Overblog Alle Blogs Top-Blogs Literatur, Comics & Gedichte
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
MENU
Werbung
Blog von TeddeMehr

"Briefprotokolle der Detektei" (20.02. - 12.04.), No. 1

28. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Schreiben der Detektei Umschau an Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, Datum: 20.02.xxxx

 

"Sehr geehrter Herr Doktor Weil-Esch,

zweieinhalb Jahre nach dem Ableben ihres gemeinsamen Kindes Gabrielle haben Herr Dieter Johann Gleibt und seine Frau Ramona Sonja sich scheiden lassen.

 

Die Person, die die Scheidung hauptsächlich vorantrieb, war Herrn Dieter Johann Gleibts Gattin Ramona Sonja.

Den Verkauf verschiedenster Arten von Spiele- und Firmensoftware betrieb Herr Dieter Johann Gleibt in seinem Innenstadtgeschäft. War eigentlich auch erfolgreich im Im- und Export tätig. Export vor allem nach Osteuropa.

Mit der Trennung der Eheleute Gleibt ging jedoch einher, daß Dieter Johann Gleibt sein Innenstadtladengeschäft, das er zuletzt in Lade-Gut umbenannt hatte, verlor. Der Grund: Dieter Johann Gleibt konnte den Bankkredit, den er zwei Jahre zuvor während einer größeren Geschäftsflaute aufgenommen hatte, drei Monate nicht bedienen. Daraufhin wurde Dieter Johann Gleibt dieser Kredit gekündigt. Die Bank gestattete es Dieter Johann Gleibt in der Folge nicht, die alte Kreditform in eine neue umzuwandeln. Eine, der die Kreditbedingungen für Dieter Johann Gleibt besser gemacht hätte.

Unter anderem passierte das Dieter Johann Gleibt auch, weil ein von der Bank beauftragter Buchprüfer Dieter Johann Gleibt eine schlechte geschäftliche Perspektive bescheinigte. Eine Tatsache, von der Dieter Johann Gleibt überrascht wurde. Schließlich hatte er weiter sein geschäftliches Netzwerk, hatte erst mit einer japanischen Software-Firma Exklusivrechte vereinbart, die er mit der Zahlung einer gewissen Gebühr absichern hätte sollen.

So hoch fand Dieter Johann Gleibt die beizubringende Summe nicht, daß es nicht mit ihm weitergehen hätte können. 

 

Das mußte zwar letztendlich kein Grund für so was sein, aber seit der Abwicklung seines Ladengeschäfts und seines restlichen Vermögens ging es mit Herrn Johann Dieter Gleibt kontinuierlich bergab.

Schuld daran: keine Frauengeschichten. Sondern der Alkohol.

Von außen betrachtet könnte man sagen, während seiner Scheidungszeit verlor Herr Johann Dieter Gleibt die Kontrolle über seine Trinkgewohnheiten. Statt vielleicht ein, zwei Gläser zu trinken, trank Herr Johann Dieter Gleibt hochprozentigen Alkohol plötzlich flaschenweise. Wodka, Birnenbrand. Whisky.

Der Aufbau eines neuen, eigenen Stadtladens mißlang Dieter Johann Gleibt zweimal gründlich. All seiner Kenntnis des Geschäfts zum Trotz. Aus der Selbständig- rutschte Dieter Johann Gleibt in die Arbeitslosigkeit ab.

In der Gegenwart ist Herr Dieter Johann Gleibt, der die nächste Arbeit angenommen hatte,  jedoch noch in der Probezeit entlassen wurde, wieder arbeitslos. Von der staatlichen Fürsorge lebt Dieter Johann Gleibt und von dem einen oder anderen größeren, kleineren Geldschein, den seine Tochter Sonja ihm, ihrem Vater Didi, zusteckt.

Im letzten Herbst, September, Oktober, war es einmal mit Dieter Johann Gleibt schon soweit gekommen, daß er unter einer Brücke schlafen mußte. Dort von der Polizei aufgegriffen wurde.

Gegenwärtig lebt Dieter Johann Gleibt in eine kleine möblierten Einzimmerwohnung, die Tochter Sonja für ihren Vater gesucht hat. Seit dem ersten November wohnt Dieter Johann Gleibt in dieser Wohnung. Bis heute.

 

Seitdem wir von einer Art Beziehung der ganzen Familie Gleibt zu Herrn Drakonie Rupertus Wank beziehungsweise Fransen wissen, beobachtet die Detektei Umschau nach Möglichkeit das gesamte Umfeld der Familie Gleibt.

Das heißt, wir von der Detektei Umschau bekommen mit, wie es bei den einzelnen Mitgliedern der Familie Gleibt so zugeht. Bei Herrn Dieter Johann Gleibt ebenso wie bei Herrn Dieter Johann Gleibts Ex-Frau Ramona Sonja und den Gleibt-Töchtern Ramona und Sonja.

Viel zu lesen gab es in einem Schreiben von der Detektei Umschau bisher nicht von Sonja Gleibt, der jüngsten der drei Gleibt-Schwestern, von denen eine, Gabrielle, verstorben ist. 

Und das, obwohl Sonja Gleibt eigentlich auch überall dabei war, was immer ihre Familie in der Vergangenheit unternommen hat.

Jahr für Jahr war die Familie Gleibt vollzählig in den Sommerferien für einen Urlaub am Bauernhof bei der Bauernfamilie Strauchinger in Geiersdorf zu Gast. Nicht weit, daß sich der Strauchinger-Hof vom Grund und Boden der Tabert-Familie entfernt befindet. Der Tabert-Familie, deren Kopf Hans-Georg Tabert ist. Hans-Georg Tabert, der dafür gesorgt hatte, daß ein Herr Drakonie Rupertus Wank, in der Gegend Fransen genannt, bei ihm am Hof offiziell als 'Hausmeister' angestellt war, eine Wohnung hatte.

Ramona Gleibt erzählte uns von der Detektei Umschau die Geschichte, daß sie, Ramona, und ihre Schwestern Sonja und Gabrielle, ihr Vater Didi und ihre Mutter Soni Herrn Drakonie Rupertus Wank zum ersten Mal im Wald begegnet sind, als sich die Familie Gleibt damals beim Pilzesuchen im Geiersdorfer Wald verirrt hatte.

Sonja war damals eine Elfjährige, Gabrielle vierzehn und sie, Ramona, die älteste der Schwestern, siebzehneinhalbjährig.

Mit fünfzehneinhalb Jahren verstarb Gabrielle Gleibt an Leukämie. Gabrielle Gleibts Ableben: eineinhalb Jahre nach den Ereignissen im Geiersdorfer Wald.

Gabrielle Gleibts Tod, ein Ereignis, das Ramona Gleibt in ihrer Erzählgeschichte mit dem in Zusammenhang brachte, der ihnen im Geiersdorfer Wald begegnet war. Einem, der, wenn man ihn zu Gesicht kriegt, meistens einen schäbigen Trenchcoat anhat, einen Stroh- oder Filzhut am Kopf.

Ob einer der Familie Gleibt, eine der Töchter, etwa Gabi, Herrn Drakonie Rupertus Wank doch schon früher kennenlernte, das konnten wir von der Detektei Umschau bisher nicht erurieren.

Die Strauchingers öffnen Thomas und Regine, den Detektiven der Detektei Umschau, die Haustür nicht mehr, seitdem Thomas und Regine sie wegen Drakonie Rupertus Wank ausfragen wollten. Anderswo in Geiersdorf ist es nicht viel anders.

Außerdem erschüttert die Geschichte Berthold Tähls die Geiersdorfer seit Januar bis in die Grundfesten.

Das kann kein Geiersdorfer glauben, was Berthold Tähl gemacht haben soll. Mit einem, von dem man in Geiersdorf weiß, daß er jahrelang mit Klärchen Tabert zusammen war. Verlobt waren dieser Beppi und Klärchen Tabert. Heiraten wollten Klärchen Tabert und dieser Beppi. Und Berthold Tähl pfählte den, den Beppi. Wie was aus dem Mittelalter.

Also, fast jeder Bewohner Geiersdorfs, den Thomas und Regine angesprochen haben, weiß eigentlich, daß der Trenchcoat-Mann, der den Namen Drakonie Rupertus Wank im Ausweis hat, Fransen heißt. Da oder dort hätte man Fransen erst letztens gesehen, meint man zu Thomas und Regine. Irgendwann aber möchte kein Geiersdorfer mehr viel über diesen Fransen reden. Genausowenig wie über die Taberts. Die Taberts, die viele Unternehmungen in und um Geiersdorf laufen haben. Keiner möchte es sich mit den Taberts verscherzen, Ärger mit einem, einer der Tabert-Familie haben.

Von Ramona Gleibt, in der Gegenwart vierundzwanzig Jahre alt, wissen wir, daß Herr Drakonie Rupertus Wank ihr bis zum heutigen Tag nachstellt. So intensiv wie ihre Schwester Gabrielle, die jetzt Jahre tot ist, hat und hatte Ramona Gleibt scheinbar nicht Umgang mit Drakonie Rupertus Wanks.

Wie das genau zwischen Ramona Gleibt und dieser Peron mit dem Spitznamen 'Fransen' zugeht, können wir von Detektei Umschau bis zum jetzigen Zeitpunkt immer noch nicht sagen.

Ramona Gleibt meinte zu uns, daß Drakonie Rupertus Wank nur ab und zu bei ihr, Ramona, auftaucht. Glauben wir das Ramona Gleibt einmal.

 

Gabrielle, die Verstorbene, und Ramona, das sind allerdings nur zwei der Geschwister Gleibt.

Was bei der ganzen Angelegenheit eigentlich mit Sonja, der jüngsten Gleibt-Schwester, war, das fragten wir von der Detektei Umschau uns.

Im April wird Sonja Gleibt achtzehn.

Von Sonja Gleibt, der bald Achtzehnjährigen, haben wir bisher von der Detektei Umschau bisher nie richtig viel erfahren. Außer daß Sonja da und dort dabei war oder irgendwie mal dazukam.

Sonja, das Nesthäkchen der Familie Gleibt.

Auf Fotos von früher ist Sonja Gleibt ein zartes Mädchen mit scheuen Rehaugen. Hat Sonja Gleibt einen Minirock an, trägt Bikini oder Badeanzug, sind das ranke, schlanke Mädchenbeine. Durchaus wohlgeformte Beine, mit einer möglichen sexy Wirkung. Trotz des jungen Alters.

Das ist auf den Fotografien von ehedem. Heute schaut Sonja Gleibt, demnächst achtzehn Jahre, ganz anders aus. Verwandelt. Kaum wiederzuerkennen ist Sonja Gleibt.

Sonja Gleibt ist, um es milde auszudrücken, dick. Sehr, sehr dick. Ein dicker Teenager.

Grobschlächtig sieht Sonja Gleibt mit ihrem aufgedunsenen Körper aus. Hat ein komisch teigiges, aufgeschwemmtes Gesicht mit der Andeutung von ein bißchen zuviel Haarbewuchs auf der Oberlippe.

