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Blog von TeddeMehr

"Briefprotokolle der Detektei" (25.10. - 25.11.), No. 2

28. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Schreiben der Detektei Umschau an Herrn Doktor Weil-Esch, Datum: 10.11.xxxx

 

 

Sehr geehrter Herr Doktor Weil-Esch,

wissen Sie, was wir, wir von der Detektei Umschau komisch finden?

Daß keine lokale Behörde, gibt es doch einen für Berlin ausgestellten Personalausweis für Herrn Drakonie Rupertus Wank, die Identität Fransens herausfinden konnte. Die behördlichen Nachforschungen hätten eigentlich zu einem Ergebnis führen müssen.

Außerdem: Das besagte Gebäude in der Gründelicherstraße, das hatte einmal zwei weitere Stockwerke. Vor dem letzten Weltkrieg. Zur damaligen Zeit noch.

Fünfter und sechster Stock fehlen seitdem, wurden während den Restaurierungsarbeiten in den Nachkriegsjahren nicht wieder hochgezogen.

Könnte Herr Drakonie Rupertus Wank eigentlich nicht droben und drinnen wohnen, zumindest nicht nach dem Krieg. Hat Herr Drakonie Rupertus Wank jedoch getan. Auch nach Ende des zweiten Weltkriegs hatte Herr Drakonie Rupertus Wank seine Wohnung in der Gründelicherstraße Nummer neun, fünfter Stock.

 Bis hinein in die Gegenwart ist Herr Drakonie Rupertus Wank Bewohner des Hauses in der Gründelicherstraße. Ganz offiziell drinnen gemeldet. Berliner Meldeamt.

Briefe gehen an Herrn Drakonie Rupertus Wank. Werden in den Briefkasten Herrn Wanks gesteckt.

Eine Frage dabei: Erreicht Herrn Drakonie Rupertus Wank die Post auch mal?

 

Letzten Montag waren ich persönlich und mein Mitarbeiter Thomas in dem Wohnhaus mit der Hausnummer neun in der Gründelicherstraße. Im Erdgeschoß haben Thomas und ich uns sämtliche Briefkästen an der Wand angesehen. Der vorletzte Briefkasten, der gehört Leuten, die Hemmkarg heißen. Hr. und Fr. Hemmkarg, Rentner, konnten Thomas und ich das Namensschild im Briefkasten lesen.

Und dann, der letzte der Kästen der langen Reihe. An der Kastentür, ein Zettelchen unter einem Klarsichtklebeband - Wank, 5. Stock. Schreibmaschinenschrift.

Wank, 5. Stock!

 

Weil der Aufzug kaputt war, bin ich mit Thomas zusammen bis in die letzte Etage hochgestiegen - vierter Stock. An der Wohnungstüre von Herrn und Frau Hemmkarg habe ich geläutet. Drinnen haben Thomas und ich es klingeln gehört.

Als Thomas und ich dachten, da kommt keiner an die Tür, hat sich die uns plötzlich einen Spaltweit aufgetan. Als wäre überhaupt nicht zugesperrt gewesen, hätten Thomas oder ich nur nach der Klinke zu fassen brauchen, diese herabdrücken - hätten wir gemerkt, es ist doch offen. Kommt nur herein, Leute ...

Ein sehr alter Mann, der zu Thomas und mir herausschaute. Alt und maskenhaft faltig im Gesicht.

Der Alte meinte, nachdem er Thomas und mich länger angesehen hatte, seine Frau hätte das Telefon. Sie bräuchte bloß den grünen Knopf drücken, die Nummer der Polizei würde angewählt. Wenn ich und Thomas, wir beide, nicht sofort schnell wieder verschwänden, würde seine Frau das machen.

Schnell redete ich davon, daß ich und mein Freund nur schnell heraufgekommen wären, nach Herrn Wanks Befinden zu fragen. Hören wollten Thomas und ich, wie es Herrn Wank gerade gehe. Wie es gesundheitlich um ihn gestellt wäre, um ihn, Herrn Wank.

Groß angeschaut hat mich diese uralte Person mit ihren vielen Runzeln im Gesicht.

Nach Herrn Drakonie Rupertus Wank, daß ich weiter fragte. Herr Drakonie Rupertus Wank, er hätte seine Wohnung doch noch bei ihnen, den Hemmkargs, auf der Etage?

Der Alte schüttelte den Kopf, während er mich scharf anblickte. Zur Antwort gab der, sie, die Hemmkargs, hätten keinen Untermieter mit Namen Wank; täte ihm sehr leid, mir das mitteilen zu müssen.

Ich hatte das Gefühl, das wäre bereits eine Unterhaltung. Ich meinte zu Herrn Hemmkarg, der Name Wank, der stünde unten im Erdgeschoß am Briefkasten der Hemmkargs. Herr Wank müßte bei den Hemmkargs wohnen, wenn sonst keiner als die Hemmkargs auf der Etage wohnten.

Erwiderte Herr Hemmkarg, daß das nicht stimme; sie, die Hemmkargs, hätten ihren eigenen Briefkasten. Der rechts daneben, der gehöre Herrn Wank alleine. Und, ein Herr Wank wohne nicht bei den Hemmkargs in der Wohnung. Da hätten wir, Thomas und ich, etwas Falsches erzählt gekriegt.

Ich schüttelte den Kopf, erkundigte mich, wie das wäre, Herr Wank im fünften Stock. In dem Haus Gründelicherstraße neun wäre doch im vierten Stock Ende, oder? Oder gäbe es eine Art Dachraum, der fünfter Stock genannt wurde? Wie könnten wir, Thomas und ich, in den Raum hinaufkommen? Gäbe es eine herunterziehbare Stiege?

Herr Hemmkarg zuckte zu mir hin die Schulter. Herr Hemmkarg hatte meine Fragen überhört, kam darauf zurück, daß der Briefkasten ganz rechts außen Herrn Wank gehöre. Herrn Wank alleine. Nicht den Hemmkargs.

Ich sage, der vierte Stock wäre der der Hemmkargs, oben, über den Hemmkargs, da wäre der fünfte Stock. Herr Wank, der wohnt im fünften. Also müßte der fünfte Stock irgendwie auch vierte sein.

Überraschend erklärte Herr Hemmkarg, er hätte den Schlüssel zu dem Briefkasten Herrn Wanks. Wenn der Briefkasten wieder mal zu voll war, leere er, Herr Hemmkarg, den Briefkasten Herrn Wanks. Jede Menge Werbemüll, der eingeworfen würde, meistens, in Herrn Wanks Briefkasten, seit Jahr und Tag.

Auskunftsfreudig fand ich Herrn Hemmkarg. Also erkundigte ich mich bei Herrn Hemmkarg, ob tatsächlich alles nur immer Werbung sei, die man Herrn Wank schicke. Oder waren auch andere Briefsendungen dabei. Ob wir, Thomas und ich, vielleicht kurz die Post Herrn Wanks durchsehen dürften. Wie wäre es überhaupt um Herrn Wanks Gesundheitszustand bestellt, momentan? Wie ginge es Herrn Wank denn in seinem hohen Alter gesundheitlich?

Kopfschütteln Herrn Hemmkargs.

Ein gefährliches Funkeln kriegte Herr Hemmkarg in den Augen. So alt und gebrechlich sah mir Herr Hemmkarg plötzlich nicht mehr aus. Sondern eher wie einer, bei dem Thomas und ich aufpassen sollten, keine Überraschung zu erleben, käme es drauf an. Aus Herrn Hemmkarg brach es heraus, wer Thomas und ich überhaupt wären. Polizei jedenfalls wären wir nicht, Polizei, die hätte sich lange als Polizei vorgestellt. Wer glaubten wir, daß wir wären, einfach zu den Hemmkargs kommen zu dürfen, Herrn Wanks Post zu lesen. Was wünschten wir überhaupt von Herrn Wank?

