"Briefprotokolle der Detektei" (20.02. - 12.04.), No. 4
Schreiben der Detektei Umschau an Herrn Gregorius Weil-Esch, Datum: 12.04.xxxx
"Sehr geehrter Herr Doktor Weil-Esch,
erinnern Sie sich noch an Frau Melanie Uschke?
Frau Melanie Uschke ist die Frau, die kurz gesehen haben will, wie Frau Angelika Rebhaus, die Freundin Herrn Bernd Reils, am Flachdach ihres Wohnhauses mit einer weiblichen Person kämpfte.
Die Flüchtigkeit einer Wahrnehmung, die sie hatte, sagte Frau Uschke damals. Heute sagt Frau Uschke immer noch das gleiche.
Und, Frau Uschke ist seltsam.
Also, erst mal: Überraschend ist Frau Melanie Uschke vorvorgestern in den Büroräumlichkeiten der Detektei Umschau erschienen.
Letztes Jahr, als ich persönlich an der Türe von Frau Melanie Uschkes Erdgeschoßwohnung geläutet hatte, hatte ich Frau Melanie Uschke zum Abschluß unseres Gespräches eine Visitenkarte der Detektei Umschau überreicht. Adresse der Detektei Umschau, diverse Telefon- und Phone-Nummern.
Diese Karte hatte Frau Melanie Uschke wiedergefunden, sich tags drauf in den Zug gesetzt, um in die Stadt abzureisen, in der die Detektei Umschau ihren Sitz hat.
Frau Melanie Uschke hatte uns, den Detektiven der Detektei Umschau, nämlich interessante Neuigkeiten zu erzählen, Vorkommnisse betreffend, die sich vor jenem Unglückstag abspielten, in dessen Verlauf sich Frau Angelika Rebhaus, die Partnerin von Herrn Bernd Reil, damals in den Tod stürzte. Plötzlich wisse sie die Einzelheiten wieder, erklärte Frau Uschke.
Will Sie, Herr Doktor Weil-Esch, überhaupt nicht lange mit weiteren langatmigen Sätzen von mir nerven. Hier sofort das Gesprächsprotokoll, transkribiert von Frau Agathe Deuth, Mitarbeiterin der Detektei Umschau.
Detektei Umschau (Herr Augustin): Vielen Dank, daß Sie es uns erlauben, ein Aufnahmegerät mitlaufen zu lassen, Frau Uschke. Außerdem sagen wir von der Detektei Umschau Danke dafür, daß Sie bereit sind, Ihre Geschichte noch einmal von vorne zu beginnen. Nicht selbstverständlich, daß Sie das tun. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Frau Uschke: Ach was, Jungchen. Alles kein Problem. Macht mir wirklich nichts. Ist ja jeder nett hier zu mir. Hätt ja sein können, daß Sie mich sofort wieder rausschmeißen, kaum daß ich bei Ihnen drinnen bin ...
Detektei Umschau: Nie ein Gedanke, Frau Uschke! Bitte, beginnen wir jetzt mit allem noch mal von vorn. Sprechen Sie zunächst noch mal davon Frau Uschke, warum Sie heute zu uns von der Detektei Umschau gekommen sind. Und warum Sie mit dem Ganzen nicht zur Polizei gegangen sind.
Frau Uschke: Die Polizei ...? Was will ich denn damit bei der Polizei, Jungchen? Für die ist das alles längst erledigt. Jahre vergangen, seitdem. Ein Fall, klar wie Kloßbrühe für die. Polizei, nein danke! Sie dagegen, Sie sind Detektive. Ihnen, dacht ich, kann ich das erzählen. Mir sind Sie einfach wesentlich sympathischer als irgendwelche Leute in Polizeiuniform. Denen von der nächsten Wache heute damit zu kommen, denen das klarzumachen versuchen ... Also, ich weiß nicht. Da seid ihr Detektive schon eine ein bißchen andere Welt. Bei euch fühlt sich das einfach anders an. Mit euch redet's sich angenehmer, entspannter. Freier sozusagen. Vielleicht, weil ihr ein anderes Verständnis für so Sachen habt. Außerdem, damals, als die junge Frau vom Flachdach des Hauses die Straße gegenüber stürzte, war ich schon die einzige, die meinte, sie hätte noch etwas andres gesehen. So ernst genommen haben die mit der Uniform mich mit meiner Aussage damals nicht. Obwohl ich zu denen hingegangen war. Habe darüber informiert, was ich gesehen hatte. Und heute dann, wenn die mir die Frage stellen, warum mir Dinge von damals erst heute plötzlich wieder einfallen. Da könnte mir sicher demnächst noch viel, viel mehr einfallen, könnten sie sagen. So aus der Nase gezogen. Nee, nee. Bei Ihnen und in Ihrer Detektei bin ich besser dran. Sie haben auch heute noch Interesse an mir und meinen Geschichten. Obwohl heute alles schon wieder länger her ist, als die junge Frau nebenan vom Flachdach des Hauses runter ist. Längst liegt die unter der Erde. Ist nicht mehr aktuell. Jahre her, diese Geschichte. Besser ist's für mich bei Ihnen, der Detektei, sagte ich mir. Zu Ihnen bin ich mit gutem Gefühl im Zug hingefahren. Und Sie enttäuschen mich nicht. Mal wieder was anderes. Abwechslung in meinem Leben. War für mich eine schöne Reise. Stricken, die Landschaft draußen gucken ...
Detektei Umschau: Stimmt, daß das heute Jahre her ist, daß Frau Angelika Rebhaus Selbstmord begangen hat. Sich vom Flachdach des Hauses, in dem sie zur Miete wohnte, in den Tod hinabstürzte. Meine aber, wenn Sie, Frau Uschke, heute was Interessantes wissen, was zu diesem Fall dazugehört, bei der Polizei müßte man Ihnen eigentlich auch zuhören ... Das gehört mit zum Polizeiberuf, daß ...
Frau Melanie Uschke: Früher mal Polizist gewesen, was? Ach, hören mit dem Thema auf. Ist auch egal. Interessiert nicht. Sie können das, was ich erzähle, Sie hier aufnehmen, ja an die Polizei weiterreichen. Mal sehen, ob die sich das lange anhören. Ganz, wie es Ihnen beliebt, junger Mann. Die, von der ich hier bei Ihnen jedenfalls erzähle, ist die, die ich damals bei der gesehen habe. Bei der, die sich damals vom Dach oben in den Tod gestürzt hat. In den Freitod, wie es so schön in der Zeitung gestanden war ... Nur ich, ich sage, sie könnte auch geschubst worden sein ...
Detektei Umschau: Nach Ihrer Ansicht nach, Frau Uschke, auch heute kein Freitod ...?
Frau Uschke: In meinen Augen war das kein Freitod, nein. Davon rede ich doch. Wenn ich mit jemandem ringe, kämpfe, könnte ich geschubst werden, deswegen vom Hausdach fallen ... Das habe ich gesehen, daß die zwei gerungen haben. Gekämpft. Die eine der beiden, die ist dann unten am Hinterhof gelegen, nicht wahr?
Detektei Umschau: Stimmt. Angelika Rebhaus ist vom Flachdach des Hauses gestürzt, in dem sie zur Miete wohnte.
Frau Melanie Uschke: Ich habe es damals gesagt - und ich sage es auch heute -, ich habe eine mit roten Haaren oben am Dach gesehen. Mit der, die später tot am Hinterhof gelegen war, hat die gerungen. Ganz flüchtig, daß ich die zwei miteinander kämpfen sehen habe. Kurze Zeit später war die eine der beiden tot. Lag unten am Hinterhof ...
Detektei Umschau: Frau Angelika Rebhaus wies keine besonderen Kampfspuren auf, Frau Angelika Rebhaus hatte nur die Verletzungen, die von ihrem Absturz herrühren. Wie uns von der Detektei Umschau bekannt ist, war Frau Angelika Rebhaus zu der Zeit ziemlich deprimiert. Sprach gegenüber Freundinnen öfters von Selbstmord. Selbstmörder, die ihre Tat in die Wirklichkeit umsetzen, sprechen dann und wann von ihrer Absicht ...
Frau Uschke: Ich weiß nur eins: das, was ich damals gesehen habe. Ich werde nichts anderes sagen. Zwei Frauen waren oben am Flachdach in einem Handgemenge, das habe ich gesehen. Die bei der anderen, das war eine Rothaarige. Und diese Rothaarige ... Diese Rothaarige, die ... Die hab ich eigentlich sogar viel, viel besser gekannt. Viel besser als diese Angelika Rebhaus. Heute erst weiß ich das wieder. Mit der Rothaarigen war ein paarmal was bei mir im Wohnhaus, damals. Allerdings hatte das alles kaum was mit der jungen Frau zu tun, die in den Tod gestürzt war. Das Komische am Ganzen ist eigentlich, daß mir Sachen erst heute wieder einfallen. Nach all den Jahren seitdem. Aber damals ... Keine Ahnung. Wie aus meiner Erinnerung weggeblendet. So richtig erklären kann ich mir das nicht, daß ich das heute wieder weiß. Das, was damals zuvor die Zeit war, Dinge mit der Rothaarigen. Geradezu sehe ich Bilder, Szenen deutlich vor mir, Bilder, Szenen mit der Rothaarigen. So deutlich. So irre deutlich. Als wären die Ereignisse erst gestern gewesen. Dabei sind Jahre dazwischen. Jahre. Und ich erinnere mich erst jetzt wieder. Kann's so was geben?
Detektei Umschau: Vieles gibt's, Frau Uschke ...
Frau Uschke: I-ich ... I-ch ... I-ch weiß das eben erst, eben erst seit drei Tagen wieder ... Seit drei Tagen. Keine Ahnung, warum. Warum ich das die ganze Zeit nicht mehr wußte, heute aber wieder weiß - ich kann mir das einfach nicht erklären. Aber, ich ... Ich war abends in der Küche. Ich wohne ja da im Erdgeschoß. Da gehen Leute bei mir am Fenster vorbei. Die kann ich durch den Vorhang sehen, und sie können durch den Vorhang zu mir hereinschauen, mich sehen, wenn sie stehenbleiben und ich den Rolladen nicht unten habe. Da geht so eine Rothaarige bei mir am Fenster vorbei. Da durchzuckt es mich. Als hätte ich einen elektrischen Schlag abgekriegt. Das ist SIE, denk ich mir; Sie ist das wieder. Die ist das. Die von damals ... Dann war die Rothaarige schon wieder fort. Hat sonst auch nichts gemacht, die Rothaarige, als bei mir am Fenster vorbeizugehen. War gerade dabei, mir eine Soße für Geschnetzeltes anzurühren. Aber, ich konnt mich minutenlang nicht mehr rühren .. Diese Rothaarige, sie ist zum Glück nicht zurückgekommen. Mensch, nachdem die Rothaarige bei mir vorm Fenster vorüber war, da wußte ich plötzlich wieder Dinge. Da waren plötzlich so Erinnerungen. Ich kann sagen, ich habe unvermittelt Dinge wieder gewußt. Ich wußte, daß ich die Rothaarige, die ich damals bei der, die Selbstmord begangen hat, oben am Flachdach gesehen habe, eigentlich schon richtig kannte. Schon früher hatte ich sie gesehen. Sogar aus aller-, allernächster Nähe. Ich meine, die Rothaarige war auch nicht weiter von mir weg wie Sie jetzt, junger Herr. Sie war mir sogar schon viel, viel näher ...
Detektei Umschau: Warten Sie eine Sekunde, Frau Uschke! Hier habe ich eine kleine Auswahl an verschiedenen Rothaarigen. Frage: Könnte sie eine von denen sein? Ist es vielleicht die Rothaarige hier ...? Eine von denen? Oder doch eine von den beiden ganz außen? Oder die da ...?
Frau Uschke: Nein. DIE! Als ich damals das Haus gegenüber hochgeguckt habe, war sie mir sofort bekannt. Ich meinte, die Rothaarige, die kenne ich doch ... Die hier am Foto ist es! Nur DIE!