Alles andere als gesund, daß Sonja Gleibt wirkt. Als verberge sich bei Sonja Gleibt irgendeine Krankheit. Von der man etwas erfahren müßte.  

Ein totaler äußerlicher Wandel, der sich an Sonja Gleibt vollzogen hat, vergleicht man die Sonja Gleibt auf den älteren Farbfotos mit der Sonja Gleibt auf denen der Gegenwart. Die, die wir von der Detektei Umschau erst kürzlich geschossen haben und Ihnen mit diesem Schreiben zuschicken werden, Herr Doktor Weil-Esch.

So eineinhalb, zwei Jahre her, seit Sonja Gleibt dickleibig zu werden anfing, meinte Sonja Gleibts Vater Dieter Johann zu uns.

 

Mit Sonja Gleibts Vater Dieter Johann Gleibt führen wir von der Detektei Umschau fast täglich Telefonate.

Im Verlauf eines der Telefongespräche erzählte Dieter Johann Gleibt meiner Mitarbeiterin Agathe Deuth, daß Sonja ein frühreifes Mädchen war. Mit dreizehn Jahren hatte Sonja Gleibt, obwohl bis zum Alter von vierzehn noch kaum mit größeren Brüsten gesegnet, ihren ersten festen Freund.

Da war dagegen nichts zu machen. Am meisten störte Vati Didi und Mutti Soni an dem, daß der Kerl dauernd in die Wohnung kam. Um mit Sonja auf Sonjas Zimmer zu verschwinden.

Fast ein Jahr blieb Sonja mit dem Achtzehnjährigen zusammen. Bis sich der junge Mann von Sonja trennte, als Sonja gerade vierzehn geworden war. Was zu vielen Tränen bei Sonja führte und dazu, daß bei Sonja die Liebschaften längere Zeit alle paar Tage wechselten.

Regelmäßigen Umgang mit dem männlichen Geschlecht hatte Sonja Gleibt demnach ziemlich frühzeitig. Während die Sonja Gleibt der Gegenwart, obwohl demnächst achtzehn Jahre alt, kaum mehr solche Ideen zu entwickeln scheint.

Das ist die Frage, ob diese scheinbare Interesselosigkeit an diesen Dingen alleine mit Sonja Gleibts Dickleibigkeit zusammenhängt. Oder was könnte schuld sein, daß Sonja Gleibt die Lust darauf irgendwie abhandengekommen ist?

Oder sollten wir daran denken, daß Sonja Gleibt irgendwie jemandem treu ist?

Wem aber könnte Sonja Gleibt treu sein? Kennen wir von der Detektei Umschau den?

Welche Person könnte hier aus dem Dunklen heraustreten, wenn Sonja Gleibt keinerlei Kontakte pflegt?

 

Seit einem Monat jetzt beobachten wir von der Detektei Umschau Sonja Gleibt.

Werktags geht Sonja Gleibt in die Arbeit.

Sonja Gleibts werktäglicher Tagesablauf: Sonja Gleibt steht um halb sechs Uhr in der Früh auf. Kleidet sich in ihrer Zweiraumwohnung an, verläßt diese gegen viertel über sechs. Um unten aus dem Gebäude zu treten. Pünktlich erwischt Sonja Gleibt während ihrer Arbeitswoche den Fünf-nach-halb-sieben-Uhr-Stadtbus.

Mit dem Linienbus fährt Sonja Gleibt in die Arbeit. Ist immer mindestens zehn Minuten zu früh an ihrem Arbeitsplatz.

In der Spedition Ärlein lernt Sonja Gleibt, die voriges Jahr die mittlere Reife erworben hatte, im ersten Lehrjahr Einzelhandelskauffrau.

Die zweistündige Mittagspause von halb zwölf bis halb zwei Uhr verbringt Sonja Gleibt im Wirtshaus Blauer Lachs. Zusammen mit den anderen Frauen aus den Büros der Spedition Ärlein. Zwei Lehrmädchen wie Sonja Gleibt selber und zwei älteren Büromanagerinnen.

Die Frauen und die Männer der Spedition Ärlein gehen übrigens getrennte Wege. Die männlichen Mitarbeiter begeben sich zum Mittagessen in ein Restaurant, das Cook brings heißt.

Wenn Sonja Gleibt keine Überstunden macht, kommt Frau Sonja Gleibt gegen Viertel über vier Uhr am Nachmittag aus der Spedition Ärlein heraus. Danach schaut Sonja Gleibt alle zwei, drei Tage bei dem Supermarkt in der Nähe ihrer Wohnung vorbei.

Ohne daß Sonja Gleibt sich zu viele ungesunde Dinge und Dickmacher in den Einkaufswagen legen würde. Womit sich Sonja Gleibts Dickleibigkeit und ihr sehr ungesundes Aussehen eindeutig erklären ließe.

Vor allem aber auch wegen des leichten Bartansatzes bei Sonja Gleibt rätselt Agathe, Detektivin der Detektei Umschau. Schluckt Sonja Gleibt irgend etwas, was ihren Hormonhaushalt durcheinanderbringt? Das heißt, dopt Sonja Gleibt sich?

Wir von der Detektei Umschau können nur eins konstatieren: Sonja Gleibt raucht, trinkt nicht. Was Sonja Gleibt sich an Waren für das leibliche Wohl einkauft, davon ist nicht vieles ungesund. An die Wohnungstüre läßt Sonja Gleibt sich bloß hin und wieder was vom Griechen oder Pizzaservice liefern.

 

Von sozialen Kontakten außerhalb der Arbeitszeit scheint Sonja Gleibt nicht viel zu halten. Am Wochenende geht Sonja Gleibt abends oder nachts nicht aus.

Noch mal: Sonja Gleibt kommt nur zur Wohnung raus, um in die Arbeit zu gehen. Nach der Arbeitszeit alle zwei, drei Tage in den Supermarkt.

Von abendlichen, nächtlichen Spaziergängen kann bei Sonja Gleibt keine Rede sein. Sonja Gleibt vertritt sich nicht die Füße.

Restaurants oder Cafés: null. Sportliche Aktivitäten: null.

Kinobesuche: null. Diskothekenabende, Feiern mit Freunden, der Clique bis in die Puppen: null. Restaurants oder Cafés: null. Sportliche Aktivitäten: null.

Außerdem, die Liebe, der Sex: null. Nicht mit einem Mann, nicht mit einer Frau. Mit niemandem ist Sonja Gleibt zusammen.

Würde Sonja Gleibt momentan am Wochenende nicht von ihrer Mutter Ramona Sonja besucht, könnten wir von der Detektei Umschau fast behaupten, Sonja Gleibt, demnächst achtzehnjährig, wäre jemand, vollkommen vereinsamt. Stimmt trotzdem: Außerhalb der Arbeitszeit teilt Sonja Gleibt mit niemandem irgendwas.

Mutter Ramona Sonja sorgte immerhin bei ihrem letzten samstäglichen Nachmittagsbesuch bei ihrer Tochter Sonja dafür, daß die mit ihr in die Eisdiele ging. Gehen mußte.

In einem Restaurant waren Tochter und Mutti letzte Woche auch mal.

Mutter Ramona Sonja, die anscheinend versucht, sich bei Tochter Sonja, die üblicherweise ihrem Vater den Vorzug gibt, lieb Kind zu machen.

Ansonsten: tote Hose. Alle Dinge bei Sonja Gleibt, die bei einem siebzehnjährigen weiblichen Teenager sein müßten: toteste Hose. Wenn Sonja Gleibt die nächsten Monate ihren achtzehnten Geburtstag feiert, feiert sie den alleine. Vielleicht, daß ihr Vater ihr am Telefon gratuliert. Im besten Fall, daß ihre Mutter sie an der Wohnungstüre belästigt.

 

Weil Agathe und Steffi, die Mitarbeiterinnen der Detektei Umschau, die Sonja Gleibt hinterhergingen, so überhaupt nichts von einem Privatleben bei Sonja Gleibt entdecken konnten, Herr Doktor Weil-Esch, hat sich Herr Augustin die Woche denn auf den Weg gemacht. Dort in der Stadtgegend, daß Herr Augustin kurz mal nach den Netzanbietern geguckt hat.

Dabei hat Herr Augustin festgestellt, daß Sonja Gleibt unvorsichtig ist, hackbar. Keine Ahnung, warum Sonja Gleibt diese Rechner-Einstellung hat.

Das, was Herr Augustin herausgefunden hat, ist, daß, wenn Sonja Gleibt nicht an ihrem Arbeitsplatz ist, Sonja Gleibt stundenlang im Netz hängt.

Als Aufhängerbild ihrer verschiedenen Seiten in sozialen Netzwerken benutzt Sonja Gleibt ein Foto von sich, auf dem sie hübsch anzusehen ist. So aus der Zeit, als Sonja Gleibt vierzehn, fünfzehn war. In der Gegenwart bei der bleichen, aufgegangenen Teigware Sonja Gleibt länger her.

Praktisch müssen Sie sich das so vorstellen, Herr Doktor Weil-Esch: Kommt Sonja Gleibt von ihrem Arbeitsplatz nach Hause, hat sie daheim ein paar Minuten drauf ihre Rechneranlage angeworfen.

Sonja Gleibts wahres Leben spielt sich anscheinend interaktiv ab. In einer künstlichen Welt.

In einer animierten Stadt des Online-Spiels Urban trend hat Sonja Gleibt ein Alter Ego.

Metro heißt eine der großen Städte in Urban trend, in der Sonja Gleibt sich Gabrielle Donner nennt. Gabrielle wie ihre tote Schwester hieß.

In dieser Stadt namens Metro ist Gabrielle Donner ein Mädchen ohne jede Geldsorgen. Ist eine Raumausstatterin von Beruf.

Jede Menge Freunde, Bekannte hat Gabrielle Donner. Und Liebhaber. Die Gabrielle Donner daheim in der luxuriös eingerichteten Wohnung in einem Hochhaus besuchen. Gabrielle Donner, sie steigt mit allen möglichen Leuten ins Bett. Männern, Frauen. Überdies tauchen schon mal so außerirdische Kreaturen in Bars, Restaurants, Klubs auf.

Herr Augustin fragte sich, wie weit das alles bei Sonja Gleibt geht. 

Da gibt es nun die Möglichkeit, sich den Geschehnissen in der interaktiven Welt mit entsprechender Hard- und der dazugehörigen Software anzunähern. Die man sich überall bestellen, kaufen kann, Herr Doktor Weil-Esch. Um die Geräte an sich dranzumachen und sich kurzzuschließen. Um gut die Reize von anderswo zu empfangen ... Auch die, als hätte man Sex mit jemandem.

Schätzt Herr Augustin die Lage richtig ein, ist das Obige bei Sonja Gleibt der Fall. Dafür muß Sonja Gleibt was bei sich daheim in der Wohnung haben.

Anders als die Sonja Gleibt der schnöden Wirklichkeit ist die Spiele-Figur Gabrielle Donner bestens gebaut. Jene Gabrielle Donner hat keine Gewichtsprobleme, nie, muß sich wegen der Behaarung auf der Oberlippe nicht rasieren. Äußerlich ändert sich an der Spielefigur Gabrielle Donner höchstens die Kleidung.