Ich griff in meine Jackettinnentasche, fischte meinen Detektivausweis mit Lichtbild und unter Klarsichtfolie heraus. Sehr amtlich, daß mein selbstverfertigtes Stück Ausweis ausschaute. Dachte, der alte Hemmkarg, das wäre möglicherweise einer, dem reichte, daß was Behördlichem ähnelte, wenn er draufguckte. Habe ich mich getäuscht. Könnte sich ja jeder ankommen, sich wichtig machen, säuselte Herr Hemmkarg mir daher; sich einen Detektiv zu nennen, dafür wäre nicht viel nötig

Locker versuchte ich, die Unterhaltung von dieser Ebene fortzubringen. Meinte, in dem hohen Alter Herrn Wanks würde man doch nach Herrn Wanks gesundheitlichem Befinden fragen dürfen. Ich erkundigte mich, ob Herr Wank vielleicht demnächst wieder ins Haus zurückkäme. Herr Wank müßte doch hin und wieder bei den Hemmkargs vorbeischauen, seine Post abzuholen. Gerne würden wir Herrn Wank mal persönlich sprechen, könnte unsere Adresse dalassen. Jederzeit könnten wir angerufen werden. Besprechen könnte man schließlich immer irgendwas.

Auf einmal hatte Herr Hemmkarg seine Geduld mit mir und Thomas verloren, schrie nach seiner kopftuchtragenden Frau auf Mitte des Flurgang, blaues Kittelkleid am Leib, sie solle die Polizei anrufen, auf der Stelle. Die Wohnungstüre schlug Herr Hemmkarg Thomas und mir zu.

Auf Männer in Polizeiuniformen zu warten, darauf hatten Thomas und ich keine Lust. Weggegangen sind wir von der Tür, haben die Stiegen hinunter im Laufschritt genommen. Um drunten vorm Wohnhaus auf der gegenüberliegenden Gehsteig zu warten, ob Polizei ankam oder nicht.

 

Frau Hemmkargs Frau hat keine Polizeieinsatzgruppe herbeitelefoniert.

Eine halbe Stunde, nachdem Thomas und ich von der Wohnungstür der Hemmkargs weg sind, haben wir uns auf die Suche nach einem Imbiß gemacht.

Herr und Frau Hemmkarg, ein undurchsichtiges Paar, Herr Doktor Weil-Esch.

Herr und Frau Hemmkarg, eigentlich sind die beiden Herrschaften uralt. Daß die noch nicht in das Fernsehen gekommen sind, so alt wie die sein müßten.

Müssen schließlich Hundertjährige sein, die Hemmkargs. Seit achtzig Jahren leben Herr und Frau Hemmkarg in dem Wohnhaus Gründelicher 9. Beinahe ebenso lange verwalten die Hemmkargs die Post von Herrn Drakonie Rupertus Wank.

Ewige Zeit.

Einen Zeitraum von weit über achtzig Jahren, den wir von der Detektei Umschau jetzt überblicken. Was bedeutet, Herr Drakonie Rupertus Wank müßte wie die Hemmkargs über einhundert Jahre alt sein.

Nach den Paßbildern, die wir mittlerweile von Herrn Drakonie Rupertus Wank beziehungsweise Fransen gesehen haben, dem Phantombild, das Herr Augustin mit Hilfe von Herrn Josef Greitel verfertigt hat - ist Herr Drakonie Rupertus Wank zwar auch nicht mehr der Jüngste. Mit seinem wettergegerbtem, zerfurchtem Gesicht, der ledernen Haut aber vielmehr jemand im allerbesten Mannesalter.  Eine Person, so zwischen vierzig, fünfzig Jahre alt.

Eine Sache, daß Herr Drakonie Rupertus Wank so relativ jung aussieht.

Nur bei den Hemmkargs kann man vermuten, daß das mit dem Alter stimmen könnte. Obwohl Herr Hemmkarg sich äußerst rüstig, rasch bewegte, als er Thomas und mir die Türe vor der Nase zuwarf.

 

Es könnte jedoch auch die Möglichkeit bestehen, daß derjenige, den wir heute als Fransen kennen, die Identität von Herrn Drakonie Rupertus Wank angenommen hat.

Und niemand, dem das irgendwie auffallen wollte. Kein Mensch, der sich bis heute daran gestört hätte. 

Wir, von der Detektei Umschau, das heißt ich und Thomas, wir sind damit zu den Behörden gegangen. Wir haben den Fall in der Behördenstube klargelegt. Bürgeramt. Meldeamt.

Die Problematik, die wir von der Detektei Umschau, ich und Thomas, gegenüber der Sachbearbeiterin aufwarfen, war, daß die Paßstelle Herrn Drakonie Rupertus Wank einen neuen Ausweis und einen Reisepaß ausgestellt hätte. Daß die Pässe Herrn Wanks sogar in letzter Zeit erneuert wurden. Ohne daß irgendwer im geringsten in Betracht zog, daß hier eine Kleinigkeit nicht stimmen könnte. Zum Beispiel, wenn man überlegt, daß es keinen fünften Stock in dem Wohnhaus Gründelicherstraße neun gibt.

Im Meldeamt hat man in den Büros in dem Graben Stellung bezogen, daß Fehler passieren. Daß es andererseits für Achtzig-, Neunzig-, Einhundertjährige nicht verboten sei, fit zu sein, selber einkaufen und sogar reisen zu können. Sogar Sex könnte man bis ins hohe Alter haben. Es könnte durchaus alles einwandfrei funktionieren, obwohl man älter war. Alles andere sei Diskriminierung. Wie das nun im Einzelfall Herr Drakonie Rupertus Wank genau zuginge, das könnte man nicht sagen. Wenn Herr Drakonie Rupertus Wank in einem Haus in der Gründelicherstraße im fünften Stock wohne, in dem es keinen seit Jahrzehnten keinen fünften Stock gäbe, könnte wirklich etwas nicht stimmen. Es könnte jedoch nicht immer alles genau überprüft sein. Wenn es heute eine fünfte Etage gäbe, wo keine fünfte Etage war, das sei eben Pech, wenn das stimmen würde.

Könnte sein, daß ein gesuchter Verbrecher die Identität Herrn Drakonie Rupertus Wanks angenommen hätte, meinte ich. Die Meinung brachte mir den nächsten nachdenklichen Blick der Bürodame ein. Sie werde es vermerken, sagte sie. Habe ich ihr hingenickt. Wenn das aber so gewesen wäre, daß einer einen Identitätswechsel vollzogen hat, wenn größere Verbrechen verübt worden wären, setzte ich fort. Fragte, ob eine polizeilich Auffälligkeit nicht auch hier vermerkt werden hätte müssen. Zuckte die Frau die Schulter. Also - wenn dem nicht so war, war nichts, meinte sie. Das andere, wenn das schon so lange Jahre her wäre ... Die, bei denen man nachfragen könnte, die damals Verwaltungsbeamte waren, waren schon tot oder entweder im Ruhestand. Da hätte einer mit dem Namen Drakonie Rupertus Wank eben Glück gehabt. Größeres Glück.

 Die Behördenunterhaltungen, die ich führte, waren vor einer Woche, Herr Doktor Weil-Esch. Damit waren wir dann vor Ort ein rotes Tuch. Seitdem wir von Detektei Umschau darauf aufmerksam gemacht haben, sind wir von der Detektei Umschau dort, auf der Behördendienststelle nicht mehr gelitten. Als Thomas und ich dann am Donnerstagnachmittag und Freitag am Vormittag durch die Glastüre in das Berliner Behördengebäude hineingehen wollten, stellte sich Thomas und mir der Sicherheitsdienst gegenüber auf. Als hätten sie sich mein Gesicht und das von Thomas extra einprägen müssen, wirkten die zwei. Herablassenden Tones wurden Thomas und ich hinausgebeten. Man wünsche sich das nicht, daß wir noch mal hochkommen; man bräuchte keine Unterhaltung mit mir und Thomas, Detektiven.

