bertha.
Kann das tatsächlich ein Grund für Ramona Gleibts Umzug sein?
Atmosphärisch ist der Mandlinger Hof allerdings auch ein bißchen etwas anderes als das Hotel Bertha.
Man nehme zum Beispiel nur das Inventar.
Die Inneneinrichtung des Mandlinger Hofs ist kleinbürgerlich gehalten. Mit viel klobigem Holz. Dunkelbraune Holzfarbe herrscht überall. Auch zuweilen Düsternis.
Was im Mandlinger Hof schon ganz anders ist als im Hotel Bertha: Im Hotel Bertha gibt es praktisch überall Überwachungskameras. Die Flurgänge werden bis in den letzten Winkel von Kameraaugen eingesehen. Beim Hotel Bertha sind Kameras auf die äußere Hotelfassade gerichtet und blicken in die Gartenumgebung des Hotels. Im ganzen Mandlinger Hof dagegen befindet sich gerade eine einzige Überwachungskamera installiert, zur Rezeptionstheke hin fixiert. Um eintreffende oder abreisende Hotelgäste sowie die Empfangsdame und deren Tätigkeit im Sichtfeld zu haben.
Weiter ist das nichts im Mandlinger Hof.
Das Hotel Bertha, in dem Sinne beinahe, überlegt man es sich, beinahe ein Überwachungsstaat.
Was heißt das aber jetzt für uns von der Detektei Umschau?
Daß wir im Mandlinger Hof mit wirklich ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit Besuch bei Ramona Gleibt im Obergeschoß zu gewahren haben, nachdem sich im Hotel Bertha dahingehend nie irgendwas abspielte?
Öffnet Ramona Gleibt nachts jemandem die Türe zu ihrem Hotelzimmer mit der Nummer neunzehn?
Sogar die Möglichkeit, daß eine Person über die Hausfassade kommt, können wir in Betracht ziehen: Das geräumige Zimmer Frau Ramona Gleibts ist mit das Teuerste im Mandlinger Hof. Weil mit Balkon ausgestattet.
Für einen geübten Fassadenkletterer ohne größere Umstände erreichbar, Zimmer neunzehn, das Ramona Gleibt bewohnt.
Wir von der Detektei Umschau, wir haben uns im Mandlinger Hof eingemietet, als Ramona Gleibt tagsüber fürs Arbeitsleben in ihrer Bank war. Tag und Nacht schieben Thomas, Regine und Agathe seitdem Wachposten. Wir haben Nachtsichtgeräte, unsere Infrarotferngläser.
Thomas hat außerdem die Zimmerflucht Frau Ramona Gleibts im Mandlinger Hof mit den kleinen, wahnsinnig unauffälligen und effizienten Plättchendingern verwanzt.
Sollte jemand bei Frau Ramona Gleibt ins Gästezimmer eindringen oder von Frau Ramona Gleibt eingelassen wird, bekommen Thomas, Regine und Agathe das augenblicklich mit. Genauso den Moment, sollte es Frau Ramona Gleibt nächtens einfallen, ihre Hotelräumlichkeit aus irgendeinem Grunde zu verlassen, um im Mandlinger Hof herumzugeistern, irgendwohin.
Geschehen ist leider im Mandlinger Hof bis jetzt nichts. Überhaupt kein Vorkommnis.
Täglich kehrt Ramona Gleibt unter der Woche, nach ihrem Aufenthalt in Josef Hänsels Wohnung, gegen halb zwölf Uhr am späten Abend auf ihr Zimmer im Mandlinger Hof zurück. Schnell legt Ramona Gleibt sich auf ihrem Zimmer schlafen.
Ramona Gleibts Verhalten, befindet sich Ramona Gleibt im Mandlinger Hof, ist wirklich ganz genau das gleiche wie im Hotel Bertha: Auf Zimmer neunzehn im oberen Stockwerk des Mandlinger Hofs herrscht Stille vor. Oder, anders ausgedrückt, Ramona Gleibt vermeidet nach Möglichkeit jedes Geräusch. Nicht einen Mucks gibt Ramona Gleibt von sich.
Selbstgespräche zu führen, das fällt Ramona Gleibt nicht ein. Das Fernsehgerät auf Zimmer neunzehn hat Ramona Gleibt nie an. Musikhören, ist nicht bei Ramona Gleibt. Ihr Laptop braucht kein Netz zu finden, weil Ramona Gleibt das Gerät nicht ansteckt und aufklappt.
Auch im Mandlinger Hof nimmt Ramona Gleibt Anrufe entgegen; aber anrufen, das tut Ramona Gleibt niemanden.
Bisher hatten wir von der Detektei Umschau Phone-Telefonate von Ramona Gleibts Mutter. Von zwei Arbeitskolleginnen aus Ramona Gleibts Bank, die sich aus irgendeinem Grund erkundigten, wie es Ramona Gleibt so ginge, ob Ramona Gleibt denn am Wochenende nichts mit ihnen und ihren Freundinnen unternehmen wollte. Die Antwort Ramona Gleibts: Das ganze Wochenende wäre verplant. Nur miteinander wollten Hänsel und sie, Ramona, die Zeit verbringen.
Seltsam dabei finden Thomas, Regine und Agathe, wir von Detektei Umschau, nur die Tatsache, daß Josef Hänsel Ramona Gleibt nie antelefoniert oder ihr Kurznachrichten schreibt.
Es scheint, als hätten Josef Hänsel und Ramona Gleibt sich zwischendurch, außerhalb der Zeit, die sie in Hänsels Wohnung miteinander verbringen, nicht viel zu sagen.
Was Josef Hänsel und Ramona Gleibt miteinander treiben, wenn sie in Josef Hänsels Wohnung sind ...?
Josef Hänsel und Ramona Gleibt peppen den Sex in der jüngsten Zeit mit Sadomaso-Sachen auf, erzählte Josef Hänsels Mutter Gitte Agathe und Regine.
Hänsels Mutter Gitte, die haben Regine und Agathe beim Herauskommen aus dem Wohnhaus einmal abgefangen. Mit Hänsels Mutter Gitte sind Regine und Agathe ins Gespräch gekommen. Haben erfahren, daß sie, Mutti Gitte, sich seit ein paar Wochen verstärkt um ihren Sohn Hänsel kümmert.
Unter der Woche putzt Mutter Gitte bei Hänsel zweimal die Wohnung. Dienstags und donnerstags. Nur am Wochenende, beklagte sich Gitte Hänsel Regine und Agathe gegenüber, daß Ramona bei Hänsel die Räume putzen würde. Alle. Total gründlich, daß Ramona das mit dem Putzen mache. Sogar mit der Zahnbürste. Voll den Putzfimmel, den Ramona neuerdings hätte. Unglaublich. Beinahe jeden Wunsch würde Ramona Hänsel von den Augen ablesen, etwas, was früher nicht war.
Große Sorgen hat Gitte Hänsel derzeit wegen der fortgesetzten Arbeitslosigkeit ihres Sohnes Hänsel. Sorgen, für die Sohnemann Hänsel nur Spott übrig hatte.
Dauernd redet Gitte Hänsel auf Sohnemann Josef ein, dort und dort sich noch zu bewerben. Woraufhin Herr Josef Hänsel wiederholt zu seiner Mutter Gitte meint, daß es ihm reicht, sich in der Woche ein-, zweimal zu bewerben. Jeden Tag müßte er das wirklich nicht haben. Außerdem hätten drei Betriebe ihn, Hänsel, vorgemerkt. Sollte eine Stelle frei werden, könnte es sein, daß der Personalchef anrief. Dann hätte er, Josef Hänsel, sofort wieder Arbeit. Die nächsten Monate keinen Urlaub mehr, kaum daß er mal ein halbes Jahr frei hatte.
Um das Thema erschöpfend abzuschließen: Josef Hänsel sagte zu Agathe und Regine, daß seine Freundin Ramona bei ihm in der Mietwohnung nicht viel telefoniert. Ihr Phone hätte Ramona in der Handtasche. Müßte Ramona ja auch nicht, Kurznachrichten schreiben, mit jemandem telefonieren, wenn sie bei ihm, Hänsel, in der Wohnung wäre.
Ins Internet geht auch nur Josef Hänsel, mit seinen Geräten. Keine Ramona Gleibt weit und breit.
Was bei Josef Hänsel in der Wohnung geschieht, sind die Ideen Josef Hänsels, nicht die von Ramona Gleibt.
Um das noch anders zu umschreiben: Frau Ramona Gleibt tut, was ihr Herr Josef Hänsel von ihr verlangt. Auf jedem Gebiet.
Als wäre das Ramona Gleibt immer noch befohlen.
Nur unter Woche braucht Ramona Gleibt anscheinend nicht länger als eine Stunde bei Josef Hänsel bleiben. Vielleicht, weil Ramona Gleibt arbeiten muß. Und sie viel zu geschafft von allem bei Josef Hänsel wäre, wenn sie unter der Woche auch noch nachts bei Josef Hänsel oben bliebe.
Und daß Frau Ramona Gleibt sich bei allem eher teilnahmslos verhält, wie eine lebende Puppe - wie Regine und Agathe, die Mitarbeiterinnen der Detektei Umschau, es sehen -, kümmert Josef Hänsel dabei nicht das geringste.
Um das so zu beschreiben: Ramona Gleibt steht bei Hänsel in der Gegend rum, wartet darauf, daß ihr Gebieter, Herr Josef Hänsel sie anspricht, ihr auseinandersetzt, was sie als nächstes tun sollte. Ob in der Wohnung oder beim Sex.
