"Briefprotokolle der Detektei" (20.09. - 19.10.), No. 1
Briefprotokolle:
Schreiben der Detektei Umschau an Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch vom 20.09.xxxx:
"Sehr geehrter Herr Doktor Weil-Esch,
Sie wünschen das, von mir persönlich brieflich auf dem laufenden gehalten werden. e-Mails und SMS-Nachrichten durch Mitarbeiter meiner Detektei verbieten Sie sich insbesondere. Alleine schon wegen des Grundsätzlichen des Überwachungsstaates.
Damit bin ich voll und ganz einverstanden. Kann das auch verstehen.
Dafür bezahlen Sie uns außerdem Ihr Geld, daß Ihre Wünsche erfüllt werden. Da haben Sie, ganz recht, Herr Doktor Weil-Esch: Wer zahlt, schafft an. Der zahlende Kunde ist König.
Zwar sind meine Mitarbeiter, -innen - die Detektive der Detektei Umschau - keine Idioten. Als solche sollte sie niemand bezeichnen. Protokolle, Briefe verfassen können sie mindestens genausogut.
Aber, wenn ich das insbesondere eigenhändig machen soll, an Sie zu schreiben, bitteschön. Dann muß das so sein.
Meine Detektei, die Detektei Umschau, hat nun ihre Arbeit in Ihrer Angelegenheit aufgenommen, Herr Doktor Weil-Esch. Nach eineinhalb Jahren arbeiten wir wieder für Sie an einer Sache.
Worum wir, wir von der Detektei Umschau, uns üblicherweise kümmern, sind - wenn Sie uns nicht beschäftigen, Herr Doktor -, keine 0815-Fantasy-Geschichten mit Magiern, die mit ihren Zauberstäben bzw. -stöcken winken. Vampire, die aus ihren Gräbern heraufgestiegen kommen. Geister, die durch die Wände gehen, Leute erschrecken.
Das gehört nicht zu unserem ureigenem Aufgabengebiet als private Ermittler.
Aber, wenn Sie meinen, daß wir mal wieder für Sie untersuchen sollen, was an einer Geschichte dran ist. Zum Beispiel an der von einer, die tot ist, aber trotzdem nach ihrem Tod noch umgegangen sein soll, dann machen wir das.
Es dürfte Ihnen jedoch nicht unbekannt sein, daß es echte Geister- und Vampirjäger, Ufologen auf der Welt gibt. Die man ebenfalls anstellen könnte. Immer wieder, daß ich in Medien von solchen Leuten was lese.
Erinnere mich an den einen oder anderen Artikel, der in jüngster Zeit auf Internet-Plattformen zu den Aufmachern gehörte.
Wir von der Detektei Umschau, wir halten uns bei unserer Forschungsarbeit weitestgehend an harte Fakten. Sonst an nicht viel. Objektiv. Kühl. Wir sehen, was bei einer Erscheinung dahintersteckt.
Ist nichts dahinter, Herr Doktor Weil-Esch, werden wir von der Detektei Umschau Sie auch wahrheitsgemäß darüber unterrichten.
Deswegen bezahlen Sie der Detektei Umschau schließlich Geld, wenn ich Sie richtig verstehe, daß wir Dinge herausfinden. Die auch das unheimliche Motiv auflösen können.
Das heißt jedoch nicht, daß wir Ihre Ideen, Herr Doktor Weil-Esch, nicht interessant finden, überhaupt nicht darauf eingehen. Von der Hand zu weisen ist erst einmal gar nichts. Solange nicht das Gegenteil bewiesen ist. Auch wenn wir nicht an Vampire, Zombies oder Marsmännchen glauben, Herr Doktor.
Das möchte ich hier kurz angesprochen haben, Herr Doktor Weil-Esch: Wenn Ihnen irgendwann Tatsachen dann wieder nicht so passen, wie wir, wir von der Detektei Umschau, sie herausgefunden, entdeckt haben, können Sie gerne eine andere Detektei in dem Fall weiterarbeiten lassen.
In beinahe jeder kleineren Stadt gibt es heutzutage mindestens eine Detektei. Jeder kann sich für dieses Gewerbe anmelden, wenn er ein einigermaßen gutes Führungszeugnis vorzuweisen, ein klein bißchen Taschengeld zur Verfügung hat. Um sich dann als Detektiv auszuweisen, genügt ein guter Drucker, ein ordentliches Paßfoto und eine großspurige Unterschrift.
Es steht Ihnen überhaupt immer noch zur Gänze frei, Herr Doktor Weil-Esch, sich nach solchen Leuten umzutun.
Oder - vielleicht nehmen Sie doch die Detektei, die für Sie den Mitarbeitern Ihrer Firma hinterherspioniert. Fotos schießt, zeigt einer, eine sich bei der Gartenarbeit oder ist zum Einkaufen unterwegs, obwohl er offiziell krankgeschrieben ist. Oder Sie lassen Ihren Sohn fotografieren, der sich von seiner Frau getrennt hat, wie er und seine neue Freundin in sein Auto einsteigen.
Wenn Sie nicht mit dem Beginn unserer Nachforschungstätigkeit und unseren ersten beiden Protokollen zufrieden sind, bittesehr! Nicht unbedingt hätten Sie auf uns von der Detektei Umschau zurückzukommen brauchen.
Wer mit einem Partner nicht zufrieden ist, der darf den Partner wechseln. Bei jeder Ehe besteht die Möglichkeit einer Scheidung. Wird eben am Schluß zusammen- und abgerechnet. Kommt es eben auf die Vereinbarungen an, die man vorher getroffen hat. Wie ist das nun genau mit der Gütergemeinschaft? Welche Details stehen schnell noch mal genau im Ehevertrag? Was wurde überhaupt dort alles im Kleingedruckten hineingeschrieben?
Kommen wir nun auf die Arbeit zurück, die wir von der Detektei Umschau für Sie bisher bereits geleistet haben, Herr Doktor Weil-Esch.
Zwei kurze Protokolle haben Sie bisher durch meinen Mitarbeiter - Herrn Augustin -, per e-Mail an die Internet-Adresse Ihrer Firma geschickt bekommen ...
Wie oberhalb erwähnt, so was wird nicht wieder vorkommen. Ab jetzt schreibe ich Zusammenfassungen in Briefform. Oder gebe die Information sonstwie weiter.