 

Meine Mitarbeiterinnen Agathe und Steffi sind Sonja Gleibt jetzt unverdrossen seit Wochen hinterher, Herr Doktor Weil-Esch. Ist Sonja Gleibt irgendwo, sind Agathe oder Steffi oder beide, Agathe und Steffi, nicht weit.

Steffi hat versucht, Sonja Gleibt Mitte der letzten Woche im Supermarkt wieder mal in ein Gespräch zu verwickeln.

Sonja Gleibt ist höflich, solange es dabei bleibt, daß es aussieht, man wolle nichts weiter von ihr.

Als Steffi jedoch harmlos zu Sonja Gleibt gemeint hatte, man könnte doch wo hingehen, ein Tässchen Kaffee zusammen trinken, wenn man so nett beisammen ist, änderte sich bei Sonja Gleibt der Ton. Voll patzig, daß Sonja Sonja Gleibt wurde.

Das fragte Sonja Gleibt Steffi, wo sie denn immer herkäme. Jetzt sähe sie Steffi fast schon täglich irgendwo, in der Früh, am Abend, beim Einkaufen im Supermarkt. Was Steffi denn von ihr, Sonja Gleibt, wolle, das müßte Steffi erklären. Sie hätte noch nichts dafür unternommen, daß sie beide, Steffi und sie, Freundinnen wären. Sonstwohin sollte sich Steffi scheren. Sich nicht wieder bei ihr, Sonja Gleibt, blicken lassen. Wiedersehen müßte man sich nicht wirklich mehr. Beim nächsten Mal würde einfach sofort bei der Polizei angerufen. Damit die Streife vorbeikäme, sich die Stalkerin genauer anzuschauen.

Hat Steffi sich bei Sonja Gleibt, die mit ihren bösen Schweinsäuglein nach Steffi hinguckte, entschuldigt. Nein, nein, eine Tasse Kaffee gemeinsam trinken, nein, das müßte man denn doch nicht mehr. Nötig hätte sie, Steffi, das nicht. Steffi hat sich noch von Sonja Gleibt verabschiedet, hat sich von Sonja Gleibt entfernt.

 

Am letzten Freitag war Sonja Gleibt nach der Arbeit auf der Bank.

Agathe war die in der unmittelbaren Nähe Sonja Gleibts. Eigentlich kennt Sonja Gleibt Agathe bereits.

Wäre Agathe total egal gewesen, wenn Sonja Gleibt sich nach ihr umgeschaut, sie, Agathe, als eine erkannt hätte, der sie in der letzten Zeit viel zu oft über den Weg lief. Hätte Agathe Sonja Gleibt ohne weiteres gegrüßt, Sonja Gleibt gefragt, wie es ihr denn so ginge. Schon wieder ein Zufall, daß man auf derselben Bank ein Konto hätte.

Lieder singt Agathe viele; um keine Ausrede verlegen, Agathe.

Aber, Sonja Gleibt hat nicht viel um sich her wahrgenommen. Sonja Gleibt war in ihrer eigenen Welt. Um nichts und niemanden in ihrer Umgebung hat Sonja Gleibt sich gekümmert.

Konzentriert hat Sonja Gleibt ihre Kontoauszüge studiert. Anschließend hat Sonja Gleibt die Auszüge ihrer Bank einfach in den bei ihr stehenden Papierkorb geschoben.

Eine unglaubliche Geschichte in Agathes Augen. Fassen wollte Agathe das nicht.

An Agathe, die hinter Sonja Gleibt dastand, als warte sie, bis Sonja Gleibt alles am Auszügeautomaten erledigt hatte, begibt Sonja Gleibt sich an Agathe vorüber, ohne Agathe irgendwie Beachtung zu schenken. An den Geldautomaten stellte sich Sonja Gleibt, zog mehrere Fünfziger-Scheine, die Sonja Gleibt einfach in ein Seitenfach ihrer Handtasche steckte. Dann ist Sonja Gleibt aus dem Bankinnern raus, als hätte Sonja Gleibt es eilig.

Agathe hat sich nicht weiter um Sonja Gleibt Angelegenheiten gekümmert. An den Automaten für die Kontoausdrucke hat Agathe sich begeben, neben dem seitlich der besagte Papierkorb stand.

Herumgeschauspielert hat Agathe. Irgendeinen Zettel, der einfach auf der Ablage rumlag, hat Agathe zusammengeknüllt und in den Papierkorb gesteckt.

Dann hat Agathe so getan, als würde ihr plötzlich die Idee kommen, daß das ein Fehler war, daß sie was in den Papierkorb geworfen hatte, was ihr gehörte. Herab bückte sich Agathe, schob den Schwingdeckel des Papierkorbs nach der Seite. Tief faßte Agathe hinunter. Verschiedensten Papierwirrwarr holte Agathe aus dem Papierkorb, beguckte sich das Herausgeholte.

Kein Mensch hat sich um Agathe gekümmert; für niemanden war das Treiben Agathes von Interesse und ein Problem.

Mit dem Bündel Papier vor der Brust ist Agathe an einen der Tische getreten, auf denen Bankkunden ihre Unterlagen ordnen konnten. Das hat Agathe denn auch angefangen. Erst hat Agathe das Papierzeug aus dem Abfallkorb geglättet und auf einen Haufen aufgestapelt. Als Agathe das erledigt hatte, hat Agathe alles in ihrer großen Handtasche untergebracht, ohne daß irgendein Bankangestellter zu Agathe dazugetreten wäre, bei Agathe nachzufragen, was Agathe da Schönes treiben würde.

 

Vier Kontoauszüge, die Sonja Gleibt einfach in den Papierkorb geschmissen hatte, entdeckte Agathe, als sie im Auto das ganze Papierzeug Stück für Stück durchschaute.

Vier Kontoauszüge Sonja Gleibts, von denen allerdings nur einer wirklich interessant ist.

Den Auszug hat Agathe fotografiert und auf der Stelle an die e-Mail-Adresse der Detektei Umschau geschickt.

Erst mal sehen wir am Kontoauszug diesen Vorgang: Einen Übertrag eines Guthabens von über einhundertundzweitausend und ein paar Zerquetschte hatte Sonja Gleibt am Konto. Für den Zweck -verkauf, Bahamas, erste Rate hat Sonja Gleibt am zehnten zweiten einhunderttausend von den Bahamas auf ihr Konto überwiesen bekommen.

Einhunderttausend!

Eine Stange Geld für ein Lehrmädchen in einem Speditionsunternehmen, das noch keine achtzehn Jahre war. Dann die Frage: Welche Geschäfte könnte dieser junge, nicht volljährige Teenager auf den Bahamas am Laufen haben? Die erste Rate von irgendwas, die Sonja Gleibt überwiesen wurde.

Nach dieser Banküberweisung hatte Sonja Gleibt immerhin einen Betrag von einhundertundzweitausend am Konto. Überdies hatte Sonja Gleibt zweimal einen weiteren Tausender als Eingang.

Hübsche Beträge, wie wir von der Detektei Umschau finden. Müßten wir bei der Bank Sonja Gleibts jemanden erwischen, der uns Auskunft geben könnte.

Überweisung: Schallplattenversteigerung Nr. ..., oldDiscNumberone steht da als Ausweis auf dem Kontoauszug. Zweimal.

oldDiscNumberone existiert als Online-Auktionshaus für alte Schallplatten im weltweiten Netz, Herr Doktor Weil-Esch. Sonja Gleibt hat das Geld also für die Versteigerung alter Schallplatten auf dieser Plattform im Netz überwiesen bekommen.

Darüber, welche Oldie-Kenntnisse Sonja Gleibt in Sachen Musik hat, wüßten wir von der Detektei Umschau ebenfalls gerne Bescheid wissen, Herr Doktor Weil-Esch.

 

Schwer zu durchblicken, dieses Rätsel. Das von Sonja Gleibts Bankkonto.

Sonja Gleibts Konto, mit einhundertundviertausend im Haben. Ab dem zehnten Februar.

Am zehnten Februar überweist jemand auf den Bahamas Sonja Gleibt einhunderttausend. Zwei Tausenderbeträge bekommt Sonja Gleibt noch aufzusätzlich draufgebucht. Geldbeträge, die auf erfolgreiche Versteigerungsgeschäfte im Internet hinweisen.

Herrn Dieter Johann Gleibt hat Herr Augustin ab Samstag in der Frühe fast stündlich angerufen, bis Herr Gleibt, Sonjas Vati, am Samstagnachmittag gegen fünfzehn Uhr endlich ans Telefon ranging. Ohne das er ausgegangen war.

Zu Herrn Augustin hat Dieter Johann Gleibt gemeint, daß er nicht wüßte, daß seine Tochter Sonja früher viel Interesse an älterer Musik gehabt hätte. Nur die neuesten Hits hätte Sonja rauf und runter gehört.

Was Sonjas Musikalität anginge, Geige und Flöte könnte Sonja mehr schlecht als recht spielen. Sonja hätte das Talent zum Üben gefehlt.

Das einzige, was daran denken ließ, daß Sonja durchaus alte Schallplatten auf einer Plattform zum Versteigern anbot, war, daß Sonja einen Sinn fürs Geschäft hätte. Könnte sein, daß Sonja am Flohmarkt alte Schallplatten kauft.

Platten in einem Internationales-Netz-Auktionshaus zu versteigern, das wäre eine Idee, auf die könnte Sonja kommen. Wenn Sonja zwei Tausender erzielt hatte, läge das möglicherweise daran, daß Sonja Glück gehabt hatte, zufällig seltene Exemplare irgendwo in die Finger gekriegt hätte. 

 

Das hat Herr Johann Dieter Gleibt, Sonjas Vater, zu Herrn Augustin, Mitarbeiter der Detektei Umschau, gemeint.

Herr Augustin und ich, Herr Doktor Weil-Esch, haben darüber diskutiert. Ergebnis: Wir von der Detektei Umschau, wir glauben da nicht dran.

Das Wort Geldwäsche ist Herrn Augustin eingefallen, Herr Doktor Weil-Esch. Daß Sonja Gleibt irgend jemandem hilft, Geld zu waschen.

Wir von der Detektei Umschau, wir hätten wirklich gute Lust, der Polizei kurz einen anonymen Tipp zu geben. Vielleicht in der Form eines Briefes, dem der Kontoauszug, auf dem zu lesen ist, daß Sonja Gleibt einhunderttausend überwiesen bekommen hat, beigelegt ist. Dazu ein kleiner erläuternder Text.

Nur, um zu sehen, was bei Sonja Gleibt passiert. Was sich daraus für Sonja Gleibt ergibt.

Wessen Gestalt könnte das nun wieder sein, die hier aus dem Dunkel tritt? Dieselbe? Oder wieder jemand anders?

Solche Dinge wie Geldwäsche - wem können wir von der Detektei Umschau in diesem Fall so was von Haus aus zuordnen?

Wessen Name fällt uns bei einer solchen Geschichte sofort ein?

Tabert.