Detektei Umschau: Die Rothaarige - die auf dem Bild da ...? Keine von den anderen? Haben alle rote Haare, nicht? Ein paar würde ich gerne privat zu mir einladen ... Ist es nicht doch die dort, die es war? Ist auch rothaarig, nicht? Sieht der andern überhaupt nicht unähnlich. Fast die gleiche Nase ... Oder nicht?
Frau Uschke: Nein! Die war es. DIE. Die kenne ich. Zwei von den anderen kenne ich auch - das sind Schauspielerinnen. Spielen in Filmen. Aber die auf diesem Foto da - die kenne ich. Die kenne ich persönlich. Die war es.
Detektei Umschau: Das ist nun - eh! - Sie wissen nicht, wie sie heißt, Frau Uschke?
Frau Melanie Uschke: Doch, ich weiß einen Namen ... Manu! Sonst aber ... Wie sie sonst geheißen hätte ...? Nein, weiß nicht. Keine Ahnung, wie sie weiter heißt.
Detektei Umschau: Manuela Dombrowski heißt die auf dem Foto da. Die auf dem Foto, auf das Sie gezeigt hatten, Frau Uschke, von der wissen wir, daß sie Manuela Dombrowski heißt.
Frau Uschke: Und ...?
Detektei Umschau: Manuela Dombrowski heißt die, auf die Sie gezeigt haben, Frau Uschke. Was - und?
Frau Uschke: Für mich heißt die Manu. Sonst weiß ich keinen Namen. Die ganze Zeit früher war mir immer schon so, daß ich gemeint hab, da wäre noch irgendwas. Ich wüßte da noch was. Etwas, was mir nur nicht einfallen wollte. Den Kopf hab ich mir zermartert. Wirklich zermartert. Du weißt doch noch was, altes Mädel, hab ich zu mir gemeint: Was weißt du noch? Warum fällt dir das jetzt nicht mehr ein, blöde Kuh? Es war dasselbe, wie wenn du ein Wort nicht weißt. Es liegt dir auf der Zunge liegt. Aber, es kommt dir einfach nicht in den Kopf. Es will und will dir nicht einfallen. Dann habe ich beim Saucenmachen die Rothaarige da an meinem Küchenfenster draußen vorbeispazieren sehen ... Mir war ... Mir war ... Mir war, sie wäre es gewesen. Aus dem Haus bin ich dann leider erst nach ein paar Minuten gelaufen. Habe aber den Gehsteig rauf und runter weit und breit keine Rothaarige gesehen, die irgendwo heraus oder zurückgekommen wäre. Auch wenn die fort war, fort blieb, war trotzdem war was bei mir. Plötzlich wußte ich wieder so Sachen. Erinnerte mich. Ich hatte Erinnerunge. Daß ich mich jetzt frage, warum ich das vergessen hab können. Das kann ich doch nicht bis heute vergessen haben. Das kann doch nicht wahr sein, daß ich das die letzten Jahren nicht alles sofort parat hatte. Wie jetzt. Jetzt wieder. Alles war zwei, drei Monate vor dem rum, ehe die von gegenüber der Straße sich von dem Flachdach des Hauses hinunterstürzte. Zumindest, wie es gesagt wird, daß sie sich runterstürzte ... Verstehen Sie, wovon ich spreche? Ich weiß heute Dinge plötzlich wieder, die ich Jahre nicht gewußt habe.
Detektei Umschau: Diese Rothaarige - Manuela Dombrowski -, die am Foto, ist die, die Sie damals mit Frau Angelika Rebhaus zusammen oben am Dach gesehen hatten? Nicht in einer Umarmung - sondern, als ob sie miteinander kämpften.
Frau Uschke: Keine andere. Die da auf dem Foto. Die da war das. Die andern auf den Fotos sind entweder Schauspielerinnen - die zwei hier -, oder ich kenn sie nicht. Manu - haben die oben im Dritten sie genannt. Manu. Und das ist sie, Manu, die, die ich vor Jahren am Flachdach oben mit der anderen ringen gesehen. Flüchtig sind mir die beiden beim Hochschauen in die Sicht geraten. Nur ein paar Augenblickchen. Dann ... Aber die Rothaarige, die da - Manu -, die hab ich eigentlich doch ein wenig besser gekannt. Weil sie ... Im dritten Stock oben gab es zur damaligen Zeit eine WG von Studentinnen. Bei denen war diese Manu dann auch in der WG dabei. Mitbewohnerin. Ich begreif das einfach nicht, daß mir das erst ein paar Tage wieder erinnerlich ist. Eigentlich kann ich das nicht plötzlich vergessen haben.
Detektei Umschau: Drei Studentinnen in einer Wohngemeinschaft ...? Manu - die da am Bild -, die war bei ihnen Haus bei drei Studentinnen im dritten Stock eingezogen, Frau Uschke?
Frau Uschke: Ja! Habe echt keine Ahnung, wie ich das alles mit der - dieser Manu da -, die sogar bei mir im Haus bei den dreien im dritten Stock Mitbewohnerin war, vergessen konnte, junger Mann. Nicht zu fassen ist das. Erst heute, nach all den Jahren seitdem, weiß ich das erst wieder. Plötzlich. Weil ich dachte, sie wär das, die Rothaarige, die am Gehsteig draußen vor meinem Küchenfenster vorbeigeht.
Detektei Umschau: Ich kann Ihnen das auch nicht erklären, Frau Uschke, warum Sie Dinge vergessen und warum nicht. Und heute erinnern Sie sich also erst wieder?
Frau Uschke: Ich meine, wenn Sie, junger Mann, jetzt mit mir reden, erinnern Sie sich auch noch ein paar Wochen lang da dran. Vielleicht auch Monate. Wissen möglicherweise sogar in einem, zwei, drei Jahre ungefähr noch, daß ich mit Ihnen hier im Raum geredet hab, ja ...? Aber ich, ich hab von überhaupt nichts mehr gewußt. Mir war nichts mehr im Gedächtnis. Bis ich diese Rothaarige durch das Küchenfenster sehe. Beim Saucenrühren. Ich denke, das ist SIE. Und - blink! Ich weiß plötzlich wieder was. Was ich Jahre nicht mehr wußte. Nicht das bißchen. Das allerkleinste bißchen.
Detektei Umschau: Schwer zu sagen, was mit Ihnen los gewesen sein könnte, Frau Uschke. Vielleicht ein Schock, daß Sie Dinge total vergessen haben. Wenn etwas bei Ihnen eigentlich aktuell war - warum Sie das dann trotzdem nicht im Kopf behalten konnten, Sie es unmittelbar drauf vergessen ... Weiß nicht. Sie waren damals auch schon nicht mehr die Allerjüngste. Es gibt Alzheimer, Demenzerkrankungen ...
Frau Uschke: O ja, junger Mann. Alzheimer, Demenz. Könnte ich fast auch daran glauben, daß so was schuld sein könnte. Nur haben mir noch nie die Hände für länger gezittert. Nicht, daß ich wüßte. Was das Rechnen angeht, war ich damals eigentlich ziemlich fit im Kopf. Wie heute immer noch. Auch nicht anders wie heute. Ich kann mir merken, was ich in der Küche brauche. Weiß das beim Einkaufen alles noch ganz genau, was ich einkaufen will, was nicht. Daß ich mir viel was auf einem Zettel aufschreiben müßte, davon kann keine Rede sein.
Detektei Umschau: Bei dem Problem kann ich Ihnen leider auch nicht weiterhelfen, Frau Uschke. Wir sind eine Detektei, keine Arztpraxis. Wir müßten einen Arzt zuziehen.
Frau Uschke: Also, die Rothaarige da. Die, die wir dort auf dem Foto am Tisch sehen. Diese Rothaarige, Herr Augustin, die ist mir abends oder früh am Morgen das eine oder andere Mal im Haus begegnet. Alleine. Mit einer der anderen. Oder mit allen dreien. Auch die, die sich vom Dach gestürzt hat, die war bei mir öfters im Haus drüben. Hat die anderen Studentinnen in ihrer Wohung oben besucht. Das Haus, in dem ich wohne, ist, im Gegensatz zu den Gebäuden auf der anderen Straßenseite, ein Altbau. Bei mir im Haus gibt's keinen Aufzug. Man muß zu Fuß die Treppen hochsteigen. Sie herunterkommen. Der ganze Hausverkehr spielt sich bei uns auf den Stiegen ab, da kann man sich beim Hinauf- oder Hinuntersteigen vor die Füße kommen.
Detektei Umschau: Sie meinen, wenn man Lift hat, ist dem nicht so? Sie kannten also beide besser, Frau Angelika Rebhaus und die Rothaarige, als Sie früher immer angegeben haben? Bestimmt auch diese Rothaarige hier, die Sie auf dem Foto identifiziert haben, die Frau Manuela Dombrowski heißt?
Frau Uschke: Sie sagen es, junger Mann. Wirklich wahr. Und ich weiß das alles erst seit drei Tagen wieder. Daß ich mich frage ... Was das angeht, bin ich dement gewesen. Vollkommen dement. Da kann man wirklich nur Demenz dazu sagen.
Detektei Umschau: Schön, Frau Uschke, Demenz hin oder her - heute haben Sie Ihre Erinnerungen wieder ...
Frau Uschke: Stimmt, Herr Augustin Besser könnte ich das nicht ausdrücken, wie Sie das ausgedrückt haben. Heute habe ich meine Erinnerungen plötzlich wieder. Es ist eigentlich nur die Frage, die ich gerne beantwortet hätte, wo die Erinnerungen bis vor ein paar Tagen abgeblieben waren. Warum hatte ich das alles vergessen?
Detektei Umschau: Bitte, Frau Uschke. Kommen wir zur Sache. Könnten wir jetzt bitte damit anfangen, was genau die Erinnerungen sind, das, was Sie irgendwie ganz vergessen hatten, ja? Das Aufnahmegerät läuft.
Frau Uschke: Es ging einmal darum, daß das bei den Studentinnen oben eine Dreier-WG war. Das stieß übel bei mir auf. Denn, die Wohnung oben, die war nur an drei vermietet. Wie es schien, wohnte da aber noch eine vierte bei den drei oben. Eben diese Rothaarige da. Die hier am Foto.
Detektei Umschau: Was war also mit der, außer, daß die bei drei Studentinnen mit in der Wohnung wohnte, Frau Uschke?