Will ich, weil ich persönlich angesprochen wurde, wir noch nicht mehr haben, auf das zurückkommen, was Herr Augustin, Detektiv, Mitarbeiter der Detektei Umschau, zu Protokoll gegeben hat.
Herr Augustin hatte sich überlegt, mit Frau Tatjana Christine Ebershagen den Einstieg in die Geschichte zu wagen. Mit achtzehneinhalb, daß Frau Tatjana Christine Ebershagen Herrn Manuel Ernst Dombrowski ehelichte. Nach der Heirat, daß Frau Tatjana Christine Ebershagen den Geburtsnamen ihres Mannes annahm.
Herr Manuel Ernst Dombrowski ist vor eineinhalb Jahren, am 04.03., verstorben. Eineinhalb Monate nach einer Lebertransplantation im neuen Robert-Koch-Klinikum des Wohnortes, an dem er gemeldet war. Großes Glück hatte Herr Dombrowski, nach nur kurzer Wartezeit eine neue Leber zu erhalten. Ziemliches Pech, daß der Körper von Herrn Dombrowski bald darauf unvermittelt anfing, das neu eingepflanzte Körperorgan abzustoßen.
Eine Möglichkeit, die man bei solchen Transplantationen immer im Auge haben muß. Wobei bei Herrn Dombrowski jedoch noch ein anderer Faktor eine herausragende Rolle spielte. Nämlich sein Alkoholgenuß. Auf den Alkohol, daß Herr Dombrowski einfach nicht verzichten konnte. Da half keine ärztliche Ansage, kein vernünftiges Wort. Überdies war Herr Manuel Ernst Dombrowski starker Raucher. Zwanzig Zigaretten am Tag Minimum.
Ein halbes Jahr vor dem Ableben Herrn Dombrowskis hatte Herrn Dombrowskis Hausarzt bei einem Besuch Herrn Dombrowskis in seiner Praxis an Herrn Dombrowskis Beinen den Faktor Raucherbein festgestellt. In einem schwierigen Stadium. Die Beine konnten bei Herrn Dombrowski zwar gerettet werden; nur mußte Herrn Dombrowski die eine oder andere Zehe chirurgisch entfernt werden.
Alkohol, Zigaretten, dazu jede Menge Tabletten - am Ende eine tödliche Gemengelage bei Herrn Dombrowski. Daran kann einer sterben. Daran ist Herr Dombrowski verstorben.
Frau Tatjana Christine Dombrowski, geborene Ebershagen, ist also in der Gegenwart Witwe.
Heute lebt Frau Tatjana Christine Dombrowski hauptsächlich von der Hilfe durch die Sozialbehörden des Staates und von der Tafel der kleinen Stadt.
Ihren Wohnsitz hat Frau Tatjana Christine Dombrowski weiterhin in der in Herrn Bernd Reils digitalem Tagebuch des öfteren erwähnten Hegelstraße.
Die Hegelstraße, Teil einer heruntergekommenen, schäbigen Wohngegend mit mehreren älteren mehrstöckigen Betonbauwerken und schäbigen Häusern, in denen ausschließlich Sozialschwache aus Stadt und Umland untergebracht leben. Herr Bernd Reil hat das in seiner Tagebuch-Datei durchaus berechtigt als Sozialbrennpunkt beschrieben.
Das Monitäre reicht Frau Tatjana Christine Dombrowski hinten und vorne nicht. Deswegen hat sich Frau Tatjana Christine Dombrowski schließlich damit einverstanden gefunden, das Geld, das wir ihr für eine Begegnung und Gespräche mit uns von der Detektei Umschau versprochen haben, anzunehmen. Ihre Wohnungstüre hat Frau Tatjana Christine Dombrowski weit für die Mitarbeiter der Detektei Umschau aufgemacht, sie eingelassen.
Verschiedene Unterhaltungen haben wir von der Detektei Umschau, mit Frau Tatjana Christine Dombrowski geführt. Außerdem hat Frau Tatjana Christine Dombrowksi für uns Schubläden geöffnet, Unterlagen und Fotos aus vergangener Zeit präsentiert.
Herr Augustin, Agathe und Regine, Angestellte der Detektei Umschau, haben die Dinge durchgesehen.
Dabei stellten Herr Augustin, Agathe und Regine fest, daß zumindest in dieser Hinsicht Ordnung und Reinlichkeit bei Frau Tatjana Christine Dombrowski herrschte. Sämtliche Geburtsurkunden, Impfpässe der Familie waren vorhanden. Die Schulzeugnisse der Kinder Frau Tatjana Christine Dombrowskis ebenso. Behördenschreiben und so weiter dito. Alles fein säuberlich in Aktenordnern abgeheftet. Auch an den Rechner ihrer ältesten Tochter Christine hat Frau Dombrowski Herrn Augustin gelassen. Nur, daß auf diesem nichts zu entdecken war, außer daß es Internet gab. Ein Hacker-Stick, wie Herr Augustin ihn nannte, war angebracht.
Wichtig für uns, uns von der Detektei Umschau, waren zunächst die Geburtsurkunden der Kinder, die Frau Dombrowski zur Welt gebracht hatte.
Einmal wäre da: Christine Marianne Dombrowski. Die Erstgeborene.
Dann: Manuela Christiane Dombrowski, Frau Tatjana Christine Dombrowskis jüngstes Kind.
Hartnäckig nachgefragt haben war. Woraufhin Frau Tatjana Christine Dombrowski mehrfach versichert hat, daß sie keine weiteren Kinder geboren habe. Es würden keine Kinder existieren, die sie, Frau Dombrowksi, zur Adoption freigegeben habe.
Vier Fehlgeburten hätte sie im Laufe ihres Lebens zwischen dem achtzehnten und fünundzwanzigsten Lebensjahr erlitten. Die erste Fehlgeburt mit neunzehneinhalb Jahren. Die Nummer zwei mit einundzwanzig. Nummer drei mit dreiundzwanzig. Die vierte mit fünfundzwanzig.
Danach hat Frau Tatjana Christine Dombrowski mit sechsundzwanzig Jahren einen chirurgischen Eingriff bei sich machen lassen. Ab dem Zeitpunkt konnte sie, Frau Dombrowski, keine Kinder mehr kriegen.
Die Bescheinigung des Stadtkrankenhauses, in dem die Operation an Frau Tatjana Dombrowski durchgeführt wurde, haben meine Mitarbeiter, -innen unter anderem begutachtet und kopiert.