 

Das kurz festgehalten, Herr Doktor Weil-Esch: Thomas und ich, wir sind uns keines Fehlverhaltens gegenüber Staatsbeamten - und insbesondere der einen Beamtin mit Namen Wagner - bewußt. Außer dem, daß Thomas und ich uns nicht mit einfachen Antworten abspeisen lassen wollten. Darüberhinaus, wir kein Geheimnis daraus gemacht, daß wir beide, Thomas und ich, Detektive sind, die für einen privaten Geldgeber an einem Fall arbeiteten. Deswegen unser Interesse an der Sache. Als Detektive wurden wir, wir von der Detektei Umschau, anscheinend mit einem Hausverbot belegt. Bis auf weiteres wird das bei uns durchgesetzt.

Das wollen wir von der Detektei Umschau uns nun so nicht gefallen lassen. Auf das auf der Meldestelle in Berlin gegenüber Mitarbeitern der Detektei Umschau an den Tag gelegte Verhalten haben wir mit Hilfe eines Schreibens unseres Anwalts aufmerksam gemacht. Darin fordern wir, daß, sollte das ein Hausverbot für die Detektei Umschau sein, es rückgängig gemacht werden sollte.

 

 

Hiermit verbleibe ich,

mit freundlichen Grüßen

 

 

___________________

 

 

Anlage:

10 Fotos des Wohngebäudes Gründelicherstraße 9 mit jedem einzelnen, der vier Stockwerke, des Hauses, in dem Herr Drakonie Rupertus Wank eine Postadresse hat. Im 5. Stock des Gebäudes soll Herr Drakonie Rupertus Wank eine Wohnung haben

20 Fotos der gesamten Gründelicherstraße rauf und runter (beide Gehsteigperspektiven, tagsüber, nachts)"

 

*

 

 

Schreiben der Detektei Umschau an Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, Datum: 15.11.xxxx

 

 

"Sehr geehrter Herr Doktor Weil-Esch,

 Herr und Frau Hemmkarg, die beiden Alten im vierten Stock in dem Wohngebäude in der Gründelicherstraße neun, haben bei Thomas und mir einige Fragen aufgeworfen.

 

Im Haus Nummer neun in der Gründelicherstraße haben Thomas und ich an der Wohnungstüre von Herrn Lambertz, dem Hausmeister, im Erdgeschoß geläutet.

Herr Holger Lambertz sagte zu Thomas und mir, daß bereits sein vor fünfzehn Jahren verstorbener Vater im Gebäude Gründelicherstraße neun Hausmeister war. Er, der Sohn, hätte den Hausmeisterjob quasi von seinem toten Vater geerbt. Jetzt sei er achtundvierzig, mache die Arbeit des Hausmeisters seit dem Tod seines Vaters.

Nach den Hemmkargs im vierten Stock erkundigten Thomas und ich uns. An die Hemmkargs erinnere er sich, seit er ein Kind war, meinte Herr Lambertz. Damals waren die Hemmkargs schon älter. Aber heute wären sie steinalt. Susanne Hemmkarg wäre bald einhundertfünf, ihr Ehemann Ernst drei Jahre jünger.

Schon immer wohnten die alten Hemmkargs im Haus Gründelicherstraße neun, gehörten im Haus quasi zum Inventar. Als einzige in dem Gebäude hätten die Hemmkargs vor acht Jahren ihre Eigentumswohnung im vierten Stock oben behalten. Wären nicht auf das angemessene Angebot eingegangen, mit dem der neue Hausbesitzer ihnen ihre alte Eigentumswohnung vor der Hausrenovierung abkaufen wollte. Außerdem hätten die Hemmkargs und der Neueigentümer sich dann irgendwie geeinigt; jedenfalls hätten die Hemmkargs weiter ihr Wohnrecht in Gründelicher neun. Die Wohnung der Hemmkargs schaue in der Gegenwart als einzige noch genauso aus wie früher. Hätte aber einen Kabelanschluß fürs Fernsehen und Internet dazubekommen.

 

Herr Holger Lambertz wußte Thomas und mir wirklich einiges zu erzählen, Herr Doktor Weil-Esch, was die alten Hemmkargs anging. Unter anderem das, daß Ernst Hemmkarg bereits als relativ junger Mann vor sechzig Jahren in Frührente gegangen war. Mit Mitte dreißig. So weit er, Herr Holger Lambertz, sich an die Geschichten seines Vaters von früher erinnere, hatte Ernst Hemmkarg, der von Beruf Automechaniker war, über eine langere Zeit ziemliche gesundheitliche Probleme mit vielen Zusammenbrüchen. Öfters, daß Ernst Hemmkarg ins Krankenhaus gefahren werden mußte. Einige Male knapp, daß Ernst Hemmkarg den Löffel nicht abgegeben hätte.

Eine chronische Anämie, die von den Ärzten bei Ernst Hemmkarg festgestellt wurde. Irgendwas mit zu wenigen weißen Blutkörperchen, das zu einer chronischen Erkrankung Ernst Hemmkargs wurde. Obwohl Blutarmut keine ansteckende Krankheit ist, hatte Ernst Hemmkargs Frau Susi plötzlich Monate später dasselbe Krankheitsbild wie ihr Mann. Hemmkargs Frau Susi, die das von Beruf war, was man heute eine Büromanagerin nennt, mußte wie ihr Ehemann ihre berufliche Betätigung aufgeben und in Frührente gehen. Kinder hatte das Ehepaar Hemmkarg im übrigen nie welche.

Herr Holger Lambertz, der Hausmeister des Gebäudes Gründelicherstraße neun, gab sich dann, obwohl wir schon länger mit ihm in seinem Wohnzimmer zusammengehockt waren, unvermittelt verstockt. Thomas und mir wollte er keine weiteren näheren Auskünfte über die Hemmkargs im vierten droben mehr geben. Mir kam es vor, daß Holger Lambertz plötzlich an irgendwas gedacht hat. Das, was Holger Lambertz einfiel, veranlaßte Holger Lambertz, den Mund zu verschließen. Wie einer, dem ein Schreck in die Glieder gefahren ist, hat Herr Lambertz Thomas und mich angesehen. Keine Ahnung, wie ich das anders beschreiben sollte. Schließlich zuckte ich zu Thomas hin die Schulter, unterließen Thomas und ich es, weiter auf dem Thema zu bestehen, wenn Herr Lambertz nicht länger darauf eingehen wollte. War auch besser so, verärgerten wir Herrn Lambertz nicht, ließ uns das die Möglichkeit, bei späterer Gelegenheit auf Herrn Lambertz zurückzukommen. Also haben Thomas und ich uns nach anhaltendem Schweigen für das nette Gespräch bedankt, sind vom Sofa aufgestanden.

 

Das Besondere an den Hemmkargs, laberte Thomas Herrn Lambertz beim Verlassen seines Wohnzimmers hin, wäre ihr Alter. Ein wahrlich hohes Alter, das Herr und Frau Hemmkarg erreicht hätten. Jetzt genossen die alten Hemmkargs sicher die letzten Tage ihres Lebensabends, mehr oder weniger gesund.

Herr Lambertz schwatzte nicht mehr, hatte dafür Sorgenvolles im Blick seiner Augen. Ein Kummer, der sich bei ihm eingestellt hatte, über den Herr Lambertz nicht sprechen wollte.