Frau Uschke: Heute kann ich mich wieder daran erinnern, wie ich diese Rothaarige - die da auf dem Bild - zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht begegnet bin. Zum allerersten Mal. Ganz, ganz deutlich. Wie den klarsten Film sehe ich die einzelnen Szenen in meinem Kopf. Daß es unglaublich ist. Wirklich unglaublich. Und das ist eine Erinnerung. Etwas, was ich vergessen hatte. Erst seit kurzem wieder weiß. Hören Sie, junger Mann, ich bin eine Frühaufsteherin. Von Haus aus. Meistens stehe ich gegen vier, halb fünf Uhr morgens auf, ziehe mich an, gehe in die Küche. Das war auch an diesem Morgen. Ich hatte schon Kaffee gemacht, gefrühstückt. Dann habe ich noch so herumgewerkelt, ein paar Sachen für den Müll fertiggemacht. Gegen zehn Uhr vormittags sollten die Leute von der Müllabfuhr kommen, die Resttonnen leeren. Wollte dann noch ein paar Tüten bei mir in der Tonne draufstopfen. Außerdem wollte ich die Tonne rausfahren, an den Gehsteig. Ich hab angefangen, die Tüten zur Wohnungstüre rauszulegen. Dann hab ich bei mir die Wohnung zugesperrt. Am Radio sollte die nächste Ansage halb sieben Uhr sein. Das ist also die ungefähre Uhrzeit, zu der ich zur Tür raus bin. Den Durchgang in den Hinterhof bin ich, mit prallen Tüten links und rechts. War dann am Hinterhof eingetroffen, bin ich wie gegen die Wand gelaufen stehengeblieben. SIE da, die dort am Bild, die habe ich gesehen. Die da. Von der Sie, Herr Augustin, sagen, daß sie Manuela Dombrowski heißt. Diese Person sitzt tatsächlich nahe bei meiner Tonne am Boden rum, den Kopf zur Brust gesenkt. Als wäre sie in ihrem Suff dort gelandet. Dachte mir, wie ich mehrere Momente nur auf die draufstarre, die sitzt dort - und ist tot. Ist mir vorgekommen, die atmet nicht mehr. Bis sie plötzlich losstöhnt. Jämmerlich stöhnt die Rothaarige. Ihr Kinn hebt sie von der Brust hoch, guckt zu mir hoch, sagt leise: Muß weg. Raus der Sonne. Die Sonne soll weggehen. Scheiß-Sonne. Bringt mich jeden Moment um. Erschrocken habe ich mich, wirklich mich erschrocken, als ich ihr fleckiges Gesicht gesehen habe. Müssen Sie sich vorstellen, junger Mann, der Rothaarigen sind links und rechts so Linien von den Mundwinkeln herab verlaufen. War wie getrocknetes Blut. Wenn der was passiert war, mußte sie schon viel länger dort rumsitzen, wenn ihr Blut die Mundwinkel herabgelaufen war, und das trocknen hatte können. Jedenfalls, ich bin ich eine hilfsbereite Person. Lange Schreck einjagen kann mir außerdem so leicht nichts und niemand. In einer Sekunde hatte ich meine Tüten in meine Mülltonne gesteckt, habe den Deckel zugeschmissen. Dann habe ich mich zu der, die enge, schwarze Röhrenjeans anhatte, so schwarze Spitzstiefel, schwarze Lederjacke mit goldenen Nieten den Ärmeln und die Schulterpartie längs, herabgebeugt. Ich frage sie: Soll ich den Notarzt rufen? Da kommt Leben in die, raunzt sie mich schroff an: Das tun Sie nicht, Sie -! Keinen Arzt. Sie holen keinen Arzt. Bitte, helfen Sie mir einfach hoch. Helfen Sie mir hoch. Ich muß einfach weg hier. Nur weg hier. Muß weg. Nur weg aus der Sonne. Die Morgensonne, einfach immer nur schrecklich. Schrecklich. Die Sonne, da müßte doch mal jemand dafür sorgen, daß die ausgeknipst bleibt. Müßte man ausknipsen können. Gibt doch noch anderes Licht als Sonnenlicht. Mondlicht zum Beispiel. Schöner Mond. Schöner, freundlicher Mond. Der Mond liebt mich. Liebkost mir die Haut. Los, kommen Sie, helfen Sie mir auf die Beine. Sie müssen mir helfen, endlich aus der Dreckssonne zu kommen, ja? Mensch, ich schaff's echt nicht mehr alleine hoch. Es ist schrecklich.
Detektei Umschau: Diese Rothaarige hier war das also ...? Oder doch die da? Oder eine von denen hier?
Frau Uschke: Haha, Herr Augustin! Da sehe ich zwei Schauspielerinnen. Die Namen liegen mir auf der Zunge ... Die andern kenn ich nicht. Wie schon gesagt: Die hier war das. Keine andere. Die Fotos von den andern mit den roten Haaren können Sie jetzt gerne alle hier wegnehmen, woanders hintun.
Detektei Umschau: Gut, gut. Sie haben also wirklich Manuela Dombrowski da am Hinterhof bei den Resttonnen gesehen? Wie ist das mit Ihnen und der dann dort weitergegangen?
Frau Uschke: Nun, mich störte das Sonnenlicht nicht. Nicht im geringsten. Die grindige, stinkende Giftlerin störte die Sonne schon. So ein Gestank ist von der weg, als könnte sie jeden Moment verwesen. Ich sag's Ihnen. Dachte, das käme von den Spritzen, die sie sich dauernd irgendwo reinhaut. Da hat ihr Fleisch schon zu stinken angefangen ...
Detektei Umschau: Trotzdem, Sie sind immer weiter dort stehengeblieben? Waren hilfreich, oder was?
Frau Uschke: Ja! War nichts mit was anderem. Muß weg aus der Sonne ..., hat sie gemeint: Wollen Sie mir nicht endlich helfen? Komm nicht mehr alleine hoch. Komm nicht auf die Beine ... Bin nur dagestanden, habe auf die Rothaarige heruntergestarrt. Weiß nicht. Hätte am liebsten abgedreht, wär weggegangen. Nur, ich konnt das irgendwie nicht. Jemand anders hätte das vielleicht getan, hätte sich umgedreht, wäre davonspaziert. Wär nicht so hilfsbereit gewesen, obwohl mir nicht danach war, der viel unter die Arme zu greifen ... Helfen Sie mir doch jetzt, höre ich sie: Sie sehen das doch, wie schlecht's mir geht. An ihren roten Haaren zupft sie nur leicht, hat sie ein ganzes Büschel ihrer Zotten in den Fingern. Hatten sich ruckzuck von der Kopfhaut abgelöst. Ich hab die Augen aufgerissen. Die Rothaarige: Die Sonne macht mich fertig. Die Sonne bringt mich um. Sie müssen was tun, mir helfen, daß ich aus dem Sonnenlicht komme, hören Sie? Sonst sind Sie schuld, wenn ich ... Wenn ich ... An allem, was jeden Moment bei mir ist, haben Sie dann die Schuld. Lange müssen Sie nicht mehr warten ... Ich: Wenn ich den Notarzt rufe ...? Wär doch besser, oder? Wenn ein Arzt Sie versorgt ... Die Rothaarige: 'Nein, nein! Keinen Arzt. Fassen Sie mir doch bitte nur unter die Arme, helfen mir hoch. Bitte! Wenn ich wieder in den Schatten komme, ist schnell wieder alles in Ordnung. Ruckzuck geht das. Sie werden sehen. Bitte, machen Sie doch endlich was. Lassen Sie mich nicht länger leiden. Die Rothaarige hat mir ihr Handgelenk entgegengereckt. Sie: Schauen Sie doch hin! Schauen Sie doch. Meine Haut trocknet aus, jede Sekunde mehr. Ich fange bald an, Löcher zu kriegen. Echte Löcher. Erst trocknet mir die Haust aus. Dann kriege ich Flecke, Risse - und dann Löcher. Es wird mich in kürzester Zeit umbringen. Verdammte Sonnenlichtempfindlichkeit. Ich werde zerbröseln. Wollen Sie dabei zuschauen? Hätte ich doch nur schon meine Pillen genommen ... Jetzt muß ich mir dann eine Infusion besorgen. Scheiß-Welt.
Detektei Umschau: Wirklich detailreich. Wie Sie erzählen, wie und was Sie geredet hat ... Hat die Rothaarige das wirklich so gesagt?
Frau Uschke: Ja!
Detektei Umschau: Erst können Sie sich an überhaupt nichts erinnern, sagen Sie, Frau Uschke, dann erinnern Sie sich sogar an jedes einzelne Wort. Die Worte, die die mit Ihnen geredet hat. Alles bis ins kleinste Detail. Unglaublich.
Frau Uschke: Sage ich doch, niemand glaubt mir das. Es ist nicht zu fassen. Alles ist so irre deutlich. Ich sehe die Bilder, höre richtig die Worte. Die Rothaarige, mit langgestreckten Beinen saß sie in ihrer schwarzen Röhrenjeans an die Wand gelehnt am Teerboden. Sie spricht zu mir ... Ich war dann soweit, der Rothaarigen mußte ich helfen. Ganz nah hab ich mich zu der hinbegeben. Knapp seitlich von ihr stellte ich mich auf. Ich habe mich herabgebeugt, ihr unter die Arme gegriffen. Sie war unheimlich leicht. Hatte kaum Gewicht. Im Nu hatte ich sie hochgebracht. Stehenbleiben konnte sie aber nicht auf ihren Beinen, ich mußte sie stützen. Ihren ekligen Geruch habe ich ausgehalten. Echt wahr! Gestank hatte ich in der Nase. Einen echtenTotengeruch. Der Geruch nach Blut und Tod. Da hatte ich große Lust wegzurennen. Am liebsten hätte ich die Rothaarige von mir gestoßen, wäre zurück in meine Wohnung gerannt. Hätte hinter mir abgesperrt. Auf mein Sitzsofa hätte ich mich legen können. Das Fernsehgerät anschalten, mit der Fernbedienung durch die Programme zäppen. Nur daß leider die Mülltonne noch nicht rausgefahren war. Andere mußten die Tonne auch noch auf die Straße fahren. Bis halb zehn, zehn hatte sie Zeit ...
Detektei Umschau: Sie haben ihr nun helfen MÜSSEN ...?