Das heißt, wir übersenden Ihnen in diesem Paket, Herr Doktor Weil-Esch, sämtliche von meinem Mitarbeitern, -innen eingesehenen Dokumente, Belege uns so fort, die auf die Fehlgeburten bei Frau Tatjana Christine Dombrowski hinweisen, als Kopien.
Daß Frau Tatjana Christine Dombrowski je eine Abtreibung an sich durchführen hätte lassen, hat die Frau auf Nachfrage jedesmal empört von sich gewiesen. Hinweise darauf waren bis jetzt von meinen Mitarbeitern, -innen auch nicht aufzufinden.
Um es zusammenzufassen, Herr Doktor Weil-Esch:
Seit ihrem sechsundzwanzigsten Lebensjahr kann Frau Tatjana Christine Dombrowski keine Kinder mehr bekommen.
Meine Mitarbeiter haben die Wohnräume Frau Dombrowskis mit Erlaubnis von Frau Dombrowski bis heute dreimal durchsucht. Adoptionsbelege für Babys, Kleinkinder, die Frau Tatjana Christine Dombrowski die Jahre zuvor zur Welt gebracht haben könnte - Fehlanzeige.
Der Briefverkehr, den Frau Tatjana Christine Dombrowskis Ehemann Manuel Ernst mit den Jugend- und Sozialämtern der verschiedensten Wohnorte der Familie Dombrowski führte, bezieht sich ausschließlich auf ihre lebend geborenen Kinder Christine Marianne und Manuela Christiane.
Dreimal hatten die Eheleute, Frau Tatjana Christine Dombrowski und Herr Manuel Ernst, das Problem, ob die Kinder Christine Marianne und Manuela Christiane bei ihren Eltern bleiben dürfen. Oder ob die städtischen Behörden die Mädchen Christine Marianne und Manuela Christiane der Familie wegnehmen sollten. Darum drehte sich der Inhalt amtlicher Anschreiben, das ganze Hin und Her. Ergebnis allerdings: Die leiblichen Eltern durften die Kinder Christine Marianne und Manuela Christiane jedesmal behalten.
Natürlich kümmern sich Herr Augustin, Agathe und Regine, meine Mitarbeiter, weiterhin um die Fragestellung, Herr Doktor Weil-Esch, ob Frau Tatjana Christine Dombrowski nicht doch ein Baby geboren hätte, das Herr Manuel Ernst und Frau Tatjana Christine Dombrowski später zur Adoption freigaben. Ob das Mädchen Manuela Christiane bei der Geburt nicht einen Zwilling hatte. Allem Leugnen, Abstreiten Frau Tatjana Christine Dombrowskis zum Trotz.
Unter Tränen hat Frau Tatjana Christine Dombrowski Herrn Augustin, Agathe und Regine die Tatsache eingestanden, daß sie jahrelang als Prostituierte gearbeitet hatte. Daß sie auch in gegenwärtig immer wieder jemanden, der bereit war, für den Dienst zu bezahlen, in der Hegelstraße-Wohnung empfing.
Angefangen habe das bei ihr, meinte Frau Dombrowski, mit dreizehn, vierzehn Jahren. Öfters, daß das Mädchen Tatjana Ebershagen ab diesem Lebensjahr kleine, größere Geschenke und Geldbeträge für Liebesdienste genommen hat. Nicht nur für einen flüchtigen Kuß.
Wegen dieser Ungebührlichkeit, daß Tatjana Christine mit der Zeit bei ihren Freundinnen, -en und an ihrer Schule immer stärker in Verruf geriet. Den anständigen Teil ihres Freundeskreises büßte der weibliche Teenager Tatjana Christine Ebershagen ein.
Die Eltern Ebershagen haben ihre Tochter Tatjana Christine schließlich in den großen Ferien von der Schule genommen, sie auf eine andere geschickt. Dort setzte sich das Treiben Tatjana Christines jedoch bald ähnlich fort. Die folgenden Schuljahre bis zu ihrem sechzehnten Geburtstag hatte Tatjana Christine noch fünf weitere Schulwechsel.
Als die junge Frau Tatjana Christine Ebershagen sechzehn Jahre alt war, heiratsfähiges Alter, eskalierte das mit dem Ärger in ihrem Elternhaus vollends. Tatjana Christines Vater griff Tatjana Christine bei einer Auseinandersetzung mit den Fäusten tätlich an. Das Nasenbein brach ihr Vater Tatjana Christine. Ehe Tatjana Christine Schlimmeres durch ihren leiblichen Vater passieren konnte, schaffte Tatjana Christine es mit Hilfe ihrer Mutter, zur Wohnungstüre hinauszuschlüpfen. Um nie wieder für länger als ein, zwei Stunden in die elterliche Wohnung zurückzukehren.
An der Stelle, Herr Doktor Weil-Esch, kommt Herr Manuel Ernst Dombrowski ins Spiel. Zu Herrn Manuel Ernst Dombrowski, mit dem Tatjana Christine flüchtig bekannt war, in die Wohnräume, daß sich die sechzehnjährige Tatjana Christine Ebershagen flüchtete.
Mit Herrn Manuel Ernst Dombrowski verlobte die junge Frau Tatjana Christine Ebershagen sich innerhalb der folgenden Woche. Von der Realschule, daß Tatjana Christine Ebershagen abging.
Trotz eines fehlenden Schulabschlusses gelang es Tatjana Christines Mutter, Tatjana Christine innerhalb eines Monats eine Lehrstelle als Schneiderin zu vermitteln. Ein kleiner Familienbetrieb, der allerdings trotzdem jedes Jahr zwei Lehrmädchen neu einstellte.
Unglücklicherweise für Tatjana Christine ging die Familienschneiderei im folgenden halben Jahr überraschend in die Insolvenz. So daß Tatjana Christine die Miete für ihr möbliertes Zimmer in der Umgebung des Schneidereibetriebes nicht mehr bezahlen konnte.
Als Folge kehrte Tatjana Christine unmittelbar zu Herrn Manuel Ernst Dombrowski zurück. Herr Manuel Ernst Dombrowski, ein Mann, mitten in den zwanziger Jahren seines Lebens, der nun die Ideen in die Tat umsetzte, die er mit Tatjana Christine hatte. Das, was Tatjana Christine nun bei und für Herrn Manuel Ernst Dombrowski unternahm, bezog sich nicht mehr nur auf die Wochenenden.