Mittlerweile standen Thomas und ich wieder draußen von Lambertz' Hausmeisterwohnung. Eine blonde Frau in Jeans, die in der Begleitung von zwei in Blaumännern gekleideten Schränken von Mannsbildern zur Haustüre hereinkam. Kaum, daß die Blondine Herrn Lambertz sah, drohte sie Herrn Lambertz mit der Faust. Herrn Lambertz schrillte die Frau hin, daß alles klar wie Kloßbrühe wäre. Nichts als die reine Wahrheit, was man überall in der Gegend von dem Haus mit der Nummer neun daherschwatzen würde. Warum in Lambertz' Haus alle paar Tage die Mieter wechselten, jetzt sähe sie das sonnenklar. Sollte er, Lambertz, mit den schaurigen Hemmkargs oben im vierten glücklich werden. Wenn man die Hemmkargs nicht zum Ausziehen bewegen könnte, gingen eben andere. Wie zum Beispiel sie und ihr Mann. Ganz einfach. Eine neue, sogar bessere Vier-Zimmer-Wohnung hätte man auch schon bekommen, ratzfatz. Aus Kinder wären kein Nachteil gewesen. Der Umzugwagen, draußen bereits vorgefahren. Die Männer an ihrer Seite wären die Männer, der Firma, zuständig für den Umzug. Jetzt begebe man sich miteinander hoch in den zweiten Stock. Keiner der Familie Benglisch würde je wieder einen Fuß in Nummer neun Gründelicherstraße hineinsetzen. Spätestens bis zum Abend hätte man die Wohnung im dritten ausgeräumt. Fürs Ausweißeln käme morgen, übermorgen eine Malerfirma. Die Kaution überweise man an den Hausbesitzer, darüber müßte Herr Lambertz sich persönlich keine Sorgen machen.

Dumpf guckte Holger Lambertz auf die aufgebrachte Dame, Mitte dreißig, während die daherquasselte. Sonst gab es bei Holger Lambertz nicht viel Reaktion auf diese Ansprache.

 

Plötzlich hatte ich Herrn Holger Lambertz satt. Um der Gegenwart von Herrn Holger Lambertz zu entkommen, begaben Thomas und ich uns aus dem Haus Gründelicher neun hinaus. Draußen besprachen Thomas und ich uns, hielten fest, daß wir auf die Blondine mit dem Familiennamen Benglisch warten sollten. Wenn Frau Benglisch herunterkam, würden wir, Thomas und ich, Frau Benglisch ansprechen. Mal sehen, was Frau Benglisch Thomas und mir mitzuteilen hatte.

Lange mußten Thomas und ich nicht hinwarten, bis Frau Benglisch mit einer dicken Vase in beiden Händen zur Haustüre heraustrat. Ich unternahm es, die Blondine anzusprechen, als sie die Vase am Gehsteig abgestellt hatte.

Frau Benglisch war ohne weiteres bereit, sich mit Thomas und mir, uns von der Detektei Umschau, zu unterhalten. Als Bewohnerin der Gründelicherstraße kannte Frau Benglisch natürlich den Schnellimbiß eine Straße weiter. Dorthin spazierte Frau Benglisch mit Thomas und mir.

Am Tisch in dem Imbiß erkundigte ich mich bei Lisbeth Benglisch, warum sie denn auf Herrn Lambertz zornig ist. Weshalb die Familie Benglisch überhaupt aus der Gründelicherstraße Nummer neun ausziehen wolle.

Lisbeth Benglisch war sofort auf einhundertachtzig, weil ich Lambertz, den Hausmeister, ansprach. Aus Lisbeth Benglisch brach es heraus, daß Lambertz ein Lakei wäre, nichts weiter; eigentlich uninteressant, der Mann, einer zum Vergessen. Auf Lambertz wäre trotzdem niemand weiter böse; einem Idioten wie Lambertz konnte man nicht böse sein. Die Sache, die wäre die, daß die Hemmkargs oben im vierten Stock von Hausmeister Lambertz, dem Hausbesitzer von Gründelicher neun und der Polizei im Stadtbezirk für uralte Leute gehalten würden. Für uralte Leute, nicht für Monster. Der Hausbesitzer, Hausmeisterhelferlein Lambertz, die Polypen, sie alle wüßten nur eins zu labern: die Hemmkargs, die wären doch uralt. So alt, wie die Hemmkargs wären, könnten die Hemmkargs wohl kaum irgendwas von dem anstellen, was gerüchteweise dauernd verbreitet würde, was die alten Hemmkargs angestellt haben sollten. Ein Aufruhr würde immer wieder von gewissen Querulanten in der Gründelicherstraße veranstaltet, Mittelpunkt: ein steinalter Mann und eine steinalte Frau. Weil Herr und Frau Hemmkarg keinen guten Ruf hätten, müßte man in der Lage sein, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Sie selber, Frau Lisbeth Benglisch, hätte die Geschichten von den Hemmkargs vorher doch auch nicht glauben wollen, können. All die Sachen, die man sich im Haus, in der Nachbarschaft, in der ganzen Straße rauf und runter von den alten Hemmkargs zuraunte. Bis vor dem Ereignis vor einer Woche. Mitten in der Nacht war es. Sie, Lisbeth Benglisch, hatte sich seit halb zwölf an der Seite ihres Mannes Erhard mehr oder weniger im Bett herumgewälzt. Es war einfach nichts für sie, einschlafen zu können. In ihr war den ganzen vergangenen Abend schon so eine Störung. Wie wenn irgendwas in der Luft wäre, was für Mißstimmung sorgte. Erhard, ihr Mann, der hatte das nicht. Der fühlte sich nicht anders als sonst; ganz normal. In aller Ruhe konnte Erhard vor seinem Laptop oder im Wohnzimmersessel vorm Fernseher hocken. Neben seiner Gattin Lisbeth schnarchte Erhard im Bett.

Es war viertel über zwei Uhr mitten in der Nacht. Weil Lisbeth Benglisch es nicht schaffte, einzuschlafen mußte sie raus aus dem Ehebett, aufs Klo. Von dort zurückkommend, wunderte sich Lisbeth Benglisch erneut, wie niedergedrückt sie sich, am Flurgang herumstehend, fühlte. Plötzlich hörte Lisbeth Benglisch etwas Komisches. Aus dem Zimmer ihrer siebenjährigen Tochter Gina. So, als hätte jemand gesprochen; schnelle, zischende Worte, so hatte es sich von draußen angehört. Irgendwie nicht wie Klein Gina, sondern wie eine zweite Person, die bei Gina drinnen war. Telefonierte Gina nachts mit jemandem? War das eine verzerrte Membranenstimme, lauter gestellt, der Ton? Gina hatte die Tage ein eigenes Prepaid-Handy bekommen. Das Gina aber ausgeschaltet haben sollte. Kurzentschlossen drückte Lisbeth Benglisch die Türklinke runter, öffnete die Zimmertüre, betätigte den Lichtsschalter.

Das, was Lisbeth Benglisch im Lichtschein sah, brachte Frau Benglisch zum Kreischen.

Eine alte Frau stand seitlich vom Bett ihrer Tochter Gina, hatte sich zu Gina hinabgebeugt. Gina, die die glasigen Augen weit aufgerissen zu der Frau hinglotzte. Keinen Muckser machte Gina, obwohl ihre Mutti zu ihr ins Kinderzimmer hereingekommen war.

Das alte, sabbernde Weib, die Soße lief ihm das Kinn herunter, kannte Lisbeth Benglisch plötzlich. Es war die alte Hemmkarg.

Ab und an hatte Lisbeth Benglisch, die alte Hemmkarg schon mal zufällig humpeln gesehen, auf einen Gehstock gestützt. Die alte Hemmkarg, die zum Beispiel mit dem Aufzug heruntergefahren war, unten im Erdgeschoß den Briefkasten aufsperrte, den nebendran. Die uralte Hemmkarg, die zusammen mit ihrem Mann eine Riesenwohnung im vierten Stock oben bewohnen durfte.

Und das dort, die, die am Bett Ginas über ihrer Tochter Gina, drübergebeugt dagestanden war, das war SIE, die alte Hemmkarg. Ganz eindeutig war die es, die alte Hemmkarg.