Einen störenden Gedanken ist das Josef Hänsel nicht wert. Scheinbar fällt Herrn Josef Hänsel nichts auf, weil das Verhalten Ramona Gleibts genau das ist, was er sich von Ramona Gleibt wünscht, Herr Doktor Weil-Esch. Nur wir, wir von der Detektei Umschau, finden es komisch. Wir denken, Josef Hänsel sollte auf sich achtgeben. Vielleicht mal aufpassen, wenn ein Schatten bei ihm am Fenster huscht.
Hiermit verbleibe ich,
mit freundlichen Grüßen
___________________
Anlage
50 Fotos, der Mandlinger Hof und Umgebung bei Tag; der Mandlinger Hof mit seinen Lichtern bei Nacht
30 Fotos, Frau Ramona Gleibt (Frau Ramona Gleibt auf dem Parkplatz des Mandlinger Hofes, Frau Ramona Gleibt im Mandlinger Hof.)
10 Fotos des Zimmer neunzehn, das Frau Ramona Gleibt im Mandlinger Hof bewohnt
30 Fotos (Frau Ramona Gleibt in unterschiedlichster Kleidung, Frau Ramona Gleibt, die bei Herrn Josef Hänsel mit dem Wagen vorm Haus eintrifft, bei Herrn Josef Hänsel wieder abfährt. Aufgenommen nachmittags, nachts.)
1 Stick (Atmosphäre Frau Ramona Gleibt im Mandlinger Hof. Telefongespräche, die Frau Ramona Gleibt im Mandlinger Hof bis heute geführt hat, beispielsweise mit ihrer Mutter Ramona Sonja, Arbeitskolleginnen von der Bankfiliale. Alles Anrufe bei Frau Ramona Gleibt; nie, daß Frau Ramona Gleibt jemanden anruft.
Auch auf dem Stick: Richtmikrophon-Mitschnitte: Unterhaltungen Herrn Josef Hänsels mit seiner Mutter Gitte. Unterhaltungen zwischen Herrn Josef Hänsel und Frau Ramona Gleibt in Herrn Josef Hänsels Wohnung. Zu beachten: Frau Ramona Gleibt redet nur was, wenn Herr Josef Hänsel sie anspricht. Und: Herr Josef Hänsel befiehlt, Frau Ramona Gleibt gehorcht. Liebesspielkulisse bei Herrn Josef Hänsel und Frau Ramona Gleibt, Frau Ramona Gleibt klingt immer gekünstelt. Neuerdings peppt Herr Josef Hänsel sein Sexleben mit Frau Ramona Gleibt auf, indem er Frau Ramona Gleibt Handschellen anlegt. In einem Internet-Sexshop hat Herr Josef Hänsel sich eine neunschwänzige Peitsche bestellt und sich an seine Wohnadresse mit der Post zuschicken lassen.)
70 Fotos (Umgebung von Herrn Hans-Georg Taberts Bauernhof. Fotos der verschiedensten Jäger in ihrer Aufmachung neben und in ihren Fahrzeugen. Fahrzeuge bei Patrouillenfahrten, Jäger beim Aussteigen aus ihren Wägen, Jäger, die auf Ansitze steigen und dort oben hocken. Alles Fotos, nirgendwo anders aufgenommen als rund um das weitläufige Gelände Herrn Hans-Georg Taberts herum.)
30 Fotos (die in diesem Schreiben erwähnte Frau mit Hund. Sie möchte mit ihrem Vierbeiner Gassi gehen. Der Geländewagen mit den beiden Jägern kommt herbeigefahren, parkt bei ihr. Die Szene, daß es wirkt, der eine möchte auf den Hund der Frau schießen. Von Interesse auch: die letzten fünf Fotos. Der eine Jäger, der das Gewehr des anderen herabdrückt. Frage: Hätte der eine dem Wagen der fortfahrenden Hundehalterin hinterhergeballert, hätte sein Begleiter nicht dagegen gehabt?)"
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Schreiben der Detektei Umschau an Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, Datum: 10.05.xxxx
"Sehr geehrter Herr Doktor Weil,
mit dem hätten wir von der Detektei Umschau niemals gerechnet, mit der ganzen Entwicklung der Geschichte, die am Freitagvormittag letzter Woche begann.
Kann nicht behaupten, daß irgendein Mitarbeiter der Detektei Umschau das kommen hätten sehen. Muß ich zugeben.
Für Thomas, Regine und Agathe, den Mitarbeitern, -innnen der Detektei Umschau, war bei Frau Ramona Gleibt alles wie immer.
Nichts, das Thomas, Regine, Agathe bei und an Ramona Gleibt bemerkt hätten. Nicht das geringste. Etwas anderes wiederholen Thomas, Regine und Agathe mir nicht.
Tatsache, Herr Doktor Weil-Esch, die Verhältnisse waren für Thomas, Regine und Agathe die gesamte letzte Woche wie immer.
Auch am Donnerstagnachmittag war nichts anders: Nach ihrer Arbeitszeit war Ramona Gleibt zuerst im Mandlinger Hof, hat da im Restaurant eine Kleinigkeit gegessen.
Ab neunzehn Uhr war Ramona Gleibt auf dem Gelände von 'Gestärktes Leben e.V.'. Nach eineinhalb Wochen erstmals wieder. Bis um zweiundzwanzig Uhr neununddreißig blieb Ramona Gleibt dort, um dann in ihren Wagen zu steigen und von 'Gestärktes Leben e.V.' aus zu Josef Hänsel abzufahren.
Bei Josef Hänsel oben war von dreiundzwanzig bis null Uhr für Ramona Gleibt Sex angesagt, während Gitarrenmusik laut dazu spielte.
Nichts anderes gab es für Agathe im Transporter zu hören, von dem aus sie das Richtmikrophon auf Josef Hänsels Wohnung ausrichtete, als laute Gitarren und zwischendrinnen mal männliches, weibliches Gestöhne. Das Thema zwischen Josef Hänsel und Ramona Gleibt das eine zwischen einem Mann und einer Frau. Ansonsten hatten Ramona Gleibt und Josef Hänsel sich nichts zu erzählen. Die ganze Stunde durch, die Ramona Gleibt bei Josef Hänsel oben verbrachte.
Wie immer dann werktags, daß Ramona Gleibt kurz nach Mitternacht beim Gebäude herauskam, in dem Josef Hänsel seine Mietwohnung hatte. Null Uhr bis fünf Minuten nach null Uhr, eine andere Zeitdifferenz gab es selten bei Ramona Gleibt, bis Ramona Gleibts Erscheinung fällig war.
Ramona Gleibt stieg in ihren Wagen, ist in den Mandlinger Hof gefahren, um nach kurzem Zähneputzen ohne sonst noch etwas zu machen zu Bett zu gehen.
Am Freitagmorgen ist Ramona Gleibt vom Mandlinger Hof aus in die Arbeit gefahren.
Zwischen zehn vor acht und fünf vor acht Uhr erscheint Ramona Gleibt zumeist drinnen in der Bank. Um um acht Uhr jenseits der Bankschalter sich aufzuhalten.
Nichts war bei Ramona Gleibt an diesem Freitag anders wie üblicherweise auch.
Dann ist Regine, die Mitarbeiterin der Detektei Umschau, die sich auf ihren Beobachtungposten im Stehkaffee Backwerk Heim neben der Bankfiliale aufhielt, Zeugin geworden, wie zwei Polizeiautos beim Hinterein- und ausgang der Bank vorfuhren.
Polizisten in Uniform sind ausgestiegen. Zwei Zweierteams.
Sämtliche uniformierten Herrschaften begaben sich in das Bankgebäude hinein.
Nach einer Viertelstunde kamen die Polizeibeamten wieder hinten aus dem Bankhinterein- und ausgang heraus. Zwei der Uniformierten hatten Ramona Gleibt links und rechts am Jackettärmel, geleiteten Ramona Gleibt zwischen sich voran.
Regine durfte beobachten, daß Ramona Gleibt am Fuß der Treppenstufen abrupt im Schritt anhielt, sich mit aller Gewalt loszureißen versuchte. Allerdings hatten ihre beiden hauptverantwortlichen Aufpasser in Polizeiuniform Ramona Gleibt relativ schnell wieder im Griff. Der Fluchtversuch, der mißlang Ramona Gleibt gründlich; auf ihn hätte Ramona Gleibt gut und gerne verzichten können.
Gestenreich, daß der Wortführer der Polizeibeamten auf Ramona Gleibt einredete, Ramona Gleibt, die mit angestrengter Miene zu ihm hinaufnickte. Daraufhin führten die Beamten Frau Ramona Gleibt die Meter zum nächsten der hingeparkten Einsatzfahrzeuge. Der eine öffnete hinten die Seitentüre, legte Frau Ramona Gleibt die Hand auf den Kopf, und Ramona Gleibt stieg hinten ein. Er meinte etwas zu Ramona Gleibt, daß Ramona Gleibt hinüberrutschte, und stieg dann bei Ramona Gleibt ein. Der andere Mann klemmte sich vorne hinters Lenkrad.
Nach der Polizeiinspektion der Stadt wurde Ramona Gleibt verbracht.
Zurück zur Bankfiliale fuhr Regine nach ein paar Minuten des Wartens vorm großen dreistöckigen, vielfenstrigen Polizeigebäude. Vor der Bank traf Regine Thomas, der von Regine über die neuen Ereignisse unterrichtet wurde.