Mit siebzehneinhalb Jahren wurde Tatjana Christine von Herrn Manuel Dombrowski schwanger. Obwohl man Tatjana Christine mit jedem Tag ihre Schwangerschaft immer besser ankannte, begab Tatjana Christine, sich weiter in das Eroscenter Blau, in das Herr Manuel Ernst Dombrowski seine Freundin Tatjana Christine zusammen mit einer anderen mit Hilfe von guten Beziehungen zu den Leuten dort vermittelt hatte.
Ein halbes Jahr gehörte Tatjana Christine im Eroscenter Blau zur Damenbelegschaft. Bis im Eroscenter Blau sämtliche Mädchen ausgetauscht wurden. Danach mußte es für Tatjana Christine, die als Schwangere eigentlich jede Menge Kundschaft anzog, weitergehen. Dafür suchte Herr Manuel Ernst Dombrowski nach Wegen.
Die Geschichte von Herrn Manuel Ernst Dombrowski ist die eines Kleinkriminellen, der ab und an höhere Ambitionen hatte.
Mit siebzehn Jahren wurde Herr Manuel Ernst Dombrowski das erste Mal verhaftet: als Mitglied einer auf Taschendiebstahl spezialisierten Jugendbande. Manuel Ernst übernahm in der Bande den Part desjenigen, an den gestohlene Gegenstände weitergereicht wurden. Als Mitläufer kriegte Manuel Ernst sechs Monate auf Bewährung.
Mit neunzehn Jahren war Herr Manuel Ernst Dombrowski in der Großstadt, aus der er herstammte, das erste Mal als Zuhälter behördlich auffällig. Folge: drei Monate Jugendgefängnis.
Mit einundzwanzig Jahren wurde Herr Manuel Ernst Dombrowski wegen Körperverletzung in einem minder schweren Fall, Mitgliedschaft in einer kriminellen Bande, die Haus- und Wohnungseinbrüche verübte, nach dem Jugendgesetzbuch zu drei Jahren Haft verurteilt. Wegen guter Führung und einer positiven Sozialperspektive - Herr Manuel Ernst Dombrowski hatte eine Spenglerlehre begonnen - wurden Herrn Manuel Ernst Dombrowski zwei Jahre seiner Haftstrafe in Bewährung umgewandelt.
Frau Tatjana Christine Dombrowski kann sich ziemlich gut daran erinnern, wo sie Herrn Manuel Ernst Dombrowski das erste Mal getroffen hatte: Sonntag am Nachmittag vor der Diskothek Diesel. Dort war eine Teenager-Disko. Vor der sich draußen in der Umgebung der Eingangstüre Herr Manuel Ernst Dombrowski mit zwei Freunden herumtrieb.
Irgendwann im Laufe der Nachmittagsstunden standen sich Tatjana Christine Ebershagen und Herr Manuel Ernnst Dombrowski gegenüber. Herr Manuel Ernst Dombrowski reichte der gelangweilten vierzehneinhalbjährigen Tatjana Christine Ebershagen eine Zigarette. Auf die Frage, was er, Manuel, von Beruf wäre, antwortete Herr Manuel Ernst Dombrowski, er sei ein pimp. Ja doch, das sei er, ein pimp. Einer, der kleine Mädchen verführt, daß sie Dinge täten, die sie nicht wollten. Fanden Tatjana Christine Ebershagen und ihre beiden Freundinnen lustig, was der Mann daherredete, dem seine Kumpels auf die Schultern hauten.
Aber es war am Schluß Tatjana Christine Ebershagen alleine, die mit Herrn Manuel Ernst Dombrowski und den beiden anderen mit dem Auto wegfuhr. Für eine Geschichte zu viert. Ein erstes Mal für Tatjana Christine Ebershagen.
Ab diesem Zeitpunkt hatte Tatjana Christine Ebershagen die Adresse von Herrn Manuela Ernst Dombrowski, besuchte Herrn Manuel Ernst Dombrowski öfters nach der Schule oder die Nachmittage übers Wochenende.
Aber noch nicht so richtig für was Festes, wie Frau Tatjana Christine Dombrowski es heute, in der Gegenwart, ausdrückte. Ihre Beziehung zu Manuel Ernst blieb erst mal eher lose. Vielleicht, weil Herr Manuel Ernst ohnehin ständig zwei oder drei Weiber in der Wohnung hatte. Bei denen Männer aus und ein gingen.
Erst später störte Tatjana Christine Ebershagen das nicht mehr. Schließlich war Tatjana Christine Ebershagen die Braut der Bräute bei Herrn Manuel Ernst Dombrowski. IHR hatte Manuel Ernst das Kind gemacht. IHR, sonst keiner. Mit IHR, Tatjana Christine Ebershagen, war er nicht nur zur Schau verlobt. Von Manuel Ernst hatte Tatjana Christine den goldenen Ring, fühlte sich an der Seite von Herrn Manuel Ernst Dombrowski wie die Rakete. Manuel Ernsts bestes Pferdchen im Stall war SIE, Tatjana Christine.
Während der Zeit herum versuchte Herr Manuel Ernst Dombrowski sch als Zuhälter größeren Stils. Eine zweite, dritte Wohnung, daß Manuel Ernst anmietete, in denen Mädchen, Frauen, die Manuel Ernst problemlos aufgabelte, auf den Zimmern Freier empfangen sollten.
Allerdings - das erzählte Frau Tatjana Christine Dombrowski weiter von ihrem Mann Manuel Ernst -, daß es Herrn Manuel Ernst nie gelang, so richtig im Gewerbe respektiert zu werden. Obwohl Herr Manuel Ernst Dombrowski dauerhaft sechs Pferdchen für sich am Start hatte. Oft sogar einige mehr.
Das war auch noch der Fall, als Frau Tatjana Ebershagen und Herr Manuel Ernst Dombrowski kirchlich geheiratet hatten und das zweite Kind Manuela Christiane unterwegs war.
Als Manuela Christiane kurz zur Welt gekommen war, häuften sich in der Großstadt die Polizeirazzien in den Puffs, Eroscentern, Swingerklubs, Stundenhäusern und am Straßenstrich. Prostituierte ohne Gewerbeschein und einen Gesundheitsnachweis wurden festgenommen. Mit Hilfe eines außerordentlichen Erlasses konnte es einer passieren, daß sie zwei, drei Wochen hinter schwedischen Gardinen blieb.
