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Blog von TeddeMehr

"Briefprotokolle der Detektei" (25.10. - 25.11.), No. 3

28. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Schreiben der Detektei Umschau an Herrn Doktor Gregorius Weil-Esch, Datum: 25.11.xxxx

 

 

"Sehr geehrter Herr Doktor Weil-Esch,

Thomas und Regine führen in Geiersdorf beinahe täglich für ein, zwei Stunden Hunde des Geiersdorfer Tierheims spazieren. Unübliche Abenteuer erlebten Thomas und Regine dabei bisher nicht. Obwohl sie in der Umgebung Geiersdorfs herumstreifen.

Im gesamten Landkreis fahren Thomas und Regine herum. Da und dort hocken Thomas und Regine in Cafés, Wirtshäusern und Hotels herum. An Schulen latschen Thomas und Regine, Mitarbeiter der Detektei Umschau, vorbei. Sehen Thomas und Regine irgendwo eine Gruppe interessanter Leute, begeben Thomas und Regine sich zu ihnen hin. Auf ein Schwätzchen. Ein Foto Manuela Dombrowskis zeigen Thomas und Regine irgendwann vor. Fragen, ob jemand eine mit einer Ähnlichkeit mit der auf der Fotografie mal irgendwo gesehen hat. In einer Disko. Oder sonstwo.

Bisher: Fehlanzeige. Was Manuela Dombrowski angeht, ist nicht eben viel los. Außer ein paar Doppelgängerinnen, die nicht das geringste mit Manuela Dombrowski zu tun haben.

Auf dem Gnadenfriedhof hat Manuela Dombrowski ihr Grab. Jeder Besucher des Friedhofs kann sich davor hinbegeben, der Toten gedenken. Eine schwere Granitplatte liegt über dem verbuddelten Sarg auf. Ein schöner, dicker oranger Gesteinsbrocken steht hinter der Platte. Paßt alles zu der guten Friedhofsgegend. Bessergestellte Personen liegen dort begraben. Ein handflächengroßen Foto Manuela Dombrowskis unter einer Plastikabdeckung kann man sich anschauen. Manuela Dombrowski scheint auf dem Bild nicht schlecht getroffen. Wirkt sehr lebendig. Die Daten Manuela Dombrowskis sind in Stein gemeißelt: Name, Geburts- und Sterbedatum. Inschrift: Kein Tod ist für ewig.

Religiöse Symbolik ist an Manuela Dombrowskis Grabstätte nicht weggelassen. Tabert-Familie-Biederkeit.

In Geiersdorf konnten wir von der Detektei Umschau in Erfahrung bringen, daß die Tabert-Brüder Heini und Tobi sich als Gutmenschen mit einer höheren Summe an den Kosten der Restaurationsarbeiten an der Geiersdorfer Kirche und der oberhalb von Geiersdorf befindlichen Steinbruch-Kapelle beteiligt haben. Besonders Heini Tabert tut sich von den Tabert-Brüdern in Sachen Religiösität hervor. Heini Tabert hat am Sonntagvormittag einen festen Termin: Besuch der Zehn-Uhr-Vormittagsmesse in der Geiersdorfer Kirche. Zusammen mit dem älteren Weibsvolk des Tabert-Clans, das das jüngere zum Kirchenbesuch zwingt.

 

Von jemandem, der Manuela Dombrowski sein könnte, wissen wir von der Detektiv Umschau wirklich nichts Anhaltendes. Manuela Dombrowski ist anscheinend aus der Gegend verschwunden.

Dafür können wir von der Detektei Umschau das Thema Drakonie Rupertus Wank fortsetzen.

Das, was sich für uns von der Detektei Umschau ergeben hat, ist etwas, das Sie werden Sie interessant finden, Herr Doktor Weil-Esch.

Wie Sie sich erinnern, hatten wir von der Detektei Umschau das Phantombild Herrn Drakonie Rupertus Wanks in Supermärkten und dergleichen Orte im ganzen Landkreis an Pinnwänden aushängen.

Solch ein Supermarktaushang hat nun ein Ergebnis erbracht.

Frau Ramona Gleibt, Bankangestellte, dreiundzwanzig Jahre, hat sich auf einen derartigen Aushang hin bei uns, der Detektei Umschau, gemeldet. Das Bild Herrn Drakonie Rupertus Wanks hat Frau Ramona Gleibt bemerkt, den gepinnten Zettel an sich genommen. 

Am Donnerstag letzter Woche  hat sich Frau Ramona Gleibt nach wochenlanger Überlegung entschieden, sich doch telefonisch bei der Detektei Umschau, zu melden. Vormittags, von ihrem Arbeitsplatz in der Bank aus.

Noch am Donnerstagabend gegen neunzehn Uhr, daß meine Mitarbeiter Thomas und Regine Ramona Gleibt bei sich zu Hause aufsuchten. Nachdem Thomas und Regine geklingelt hatten, wurde den beiden die Türe von Ramona Gleibt geöffnet. Als Thomas und Regine sich vorgestellt und mit Personalausweis ausgewiesen hatten, wurden sie von Frau Gleibt in ihre Wohnräume eingelassen.

 

Eine höchstinteressante Geschichte ist das, die Frau Ramona Gleibt im Beisein meiner Mitarbeiter Thomas und Regine zu erzählen angefangen hat.

Sie behandelt Ereignisse, Dinge, die Frau Ramona Gleibt vor Jahren erlebt hat. Um den zeitlichen Dreh herum, als Drakonie Rupertus Wank noch offiziell bei Hans-Georg Tabert auf dessen Geiersdorfer Gehöft als Hausmeister angestellt war. Seinen offiziellen Wohnsitz hat Drakonie Rupertus Wank bis heute bei Hans-Georg Tabert.

Zu dem Zeitpunkt der von Frau Ramona Gleibt mitgeteilten Ereignisse wohnte Frau Ramona Gleibt allerdings noch nicht fest in der Gegend. Sondern war mit ihrer Familie, Vater, Mutter und ihren zwei jüngeren Schwestern, lediglich die Wochen der Sommerferien durch auf einem Geiersdorfer Bauernhof zu Besuch. Dem Hof Gustav Strauchinger bei Geiersdorf. Ferien auf dem Bauerhof nennt sich das, was die Familie Gleibt auf dem Hof der Strauchingers machte.

Nun, Herr Doktor Weil-Esch, Sie haben öfters die indirekte Rede, das Konjunktiv in meinen Schreiben beklagt, sich an meiner Sprache und Interpunktion gestört ...

Deshalb denke, ich ziehe das Gesprächsprotokoll, das Sie sonst wie üblich in der Anlage meines Briefes gefunden hätten, hierher vor. An der Stelle also die wortgetreue Wiedergabe der Unterhaltung, die meine Mitarbeiter Thomas und Regine mit Frau Ramona Gleibt geführt haben, getippt ausgeführt und hier eingefügt von meiner Mitarbeiterin Regine.

 

Detektei Umschau (Herr Thomas Setzer, Frau Regine Datz): Sie kennen also den Mann auf dem Phantombild, das vor Ihnen auf dem Tisch liegt, Frau Gleibt?

Frau Ramona Gleibt: Jaja, den kenne ich. Der ist mir leider wirklich auf den ersten Blick bekannt gewesen. Das erste Mal ist der Mann mir, meinen Schwestern Sonja und Gabrielle, meinem Vati und meiner Mutti mitten im Wald in der Nähe von Geiersdorf begegnet. Aufgetaucht ist er uns einfach. Ich war zur damaligen Zeit siebzehneinhalb Jahre alt, meine Schwester Sonja war elf, Gabrielle vierzehn. Mein Vater, Dieter Gleibt, war fünfundvierzig Jahre, meine Mutter Ramona Sonja fünfzig. Von Beruf war und ist mein Vater Industriekaufmann und Informatiker. Er hatte zu der Zeit, von der ich hier spreche, ein eigenes Ladengeschäft in guter Geschäftslage. Stadtmitte. Als Lizenznehmer verkaufte mein Vater Dieter Gleibt Unternehmens- und Spielesoftware verschiedener Firmen. Einmal im Internet an Kunden, dann auch persönlich in seinem Geschäft. Meine Mutter Ramona Sonja ist Einzelhandelskauffrau. In dem Jahr hatte meine Mutti gerade zwei Monate ihren Job verloren. Aber kein großes Problem für Mutti. Daraufhin hatte meine Mutti einfach bei meinem Vater in seinem Stadtladen angefangen, machte ihm die Buchhaltung, kümmerte sich um das Lager. Während Vati sich ausschließlich dem Verkauf und dem Geschäftsmarketing widmete. Ich, meine Schwestern Sonja und Gabrielle, wir waren Schülerinnen. Das waren unsere Familienverhältnisse.

Detektei Umschau: Wie ist das geschehen, Frau Gleibt, daß Sie dem Mann, der hier in der Gegend allgemein als Fransen bekannt ist, begegnen mußten?

Frau Ramona Gleibt: Wie ich schon am Telefon sagte, haben mein Vati Didi, meine Mutti Soni, meine Schwestern Sonja, Gabi und ich, Mona, uns im Wald bei Geiersdorf verirrt. Irgendwie haben wir bei der Pilzsuche die Orientierung verloren. Schuld hatten die Pilze. Weil wir zu wenige Pilze in unseren Bastkörben hatten, sind wir von den uns bekannten Stellen fürs Pilzefinden immer weiter weggegangen. Bis um uns herum nur noch Bäume und Bäume waren. Ob Sie es mir glauben oder nicht, wir alle kannten uns plötzlich zwischen all den Bäumen nicht mehr aus. Gustl, der ältere Sohn der Strauchingers, hätte nach dem Gewitter um halb zwei doch mit uns mitkommen sollen. Aber Gabi hatte das nicht gewollt, daß Gustl mitkommt. Weil Gustl Gabi gemein ausgelacht hatte, als Gabi bei den Schweinen im Gatter ausgerutscht war. Der Länge nach war Gabi in der Matschepampe gelandet. Über und über hatte Gabi sich eingesaut. Gabi hat unter die Dusche müssen. Stockbeleidigt war Gabi Gustl. Gabi hat von Gustl verlangt, daß er die Fotos von ihr, die er geschossen hatte, von seinem Phon löscht. Was Gustl dann erst machte, als sein Vati, Herr Strauchinger, was in der Hinsicht zu ihm sagte ... In der Küche, vorm gemeinsamen Mittagessen. Sonst hätte Gabi nichts zu Mittag gegessen ...