Natürlich der Name Tabert.

Hans-Georg Tabert, die gesamte Tabert-Familie. In Hans-Georg Taberts mafiösen Familienstrukturen gehört Geldwäsche quasi zum Alltagsgeschäft.

Nur die Frage: Wo ist für uns von der Detektei Umschau hier der Kitt?

Wie können wir Sonja Gleibt mit den Taberts und deren geschäftlicher Welt in Verbindung bringen?

 

Irgendwas muß da sein.

Die Familie Gleibt, die in der Vergangenheit jedes Jahr bei der Familie Strauchinger am Bauernhof in Geiersdorf die Sommerferien verbracht hatte. Ganz in der Nähe der Taberts.

Gustl Strauchinger, das wissen wir aus den Erzählungen Ramona Gleibts, der hatte einen aus dem Nachwuchs der Tabert-Familie als Freund. Einen, der öfters bei Gustl Strauchinger am Hof vorbeischaute. Einer, der Toni hieß. Anton Tabert.

Und wenn es doch keiner der Taberts ist - könnte das mit den unerhörten Geldgeschäften Sonja Gleibts trotzdem mit den Taberts zu tun haben.

Wer könnte es denn sonst noch gewesen sein, mit dem Sonja Gleibt zusammengekommen ist?

Von einem aus dem Tabert-Umfeld wissen wir von der Detektei Umschau gesichert, daß die gesamte Familie Gleibt ihn kennengelernt hat. Alle der Gleibts kennen ihn.

Es ist der mit dem Trenchcoat und Stroh- oder Filzhut am Kopf. Eine finstere Penner-Type.

Drakonie Rupertus Wank, der dort in der Gegend von allen "Fransen" genannt wird.

Uns von der Detektei Umschau auch als eine Art rechter Hand Hans-Georg Taberts vorgestellt. Einer, der bei Hans-Georg Tabert jegliche Drecksarbeit bis hin zum Mord erledigen soll. Anscheinend mit einer Neigung zu kleinen Mädchen.

 

In unseren Augen kein Ding der Unmöglichkeit, Herr Doktor Weil-Esch. Drakonie Rupertus Wank und Sonja Gleibt. Mit Sonja auch die jüngste der Gleibt-Schwestern.

Sonja Gleibt, die von ihrer körperlichen Statur her eine totale Verwandlung erfahren hat. Total die Verwandlung, die sich bei Sonja Gleibt abgespielt hat. Von einer schlanken Teenager-Schönheit zu einem Dickwanst mit dem Ansatz von Bartwuchs.

Abseits von allem hält Sonja Gleibt sich. Außerhalb ihrer Arbeitszeit hat Sonja Gleibt keine erkennbaren sozialen Kontakte. Nur zu ihrem Vater Dieter Johann hält Sonja Gleibt gewissen Kontakt. Ihrer Mutter Ramona Sonja, die vermehrt die Nähe Sonjas sucht, öffnet Sonja Gleibt die Wohnungstüre, wenn ihre Mutter zu Besuch kommt. Meistens samstags.

Von Fransen beziehungsweise Drakonie Rupertus Wank hat Josef Greitel damals, als wir von der Detektei Umschau uns mit ihm damals unterhielten, behauptet, Fransen hätte eigentlich Geld. Würde Einnahmen erzielen. Was sich bei Sonja Gleibt am Bankkonto abspielt - sehen wir von der Detektei Umschau hier durch einen dummen Zufall Dinge von Herrn Drakonie Rupertus Wank, Herr Drakonie Rupertus Wank, der eigene Angelegenheiten hat?

Dabei müssen wir uns bloß überlegen, Herr Doktor Weil-Esch, daß Hans-Georg Tabert und mit ihm Hans-Georg Taberts gesamte Familie die letzten Jahre immer reicher geworden ist.

Vielleicht sollten wir uns das zwischen Hans-Georg Tabert und Drakonie Rupertus Wank in der Gestalt vorstellen wie wenn du einen Vertrag hast, der dir Prozente sichert. Sagen wir, zehn Prozent. Zehn Prozent von einhundert Münzen sind zehn. Von eintausend Münzen kriegst du einhundert.

Zehn Prozent von einer Million aber, das sind dann einhunderttausend Münzen.

Und wenn das mehrere Millionen sind ... Dann ist das Geld, das möchte irgendwohin. Muß verwaltet werden. Einer Anlage zugeführt ... Und Sonja Gleibt, die Stille mit Geschäftssinn, dick und einsam geworden ...

 

Bisher, Herr Doktor Weil-Esch, war es das Vorhaben der Detektei Umschau, Sonja Gleibt nur so zu beobachten. Von außerhalb. Was sich bei Sonja Gleibt eventuell abspielt. Wen oder was wir bei Sonja Gleibt zu Gesicht kriegen könnten.

Wie es momentan jedoch aussieht, müssen wir uns als Detektive mal mit dem Schlüsseldienst behelfen. Bei guter Gelegenheit mal die Wohnung Sonja Gleibts betreten.

Um ein paar Daten zu ergänzen.

Von Interesse dabei, noch mehr Kontoauszüge.

Die Konto-Nummer zum Beispiel, von der einhundertundzweitausend auf das Bankkonto Sonja Gleibts überwiesen wurden, die zu wissen, das wäre schön. Oder auch nur einen Überblick darüber zu bekommen, was für eine Vinylplattensammlung Sonja Gleibt so hat.

Hat Sonja Gleibt überhaupt eine?

 

Hiermit verbleibe ich,

mit freundlichen Grüßen

 

 

___________________

 

Anlage

1 Stick mit 113 Fotografien von Sonja Gleibt, Sonja Gleibts Wohngebäude, der Straße, in der Sonja Gleibt wohnt, der Bushaltestelle, an der Sonja Gleibt werktäglich früh morgens auf den Bus wartet, um in die Arbeit zu fahren, Bilder der  Spedition Ärlein, in der Sonja Gleibt Einzelhandelskauffrau lernt, Sonja Gleibt in ihrer Bank am Kontoauszug- und Geldautomaten, Sonja Gleibt beim Einkaufen, Sonja Gleibt, die ihren Vater Johann Dieter Gleibt trifft, ihre Mutter Ramona Sonja, die ins Wohnhaus Sonja Gleibts geht, Sonja Gleibt, ihre Tochter, zu besuchen

4 Kontoauszüge, die Originale, die Frau Agathe Setzer, Mitarbeiterin der Detektei Umschau, aus dem Papierkorb von Sonja Gleibts Bank gefischt hat

1 Speicherstick (3 Mitschnitte von telefonischen Unterhaltungen Herrn Augustins mit Herrn Dieter Johann Gleibt.)

 

*

 

Schreiben der Detektei Umschau an Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, Datum: 26.02.xxxx

 

"Sehr geehrter Herr Doktor Weil-Esch,

es ist bei Frau Ramona Gleibt etwas passiert.

Hiermit erhalten Sie von der Detektei Umschau den schriftlichen Bericht der jüngsten Ereignisse bei Frau Ramona Gleibt.

 

Herr Thomas Setzer und Frau Regine Datz, Mitarbeiter der Detektei Umschau, haben sich bei der Beschattung Ramona Gleibts regelmäßig abgewechselt.

Eine einstweilige Verfügung Ramona Gleibts gegen uns von der Detektei Umschau gibt es, daß wir uns ihr, Ramona Gleibt, nicht mehr unmittelbar nähern dürfen. Deswegen haben wir von der Detektei Umschau natürlich besonderen Wert darauf gelegt, so wenig wie möglich von Ramona Gleibt entdeckt zu werden.

Gute Beschattungsarbeit besteht daran, weitestgehend unsichtbar zu sein.

Andererseits kann es immer zu Vorkommnissen kommen, daß alles über den Haufen geworfen wird, was man sich vorgenommen hat. Es gibt es einfach nicht, wegzubleiben, wenn man wo hingehen muß. Gleichgültig, welchen Ärger das nach sich zieht.

 

Ihrer Berufstätigkeit in der Bankfiliale geht Ramona Gleibt seit Mitte Januar wieder regelmäßig nach. Was die werktägliche Arbeit anbetrifft, ist bei Frau Ramona Gleibt heute alles, wie es sein sollte.

Das eine jedoch ist Ramona Gleibts Beruf.

Was Ramona Gleibts Privatleben angeht, merkten Thomas und Regine, seitdem beide Ramona Gleibt im Augen hatte, nie viel davon. Zum Beispiel, daß Ramona Gleibt einen Freund hätte, mit irgend jemandem zusammen gewesen wäre, nicht die Bohne.

Nie haben Thomas und Regine viel einem Kerl bemerkt, mit dem Ramona Gleibt zusammensein sollte. Bis vorgestern.

Vorgestern war es, daß Ramona Gleibt nach Arbeitsschluß gegen sechzehn Uhr dreißig am späteren Nachmittag aus dem rückwärtigen Ausgang aus dem Bankgebäude herauskam. Zwei Arbeitskollegen in Nadelstreifenanzügen verabschiedeten sich von Ramona Gleibt. Alleine begab Frau Ramona Gleibt sich daraufhin Richtung des Parkplatzgeländes, auf dem Ramona Gleibt ihren Wagen hatte.

An einem Stehkaffee mit Backwarenverkauf - Backwerk Heim -, wollte Ramona Gleibt vorbeigehen. In dem Augenblick, als Ramona Gleibt an der Glastüre vorüberkam, öffnete sich diese von drinnen. Ein junger Mann trat schnell aus dem Innern von Backwerk Heim heraus, packte Ramona Gleibt am Unterarmstoff ihres Wintermantels, daß Ramona Gleibt stehenblieben mußte. Vor Ramona Gleibt baute er sich am Gehsteig auf.

Ziemlich aufgeregt gestikulierte und redete die männliche Person in Richtung Ramona Gleibt. Mehrfach tippte der Mann sich gegen die Stirn. Ramona Gleibt erwiderte etwas, alles andere als unaufgeregt. Ihren Zeigefinger erhob Ramona Gleibt zu ihrem Gegenüber hin, nach dem Motto, er solle ja aufpassen, mal ganz vorsichtig sein. Nichtsdestotrotz beharrte er auf seinem Standpunkt, sprach daher. Den Kopf schüttelte Ramona Gleibt öfters zwischendurch. Schließlich faßte der Kerl Ramona Gleibt um das Handgelenk, versuchte Ramona Gleibt mit sich mitzuziehen. Ramona Gleibt ließ alles erst mit sich geschehen, riß sich dann abrupt von ihm los, schlug mit der flachen Hand nach seine Wange, daß er sich zurückzucken mußte. Den Moment nutzte Ramona Gleibt, sprang an der männlichen Person vorüber, sprintete weg, Richtung des Parkplatzgeländes. Dorthin, wo Ramona Gleibt ihr Fahrzeug hatte. Kopfschüttelnd, daß der junge Mann Ramona Gleibt hinterherschaute, statt Ramona Gleibt hinterherzurennen.