Dabei ereignete es sich, daß Herrn Manuela Ernst Dombrowski seine Stuten - wie Herr Manuel Ernst Dombrowski die Mädchen, Frauen nach den Worten seiner Frau Tatjana Christine Dombrowski nannte -, eine nach der andern abhanden kamen, ohne daß er neue beschaffen hätte können. Außerdem herrschte zu der Zeit in der ganzen Stadt brutaler Bandenkrieg. Blutiger Verteilungskampf zwischen den verschiedensten Organisationen, herausragend der italienischen Mafia und der Russenmafia. Und weil Herr Manuel Ernst Dombrowski weder zu den Italienern noch zu den Russen dazugehörte, schaffte Herr Manuel Ernst Dombrowski es nicht mehr, länger als zwei, drei Tage seine Stuten an den Start zu bringen.
Aus dem seriöserem Escort-Service, in den Herr Manuel Ernst Dombrowski mit zwei Studentinnen und Gattin Tatjana Christine einsteigen wollte, wurde nichts. Weil glatzköpfige Mafiagestalten Herrn Manuel Ernst Dombrowski, der Tatjana Christine aus dem Auto aussteigen hatte lassen, hinterherfuhren. Auf einem Parkplatz klopften die Glatzköpfe bei Manuel Ernst an die Scheibe auf der Fahrerseite. Mit Baseballschlägern und Fußtritten wurde Manuel Ernst in der schwülen Julinacht übel zugerichtet.
Als Manuel Ernst, Verband am Kopf, das linke Bein in Gips, am Krückstock aus dem Krankenhaus heraushumpelte, war es das für ihn mit dem Zuhältergewerbe in der Großstadt. Die einzige, die weiter an Herrn Manuel Ernsts Seite blieb, war Tatjana Christine, die Ehegemahlin. Nur Tatjana Christine hatte Manuel Ernst am Krankenbett besucht. Tatjana Christine war die, die sich wirklich Sorgen um Manuel Ernst gemacht hatte.
Vati Dombrowski bestellte den Umzugswagen. Die Familie Dombrowski, Vati, Mutti, zwei kleine Kinder, zog aus der großen Stadt aus, um nun auf dem Land zu leben, sozusagen.
Frau Tatjana Christine Dombrowski blieb jedoch dem Gewerbe treu. Mit Kundschaft trieb Tatjana Christine es in den Separees ländlicher Striplokale. Dann arbeitete Tatjana Christine sogar monatelang anständig als Barbedienung, als wäre es nur das, was sie tun könnte. Herr Manuel Ernst Dombrowski paßte das nicht, also baute er Kontakte zu Besitzern von Swingerklubs auf. Irgendwann erschien Frau Tatjana Christine Dombrowski immer wie zufällig auf der Szene, wenn in einem Klub nicht genügend Frauen als Gespielinnen anwesend waren. Entweder blieb Frau Dombrowski stundenweise oder die gesamte Öffnungszeit durch. Dafür zahlten die Klub-Besitzer Frau Dombrowski einen gewissen Betrag als Pauschale, den Frau Tatjana Christine Dombrowski sogar versteuerte. Kontaktanzeigen stellte Herr Manuel Ernst Dombrowski für seine Frau Tatjana Christine in die Zeitung. In für Stunden, Tage oder für Wochen, Monate angemieteten möblierten Wohnungen empfing Frau Tatjana Christine Dombrowski männ-, weibliche Freier. Auch in einem Wohnwagen fuhr Herr Manuel Ernst Dombrowski seine Frau Tatjana Christine eine Weile in der Landschaft rum. Einmal, daß es der Familie Dombrowski besser ging, dann schlechter; je nachdem, wie das Geschäft bei Tatjana Christine lief.
Spielte sich bei Frau Tatjana Christine Dombrowski nicht viel ab, weil ihr wieder einmal die Kundschaft, der es nach Frischfleisch gierte, absprang, hielt Herr Manuel Ernst Dombrowski die Familie mit Taschendiebstahl, kleineren Drogendeals, Wohnungseinbrüchen über Wasser.
Diese Pechsträhnen Tatjana Christines führten ab und an zu einem Gefängnisaufenthalt von Herrn Manuel Ernst Dombrowski. Die längste der Strafen, zu denen Herr Manuel Ernst Dombrowski verurteilt wurde, dauerte eineinhalb Jahre.
Jede Menge Fotos besitzt Frau Tatjana Christine Dombrowski in mehreren Fotoalben und Schuhschachteln.
Herr Manuel Ernst Dombrowski und Frau Tatjana Christine Dombrowski, die fotografierten sich und ihre Familie gerne.
Vor allem aber Herr Manuel Ernst Dombrowski war ein passionierter Fotograf.
Unzählige Foto- und Filmaufnahmen besitzt Frau Dombrowski, die sie, Frau Tatjana Christine Dombrowski, zusammen mit Kundschaft bei sexueller Betätigung zeigen.
Herr Dombrowski, der verwanzte Zimmer, sorgte mit versteckter Kamera für beste Sicht auf Dinge.
Auf einigen der Filme sind sogar Christine Marianne und Manuela Christiane zu sehen, die Töchter. Blutjung. Junge Teenager. Aber in voller Aktion mit Männern unterschiedlichsten Alters.
Zweck des Ganzen, die Idee dahinter, Herr Doktor Weil-Esch: Herr Manuel Ernst Dombrowski dachte an Erpressung. Die Kerle, die sich an an den Mädchen Christine Marianne und Manuela Christiane vergriffen, bei Gelegenheit zu erpressen.
Inwieweit Herr Dombrowski das, was Frau Dombrowski meinen Mitarbeitern-, innen lediglich als Absicht ihres Mannes Manuel Ernst auseinandersetzte, nicht doch in die Tat umsetzte, das können wir von der Detektei Umschau nur schwer sagen, Herr Doktor Weil-Esch. Frau Tatjana Christine Dombrowski meinte, daß sie die auf silbernen Scheiben und Speicher-Sticks abgespeicherten Filmchen schon ganz vergessen gehabt hätte. Sie wäre sich dessen jedoch ganz sicher, daß Manuel Ernst nicht oft mit den Aufnahmen an jemanden herangetreten war. Das müßte sie als Manuel Ernsts Ehefrau nun wirklich wissen, wenn ihr Gemahl Manuel Ernst mit den Minikameraufnahmen in erpresserischer Absicht auf einzelne Leute zugegangen wäre. Davon hätte Manuel Ernst ihr, Tatjana Christine, sicher etwas erzählt, hätte er den Mut gehabt, einen Freier mit Erpressung zu nötigen. Hätte Manuel Ernst eine Sache erfolgreich durchgezogen, hätte sicherlich die ganze Familie sofort mehr Geld als gewöhnlich zum Ausgeben gehabt. Hätte manch anderes nicht in dem Maße unternommen werden müssen..