Gemeinsam beratschlagten Thomas und Regine, was sie unternehmen sollten, Dinge in Erfahrung zu bringen, was Ramona Gleibt anbetraf.
Erst mal betraten Thomas und Regine das Bankgebäude, begaben sich vor den Schalter, hinter dem an einem der Schreibtische mit Monitor auch öfters Ramona Gleibt hockte. Das hieß, wenn Ramona Gleibt am Schalterplatz aushalf. Nicht in dem bestimmten, mit trüben Glasflächen umgebenen, nach oben offenen und kameraüberwachten Nebenraum sich aufhielt.
Der Bankangestellte - ein Herr Weiland, das stand auf dem Namensschild am Jackettrevers zu lesen, Kollege von Ramona Gleibt -, beantwortete Thomas und Regine keine einzige Frage, warum denn Polizei in die Bank gekommen wäre, Ramona Gleibt festzunehmen. Brüsk, daß Herr Weiland sich verhielt. Herr Weiland meinte, er müßte irgendwelchen neugierigen, dahergelaufenen Leuten wirklich nicht das bißchen was erzählen. Sollten Thomas und Regine, Mitarbeiter der Detektei Umschau, nicht augenblicklich das Innere der Bank verlassen, würden von ihm, Weiland, nicht nur ein paar der Kollegen herbeigerufen, sondern gleichzeitig auch ein Telefonat mit der Polizei geführt. Rechtliche Schritte durch die Bank hätten Thomas und Regine und die Detektei, für die Thomas und Regine arbeiteten, ebenfalls zu gewahren.
Es blieb dabei, daß Thomas und Regine, Mitarbeiter der Detektei Umschau, keine Ahnung hatten, warum Ramona Gleibt um elf Uhr vormittags von Polizisten vor allen Arbeitskollegen und der gesamten zufällig anwesenden Bankkundschaft von ihrem Arbeitsplatz weggeholt wurde.
Bankobere, die man zufällig kannte, wollten Thomas und Regine nicht lange extra bemühen. Um in der Bank, schließlich war Polizei dagewesen, nicht weitere Unfreundlichkeit kennenzulernen.
Thomas kam der Einfall, schnell mal bei Josef Hänsel vorbeizufahren. Sich das anzuhören, was Josef Hänsel so an Dingen daherredete, wenn er erfuhr, daß Ramona Gleibt verhaftet worden war.
Also sind Thomas und Regine abgefahren, um Josef Hänsel ein paar Fragen zu stellen.
Vorm Wohngebäude Josef Hänsels war, als Thomas und Regine dort gegen halb ein Uhr mittags eintrafen, nichts Auffälliges.
Die Haustüre hinein ins Mietshaus, in dem Herr Josef Hänsel seine Wohnung hatte, war nur angelehnt. Thomas und Regina spazierten zum Aufzug, fuhren in das dritte Stockwerk hinauf. Um vor der Wohnungstüre Josef Hänsels angekommen, festzustellen, daß diese sperrangelweit offenstand.
Drinnen am Gang sahen Thomas und Regine einen Mann in weißem Schutzanzug, weißen Mundschutz vor und weiße Gummihandschuhe an den Händen am langen Flurteppich kriechen. Eine laute Stimme erlauschten Thomas und Regina: In zehn Minuten wolle man Mittagspause machen. Der Laden würde versiegelt. Kein Wort zu keinem, der einem anspräche. Wer was wissen wollte, der sollte mit den Kollegen reden. Um zwei Uhr rum käme man dann zurück, würde weitermachen.
Spurensicherung!
Weil sie noch unbemerkt geblieben waren, drehten Thomas und Regine, die Mitarbeiter der Detektei Umschau, sich zur Seite weg. Zum Hauslift schritten Thomas und Regine zurück, um die Runde hinunterzufahren, nachdem keiner sie beide gesehen hatte.
Hinaus aus dem Gebäude begaben Thomas und Regina sich, spazierten den Gehsteig hoch. Um irgendwann stehen zu bleiben, sich umzusehen.
Was Thomas und Regina mitgekriegt hatten, das ließ nur einen Schluß zu: Bei Josef Hänsel in der Wohnung dorben war irgendwas passiert. Etwas, das die Polizei ins Haus holte - und das man mit Ramona Gleibt in Zusammenhang brachte.
Das, was entdeckt worden war, das war dermaßen arg, daß Polizeibeamte ausrückten, Ramona Gleibt vom Arbeitsplatz wegzuholen. Verhaftet hatte man Ramona Gleibt.
Doof an der ganzen Sache nur, daß keiner der Detektei Umschau sich bei Josef Hänsel auf Wachposten befunden hatte. Daß Thomas, Regine und Agathe sich um Josef Hänsel kümmern hätten müssen, wenn Ramona Gleibt nach ihrem einstündigen abendlichen Aufenthalt bei ihm in den Wohnung die Räumlichkeiten verließ, darauf waren Thomas, Regine und Agathe nicht verfallen.
Für Thomas, Regine und Agathe war Josef Hänsel nicht die Hauptperson der Geschichte. Die eine Stunde, die Ramona Gleibt sich werktags bei Josef Hänsel aufhielt. Nur am Wochenende, da hatte man dauernd Josef Hänsel und die Gegend, in der Josef Hänsel wohnte. Das schien voll ausreichend.
Außerdem öffnete Josef Hänsel keinem der Detektei Umschau mehr die Wohnungstüre. Schaute Josef Hänsel durch das Guckloch seiner Türe, sah er jemanden der Detektei Umschau draußen stehen, blieb bei Josef Hänsel zu.
Eigentlich ging Herr Josef Hänsel in der Gegenwart werktags immer erst im Laufe des Nachmittags aus dem Haus. In sein Auto stieg Josef Hänsel im Grunde nur ein, um das eine Strecke zu bewegen. Indem er den Kilometer zu seinem Lieblings-Supermarkt fuhr. Nach seinem Einkauf kehrte Herr Josef Hänsel dann jeden Tag ohne größere Umwege in seine gewohnte Hausumgebung zurück. Sehr spritsparend, das Ganze.
Drinnen in der Wohnung warf Josef Hänsel sofort wieder den Computer an oder schaute fern.
Ansonsten wartete Herr Josef Hänsel darauf, daß Ramona Gleibt bei ihm in den Wohnräumen erschien. Und Ramona Gleibt, die kam irgendwann nach zweiundzwanzig Uhr. Um für eine, eineinhalb Stunden zu bleiben. Für ihren Dienst am Mann, bei Josef Hänsel. Jedes Wochenende ein Vollzeitjob, den Ramona Gleibt in der Nähe Josef Hänsels hatte, bei dem sich die Stunden mit viel Putzfrauenarbeit füllten. Hilfsgeräte wie Geschirrspüler, Waschmaschine, Wäschetrockner, die gab es für Ramona Gleibt nicht. Auch keinen Staubsauger.
Wir von der Detektei Umschau mußten wirklich nicht bei allem als Zeuge mit dabei sein mußten, was in Josef Hänsels Wohnung abging. Immer wieder Stichproben, das denken wir auch heute noch, das war vollkommen ausreichend.
Alles lief schließlich schon länger in derselben Art und Weise ab. Und es war nicht absehbar, daß es nicht so weiterlaufen würde.
Thomas und Regine, die Mitarbeiter der Detektei Umschau, beobachteten dann die Dame und die beiden Herren von der Spurensicherung, die in Zivilkleidung - dunkelgraue Anzüge die Männer; ein dicker, klobiger, grauer Rock der Marke Beamtenkostüm bei der ältlichen Frauensperson -, aus dem Wohngebäude herauskamen, in dem Josef Hänsel seine Wohnräumlichkeiten hatte, um in die bei ihnen angesagte Mittagspause zu gehen.
Ihr gemeinsames Fahrzeug hatten die Polizeiherrschaften unauffällig in der nächsten Seitenstraße geparkt. Eindeutig beim Wegfahren als ein Dienstfahrzeug der Polizei erkennbar.
Das Problem von Thomas und Regine war, daß sie im Grunde keinen Schimmer hatten, was bei Josef Hänsel in der Wohnung oben passiert war.
Daß es Josef Hänsel hätte sein können, der einen Leibwächter gebraucht hätte, darauf wären Thomas und Regine die vergangenen Wochen, Tage nicht gekommen. Viel eher war es Thomas und Regine vorgekommen, man müßte Leute vor Josef Hänsel beschützen. Zum Beispiel Josef Hänsel ansagen, daß er Ramona Gleibt anders behandeln sollte.
Die Haustüre hinein in das Wohngebäude war zugefallen, also klingelte Thomas bei Heinz und Trude Block, dem Hausmeisterehepaar. Im Erdgeschoß des Mietshauses hatte das Ehepaar Heinz und Trude Block die Wohnung.
Für Heinz Block war die Hausmeisterarbeit eine Nebenbeschäftigung. Tagsüber war Heinz Block auf Arbeit in einem Elektromarkt am anderen Ende der Stadt. Wenn Ehemann Heinz arbeitete, kümmerte Trude Block sich alleine um die Nöte der Hausbewohner. Für die technischen Sachen war unter der Woche abends dann Heinz Block verantwortlich.
Weil Trude Block Thomas und Regine schon von der einen oder andern Begegnung her kannte, kam Trude persönlich an die Haustür, für Thomas und Regine zu öffnen.