Frau Uschke: Etwas andres war mir nicht möglich. Ich habe der Rothaarigen immer weiter geholfen. Obwohl ich woanders hinwollte. Gestützt habe ich sie, ihren üblen Geruch ertragen. Eigentlich nicht zu fassen. Bin mit ihr in die Zwischenpassage. Daß sie nicht mehr im Licht der Morgensonne war. Wirklich, kaum war sie nicht mehr der Sonne ausgesetzt, ziemlich rasch ist sie wieder zu Kräften gekommen. Viel kräftiger kam sie mir von einer Sekunde zur andern vor. Ich war voll perplex davon, wie rasant ihr die dunklen Flecke auf der Haut weggingen. Ihre Lippen sahen schon nicht mehr brüchig aus. Sehr, sehr rasch, daß die sich erholte. Kaum ein paar Momente fern der Strahlen der Morgensonne, kam die mir wieder fit vor. Fit und gefährlich. Ich fühlte, wie mir die Knie weich waren. Obwohl ich mich schwach, lahm fühlte, hab ich zu ihr gemeint: Wollen Sie wirklich nicht, daß ich den Notarzt rufe? Gern hätte ich die Rothaarige losgelassen, wäre von ihr weg, konnte das aber einfach nicht. Wie es aussah, konnte ich erst von ihr loskommen, wenn sie sagte, daß ich weggehen durfte. Quasi, wenn sie mir die Freiheit gewährte. Ganz komisch blickte die Rothaarige zu mir hin. Sie: Nein, wir rufen keinen Notarzt. Das lassen wir schön bleiben. Es geht mir auch schon wieder besser. Viel, viel besser. Die Hauptsache ist immer, ich bin raus aus der Sonne. Besonders die Sonne am Morgen ist für mich das Elend. Möchte mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken, daß Sie mir geholfen haben, der bösen Macht der Morgensonne zu entkommen. Vielen Dank, sag ich. Von alleine hätte ich das nicht geschafft, mich vor der Morgensonne in Sicherheit zu bringen. Die Morgensonne ist viel schlimmer als die nachmittags oder die Abendsonne. Die Sonne am Nachmittag oder am Abend halte ich viel, viel besser aus. Manchmal kann ich sogar stundenlang in der Sonne spazierengehen. Brauch nichts als eine Sonnenbrille. Nur, die Morgensonne. Das direkte Sonnenlicht am Morgen ... Das hätte das gemeine Licht nicht schaffen dürfen, mich zu faszinieren. Daß ich sogar rausgehe. Wirklich nicht. Sterb doch richtiggehend dran. Hört sich ganz unglaublich für Sie an, was? Was sagen Sie? Ich fing an, mir Sorgen zu machen. Weil es plötzlich aussah, sie hätte mich im Griff, nicht ich sie. Eine unheimlich Stärke spürte ich bei ihr. Als könnte sie mir jeden Moment den Unterarm brechen. Mit einer Hand. Ich, um für hastige Ablenkung zu sorgen: Wo wollen Sie eigentlich hin? Ich stütze Sie gerne noch ein bißchen. Helfe ich Ihnen weiter ... Bringe Sie auch über die Straße, hinüber auf die andere Straßenseite, wenn Sie ... Oder, können Sie jetzt alleine ...? Soll ich Sie doch schon loslassen? Damit Sie alleine ...? Die Rothaarige: Ah - nein! Warten Sie noch einen Augenblick. Geht zwar schon wieder. Aber, ich will's noch nicht gleich übertreiben, wissen Sie ...? Wir sind hier außerdem richtig, müssen doch nicht woanders hin. Ich wohne hier im Haus. Ich: Wirklich. Hier im Haus wohnen Sie? Wo denn? Auf welcher Etage? Sie: Im dritten Stock oben. Wenn Sie bitte die Klingel drücken, wo Ettnach draufsteht. Bei Beate Ettnach wohn ich oben. Ich: Ach, in der WG wohnen Sie? Bei Beate Ettnach in der WG. Bei den drei Studentinnen? Die Rothaarige: Ja! Bei denen bin ich eingezogen. Ich: Ach was, Sie sind bei Beate Ettnach eingezogen? Für wie lange denn? Weiß davon der Hausbesitzer? Oder bleiben Sie nur für ein paar Tage, bis Sie was anderes gefunden haben? Die Rothaarige: Bei mir ist das mit dem Wohnen ein wenig kompliziert. Das kommt immer drauf an. Ich schlafe aber auch schon mal wieder bei Änschie drüben. Je nachdem. Änschie, die wohnt im Haus die Straße gegenüber. Hier dem Haus fast gegenüber. Aber zurzeit bin ich mehr bei Beate oben, bei Beate Ettnach ... Änschie ist das ganz lieb, daß ich zu Beate rübergewechselt bin. Könnt aber jederzeit auch wieder zu Änschie Rebhaus zurück. Hätt ich Lust. Muß Änschie sich aber erst wieder erholen. Hat Änschie sich erholt, werd ich sicher wieder mal für länger bei Änschie wohnen. Kommt alles immer ganz drauf an. Wirklich. Hat Änschie sich erholt, schau ich wieder zu Änschie rein ... Ich: Ah - ja? Die Rothaarige: Macht Beate Ettnach nichts aus, daß ich bei ihr wohne. Ich brauch nicht viel Platz. Wirklich nicht. Für mich reicht auch die Besenkammer. Ich: Denken Sie nicht, daß der Hausbesitzer darüber Bescheid wissen sollte, daß Sie hier im Haus eingezogen sind? Sie zahlen doch keine Miete, oder? Die Rothaarige: Doch zahl ich was. Ich zahle ein bißchen Geld in die Gemeinschaftkasse bei Beate oben. Ich: Dann ist ja gut, wenn Sie das bei Fräulein Ettnach tun. Wenn das aber der Hausbesitzer erfährt, daß noch eine bei Beate Ettnach oben wohnt ...? Da müßte Beate Ettnach wohl mehr Miete zahlen ... Die Rothaarige: Woher soll der denn was erfahren? Ich bitte Sie! Von Ihnen etwa? Dann will ich mal zu Beate hoch. Ich muß schnell in die Heia. Es wird nach der Nacht allerhöchste Zeit für mich. Mann, hab ich heute wieder ein Glück gehabt. Ohne Ihre Hilfe wäre ich in der Sonne liegengeblieben, Frau ...? Ich: Uschke. Die Rothaarige: Den Rest kann ich jetzt alleine. Fühl mich wirklich schon wieder sehr gut. Nur müde. Sehr, sehr müde. War eine lange Nacht. War sehr nett von Ihnen, mir geholfen zu haben. Wir sehen uns. Ich: Ja, könnte schon sein. Wohne ja auch hier im Haus. Sie, die Rothaarige, hat mich reden gelassen, sich nicht mehr nach mir umgedreht. Zur Haustreppe ist sie. Die Stiegen ist sie torkelig hoch. Ich hab mich die ganze Zeit nur eins gefragt, warum ich mir das nie gedacht habe, die Rothaarige könnte wo bei mir im Haus wohnen. Mit Beate Ettnach wollte ich ein ernstes Wörtchen reden. Die konnte nicht einfach Leute bei sich oben wohnen lassen, selber kassieren. War noch eine bei ihr oben eingezogen, hatte sie mehr zu blechen, ganz einfach.
Detektei Umschau: Hm, Frau Uschke, erlauben Sie mir einen Einwurf?
Frau Uschke: Was immer Sie wollen, junger Mann.
Detektei Umschau: An der Stelle muß erwähnt werden: Der Hausbesitzer und der Wohnungsvermieter, das sind Sie, Frau Uschke. Das darf doch gesagt werden, obwohl das Aufnahmegerät läuft, Frau Uschke, daß eigentlich Ihnen das ganze Gebäude gehört, nicht wahr?
Frau Uschke: Wenn Sie meinen.
Detektei Umschau: Wir können das auch löschen, wenn Sie das auch außen vor lassen wollen.
Frau Uschke: Ach was! Lassen Sie nur, junger Mann. Daß mir das ganze Haus gehört, das ist eigentlich kein Geheimnis. Wenn man mich darauf anspricht, sage ich das jedem. Nur, ahnungslosen Leuten gegenüber lasse ich das nicht heraushängen. Die, die in den Wohnungen wohnen, von denen wissen es deswegen nicht alle. Die kommen zwar zu mir runter, läuten bei mir an der Wohnungstüre. Das aber, weil sie denken, daß ich irgendwie dazu angestellt bin, daß ich mir Probleme der Mieter im Haus anhöre. Daß ich die Neuigkeit dann an jemand weiterleite. Stimmt ja auch. Ich gebe dann der Firma Fester Bescheid. Mit der ich zusammenarbeite. Die Firma Fester, die Hausmeisterarbeiten erledigt. Den Mietern sage ich, daß so bald wie möglich jemand vorbeikommt, sich um alles kümmert. Die Reparatur ausführt, Schäden behebt. Wenn andererseits jemand direkt was vom Vermieter möchte, sich über irgendwas oder jemanden im Haus zu beschweren, oder weil er, sie die Miete nicht zahlen kann, sage ich, daß ich alles an den Eigentümer des Hauses weitergebe. Einen Brief werde ich schreiben, in dem ich ihm die Beschwerde mitteile. Oder das, daß die Miete im nächsten Monaten mit der nächsten Miete mitgezahlt wird. Auf den Schreiben, die ich den Leuten als Antwort schicke, steht der Name meines verstorbenen Mannes. Dessen Name ist als Hauseigentümer von mir noch immer nicht offiziell im Grundbuchamt gelöscht worden. Eigentlich heiße ich ja immer noch wie er. Nur im Haus, im Haus habe ich wieder den Namen angenommen, mit dem ich geboren worden bin, Uschke.
Detektei Umschau: Ausgerechnet SIE hat die Rothaarige darüber unterrichtet, daß sie bei den drei anderen in der Studentinnenwohngemeinschaft oben im dritten Stock wohnt.
Frau Uschke: Ja, ausgerechnet mich. Ich habe noch am selben Tag einen Brief ausgesetzt. Drei Tage später hatte die Drei-Studentinnen-WG den in ihrem Briefkasten. Vom Postboten gebracht. Im Namen des Hausbesitzers und des Vermieters - also dem meines toten Mannes - habe ich darauf hingewiesen, daß den drei Studentinnen die Wohnung gekündigt werden könnte, wenn noch jemand in der Wohnung wohnt und keine Miete zahlt. Der Hauseigentümer möchte über jeden Bewohner in seinen Wohnungen Bescheid wissen. Daß jemand schwarz wohnt, ohne Miete zu zahlen, das geht nicht.
Detektei Umschau: Ah - ja! Das war eine Begegnung mit der Rothaarigen. Von der haben Sie jetzt erzählt. Aber Sie sagten, Sie hätten noch ein paar Begegnungen mit Manu gehabt. Was war nun weiter Interessantes mit der?
Frau Uschke: Erst mal: Ich habe die Rothaarige ein paar Tage drauf noch mal zwischen den Mülltonnen gefunden. Wieder habe ich ihr weitergeholfen. Sie hat sich schwer auf mich gestützt, hatte Flecke im Gesicht, Haut und Haare, die sich bei ihr ablösten, brüchige Lippen, von denen es schwarz blutete. Also, es hat diesesmal ausgesehen, als wäre alles sehr knapp bei ihr gewesen. Nur schwer erholte sie sich. Notarzt durfte ich trotzdem keinen rufen. Obwohl ich droben in der Wohnung Beate Ettnachs geläutet hatte - die Rothaarige meinte, es wäre sicher jemand oben in der Wohnung -, hat das gedauert, bis von oben jemand die Treppe heruntergekommen ist. Die Rothaarige hat sich ans Treppengeländer gelehnt, während sie und ich gewartet haben. Dachte wirklich, kommt keine der Studentinnen runter, ist es jede Sekunde soweit, ich müßte der stinkenden rothaarigen Giftlerin tatsächlich noch die Stiegen hochhelfen. Spuren getrockneten Blutes hatte sie um die Mundwinkel, daß ich mich gefragt hab, ob das mit ihrer Morgenlichtempflindlichkeit und ihrem Aussehen nicht auch in einem Vampirfilm spielen könnte. Ihre Augen funkelten mich so komisch bösartig an. Fünf Zweihunderter-Scheine hat sie mir unvermittelt in die Hand gedrückt. Für die Miete, sagte sie; ich sollte das Geld an den Vermieter weiterreichen. Beate Ettnach höchstpersönlich ist für die Rothaarige heruntergekommen, als die Rothaarige sich eben daranmachte, sich so schnuppernd an mich ranzumachen. Als wolle sie im nächsten Augenblick irgendwas mit mir machen. Weiß nicht. Keine Ahnung, was die mit mir vorgehabt hätte, was da geschehen wäre. Beate Ettnach, blond, hübsch, verhinderte das. Beate Ettnach, die droben auftauchte. Totenbleich im Gesicht, fand ich, daß Beate Ettnach ausschaute. Als bräuchte Beate Ettnach jeden Moment einen Kübel. Mich und die mit dem roten Haar, die sich grinsend nach ihr umwandte, betrachtete Beate Ettnach. Die hat mich schon wieder draußen zwischen den Tonnen gefunden, Beatelein, hat die Rothaarige geraunzt: Kaum ist da die Morgensonne, torkel ich nur noch rum. Bin jämmerlich gefangen. Konnt nicht mehr in den Schatten finden. Unmöglich. Blödes Morgenlicht. Blöde Sonne. Macht mir Matsche im Kopf. Die da, die hat mich schon wieder so gefunden, Beatelein ... Hat mir unter die Arme gegriffen, mir geholfen, den Sonnenstrahlen zu entkommen. Hier ins Haus hat sie mir reingeholfen, sie, die liebe Frau Uschke. Im Gesicht Beate Ettnachs hat es gezuckt. Tränen sind der in die Augen geschossen. Weiß nicht. Danke, daß Sie Manu geholfen haben, Frau Uschke, meinte Beate Ettnach lahm. Mir war, daß ich aufpassen sollte. Konnte sein, das Fräulein Ettnach könnte sich jede Sekunde vorbeugen, mir auf die Hausschuhe zu speien. Noch was Auffälliges: Ein Verhältnis war das, das zwischen Beate Ettnach und der Rothaarigen, die Beate Ettnach Manu nannte, herrschte ... Nicht das Wahre. Weil, ich war noch nicht bei mir in der Wohnung drinnen war, sondern draußen vor der Türe, sperrte auf, stand Beate Ettnach immer noch nur rum, stierte dumpf vor sich hin. Fährt die Rothaarige Beate Ettnach dermaßen von an, daß ich mich fragte, richtig zu hören: Kommst du nicht her zu mir, du Miststück? Los, Schlampe, greif mich unter dem Arm, hilf mir, endlich hier weg- und in die Wohnung zu euch Schnallen hochzukommen. Mann, komm ja schon, Manu, hat Fräulein Ettnach gesäuselt, sich der Rothaarigen genähert, von der ich mir dachte, die hätte sich doch schon wieder erholt, könnte selber die Treppe hochsteigen. Unwillig hat Beate Ettnach bei der untergefaßt. Dann sehe ich die beiden, Beate Ettnach und die Rothaarige, wie die in meinem Haus langsam die Stiege hochsteigen, ohne daß sie sich was zu sagen gehabt hätten. Fand die beiden und alles wirklich seltsam.
Detektei Umschau: Und nun, Frau Uschke, Sie da mit ihr am Hinterhof ...?