Herr Manuel Ernst Dombrowski jemand, der für sein Leben gerne fotografierte. Auch Frau Tatjana Christine Dombrowski wußte, mit den Fotoapparaten, Kameras ihres Mannes umzugehen. Ebenso die Töchter Christine Marianne und Manuela Christiane.
Herr Bernd Reil ist auf einigen Fotografien an der Seite von Manuela Christiane zu sehen. Christine Marianne mußte die hinter der Digitalkamera sein. Alle Fotos aus der Zeit, als Herr Bernd Reil, neunzehn-, zwanzigjährig, und Manuela Christiane Dombrowski, fünf-, sechzehn, ein Liebespaar waren.
Zum Beispiel ist auf einem Speicherstick-Filmchen zu sehen, wie Herr Bernd Reil als junger Mann zusammen mit Manuela Christiane Dombrowski im Biergarten an einem langen Holztisch hockt; breit wird von Herrn Bernd Reil und Manuela Christiane gegrinst. Herr Bernd Reil hat schulterlange Haare und Manuela Christiane eine Hochsteck-Frisur, die ihr ein ziemlich biederes Aussehen verlieh. Bier aus Tonkrügen wird getrunken. Freunde erscheinen am Tisch. Christine Mariane, die die Kamera hatte, bringt alle gut ins Bild.
Ein zweiter Film zeigt, wie Manuela Christiane Dombrowski stolz auf einem weißen Pferd sitzt, während Herr Bernd Reil vorne die Zügel hält und grinst. Manuela Christiane spricht zu Bernd Reil herunter, sie möchte gerne dieses Pferd; Bernd solle es ihr kaufen. Bernd zeigt Manuela den Vogel.
Eine ganze Reihe solcherart harmloser Foto- und Filmaufnahmen gibt es, die Herrn Reil und Manuela Christiane Dombrowski irgendwo unterwegs präsentieren. Posieren auf einer Wiese. An einem Wirtshaustisch. Bernd alleine oder mit Kumpels. Dann aber auch Fotografien und Kurzfilme, auf denen Herr Bernd Reil und Manuela Christiane beim Liebesspiel zu sehen sind.
Die Aufnahmen hat Vati Dombrowski ohne Wissen seiner Jüngsten Manuela Christiane mit versteckter Kamera gemacht. Und es man kann sich Penisse-Formate anschauen - hinten auf dem einen oder andern Foto steht Bernd. Eine weibliche Schönschreibschrift, die von Manuela Christianes Mutti Tatjana Christine. Auf einigen allerdings: Reil. Kühl und in Klammern. Die krakelige Blockschrift von Manuel Ernst, informierte Frau Tatjana Christine Dombrowski ohne weiteres. Diese Art Bildchen hätte Vati Manuel Ernst immer wieder mal in Sexshops zu verkaufen versucht. Oder in Wirtshäusern.
Meinen Mitarbeiter, -innen war irgendwann etwas aufgefallen. Sie machten Frau Tatjana Christine Dombrowski darauf aufmerksam, daß bei allem, was sie an Filmchen und Fotos zu sehen kriegten, irgendwie fehlte, daß Manuela Christiane lange Jahre mit Hans-Georg Tabert zusammen war. Bildaufnahmen Manuela Christianes und Hans-Georg Tabert fehlten ausnahmslos. Obwohl solche sicherlich für Frau Tatjana Christine Dombrowskis Ehemann Manuel Ernst von höchstem Interesse hätten gewesen sein müssen.
Die Frage stellte Herr Augustin Frau Tatjana Christine Dombrowsksi, warum sie kein einziges Bild besaß, auf dem Manuela Christiane mit Herrn Hans-Georg Tabert zu sehen war.
Frau Tatjana Christine Dombrowski hat dumm aus der Wäsche geguckt, geantwortet, daß ihr der Gedanke noch gar nicht gekommen sei. Das sei ihr noch nicht aufgefallen, daß sie als Mutter Manuela Christianes kein einziges Foto besaß, auf dem Manuela Christiane und Hans-Georg gemeinsam drauf waren. Obwohl Manuela Christiane und Hans-Georg Jahre ein Paar waren. Ein paar Bilder mit Manuela Christiane und Hans-Georg müßte sie allerdings besitzen. Keine Ahnung, wo die abgeblieben wären. Jetzt wäre eben kein einziges Foto mehr da, das Manuela Christiane und Hans-Georg abbildete, was sollte es. Wo diese Fotos hingekommen wären, das könnte sie, Frau Tatjana Christine Dombrowski, ihnen, den Mitarbeitern, -innen der Detektei Umschau, wirklich nicht sagen. Vielleicht, daß Manuela Christiane sie geholt hätte. Oder Christine Marianne hätte das getan, aus irgendeinem Grund. Auch Manuel Ernst selber, der könnte das mit dem Entfernen der Fotoaufnahmen von Manuela Christiane mit Hans-Georg gemacht haben. Manuel Ernst konnte Hans-Georg nämlich irgendwie nie recht ausstehen. Nachdem das mit dem Unglück Manuela Christianes damals geschehen war, hätte Manuel Ernst Hans-Georg nur noch gehaßt. Einmal erinnere sie, Frau Tatjana Christine Dombrowski, sich daran, daß ihr Mann Manuel Ernst im Freien Fotos aus zwei Kartons in einem Metalleimer verbrannt hätte. Jedenfalls wären die Fotos Manuela Christianes mit Herrn Hans-Georg Tabert jetzt allesamt weg. Viele andere Fotografien wären dafür noch Genügend andere Fotografien zum Anschauen wären dafür noch übrig.