An der Haustürschwelle herumzustehen, wenn jeden Moment Polizeiwägen vorfahren konnten, das fanden Thomas und Regine nicht spaßig. Zwar waren Thomas und Regine nachweislich Detektive von Beruf, Detektive, die für die Detektei Umschau arbeiteten. Trotzdem mußten Thomas und Regine nicht auf offener Bühne angetroffen werden, wenn Polizei frisch einen neuen Fall bearbeitete. Thomas und Regine fragten Trude Block, ob sie Lust auf eine kleines Gespräch hätte. Trude Block verstand, daß man sich in anderer Umgebung besser unterhalten konnte. Zu sich in die Erdgeschoßwohnung lud Trude Block Thomas und Regine ein.
In der Vergangenheit hatten Thomas und Regine das eine oder andere Mal bei Trude Block und ihrem Ehegemahl Heinz vorgesprochen. Ihre Visitenkarten, die sie als Mitarbeiter der Detektei Umschau auswiesen, hatten Thomas und Regine jedesmal bei Heinz und Trude Block dagelassen. Zweck: die Landschaftspflege. Wenn Trude oder Heinz Block irgendwelche komischen Beobachtungen machten, könnten sie bei Thomas oder Regine am Phone anrufen, hatten Thomas und Regine gemeint.
Angerufen wurden Thomas oder Regine zwar von Trude und Heinz Block zwar nie. Trotzdem hatte Trude Block nun durchaus etwas in Petto. Schließlich gab es Neuigkeiten, die Josef Hänsel anbetrafen.
Die mit Diktiergerät von Thomas Setzer und Regine Datz, Mitarbeiter der Detektei Umschau, aufgenommene Unterhaltung mit Frau Trude Block (transkribiert von Frau Agathe Deuth):
Detektei Umschau: Wir waren kurz bei Herrn Josef Hänsel oben. Da haben wir Polizei bei Herrn Hänsel drinnen gesehen. Genauer gesagt, es waren Leute von der Spurensicherung. Was ist denn bei Herrn Josef Hänsel in der Wohnung passiert?
Frau Trude Block: Schreckliches!
Detektei Umschau: Etwas Schreckliches? Was denn Schreckliches?
Frau Block: Herr Hänsel im dritten Stock ist tot.
Detektei Umschau: Was? Herr Hänsel ist tot?
Frau Block: Ja!
Detektei Umschau: Warum soll Herr Hänsel tot sein? Woran stirbt der denn?
Frau Block: Herr Hänsel ist tot. Heute morgen kurz vor neun Uhr in der Früh, hat Frau Hänsel - die Mutter von Herrn Hänsel -, vor meiner Wohungstüre gestanden. Mich hat Frau Hänsel aus der Wohnung herausgeklingelt. Ich hab Frau Hänsel leider aufgemacht, mußte dann mit Frau Hänsel hoch.
Detektei Umschau: Ja?
Frau Block: Es war so: Frau Hänsel hat oben an der Wohnungstüre ihres Sohnes geklingelt. Nichts hat sich gerührt. Ein paar Minuten lang. Frau Hänsels Sohn Josef ist nicht an die Tür gekommen, seiner Mutter aufzumachen. Obwohl Frau Hänsel von neuem geklingelt und geklingelt hat, blieb oben die Tür zu. Unbedingt wollte Frau Hänsel wieder ein paar Worte mit ihrem Sohn Josef wechseln. Frau Hänsel sagte, daß, wenn sie ihren Sohn Josef anrief, Josef nie ans Telefon ging. Frau Hänsel meinte weiter, sie wäre Josefs Mutter, ihr Sohn Josef, der könnte das nicht mit ihr machen, sich mit keinem Wort mehr bei ihr zu melden. Ihr Sohn Josef, der mußte irgendwann wieder zur Vernunft kommen, Arbeit mußte er sich wieder suchen. So konnte er nicht weitermachen damit, einfach in den Tag hinein zu leben. Nachdem sich bei ihrem Sohn Josef drinnen einfach nichts tun wollte, hat Frau Hänsel die Türklinke herabgedrückt. Die Tür schwang nach innen auf, es war bei Sohn Josef offen. Am Flur war keiner. Nichts rührte sich in der Wohnung. Alles blieb still. Trotzdem traute Frau Hänsel sich nicht über die Schwelle und in die Wohnung ihres Sohnes Josef reinzugehen. Frau Hänsel fürchtete sich davor, daß ihr Sohn Josef rabiat werden könnte. Die Wohnungstür ihres Sohnes Josef hat Frau Hänselwieder zugezogen. Zu mir ist Frau Hänsel hinuntergekommen. Gedacht hat Frau Hänsel sich, wenn sie nicht alleine war, dann würde ihr Sohn Josef, auch wenn er nicht gut auf die Mutter zu sprechen war, seiner Mutter nicht grob ankommen. Vielleicht wäre sogar vernünftig mit Josef reden. Wenn sie ihm erklärte, daß sie sich als Mutter doch Sorgen machen dürfte. Na gut, ich bin nicht so. Ich bin mit Frau Hänsel hoch.
Detektei Umschau: Und - was war bei Josef Hänsel drinnen in der Wohnung los?
Frau Block: Frau Hänsel hat an der Türe ihres Sohnes Josefs geläutet. Weil ihr Sohn immer noch nichts mirgekriegt hatte, zur Wohnungstür gekommen wäre, hat Frau Hänsel die Türklinke gedrückt. Die Türe, die nach innen aufging. Frau Hänsel hat mir auseinandergesetzt, daß ihr Sohn Josef in seiner Wohnung sein müßte. Sein Auto stehe unten geparkt. Und zwar seit Tagen immer am gleichen Platz geparkt. Ehrlich gesagt, mir war das nicht aufgefallen, daß das Auto von Frau Hänsels Sohn immer am gleichen Platz stand. Dachte, Leute können Autos sicher immer am gleichen Ort parken, wenn dort frei war. Ich sage zu Frau Hänsel, daß ich die letzten Wochen, Monate abends immer nur gesehen hätte, wie die Freundin ihres Sohnes Josef, die, die bei der Bank arbeitet, immer im Auto vorgefahren wäre. In Lift hätte ich sie reinverschwinden sehen. Meistens ziemlich spät am Abend, nach zweiundzwanzig Uhr dreißig, daß die in der letzten Zeit ins Haus kam. Fand ich komisch, so spät immer. Nur übers Wochenende, daß die geblieben ist. Immer von Freitag bis irgendwann später am Sonntag am Nachmittag.
Detektei Umschau: Das wissen Sie alles ziemlich genau, Frau Block?
Frau Block: Die Bank-Tussi hat Frau Hänsel die junge Frau genannt. Daß ich mich fragte, wenn die bei der Bank arbeitet, Frau Hänsels Sohn aber nicht zur Arbeit ging. Wenn das eine Tusse war, was war dann ihr Sohn?
Detektei Umschau: Sie sind nicht rein in die Wohnung, draußen vor der Türe rumgestanden, Frau Block ...?
Frau Block: Warum sollte ich die erste sein wollen, die in die Wohnung hineingeht, ich bitte Sie! Das war alleine Frau Hänsels Sache. Die war dem Mieter seine Wohnung. Ich war nur mit der Frau mitgekommen. Weil die mich so nett drum gebeten hatte. Frau Hänsel hat gesagt, daß sie seit Tagen jetzt versucht hat, ihren Sohn anzurufen. Meistens hätte sie nur die Nummer bei ihm am Telefon hinterlassen. Tagsüber ist ihr Sohn nie ans Telefon gegangen, am späten Nachmittag dann aber öfters die blöde Bank-Tusse. Die arrogante Bank-Tusse Mona. Die Bank-Tusse Mona hat zu ihr, der Mutter, gesagt, Hänsel, ihr Sohn, der wolle zur Zeit eben nicht mit ihr sprechen. Sie, die Mutter, bräuchte nicht mehr bei Hänsel, dem Sohn, anrufen. Hänsel hätte das gesagt, daß sie es ihr, seiner Mutter, ausrichten soll. Aber, daß sie, seine Mutter, ihn nicht mehr anrufen dürfte, das wollte sie als Mutter schon selber aus dem Mund ihres Sohnes Hänsel hören. Nicht von der Bank-Tusse. Zu Sinnen sollte Sohn Josef langsam wieder kommen. Aus seinem Tran aufwachen.
Detektei Umschau: Irgendwann sind Sie dann doch in die Wohnung rein, Frau Block?
Frau Block: O ja! Frau Hänsel ist in die Wohnung ihres Sohnes hinein. Alle Räume der Wohnung ist Frau Hänsel kopfschüttelnd abgelaufen, hab' ich von der Tür aus gesehen.
Detektei Umschau: Und Sie sind auch irgendwann in die Wohnung von Josef Hänsel hinein?
Frau Block: Nein, nein. Wo denken Sie hin?
Detektei Umschau: Frau Hänsel hat ihren Sohn dann gefunden? Tot?
Frau Block: Nein. Erst hat Frau Hänsel ihn noch nicht gefunden. Kopfschüttelnd ist Frau Hänsel zu mir und dem Ehepaar aus der Nachbarswohnung an die Türe gekommen. Frau Hänsel hat mit weit aufgerissenen Augen gemeint, daß Josef, ihr Sohn, nirgendwo in der Wohnung wäre. In keinem Zimmer eine Spur von Josef. Nicht die allerkleinste.
Detektei Umschau: Josef Hänsel könnte morgens zum Bäcker fortgegangen sein, irgendwohin in ein Café oder sonst einem Imbiß, sich Frühstück zu kaufen, oder? Wo war da das Problem?