Detektei Umschau: Das mit dem Verlaufen im Wald, Frau Gleibt ...? Schlecht gelaufen?

Frau Ramona Gleibt: Kann man wohl sagen. Wäre Gustl bei uns dabei gewesen, wäre uns das einhundertprozentig nicht passiert. Die ganzen Warnungen der Strauchingers hatten wir vergessen, nie zu weit von den uns bekannten Trampelpfaden im Wald wegzugehen. Die ganze Familie hat anscheinend nicht daran geglaubt, daß sie sich im Wald der Geiersdorfer Umgebung verlaufen könnte. Leider war es uns aber tatsächlich passiert. Ich fand es damals oberpeinlich. Und ich war böse auf Gabi, weil wegen Gabi Gustl nicht mitkommen hatte dürfen. Obwohl Gustl schon seinen Rucksack über dem Rücken hängen hatte, einen Bastkorb in der Hand.

Detektei Umschau: Geht schneller so was, als man sich das denkt, sich zu verlaufen. Beim Hundeausführen letzte Woche habe ich auch die Orientierung verloren. War ein Glück, daß Heinze, der blonde Tierheimschreiner, mich mit meinem Hund gefunden hat. Weil Heinze sich gedacht hat, wir wären doch vor ihm gewesen, ich und mein Leinenhund. Da ist er die Strecke mit einem anderen Hund zurückgegangen, dorthin, wo er mich zuletzt gesehen hat. Da in der Umgebung hat er sich umgeschaut. Bis er mich entdeckt hatte.

Frau Ramona Gleibt: Schön, daß Sie so schnell gefunden wurden. Uns hat das leider keiner. Uns, den Gleibts, mußte das passieren. Im Wald hatten wir uns verlaufen. Zwischen den Bäumen hatten wir keine Orientierung mehr. Wäre uns, der Familie Gleibt, das nicht passiert, hätte sich nichts von dem, was später bei uns war, abgespielt. Und, wäre Gustl bei uns gewesen, mehr Pilze hätten wir sicher auch gefunden ... War aber nicht. Bloß damit hatte alles zu tun. Weil Gustl nicht bei uns mit dabei war. Und die Geschichte war uns passiert, obwohl wir erst ein paar Tage zuvor bei den Strauchingers am Hof etwas ähnliches in der Zeitung gelesen hatten. Da war eine andere Familie stundenlang im Wald der Geiersdorfer Umgebung durchs Unterholz geirrt war. Die Familie war auch beim Pilzesuchen. Bis sich alle nicht mehr auskannten. Überall um sie her nur noch Bäume. Keine Menschenseele ist denen mehr begegnet. Bis die Nacht kam. Die waren blöderweise auch nur in ihren Shirts, kurzen Hosen und Turnschuhen unterwegs. Wie wir, die Gleibts. Ihre Phons hatten auch keinen Empfang. Unter Tannen haben sie nachts zu schlafen versucht. Beim ersten Sonnenstrahl sind sie weiter. Panik war über sie gekommen. Das Schlimmste bei ihnen war, daß plölich zwei der Kinder fort waren. Spurlos verschwunden. Nicht wiederzufinden. Obwohl die beiden ganz in der Nähe waren. Eine schroffe felsige Anhöhe waren die beiden hinabgestürzt. Und ihr Vati, ihre Mutti, niemand hatte das bißchen was von dem Unglück mitgekriegt. Kein Geschrei, nichts. War ein aufwändiger Einsatz mit Suchtrupps notwendig, die Abgestürzten wiederzufinden. Ein Rettungshubschrauber hat die Kinder an einer hinuntergelassenen Trage hochgeholt, abtransportiert. Unfaßlich, daß die zwei den Absturz überlebt hatten. Nur Arm-, Beinbrüche, Gehirnerschütterungen. Grund für ihr mehr als unglaubliches Glück war, daß der Rest der Familie, Vati und Mutti, die beiden anderen Kinder, plötzlich einem Förster gegenübergestanden war. Der hat alle zu einer Hütte im Wald geführt. Von dort aus hat der Mann mit dem Hüttenfunkgerät die Rettung gerufen. Damit kam dann alles für die Suche ins Rollen. Die Absturzstelle der Kinder war zum Glück eine bekannte Möglichkeit, daß bald dort vorbeigeschaut wurde. Als die Sucher hinkamen, riefen, hörten sie eine Antwort ...

Detektei Umschau: Gibt vieles auf der Welt, was einem passieren kann. An das man vorher nicht gedacht hat.

Frau Ramona Gleibt: Und jetzt war das gleiche bei der Familie Gleibt. Die Familie Gleibt irrte zwischen den Bäumen im Wald bei Geiersdorf herum. Bäume, Bäume, Bäume. Vati und Mutti haben uns zu trösten versucht. Vati Didi und Mutti Soni wiederholten Mona, Gabi, Sonja und mir, daß wir schon noch Glück haben werden. Die Welt wäre voll von Menschen. Fast bis zum Rand angefüllt. Irgendwann müßten wir, die Familie Gleibt, jemandem begegnen. Einem Jäger, Wanderer. Auf einen von Menschen gemachtem Weg im Wald stoßen. Überall gäbe es Wege. Sogar geteerte. Mitten im Wald. Kein Grund zur Beunruhigung. Um uns herum sahen wir Mädchen nur Bäume. Immer nur Bäume ... Bäume, soweit der Blick reichte. Schluchz.

Detektei Umschau: Hier bitte, nehmen Sie das Taschentuch. Bitte, Frau Gleibt, wir können auch abbrechen. Wir können ebenso morgen, übermorgen wiederkommen, das hier fortsetzen...

 Frau Ramona Gleibt: Nein, nein, ge-geht schon. Ge-geht schon. Ich will weitererzählen. Alles, was uns, den Gleibts, passiert ist. Auch wenn mir das nicht immer leichtfällt. Weil es eigentlich niemandem was angeht. Gerne erzähle ich das alles wirklich nicht. Schon alleine, daß ich zugeben muß: die ganze Familie Gleibt hatte sich im Wald verirrt. Wie die andere Familie. Kein Phon, nichts funktionierte. Kein Empfang, nirgendwo. Als hätte man am Hof der Strauchingers oder in Geiersdorf selbst nicht den besten Empfang, den man haben konnte. Die nächste Pause, die wir, die drei Schwestern, mit Vati und Mutti gemacht haben. Schon ziemlich geschafft waren wir alle vom vielen Herumlaufen. Ein paar Stunden waren wir da bereits tief im Geiersdorfer Wald. Was soll ich sagen? Es war für uns so eine unfaßliche Geschichte. Wie die Volltrottel fühlten wir uns. Voll blöd. Das konnte doch nicht möglich sein, daß wir, die Gleibts, nicht mal auf einen doofen Waldweg stoßen konnten. Immer, daß wir, die Gleibts, an einem vorbeiliefen. Da waren plötzlich, Vati, Mutti und Gabi waren Sonja und mir voraus, zwei so parallel liegende Tannenbäume. Auf die wir uns schließlich alle hockten. Vati, Mutti auf der einen Seite, dieser Baum. Ich, Gabi und Sonja auf dem anderen, dem gegenüber. Muß man sich vorstellen, wie zwei Sofas hier im Wohnzimmer, ohne den Tisch dazwischen. Das zwischen uns war eine freie Fläche Erdboden; ungefähr drei Meter von einem Baumstamm zum andern. Vati Didi, Mutti Soni, Gabi, Sonja und ich, wir quasselten wieder mal darüber, daß es für die Scheiß-Phons nie Empfang gab. Dann zählten wir auf, was für Möglichkeiten es für uns eigentlich im Wald geben müßte, solange es noch nicht finstere Nacht war. Spaziergänger, Jogger, andere Pilzsucher vielleicht noch, Radfahrer, Jäger mit Hunden. Hütten befanden sich mitten im Wald, von denen keiner wußte, wie sie da eigentlich hinkamen. Hubschrauber haben wir schon kreuz und quer über den Baumwipfeln des Geiersdorfer Waldes rumfliegen gesehen. Es mußte doch mal sein, daß eines unserer Phons empfangsbereit war. War doch nicht möglich, daß das nicht war. Wir hatten schließlich keine Zeitreise in Mittelalter gemacht, als die halbe Welt noch nicht miteinander telefonieren konnte. Nichts mit Simsen, ins Internet gehen ...

Detektei Umschau: Die Telefone, die Ihre Familie bei sich hatte, daß die so tot blieben ...? Können wir auch nicht recht verstehen. Beim Hundespazierengehen hatte ich eigentlich immer Empfang. Wüßte nicht, daß ich keinen gehabt hätte.