Mit meinen Mitarbeiterinnen Agathe und Regine ist Frau Tatjana Christine Dombrowski vorgestern so allgemein in ihrem schäbigen Wohnzimmer ihrer vermüllten Wohnung in der Hegelstraße herumgesessen. Eine Fotografie ihrer achtjährigen Tochter Manuela Christiane hatte Frau Dombrowski in den Fingern. Tochter Manuela Christiane in einem blauen Badehöschen und sonst nichts an hockt mit kleinem roten Plastikeimer und einer gelben Plastiksandschaufel am Sandboden eines Kiesweihers. Im Hintergrund sieht man mehrere weibliche Teenager in Bikinis, die sich gegenseitig mit Wasser bespritzen.
Bei der Betrachtung dieses Fotos brach Frau Tatjana Christine Dombrowski plötzlich in Tränen aus. Überraschend meinte Frau Dombrowski zu Agathe und Regine hin, daß sie ihren Töchtern Christine Marianne und Manuela Christiane sicher nie die beste Mutter gewesen sei. Schon früh, daß ihre Töchter Christine Marianne und Manuela Christiane mit der Mutti mitkommen hätten müssen.
Bei Tochter Christine Marianne war es das erste Mal schon, als sie acht war. Bei Tochter Manuela Christiane die Jahre drauf mit neuneinhalb.
Sie, Frau Tatjana Christine Dombrowski, habe ihre beiden Kinder jedes Wochenende im Zug mitgenommen, in die große Stadt. Oder nachmittags in den Swinger-Klub. Bis Manuel Ernst die Mädchen mit dem Auto abholte.
Bei dem ältesten Kind Christine Marianne habe sie alles genauso gemacht, wie das später das gleiche bei Manuela Christiane: erst die Sachverhalte ganz genau erklärt. Es wiederholt, was zu tun wäre. Und wie das für sie sein würde. Daß der Schmerz kleiner oder größer sein konnte, je nachdem; das Blut beim ersten Mal, das würde überhaupt nicht schlimm sein. Es war eben Blut, sonst nichts. Es wäre aber eine Notwendigkeit für Manuela Christiane, wie es sie für Christine Marianne war. Wenn sie weiterhin teure, schöne Spielsachen haben wollte, hübsche Kleider für die Schule oder für sonst unterwegs, gutes Essen am Tisch, daß Klein Manuela Christiane alles genauso mitmachen müßte, wie Mutti es ihr mitgeteilt hätte. Dann gäbe es bei nichts ein Problem, würde Vati nicht zu schimpfen anfangen.
In der großen Stadt hatte Frau Tatjana Christine eine alte Freundin. Melinda, ihr Künstlername. In immer wieder wechselnden Wohnungen kamen bei Melinda Männer, Frauen zu Besuch.
Jahrelang hatte das Frau Tatjana Christine Dombrowski gemacht, daß sie sich übers Wochende oder einmal im Monat für mehrere Tage zu Melinda in die Wohnräume nach der Großstadt abreiste. Dann beschäftigten Melinda und Frau Tatjana Christine Dombrowski sich in separaten Zimmern oder zu zweit auf einem mit Männerverkehr, bei festen Tarifen. Zu dieser Melinda hatte Frau Tatjana Christine Dombrowski also erst ihre Tochter Christine Marianne mitgenommen, und dann, als sie Frau Tatjana Dombrowski so weit schien, auch Manuela Christiane.
Sowohl bei Christine Marianne als auch bei Manuela Christiane sei alles bestens verlaufen bei ihren Anfängen, versicherte Frau Dombrowski meinen Mitarbeiterinnen Agathe und Regine gegenüber. Sehr erfreulich für die Mädchen. Drei, vier Männer, die nicht als grob galten, wußten über den ersten Abend Christine Mariannes und Manuela Christianes Bescheid. Derjenige, der das höchste Gebot abgegeben hatte, durfte der erste sein. Als Christine Marianne und Manuela Christiane alles schon besser kannten, hatten Christine Marianne und Manuela Christiane, begleiteten beide ihre Mutter regelmäßig, kriegten bei Melinda immer ein Zimmer für sich.
Vor allem Christine Marianne war jedesmal Feuer und Flamme, meinte Mutti Tatjana Christine, daß Mutti wieder zu Melinda hochfahren wollte. Während die Geschichte bei Manuela Christiane komplizierter war. Manuela Christiane mußte beinahe jedesmal bekniet werden, mitzufahren. Obwohl zwei-, dreimal eine Nacht durch für ein Mädel, wie sie, Manuela Christiane, eines war, kein Problem war.
Fuhr Frau Tatjana Christine Dombrowski mit Christine Marianne und Manuela Christiane zusammen am Sonntag am Abend - nach einem Wochenende oder in den Schulferien nach einer ganzen Woche bei Melinda - nach Hause zurück, war Manuela Christiane danach im Zug und daheim öfters sehr verschlossen. Ganz anders wie Christine Marianne, die lustig war, viel mit Mutti lachte. Und das mit der miesen Laune Manuela Christianes hatte Dauer, obwohl Manuela Christiane das xte Eis lutschte, einen, zwei, drei Extrafuffies ganz für sich alleine zum Ausgeben in ihrer Handtasche hatte. Am Montag schon konnte Manuela Christiane wieder in ein Modegeschäft hineinspazieren, sich was Besseres kaufen. Keine Billigware. Sondern was, mit dem sie ihren Freundinnen gegenüber angeben konnte.
Einmal, erinnerte sich Mutter Tatjana Christine, mußte sehr nachdrücklich mit Manuela Christiane geredet werden. Vater Manuel Ernst und Mutter Tatjana Christine unternahmen das gemeinsam. Weil Christine Marianne Vater Manuel Ernst und Mutter Tatjana Christine von der älteren Schweister Christine Marianne unterrichtet worden waren, daß Manuela Christiane ihren Schulfreundinnen gegenüber zuviel komisches Zeugs daherplapperte. Vater Manuel Ernst und Mutter Tatjana Christine machten Tochter Manuela Christiane das unzweideutig klar, daß Manuela Christiane keine dummen Sachen zu erzählen hätte. Niemandem mehr. Keiner Freundin. Und schon gar keinem Lehrer. Auch nicht andeutungsweise. Sollte sie, Manuela Christiane, sich nicht zusammenreißen können, könnte ihr passieren, daß sie bald in einem Heim landete. Oder bei sonst irgendwelchen fremden, bösen Menschen. Dort wäre die Welt dann für sie, Manuela Christiane, am Schluß nicht wirklich nett, angenehm.