Der junge Mann in schwarzer Kunstlederjacke, schwarzer Jeans folgte Ramona Gleibt dann doch langsamen Schrittes. Er beobachtete Ramona Gleibt, wie sie mit dem Funkschlüssel ihr Fahrzeug aufsperrte, einstieg und die Fahrertüre zuwarf. Der Motor wurde von Ramona Gleibt angelassen. Ohne daß sich sonstige Geschichten ereignet hätten, fuhr Ramona Gleibt von dem Parkplatzgelände ab. An ihrem Bekannten, der reglos dastand, vorüber, ohne ihm von drinnen heraus durch das Glas auch nur einen einzigen Blick zu schenken.

Als Ramona Gleibts Auto seine Sicht endgültig verlassen hatte, zuckte der junge Mann die Schulter. Ab wandte er sich.

Regine übernahm den Part, der männlichen Zielperson hinterherzumachen. Zu seinem eigenen Gefährt unten in der Tiefgarage spazierte der junge Mann hinunter. Regine beobachtete, wie er fürs Parken im Parkhaus bezahlte,  daraufhin zu seinem Auto ging.

In ihrem Wagen ist Regine dem jungen Mann hinterhergefahren.

Vor einem dreistöckigen Wohnhaus am östlichen Stadtrand hat er seinen Wagen geparkt. In das betreffende Gebäude hat der junge Mann sich direkt hineinbegeben, weil die Haustür aufstand.

Die Klingelknopfleiste an der Seite der Eingangstüre hat Regina überblickt.

Dabei stellte Regina fest, daß sie einen der Namen kannte. Rechte Seite eines Klingelknopfes stand Josef Hänsel zu lesen.

Josef Hänsel, von dem Herr Dieter Johann Gleibt, der Vater Ramonas, uns von der Detektei Umschau erzählt hatte, daß er, Josef Hänsel, und Ramona liiert wären.

All die Monate, die die Detektei Umschau Ramona Gleibt im Auge hatte, das erste Mal, daß ein Mitarbeiter der Detektei Umschau etwas von Josef Hänsel bemerkte.

Das bedeutete also, es war Herr Josef Hänsel, der Freund, Geliebte, Verlobte Ramona Gleibts, der nach Arbeitsschluß Frau Ramona Gleibt nahe ihres Arbeitsplatzes bei der Bank abpaßte. Als wäre er weiterhin an der Fortsetzung der Beziehung zu Ramona Gleibt interessiert.

Nur, daß die Annäherungsversuche Hänsels bei Ramona Gleibt nicht auf positive Räsonanz gestoßen waren. Nirgends hatte Ramona Gleibt mit Josef Hänsel hingehen mögen. Statt dessen war Ramona Gleibt vor Josef Hänsel weggelaufen. Hatte sich mit nichts mehr aufgehalten, wollte nur eins: aus der Umgebung Josef Hänsels entkommen.

 

Mein Mitarbeiter Thomas Setzer unternahm es, Ramona Gleibt, der weiblichen Zielperson, hinterherzufahren. Tatsächlich hatte Thomas Glück, erkannte plötzlich Ramona Gleibts Fahrzeug vor sich an der nächsten Ampel.

Statt zu sich nach Hause in die Wohnung, ist Ramona Gleibt ohne Umwege nach dem Gelände des Bauernhofes gefahren, in dem ihre gruppentherapeutischen Sitzungen stattfinden.

Regelmäßig, daß Ramona Gleibt bei 'Gestärktes Leben e.V.' an den Gruppensitzungen teilnimmt.

'Gestärktes Leben e.V.', so hat sich der Verein getauft, der sich vor fünf Jahren gegründet hat und im selben Jahr das große, doppelstöckige Bauernhaus angemietet und später das kleine Wäldchen und die zum Grundbesitz dazugehörigen weitläufigen Felder drumherum dazugepachtet hatte.

Ramona Gleibt ist dort Teil einer Selbsthilfegruppe, in der hauptsächlich solche Personen sich mitteilen, die selbstmordgefährdet sind.

Die Gruppe, von der Frau Ramona Gleibt ein Teil ist, ist im Moment nicht eben klein. Besteht aus vierzehn Personen. Mehr Frauen als Männer. Die dienstags, donnerstags gegen neunzehn, zwanzig Uhr am Abend zu gemeinsamen Gesprächssitzungen unter der Leitung von einem oder zwei Psychologen zusammenkommen.

Vergleichen könnte man die Arbeit von 'Gestärktes Leben e.V.' mit dem, was die anonymen Alkoholiker machen.

Aus ihrem einfach seitlich vom großen Bauernhofgebäude hingeparkten Wagen ist Ramona Gleibt gesprungen, Ramona Gleibt, die für eine der üblichen Therapiesitzung eindeutig zu früh dran war. Durch die Glasfibertüre ins Doppelstockgebäude, daß Ramona Gleibt hineingeeilt ist. Als müßte sich drinnen im Therapiezentrum sofort jemand um sie, Ramona Gleibt, kümmern.

Für Thomas hat es auch ausgesehen, als ob Ramona Gleibt voll durch den Wind war. Die Begegnung mit Josef Hänsel, ihrem Freund, Nicht-Freund, schien Ramona Gleibt ziemlich zugesetzt zu haben. Anders war Thomas Ramona Gleibts auseinandergesetzter Zustand nicht erklärlich.

Fünf Minuten des Wartens jedoch nur für Thomas, sieht Thomas Ramona Gleibt wieder. Durch die Haustüre aus dem Haus im Bauernhofstil, daß Ramona Gleibt heraushastete. Wie auf der Flucht. Eine sich blähende Sporttasche, die drinnen im Haus einen eigenen Spind hatte, daß Ramona Gleibt mit sich herausbrachte. Die Tasche warf Ramona Gleibt hinten auf die Fondsitze ihres Autos.

Schon die Frage für Thomas, was das alles bei Ramona Gleibt war. Hatte Ramona Gleibt ihren Spind ausgeräumt? Mit einer Sporttasche war Ramona Gleibt nicht in das Gebäude von "Gestärktes Leben e.V.' hineingeeilt. Was Thomas schon vorher auffallen hätte müssen, war, daß Ramona Gleibt ohne Handtasche im Haus verschwunden war. Die hätte Ramona Gleibt sicher mit nach hinein mitgenommen, hätte Ramona Gleibt vorgehabt, länger drinnen zu bleiben.

Also war das Eintreffen Ramona Gleibt auf dem Zentrumsgelände von 'Gestärktes Leben e.V' in einen anderen Zusammenhang zu setzen, als daß Ramona Gleibt therapeutische Hilfe verlangt hätte.

 

Nachdem Ramona Gleibt in ihr Auto hineingesprungen war, sich hinter das Lenkrad hockte, ist Ramona Gleibt mit durchdrehenden Reifen von 'Gestärktes Leben e.V.' abgefahren. Mit einer Fahrweise, die nur rücksichtslos genannt werden konnte. Dann raste Ramona Gleibt auf der Straße dahin, überfuhr im Stadtgebiet zweimal rote Ampeln, als wolle sie mit ihrer Fahrweise Verfolger abschütteln. Oder müßte eilig irgendwohin.

Trotzalledem, Thomas blieb an Ramona Gleibt dran. Thomas konnte, auch wenn er nicht dahinraste, Ramona Gleibts Fahrzeug vor sich auf den verschiedenen Straßen wiederentdecken. Auch, weil Thomas auf das richtige Blatt setzte und Ramona Gleibt doch wieder an einer Ampel voraus wartete.

Schließlich hat Thomas Ramona Gleibt soeben dabei erwischt, wie Ramona Gleibt wie eine Rennfahrerin die nächste Autobahnauffahrt zur Autobahn hinaufmachte. Auf der Autobahn ist Ramona Gleibt mit zweihundertundfünfzig Sachen auf der linken Spur gerast. Gedrängelt und Leute mit der Lichthupe genötigt, das hat Ramona Gleibt. Einmal hat Ramona Gleibt sogar mehrere Fahrzeuge rechts auf der Standspur überholt.

Für jeden Verkehrsfilm, wie ein Autofahrer sich nicht verhalten sollte, hätte man Ramona Gleibt als Beispiel nehmen können.

Richtig neugierig wurde Thomas, was das bei Ramona Gleibt zu bedeuten hatte. Was das Ziel Ramona Gleibts war.

Nach acht, zehn Minuten Rennfahrerei ist Ramona Gleibt mit ihrem Wagen die Autobahn runter.

Thomas, der sich in der Nähe von Ramona Gleibts Fahrzeug hielt, konstatierte, daß Ramona Gleibt die Autobahnabfahrt hinunter nahm, von der jemand abfahren mußte, wollte er die Bergstraße hinaufkurven, auf der es unter anderem an Geiersdorf vorbeiging.

Das war klar ein Bezug. Hier war bei Ramona Gleibt etwas im Busch, was mit der ganzen Angelegenheit zu tun hatte, die die Detektei Umschau beschäftigte.

Mittlerweile tatsächlich so etwas wie ein Mittelpunkt der Welt für uns von der Detektei Umschau, dieser Ort namens Geiersdorf. Voll mit Verkehrsunfällen, seltsamen Vorkommnissen bis hin zum Mord im Inqusitionsstil.

In der Mitte des Spinnennetzes: die Tabert-Familie. Eine mafiöse Struktur. Von der auch Drakonie Rupertus Wank ein Teil war.

Vor Thomas bremste Ramona Gleibt abrupt ab, nahm kurz vor der Abbiegung, die Richtung Geiersdorf hochführte, die Kurve auf Tankstellengelände.

An der Tanke holte Ramona Gleibt zunächst den Tankwart. Von dem Mann ließ sich Ramona Gleibt den Tank mit Gas befüllen. In der Zwischenzeit begab sich Ramona Gleibt aufs Klo.

Vom Klo zurück, daß Ramona Gleibt sich vom Tankstellenangestellten den Zahlbeleg überreichen ließ. Mit ihm und ihrer Sporttasche, die Ramona Gleibt hinten aus ihrem Wagen geholt hatte, ist Ramona Gleibt ins Tankstelleninnere.

War für Thomas die Frage: Was brauchte Ramona Gleibt diese Tasche?

In der Tankstelle beschäftigte Ramona Gleibt sich mit allem anderen als mit dem, sofort die Tankrechnung zu bezahlen. Beim Zeitschriftenregal fingerte Ramona Gleibt an diversen Hochglanzeitschriften herum. Bei dem Regal mit den Knabbereien trieb Frau Ramona Gleibt sich herum, nestelte hier, nestelte dort.

Minute um Minute verstrich. Die Tankstellenangestellte hinter der Kassentheke guckte bereits nach Ramona Gleibt, die einfach nicht zum Bezahlen zu ihr kommen wollte.

Eine Type erweckte unvermittelt Thomas' Aufmerksamkeit. Durch die Glastüre, die er aufzog, trat er in den Geschäftsraum der Tankstelle hereib.

Er: Filzhut am Kopf, einen Regenmantel Marke Trenchcoat am Leib. Den Mantelkragen hatte er hochgestellt. Seine Mundwinkel waren herabgezogen; sein Kinn war rund.