Frau Block: Dachte ich, dachten wir. Ich sage zu Frau Hänsel, das Auto ihres Sohnes könnte kaputt sein. Deshalb stünde es immer am selben Platz rum ... Meint sie, das glaube sie nicht. Das glaube sie nicht. Hänsel müßte da sein, in seiner Wohnung. Hätte Hänsel Arbeit gekriegt, läßt Hänsel sein Auto nicht stehen, sondern fährt mit dem Auto dorthin. In der Küche liegen jede Menge Lebensmittel am Fußboden rum, erzählte Frau Hänsel. Pizzen, Schachteln mit parniertem Käse ... So Zeugs. Erst müsse sie noch in die große Kühltruhe hineinsehen, sagt Frau Hänsel, wendet sich um, läuft am Flur in die Küche ihres Sohnes Josef.
Detektei Umschau: Und, Frau Block?
Frau Block: Aus der Küche hören wir lautes Kreischen. Ein wirklich irres Kreischen. So was habe ich im Leben noch nicht gehört. Frau Hänsel, die gekreischt hat. Kreischt. Kreischend wie eine Wilde, kommt Frau Hänsel aus der Küche auf den Flur gelaufen. Zu uns heraus. Frau Hänsel kreischt und kreischt.
Detektei Umschau: Schön, Frau Block. Was war in der Küche passiert?
Frau Block: Weiß nicht ... Soll ich Ihnen das wirklich erzählen? Soll ich Ihnen das wirklich alles erzählen?
Detektei Umschau: Warum denn nicht? Wir sind zwar keine Polizisten. Aber wir sind Detektive. Wir untersuchen auch Kriminalfälle, Frau Block. Nicht ganz so wie die Polizei. Aber so ähnlich. Wie ist die Geschichte oben bei Herrn Hänsel also für Sie weitergegangen?
Frau Block: Daß Sie beide keine Polizisten sind, das meine ich doch. Aber gut. Na schön. Herr Müller hat Frau Hänsel in den Arm genommen, Frau Hänsel zu trösten versucht. An der Brust von Herrn Müller schluchzt und jammert Frau Hänsel. Herr Müller meint zu Frau Hänsel, sie solle sich doch beruhigen, sagen, was eigentlich los wäre. Was wäre denn in der Wohnung? Geschrien hat Frau Hänsel, daß ihr Sohn Hänsel in der großen Kühltruhe läge. Ihr Sohn Hänsel hätte ihr entgegengeblickt, aus der Kühltruhe.
Detektei Umschau: Aus der Kühltruhe? Herr Josef Hänsel schaute seine Mutter aus der Kühltruhe heraus an? Verstehen wir das richtig?
Frau Block: Ich wollte das Frau Hänsel auch erst nicht glauben. Das konnte doch nicht sein, was die da redet. Frau Hänsel, aufgeregt, wie sie war, mußte sich getäuscht haben. Ich bin in die Wohnung von Herrn Hänsel hinein. Am Flur bin ich Richtung Küche. Es stimmte, da befand sich eine große Kühltruhe in der Küche. Am Boden bei der Kühltruhe waren Lebensmittelschachteln, -packungen in Zweierreihe aufgestapelt. Lagen rum. Alle möglichen Pizzen im Pappkarton, Kartoffelpuffer, Fertiggerichte, die man schnell in die Mikrowelle schieben konnte. So Sachen. Aber alles lange trocken. Mußte schon länger aus der Truhe herausgeholt und da hingestapelt worden sein. Oder es war Abfall. Für die Tonne. Altes, entsorgt. Neues reingelegt ... Die Kühltruhe sehe ich aufgeklappt ...
Detektei Umschau: Was war, was Sie in der Kühltruhe gesehen haben?
Frau Block: Von der Türschwelle aus konnte ich nicht ganz genau sehen, was in der Kühltruhe war. Bin in die Küche hinein. Aufgeschrien habe ich. Ich hab das gleiche wie Frau Hänsel gesehen: In das Gesicht Josef Hänsels habe ich geschaut. Es hat mir aus der Kühltruhe entgegengeblickt. Es war das tiefgerforene Gesicht von Herrn Hänsel. Ein bißchen gegrinst hat das Gesicht. Ich habe noch mal entsetzt geschrien, mich von allem abgewandt. Herrn und Frau Müller, die Leute, die mir hinterhergekommen waren, habe ich angeschrien, sie sollen sofort alle sofort wieder zusehen, sich aus der fremden Wohnung rauszuscheren. Alles sofort wieder raus aus der Wohnung. Wenn keiner mit der Polizei Ärger kriegen wollte. Herr Müller hat dann mit seinem Senioren-Handy draußen von Herrn Hänsels Wohnung die Polizei gerufen. Frau Hänsel ist außerhalb der Wohnung ihres Sohnes Josef Hänsel auf der Gehfläche gesessen, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt. Frau Hänsel war ohnmächtig geworden.
Detektei Umschau: Wirklich wahr, Frau Block? Der Kopf Josef Hänsels, in der Kühltruhe? Der Kopf Josef Hänsels abgetrennt?
Frau Block: Den Anblick werde ich sicher im Leben nicht mehr vergessen, sage ich Ihnen. Obwohl, so schlimm nimmt mich das eigentlich überhaupt nicht mehr mit, jetzt. Weiß nicht, kommt mir erst wieder heute nacht. Wenn ich Alpträume habe ... Das Gesicht Josef Hänsels, nach so richtig was Schlimmem hat es nicht ausgesehen, da in der Kühltruhe. Überhaupt nicht nach Tod. Eher, als wäre das alles ein Scherz. Ein Scherz, den sich Josef Hänsel erlaubt. Als würde Herr Hänsel sich jede Sekunde in der Truhe zur vollen Körpergröße aufrichten, loslachen, sagen: He, da schaut ihr, was? Das hat euch 'nen Schreck eingejagt. Eure dummen Gesichter müßtet ihr mal sehen ...
Detektei Umschau: War aber nicht, Herr Hänsel war tot? Oder?
Frau Block: Ja. War kein Gag. Ich bin noch mal hineingelaufen auf den Flur und in die Küche Hänsels. Habe mich vergewissert. Das war das Gesicht Herrn Hänsels in der Kühltruhe. Sein Kopf - abgetrennt ... Fein säuberlich abgetrennt. Die Hände habe ich links im Truhenabteil drinnen gesehen, den Ober-, Unterarm ... Herr Hänsel, wie von einem Metzger in der Metzgerei zerlegt. So könnte man sich das vorstellen, wenn ein Metzger einen Menschen in der Metzgerei ...
Detektei Umschau: Also ... - wirklich wahr? Josef Hänsel fand sich drinnen in der Kühltruhe? Der Kopf war ihm abgetrennt? Hände, Beine ...? Und - wer war das? Wer hat Josef Hänsel das angetan?
Frau Block: Die Bank-Tusse war das, die hat ihrem Sohn Josef das angetan, hat Frau Hänsel gemeint. Das war Hänsels Bank-Tusse. Sonst wußte Frau Hänsel niemanden, der ständig bei Hänsel in der Wohnung gewesen wäre. Das wiederholte und wiederholte Frau Hänsel der Polizei, als die Polizei da war. Und uns, den Leuten aus dem Haus, uns fiel sonst auch niemand ein. Der Herrn Hänsel in seiner Wohnungs besucht hätte. Nur SIE ... Nur ...
Detektei Umschau: Nur was?
Frau Block: Drüber nachdenken darf ich nicht. Konnt's mir am Vormittag nicht so richtig vorstellen. Kann's auch jetzt nicht. Warum soll die junge Frau, eine, die auf der Bank arbeitet, das machen? Warum soll die das mit ihm machen? Einen anständigen Eindruck hat die eigentlich auf mich gemacht. Nur, daß sie die letzten Wochen ihren Freund immer so spät besuchte. So erst gegen halb elf am späteren Abend. Vorgestern war ich abends vor dem Schlafengehen noch mal kurz Luft schnappen, ist sie ein paar Minuten vor elf in ihrem Auto vorm Haus vorgefahren. Ist hinein in das Haus. Um sich zu Herrn Hänsel hochzubegeben ... Oben bei Herrn Hänsel hat das Licht gebrannt, hab ich gesehen. Also, Herr Hänsel mußte oben sein, seine Freundin erwarten. Ich verstehe das nicht, daß die ... Warum sollte die junge Frau so was tun? Die arbeitet doch auf der Bank, ist nicht ganz blöde, oder? Die muß doch wissen, daß der Verdacht, wird so was entdeckt, sofort auch auf sie fällt. Wenn sie das gemacht hat, dann komme ich doch nicht jeden Tag hierher, lasse mich sehen wie immer ... Da lasse ich mich hier doch überhaupt nicht mehr blicken, oder? Stellen Sie sich vor, ich würde Heinze, meinen Mann ... Heinze mit dem Messer ... Heinze ausbluten lassen, ihn zerstückeln, Heinzes Kopf oben in die Kühltruhe dazulegen ... Nein, nein. Das wäre doch nicht auszuhalten, das, daß ich weiter hier drinnen in der Wohnung wohnen bleiben könnte. Als wär nichts geschehen. Ich könnte es hier drinnen in den Zimmern nicht mehr aushalten. Ich ... Er war doch nicht ihr Ehemann, der Hänsel. Sie hätte schon vor Tagen einfach wegbleiben können, oder? Statt dessen kommt sie Tag für Tag hier vorbei, benimmt sich wie immer. Seelenruhig fährt sie hier vorm Haus vor, fährt im Aufzug zu Josef Hänsel hoch. Geht später wieder. Als wäre nichts. Überhaupt nichts. Verstehen Sie so was?