Grinsend wandte die alte Frau Hemmkarg sich Lisbeth Benglisch zu, meinte zu Frau Benglisch, was für eine süße Tochter sie doch hätte; was das nur für ein süßes Ding wäre. So eine Süße. Ein wirklich süßes, reines Mädchen. Selber hätte sie, Frau Hemmkarg, gerne so was Süßes geboren. Damals, vor Jahren. Wäre ihr jedoch nicht gegeben gewesen, ein Mädel oder einen Jungen gezeugt zu bekommen. Ihr ganzer Sonnenschein wäre so eine Süße, ein Süßer geworden. Zu jeder Zeit könnte die süße Kleine zu ihr, Frau Hemmkarg, und ihrem Mann hochkommen, zum Spielen. Oben gäbe es immer Naschereien.

Frau Benglisch fröstelte es, das Fenster zum Kinderzimmer Ginas stand offen. Die Kälte der Nacht spürte Frau Benglisch nach den Tagen miesesten Regenwetters zuletzt. Tagelang hatte durchgegeregnet, war es tagsüber nie wäre als plus zehn gewesen. Nach Erhard, ihrem Ehemann, rief Frau Benglisch kreischend. Erhard, er solle zu Gina ins Zimmer kommen, sofort; bei Gina im Zimmer wäre eine fremde Frau.

Als Lisbeth Benglisch losgekreischt hatte, hatte die alte Hemmkarg sich sofort von Ginas Kinderbett fort zum Fensterbrett zurückgezogen. Frau Benglischs Ehemann Erhard stürmte Ginas Kinderzimmer, eilte, kaum, daß er die alte Frau sah, auf diese los. Die alte Hemmkarg hatte jedoch überraschenderweise die Füße einer flinken, jungen Gazelle. In einer Sekunde war sie droben auf dem Fensterbrett. Ohne auf irgendwas weiteres zu warten, schwang sich die Frau seitlich fort. Lisbeth Benglisch hatte keine Ahnung, wie die alte Hemmkarg das in ihrem greisenhaften Alter anstellen konnte. Nur eins wußte Lisbeth Benglisch, daß Fassadenkletterer sich mit ihren trainierten Fingern auch an den klitzekleinsten Ritzen, Vorsprüngen festhielten. Den Wahnsinn, daß Lisbeth Benglisch das fand, was die alte Hemmkarg wie eine ganz Junge brachte. Auf alle Fälle war die alte Hemmkarg schneller nach der Seite fort als Erhard, Lisbeth Benglischs Ehemann, nach ihr greifen hätte können, um sie anzupacken. Eine unvorstellbare Szene, die sich Lisbeth Benglisch für ewig in Gedächtnis einbrannte, wie diese sagte.

Als Lisbeth Benglisch neben Erhard, ihrem keuchenden Ehemann, der sich mit dem Rücken zum Fensterbrett nach hinten beugte, hinstürzte, war draußen oberhalb Bewegung im Dunkeln wahrnehmbar. Frau Hemmkarg, die irre behende und schnell dabei war, die Hauswand hochzuklettern. Wie auch immer die alte Hemmkarg das als Seniorin anstellte.

Tochter Gina hatte ein Handtaschenlampe dabei, als sie zu Mutti Lisbeth und Vati Erhard dazutrat. Die, reichte Gina an Vati Erhard. Vati Erhard, der mit der Lampe die Hausfassade nach oberhalb ableuchtete.

Nichts und niemand war für Vati Erhard zu sehen, die alte Hemmkarg war bereits verschwunden. Vati Erhard konnte nur eins: ungläubig den Kopf schütteln. Mutti Lisbeth fragte Vati Erhard, ob das alles Wirklichkeit war, das gerade. Gina, die Siebenjährige, schluchzte in den Armen ihrer Mutti. 

Mit dem Mobiltelefon ihrer Tochter Gina rief Lisbeth Benglisch die Polizei. Knapp fünf Minuten, daß die Polizisten brauchten, um bei den Benglischs in der Wohnung einzutreffen.

Die Polizeiuniformierten glaubten Herrn und Frau Benglisch ihre Geschichte nicht, schauten skeptisch aus der Wäsche. Und Gina, die Tochter der Benglischs, gab sich gegenüber den Beamten verschlossen, trotzig. Beinahe, daß Gina sich den Polizeibeamten gebenüber aufführte, wie Gina das machte, durchknallte, wenn Gina ein neues Spielzeig nicht bekam, das Gina sich unbedingt einbildete. So erläuterte Mutti Lisbeth Benglisch das Verhalten ihrer Tochter mir und Thomas gegenüber.

Trotzalledem, obwohl Gina sich derartig widerborstig zeigte, daß fast alles vom behaupteten ihrer Eltern wie ein schlechter Witz klang, begaben sich die Männer der Polizeigruppenstreife in Begleitung des Ehepaares Benglisch in den vierten Stock hinauf. Bei Herrn und Frau Hemmkarg läuteten die Beamten an der Wohnungstüre.

Der greise Ehemann der alten Hemmkarg öffnete den Polizeibeamten in einem edel wirkenden, purpurnen, mit goldenen Sternen verzierten Nachtmantel die Türe, erinnerte Lisbeth Benglisch sich der Szene. In dem Mantel hätte der alte Hemmkarg auch als Zauberer im Zirkus auftreten können. Ohne viel Firlefanz war der alte Herr Hemmkarg bereit, die Polizisten zu sich in die überheizte Wohnung einzulassen. Frau Benglisch und ihr Ehemann Erhard mußten jedoch draußen bleiben, ihnen beiden gestattete der alte Hemkarg das Hereinkommen nicht.

Die Polizeibeamten meinten zu Herrn und Frau Benglisch, als sie wieder bei den alten Hemmkargs zur Wohnungstüre heraustraten, daß Herr und Frau Hemmkarg wirklich sehr alte Leute waren. Sehr, sehr alt und gebrechlich. Aus dem Bett wäre die alte Frau Hemmkarg aufgestanden, von ihrem Ehemann herbeigerufen. Im weißen Nachthemd und mit weißem Kopftuch am Kopf auf wäre Frau Hemmkarg im Wohnzimmer der Hemmkargs auf Krücken auf bloßen Füßen vor den Männern von der Polizei erschienen, hätte sich nur mit Mühe auf den Beinen gehalten.

In der Wohnung des Ehepaar Benglischs zurück, hatten Frau Benglisch und ihr Ehemann Erhard alle Hände voll zu tun, die Vorhaltungen der Polizisten von sich zu weisen, sie und ihr Ehemann Erhard hätten sich die Gegenwart der alten Frau Hemmkarg nur eingebildet. Hysterisch wären sie, die Benglischs, einem Hirngespinst aufgesessen, der reinsten Einbildung, hätten dann die Polizei herbeigerufen. Das wäre grober Unfug, wiederholten die Beamten; für groben Unfug konnte man belangt werden. Das könnte eine Strafe geben.

Tochter Gina, von ihren Eltern ins Wohnzimmer dazugerufen, war leider für Vati und Mutti keine große Hilfe. Tochter Gina heulte rum, wollte nicht mitteilen, warum sie den Rolladen hochgezogen und bei der Kühle draußen das Fenster weit aufgerissen hatte. Als Gina deutlich gefragt wurde, ob sie, Gina, die alte Frau Hemmkarg bei sich im Zimmer und über sich gebeugt stehen gesehen hätte, kreischte, schrillte Gina herum, verhielt sich wie ein waidwundes Tier.

Schließlich gingen die Streifenpolizisten. Nicht ohne nochmals informiert zu haben, daß die Polizei einfach grundlos zu rufen, kein Spaß sei. Ihnen, den Benglischs, die nächsten Tage, daß ihnen eine Rechnung für den Polizeieinsatz in den Briefkasten geflattert kommen würde.