Frau Ramona Gleibt: Keine Ahnung. Vielleicht ist es heute besser. Für uns war es zum Heulen. Spechte haben geklopft. Verschiedene andere Vögel hörten wir fern zwitschern. Im Unterholz hat es geknackt, als wäre da ein größeres Tier. Ohne daß wir das Vieh zu Gesicht gekriegt hätten. Sonja hat davon geredet, das könnte ein Wildschwein sein. Sogar eine ganze Rotte. Aneinandergedrängt haben Gabi, Sonja und ich uns ängstlich. Vati hat zu Gabi, Sonja und gemeint, daß das die Urangst ist. Erbe unserer urzeitlichen Vorfahren. Eine falsche Angst. Fast eine Täuschung heutzutage. Jedesmal, wenn wir mit unserem Auto auf der Autobahn fahren, dann sollten wir Angst haben. Auf der Autobahn ist es jedesmal gefährlicher. Viel wahrscheinlicher, daß uns auf der Autobahn als mitten im Wald was passiert. Ein Unfall hatte sich blitzschnell ereignet, und der Hinterherfahrende konnte nicht mehr reagieren. Vatis Worte waren aber für keine von uns ein großer Trost. Zum Glück blieb das Wetter wenigstens stabil. Es war kein Gewitter grollend am Aufziehen wie am frühen Nachmittag noch. Keine Blitze, kein Regen. Wir würden wenigstens trocken bleiben. Zumindest ein bißchen Glück. Sonja und Gabi nahmen alle paar Momente ihre Phons hoch, haben sie in die Luft gehalten. Um zu sehen, ob es nicht doch irgendwann mal Empfang gab. Sonja sagte, daß ihr Akku bald alle wäre; bei den Strauchingers hätte sie ihr Phon anstecken sollen. Nicht mal der Notruf, der funktionierte. Genausogut hätten wir alle unsere Phons bei den Strauchingers am Hof auf unseren Zimmern liegenlassen können.

Detektei Umschau: So ein Funkloch da? Überhaupt nirgends Empfang möglich? Glaubt man das?

Frau Ramona Gleibt: Wir haben das jedenfalls erlebt. 'Kein Netz verfügbar.' Nichts. Sonst hätten wir eine Nachricht geschickt. Telefoniert. Glauben Sie mir das.

Detektei Umschau: Eine Sache.

Frau Ramona Gleibt: Vati Didi und Mutti Soni hatten eine Thermoskanne mit Tee dabei. Ich eine Wasserflasche. Gabi öffnete eine Coladose. Sonja hatte vergessen, sich was zum Trinken mitzunehmen. Meine halbe Flasche Mineralwasser hat Sonja sich genehmigt. Meine Stulle wollte Sonja mir nicht wiedergeben. Daß Mutti mir die Hälfte von ihrer gab. Das war alles Essen und Trinken, was wir hatten, und das war dann weg.

Detektei Umschau: Und was war dann weiter ...?

Frau Ramona Gleibt: Unmotiviert sind wir nicht von den Baumstämmen hochgekommen. Vati hat's mit Durchhalteparolen versucht. Daß keiner den Kopf hängen lassen sollte, so was. Die Welt, die wäre vollgepackt mit Menschen. Man wäre nicht im Irgendwo. Oder auf einem anderen Planeten. Es war neunzehn Uhr dreißig, konstatierte Vati. Sommer hatten wir. Stundenlang würde es noch hell sein. Spätestens um einundzwanzig Uhr, da war Vati sich sicher, wären wir alle wieder bei den Strauchingers am Hof zurück. Dort würden wir über alles lachen, scherzen. Würden aber sicher auch ausgelacht werden. Wenn die Leute erst wüßten, wie doof die Gleibts waren. Wie die Gleibts sich im Wald verlaufen hatten. Wie die Gleibts stundenlang herumgeirrt waren. So was mußte einem erst selber passieren, sonst glaubte er's nicht. Da würden wir, die Gleibts, uns die nächsten Tage was anhören können, kam man wieder auf die Geschichte zurück ...

Detektei Umschau: Wer den Schaden hat, braucht für Spott nicht zu sorgen ...

Frau Ramona Gleibt: Wäre für uns, die Gleibts, wirklich auszuhalten gewesen, denke ich ... Würde ich heute im Rückblick sagen. Will noch mal festhalten, was bei uns, den Gleibts, los war: Irgendwo im finstersten Wald hockten wir rum. Gabi, Sonja und ich, wir sind auf dem einen umgeknickten Baumstamm gesessen, Vati Didi und Mutti Soni auf dem andern uns gegenüber. Zwischen uns kleine Fläche, vielleicht drei Meter. Tiefschwarze Erde. Sah aus wie umgegraben. Ich hatte Mutti gefragt, ob wir noch lange hierbleiben wollten. Weil wir schon so lange tatenlos herumhockten. Plötzlich sprang Sonja, meine jüngste Schwester, auf, kreischte wild. Sonja deutete. Sonja hat geschrien: 'Eine Hand! Eine Hand! Schaut, da ist eine Hand in der Erde. Die Hand wühlt.' Dorthin, wo Sonja gezeigt hat, habe ich von Sonja weg hinabgeschaut. Alle haben wir aufgekreischt, sind auf die Füße gesprungen. Ein Gekreische war das. Es war nicht zu glauben, was wir alle gesehen haben - fünf Finger einer Hand. Eine große Männerhand. Dann war da eine zweite. Von unter der Erde hochkommend. Die Hände haben Erde zur Seite gewischt ... Gabi war so entsetzt, die Beine haben unter ihr nachgegeben. Auf den Boden hat Gabi sich gesetzt.

Detektei Umschau: Boah! Zwei Hände ...

Frau Ramona Gleibt: Es war total der Wahnsinn. Sonja, Gabi und ich, wir haben uns am Boden unten aneinandergedrängt, gekreischt und uns zu dritt in den Armen gehalten. Vati, Mutti sind dagestanden, haben sich festgehalten, die Augen groß, starr, die Münder offen. Mutti hat auch gekreischt. Nur, Vati, glaube ich, der hat nicht gekreischt. Komisch, auf die Idee, von da wegzurennen, ist keiner von uns gekommen. Keine Ahnung, warum. Vielleicht, weil unvermittelt blaues Plastik für uns sichtbar geworden ist. Blaues Plastik, wie von einem Müllsack. Dort, wo die Hände herumwischten. Für Mutti wurde es zuviel. An der Seite Vatis war Mutti niedergesunken, bewußtlos zu Boden. Vati hat sich damit beschäftigt, sich über Mutti zu beugen, Mutti die Wangen herzupatschen. Damit Mutti schnell wieder zu sich käme. Das kann man sich nicht vorstellen, wie schrecklich alles war. Und erst das, als der Oberkörper mit dem Runden oben sich ruckartig hochrichtete. Meine, Gabis und Sonjas Schreie hätte man bis Mitte Geiersdorf hören müssen, so laut haben wir geschrien. Erdverdreckte Finger beschäftigten sich, blaue Plastikplane herunterzustreifen. Ein Kopf kam zum Vorschein. Der Glatzkopf eines Mann, der sich uns präsentierte. Der sich schüttelte. Das breiteste Grinsen hatte der Glatzkopf in der Visage. Die Plane wurde von ihm seitwärts geschoben. Ich habe einen Schlafsack erkannt, in dem der Mann steckte. So einen Soldatenschlafsack. Den Reißverschluß am Schlafsack schob der Glatzkopf herunter, hat sich aus dem Schlafsack herausgewunden.

Detektei Umschau: Horrormäßig. Echt der Horror. Man sitzt da, ahnt nichts Böses, plötzlich bewegt sich was, sieht man eine Hand. Eine Type gräbt sich von unter der Erde aus.

Frau Ramona Gleibt: Ja. Auf die Füße hat er sich aufgerappelt. Mitten am Platz zwischen uns allen stellte er sich zur vollen Körpergröße auf, hat sich gereckt und gestreckt. Als wäre er eben erst aus dem Schlaf erwacht, hat er sich aufgeführt.

Detektei Umschau: Unser Mann? Der da auf dem Bild, das dort am Tisch?

Frau Ramona Gleibt: Genau der. Der war das. In einer fleckigen Unterhose, aus dem ihm vorne was geragt hat. Einem zerrissenen Shirt. Socken mit großen Löchern an den Fersen beider Füße. Vati hatte sich gefaßt, hat 'Hallo' zu dem Fremden gemeint. Der reagierte aber nicht auf den Gruß, sondern hat auf uns drei Mädchen gestarrt und bei sich da an seinem Teil herumgefingert. Dann hat er zwei Schritte zur Seite gemacht. Den Rücken hat er uns zugedreht. Dauerte ein klein bißchen, dann hat er Wasser gelassen. Ziemlich lange. Zurück ist er gekommen, hat sich wieder zwischen uns am Platz aufgestellt. Aber so, daß er keinem von uns mehr den Rücken zudrehte. Hauptsächlich Gabi, Sonja und mich, uns drei Schwestern, hat er angeglotzt, während er an sich rumzupfte, fingerte. Größer war es da wieder geworden.

Detektei Umschau: Scheißsituation. Und das mitten im Wald.

Frau Ramona Gleibt: Vati spricht den Fremden wieder an, sagt: 'Ich heiße Didi. Das ist meine Frau Soni. Wir sind hier, weil wir uns im Wald verlaufen haben. Ja, ich muß zugeben, wir haben uns hier im Wald verlaufen. Hier sind wir eingetroffen. Dachten, wir könnten hier Rast machen, ohne jemanden zu stören ... Bitte, können Sie das nicht unterlassen. So an sich rumzumachen, muß das sein? Hören Sie bitte vor meinen Töchtern auf damit.' Der Fremde bleckte Vati gegenüber die Zähne, blieb stumm. Er hat sein Ding aufgerichtet umfaßt gehalten, während er auf mich, Gabi und Sonja herunterstarrte.

Detektei Umschau: Schöne Scheiße, mit dem.