Seitlich der gläsernen Türe, um niemand beim Hereintreten zu behindern, stellte er sich auf, guckte sich um. Ramona Gleibt schien erst hinter einem Regal verschwunden, als hätte sie sich versteckt gehabt, kam dann den Durchgang zwischen dem Wandregal und den Gondeln mit den verschiedensten Lebensmitteln herabgeschritten. Beim Zeitschriftenregal zurück, stellte Ramona Gleibt ihre Sporttasche auf dem Fliesenboden ab und zog die lokale Tageszeitung heraus.

Tatsächlich, an die Seite von Ramona Gleibt begab sich der andere. Schulter an Schulter standen Ramona Gleibt und er, Ramona Gleibt zwei Köpfe kleiner wie der im Trenchcoat und dem Filzhut auf. Ziemlich von Erde verdreckte Stiefel hatte er an den Füßen.

Die lange Flüchtigkeit eines Moments, daß Ramona Gleibt und der beieinanderstanden.

Ramona Gleibt reichte ihm das Zeitungssexemplar, und er schien nicht recht mit dem Käseblatt zufrieden zu sein, reichte es nach ein paar Sekunden, die er es in den Händen gewogen hatte, an Ramona Gleibt zurück, die die Zeitungsausgabe an ihren ursprünglichen Platz zurücksteckte. Dann bückte er sich herab, als sei das das Selbstverständlichste auf der Welt, nahm Ramona Gleibts Sporttasche. Mit der entfernte der im Trenchcoat sich von Ramona Gleibt, ohne daß Ramona Gleibt, der jetzt die Sporttasche abhanden kam, deswegen in größere Aufregung verfiel.

Ein Momentchen, der Trenchcoat-Typ war bei der Tanke draußen. Ramona Gleibt schritt zur Theke mit der Kasse der Tankstelle, um sicherlich jetzt die Rechnung für den vollen Gastank zu begleichen. Was Thomas jedoch nicht im mindesten interessierte. Thomas folgte dem im Trenchcoat, von dem Thomas zu wissen glaubte, wer das war. Der andere verschwand um das Eck der Tankstelle. Thomas sah ihn schließlich im Lampenschein auf dem Teerweg. Der Weg machte einen Knick machte, und es war für Thomas, der im Trenchcoat, der schreite mitten in schwarzes Gebüsch hinein.

Als Thomas nur eine Sekunde drauf dort ankam, war vor ihm am Weg kein Mensch. Nichts und niemand war in seiner Nähe.

Nicht lange, daß Thomas Faxen machte, weil ihm der im Trenchcoat entschwunden war. Jemand, der außerdem ziemlich gefährlich sein konnte. Das mußte Thomas nicht unbedingt haben.

 

Eine blieb für Thomas, der den Weg zurückrannte, fix, hieß Ramona Gleibt. Ramona Gleibt war weiter für Thomas da. Als wären nicht zwei, drei Minuten zwischendrinnen vergangen, war Ramona Gleibt eben dabei, mit Karte zwei Chipspackungen, ein Glas rote Salsa-Sauce und eine Ein-Liter-Flasche Cola zu bezahlen.

Das Gekaufte ließ Ramona Gleibt sich von der Tankstellenangestellten in eine Plastiktüte packen. Daraufhin schritt Ramona Gleibt aus dem Tankstelleninnern hinaus, begab sich zu ihrem Fahrzeug.

Ihre Sporttasche vermißte Ramona Gleibt in keinster Weise. Erleichtert wirkte Ramona Gleibt, als wäre ihr erst mal wieder eine Last von der Schulter gefallen.

Plötzlich hatte Thomas so eine Idee, was bei Ramona Gleibt losgewesen sein konnte. Mit der Sporttasche samt Inhalt, das war die Möglichkeit, daß Ramona Gleibt zu der Tankstelle hinkommen hatte müssen. Praktisch Ramona Gleibt, die zu der Tankstelle herbestellt worden war.

Vielleicht, daß Ramona Gleibt eine Kurznachricht kriegte, einen Anruf. Dann war Ramona Gleibt sofort gelaufen, hatte sich beeilt.

Die Sporttasche hatte Ramona Gleibt allerdings erst gehabt, als Ramona Gleibt aus dem Bauernhaus von 'Gestärktes Leben e.V.' herauseilte.

Ramona Gleibt war am Abfahren von der Tankstelle. Thomas mußte sich beeilen, zu seinem Wagen zu kommen, Ramona Gleibt hinterherzufahren.

Von seiner Freisprechanlage aus rief Thomas Regine an, informierte Regine, daß er, Thomas, höchstwahrscheinlich soeben "Fransen" gesehen hätte. Jedenfalls eine Type im Regenmantel. Ein Trenchcot, typisch für Fransen. Den Rest der Geschehnisse mit der Sporttasche setzte Thomas Regine ebenfalls auseinander.

Regine meinte zu Thomas, daß Ramona Gleibt die Sporttasche bei ihrem letzten Termin bei 'Gestärktes Leben e. V.' dabei gehabt hatte. Die Tasche hätte Ramona Gleibt mit hinein mitgenommen. Sicher, um die Tasche drinnen im Spind abzustellen.

 

Aufs neue halfen Ampeln Thomas bei der Verfolgung Ramona Gleibts. Als die Ampel  auf Grün stand, lenkte Ramona Gleibt ihr Fahrzeug noch so zweihundert Meter weit geradeaus weiter, bremste abrupt ab und wechselte in einem schnellen Wendekreis auf die gegenüberliegende Fahrbahnseite hinüber.

Thomas ging dann auf, daß Ramona Gleibt nicht wegen einem Auto, das ihr dauernd hinterherfuhr, abgebremst und einen Fahrbahnwechsel gemacht hatte, sondern weil sie beinahe an einem Ort vorbeigefahren wäre. Ihr Auto lenkte Ramona Gleibt nämlich sofort auf einen Rastplatz in Autobahnnähe.

Mittels einem Anruf auf ihrem Phone teilte Thomas Regine, die mittlerweile auf der Autobahn zu ihm unterwegs war, mit, daß bei ihm und Ramona Gleibt voll Stoff immer noch was im Busch wäre. So schnell wie möglich, daß Regine zuschauen sollte, zu ihm, Thomas, herzukommen. Die Autobahnabfahrt wußte Regine, und wo sie den besagten Rastplatz finden konnte, darüber unterrichtete Thomas Regine.

Selber wechselte Thomas die Fahrspur der Straße, fuhr zurück und in seinem Auto auf den Rastplatz auf. Auf der anderen Parkplatzseite unmittelbar bei Ramona Gleibt nahm Thomas in seinem Fahrzeug hinter einem Lastwagen die Parkgelegenheit ein. Beste Sicht, daß Thomas auf die Geschehnisse bei Ramona Gleibts Viertürer hatte.

Es war kurz vor achtzehn Uhr neunundvierzig am frühen Abend. In der Zwischenzeit war Regine schon ein Weilchen bei Thomas eingetroffen, bei Thomas im Auto auf den Fondsitzen eingestiegen, als sich bei Ramona Gleibt etwas abzuspielen begann. Zwischen Gebüschbepflanzung heraus huschten zwei Gestalten zu Ramona Gleibts Fahrzeug hin.

Im Neonlampenlicht erkannte Thomas einen großgewachsener Mann, der einen Trenchcoat nach amerikanischer Art anhatte, einen Regenmantel, wie die Schauspieler in alten Hollywood-Gangsterfilmen ihn gerne trugen. Sein Gesicht ließ der Hutträger nicht deutlich sehen. Seinen Regenmantelkragen hatte er hochgestellt, den Stoff irgendeines Tuches hochgezogen vor dem Mund. Die Frau an seiner Seite war eine Langhaarige mit Sportkappe am Kopf. Blondes oder rotes Haar; im Lampenlicht nicht richtig zu erkennen. Auf ihrer Nase hatte sie eine dicke Sonnenbrille.

Manuela Dombrowski könnte das sein, entfuhr es Regine.

Es war Thomas und Regine, als ob sie Manuela Dombrowski gesehen hätten. Als ob das Manuela Dombrowski gewesen wäre, die mit dem mit dem Trenchcoat zu Ramona Gleibt in den Wagen einstieg. Oft genug schließlich, daß Thomas und Regine sich Fotos mit Manuela Dombrowski gesehen hatten.

Alles ein höchstflüchtiges Momentum, der Blick auf die beiden Gestalten.

Beide, der im Trenchcoat und seine Begleiterin, waren in einer Sekunde drinnen bei Frau Ramona Gleibt. Die Beifahrer- und die Fondtüre auf der Beifahrerseite wurden zugeschmissen.

Alles erweckte alles bei Thomas und Regine einen verstohlenen Eindruck. Als keiner der beiden Herrschaften, die zu Ramona Gleibt in Auto geschlüpft waren, wirklich gesehen werden wollte.

Leider ging im Fahrzeuginnern bei Ramona Gleibt kein Licht an. Es war für Thomas und Regine nichts zu erkennen, was sich drinnen im Wagen abspielte.

Regine, die sich ein Kopftuch aufgesetzt hatte, sich ihre Sonnenbrille auf die Nase schob, informierte Thomas, daß sie aussteigen würde. Um nahe an Ramona Gleibts Wagen vorbeizugehen und einen kurzen Blick hinein zu wagen.

Eben wollte Regine sich hinten hinausschwangen, als Thomas schrie, daß Regine dableiben sollte.

Bei Ramona Gleibts Fahrzeug waren vorne und hinten die Lichter angegangen. Ruckend, als hätte sie nervös den falschen Gang eingelegt, setzte Ramona Gleibt ihr Auto zurück, fuhr die Kurve an dem Kleintransporter vorbei.

Diejenigen, die sich bei ihr mit ihm Fahrzeuginnern aufhielten, hatten vielleicht noch einen anderen Ort im Kopf, wo sie gerne wären, Ramona Gleibt befohlen, woanders hinzufahren.

 

Auf der Landstraße tuckelte Ramona Gleibts Wagen gemütlich dahin, jede Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Schildern am Straßenrand wurde von Ramona Gleibt exakt einhaltend.

Thomas fühlte sich plötzlich komisch, entschied sich, sein Auto weiter hinter dem Ramona Gleibts zurückfallen lassen.

Nach zehn Minuten Autofahrt gab es eine langgestreckte Kurve. Nach der Thomas weitergefahren ist, Gas gegeben hat, um bei Ramona Gleibt ein bißchen aufzuholen, weil ihm Ramona Gleibt jetzt wieder zu weit voraus zu sein schien.

Schließlich begriffen Thomas und Regine, daß ihnen Ramona Gleibts Auto direkt abhandengekommen war.

Thomas wechselte die Fahrbahn, fuhr zurück.

Wo Thomas und Regine Ramona Gleibts Wagen das letztemal gesehen hatten, war mitten in der Kurve zwischen Gebüsch die Abbiegung auf einen Feldweg. Thomas und Regine setzten darauf, daß das die Stelle war, daß Ramona Gleibt hier von der geteerten Landstraße runter war.