Tochter Gina war eine Stunde kaum zu beruhigen. Die restlichen Nachtstunden durfte Gina im Schlafzimmer von Vati und Mutti verbringen. Am Morgen war Gina immer noch ein verwirrtes, bockiges Kleinkind, das bei jeder Kleinigkeit herumflennte. Es war nichts, Gina dazu zu bewegen, daß Gina normal in die Schule ging. Trotzdem fuhr Mutti Lisbeth mit Gina in die Schule. Um dort die Geschichte Ginas auseinanderzusetzen.

Am Nachmittag, als er von der Arbeit nach Hause gekommen war, hätte sie ihrem Ehemann klargemacht, daß sie keine weitere Nacht in dem Haus Gründelicherstraße 9 zubringen wolle, erklärte Lisbeth Benglisch Thomas und mir. Alles Gerede, das sie von den alten Hemmkargs gehört hatte, hätte sich für sie als wahr herausgestellt. Das, daß die alten Hemmkargs nachts umgingen, in anderer Leute Wohnung eindringen würden. Böser als Gespenster wären die alten Hemmkargs, und nun hatten SIE, die Benglischs, es mit eigenen Augen erlebt: Die alte Hemmkarg war bei ihnen in der Wohnung, im Kinderzimmer ihrer Tochter Gina. Jeder der Familie, auch ihr Mann Erhard, hatte die alte Hemmkarg klar und deutlich bei Gina im Zimmer gesehen. Einer Täuschung wären keiner der Familie unterlegen. Erkannt hätte man die alte Hemmkarg außerdem. Diese unheimliche Alte, die in einem Augenblick zum Fenster raus war, die Hauswand hoch. Wie einige es im jugendlichen Alter nicht besser konnten, eher schlechter. So was mußte einfach zu denken geben, und das Ergebnis, zu dem dieses Denken führte, brauchte kein Mensch. Lisbeth Benglisch jedenfalls brachte ihre Tochter Gina noch am frühen Abend mit dem Auto zu ihrer Mutter nach Dresden. Als Lisbeth Benglischs Mutter die ganze Geschichte von ihrer Tochter erfahren hatte, daß Horrorgeschichten in der Gründelicherstraße wahr wurden, mitten in der Nacht ein verrücktes greises Frauenzimmer im Kinderzimmer Ginas herumstand, erlaubte Lisbeth Benglischs Mutter, daß nicht nur Gina bei ihr wohnen bleiben durfte, sondern auch Ginas gesamte Familie. Vati Erhard entschied sich ebenfalls dafür, keine weitere Nacht mehr in dem Haus Gründelicher neun zu verbringen.

 

Die Geschichte Lisbeth Benglischs war in der Folgezeit nicht die einzige, die Thomas und ich von Leuten in der Gründelicherstraße zu hören kriegten, Herr Doktor Weil-Esch. Der Ruf der alten Hemmkargs war in der ganzen Gründelicherstraße rauf und runter miserabel. Die alten Hemmkargs, die waren nicht nur unbeliebt, sie waren regelrecht gefürchtet.

In der ganzen Gründelicherstraße ist es ein einziges Kommen und Gehen. Viele bleiben nicht lange bleibt in einem Gebäude in der Gründelicherstraße wohnen. Schuld: die alten Hemmkargs. Sobald jemand ein paar Tage in der Gründelicherstraße wohnte, sich ein bißchen orientiert hatte, konnte es sein, daß er, sie auszog, sobald er die nächste Wohnung gefunden hatte.

Hinter vorgehaltener Hand meinten Leute zu Thomas und mir, die alten Hemmkargs wären fürchterlich, ein einziger Grusel. Gegenüber Thomas und mir wurde richtig behauptet, daß, wenn es je welche gab, die den bösen Blick hatten, es die alten Hemmkargs waren. Auch das hohe Alter der Hemmkargs, war ein Straßengerücht, käme von einem unheiligen Zauber, den die Hemmkargs in jungen Jahren an sich ausführen hätten lassen. Von einem bösen Hexenmeister. Der Hexer hätte dafür gesorgt, daß die alten Hemmkargs länger leben blieben als gewöhnliche Menschen.

Ein Herr Rother aus Gründelicher sechs, der bei Thomas und mir herumstand, der es allerdings schon geschafft hatte, zwei Jahre in der Gründelicherstraße wohnhaft zu bleiben, fragte sich nachdenklich, wenn man sich alles mit den Hemmkargs genau überlege, wundere er sich darüber, daß die alten Hemmkargs noch nie gelyncht worden wären. Immer wieder, während den vergangenen beiden Jahre, daß er, Herr Rother, in der Gründelicher wohnte, daß der eine oder andere größere, kleinere Mob die Wohnung der alten Hemmkargs in ihrer Neuner-Bude droben stürmen wollte. Um mit den Hemmkargs aufzuräumen. Schluß zu machen mit ihnen und ihrem Spuk, ein für allemal. Dann kam der Hausmeister von neun dazu, dieser Lambertz, der die Polizei immer schon angerufen hatte, als würde er dauernd die Straße beobachten. Jedesmal, daß Hausmeister Lambertz es nch schaffte, die aufzuhalten, die zu den alten Hemmkargs hoch wollten, es den alten Hemmkargs zu besorgen. Und dann war die Polizei bereits da, als käme sie schneller in die Gründelicher als sonstwohin. Die Bullerei, die das verhindert, daß es zum Äußersten kam. Die alten Hemmkargs, die blieben kühl in der Straße wohnen. Ob ihnen die Fensterscheiben mit Schüssen zerdeppert wurde oder nicht, das scherte die alten Hemmkargs einen Dreck. Setzte eben eine Glaserfirma von der anderen Seite der Stadt neue Fenster ein.

Eine ältere Frau namens Gelst aus Gründelicher zwei erzählte Thomas und mir, daß sie vor kurzem siebzig Jahre geworden wäre. Siebzig. Daß sie die alte Hemmkarg, die viel älter war als sie mit ihren erst siebzig Jahren, kürzlich erst nach einer längeren Pause wieder gegen einundzwanzig Uhr an ihrem Küchenfenster im dritten Stock gesehen hätte. An die Fensterscheibe, daß die alte Hemmkarg ihr Nase drückte, hereinstarrte. Sonst tat die Hemmkarg aber nichts; nur Starren. Vielleicht wegen dem Wasser, das sie, Frau Gelst, täglich neu weihen ließ. Immer, daß sie das Wasser mit einem Sprayer in ihrer Wohnung verspritzte. Wenn sie ausginge, dann nur mit einer Weihwasserflasche dabei. Aus der Flasche schüttet Frau Gelst was auf den Fußabtreter aus, wenn sie an Gründelicher neun vorbeikam.

Wir, wir von der Detektei Umschau, wir müßten uns das einmal vorstellen, setzte Frau Gelst fort, die Kinder müßte man vor den alten Hemmkargs schützen. Auf die Kinder müßte man aufpassen, daß die nicht ständig zu den alten Hemmkargs raufliefen. Um dann mit einer Krankheit bei den Hemmkargs aus der Wohnung rauszukommen. Besonders auf Mädchen hätten die Hemmkargs es abgesehen. Schreckten aber auch nicht vor Knaben zurück. Auch ältere Jungs. Die hätten dann seltsame Wundmale. Am Hals, in der Armbeuge. Kriegten Fieber. Ins Krankenhaus müßte immer wieder ein Kind gebracht werden.