Frau Ramona Gleibt: Vati sagt zu dem Mann: 'Hören Sie bitte, meine Töchter sind minderjährig. Sie sind ein erwachsener Mann, hören Sie bitte auf mit dem Scheiß. Den Scheiß braucht hier im Moment keiner, ja? Glauben Sie mir, sollte Ihnen was einfallen, was mir nicht gefällt - dann weiß ich nicht, was hier passiert. Verstehen wir uns? Ich hab mal Kampfsport gemacht.' Der fremde Mann gab sich unbeeindruckt von den Worten meines Vaters. Angegrient hat er uns Mädchen. Herausfordernd hat er an seiner Körpermitte so getan, als würde er mit dem Schaltknüppel von einem Gang in den anderen schalten. Dann hat er seine Hand da lässig weggenommen, es pendelte hin und her. Alle haben wir da drauf geglotzt.

Detektei Umschau: Euer Vati ist aber weiterhin ruhig geblieben?

Frau Ramona Gleibt: Vati hatte die Stirn in tiefen Falten, die Lippen zusammengepreßt. Vati hat auf den Fremden gestarrt. Mehr mußte Vati auch nicht machen, solange eigentlich noch nichts was, oder? Weil - wenn Vati einfach den Mann angegriffen hätte ... Ihn anzugreifen, das hätte Vati vielleicht ein einziges und letztes Mal gemacht. Ich meine, der andere hatte ja eigentlich sonst noch nichts gemacht, als uns Mädchen anzuglotzen und an seinem Ding zu fingern. Weder nach Gabi, Sonja oder mir hatte er bis dahin wirklich genähert und nach einer von uns gegrabscht. Es gab was für uns zu sehen, sonst nichts ...

Detektei Umschau: Wie ist es weitergegangen, Frau Gleibt?

Frau Ramona Gleibt: Blitzschnell, daß der Mann sich heruntergebückt hat. Unter die blaue Plastikplane hat er hinuntergegriffen. Ein Gewehr hat er da herausgezogen. Eine großkalibrige Armeewaffe. Sauber, geputzt. Sehr schießbereit hat es ausgesehen. Wenn der Mann uns schäbig, dreckig, heruntergekommen vorkam - seine Waffe war das nicht. Die war blitzeblank. Der Mann hat beim Gewehrschaft an der Seite getastet. Ein Rastgeräusch kam von dort, daß ich wie die andern zusammengezuckt bin. Meine Mutti hat gemeint, der würde jetzt sofort auf uns zu schießen anfangen, gekreischt: 'Tu was, Dieter! Der knallt uns jetzt ab. Mitten im Wald knallt der uns ab.'

Detektei Umschau: Ist aber nicht passiert.

Frau Ramona Gleibt: Vati hat zu Mutti gemeint, daß der fremde Mann seine Waffe nicht entsichert, sondern gesichert hätte. Wie zum Beweis, daß Vati das richtig sah, hat der Mann den Schaft uns etwas zugedreht, das Magazin ausgerastet und herausgezogen. Wieder bückte er sich herab, holte einen Rucksack von unter der Plane vor. In eine Seitentasche innen im Rucksack hat er das Gewehrmagazin hineingeschoben. So mit einer Hand hielt er fest, vollführte mit der anderen einen Drehgriff. Nun hatte er sein Gewehr in zwei Teilen in den Händen. Das Schaftstück und das Gewehrlaufteil hat er aufrecht in den Rucksack gestellt. Einen kleinen Klappspaten hatte der Mann auch, den er seitlich von unter der Plane hervorholte. Den Spaten hat er in der Hand gewogen, herabschwingen lassen. Als ob er uns zeigen wollte, daß er auch damit gut zuzuchlagen wäre. Dann hat er den Spaten zusammengeklappt.

Detektei Umschau: Das ganze Sexuelle, das war auf einmal vergessen ...?

Frau Ramona Gleibt: Es war abgeschlafft. Ist herabgehangen. Zwar immer noch etwas praller ... Eine lange, schwarze Cordhose hat der Mann aus dem Schlafsack hervorgezogen, einen zerschlissenen gelblichen Trenchcoat. Dann den Schlafsack unter der Wickelplane vorgeholt. Ausgebreitet hat er den Schlafsack am Boden. Drinnen herumgefingert, als wollte er was noch besser richten. Dann ... Dann ... Auf seine ausgestreckte flache Hand hat er herabgestarrt, die Stirn gerunzelt. Dort auf die Handfläche hat er draufgeblasen, als bliese er von dort was weg.

Detektei Umschau: Ja ...?

Frau Ramona Gleibt: Zu sehen war aber auf seiner Handfläche nichts gewesen. Nichts, was er zu uns hinblasen hätte können, habe ich gesehen. Nichts von einem Pulver, nichts. So oft hab ich schon daran gedacht, da müßte was zu sehen gewesen sein auf der Hand. Aber ich sehe nichts, was der Mann auf seiner Handfläche gehabt haben könnte. Trotzdem ... Ein paar Momente drauf fühlte ich mich müde. Immer müder fühlte ich mich. Bleiern. Die Müdigkeit in mir wurde bleierner und bleierner. Gegähnt habe ich. Gegähnt. Gabi und Sonja links und rechts von mir haben auch gegähnt. Vati Didi und Mutti Soni habe ich auch gähnen gesehen. Keine Ahnung - ich war so was von müde. Hundemüde. Wirklich, ich wußte nicht, was mit mir los war. Habe dagegen angekämpft. Eigentlich wollte ich nicht müde sein. Wegen dem fremden Dreckskerl da. Wollte da in seiner Nähe nicht einpennen. Wollte das nicht. Meine Schwestern Sonja und Gabi wollten das sicher auch nicht, waren aber schon eingeschlafen. Vati Didi und Mutti Soni, sie hatten sich beide auf den Erdboden gesetzt. Das Kinn war Vati zur Brust gesunken, Mutti auch. Aber ich, ich war weiter wach. Ich wollte wach bleiben, hellwach. Fragte mich, hatte der Mann was zu uns allen hingeblasen. Ein Pulver? Oder war das Hypnose? Hat der uns hypnotisiert? Hätte er ein Pulver auf die Handfläche droben gehabt, hätte ich das Pulver doch vorher dort sehen müssen, wenn er schon deutlich sichtbar dort was wegbläst, oder nicht? Keine Ahnung. Schlafpulver, Hypnose, irgendwas war auf alle Fälle mit uns allen los. Und das hatte mit ihm zu tun. Nur mit ihm.

Detektei Umschau: Sie sind am Schluß dann aber auch eingeschlafen, Frau Gleibt ...

Frau Ramona Gleibt: Ja! Wirklich, von einer Sekunde zur andern war ich weg. Obwohl das nie im Leben ein Ort für ein Mädchen war, plötzlich einzupennen. Für keinen von uns eigentlich. Nicht mit dem Dreckskerl da in unserer Mitte. Nicht zusammen mit dem. Einem, dem keiner von uns normal einen Meter weit über den Weg getraut hätte. Einem, wegen dem jeder einzelne von uns sofort nach der Polizei geschrien oder telefoniert hätte.

Detektei Umschau: Es war nicht dagegen anzukommen?

Frau Ramona Gleibt: Tja. Irgendwas mußte der gemacht haben. Entweder war es Pulver. Oder Hypnose, Suggestion. Ich erinnere mich an alles genau: Ich war feste entschlossen, wachzubleiben. Unbedingt wachbleiben wollte ich. Für Vati, Mutti, Gabi, Sonja. Um das mitzukriegen, was der Mann da weiter treibt. Und sicher wollte ich das nicht, den Kopf herabsinken zu lassen. Aber, dann war ich weggetreten. Für ein kurzes Weilchen. Abrupt, daß ich den Kopf hochgeruckt habe. Habe geblinzelt, habe Vati und Mutti mir gegenüber gesehen. Vati, Mutti, mit dem Rücken an den Tannenbaum gelehnt. Die Gesichter waren Vati und Mutti zur Brust herabgesunken. Vati und Mutti, sie schliefen. Atmeten regelmäßig. Neben mir waren Gabi und Sonja. Gabi und Sonja, die schlummerten. Nur ich - ich ... Ich konnte IHN wieder blinzelnd sehen. Ich alleine, ich war noch mal zu mir gekommen. Als hätte mich eine zu kleine Dosis erwischt. Angestarrt hat er mich, von oben herab. Er ... Als wäre ich ein Insekt unterm Mikroskop, so hat er distanziert auf mich heruntergestarrt. Dann hat er mich gemein angegrinst. Ich dachte, das hatte ich jetzt davon. Jetzt war ich als einzige aufgewacht, ihm nun hilflos ausgeliefert. Dabei war er so schrecklich. So schrecklich. Ein böses, gemeines Monster. Jede Sekunde in der Lage, ganz eng an mich ranzukommen. Das hatte ich im Kopf. Fühlte mich bereits von ihm angefaßt. Damit überwältigte es mich. Wieder war ich weggetreten. Es hatte mich ein weiteresmal übermannt.

 

Fortsetzung der Diktiergerätaufzeichnung der Erzählung Frau Ramona Gleibts in Gegenwart der Detektei Umschau, das heißt, den beiden Detektei-Umschau-Mitarbeiter, Herrn Thomas Setzer und Frau Regine Datz.

 Detektei Umschau: Sie haben uns angerufen, wir sollen sofort zu Ihnen zurückkommen, Frau Gleibt. Sie haben gesagt, daß Sie die Unterhaltung mit uns sofort fortsetzen wollen. Nicht erst wieder morgen. Es ist jetzt halb ein Uhr nachts. Müssen Sie morgen früh nicht in die Arbeit?