Frau Uschke: Auf den zweiten Blick sahen die Dinge bei der für mich schon anders aus. Mehrere Schnaps- und Weinflaschen standen bei dieser Manu am Teerboden rum. Aus allen war gesoffen worden. Zwei, drei Pullen waren am Boden zu Bruch gegangen. Glasscherben verteilten sich überall um diese Manu im weißen Minikleid herum, als wären der Flaschen über den Schädel gezogen worden. Wollte, mußte ich zu der hin, umgaben die Scherben die wie eine Grenze. Dazu gab's am Boden auch mehrere dunkelrot blutgetränkte Papiertaschentücher am Boden. Manus fleckiges Gesicht sah aus wie frisch abgewischt. Nur nicht am Kinn, wie gesagt. Ah, Manus weißes Kleid auch nicht ganz weiß, sondern hatte hübsche Blutspritzer. Zum Abdrehen und Weggehen, das Ganze. Nichts brauchte irgendwer. Ich sicher am allerwenigsten. Was glotzen Sie so blöde her, Frau Uschke? höre ich von der. Ich hab gehustet, laberte: Hier bei Ihnen schaut's aber aus ... Was war bei ihnen hier am Hof los? Die Rothaarige: Och ja! Ein paar Jungs wollten spielen. Haben gespielt. Jetzt haben sie sich davongemacht. Zwei der Mülltonnen waren umgeschmissen, ihr Inhalt herausgeflutscht. Zum Glück alles in Plastiktüten, daß ich, räumte ich auf, die Tüten nur zurück hineinzutun brauchte, sonst nichts. Eine dritte Tonne jedoch, die war ausgekippt worden. Umgekehrt stand die Tonne da, der Deckel am Boden offen. Vandalismus, das Delikt. Was sagen wir dazu, Frau Uschke? erlausche ich die Rothaarige: Wolken am Himmel. Da macht mir schon weniger was aus, brennt die Morgensonne nicht so, Frau Uschke. Heute halt ich die helle morgendliche Welt ein bißchen besser aus. Fast wie die am späteren Nachmittags. Abends. Und ich hab mehr Kraft, weil ich frisch was getrunken habe. Wenn das nichts ist ... Ich nehme wahr, daß das weiße Kleid dieser Manu nicht blickdicht war; überhaupt nicht. Alles konnte ich bei Manu plötzlich ziemlich deutlich sehen. Ihre Brüste. Ihr dunkles Haardreieck. Zu blinzeln fing ich an ... Die Rothaarige: Haben Sie die Jungs gesehen, Frau Uschke? Ich: Ja. Die Rothaarige: So wild. Ganz, ganz wild. Und plötzlich laufen sie mir alle einfach weg. Gerade war's hier noch so lustig. So abgedreht waren sie. Haben Spaß gemacht. Konnt mich fast nicht gegen sie wehren. Dann spielt der eine verrückt. Bellt hier durch die Gegend. Und am Schluß laufen mir die kleinen Feiglinge weg ... Haha! Glaub, jeder von denen muß die nächsten Stunden zum Doc. Anders kriegen sie das, was sie stehen haben, nicht klein. Haha! Da werden sich Muttis oder Vatis fragen, was das mit ihren Söhnen ist - hahaha! Was die wohl für Sachen schlucken ... Kann schon peinlich sein, wenn der Doc, der das sieht, was fragt ... Die Mutti. Den Vati. Die Antwort geben sollten ... Böse Jungs. Böse, böse Jungs. Zum Anknabbern. Habe das ja auch, geknabbert ... Haha!
Detektei Umschau: Erst wissen Sie nichts mehr von diesen Szenen, dann alles so ganz genau, Frau Uschke? In so vielen Einzelheiten ...?
Frau Uschke: Ich hör diese Manu sogar richtig sprechen, Herr Augustin. Keine Ahnung. Als würde ich vor meinem Fernsehgerät sitzen, der Schauspielerin nachsprechen. Weiß nicht, was das ist. Mensch, Mensch, eine schiefe Welt war das dort, sage ich Ihnen. Eine schiefe Welt. Alles immer erst auf den zweiten, dritten Blick, schärfer, genauer. Diese Manu, die saß nämlich überhaupt nicht an die Wand angelehnt. Sie lehnte mit der Hüfte gegen was anderem. Es war, als hätte ich erst die Perspektive. Dann gibt es eine Korregur ... Dann bekomme ich erst richtig alles mit. Einmal, diese Manu - Sandalen hatte sie an den Füßen. Mit den Füßen, daß sie Glasscherben bei ihr am Boden beiseite zu schieben anfing. Immer hatte sie ihren Arm komisch hinterrücks. Als verberge sie da irgendwas vor mir, was sie jeden Moment zum Vorschein bringen könnte. Dann hab ich den Arm doch ganz zu sehen gekriegt. Das, was sie dahinter hatte, war ... Also, das, gegen das sie eigentlich angelehnt stand, war ein Ding, das unten Räder dran hatte. Ein Art Rollator. Den Rollator, daß sie vorschob. Auf die schwarze Sitzfläche, daß sie sich draufhockte, daß ich es bewußt sah. Das ganze Gestell, was das war, das hatte ich nicht richtig sehen können, weil sie es mit ihren Beinen und dem ganzen Körper meinen Augen verborgen hatte. Oder ich konnt alles einfach nicht zu einem vollständigen Bild zusammenbringen, Herr Augustin. Als ob ich an dem Morgen zunächst nicht dafür gemacht war. Das Rollding - der Rollator -, das war etwas nicht Marke Altersheim. Sondern Krankenhaus. Etwas aus dem Krankenhaus. Im Krankenhaus hatte ich sowas schon öfter gesehen bei Leuten. Das war ein Metallgestell mit Sitzfläche und so zwei hochragenden Stangen hinten. Zwischen denen so ein halbvoller Klarsichtplastikbeutel mit durchsichtiger Flüssigkeit drinnen dranhing. Ein Plastikschlauch verlief zu einer Kanüle in ihrer Armbeuge. Mit Heftpflastern war die Kanüle dran festgemacht. Ich sage Ihnen: Ich konnte da am Hinterhof die Entwicklung der Abläufe vor meinem Augen einfach nicht fassen. Der durchsichtige Plastikschlauch befand sich an dem Beutel unten dran, der zu der Rothaarigen hinverlief. Unterhalb von ihrem Handgelenks rückwärtige Seite waren ebenfalls verschiedenen Heftpflaster, als könnte die Kanüle dorthin gewechselt werden. Den Arm, den hat sie absichtlich vor mir versteckt gehabt, Herr Augustin, sage ich Ihnen. Um es deutlich auszudrücken: An einen Tropf war die Rothaarige angehängt. Das war auch kein weißer Minirock, den Manu, die Rothaarige, anhatte. Das war ein weißer Krankenbettkittel, der ihr bis Mitte Oberschenkel herabreichte. Mit einem Krankenhausrollator mit angehängtem Tropf war die unterwegs. Als wäre sie irgendwann nachts aus einem Krankenhaus, in dem sie auf einem Zimmer gelegen hatte, ausgerissen.
Detektei Umschau: Das konnten Sie erst jetzt klar wahrnehmen, Frau Uschke?
Frau Uschke: Wenn ich das sag! Mit so einem Gestell auf Rädern kannst du als Patient im Krankenhaus durch die Flure fahren, überall rumgehen, obwohl du am Beutel angehängt bist. Statt im Krankenbett liegen zu müssen, machst du mit so was in der Gegend rum. Wanderst durch die Flure, gehst in die Caféteria. Erst jetzt sah sie so für mich aus. Wie aus dem Krankenhaus ausgerissen, diese Manu ... Ein Krankenkittel war das, kein Minirock, den sie anhatte. Anders kann ich das nicht ausdrücken. Glauben Sie's mir oder nicht. So hat das jetzt dort für mich ausgesehen.
Detektei Umschau: Das ist keine Glaubensfrage, Frau Uschke. Anschaulich genug malen Sie für unsere Zwecke die Bilder Ihrer Geschichte. Gut genug ist alles verständlich. Denke, sogar mehr als das.
Frau Uschke: Den Kopf habe ich gegenüber der Rothaarigen geschüttelt. Am liebsten hätte ich mich von ihr abgewandt, hätte mich in meine Wohnung zurückbegeben. Weitergemacht damit, meine Schuhe zu putzen. Oder mit meinen monatlichen Wohnungsputz anzufangen. Statt am Hinterhof alleine mit einer wie der herumzustehen, in Dinge verwickelt zu sein, die ich nie gebraucht hätte. Sicher im Leben nicht. Nur, ich war wie bei der gefangen. Blieb bei ihr stehen. Jetzt, wo alles wieder still war unten am Hinterhof, kümmerte sich auch keiner mehr um irgendwas. Niemand fiel ein, oben ein Fenster aufzureißen, zu mir und der Rothaarigen herunterzuschreien. War nur eine trübe Hoffnung, an dem Morgen könnte vielleicht trotzdem plötzlich jemand von oberhalb im Haus den Einfall haben, die Stiegen herunterzukommen. Müll runterbringen oder so. Sportler gab es auch im Haus. Läufer, Geher. Weiber, Männer mit Skistöcken. Hätte ruhig einer hinten in den Hof hineinsehen können, damit ich von dem Ganzen erlöst worden wäre. Von selbst schien ich mich nicht von der Rothaarigen, dieser Manu, abwenden zu können. War nur am Herumstehen, brachte es, sie anzuglotzen. Sie können vielleicht doof gucken, Frau Uschke, sagte die auch zu mir. Hab ich gefragti: Was haben Sie denn mit den jungen Kerlen hier am Hinterhof getrieben? Wo haben Sie die Schüler denn aufgetrieben, nachts? Antwortet die Rothaarige: Was ich mit denen getrieben habe? Was wohl? Na, Spaß haben wir gehabt. Sehen Sie doch, daß Leute hier hinten Spaß hatten, oder? Jede Menge Flaschen. Bier, Wein. Geschrien haben die Jungs. Mensch, sie wollten Spaß. Spaß haben sie gekriegt. Jede Menge Spaß. Und Geld auch. Geld hab ich denen auch gegeben. Scheinchen hab ich ihnen in die Hosentaschen geschoben. Noch mal ein Spaß. Geld ist auch Spaß. Und wie die Scheine sie erst angeschärft haben. Wie sie von den Scheinen angeschärft waren, hätten Sie sehen müssen. Da durfte ich dem einen am Schluß auch in den Hals beißen, bis der geblutet hat ... Ah, lecker Blut. Lecker Blut. Der hatte echt lecker Blut ... Ich: Sie sind ekelhaft. So was nennen Sie Spaß? Ruhestörung war es. Deshalb bin ich überhaupt erst hier hinten. Und wie Sie aussehen... Sie könnte man mit Ihrem Gesicht für einen Vampirfilm nehmen. Dann das Dingens da, aus dem Krankenhaus ... Die Rothaarige: Na und? Behindert hat das keinen. Mich nicht, die nicht. Glauben Sie mir das. Die fünf konnten alles machen ... Ich: Nein, hier hinten? Die Rothaarige: Warum denn nicht? Kann doch alles machen, oder? Bin doch nicht bettlägrig. Aus dem Beutel da läuft es auch in mich rein. Gibt mir auch Kraft. Das ist alles, was ich brauche. Und dann die fünf dazu ... Die haben schnell gepumpt. Hat 'ne Runde keine zehn Minuten gedauert, denk ich. Hatten doch alles, mußten nicht stinkig sein, die Jungs. Nicht herumplärren, Flaschen kaputt hauen ... Mich dumm anreden ... Fertig werden konnte so oder so keiner von denen mit mir ... Den Kopf hab ich geschüttelt. Die Rothaarige: Uschke heißen Sie, nicht, Frau Uschke? Ich: Ja, Uschke. Die Rothaarige: Das ist schön, daß sie Uschke heißen. Liebe Frau Uschke, Sie können mir hier wieder helfen. Wieder mal. Heute möchte ich aber nicht zu Beate hinauf. Nicht zu Beate und den andern. Nein. Beate und die andern, die müssen sich jetzt ein paar Tage erholen. Von mir. Heute, Frau Uschke, will ich die Straße rüber. Und Sie helfen mir rüber, nicht wahr? Ich hab sie angeglotzt. Die Rothaarige, diese Manu: Was denn, Frau Uschke? Etwa nicht? Glaub nicht, daß Sie mir nicht helfen. Bleibt Ihnen auch nichts andres. Sie werden mir schon helfen ... Ich: Hier am Hinterhof war viel Geschrei. Flaschen wurden zerschmissen, Mülltonnen umgekippt, eine ausgeschüttet ... Ziemlich junge Kerle sind von hier hinten herausgelaufen ... Und Sie, hier ... Die Polizei könnte kommen ... Die Rothaarige: Ach was, Frau Uschke. Hören Sie was, sehen Sie Polizisten? Weit und breit kümmert sich keiner um was. Was hier hinten ist, interessiert nicht. Das waren auch liebe Jungs. Die rufen keine Polizisten an. Außerdem: Kann ich was dafür, wenn sie hier hinten rumkreischen? Hatten doch alles. Mich, was zu saufen ... Einen stehen. Dann laufen sie weg. Laufen einfach weg. Obwohl sie mir erst geholfen hatten, hier hinten rein zu kommen. Hierher haben mich die fünf geführt. Hier hinten rein. Haben ihr Bier gesoffen, Wein ... Dann mich ... Und ich ... Na! Glauben Sie, ich hätte das denen verklickern können, daß sie hier hinten falsch sind? Auf der anderen Straßenseite, da sollten sie rein. Aber, keiner von denen hat auf mich hören wollen. Daß ich hier hinten falsch bin. Ganz falsch. Das läßt die kalt. Einfach kalt. Na schön. Jetzt ist es auch egal. Sind jetzt fort, die Jungs. Mal sehen, ob ich nicht den einen oder andern demnächst rufen werd können. Mal sehen. Nur, deswegen bin ich immer noch hier drüben. Dafür sind jetzt Sie da, Frau Uschke. Herbeigekommen. Könnte Sie gerufen haben, Frau Uschke. Jedenfalls fühlten Sie sich gerufen. Während die oben geblieben sind. Auch egal. Jetzt sind Sie da bei mir, Frau Uschke. Sie, Frau Uschke. Sie helfen mir rüber über die Straße. Dann kommen Sie hier wieder auf den Hof zurück, Frau Uschke, räumen Sie hier schön auf. Das machen Sie, nicht wahr, Frau Uschke? Ich: Warum können Sie das nicht alleine? Nicht alleine über die Straße gehen? Sagten Sie nicht vorhin, heute geht's Ihnen besser, Sie hätten mehr Kraft ...? Sie hat zu lachen angefangen, Herr Augustin. Gelacht hat sie.