Regine und Thomas diskutierten, ob Ramona Gleibt doch bemerkt hätte, daß ein immer gleiches Fahrzeug dem ihren hinterherfuhr.

Fünf Minuten dauerte Thomas' Fahrt über Stock und Stein. Das Gespräch brachte Regine bereits darauf, daß Thomas und sie auf dem Rücksitz falsch unterwegs war, da sahen Thomas und Regine voraus Licht.

Es war Ramona Gleibts Wagen, der wie verlassen dastand, eine Fondtüre offen.

Zum Aussteigen entschieden Thomas und Regine sich nach einem kleinen Weilchen. Gemeinsam näherten sich Thomas und Regine Ramona Gleibts Auto, bei dem der Motor im Leerlauf lief.

Durch die offenstehende Fondtüre hinten blickten Thomas und Regine hinein, sahen, daß das Wageninnere nicht leer war. Der Fahrer- und der Beifahrersitz waren zurückgelegt, und Ramona Gleibt lag auf dem Fahrersitz, die Augen weit aufgerissen, starr.

Am Hals bei Ramona Gleibt war Blut zu sehen, das ihr in kleinen Rinnsalen links und rechts dem Kehlkopf herunterlief. Den langen Rock hatte Ramona Gleibt zum Bauch hochgeschoben, die Beine gespreizt. Auch zwischen den Beinen Ramona Gleibts lief Blut, als müßte der Blutfluß gestoppt werden. Regine meinte zu Thomas, daß es aussah, als ob Ramona Gleibt vergewaltigt worden wäre. Viel Leben schien nicht mehr in Ramona Gleibt zu sein. Nachsehen wollte Thomas, ob Ramona Gleibt noch irgendwelchen Herzschlag hatte. Großartig danach sah es nicht aus, als ob Ramona Gleibt noch atmen würde. Herunter beugte sich Thomas, um nach Ramona Gleibts Linker zu fassen. Das Gesicht Ramona Gleibts war eine bleiche Fratze. In dem Moment, als Thomas das Handgelenk Ramona Gleibts umfaßte, ruckte Ramona Gleibt kreischend in die Höhe, stieß Thomas ihren Ellenbogen in den Unterleib, daß Thomas japsend zurückzuckte. Kann man sich vorstellen, welchen Schmerz Thomas empfand. Das Moment nützte Ramona Gleibt, schlug Regine, die sich zu ihr hineinbeugen wollte, die Fondtüre vor der Nase zu, verriegelte drinnen mit einem Druck ihrer Hand sämtliche Wagentüren. Hinters Lenkrad hockte Ramona Gleibt sich. Ins Wageninnere hatte Ramona Gleibt sich eingesperrt. Der Schreierei Regines, die bei ihr mit der flachen Hand gegen das Seitenfenster haute, achtete Ramona Gleibt nicht. Seelenruhig machte Ramona Gleibt den Fahrersitz hoch, drückte auf das Gaspedal, fuhr an, um zurückzusetzen. In der Absicht, jemanden bei dem Manöver anzufahren. Noch mal wiederholte Ramona Gleibt das bei Thomas und Regine. In allerletzter Sekunde konnten Thomas und Regine nach der Seite zwischen die Bäume fortspringen, ehe sie die Heckpartie von Ramona Gleibts Wagen erwischt wurden. Ramona Gleibt hinter dem Lenker hielt sich nicht weiter mit etwas auf, ob jemand durch ihre Fahrmanöver Schaden genommen haben könnte oder nicht. Auf dem Waldweg fuhr Ramona Gleibt davon.

 

Entsetzt waren Thomas und Regine darüber, als beide in das Wageninnere hineingesehen hatte, wie Ramona Gleibt am Hals und zwischen den Beinen blutend, wie tot, auf den nach hinten gekippten Vordersitzen dagelegen war. Jetzt, nachdem Ramona Gleibt sie beide überfahren hatte wollen, als hätten Thomas und Regine die Schuld an irgendwas, hatten Thomas und Regine keine größeren Gefühle mehr für Ramona Gleibt.

Regine sogar zu Thomas, der starre, glasige Blick der am Hals und zwischen den Beinen blutenden Ramona Gleibt konnte auch mit Ekstase zu tun haben. Ganz schön weggetreten wäre Ramona Gleibt mit ihren glasigen Augen gewesen. Richtig atemlos, so hatte sie das hergenommen, was sie erlebt hatte.

Wäre etwas Schlimmeres, das sie nicht haben hätte wollen, mit Ramona Gleibt passiert, hätte Ramona Gleibt sich sicher wie jeder andere normal gefreut, daß hier, mitten im Wald, bei Dunkelheit, zufällig jemand bei ihr eintraf, sie auffand. Verarzten hätten sie beide, Thomas und Regine, sie können. Mußten sie aber nicht.

Das mit Ramona Gleibt mit ihrem Auto in der Absicht zurücksetzte, zu verletzen oder sogar Schlimmeres anzurichten, das fand Regine, das sei das Allerletzte von Ramona Gleibt. Wirklich das Allerletzte. 

 

Nichts zu unternehmen, dafür werden wir von der Detektei Umschau nicht bezahlt. Dinge auf sich beruhen zu lassen ist nicht unbedingt eine Geschäftsdevise der Detektei Umschau.

Hinterhergefahren sind Thomas und Regine Ramona Gleibt. Als Ramona Gleibts Wagen voraus nirgendwo zu entdecken war, sind Thomas und Regine zu Ramona Gleibt nach Hause gefahren.

Allerdings traf Ramona Gleibt nicht bei sich daheim ein. Obwohl Thomas und Regine eine Stunde unten vor der Haustür auf Ramona Gleibts Ankunft warteten.

Nach einer weiteren halben Stunde Wartezeit, daß Thomas Regine zu ihrem eigenen Wagen brachte, der weiterhin auf dem Rastplatz herumstand.

Anschließend haben Thomas und Regine, die Mitarbeiter der Detektei Umschau, jeder für sich begonnen, die Ortschaften der Umgebung der Landstraße abzufahren.

Nach den Parkplätzen von Gaststätten, Restaurants, Imbißbuden und desgleichen haben Thomas und Regina geschaut, nach Schildern von Hotels, Schildern mit 'Zimmer zu vermieten' Ausschau gehalten.

Dann war es Thomas, dem das Unverhoffte passierte. Mit der Taschenlampe beleuchtete Thomas ein bläulich lackierte Auto. Das Nummernschild kannte Thomas sofort. Ramona Gleibts Wagen.

Das Fahrzeuginnere war verlassen, das Fahrzeug abgesperrt.

Mit seinem Phone telefonierte Thomas Regine herbei. Zum Hotel Bertha sollte Regine kommen. Dann brachte Thomas erst mal einen Peilsender unter Ramona Gleibts Auto an.

Weil die Beschattung Frau Ramona Gleibts bis dahin immer leicht war, Ramona Gleibts Unternehmungen leicht zu überwachen waren, hatten Thomas und Regine bis dahin darauf verzichtet, so ein Gerät bei Frau Ramona Gleibt am Wagen anzubringen.

Jetzt jedoch hatte sich die Situation geändert. Bei Frau Ramona Gleibt hatten sich unübersichtliche Dinge ereignet, die das Anbringen solch eines Senders unbedingt notwenig machten.

Nachdem sie beide wieder zusammengetroffen waren, sind Thomas und Regine gemeinsam zur Eingangstüre des Hotels Bertha. Gegen zweiundzwanzig Uhr dreißig, daß Thomas und Regine das Hotel Bertha betreten haben.

Nach der Bedienung hinter der Rezeption wurde von Thomas und Regine geklingelt.

Eine Dame in schwarzem Anzug, schwarzer Krawatte, die aus der Türe eines rückwärtigen Raums herausgekommen ist.

Thomas fragte, ob noch Zimmer frei wären. Ja, bis null Uhr könnte man noch einchecken, es wären noch Zimmer frei, wurde Thomas geantwortet.

Je ein Hotelzimmer nahmen Thomas und Regine sich für die Nacht, zahlten im voraus in Bar, erhielten ihre Zimmerkarten.

Ein Foto von Ramona Gleibt brachte Thomas zum Vorschein, stellte die Frage, ob die Dame auf der Fotografie im Hotel Bertha ein Zimmer genommen hätte. Oder der Mann das getan hätte, in dessen Begleitung die Frau war. Einer in einem schäbigen Trenchcoat. Sogar noch eine Person könnte bei den beiden dabeisein, eine langhaarige Frau mit dicker Sonnenbrille.

Die Empfangsdame meinte zu Thomas und Regine, daß es den Mitarbeitern des Hotels grundsätzlich nicht gestattet sei, an Privatleute Auskünfte über Gäste des Hotels Bertha zu geben.

Mit dieser Auskunft gaben Thomas und Regine sich zufrieden, fuhren im Lift hoch auf ihre Zimmer.

 

Gegen sechs Uhr in der Frühe am nächsten Morgen, sind Thomas und Regine aufgestanden.

Regine hat das Hotel Bertha gegen dreiviertel sieben Uhr verlassen, sich zu ihren Auto begeben. Außerhalb des Hotel Bertha-Geländes hat Regine ihr Fahrzeug seitlich der Straße hingeparkt, daß Regine die Aus- und Einfahrt des Hotel Berthas überblicken konnte.

Thomas suchte sich im Hotel Bertha einen Ort, wo er eventuell herumsitzen und Begebenheiten im Hotel beobachten konnte. Zum Beispiel die, wer an der Hotelrezeption seine Karte abgab.

Gegen zehn vor halb acht Uhr, daß Ramona Gleibt die Treppenstiege aus einem der oberen Hotelstockwerke des Hotel Bertha herabkam. Ohne irgend jemand in ihrer Begleitung.

Ein knielanger schwarzer Glanzrock, ein Anzugjackett über einem weißen Hemd mit blauer Krawatte kleidete Ramona Gleibt. Einen braunen Mantel hatte Ramona Gleibt sich über den Unterarm gelegt. Eine rotglänzende Plastikhandtasche trug Ramona Gleibt in der Hand. Um den Hals hatte Ramona Gleibt ein blutrotes Samttuch gebunden.

Ein Kopfnicken Ramona Gleibts zur Rezeptionsdame, Ramona Gleibt gab ihre Zimmerkarte ab.

Ziemlich modischer Stil für den Arbeitstag bei Ramona Gleibt. Sehr geschminkt. Richtiggehend aufgebretzelt. Eyeliner, aufgesteckte Augenbrauen, gepuderte Wangen mit leichtem Rouge, dunkelroter Lippenstift. Ramona Gleibt wirkte nicht, als wäre hier eine, der am Abend zuvor etwas geschehen war, worüber man gut der Polizei Bescheid sagen hätte können.

Mit nichts schien Ramona Gleibt, die nicht groß auf ihre Umwelt achtgab, größere Probleme zu haben. Laut meinte Ramona Gleibt 'Bis heute abend' zu der hinter der Rezeption, schritt durch den gläsernen Vorderausgang aus der Vorhalle des Hotels Bertha hinaus.

Geradewegs begab Ramona Gleibt sich zu ihrem blauen Wagen, sperrte auf, setzte sich hinein, fuhr ab.