Frau Ramona Gleibt: Die Geschichte will mich nicht in Ruhe lassen. Alles ist noch nicht zu Ende. Ich will heute nacht noch weitererzählen. Was es später gab, ich will es erzählen. Mein augenblicklicher Freund und ich, den kann ich nicht anrufen. Das heißt, ich könnte schon. Nur habe ich dazu keine Lust. Er und ich, wir sind im Moment - wie soll ich das sagen? - ein klein bißchen zerstritten. Den anzurufen, weil ich jemand brauche - nein, danke. Da ist mir jeder Fremde lieber. Und Sie wollen ohnehin morgen wiederkommen ... Keine Lust drauf, die heutige Nacht durch alleine mich im Bett herumzuwälzen. Wenn ich nicht einschlafen kann, machen wir was anderes. Das, was sich morgen abspielt? Ob ich in die Arbeit gehe oder nicht - das werde ich sehen. Vielleicht ruf ich dort an, sag, daß es mir heute morgen nach dem Aufstehen nicht besonders geht. Werde ich sehen, was in der Früh ist. Meine Problem, nicht? Vielleicht fahre ich morgen früh aber auch in die Arbeit ... Hab ich eben einen schlechten Tag, dort ...

Detektei Umschau: Jetzt sind wir bei ihnen zurück, Regine und ich ...

Frau Ramona Gleibt: Ich mußte das um dreiundzwanzig Uhr abbrechen. Das Ganze war für mich zuviel geworden. Hatte das Bild meiner Schwester Gabi vor Augen. Wie es Gabi dann irgendwann ging, als das im Geiersdorfer Waldgebiet lange vorbei war. Alles wurde so traurig. Meine Schwester Gabi, wenn ich mich daran erinnere, nur noch ein kranker, ausgemergelter Körper. Ein Schatten ihrer Selbst, Gabi. Nur fünfzehneinhalb Jahre ist Gabi alt geworden. Mit fünfzehneinhalb Jahren hat Gabi sterben müssen. Eineinhalb Jahre, nachdem das da der Familie Gleibt irgendwo im Wald in der Umgebung von Geiersdorf passiert war, wovon ich Ihnen erzählt habe. Als die Familie Gleibt so eine komische Begegnung hatte. Ich bin der festen Überzeugung, daß der Mann, den Gabi Fransi nannte, Gabi auf dem Gewissen hat. Nein, ich bin nicht nur der festen Überzeugung - ich weiß das sogar, daß er Gabi auf dem Gewissen hat. Krank hat er Gabi gemacht. Umgebracht hat er Gabi. Und die Schuld daran, daß Gabi mußte sterben, hatte nur das, daß sich die Familie Gleibt da im Geiersdorfer Wald verlaufen hatte müssen. Weil die Familie Gleibt mitten im Wald mit ihm zusammentreffen mußte. Gabi war die, an der sich festsaugte. Das Unglück hat dieses Monster über meine Schwester Gabi gebracht. Die Kreatur hat Gabi getötet.

Detektei Umschau: Kreatur nennen Sie ihn, Frau Gleibt - Fransi hat Gabi ihn genannt? Fransi ...? Ein verniedlichender Spitzname Gabis für ihn ... Sie sagen, er hätte Ihre Schwester Gabi umgebracht, Frau Gleibt ...?

Frau Ramona Gleibt: Wirklich, das hat er. Er hat Gabrielle ermordet. Zwar nicht direkt. Aber, zum Schatten ist meine Schwester Gabrielle durch ihn geworden. Zum Schatten hat er meine Schwester Gabrielle gemacht. Indem er der Schatten meiner Schwester war. Er war Grabrielles Schatten, der Schatten, der Gabrielle verfolgt hat.

Detektei Umschau: Zu Gabis Schatten, daß er wurde ...? Wie denn? Wie ist das denn weiter mit ihm zugegangen?

Frau Ramona Gleibt: In späterer Zeit haben wir ihn, die einzelnen Familienmitglieder der Familie Gleibt, nur noch selten direkter zu Gesicht gekriegt. Nur noch so dann und wann. Aber nie mehr so richtig. Immer war er, kaum daß jemand von uns ihn kurz zu sehen glaubte, sofort wieder fortgehuscht. Verschwunden. Als hätte es ihn nicht gegeben. Es war, als wäre er nicht dagewesen. Aber er war da. Bis zu den letzten Wochen, die Gabi noch zu leben hatte. Da wurde er doch wieder ein bißchen deutlicher sichtbar, für die gesamte Familie Gleibt ...

Detektei Umschau: Erklären Sie uns das bitte, Frau Gleibt.

Frau Ramona Gleibt: Mitten im Wald in der Geiersdorfer Umgebung hat es für Gabi angefangen, sage ich Ihnen. Das Unglück, das hat seinen Lauf damit genommen hat. Für Gabi und Gabis Familie. Dort, daß er da von unter der Erde herausgekrochen gekommen ist, das hätte uns nicht passieren dürfen. Damit hat alles angefangen. Das war der Anfang von allem. Als einzige der Familie Gleibt hat es Gabi bis heute erwischt. Ich weiß, daß das die Wahrheit ist, daß er weiter bei uns blieb. Daß er bei Gabi war, zuletzt. Ganz gleichgültig, was das für eine Todesursache war, die Ärzte bei Gabi festgestellt haben. Das, woran Gabi offiziell gestorben ist. Für Gabis Krankenhausakte, daß sie es so formuliert haben. Auf Gabis Totenschein steht das nicht drauf, daß ihr Fransi ihr Mörder war.

Detektei Umschau: Was haben die Ärzte denn zum Tod Ihrer Schwester Gabi gemeint, Frau Gleibt?

Frau Ramona Gleibt: Warten Sie's ab. Erst mal noch sind wir am Anfang, war das, daß er Gabi an dem Ort mitten im Wald für sich erwählt hatte. Gabi war die von uns, die hat er sich als erste ausgesucht. Mutti und ich, wir haben uns die Frage früher öfters gestellt: Warum Gabi? Warum eigentlich Gabi? Warum nicht jeden anderen von uns? Wir alle hätten es doch sein können, nicht? Ich, Mutti, Sonja. Oder sogar Vati. Wo wäre das Problem für ihn gewesen, sich Vati vorzunehmen? Aber, Gabi, die war die Seine. Die eine von uns. Seine erste Wahl. An erster Stelle kam Gabi. Dafür ist Gabi eineinhalb Jahre später dann auch als erste dann von uns gegangen ...

Detektei Umschau: So ganz verstehen wir nicht, wovon Sie sprechen, Frau Gleibt. Erklären Sie uns das bitte näher.

Frau Ramona Gleibt: Neunundsechzig.

Detektei Umschau: Was - neunundsechzig?

Frau Ramona Gleibt: Als Zahlen eine 6 und eine 9.

Detektei Umschau: So ganz steigen wir nicht durch, was Sie uns momentan dauernd sagen wollen, Frau Gleibt ...

Frau Ramona Gleibt: Die Stellung 69. Ganz einfach die. Eine Frau, ein Mann. Ein Mann, ein Mann. Eine Frau, eine Frau. Ah, jetzt sehe, daß Sie beide mich verstanden. Jetzt ist das klar, wovon ich rede.

Detektei Umschau: Das mit 69 ... Natürlich ist 69 uns klar, Frau Gleibt. Oraler Sex. Nur, wie sollen wir das jetzt in Zusammenhang mit Ihrer Schwester Gabrielle sehen, Frau Gleibt? Was wollen Sie uns damit sagen? Ist etwas passiert, was mit  69 zu tun hat?

Frau Ramona Gleibt: Genau. Genau das. Das letzte, was ich erzählt habe, war, daß wir uns an diesem Ort mitten im Nirgendwo des Geiersdorfer Waldes aufhielten. Vollkommen desorientiert war die Familie Gleibt dort gelandet. Das war geschehen, daß dieser Mann uns aus dem Erdboden gekrochen kam. Einer, der sich nicht eben aufführte, als könnten wir, die Familie Gleibt, viel Hilfe von ihm erwarten. Ich habe davon gesprochen, daß ich gesehen hätte, daß er etwas von seiner Handfläche fortblies. Obwohl ich bis heute nicht weiß, was. Wichtig ist das für mich auch bloß, weil kurz drauf diese bleierne Müdigkeit in mir war. Gegen die ich ankämpfte, gegen die ich aber nicht recht ankommen konnte. Wie Vati Didi, Mutti Soni, meine Schwestern Gaby und Sonja bin ich auch eingepennt. Einzupennen, kaum was, das, wie das dort ausschaute, einem von uns einfach geschehen hätte dürfen. Unmöglich, daß einem der Familie der Sinn nach Schlaf gestanden wäre. Nicht zusammen mit diesem seltsamen Fremden. Einem, der schon seine Späßchen getrieben hatte. An sich und seinem Glied hatte er herumgemacht. Ein Mann war das noch dazu, der nicht nur groß von Gestalt war, der überdies eine Waffe hatte. Ein Gewehr. Zwar dann auseinandergenommen, während wir alle zuguckten. Aber trotzdem ... Schlafen hätte keiner von uns unbedingt in seiner Nähe wollen. Und weil alle der Familie Gleibt einschliefen, hat er uns alle entweder hypnotisiert. Oder jeder von uns hat irgendwas eingeatmet. Ein Pülverchen, so was in der Art. Das er zu uns hingeblasen hat. Alle der Familie Gleibt sind in seiner Umgebung seelig entschlummert, daß ich doch eher ein Pulver vermute ... Obwohl, es gibt auch Massenhypnose ...

Detektei Umschau: Gesehen haben Sie wirklich nichts, was er auf seiner Handfläche gehabt hätte? Daß es ganz klar wäre, wie er es gemacht hat?

Frau Ramona Gleibt: Nein. Aber alle sind fast gleichzeitig eingepennt. Das ist Tatsache. Wir haben gepennt. Alle. Eigentlich ist es ganz egal, wodurch.