Detektei Umschau: Was ist, Frau Uschke?
Frau Uschke: Vielleicht hätte ich doch nicht zu Ihnen kommen sollen. Jetzt bereue ich, zu Ihnen gekommen zu sein. Daheimbleiben wäre viel besser gewesen ... Ist doch Klapsmühle, was ich rede. Mit so was kommt man in ein psychiatrisches Krankenhaus.
Detektei Umschau: Ach was, Frau Uschke. Alles ist genau richtig. Das Aufnahmegerät läuft. Erzählen Sie einfach freiweg. Um uns müssen Sie sich keine Sorgen machen. Wirklich nicht. Alles, was Sie heute wieder wissen, für uns ist es von Interesse, ja? Sehr interessant sogar.
Frau Uschke: Na schön! Ich war mit der Rothaarigen, dieser Manu, auf dem Hinterhof. Schon ein Weilchen jetzt. Ich sagte dann tatsächlich zu ihr: Ich geh dann besser jetzt! Manu, die Rothaarige: Nein! Sie gehen nicht. Sie bleiben. Ich: Warum lassen Sie mich nicht fort? Über die Straße können Sie doch sicher auch alleine gehen, nicht? Die Rothaarige: Ich hab diese Morgenlichtempfindlichkeit. Die Sonne, wenn die rauskommt. Zwischen den Wolken rauskommt. Sehr schlimm. Sehr, sehr schlimm würde das für mich. Sollte eigentlich schon längst bei Änschie drüben sein. Sollte mich zur Ruhe gelegt haben. Kommt die Sonne richtig raus, erwischt sie mich, brech ich auch mitten auf der Straße zusammen. Da ist es besser, ich hab jemand, der bei mir ist und mich stützen kann. Außerdem, so wie ich aussehe ... Zu zweit macht weniger Aufsehen. Ich mit dem Rollator, fast nackt. Nein, Sie bleiben. Deswegen begleiten Sie mich, ja? Ich: Nein! Die Rothaarige: Doch! Die morgendliche Sonne ist viel, viel gefährlicher als die nachmittags, abends. Erwischt mich die Morgensonne zu direkt, dann ... Dann wird meine Haut erst schartig. Dann krieg ich echte Löcher. Das kann dauern, bis mir die Löcher wieder weggehen. Kann vielleicht Wochen nicht mehr unter die Leute. Wenn ich einen Zusammenbruch habe, werden Sie dafür sorgen, daß ich schnell zu Änschie ins Haus komme. Im Aufzug fahren Sie mit mir zu Ängie hoch, liefern mich bei Änschie vor der Wohnungstür ab. Daß das klar ist. Anderes würde ich Ihnen nicht raten. Änschie-Baby, sie wird sich freuen. Änschie-Baby freut sich immer, mich wiederzusehen. So groß die Freude, können Sie sich nicht vorstellen. Sie haben jetzt die Wahl: Entweder helfen Sie mir zu Änschie über die Straße. Oder - ich komm mit zu Ihnen in die Wohnung. Dann aber ... Wenn ich erst drinnen war bei Ihenn, dann komm ich aber zu Ihnen rein in die Wohnung. Wenn ich schon mal bei Ihnen in der Wohnung drinnen war, dann komm ich immer dort rein. Ob Sie's wollen oder nicht, Sie machen mir auf. Sie haben keine Wahl. In mir war ein Gefühl der Hilflosigkeit. Irgendwie war mir das klar, daß ich die Rothaarige nicht zu mir reinkommen lassen sollte. Nicht richtig. Nicht wirklich. Nicht länger wollte ich mich gegen Manu, die Rothaarige, auflehnen. War auch egal, wenn es nur das war: Ihr über die Straße und in das das Haus nebenan rein helfen. Das war doch nichts, oder? Und wenn sie dort war, und ich weggehen konnte, war ich sie los. Wieder los. Ich: Ich werde Sie auf die andere Straßenseite hinüberbegleiten? Die Rothaarige: Sag ich doch. Schaff ich es plötzlich nicht mehr alleine, greifen Sie mir unter die Arme, stützen mich, fahren mich im Aufzug zu Änschie hoch. Nebeneinander sind wir, die Rothaarige und ich, aus dem Hinterhof hinaus, die Gehpassage hoch. Trotz meines Widerwillens, war ich der eine Hilfestellung, hab ihr über die Straße geholfen. Mußte so gehen, daß nicht jeder, der zufällig zu ihr, Manu, der Rothaarigen, hinguckte, sofort das mitkriegte, daß bei ihr hinten der weiße Kittel auseinanderklaffte. Damit nicht jeder sofort ihren nackten Rücken und ihr Hinterteil zu sehen kriegte ...
Detektei Umschau: Könnte also gut möglich sein, daß Manu wirklich in einem Krankenhaus war ...?
Frau Uschke: Ich weiß es nicht. Aber, warum nicht? Ausgesehen hat sie am so. Das gesamte Auftreten der Rothaarigen war für mich schwer zu begreifen. Krankenhaus - nicht Krankenhaus? Was weiß ich? Jedenfalls war ihr Aussehen das von einer, die sich aus dem Krankenhaus davongemacht hatte. Was das dann wirklich war - keine Ahnung. Ich wußte nur, daß ich ihr vielleicht entkommen konnte. Wenn wir drüben im Haus angekommen waren. Daß ich dann vielleicht von ihr wegkam. Bei ihr habe ich mich unterhaken müssen, schritt leicht versetzt hinter ihr, während sie den Rollator mit dem Klarsichtbeutel, der zwischen den beiden Metallstangen herabhing, voranschob. Eine Hilfestellung war ich der, hab ihr geholfen. War ganz nahe bei ihr. Aus nächster Nähe mußte ich sie riechen. Ein Parfüm hatte sie aufgelegt, aber es parfümierte den ekelhaften Duft, den sie an sich hatte, mehr schlecht wie recht. Wie eine der toten Ratten, die ich aus den Fallen im Keller heraushole, roch sie. Diesen Geruch, ich hab ihn ertragen. Konnte darüber hinwegsehen. Ah! Obwohl ich sonst eine bin, die sehr leicht die Nase rümpft. Ich habe nur gehofft, während ich die über die Straße begleitet habe, daß nicht zu viele aus der Nachbarschaft mich mit der sahen. Keine Ahnung, wem sonst die schon unangenehm aufgefallen sein mochte, und was derjenige von mich denken würde, weil ich ... Ich hatte nicht den Wunsch, plötzlich von jemandem angeredet zu werden, der bei mir nachfragt, woher ich denn die mit den roten Haaren kenne. Gesehen hätte man mich und die. Die Straße hätten wir Arm in Arm überquert. Wie ich und die es in Wirklichkeit auch getan hatten. Sie, mit einem Rollending aus dem Krankenhaus, an dem ein Klarsichtbeutel befestigt war. Der Schlauch, aus der ihr Flüssigkeit in die Kanüle hineinlief, war an ihrer Armbeuge festgemacht. Das weiße Kleid, das sie anhatte, jede Menge freie Sicht auf hintere Körperregionen bei der Rothaarigen erlaubte das. Ein Kleid, wenn ich draufschaute, mit jeder Menge komischer Blutflecke dran ... Ich war alles andere als erfreut darüber, was mir meine Rolle als Helferin möglicherweise bei den Leuten einbrockte.
Detektei Umschau: Sie und die Rothaarige - Manu beziehungsweise Manuela Dombrowski - sind dann die Straße rüber ...?
Frau Uschke: Ging sogar alles relativ flott. Weil die Haustür zufällig offenstand, waren die Rothaarige und ich im Gebäude drinnen, ohne klingeln zu müssen. Zum Aufzug sind wir durch die Halle. Dann ist schon der Hauslift heruntergekommen, und die Rothaarige und ich, wir haben uns verabschiedet. Das letzte ist, daß ich sehe, während die Lifttüre nach rechts zufährt, daß sich die Rothaarige mit dem Hinterteil auf die Sitzfläche des Rolldings draufsetzte. Zu mir hin hat sie breit gegrinst. Dann war zu, und die war fort. Damit war ich sofort irgendwie frei. Tief habe ich durchgeatmet und mich gefühlt, als wäre eine schwere Last von meinen Schultern runtergekugelt.
Detektei Umschau: Es hat noch weitere Begegnungen mit der gegeben, Frau Uschke?
Frau Uschke: Diese Manu mit ihren roten Haaren, sie war wirklich ein Horror für mich. Wie ein Gespenst. Überall um mich her habe ich diese Manu gesehen. Wenn wo ein Schatten war, habe ich gemeint, Manu könnte dort hervortreten. Kaum auszuhalten, das. Und die Rothaarige - sie war auch zum Fürchten. Vor einem meiner Fenster ist sie abends oder morgens öfters gestanden, hat grinsend zu mir hereingeblickt. Sich dabei die Zunge über die Lippen geleckt. Als hätte sie Appetit auf mich.
Detektei Umschau: Sie hätten nun aber doch mal langsam die Polizei verständigen können, Frau Uschke ...