Detektei Umschau: Nein.
Frau Block: Oh. Jetzt habe ich mich mit Ihnen verplappert. Ich muß noch ins Bad. Dann muß ich mich ausgehfertig machen. Um drei soll ich auf dem Polizeipräsidium sein. Mit mir möchte man sich dort noch mal in aller Ruhe unterhalten. Ich soll meine Aussage wiederholen, sagen, ob mir noch was eingefallen ist. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen ...
Detektei Umschau: Klar entschuldigen wir, Frau Block. War alles bisher schon sehr freundlich von Ihnen ...
Frau Block: Alles nicht der Rede wert. Gehen Sie doch mal zu Herrn und Frau Müller hoch. Herr und Frau Müller haben die Wohnung neben der von Herrn Hänsel. Vielleicht können Herr und Frau Müller Ihnen etwas noch was sagen. Oder haben Sie sich schon mal mit Herrn und Frau Müller unterhalten?
Detektei Umschau: Nein, haben wir nicht.
Frau Block: Nicht? Warum denn nicht? Warten Sie, ich rufe schnell bei Herrn und Frau Müller oben an, frage sie, ob Sie beiden, echte Detektive, zu ihnen hochkommen dürfen ...
Herr und Frau Müller haben Frau Block dann zugesagt, den Mitarbeitern der Detektei Umschau ihre Wohnungstüre aufzusperren. Aber erst am frühen Abend gegen neunzehn Uhr.
Herr Müller hatte zu Frau Block gesagt, daß ihm eigentlich das mit den Aussagen bei der Polizei reichen würde. Private Schnüffler bräuchte er nicht auch noch hinterher, wenn er nachmittags ohnehin auf der Wache war.
Als Thomas und Regine gegen neunzehn Uhr bei ihnen an der Wohnungtüre läuteten, öffnete Herr Müller, dem seine Frau zur Seite stand, doch die Türe. Von Frau Müller kriegten Thomas und Regine im Wohnzimmer eine Tee und Kuchen vorgesetzt.
Die mit Hilfe eines Diktiergeräts aufgenommene Unterhaltung von Thomas und Regina, den Mitarbeitern der Detektei Umschau, mit Herrn Gerhardt und Frau Viola Müller, den Wohnungsnachbarn von Herrn Josef Hänsel (transkribiert von Frau Agathe Deuth, Mitarbeiterin der Detektei Umschau).
Detektei Umschau: Vielen Dank, daß Sie uns eingelassen haben. Daß Sie doch noch mit uns sprechen, auch wenn wir keine Polizei, sondern nur Detektive sind..
Herr Müller: Die gute Block gibt doch sonst keine Ruhe. Die redet meine Frau und mich dann nur noch damit an, warum wir die netten Detektive nicht zu uns reingelassen haben, mit denen zu sprechen. Wären immerhin Detekive.
Detektei Umschau: Zwang ist das nicht, daß man sich mit uns unterhalten muß.
Herr Müller: Ach was! Jetzt sind Sie schon da. Jetzt stellen Sie uns bitte Ihre Fragen, ja? Ist schließlich schön was los im Haus, seit heute früh. Polizei, Polizei und noch mal: Polizei. Und jetzt sitzen Vio und ich einem Paar Detektive gegenüber. Echten Detektiven. Mit Ausweis und allem. Machen Sie die wirklich am Drucker selber ...? Ich hab auch einen Drucker. Würd damit aber lieber Geld drucken, sag ich Ihnen.
Frau Müller: Reiß dich bitte zusammen, Gerd. Sei bitte freundlicher zu dem jungen Mann und seiner hübschen Begleiterin ... Was sollen die beiden von uns denken? Tsts! Geld willst du drucken, mit deinem Drucker ... Was dir nicht einfällt!
Detektei Umschau: Frau Block hat uns gesagt, daß Sie öfters etwas davon mitbekommen haben, von Dingen, die nebenan in der Wohnung los waren.
Frau Müller: Jetzt läßt du mich reden, Gerd. Jetzt hältst du erst mal deinen vorlauten Mund. Sicher kriegen Gerd und ich was mit, was nebenan los ist. Obwohl hier im Haus die Wände dick sind. Ich kriege hier auch was mit, weil ich hier im Haus die Stiegen putze. Jeden Tag mach' ich das. Für das Treppenputzen bekomme ich vom Vermieter Geld, verstehen Sie? Hab' mich dem Vermieter angeboten, daß ich das auch gerne fest mache. Und der Vermieter hat ja gesagt. Auf Vierhunderterundfuffzig-Basis. Einmal putze ich in der Früh, dann abends. Wenn's besonders dreckig zugeht, putze ich die Stiegen alle paar Stunden.
Herr Müller: Stimmt. Das macht Vio.Dazu müssen die Stiegen aber nicht unbedingt besonders schmutzig sein. Manchmal putzt Vio im Haus auch nur so in der Landschaft rum. Weil Vio was mitgekriegt hat, Vio neugierig ist.
Frau Müller: Hältst du den Mund, Gerd. Glaube nicht, daß du so reden mußt, wenn wir Besuch haben ...
Herr Müller: Daß von dir manchmal länger vor 'ner Türe herumgeputzt wird - das weiß hier im Haus jeder ... Davon reden die Leute auch ...
Frau Müller: Du hälst deinen vorlauten Mund, Gerd. Daß ich den Mann noch nicht verlassen habe ...?
Herr Müller: Zehn Tage so ist das heute her, da hat meine Frau auch die Treppe geputzt. Besonders hat sie sie bei uns hier oben im Stock geputzt. Vor der Tür vom jungen Hänsel. Die treiben's manchmal am Flur, daß man's durch die Tür durchhören kann. Da muß meine Frau auf alles ganz genau aufpassen ... Ist sie, bei mir zurück, dann ganz wepsig ... Kann mich nicht in Ruhe lassen ...
Frau Müller: Damit hörst du aber sofort auf, Gerd. Hältst du den Mund. So von mir zu reden ... Ich lass mich noch von dir scheiden.
Herr Müller: Stimmt doch, Vio ... Du hockst da am Boden vor der Wohnung von anderen Leuten. Daß du da schon länger auf einer Stelle rummachst, das ... Glaubst du, das merkt nie einer?
Frau Müller: Nein, Gerd. Damit hörst du auf. Hör sofort auf, so zu reden ...
Herr Müller: Haben den netten Beamten am Präsidium gesagt, daß Herr Hänsel - der nebenan von uns, der jetzt tot ist, so grausam gestorben ist -, vor elf Tagen sicher noch gelebt hat. Weil Vio ihn vor elfTagen noch durch die Türe reden hat hören. Mit seiner Freundin. Ziemlich deutlich. Da haben nämlich zwei gestritten. Der Hänsel und seine Freundin haben sich angeschrien.
Frau Müller: Wochenende war. War zufällig dort vor der Türe. Konnte überhaupt nicht anders, als zuhören. Bei dem jungen Hänsel war die Wohnungstüre aus irgendeinem Grund nur angelehnt, merkte ich. Konnt sogar einen Spaltweit weit rein sehen. Mona, die Freundin von dem Hänsel, von der ich weiß, daß sie auf der Bank arbeitet, war heimgekommen. Zurück vom Einkaufen. Unten hatt' ich diese Mona ins Haus reinkommen gesehen, links und rechts prallgefüllte Plastiktüten. Ein paar Minuten war die da schon wieder bei ihrem Freund Hänsel drinnen. Irgendwie hat sie die Tür nicht richtig hinter sich zugemacht. War anscheinend unbemerkt geblieben, daß noch bei ihnen offen war. Ich war mit dem Putzeimer erst nach halb drei Uhr nachmittags bei uns im Stockwerk oben. Ich hatte frisches Wasser bei uns hier drinnen in der Wohnung geholt, Fliesenreiniger und flüssige Seife reingeschüttet. Bin dann wieder raus. Konnte nicht anders, als vor der Tür von diesem Hänsel stehenbleiben ... Hab ich den Eimer leise abgestellt ...
Herr Müller: Auf so was wartet meine Frau Vio nur, daß wo nicht ganz zu ist. Da wird sie zur Salzsäule. Mit aufgestellten orientalischen Lauschern.
Frau Müller: Hörst du auf! Lass mich noch von dir scheiden, wart's nur ab. Scheidungen gibt's auch noch im Alter. Nach dreißig Ehejahren lassen sich noch welche scheiden. Nach vierzig.
Herr Müller: Glaubst du, die lassen dich in der Seniorenresidenz, in der du landest, wenn du dich von mir scheiden läßt, überhaupt länger aus dem Bett raus? Die stellen dich ruhig und binden dich auf dem Bett fest. Kannst dich drauf verlassen. Die bildet sich tatsächlich ein, ein netter Senior wartet irgwendwo nur auf sie, mit ihr auf Traumreise zu gehen. Auf dem Traumschiff.
Frau Müller: Jetzt wird's mir langsam zu bunt, Gerd. Wirklich. Ab jetzt hälst du dein Schandmaul.
Herr Müller: Schandmaul - geht ja noch! Doch gut, daß ihr jungen Leute bei uns hier drinnen da seid. Ohne euch beiden würd's jetzt hier ordinär. Richtig ordinär.