Detektei Umschau: Stimmt schon.

Frau Ramona Gleibt: Jetzt das nächste, woran ich mich erinnern kann. Aber nur ich erinnere mich da dran. Ich hab zwar keine große Lust, Ihnen das zu erzählen. Was sein muß, muß aber sein. Zu mir gekommen bin ich, wach geworden. So Seufzer sind mir an die Ohren gedrungen, Gestöhne. Einmal weiblich. Aber, auch mit dabei, etwas gepreßter, die Laute von einem Mann ... Meine Augen haben geflattert. Beide habe ich sie blinzelnd gesehen. Sie beide, mir gegenüber. Auf dem Stamm. Nicht zu glauben. Man muß sich mal vorstellen, daß, an dem Tannenstamm dort gelehnt, auch mein Vati Didi und meine Mutti Soni dasaßen. Am Erdboden. Die Köpfe zur Brust gesunken. Vati und Mutti haben fest geschlafen. Von mir aus gesehen rechts neben Vati und Mutti, da waren sie. Der Schlafsack war über den Baumstamm gebreitet. Auf ihm lag er mit dem Rücken oben. Und droben bei ihm - eine zweite Person. Gabi war da zugange. Meine vierzehnjährige Schwester Gabi ... Er hatte sein Gesicht an Gabis Popo, während Gabi ... Gabi mit ihrem Mund ... Gabi, die war mit seinem ... Saugende Geräusche. Geseufze. Stöhnen. Ihn im Mund, bewegte sich Gabi langsam auf und ab ...

Detektei Umschau: Was? Ihre Schwester Gabrielle - sie war mit ihm zusammen beim - äh! - Sexspiel? Gabrielle mit dem, den wir als Fransen kennen? Mit dem? Wie denn das ...?

Frau Ramona Gleibt: Ihren Sportbüstenhalter hatte Gabi immer noch an. Aber nur so um den Bauch herum gewickelt. Sonst war Gabi - nackt. Wie Gabi das mit IHM machen hatte können ...? Der muß Gabi behext haben. 

Detektei Umschau: Ihre vierzehnjährige Schwester Gabrielle - mit Fransen?

Frau Ramona Gleibt: Sag ich doch. Gabi oben bei ihm, mit ihrem Hintern Richtung von seinem Gesicht. Gabi, die mit ihrem Mund ... Gabi hat das mit ihm gemacht. Meine vierzehnjährige Schwester Gabi. Mit diesem Mann. Diesem Fremden. Mit dem hat Gabi 69 gemacht. Hat nicht ausgesehen, als ob er Gabi großartig zu irgenwas gezwungen hätte. Es so mit ihm zu treiben ... Muß sagen, so richtig lange war das nicht, daß ich Gabi und den zusammen gesehen habe. Eigentlich nur für ein paar Momente. Trotzdem lange genug. Ich war dann wieder schlagartig weggetreten. Hätte ich fast alles auch geträumt haben können. Das, daß Gabi und dieser schreckliche Mann ...

Detektei Umschau: Ihre Schwester Gabi mit Fransen ...? Ganz freiwillig mit Fransen?

Frau Ramona Gleibt: So hat es ausgeschaut. Als ich kurz erwacht war. Die Zeit hat jedoch zur Genüge gereicht, ein bißchen was zu sehen zu kriegen. Und ich hab meine Schwester Gabi gesehen. Meine Schwester Gabi mit ihm. Mit diesem uns unbekannten Mann. Beide verstanden sich so prächtig miteinander. Gabi schien ihren Spaß zu haben. Da auf dem dicken Baumstamm ... Als hätte Gaby das schon öfter mal mit einem gemacht, hat es fast ausgesehen. Beinahe eine andere Gabi war das. Weiß nicht, wie lange ich diesesmal weggetreten war. Als ich mir dann wieder bewußt war, war die Welt eine andere. Das, was ich gesehen hatte, Gabi mit diesem Mann, hatte ich zwar sofort vor meinem geistigen Auge. Hätte es Vati, Mutti am liebsten auf der Stelle gesagt. Bloß war die Situation, die ich überblickte, nachdem ich aus meinem Koma zu mir gekommen war, nicht so, daß ich meinen Mund mit irgendwas hätte aufmachen können. Die Lage war so, daß ich Vati gesehen habe, Vati, den Mutti am Arm festgehalten hat. Mutti: 'Bitte, Dieter. Bitte, Dieter. Beruhig bitte dich wieder, Dieter. Wir sind hier alleine mit diesem Mann, Dieter. Bitte, Dieter!' Vati meinte erregt zu dem Fremden, der mit hängenden Armen reglos dastand: 'Glauben Sie ja nicht, daß ich mich vor Ihnen in die Hose mache, Sie -! Glauben Sie nur ja nicht, daß ich mich nicht trauen werde, auf Sie loszugehn, wenn es sein muß. Daß Sie mir ja mit Ihren dreckigen Fingern nicht noch mal meiner Tochter Gabi fassen ... Das machen Sie nicht noch mal, ungestraft. Und ich verlange von Ihnen, daß Sie uns hier aus dem Wald rausbringen, augenblicklich. Wir gehen zur Polizei, zeigen Sie an, wenn Sie das nicht tun. Ich bin gut in Personenbeschreibungen.'

Detektei Umschau: Und, was war mit Ihrer Schwester Gabi ...? Warum war Ihr Vati Didi so zornig, Frau Gleibt?

Frau Ramona Gleibt: Sonja mußte auch eben erst zu sich gekommen sein. Als ich zu Sonja hinüberschaute, saß Sonja mit großen Augen neben mir. Während Gabi zwischen Vati und Mutti Soni, die Vati am Unterarm gepackt hielt, und dem Fremden gestanden ist. Gabi hatte ein Kleidungsstück an. Der Mann war vollständig angezogen. Keine Ahnung, was los war. Vielleicht hatte er nach Gabi in seiner Nähe gegrabscht. An Vati Didi trat Mutti heran, legte ihren Kopf an Vatis Brust, schluchzte. Vati hat Mutti jedoch sofort wieder von sich weggeschoben, und Mutti packte Vati daraufhin wieder am Arm. Der Mann, der seinen Trenchcoat anhatte, eine mit Dreck bespritzte schwarze Cordhose, stand mit hängenden Armen da. Vati fing wieder an, dem Fremden was hinzusagen: 'Sie werden mich und meine Kinder hier aus dem Wald herausbringen. Jetzt sofort. Ehe es noch ganz finster wird. Das verlange ich von Ihnen, daß Sie das jetzt auf der Stelle tun.' Kein Mucks des Fremden. Nur Gabi, die sich ihm zuwandte. Gabi meinte schrill: 'Fransi, bitte, du darfst Vati nicht böse sein, daß er so mit dir spricht. Vati regt sich nur so auf, weil wir uns hier mitten im Wald verlaufen haben.' Gabi sagte zu Vati: 'Wenn du nicht netter zu Fransi bist, Vati, läßt Fransi uns alleine. Es wird bald richtig dunkel. Im finstern Wald bleiben wir, hörst du nicht auf, Fransi in diesem Tonfall anzureden. Vielleicht, wenn Fransi versprichst, nicht die Polizei verständigen wirst, führt Fransi uns hier aus dem Wald raus. Bitte, Vati, versprich Fransi, keine Polizei zu verständigen. Tust du das nicht, verschwindet Fransi, läßt uns hier alleine zurück. Ist Fransi schließlich egal. Müssen wir eben selber zusehen, wie wir heute noch in der Dunkelheit aus dem Wald herauskommen. Oder wir übernachten hier. Ganz genau hier. Aber, Vati, das müssen wir nicht. Solange Fransi da ist, kann Fransi uns auch im Dunklen noch aus dem Wald herausbringen. Hat Fransi mir gesagt, daß er das kann, als ich mich mit ihm unterhalten hab. Fransi kennt sich aus im Wald.'

Detektei Umschau: Zwischen Ihrem Vati und dem, den Gabi Fransi nannte, ist es weiter ruhig geblieben?

Frau Ramona Gleibt: Vati hat sich nicht auf Gabis Fransi gestürzt, wenn Sie das meinen. Vati hat den Kopf zu Gabi hin geschüttelt. Vati sagte zu Gabi: 'Fransi, Fransi, Gabi ... Fransi sagst du zu dem? Bin ich verrückt? Du läßt dich von dem anfassen, Gabi. Er kommt zu dir hin, faßt dich an, als dürfte er das. Ich glaub das alles einfach nicht hier gerade. Was verstehst du dich so mit dem, Gabi? Was ist hier los mit dir, Gabi? 'Ich war schon ein bißchen vor euch wach', hat Gabi Vati drauf geantwortet: 'Kann ich doch nichts dafür, wenn ich früher aufwache. Habe mich mit Fransi unterhalten, bis du und Mutti aufgewacht seid. Fransi will keinem von uns was tun, Vati. Fransi will uns doch nach Geiersdorf führen. Das, was Fransi aber sicher nicht gerne hat, ist, wie du dauernd redest, Vati. Und Fransi hat zu mir gesagt, daß er nicht möchte, ist, daß wir die Polizei rufen. Versprechen wir das Fransi nicht, daß wir die Polizei nicht rufen, bleiben wir im Wald zurück. Dann dürfen wir selber schauen, wie wir mit allem zurechtkommen. Also, Vati, du und Mutti, ihr müßt euch entscheiden. Entweder versprecht ihr Fransi, nicht die Polizei zu rufen. Oder wir bleiben alle hier mitten im Wald. Vielleicht bis morgen früh. Beschweren muß sich am Schluß aber keiner darüber.'