Frau Uschke: Das mit den Erscheinungen dieser Manu irgendwo bei mir, damit war dann irgendwann wieder Schluß. Ich sag mal, als das mit Beate Ettnach war. Und als das nebenan war, nachdem die vom Hausdach runterstürtzte - danach war sie verschwunden. Ja, auch bei mir im Haus passierte was. Von der Zeit her vorher schon. Es war mit Beate Ettnach. Mit Beate Ettnach. Eine Drei-Studentinnen-WG war das, die im dritten Stock. Drei Studentinnen, die in der Wohnung zusammenwohnten. Beate Ettnach war die, die in der Anwaltskanzlei, die für mich die Mietsachen regelt, als Hauptmieterin den Mietvertrag unterschrieben hatte. Das heißt, über das Konto Beate Ettnachs erhielt ich die Monatsmiete. Die beiden anderen Studentinnen, von denen ich wußte, daß sie in Beate Ettnachs Wohnung Zimmer hatten, zahlten beide ihren Mietanteil an Beate Ettnach. Beate Ettnach die, die die gesamte Summe über ihr Konto überwies. So war das zwischen den dreien geregelt. Und ich konnte nur schwer etwas dagegen machen, obwohl ich Beate Ettnach auf dem Kieker hatte. Ich wollte Beate Ettnach was anhängen, damit ihr gekündigt werden könnte. Weil ich dachte, wenn ich Beate Ettnach kündigt, wäre auch damit Schluß, daß die Rothaarige, diese Manu, bei Beate Ettnach oben und damit in meinem Haus ein und aus geht. Dann passierte es. Zwölf Tage vor dem, was sich gegenüber am Gebäude gegenüber am Flachdach abgespielt hatte. Der Rettungs- und Notarztwagen waren in der Früh bei mir vorm Haus eingetroffen. Das ist auch was, was ich vergessen hatte. Total vergessen.
Detektei Umschau: Auch daran erinnern Sie sich erst wieder seit kurzem, Frau Uschke?
Frau Uschke: Ja. Auch das hatte ich vergessen. Mit dem anderen zusammen ist mir auch das wieder erst jetzt eingefallen.
Detektei Umschau: Schon viel, das Sie vergessen hatten, Frau Uschke. Schon eine Sache.
Frau Uschke: Ich denke, das, was Beate Ettnach damals geschah, das alles sind Teile einer Geschichte, die zusammengehören.
Detektei Umschau: An die Sie sich nicht weiter erinnern sollten ...?
Frau Uschke: Möglich, Herr Augustin, möglich. Ich meine, ich hätte bei der Polizei vielleicht Sachen aussagen können. Dinge in Zusammenhang bringen. Und eine Person wäre zwangsläufig zur Sprache gekommen: diese Manu. Die Rothaarige. Manu, die zeitweilig bei Beate Ettnach oben wohnte. Mir sogar Zweihunderterscheine dafür in die Hand gedrückt hatte. Aber auch bei der auf der anderen Straßenseite, die vom Hausdach herunterstürzte, bei Änschie, hat diese Manu ein Plätzchen zum Schlafen gehabt. Durch mich hätten, während meiner Aussage bei der Polizei, vielleicht von den Beamten Beziehungen zu der Rothaarigen hergestellt werden können. Das mit der einen, die sich herunterstürzte, das ergab einen Selbstmord. Für die Polizei eine eindeutige Sache. Aber das andere, das mit Beate Ettnach, das war auch ein plötzlicher Todesfall. Mit einer ominösen Rothaarigen mit dabei, die ...
Detektei Umschau: Sprechen wir es klar aus, Frau Uschke: Sie meinen, daß Sie das alles vergessen haben, das kann kein Zufall sein. Sie deuten an: Bei Ihnen wäre dafür gesorgt worden, daß Ihnen jede Menge Kleinigkeiten nicht mehr einfallen könnten.
Frau Uschke: Genau, Herr Augustin! Was ich nicht mehr weiß, kann ich nicht aussagen. Wenn ich von jemandem und seinem Treiben nichts mehr weiß, kann ich nicht dafür sorgen, daß er in das Licht Aufmerksamkeit gerät. Nicht wahr? Drei Vorkommnisse, die bei mir am Hinterhof ware, habe ich Ihnen mitgeteilt, Herr Augustin, und ich weiß erst heute wieder was von den Geschehnissen. Obwohl ich jedesmal mittendrinnen war, alles mitkriegte - hatte ich alles vollständig vergessen. Stellen Sie sich nur mal vor, hätte ich alles parat gehabt, hätte ich, als ich die Rothaarige mit der anderen am Flachdach des Hauses gegenüber ringen hatte sehen, bei der Polizei eine Aussage gemacht, in der ein paar mehr Beziehungen zu der Rothaarigen hergestellt werden hätten können. Statt dessen ... Statt dessen habe ich nur so von ungefähr gewußt, daß mir die Rothaarige doch von irgendwoher bekannt war. Bekannt war sie mir vorgekommen, weiter nichts. Sonst nicht viel. Der Rest, was alles mit der los war, daran erinnere ich mich erst heute wieder.
Detektei Umschau: Sie mutmaßen, daß Sie manipuliert wurden, um zu vergessen, Frau Uschke?
Frau Uschke: Vielleicht sollte ich Sachen sogar für immer vergessen. Trotzdem erinnere ich mich jetzt zumindest an gewisse Begebenheiten, kann ein paar Zusammenhänge herstellen. Vielleicht fällt mir sogar noch mehr ein, in der nächsten Zeit ...
Detektei Umschau: Der Mensch kann manipuliert werden. Zum Beispiel mit Hilfe von Hypnose.
Frau Uschke: Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir nur die Rothaarige ein, die das bei mir gemacht haben könnte. Die da am Bild. Manu. Alles, was ich weiß, ist: Ich war erschrocken, dachte, das wär sie jetzt wieder gewesen, die, die an meinem Küchenfenster vorübergekommen ist. Das war der Moment, ab da kann ich mich wieder an Sachen erinnern ... Sogar ziemlich deutlich. Als wären die Geschehnisse gerade eben passiert. Nicht schon vor ein paar Jahren. Vielleicht haben Sie aber recht, daß ich zur Polizei gehen sollte. Wenn wieder was mit der Rothaarigen, dieser Manu, ist, könnt es sein, daß ich mehr abkriege. Die, die sie Änschie genannt haben, die hat mit ihr gekämpft, ehe sie vom Flachdach runter ist ...
Detektei Umschau: Vielleicht sollten Sie unsere Nummer einprogrammieren, Frau Uschke. Wir kommen zu Ihnen, wenn etwas ist ... Vor kurzem gab es auch bei uns eine Erscheinung. Wir hatten das Auftreten einer Person, die Manuela Dombrowski sein hätte können. Sie ist seitdem jedoch nicht wieder zum Vorschein gekommen.
Frau Uschke: Ich könnte also bei Ihnen anrufen, Sie würden vorbeikommen?
Detektei Umschau: Wir würden uns sogar in Ihrem Haus einquartieren, Frau Uschke, wenn nötig ...
Frau Uschke: Das würden Sie tun?
Detektei Umschau: Sie müßten nur bei uns anrufen. Dann kommen wir so schnell wie möglich. Hören uns Ihre Geschichte an ...
Frau Uschke: Das würden Sie wirklich für mich tun? Aber, die Detektei Umschau kostet Geld ...
Detektei Umschau: In dem Fall werden wir bereits bezahlt. Wir haben einen Auftraggeber. Für unsere Nachforschungen werden wir von ihm bezahlt.
Detektei Umschau: Sie wollten noch was mitteilen ... Sie haben angefangen, von Geschehnissen in Zusammenhang mit Beate Ettnach zu erzählen, Frau Uschke. Was war das mit Beate Ettnach, die bei Ihnen im Haus zur Miete wohnte ...
Frau Uschke: Die Studentinnen, die mit Frau Beate Ettnach in einer Wohngemeinschaft zusammenwohnten ... Alle sind, nachdem sich das Unglück mit Beate Ettnach ereignet hatte, so schnell wie möglich aus dem Haus ausgezogen. Abgereist waren sie schon vorher. Bei einer kann ich mich an ihren Vater erinnern, der ihre Einrichtung aus Beate Ettnachs Wohnung geholt hat, sie in einen Kleintransporter hinabschaffte. Bei der zweiten ist der Freund mit Freunden gekommen. Oben in der Wohnung Beate Ettnachs haben sie Sachen in Schachteln geräumt, Schränke zerlegt, so was. In ihren Autos haben sie dann alles verstaut, sind weggefahren. Daß sich jemand um das gekümmert hat, was Beate Ettnach gehörte, das hat ein paar Wochen gedauert. Wegen Beate Ettnachs Sachen ist der Möbelwagen einer Umzugsfirma gekommen. Die Männer hatten einen Schlüssel, die schriftliche Erlaubnis von Beate Ettnachs Eltern. Sie haben das, was Beate Ettnach gehörte, hinabgetragen. Von Beate Ettnachs Familie ließ sich nie jemand bei mir im Haus blicken. Der Mietvertrag Beate Ettnachs wurde nach einem Anruf der Familie Beate Ettnachs bei meiner Anwaltsfirma mit meiner Zustimmung augenblicklich aufgelöst. Im nächsten Monat waren schon andere Leute in den dritten Stock eingezogen. Und das, das hatte ich auch nicht mehr gewußt. Nicht mehr im Gedächtnis. Wahnsinn.
Detektei Umschau: Sie haben nicht erzählt, was mit Beate Ettnach geschah, Frau Uschke. Bitte, erzählen Sie der Reihenfolge nach, was ist mit Beate Ettnach geschehen?
Frau Uschke: Jaja! Mach ich doch gerne für Sie, junger Mann. Mache alles für Sie, Herr Augustin. Sie wissen das schon, daß ich morgens immer früh aufstehe. Manchmal sogar sehr früh. In einer Bäckerei zu arbeiten, mir hätte das nie etwas ausgemacht. Als junges Mädchen aber schon - na ja. Damals wär das mit der Lehrstelle beim Bäcker nichts für mich gewesen. Sei's drum. An jenem Morgen war ich um halb fünf Uhr am Morgen wach. In die Küche hatte ich mich begeben. Kaum hatte ich Kaffeewasser aufgesetzt, mir das Filterpapier gesucht, höre ich den Lärm eines Rettungswagen. Ich mache das Rollo hoch. Vor meinem Küchenfenster hat er sich auf der Straße auf den Parkplatz gestellt, Blaulicht an. Die wollten nicht etwa wieder wegfahren, sondern sind bei mir beim Küchenfenster geparkt geblieben. Ich fing an, mich zu fragen, ob die zu mir ins Haus rein waren. Hat denen jemand die Haustür aufgemacht? Das mußte ich genauer wissen, bin auf den Flur, zu meiner Wohnungstüre. Habe aufgesperrt. In der Vorhalle war das Licht an. Von oberhalb hab ich aufgeregte Stimmen erlauscht. Weitere Hausbewohner, die aus ihren Wohnungen rausgekommen waren, das mitzukriegen, was denn los wäre. Ich machte mich daran, langsam die Treppen hinaufzusteigen, um mir einen Überblick darüber zu verschaffen, was anstand. Machen Sie bitte Platz, höre ich eine angenervte Männerstimme oben laut rufen. Dann sind die schon im Laufschritt hintereinander herabgetrampelt gekommen, zwei Sanitäter. Zwischen sich tragen die Männer jemanden, den sie auf der Trage festgeschnallt hatten. Ein dritter Sanitäter, der neben der Trage herlief, einen durchsichtigen Plastikbeutel in der Hand, dessen Kanüle am Arm der Person auf der Trage festgemacht ist. Bei mir sind die unten angekommen, und ich sehe, daß das Beate Ettnach ist, die sie auf der Trage hatten. Bleich und tot sah Beate Ettnach aus. Wirklich sehr talgweiß, wie tot. Ein Gück, denke ich, man kümmert sich um Beate Ettnach. Das konnte nur heißen, das doch noch ein Funke Leben in Beate Ettnach war. Allzu schlimm konnte es nicht sein. Dann waren die mit der Trage auch schon zur Haustüre. Einen der Notärzte, der an mir vorbeikam, habe ich am Armzipfel seines weißen Kittels festgehalten. Ich sage ihm: Ich bin hier im Haus für die Hausverwaltung verantwortlich. Stehe mit dem Vermieter der Wohnungen des Hauses in direktem Kontakt. Was ist denn bitte mit der jungen Frau passiert? Bitte, Sie müssen mir Antwort geben. Ich muß dem Vermieter sofort Bescheid sagen, daß hier im Haus irgendwas vorgefallen ist ... Der Arzt antwortet: Was mit der wirklich passiert ist, müssen wir erst noch genauer untersuchen. Wir wissen nur eins: totaler Zusammenbruch. Hochgradige Instabilität. Grund: hoher Blutverlust. Die hat kaum mehr Blut im Körper, die junge Frau. Warum, das können wir noch nicht genau sagen. Die oben konnten, wollten nicht viel sagen. Starke Regelblutungen vielleicht. Alles mögliche kann das sein. Eine nicht ernst genommene Erkrankung. Man hätte uns schon viel, viel früher herbeirufen müssen. Statt dessen sind die beiden Mitbewohnerinnen um eins schlafen gegangen, haben sich nicht um die gekümmert, obwohl es der Freundin schon die Stunde vor Mitternacht mies ging. Wie sie sagten. Eine der beiden, die mit der zusammenwohnte, mußte vor knapp einer halben Stunde aufs Klo, hat die jetzt Weggebrachte am Flurboden liegend vorgefunden. Daraufhin hat man uns aber immer noch nicht sofort angerufen. Erst ein paar Minuten später. Jetzt kann alles schon zu spät sein; viel zu spät. Da ist wahrscheinlich auch im Krankenhaus nicht mehr viel zu machen. Dorthin bringen wir sie jetzt noch, auf gut Glück, ins Krankenhaus. Aber, ich glaube, wie ich das sehe, da ist nichts mehr zu machen ... Wenn ich mich täusche, gebe ich gern einen aus. Ein paar Kästen Bier wär mir das wert, wenn ich mich getäuscht hab.