 

Regine machte sich daran, Frau Ramona Gleibt hinterherzufahren.

Thomas spazierte zweimal um das Hotel Bertha herum, genoß die kühle Morgenluft. Dann, weil nichts irgendwo war, kehrte Thomas ins Hotelinnere zurück.

An der Hotelrezeption verlängerte Thomas seinen Aufenthalt im Hotel Bertha für eine ganze Woche.

Alle eineinhalb Stunden machte Thomas los, bevölkerte im Hotel Bertha die Hotelflure, ging zurück auf sein Zimmer, bewanderte draußen vom Hotel Bertha die Hotelumgebung. Ohne daß ihm irgend jemand vor die Füße lief, der im entferntesten Ähnlichkeiten mit dem Mann hatte, von dem Thomas tags zuvor geglaubt hatte, er könnte Herr Drakonie Rupertus Wank sein. Auch keine Frau lief Thomas vor die Füße, die Manuela Dombrowski sein hätte können. Wenn, dann schliefen diese Leute tagsüber, speisten auf ihren Zimmern, sahen fern. Rechneranschluß hatte das Hotel Bertha auch, für alles besten Netzempfang.

Vom Hotel Bertha aus fuhr Ramona Gleibt geradewegs in die Arbeit. Gegen zehn vor acht Uhr war Frau Ramona in der Bankfiliale eingetroffen. Um acht Uhr in der Frühe, als die Filiale für den Kundenverkehr öffnete, befand Frau Ramona Gleibt sich an ihrem Arbeitsplatz hinter dem Schalter vor ihrem Rechner.

Aktiengeschäfte tätigte Ramona Gleibt, berat Kunden in Fragen Aktien.

Das Ganze bei Frau Ramona Gleibt war tagsüber wie immer, Frau Ramona Gleibt bewältigte ihr übliches Arbeitspensum in der Bank ohne Extrapause. Zwischendurch genoß Frau Ramona Gleibt im Restaurant Erdlich die Mittagspause mit zwei blondhaarigen Freundinnen. Das Restaurant Erdlich, eine von drei Stadt- und Hotelrestaurants, für die die Bankmitarbeiter gültige Essensberechtigungsscheine hatten.

Nach ihrem Arbeitstag auf der Bank ist Ramona Gleibt jedoch nicht zu sich nach Hause in die eigene Wohnung am Stadtrand gefahren. Statt dorthin quasi heimzufahren lenkte Ramona Gleibt ihren Wagen wieder nach dem Hotel Bertha. Wie am Morgen der anderen Dame hinter der Rezeption mitgeteilt, kehrte Ramona Gleibt in das Hotel Bertha zurück. Von der Hotelangestellten hinter der Rezeptionstheke erhielt Ramona Gleibt ihre Zimmerkarte. Einen weiteren schönen Hotelaufenthalt wünschte die Rezeptionsdame Ramona Gleibt. Frau Ramona Gleibt meinte, das Hotel Bertha wäre ein nettes, sauberes Hotel. Ins Hotel Bertha zurückzukehren, das wäre wie Heimkommen. Und der weitläufige Waldblick aus dem Fenster oben im Obergeschoß nach hinten hinaus, der wäre wie gemalt. Wenn nur immer die Sonne scheinen würde. Hoffentlich käme der Frühling bald. Dann informierte Ramona Gleibt, daßihr jetzt ihre Post in das Hotel Bertha geschickt würde. Ab morgen könnte sie also im Hotel Bertha das erstemal Post haben. Damit verabschiedete Frau Ramona Gleibt sich von der von der hinter der Teakholzrezeptionstheke. Ramona Gleibt, die keine Vorliebe für den Hotellift zu haben schien, begann Stufe für Stufe einzeln nehmend, die Aufgangstreppe hochzusteigen. Als Ramona Gleibt außer Sicht war, beeilte Thomas sich, Ramona Gleibt hinterherzukommen.

In den ersten Stock hinauf hatte Ramona Gleibt gemacht, steckte bei sich an der Zimmertüre eben in dem Moment die Karte rein, als Thomas oben ankam, ums Wandeck den langen Flurgang hinunterschaute.

Hinter sich schloß Ramona Gleibt die Tür, und Thomas spazierte den Gang runter, guckte nach den Türzahlen. Ramona Gleibt hatte die Zimmernummer sechzehn.

 

Apropos, Herr Doktor Weil-Esch, wie Sie wissen, hat Herr Dieter Johnann Gleibt, Ramonas Vater, wenig Geld und Probleme damit, mit dem wenigen auszukommen.

Von staatlicher Unterstützung lebt Dieter Johann Gleibt. Und von ein paar Kröten, die seine Tochter Sonja ihm rüberschiebt.

Es bleibt dabei: Nichts wirkt zur Zeit so, daß Dieter Johann Gleibt sich wieder auf die Füße stellen könnte. Davon abgesehen, daß Dieter Johann Gleibt davon redet, was er alles möchte.

Ein großes Problem bei der Sache scheint zu sein, daß Dieter Johann Gleibt trinkt. Nicht nur, daß Spirituosen ihren Preis haben. Wenn man täglich trinkt, trinken will, muß, geht das auf das Geld. Es fliegt einem davon. Überdies: Im Suff hat das Wort 'Penner' schon eine Bedeutung.

Als Agathe und Herr Augustin, beide von der Detektei Umschau, letzte Woche bei Dieter Johann Gleibt vorbeischaute, haben beide Dieter Johann Gleibt beiläufig auseinandergesetzt, daß sie beide sich gerne mal in der Wohnung seiner Tochter Sonja umgeschaut hätten. Das am besten, ohne daß Tochter Sonja etwas davon mitkriegte. Ob er, Sonjas Vati, uns bei dem Problem helfen könnte, fragten und Herr Augustin.

Über dieses Anliegen hat Dieter Johann Gleibt nachgedacht. Dann hat Dieter Johann Gleibt Agathe und Herrn Augustin darüber informiert, daß er einen Schlüssel zur Wohnung seiner Tochter hätte. Ab und zu hatte es Sonja, als es ihrem Vater zu dreckig gegangen war, erlaubt, tage-, wochenweise bei ihr übernachten. Sogar zeitweise bei ihr zu wohnen.

Den Wohnungsschlüssel hätte er, Dieter Johann Gleibt, seiner Tochter nicht zurückgegeben. Sonja hatte das auch nicht von ihrem Vati verlangt.

Bingo!

 

Gegen Freitagmittag hat Dieter Johann Gleibt sich mit Agathe und Herrn Augustin von der Detektei Umschau vor dem Gebäude getroffen, in dem Sonja Gleibt ihre Wohnung hat.

Steffi, die sonst mit Agathe zusammen das Team bildet, hatte die Aufgabe, aufzupassen, was Sonja Gleibt, die an ihrem Arbeitplatz bei der Spedition Ärlein war, machte. Nicht daß Sonja Gleibt unvermittelt bei der Spedition Ärlein rauskam, sich nach Hause zu begeben.

Der Schlüssel, den Dieter Johann Gleibt von seiner Tochter Sonja erhalten hatte, paßte sehr gut in das Schloß von Sonja Gleibts Wohnungstüre. Dieter Johann Gleibt konnte Agathe und Herrn Augustin aufsperren. Weil alles stimmte, durfte Dieter Johann Gleibt sich darüber freuen, im Wohnzimmer seiner Tochter Sonja einen Hunderter von Herrn Augustin in die Hand gedrückt zu bekommen. Leicht verdientes Geld.

 

Wie wir von der Detektei Umschau vermutet und Ihnen das so geschrieben haben, Herr Doktor Weil-Esch: In ihrer Wohnung hatte Sonja Gleibt nicht eine einzige Vinylplatte. Von einer Sammlung alter, neuerer Vinylscheiben konnte überhaupt nicht die Rede sein.

Neben ihrem Klapprechner hatte Sonja Gleibt unter anderem ein paar CopactDisks liegen: 'Rock- und Pop. Das Lexikon von A bis Z'.

Wie es schein, wählt Sonja Gleibt nach Belieben Namen von Interpreten aus dem 'Rock- und Poplexikon' aus, stellt das betreffende Album unter ihrem Nick auf der Auktions-Plattform ein. In letzter Sekunde werden alle vorher abgegebenen Gebote mit einem hohen, runden Betrag überboten.

Wenn der Betrag weit unter eintausend Eiern ist, ist das letzte Gebot immer ein Betrag von eintausend.

Sonja Gleibt schickt nicht ein Paket mit Schallplatte ab, erhält trotzdem für jede Lieferung Geld auf ihr Bankkonto überwiesen. Und die verschiedensten Leute, die behaupten, daß Sonja Gleibt ihnen einen Artikel zuschickte, sorgen mit ihrer Zufriedenheit für einen Spitzenwert, was Pünktlichkeit der Lieferung und die Qualität der Ware angeht.

 

Herr Augustin hat Sonja Gleibts Festplatte kopiert.

Von nun an werden wir von der Detektei Umschau außerdem immer genau über das Surf-Verhalten Sonja Gleibts Bescheid wissen. Quasi, daß Herr Augustin bei Sonja Gleibt mitlesen, -surfen wird.

Ohne daß Sonja Gleibts Vater etwas davon mitgekriegt hätte, hat Herr Augustin vom Schlüssel zur Wohnung Sonja Gleibts einen Plastelinabdruck gemacht.

Die folgenden Tage werden werden Agathe und Herr Augustin, die Mitarbeiter der Detektei Umschau, Sonja Gleibts Wohnung mal alleine betreten. Ohne daß Dieter Johann Gleibt, Sonjas Vater, mit dabei ist und doof dabei zuschaut, was getrieben wird.

Ich meine, Herr Doktor Weil-Esch, daß Herr Augustin Sonja Gleibts Wohnung verwanzen wird.

Noch etwas: Keinen einzigen Kontoauszug haben wir von der Detektei Umschau in Sonja Gleibts Wohnung gefunden. Auch keine weiteren Smartphones oder Handys, die Sonja Gleibt in Benutzung hätte.

 

Damit verbleibe ich,

mit freundlichen Grüßen

 

 

___________________

 

Anlage

25 Fotos des Hotels Bertha außen; mit Waldblick von innen.

20 Fotos von Frau Ramona Gleibt (Frau Ramona Gleibt bei der Arbeit hinterm Schalter in der Bank, Frau Ramona Gleibt beim Verlassen der Bank, an ihrem Auto, auf dem Parkplatz des Hotels Bertha)

15 Fotos von Josef Hänsel (Josef Hänsel, der Frau Ramona Gleibt nahe dem Parkplatz bei Ramona Gleibts Bank hinterhersieht, Josef Hänsel, der das Haus verläßt, in dem er seine Wohnung hat, Josef Hänsels Wohnhaus, der Treppenaufgang zu Josef Hänsels Wohnung)

15 Fotos Frau Ramona Gleibts, die sich auf dem Gelände der Bauernhof-Anlage von 'Gestärkes Leben e.V.' aufhält

 

*

Werbung
Diesen Post teilen
Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post