Detektei Umschau: So hat ihre Schwester Gabi die Sache moderiert?

Frau Ramona Gleibt: Vati war sichtbar weiter mit allem unzufrieden. Den Kopf hat Vati geschüttelt. 'Was ich mich die ganze Zeit frage, Gabi, warum schlafe ich plötzlich ein?', kann Vati keine Ruhe geben: 'Warum schlafen wir alle plötzlich ein? Hat dieser schäbige Dreckskerl vielleicht was gemacht, daß wir eingeschlafen sind?' Gabi hat Fransi angeschaut, von Fransi zu Vati. Die Arme ausgebreitet hat Gabi, die Augen verdreht. 'Bitte, Mutti, tu was', verlangte Gabi von Mutti: 'Vati soll aufhören, so Worte zu Fransi zu sagen. Fransi ärgerlich zu machen, das bringt doch nichts. Wenn Vati das noch lange so weitermacht, dann geht Fransi weg. Fransi nimmt seinen Rucksack, verschwindet einfach. Fransi läßt uns hier zurück, Mutti. Nur wegen mir ist Fransi überhaupt noch da. Weil er mir versprochen hat, uns hier wegzubringen. Nicht mehr lange, dann wird es richtig dunkel. Für Fransi kein Problem. Fransi kommt auch in der Dunkelheit bestens zurecht, hat Fransi mir gesagt. Aber wir, Mutti - was soll mit uns werden? Heute kommen wir nicht mehr zu den Strauchingers auf den Hof zurück. Die ganze Nacht müssen wir hier verbringen, Mutti ...' Mutti nickte zu Gabi hin, guckte Vati fest an. 'Gabi hat recht, Didi. Bitte, lassen wir das jetzt, daß der Mann dort ... Es hilft uns nicht weiter. Wenn der Mann sein Versprechen hält ...Die Hauptsache ist doch, wir kommen hier so schnell wie möglich weg. Sind wieder zurück am Hof der Strauchingers. Mehr wollen wir alle nicht. Bitte, Vati!' Vati blickte den Mann mit dem schäbigen Trenchcoat scharf an, zuckte aber die Schulter. Echt wahr, Gabi, die ist vor Freude gehüpft. Gabi: 'Bitte, bitte, Fransi. Bring uns bitte sofort auf den Hof der Strauchingers zurück, Fransi. Vati wird die Polizei nicht rufen, das verspreche ich dir.

Detektei Umschau: Fransen und Gabi, haben die sich vielleicht schon länger gekannt, Frau Gleibt? Könnte so was sein? Fransen wohnte eigentlich nicht so weit vom Hof der Strauchingers entfernt bei den Taberts ... Ihnen könnte Fransen auch bereits mal wo begegnet sein, wenn Sie jedes Jahr in den Ferien auf den Bauernhof der Strauchingers zurückkehrten ...

Frau Ramona Gleibt: Weiß ich nicht. Gut, habe ich ihn eben übersehen. Kann nur für mich sprechen: Für mich war der das erste Mal in meinem Leben. Gut, könnte ja sein, daß ich ihn ab und zu in Geiersdorf gesehen haben könnte. Keine Ahnung, hätte er mir im Gedächtnis bleiben müssen ...? Weil Sie so was ansprechen: Gabi könnte uns durchaus dorthin geführt haben, wo der sich in seinem Schlafsack unter der Erde eingegraben hatte. Heute nicht unvorstellbar für mich. Vati und Mutti, ich seh sie noch, wie sich beide dorthin begeben haben, wo Gabi herumstand. Unmittelbar darauf hatten wir den kleinen Platz mit den zwei geskippten Tannen entdeckt. Damals, zur damaligen Zeit, hatte ich solche Gedanken aber eher nicht, das können Sie mir glauben. Darauf wäre ich nicht gekommen. Erst später ...

Detektei Umschau: Und - Fransi, wie ist das mit dem weitergegangen? Fransi hat gehalten, was Fransi Gabi versprochen hatte?

Frau Ramona Gleibt: Fransi hat gehalten, was er Gabi versprochen hatte. Er hat aus dem Wald hinausgeführt. Ein paar Minuten waren wir, von Fransi geführt, auf einem Waldweg. Nicht zu glauben. Den mußte es da schon vorher ganz in unserer unmittelbaren Nähe gegeben haben. Vati und Mutti, die haben sich doof angeschaut, beide den Kopf geschüttelt. Kurze Zeit darauf waren wir alle auf einerTeerstraße. Hahaha! Der Straße, die nach Geiersdorf hinaufführt. Wir sind beisammen gestanden, haben uns im Licht von Fransis Taschenlampe, die Gabi hatte, blöde angeschaut. Obwohl es zum Lachen war, hat keiner von uns gelacht.

Detektei Umschau: Wie hat Fransen sich weiter Ihnen gegenüber verhalten, Frau Gleibt?

Frau Ramona Gleibt: Gabis Fransi hat sich nicht mehr verhalten. Von Gabis Fransi, von dem war bei uns in der Umgebung weit und breit nichts mehr zu sehen war. Einfach irgendwann verschwunden, der Mann. Als Vati das auffiel, leuchtete Gabi mit Fransis Taschenlampe in der Gegend rum ... Vati war es, dem plötzlich nicht mehr wohl war in seiner Haut. Dafür hat Vati gesorgt, daß wir ohne noch mal irgendwo anzuhalten die Geiersdorfer Bergstraße hinausliefen. Gegen zweiundzwanzig Uhr am Abend waren wir, die Familie Gleibt, alle wieder gesund und munter bei den Strauchingers auf dem Hof zurück. In der altertümlichen Küche der Strauchingers haben Vati und Mutti den Strauchingers Geschichte von dem Mann auseinandergesetzt, der uns mitten im Wald aus der Erde herausgekrochen kam. Gaby nannte den Fransi, Fransi. Die Strauchingers ihn Fransen. Den Strauchingers war Fransen kein Unbekannter. Ein Penner wäre das, setzte Bauer Strauchinger Vati auseinander; ein Penner, der bei der Tabert-Bande sein Wohnen im großen Bauernhof hätte. Zusammen mit Bauer Strauchinger hat Vati Didi dann die Polizei angerufen.

Detektei Umschau: Was - Ihr Vati hat sein Wort nicht gehalten, Frau Gleibt? Was hat Gabi denn dazu gesagt?

Frau Ramona Gleibt: Nichts hat Gabi gesagt. Mit ausdrucksloser Miene hat Gabi Vati dabei zugeschaut, wie Vati am Gangtelefon der Strauchingers die Nummer der Polizei gewählt hat. Denke, Gabi kannte Vati Didi. Gabi, die hat damit gerechnet, daß Vati die Polizei rufen würde.

Detektei Umschau: Ja?

Frau Ramona Gleibt: So aus den Augenwinkeln habe ich Gabi ständig beobachtet. Mich wunderte einiges an Gabi. An Gabi war schon ein bißchen was anders, wenn man sich Gabi anschaute. Also, einmal habe ich da dran gedacht, daß, als wir alle zusammen zum Pilzesuchen aufgebrochen waren, alle außer Sonja knielange, hellbraune Bermudas anhatten. Sehr uniform. Paßten aber gut zur Stallarbeit auf dem Hof der Strauchingers. Nur Sonja, die mochte die Dinger überhaupt nicht, Sonja hatte sich eine blaue Röhrenjeans angezogen, ehe wir von den Strauchingers fort sind. Wie ich Gabi dort, mit dem Rücken zu mir, im Rahmen der Türe stehen gesehen habe, wie Gabi Vati draußen am Flurgang beim Telefonieren mit der Polizei zugesehen hat, hatte Gabi überhaupt nicht mehr viel an. Ich meine, was Gabi anhatte, war ihr langes gelbes Shirt. Getragen hat Gabi das wie einen Minirock. Knapp den Hintern runter, daß das Shirt Gabi bedeckt hat. Während wir andern, Vati, Mutti, Sonja und ich noch genauso gekleidet waren, wie am Nachmittag vor unserem Aufbruch. Von uns war keiner fast nackt. Auf Hüfthöhe hatte Gabis Shirt rundum so komische Flecke. Größere, kleinere. Die Beine Gabys waren lang und nackt. Ich weiß noch, daß mir bei der Betrachtung Gabis plötzlich kam, daß Gabi auch die gelben Sportsocken fehlten. Aber ihre braunen Wanderschuhe hat Gaby weiter getragen. Ah, an den Innenseiten von Gabis Oberschenkeln sah ich Stellen ... Wie getrocknetes Blut. Blut von Gabi. Daß ich, als ich das gesehen habe, plötzlich wieder daran dachte, daran, was ich mit meinen flattrigen Augen in kurzer Zeit mitgekriegt hatte. Sie wissen, Gabi, so verkehrt herum oben auf dem Mann. Gabi, die ... Sehr nachdenklich war ich, weil, wenn das alles Wirklichkeit war, keine reine Einbildung von mir ... Habe Gabi angestarrt, war mir sicher, daß sie auch kein Unterhöschen anhatte. Das war Schamhaar, das unten bei Gabi lugte ...

Detektei Umschau: Keinem sonst, dem das so auffallen hätte wollen, daß Gabi weniger Kleidung am Leib hatte? Angesprochen hat Gabi niemand darauf, Frau Gleibt, daß sie so - wie soll ich sagen? - kaum noch was am Leib trug ...?