Detektei Umschau: Beate Ettnach abtransportiert, halbtot ...?
Frau Uschke: Die, die zum Rettungswagen dazugehörten, die Sanis, die Notärzte - alle waren sie wieder aus meinem Haus draußen. Alle neugierigen Gaffer waren in ihre Wohnungen im Haus zurückverschwunden. Was soll ich sagen? Ich konnte damit nicht fertig werden. Ich konnte die Dinge nicht auf sich beruhen lassen. Habe mich darangemacht, die Treppen hochzusteigen. War fest entschlossen, an der Türe der Wohnung der Studentinnen-WG zu läuten, bis mir eine von den Mitbewohnerinnen aufmacht. Mitgefahren war schließlich keine von denen, die bei Beate Ettnach drinnen wohnte. Als wäre das nicht auch eine Möglichkeit gewesen. Schnaufend bin ich droben angekommen. Sehe ich sofort Auguste, die eine von den beiden anderen der Studentinnen-WG, seitlich der offenen Wohnungstüre stehen. Als hätte es Auguste nicht geschafft, weiter als zur Türe zu kommen, stand Auguste da, glotzend. Sterbensbleich, Auguste. Daß ich mich fragte, warum sie Auguste nicht auch mitgenommen hatten. Mit weit aufgerissenen, glasigen Augen starrte Auguste geradeaus vor sich hin. Ich halte mich nicht lange mit irgendwelchen Empfindlichkeiten auf, frage direkt los: Was ist denn bei euch drinnen passiert? Was hat sich denn in eurer Wohnung abgespielt? Auguste guckte mit ihren ängstlichen Augen zu mir her, hat mir geantwortet: Bea, Bea ist tot. Bea ist tot. Bea ist tot. SIE hat ... SIE hat Bea ... Bea hat SIE ... Ich: Wa-as ...? Wer hat Bea? Auguste mit schriller Stimme: SIE hat Bea ... SIE hat Bea ... Ja, das hat SIE! Ich: Wer hat ..., Auguste ...? Unartikuliert hat Auguste geschrien. Abgewandt hat Auguste sich mit den Augen eines verwundeten Tiers von mir. In einer Sekunde war Auguste drinnen in der Wohnung den Flur hochgelaufen. Warten Sie, Auguste, warten Sie! schreie ich. Auguste drehte sich nach mir um, nickte zu mir her. Dann war Auguste in einer Sekunde zu mir an die Tür zurückgelaufen. Ein Sekündchen hat Auguste gezögert, dann hat Auguste mir die Türe direkt vor der Nase zugeschmissen. Auguste, die machte mir die Türe nicht wieder auf, obwohl ich Sturm geläutet habe. Die andere drinnen kam auch nicht, mir wieder aufzumachen, mich reinschauen zu lassen. Wie hat die zweite geheißen. Mensch, ihr Name fällt mir im Augenblick nicht ein. Wie hat die andere geheißen hat? Total weg gerade.
Detektei Umschau: Und, Sie haben dann doch Genaures erfahren, was mit Beate Ettnach war?
Frau Uschke: O ja! Das heißt, mir war aber schon da irgendwie klar, als ich Beate Ettnach auf der Trage liegen gesehen habe, daß da wohl nicht mehr viel zu machen sein würde. Auguste und die zweite, von der ich gerade nicht weiß, wie sie geheißen hat, sind noch am Vormittag oben aus der Wohnung verschwunden. Ins Taxi habe ich Auguste und die andere gesehen. Keine der beiden hatte es für nötig befunden, mich irgendwie wegen irgendwas zu benachrichtigen, was mit Beate Ettnach wäre. Wegen Beate Ettnach habe ich im Krankenhaus angerufen. Aber die im Krankenhaus durften mir keine Auskunft über Beate Ettnachs Gesundheitszustand geben, obwohl ich sagte, daß Beate Ettnach bei mir im Haus wohnt. Es war dann, wie ich es bereits erzählt habe. Als Augustes Vater ins Haus gekommen ist, Augustes Sachen abzuholen, hat der mir gesagt, daß Beate Ettnach im Krankenhaus verstorben war. Beate Ettnach war tot.
Als Frau Uschke das zu Herrn Augustin gesagt hatte, hat Frau Uschke angefangen, dazusitzen. Einfach nur dazusitzen.
Ein bißchen geblinzelt hat Frau Uschke, ist weiter auf ihrem Sessel dagesessen.
'Hallo, Frau Uschke!' kann man Herrn Augustin auf der Aufnahme sagen hören: 'Hallo, Frau Uschke! Was ist mit Ihnen?'
Der Zustand Frau Uschkes blieb für Herrn Augustin derselbe; Frau Uschke nicht war für Herrn Augustin ansprechbar.
Zehn Minuten vergingen, bis Herr Augustin aufgestanden ist. Zu Frau Uschke hat Herr Augustin sich hinbegeben.
'Bitte, Frau Uschke - geht es Ihnen nicht gut? Frau Uschke? Frau Uschke?'
Halb geschlossen hatte Frau Uschke ihre Augen. Der Brustkorb Frau Uschkes hob und senkte sich. Als Herr Augustin Frau Uschke am Ärmel ihrer Weste faßte, hat Frau Uschke angefangen, um sich geschlagen. Am Kinnwinkel hat Frau Uschke Herrn Augustin mit einem ihrer Schläge hart erwischt. Zu Boden ist Herr Augustin gegangen, hat benommen den Kopf geschüttelt.
Über sich sah Herr Augustin Frau Uschke stehen, ihren Mantel angezogen. Ihre Handtasche hielt Frau Uschke am Griff, wie zum Zuschlagen bereit.
Nichts unternahm Herr Augustin, als Frau Uschke anzustarren.
'Sie scheinen in Ordnung, junger Mann? Was machen Sie denn auch? Sie können eine ältere Frau doch nicht einfach unsittlich anfassen. Tsts! Ach, halten Sie den Mund! Brauchen sich nicht aufzuregen. Werd's für mich behalten. Ist ja auch nichts passiert. Geh dann jetzt auch. Möchte heute noch im Zug nach Hause fahren. Wird eine lange Fahrt. Wenn mir weitere Kleinigkeiten einfallen, was die Rothaarige angeht, diese Manu, setze ich mich wieder mit Ihnen und der Detektei in Verbindung. Oder ich nehme wieder den Zug, komme Sie, Herr Augustin, besuchen. Vielleicht unterhalten wir uns wieder nett miteinander, Herr Augustin. Nur dann ohne Anfassen, ja? Mich einfach anzufassen, das geht nicht. So! Dann geh ich jetzt. Auf Wiedersehen!'
Mit großen Augen hat Herr Augustin Frau Melanie Uschke hinterhergesehen, als sie aus seinem Büro hinauseilte, die Türe hinter sich zumachte.
Die Räume der Detektei Umschau hat Frau Uschke verlassen. Steffi, Mitarbeiterin der Detektei Umschau, ist Frau Uschke nach kurzer Unterhaltung mit Herrn Augustin hinterher. Hat die Verfolgung Frau Uschkes aufgenommen.
Zu einem Essensstand hat Frau Uschke sich begeben. Für zweimal Currywurst. Nach dem Essen ist Frau Uschke zum Bahnhof Mitte. Hat auf den nächsten Zug gewartet. In den Schnellzug nach Hause hat Frau Uschke sich gesetzt, Steffi im Nachbarabteil.
Steffi, Mitarbeiterin der Detektei Umschau, beobachtet das Wohnhaus Frau Uschkes, Herr Doktor Weil-Esch. Ohne daß Steffi seit ihrer Ankunft dort etwas auffällig geworden wäre.
Frau Uschke scheint alleine in ihrer Erdgeschoßwohnung zu sein.
Früh am Morgen steht Frau Uschke auf. Macht im Laufe des Tages diese und jene Besorgungen. Unter anderem ist Frau Uschke einkaufen gegangen. Und zweimal in den Baumarkt. Einmal für Rattengift. Dann für Plastikeimer.
Sollte Steffi in den nächsten vierzehn Tagen irgendwas Ungewöhnliches bemerken, wird Steffi es uns sofort mitzuteilen. Darüberhinaus hält Steffi sich jedoch von allem fern.
Die Polizei wird von Steffi herbeigerufen, sollte es bei Frau Uschke ein Vorkommnis geben, das das nötig macht.
Hiermit verbleibe ich,
mit freundlichen Grüßen
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Anlage
1 Stick (Aufnahmen der Stille auf Zimmer sechzehn im Hotel Bertha, obwohl Frau Ramona Gleibt im Zimmer anwesend ist, was sie ab und zu mit Kleiderrascheln, Gehgeräuschen, Trinkflaschenöffnen und so fort verrät; aufs Klo muß Frau Ramona Gleibt auch hin und wieder. Sämtliche Telefongespräche, die Frau Ramona Gleibt seit ihrer Rückkehr in Zimmer sechzehn ausschließlich mit ihrer Mutter Frau Ramona Sonja Gleibt führte. Andere Anrufe werden nicht entgegengenommen; keine Kurznachrichten beantwortet oder geschrieben.)
33 Fotos, die Frau Regine Datz, Mitarbeiterin der Detektei Umschau, mit ihrer Infrarotkamera auf dem Gelände des Bauernhofes von 'Ein Leben e.V.' geschossen hat (die Selbsthilfegruppe, die sich mit Psychologen am Innenhof versammelt, Erläuterungen bekommt. Dann nehmen sich drei Leutchen an der Hand, marschieren in die Dunkelheit des nahen Baumbewuchs. Am Schluß geht jeder für sich alleine zwischen Bäumen herum. Leider sind auf der Vielzahl der Fotos nur diejenigen Leute zu erkennen, die zur abendlichen Gruppensitzung dazugehören. Den Eindringling hat nicht aufgenommen.)
12 Fotos, Frau Ramona Gleibt, die nach ihrer Arbeit in der Bankfiliale mit dem Wagen vorm Wohnhaus von Herrn Josef Hänsel eintrifft, um oben bei Hänsel zu läuten und ohne Umwege das Gebäude zu betreten
1 Stick (die Aufzeichnung des Gespräches, das Frau Melanie Uschke mit Herrn Augustin, Mitarbeiter der Detektei Umschau, führte)"
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