Frau Müller: Ordinär? Wer ist hier ordinär? Ich - ordinär, Gerd? Sag das noch, Gerd ...
Herr Müller: Entschuldigung, Vio! Entschuldigung! Vielmals um Entschuldigung! Nicht hauen! Erzähl den zwei jungen Detektiven hier jetzt lieber weiter, was du durch die Spaltweit offene Wohnungstür bei Hänsel nebenan mitgekriegt hast.
Detektei Umschau: Ja, bitte, erzählen Sie uns das, Frau Müller. Die Wohnungstüre bei Hänsel nebenan war also etwas offengestanden. Sie konnten ein bißchen was davon mitkriegen, was bei Hänsel drinnen los war ...
Frau Müller: Das hat ein Nachspiel, Gerd. Glaub mir das, Gerd.
Herr Müller: Wenn du meinst, Schatzi.
Detektei Umschau: Was war nun durch die Türe zu hören, Frau Müller ...?
Frau Müller: So ein dreckiges Lachen höre ich bei denen drinnen. Von dem jungen Hänsel. Ernst hier kann schon mal auch dreckig lachen, sag ich Ihnen. Aber dieser Hänsel, an den kommt Ernst nicht leicht heran. Das war eine Lache ...
Herr Müller: Hahaha!
Frau Müller: Dieser Hänsel hat also dreckig gelacht. Laut und deutlich sagt der so Sachen zu seiner Freundin. So Sachen ... Er sagt ungefähr: Du bist zurück, du kannst nicht wieder gehen, Mona. Du kannst nicht hier raus. Weil ich dir das nicht erlaube. Seine Freundin Mona sagt: Du solltest mich gehenlassen, Hänsel. Warum verstehst du nicht? Es ist doch nicht schwer zu verstehen. Wenn es um alles geht, müßtest du es doch verstehen können. Und du verstehst es nicht. Warum verstehst du das nur nicht? Du mußt mich freigeben. Oder dir passiert was. Was Schlimmes. Du sagst das jetzt sofort, daß ich die Türe hier aufmachen darf, hier hinausgehen. Durch die Wohnungstüre darf ich rausgehen. Du gibst mich frei ... Wieder hat Hänsel nur so gelacht. Ein gemeines, infames Lachen. Als wäre es die reinste Großzügigkeit von ihm, daß er sich das Gequatsche seiner Freundin überhaupt anhörte. Hänsel meinte dann von oben herab: Weil ich nicht will, daß du gehst, kannst du nicht zur Tür raus. Du kannst die Türe nur aufmachen, Mona. Hahaha! Nur aufmachen kannst du sie. Weiter kommst du nicht als zur Tür, kannst sie aufmachen ... Na, aufmachen kannst du die Tür. Dann kannst du nicht raus. Hahaha! Mona sagte: Du verstehst es nicht, Hänsel. Du verstehest es einfach nicht. Lass mich einfach gehen, Hänsel. Sage, daß ich rausgehen darf. Ich bitte dich! Du bist in größerer Gefahr wie ich, glaub mir das. Hänsel: Nein, Mona. Nein, nein. So einfach geht das nicht. So geht das nicht. Du bleibst. Du bleibst bei mir. Hier drinnen. Hab immer noch keine Lust, dich gehen zu lassen. Und - ist etwas was? Ist irgendwas? Du bist schon wieder so lange bei mir - und es ist nichts.
Herr Müller: Dasselbe, was meine Frau Vio Ihnen jetzt erzählt, hat Vio so auch bei der Polizei am Präsidium erzählt ... Du bist ein Wunder, Vio. So genau, wie du weißt, was dieser junge Mann von nebenan und seine Freundin miteinander geredet haben. Eigentlich auch schon wieder ein paar Tage her. Aber du, du weißt alles noch. Wortwörtlich.
Frau Müller: Wenn das so ist, ist das so.
Herr Müller: Keine Ahnung, Vio. Aber, was die im Film sagen, das kannst du mir nicht so wiederholen. Find ich komisch.
Detektei Umschau: Bitte, erzählen Sie uns die Geschichte weiter, Frau Müller.
Frau Müller: Hänsel und Mona reden. Ich stehe ganz knapp an der Türe, und die Türe ist immer noch nicht ins Schloß eingerastet. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, aber ich bleib dort stehen ... Mona sagt zu Hänsel: Gib mich frei, Hänsel. Erlaube mir, deine Wohnung zu verlassen. Hänsel: Nein, tu ich nicht. Sicher nicht. Dann kommst du nicht mehr zu mir zurück. Das mach ich sicher nicht, Mona. Das mach ich nicht. Es gefällt mir nämlich, dich zu mir kommen zu sehen. Weil du mußt. Ganz egal, was ich mit dir mache, du kommst zu mir in die Wohnung, Mona. Mona: Verstehst du es denn nicht, Hänsel: Ich bin SEIN Schlüssel. ER hat mir gesagt, daß ER kommt. Und ich denke, daß ER heute, morgen, übermorgen zu dir kommt. Ich bin doch SEIN Schlüssel. ER schickt mich zu dir. Ich bin bei dir, weil ER mir das befiehlt. ER hat gesagt, daß ich dir in allem gehorchen soll. Ich muß alles tun, was du sagst. Wenn ich dich aber jetzt verlasse, Hänsel, dann hast du mich freigegeben. Dann kann ER nicht ohne weiters zu dir rein. ER muß dich fragen. Du hast IHN doch schon selber bei dir an die Fensterscheibe gesehen, Hänsel. SEIN Gesicht, das sich an die Scheibe drückt. Wie ER dich anschaute, Hänsel, so hungrig. Hungrig, hast du selber gesagt, Hänsel. Hast gesagt, wie sehr du dich erschrocken hast. Und ER will nicht mich, Hänsel - sondern dich. Dich. Ich komme zu dir, weil ER Lust hat, mich damit zu demütigen. ER demütigt mich mit dir. Du besudelst mich, Hänsel. Weil du in mich eindringst, machst du mich für IHN unrein. Das ist die Strafe für mich, für das, was ich damals zu dir gesagt habe, Hänsel, über IHN. Aber - jetzt macht IHM das keinen Spaß mehr. Jetzt sagt ER, ER kommt. Heute vielleicht schon, daß ER kommt, Hänsel. Oder morgen. Übermorgen. Es bleibt dir nicht mehr viel Zeit, Hänsel. Nur noch ein paar Tage. Überhaupt nicht mehr viel ist das. Es sei denn, du läßt mich gehen. Dann kann ER nicht hier rein zu dir. ER muß draußen bleiben. Ich meine, ER muß dich fragen, ob ER zu dir rein darf. Oder ob ER das nicht darf. Dann kannst du IHN noch abhalten. Darf ich das nun, hier weggehen, Hänsel? Oder nicht? Du triffst die Entscheidung. Hänsel: Du redest so was von einen Scheiß, Mona. So was von Stuß. Ich bin dein Herr. Du bist meine Dienerin. Du gehorchst mir. Mir alleine. Du tust, was ich sage. Und ich sage: Mach die Tür zu. Du kommst mir hinterher ins Wohnzimmer. Du brauchst die Peitsche. Die geb ich dir jetzt.
Herr Müller: Was meine Frau sich da gemerkt hat ... Da wird man ja pervers von. Wenn das nebenan in der Wohnung wirklich so war, das ist krank. Krank im Kopf. Reicht mir voll und ganz, dabei zuhören zu müssen, was Vio sich da Wort für Wort gemerkt hat. Daß es nebenan bei uns so zugegangen ist, ich kann's nicht glauben. Nicht zu fassen. Wäre ich nie drauf gekommen. Dachte, diese Mona, die arbeitet bei einer Bank. Wenn eine bei der Bank arbeitet ... Und, was diesen Hänsel angeht - was war der schnell von Beruf? Irgendein Mechaniker. Von dem hab ich nur gedacht, der hat momentan eine schwere Zeit. Weil, der arbeitlos ist. Ist schon Scheißdreck, wenn eine Firma einen freistellt. Kann er froh sein, daß er noch eine Freundin wie diese Mona hat, dachte ich, wenn er keine Arbeit mehr hat. Eine, die bei einer Bank arbeitet, die kann es sich sicher leisten, ihm mal auszuhelfen. So was hatt ich im Kopf. Aber, was meine Frau mitgehört hat ... So Verhältnisse ... Unvorstellbar. Wäre ich nicht drauf gekommen. Würd auch sagen: nein, danke!
Detektei Umschau: Das alles, was Sie vorhin sagten, Frau Müller, haben Sie durch die offenstehende Türe mitgehört. Schon detalliert, wie Sie das erzählen.
Frau Müller: Ich erzähl Ihnen das, wie's mir in den Kopf kommt. Ich weiß auch nicht. Irgendwie weiß ich das alles, Wort für Wort. Keine Ahnung, warum ich das so in allen Einzelheiten weiß, wiedergeben kann. Während anderes ...
Herr Müller: Muß schon auch sagen: Auf der Polizei hat's Vio auch genauso erzählt. Wirklich wahr. Eigentlich reicht mir das bis oben hin. Und ihr ... Wenn's euch nicht interessiert, ihr mit dem, was ihr hört, nicht klarkommt, dann könnt ihr jetzt auch gehen. Wer seid ihr denn eigentlich? Detektive seid ihr. Eigentlich solltet ihr beiden froh sein, hier drinnen hocken zu dürfen. Ihr seid nicht die Polizei - und dürft euch anhören, was Vio, meine Frau, so erzählt. Gern dürft ihr gehen, ihr zwei. Ihr zwei Detektive.