In einem Erziehungsheim oder bei gemeinen Pflegeeltern wollte Manuela Christiane denn schließlich doch nicht landen. Kein angenehmer Gedanke war das für Manuela Christiane, plötzlich keinen Papi und keine Mutti mehr zu haben. Auch keine Schwester mehr. Und Christine Marianne, die ältere Schwester, die mußte bestimmt ebenfalls von ihren Eltern fort, wenn sie, die Jüngere, ins Heim mußte. Schwester Christine Marianne bloß in ein anderes Heim. Da nahm Manuela Christiane, erklärte Mutti DombrowskiAgathe und Regine, lieber das neue Fahrrad, die Spielekonsole, ging gemeinsam mit Mutti Tatjana Christine und Schwester Christine Marianne in die Eisdiele. Ins Kino. Bereitwilliger fuhr Manuela Christiane das eine oder andere Wochenende oder in den Ferien für ein, zwei Wochen mit Mutti zu Tante Melinda in die Großstadt.
Ein Herz und eine Seele waren Manuela Christiane und Christine Marianne mit zehn, elf, zwölf. Führten kleine Modeschauen auf, wenn sie sich von ihrem Geld neue Röcke, Hosen gekauft hatten. Stunden verbrachten Manuela Christiane und Christine Marianne an ihren Konsolen. Immer die neuesten Spiele hatten die Christine Marianne und Manuela Christiane. Haufenweise Spiele. Jede der Schwestern hatte auf ihrem Zimmer einen eigenen Internet-Anschluß. Durften wach bleiben, solange sie wollten. Schulnoten waren Vati und Mutti Dombrowski am Ende egal.
Das wissen wir von der Detektei Umschau nun von Frau Tatjana Christine Dombrowski, Herr Doktor Weil-Esch. Uns hat Frau Tatjana Christine Dombrowski das gesagt.
Halten wir fest: Alles ist Jahre her. Wie ist es heute um die Familie Dombrowski bestellt? Herr Manuel Ernst Dombrowski lebt seit eineinhalb Jahren nicht mehr. Seine Tochter Manuela Christiane sollte ebenfalls tot sein. Zumindest hat Manuela Christiane Dombrowski seit Jahren ein eigenes Grab. Am Leben und übriggeblieben sind von der Familie Dombrowski Frau Tatjana Christine Dombrowski, die Ehefrau des Herrn Manuela Ernst Dombrowski und Mutter von Christine Marianne und Manuela Christiane. Außerdem die Schwester Manuela Christianes, Christine Marianne Dombrowski. Christine Marianne Dombrowski, die bis jetzt für uns von der Detektei Umschau unauffindbar ist.
Wie das Ganze aussieht, müssen uns von der Detektei Umschau die Tränen, die Frau Tatjana Christine Dombrowski in unserer Gegenwart vergossen hat, genügen. Tränen allerdings, die bei Frau Tatjana Christine Dombrowski so schnell wieder trocknen wie sie gekommen sind.
Wenn Frau Tatjana Christine Dombrowski davon spricht, daß SIE im Leben nicht viel Glück gehabt hätte. Weil sie sich, wie sie zu Agathe und Regine gesagt hat, keinen Millionär als Gatten habe ergattern können, sehen wir von der Detektei Umschau das eigentlich anders. Ganz anders. Wir von der Detektei Umschau halten Frau Tatjana Christine Dombrowski für eine Person, die in ihrem Leben Glück hatte. Jede Menge Glück.
Was zum Beispiel diese Ereignisse aus vergangenen Tagen angeht, als die Mädchen Christine Marianne und Manuela Christiane noch acht, neun waren ... Wir, wir von der Detektei Umschau, müssen das nämlich sehen, daß wir heute über vieles bei Frau Tatjana Christine Dombrowski Bescheid wissen. Trotzdem könnte es sein, daß das keinerlei strafrechtliche Konsequenzen für Frau Tatjana Christine Dombrowski, die Mutter und Erziehungsberechtigte, hat.
Ist das nun Glück? Oder ist das Glück? Daß heute, was die Vergangenheit anbetrifft, die Dinge, die Frau Tatjana Christine Dombrowski anbetreffen, kaum mehr wahr zu nennen sind.
Wir von der Detektei Umschau lassen zwar ungefähr die Möglichkeiten anwältlich prüfen, wie heutzutage noch gegen Frau Tatjana Christine Dombrowski vorgegangen werden könnte. Aber, unter Umständen hilft das alles nicht, wenn Christine Marianne sich nicht bereitfindet, gegen ihre Mutter Tatjana Christine Dombrowski auszusagen.
Das heißt, Mutti Dombrowski ist sauber raus. Es hat uns zu genügen, daß die wenigstens ein bißchen heult.
Besser, ich beende damit dieses Schreiben jetzt, Herr Doktor Weil-Esch.
Hiermit verbleibe ich,
mit freundlichen Grüßen
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Anlage
fünfundfünfzig private Fotos der Familie Dombrowski, die Frau Tatjana Christine Dombrowski den Mitarbeitern, -innen der Detektei Umschau zur freien Verfügung überlassen hat. (Unter anderem Fotos, die Herrn Bernd Reil zusammen mit Manuela Christiane Dombrowski zeigen. Auch beim Liebesspiel.)
eine Speicherstick-Kopie mit filmischen Szenen. Herr Bernd Reil und Manuela Dombrowski. Zum Beispiel im Biergarten. Und vieles mehr
ein Sterbebild Manuela Christiane Dombrowskis. (Jenes, das bei der Beerdigung Manuela Christianes Dombrowski in der Kirche ausgelegen ist.)
je eine Geburtsurkunde von Frau Tatjana Dombrowskis Kindern Christine Marianne und Manuela Christiane
zwei Sterbeurkunden. (Eine von Frau Manuela Christiane Dombrowski. Eine von Herrn Manuel Ernst Dombrowski, dem Ehemann Frau Tatjana Christine Dombrowskis und Vater Manuela Christianes.)
Die Fotokopien verschiedener Dokumente, die Frau Tatjana Christine Dombrowski nach dem Unfalltod ihrer Tochter Manuela Christine bei Geiersdorf von den Behörden übergeben wurden. (Unter anderem der Obduktionsbefund in der Todessache Manuela Christiane Dombrowski. Dann der Text des Unfallsachverständigen, wie sich der Unfall von Frau Tatjana Christine Dombrowskis Tochter Manuela Christiane bei Geiersdorf seiner Auffassung nach genau abgespielt habe.)
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