 Fast monatlich, daß mehr etwas mit einem Mädchen als mit einem Jungen passierte. Fragte man die Mädchen, Jungs, wie sie denn auf die Idee gekommen wären, zu den alten Hemmkargs in den vierten Stock im Haus Gründelicherstraße neun hinaufzulaufen, um an der Wohnungstüre der alten Hemmkargs zu läuten oder bei den alten Hemmkargs die offenstehende Türe hineinzugehen in die Wohnung, setze es komische Antworten. Die Jungs und Mädels redeten daher, sie hätten zwar keinen der alten Hemmkargs irgendwo unten herumspazieren gesehen, aber die Stimmen der alten Hemmkargs von droben gehört. Die alten Hemmkargs hätten sie hinaufgerufen. Rufe, die außer dem Jungvolk keiner sonst hörte. Wie mittels Gedankenübertragung. Oder Suggestion, Hypnose. Direkt hinter den Ohren hörte es die Stimmen, erklärte es die Tochter einer Nachbarin, sagte Frau Gelst, unsere Informantin. Auf hypnotische Weise meinten die Worte zu dem Kind, sie und die andern sollten ruhig zu den alten Hemmkargs hinaufkommen. Oben gäbe es für jeden etwas Schönes; das könnte man kriegen. Wer sich traue, mache hoch zu den alten Hemmkargs; es wäre wie eine Mutprobe für die Fratzen.

 

Es entspricht der Tatsache, Herr Doktor Weil-Esch, daß, sobald in der Gründelicherstraße ein Schulkind nicht von der Schule nach Hause kommt, sofort die alten Hemmkargs in Verdacht stehen. Die Polizei wird gerufen. Ab und zu, daß ein aufgebrachter Vater sofort zu den alten Hemmkargs in den vierten Stock Gründelicher neun hochläuft. Vor der Wohnungstüre der alten Hemmkargs, daß Rabatz gemacht wird.

Mit Herrn Polizeihauptmeister Leon Ingels von der örtlichen Bezirksdienststelle, Zuständigkeit unter anderem für die Gründelicherstraße, konnten Thomas und ich ins Gespräch kommen. Polizeihauptmeister Ingels hat Thomas und mich tatsächlich in sein Büro mitkommen lassen, mit Thomas und mir geplaudert.

Darüber hat Herr Polizeihauptmeister Ingels mich und Thomas unter anderem informiert, daß die alten Hemmkargs über die Jahre hinweg öfters junge Leute bei sich in der Wohnung im vierten Stock oben hatten. Das wäre durchaus keine Lügengeschichte. Die alten Hemmkargs vermieteten ihre Wohnung im vierten Stock für Parties, um ihre Rente aufzubessern. Bis heute. Auf diesen Parties junger Leute in der Wohnung der Hemmkarg konnte es irgendwann sehr ausschweifend zugehen; nicht nur, was die Lautstärke der Musik anging.

Wenn von den Hausnachbarn, zum Beispiel denen, die eine Etage unter den alten Hemmkargs wohnten, die Polizei in die Gründelicherstraße neun gerufen wurde, die Beamten das xtemal bei den alten Hemmkargs droben waren, rührte der schlechte Zustand mancher junger Leute, die man bei den Hemmkargs antraf, nicht daher, daß einer der alten Hemmkargs ihnen gröbere Dinge angetan hätte. Das miserable Befinden des einen oder anderen hatte eher mit ausschweifender Sauferei zu tun, dem Rauchen und Schnupfen von Drogen, dem Gebrauch von Spritzwerkzeug, auch solchem von minderer Qualität. Der Notarzt, wurde er in die Gründelicherstraße Nummer neun in den vierten Stock beordert, öfters von den Partyfeiernden selbst herbeitelefoniert, konnte an Leuten schon einiges feststellen, wofür man die alten Hemmkargs wirklich nicht verantwortlich machen konnte. Sanitäter, die den männlichen, weiblichen Zugedröhnten, knapp an der Überdosis, auf Tragen abtransportieren mußten, hinunter in den Rettungswagen.

Herr Ingels, der überraschend nette Polizeihauptmeister, in dessen Dienstbüro ich und Thomas freundlicherweise sitzen durften, bestätigte mir aber auch, daß an dem Straßengeschwätz in der Gründelicherstraße durchaus etwas dran sei. Polizeihauptmeister Ingels teilte Thomas und mir mit, daß es immer wieder mal passierte, daß des öfteren kleine Mädels, Jungs vom Spielplatz, der sich in der Nähe der Gründelicherstraße befand, verschwanden. Daß vorsorglich im vierten Stock in der Gründelicherstraße neun vorbeischauende Polizisten den, die Verschwundene schon mal in der Wohnung der alten Hemmkargs antraf.

Die alten Hemmkargs, setzte man sich verhörtechnisch mit ihnen auseinander, sagten ohne weiters aus, daß Kinder im Aufzug zu ihnen in den vierten Stock hochgefahren kamen. Die Kinder, jungen Leute wüßten, daß sie bei ihnen, den Hemmkargs, nur zu läuten bräuchte. Oder sie kamen einfach zu den Hemmkargs herein, weil einer der Hemmkargs vergessen hatte, abzusperren. Wenn die Kinder schon da wären, würden sie eben etwas Süßes von den Hemmkargs bekommen. Die alten Hemmkargs verarzteten auch, kühlten Wespenstiche, verbanden Wunden.

Die Jungen und Mädchen selber, waren keine Erwachsenen dabei, stritten es den Polizeibeamten, die sich mit ihnen unterhielten, gegenüber selten ab, daß die alten Hemmkarg eine Möglichkeit für sie waren. Ohne Erwachsenenbegleitung sprach einer gegenüber den Polizisten daß, daß er eine Stimme zu hören glaubte. Aber von niemandem, der unmittelbar da war. Und daß er wußte, um wen es sich dabei handelte, wer da etwas von ihm wollte: die alte Hemmkarg oder ihr Mann. Dann wußte man, daß man hinaufmachen könnte. Am Spielplatz redete man darüber, bei den alten Hemmkargs im vierten Stock in der Gründelicherstraße neun oben vorbeizuschauen. Und weil keiner aufpaßte, machte man das auch. Die alten Hemmkargs waren eigentlich immer nett. Besonders zu ihnen, den Kindern. Die alten Hemmkargs hätten Spielekonsolen und so Sachen oben in ihrer Wohnung. Alles war angeschlossen. Dort konnte man gut spielen, solange man wollte, wenn man sich denn zu den Hemmkargs hochtraute. Bloß die Erwachsenen, die von den alten Hemmkargs redeten, als wären die alten Hemmkargs beide alte Monster. Und die Frage, warum man Stimmen von den alten Hemmkargs hörte, obwohl keiner der Hemmkargs weit und breit in der Nähe war, das war auch kein Problem.

Meistens stand die Wohnungstüre der Hmmkargs offen. Kinder, junge Leute konnten zu den alten Hemmkargs hinaufspazieren, wenn man noch nicht von der Schule nach Hause wollte. Oder so schnell nicht wieder dorthin zurück. Auch über Nacht konnte man als Ausreißer von daheim bei den alten Hemmkargs übernachten, Essen und Trinken kriegen. Probleme machten die alten Hemmkargs einem in Not selten welche. Die alten Hemmkargs fragten wegen nichts viel nach, kriegten die Polizisten zu hören.

So richtig mit dem Verschwinden von Kindern, Jugendlichen in Verbindung gebracht werden konnten die alten Hemmkargs nie. Zumindest, was die Ermittlungarbeit durch die Polizei anging. Der Rest, das waren, ging man von polizeilicher Seite dem nach, nichts als Gerüchte, üble Verdächtigungen. Und daß Kinder krank wurden, mal blaue Flecke, Wundmale am Hals oder in der Armbeuge oder sonstwo hatten, keine Jungfrauen mehr waren, das mußte nichts mit den alten Hemmkargs zu tun haben. Wirklich nicht.

Außerdem: Es gab Vampirsverdacht. Die alten Hemmkargs wurden beschuldigt, ein Mädchen wie ein Vampir im Film gebissen zu haben. Die alten Hemmkargs ließen daraufhin die Spurensicherung bei sich in der Wohnung arbeiten. Fanden sich im Beisein von Kriminalpolizisten bereit, sich von einem Amtsarzt in den Mund schauen zu lassen. Beide alten Hemmkargs waren Gebißträger, Herr und Frau Hemmkarg. Für den Arzt und die ihn begleitenden Polizeiherrschaften nahmen der alte Hemmkarg und seine Frau ihre Gebisse extra heraus. Nichts Absonderliches wie Saugstachel fürs Blutsaugen waren beim alten Herrn Hemmkarg und seiner Gemahlin zu entdecken.