Detektei Umschau: Schon gut, Herr Müller. Wir würden schon ein bißchen mehr hören. Wie es weitergegangen ist. Es ist doch weitergegangen, oder? Bitte, Frau Müller, wenn Sie weitererzählen würden ... Was wir beiden, Regine und ich, denken, darüber müssen Sie sich keine Sorgen machen.
Frau Müller: So nah waren die beiden mir. Der Hänsel und diese Mona. Sie hätten nur die Tür aufmachen müssen, ich wär dagestanden. Freie Sicht hätten beide auf mich gehabt. Ich hätt nicht gewußt, was ich sofort sagen hätte sollen. Ich stehe also vor dieser Türe, einen Aufschrei von dieser Mona höre ich. Ein Schlag trifft die Wohnungstüre. Die Mona ist dagegengeschubst worden. Aber die Tür schnappt wieder nicht ins Schloß, sondern sofort zurück. Es bleibt auf. Ich muß sagen, beinah hatte ich einen Herzkasper. Das Herz wär mir beinahe stehengeblieben vor Schreck. Ich höre ihn, Hänsel: Ich bin dein Herr, Mona. Ich sag hier, wo's bei dir langgeht. Sag mir sofort, daß ich dein Herr bin. Kein anderer ist dein Herr. Diese Mona: Du bist mein Herr, Hänsel. Ich tue, was du sagst. Alles tue ich. Wie du befiehlst. Aber nur, weil ER gesagt hat, daß ich das tun soll. Hänsel: Nein, du -! Falscher Text. Ich bin dein Herr. Dein einziger Herr. Ich kann mit dir tun und lassen, was ich will. Umbringen könnt ich dich ... Mona: Machs doch. Los. Los. Ein dumpfer Schlag. Au! höre ich sie, Mona. Hänsel: Hahaha, Mona! Hahaha! Ich werd dir doch nichts Schlimmeres antun, dir was brechen oder so. Nein, nein. Nein, meine Untertänigste. Alles wird so weitergehen, wie die vergangenen Monate jetzt. Und: Ab jetzt kommst du unter der Woche wieder nach der Arbeit sofort zu mir. Nicht erst gegen halb elf, elf nachts. Damit hört es sich jetzt wieder auf. Du wohnst wieder bei mir, hörst du? Du wirst tun, was ich will. Immer und zu jeder Zeit. Los, knie dich hin. Knie dich hin. Mona: Ja, ich gehorche, Hänsel. Hänsel: Schön, wie du knieen kannst, Mona. So gefällt mir das. Und ich glaube nicht, daß ich dir erlauben werde, rauszugehen. Nie werd ich dir das erlauben. Nie. Du bist mein, mein, nur mein. Nur noch, wenn du in die Arbeit mußt. Nur noch dann erlaub ich dir das. Die Wohnungstüre kriegte einen unvermittelten Stoß. Jetzt war die Tür zu. Von drinnen höre ich ein Kreischen. Hänsel mußte ihr sehr weh getan haben, dieser Mona. Ich war wirklich so was von froh, daß diese Mona nicht zu mir rausgesehen oder -kommen ist. Hänsel hat mich nicht vor der Tür gesehen. Nicht fragen können, waß ich vor seiner Wohnungstüre stehe, lausche. Zum Weiterputzen hatte ich dann keine Lust mehr. Bin zu Gerd in die Wohnung. Bei Gerd in der Küche war ich ziemlich verstört. Mußte mich sogar ein Weilchen auf das Wohnzimmersofa legen.
Detektei Umschau: Weiter wissen Sie nichts mehr, Frau Müller, Herr Müller?
Herr Müller: Die Wände hier im Haus sind dick. Wenn Vio und ich uns streiten, muß es schon sehr, sehr laut bei uns zugehen, daß das nebenan oder unten drunter jemand genauer mitkriegt. Seien Sie doch glücklich drüber, glücklich über das, was Vio Ihnen Schönes erzählt hat. Vielleicht war Vio die letzte, die was von diesem Hänsel mitgekriegt hat. Danach war in der Wohnung drüben wieder alles wie immer, oder, Vio? Du hast immer wieder mal kurz gehorcht, aber es war nichts mehr drinnen los, nicht?
Frau Müller: Ja, bin immer wieder mal beim Treppenputzen länger vor der Wohnungstür nebenan stehengeblieben. War nichts mehr. Gehört hab ich nicht viel. Nur sie, Mona, die habe ich dann und wann gesehen. Wie sie ins Haus reingekommen ist. Nachmittags am Freitag. Samstag, wenn sie beim Einkaufen war.
Herr Müller: Ist eben die Tür nicht immer auf, bei den Leuten ... Ich habe von dem Bankfräulein, das auf einer Bank arbeiten soll, überhaupt nicht viel gesehen.
Detektei Umschau: Zehn Tage ist das heute her?
Frau Müller: Könnten auch elf, zwölf sein. War es jetzt der Mittwoch, der Dienstag ...?
Detektei Umschau: Ja?
Herr Müller: Was wollen Sie? Was wollen Sie von meiner Frau? Seien Sie froh darüber, daß wir euch beiden hereingelassen haben. Seid ihr zwei denn Polizei? Nehmen Sie die Geschichte Vios wie sie ist, oder lassen Sie es bleiben. Sie haben gehört, was Vio zu erzählen hatte. Anderes hat Vio auch den Polizeibeamten am Präsidium nicht erzählt. Sie könnten jetzt auch gehen, wenn Sie zum Beispiel Lust haben. Würd ich schon sagen, mich würd's freuen ...
Frau Müller: Die von der Spurensicherung, die hab ich reden hören. Wissen Sie, über was die sich unterhalten haben?
Detektei Umschau: Nein, wissen wir nicht. Was denn? Über was haben die Leute von der Spurensicherung sich unterhalten?
Frau Müller: Weiß auch nicht, daß die die Tür zur Wohnung nebenan offenstehen lassen haben. Dachten vielleicht, von uns hier in der Wohnung wär keiner daheim. Oder würde keiner mal rausgehen.
Herr Müller: Ich bin auch nicht rausgegangen.
Detektei Umschau: Bitte, von was haben die von der Spurensicherung geredet?
Frau Müller: Daß Kommissar Tischer das ganz richtig sieht, daß der Körper wahrscheinlich in der Badewanne zerstückelt worden ist. In der Badewanne hätte der Mörder den Leichnam zerstückelt. Viel zu viel Infrarotspuren vom Blut Hänsels wären da zu sehen. Obwohl gewischt worden war. Das gleiche an Messern aus dem Messerblock in der Küche Hänsels. Mit diesen scharfen Messer aus unverwüstlichem Edelstahl wäre zerlegetechnisch gearbeitet worden. Wäre schon die Frage, ob das die junge Frau, die Freundin des Toten, die Tatverdächtige in dem Mordfall, alleine ausgeführt hätte. Oder ob sie einen Helfer hatte. Jedenfalls müßte die Freundin des Toten bestimmte Kenntnisse in Anatomie haben. Und in der Messerführung. Sie hätte ihren Partner nicht irgendwie, sondern richtiggehend fachmännisch, also nach allen Regeln der Zerlegekunst, zerstückelt. Ausgenommen hätte sie ihn, ihm die Gliedmaßen abgeschnitten. Alles kleingemacht. In hübsche Portionen abgepackt.
Das war das letzte Interessante, Herr Doktor Weil-Esch. Damit will ich dieses Schreiben beschließen, Herr Doktor Weil-Esch.
Wir von Detektei Umschau begleiten die Arbeit der lokalen Polizei durch die lokalen Medien, Regionalfernsehsender, -radiostaion und -zeitung.
Sollte es für uns von der Detektei Umschau Ansatzpunkte geben, selber etwas in Erfahrung bringen zu können, werden meine Mitarbeiter die Gelegenheit sofort ergreifen. Über Ergebnisse werden wir Sie telefonisch im persönlichen Gespräch oder durch ein Schreiben auf dem Laufenden halten. Schriftlich fixiert wird es auf jeden Fall.
Hiermit verbleibe ich,
mit freundlichen Grüßen
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Anlage
1 Speicherstick (die Gespräche, die die Detektei Umschau mit Frau Trude Block, Herrn Gerhardt und Frau Viola Müller führte.)
1 Phone-Video, Dauer: zweieinhalb Minuten (Frau Ramona Gleibt, die vormittags von Polizeibeamten aus dem Gebäude der Bankfiliale herausgeführt wird, Frau Ramona Gleibt, die sich gegen ihre Verhaftung wehrt, Frau Ramona Gleibt, die in das eine geparkte Polizeifahrzeug einsteigen muß. Der Beamte legt Frau Ramona Gleibt die Hand auf den Kopf, damit sie sich niederbeugt.)
45 Fotos (Polizisten in Uniform, Kommissare von der Mordkommission in Zivil, Beamte von der Spurensicherung in weißer Schutzanzügen bei ihren Fahrzeugen vorm Haus, in dem Herr Josef Hänsel seine Wohnung hatte; Polizisten in Uniform; Beamte der Mordkommission in Zivil, die aus ihrem Wagen steigen; Aufnahmen des Autos, das Herrn Josef Hänsel gehörte, abgestellt auf dem Parkplatz gegenüber des Wohnhauses.)"
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