 

Der Berlinaufenthalt von Thomas und mir war auf eine Woche befristet.

Ich will meinen, Herr Doktor Weil-Esch, daß sich aus der Berlinreise von Thomas und mir doch ein paar gewisse Kleinigkeiten ergaben, die für Sie von Interesse sind. Daß zum Beispiel das Gebäude, in dem Herr Drakonie Rupertus Wank gemeldet ist, in dem Herr Drakonie Rupertus Wank im fünften Stockwerk wohnen sollte, seit der Nachkriegszeit der vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts keinen fünften Stock mehr hat, ist so eine Sache. Wie die Verhältnisse in dem Wohngebäude Gründelicherstraße neun sind eine andere. Jetzt kennen wir Personen, die mit Herrn Drakonie Rupertus Wank in Verbindung stehen. Weil sie den gewöhnlichen Briefverkehr Herrn Drakonie Rupertus Wanks verwalten. Die Hemmkargs. Außerdem haben wir von der Detektei Umschau uns mit Herrn Holger Lambertz, dem Hausmeister von Gründelicher neun, bekannt gemacht. Und wir wissen Bescheid über ein paar Gerüchte, die in der Gründelicherstraße und Umgebung im Umlauf sind.

Deshalb bleibt in dem Fall trotzdem noch vieles mysteriös, undurchsichtig. Aber immerhin.

Vor unserer Abreise aus Berlin haben Thomas und ich - darüber möchte ich Sie noch kurz in Kenntnis setzen, Herr Doktor Weil-Esch - nochmals ein Gespräch mit Holger Lampertz, dem Hausmeister Gründelicherstraße neun, geführt.

Bei der Unterhaltung hat sich zwar für uns von der Detektei Umschau nichts darüberhinaus Neues aus dem Mund von Herrn Lampertz ergeben. Wir haben das von uns, der Detektei Umschau, verfertigte Phantombild Herrn Drakonie Rupertus Wanks nochmals unter die Nase gehalten haben. Diesesmal hat Holger Lambertz Thomas und mir gegenüber tatsächlich gemeint, der Mann auf dem Bild wäre ihm möglicherweise nicht ganz unbekannt. Zwei-, dreimal hätte er, Lambertz, jemanden dieses Aussehens schon gesehen.

Gesagt hatten wir es Herrn Lambertz bis dahin nicht direkt, wer der Gezeichnete sein sollte. Nun jedoch haben Thomas und ich Herrn Lambertz ohne weitere Umschweife auseinandergesetzt, daß der auf der Zeichnung abgebildete Mann Herr Drakonie Rupertus Wank sei. Herr Drakonie Rupertus Wank, derjenige, der im fünften Stock des Gebäudes Gründelicherstraße eine Wohnung haben sollte. Ein fünftes Stockwerk existiere jedoch nicht im Haus Gründelicherstraße 9. Einen Briefkasten allerdings, den hätte Herr Drakonie Rupertus Wank im Haus Gründelicherstraße neun. Einen Briefkasten, den die alten Hemmkargs aus dem vierten Stock verwalteten und über den Herr Lambertz, als der Hausmeister von Gründelicherstraße neun, im Grunde genommen bestens Bescheid wissen müßte.

Diese Anwürfe von uns hat Herr Lambertz ausdruckslos zur Kenntnis genommen. Mit der Miene eines Pokerspielers. Fünf Zweihunderterscheine habe ich Herrn Lambertz die Tischfläche hinübergeschoben. Zu Herrn Lambertz danach gemeint, er dürfe das Phantombild, das Herrn Drakonie Rupertus Wank zeigte ebenso behalten wie das Geld. Das gezeichnete Bild Herrn Drakonie Rupertus Wanks vielleicht für den Fall, daß Herr Lambertz, der Hausmeister von Gründelicherstraße neun, wenn er Herrn Drakonie Rupertus Wank zufällig auf der Treppe des Hauses Gründelicherstraße neun oder sonstwo zu Gesicht bekäme, nachschauen möchte, ob derjenige, den er eben gesehen hat, auch in Wirklichkeit dieser Herr Drakonie Rupertus Wank ist. Wäre das der Fall, daß ihm, Herrn Lambertz, nun einer über den Weg liefe, der eine Ähnlichkeit mit Herrn Drakonie Rupertus Wank hätte, bitte so schnell wie möglich eine Meldung an uns von der Detektei Umschau. Sobald wir von der Detektei Umschau dann in Berlin eingetroffen wären, nachdem wir die interessante Neuigkeit von Herrn Lamberzt erfahren hatten, hätten wir Herrn Drakonie Rupertus Wank im Haus Gründelicherstraße neun oder der Umgebung gesehen, dann bekäme Herr Lambertz noch mal zehn Zweihunderter drauf, steuerfrei.

 Mit dem für ihn vorteilhaften Handel - immerhin hatte er locker fünf Zweihunderterscheinchen in der Brieftasche, für die er nichts getan hatte, vielleicht nichts tun mußte - war Herr Holger Lambertz, Hausmeister Gründelicherstraße neun, zu gerne einverstanden. Herr Lambertz meinte, er würde die Augen offen halten.

Einmal sehen, Herr Doktor Weil-Esch, was daraus wird. Ob Herr Holger Lambertz sich irgendwann an uns von der Detektei Umschau erinnert und uns eine Meldung von ihm erreicht.

 

Damit verbleibe ich,

mit freundlichen Grüßen

 

 

___________________

 

 

Anlage

20 Fotos des Gebäudes Gründelicherstraße neun in Berlin-Berg, Haus innen und außen.

4 Fotos der Briefkästen Gründelicherstraße neun. (Herrn und Frau Hemmkargs Briefkasten; der Briefkasten Wank, 5. Stock alleine; beide Briefkästen zusammen nebeneinander, die gesamte Reihe der Briefkästen.)

6 Fotos der Wohnungstüre und der Wohnungsumgebung des vierten Stocks Gründelicherstraße neun. Die, die hinter der Türe wohnen: Herr Ernst und Frau Susanne Hemmkarg

1x ein von Frau Lisbeth Benglisch unterschriebenes Gesprächsprotokoll (acht DIN-A4-Seiten)

15 Fotos der Wohnung der Familie Benglisch in der Gründelicherstraße neun mit dem Kinderzimmer Ginas, dem Fenster innen, durch das Frau Susanne Hemmkarg in Ginas Zimmer hineingestiegen sein soll, um später eilig daraus zu flüchten, die Hausfassade rasch hochkletternd zu entkommen

10 Fotos der Hausfassade Gründelicherstraße neun, wenn man aus dem Kinderzimmer Gina Benglischs hinauf- und -unter hinaussieht. (Die besagte Fassade, die die alte Frau Hemmkarg nach zwei Uhr nachts blitzschnell hinaufgeklettert sein soll.)

1 3D-Panoramabild der Hausfassade Gründelicherstraße 9

2 Speichersticks (Gesprächsmitschnitte, auf Stick abgespeichert. Originaltöne von Leuten aus dem Haus Gründelicherstraße neun und aus der Nachbarschaft des Wohnhauses Gründelicherstraße neun. Als letztes im Angebot: die Worte Doris Rieckes, neun Jahre, Schülerin, die die alte Frau Hemmkarg für eine freundliche, alte Person hält, bis Doris Rieckes Mutti Doreen dazwischenschreit, daß die alte Hemmkarg eine böse Hexe sei. Ihre Tochter Doris könne die alte, böse Hexe doch nicht freundlich nennen)"

 

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