Frau Ramona Gleibt: Nein. Hat sich kein Mensch drum gekümmert. Vati nicht, Mutti nicht. Alle hatten nur Fransen im Kopf. Redeten schrill von Fransen und Fransens Auftauchen von unter der Erde. Ein Gewehr, das dieser Fransen bei sich hätte, schrie Vati in den Telefonhörer. Die Polizei war schließlich auf dem Weg zu den Strauchingers in Geiersdorf. Nicht lange, die Polizei würde kommen. Vielleicht ... Vielleicht, wenn Gabi kein Mädchen gewesen wäre, da wäre sicher jemandem aufgefallen. Mädchen laufen aber schon mal im Minirock rum, mit sehr wenig an. So aber ist das im ganzen Trubel unserer Rückkehr, dem aufgeregten Gerede untergegangen. Niemand hatte Gabi fest ins Auge gefaßt. Außer mir. Und ich habe meinen Mund nicht aufgemacht, das Thema nicht angesprochen. In die Küche begab sich Vati zurück. Die Strauchingers kannten Gabis Fransi gut. Die Strauchingers schimpften auf Fransen und seine Penner-Erscheinung. Ein Herumtreiber wäre dieser Fransen, vor dem man sich in acht nehmen mußte. Bei den Taberts am Hof arbeitete Fransen, wiederholten die Strauchingers es Vati. Die Taberts, das waren die, die diesen Fransen am Hof beschäftigten. Keiner hätte eine Ahnung, was dieser Fransen für die Taberts eigentlich genau mache. Saufen vielleicht. Torkeln hätte man den tagsüber oft genug gesehen. Sicher abgefüllt bis zum Rand.

Detektei Umschau: Wie ging das nun weiter? Die Polizei ist gekommen ...?

Frau Ramona Gleibt: Ja. Nicht lange, dann war die Polizei bei den Strauchingers am Hof eingetroffen. Als erstes haben sich die Polizisten im Wohnzimmer der Strauchingers mit meinen Eltern unterhalten. Mit Vati Didi und Mutti Soni. Dann wurde Gabi von Vati ins Strauchinger-Wohnzimmer gerufen. Gabi, die mittlerweile anders ausschaute als zum Zeitpunkt, als Gabi mit uns auf den Hof der Strauchingers zurückgekommen war. Oben auf ihrem Zimmer war Gabi, hatte sich eine Jeans angezogen. Ein grünes Shirt hatte Gabi jetzt an. Eine dreiviertelte Stunde, daß Gabi bei den Polizeileuten drinne blieb. Sonja und ich waren am Gang, in der Küche, haben aufgeregt darauf gewartet, uns auch mit den Polizeileuten unterhalten zu dürfen. Aber, von Sonja und mir wollte nach Vati und Gabi kein Polizist mehr was wissen. Auch nicht von Mutti Soni. Mit ernster Miene ist Gabi bei den Strauchingers aus dem Wohnzimmer rausgekommen, die Treppe in den ersten Stock hinaufgestiegen. An der Seite Sonjas in der Küchentür stehend habe ich das mitgekriegt. Weil sich keiner für Sonja und mich interessierte, wurden Sonja und ich von Mutti Soni Gabi hinterhergeschickt. Mutti Soni sagte zu Sonja und mir, daß wir kurz unter die Dusche sollten, Zähneputzen. Und dann sollten wir zu Bett gehen sollten. Oben am Gang lang gehend, haben Sonja und ich gesehen, daß die Badezimmertüre offen war. Hineingeschaut haben Sonja und ich. Sonja und ich hörten, war, daß die Dusche an war. Gabi war gerade dabei, sich abzuduschen. Am Gang hörten Sonja und ich, daß die Männer von der Polizei dabei waren, sich zu verabschieden. Die Polizisten meinten, daß sie jetzt zum Bauernhof der Taberts weiterfahren würden, sich dort nach Fransen zu erkundigen. Auf unser Zimmer sind Sonja und ich gegangen. Ich habe mit Sonja geknobelt und verloren. Sonja würde die nächste sein, die nach Gabi unter der Dusche sein würde. Zehn Minuten drauf bin ich hinter Sonja her auf den Gang. Gabi war nicht mehr im Bad. Mehr wollte ich nicht wissen, Sonja hat die Badezimmertüre hinter sich zugemacht. Ich habe die Türklinke Gabis heruntergedrückt. Umsonst. Bei Gabi war zu. Gabi hatte den Gästezimmerschlüssel hervorgekramt, ihre Zimmertüre abgesperrt. 

Detektei Umschau: Ö, Gabi hatte ein Einzelzimmer? Sie und Sonja, ihre elfjährige Schwester, ein Zimmer zu zweit?

Frau Ramona Gleibt: War einfach so, in den Ferien auf dem Bauernhof der Strauchingers. Im Jahr zuvor waren Gabi und Sonja auf einem Zimmer. Ich war die, die das Zimmer für sich alleine hatte. Immer hatte eine von uns ein ganzes Zimmer. Die anderen beiden teilten sich das andere. War einfach so.

Detektei Umschau: Was hatte Ihre Schwester Gabi eigentlich den Polizeibeamten so alles erzählt, Frau Gleibt?

Frau Ramona Gleibt: Was Gabi den Polizisten im Wohnzimmer der Strauchingers erzählt hat? Nicht viel. Nichts Besondres. Sicher das gleiche, was Gabi Vormittag des folgenden Tages Mutti Soni mitgeteilt hat. Von Mutti Soni weiß ich das. Gabi hat zu Mutti Soni gesagt, daß sie eben ein geraumes Weilchen vor dem Rest der Familie wach geworden wäre. Keine Ahnung hätte sie, warum Vati, Mutti, Sonja und Mona und sie selber, Gabi, so plötzlich eingeschlafen wären. Sie hätte aber nur kurz geschlafen. Dann wäre sie wach geworden. Hätte gesehen, daß der Rest der Familie fest schlief. Mit Fransi, der am Tannenbaum gegenüber gesessen und sie, Gabi, angesehen hätte, sei sie ins Gespräch gekommen. Gut, daß sie sich mit Fransi unterhalten konnte. Fransi wollte weder ihr, Gabi, noch uns, Gabis Familie, irgendwas antun. Über Tiere im Wald hätte sie mit Fransi gesprochen, wo noch ein paar gute Plätze fürs Pilzefinden wären. Schließlich hätte sie Fransi gefragt, ob er sie und ihre Familie nicht zu den Strauchingers auf dem Hof zurückbringen wollte. Hätte Fransi die Schulter gezuckt, gemeint, daß das für ihn überhaupt kein Problem sei. Nur Polizei, Polizei wolle er keine.

Detektei Umschau: Ah, ihr Vater hat aber trotzdem die Polizei herbeigerufen. Wie ist das, Frau Gleibt: Wenn die Polizei von Ihrem Vati gerufen wurde, könnte es doch möglich sein, daß der Vorfall mit Ihnen im Wald auch in den lokalen Medien gemeldet wurde? Eventuell könnten wir den einen oder anderen Artikel davon auf den Lokalseiten der Zeitungen finden, nicht?

Frau Ramona Gleibt: Kann sein. Vati hat alle Reporteranfragen abgewimmelt. Ein Kamerateam des Lokalfernsehens ist bei den Strauchingers an der Haustür gestanden, wollte ein Interview und uns filmen. Hat Vati gemeint, sie alle sollten sich sofort vom Hof scheren. Bauer Strauchinger hatte nichts dagegen, daß Vati das zu denen so sagte. Weiß nicht, was in der Zeitung gestanden ist. Habe bei den Strauchingers nie Zeitung gelesen. Auch keine Illustrierte, die bei den Strauchingers herumgelegen ist. Tut mir leid. Im Lokalradio, daran erinnere ich mich, daß wir tags drauf in den Nachmittagsnachrichten waren: Die nächste Familie, die sich in der Umgebung Geiersdorfs beim Pilzesuchen verlaufen hätte. Im Wald bei Geiersdorf sollten mehr Spazierwege angelegt werden. Mehr Orientierungshilfen für Ortsfremde müßte es im gesamten Waldgebiet geben.

Detektei Umschau: Wie ist die Geschichte mit Gabi, Ihrer Schwester, weitergegangen, Frau Gleibt?

Frau Ramona Gleibt: Sonja und ich, wir haben in unserem Zimmer in unseren Betten die Nacht lange nicht einschlafen können. Geredet und geredet haben Sonja und ich immer wieder über alles. Das, was der ganzen Familie Gleibt passiert war. Den Mann, der uns aus dem Erdboden herausgekrochen gekommen ist. Diesen Horror, der uns mit dem im Wald passiert war. Sonja hat zu mir wiederholt gesagt, daß sie nicht wüßte, was Gabi mit diesem Fransi zusammen gemacht hätte. Als sie wachgeworden wäre, hätte sie gemerkt, daß alle schon vor ihr wach waren. Jeder wäre vor ihr erwacht, auch ich, Mona. Sonja konnte das nicht verstehen, wie Gabi diesen ekligen Mann Fransi nennen konnte. Als wäre Fransi in der kürzester Zeit ihr allerbester Freund geworden. Sonja sagte, daß sie sich vor Angst vor dem Mann fast in die Hosen gemacht hätte. In ihrem Leben wollte Sonja diesen Menschen nicht wiedersehen. So bald ginge sie nicht wieder mit, wenn wer von uns zum Pilzesammeln ginge. Am liebsten wäre Sonja sogar heimgefahren. Fort aus der bösen Gegend.

Detektei Umschau: Sie haben Ihrer Mutter dann aber doch irgendwann bei Gelegenheit erzählt, was Sie da im Wald gesehen haben, als Sie für einige Momente wach geworden waren? Das von Gabi, Ihrer Schwester, mit diesem Fransen? Was die beiden miteinander getrieben haben ...?

Frau Ramona Gleibt: Nein, nein. Das hat lange gedauert. Ich war mir nämlich nicht mehr sicher, ob ich gegenüber Vati, Mutti überhaupt davon anfangen sollte. Besser nicht. He, wenn Gabi dumm geschaut hätte, zu Vati und Mutti gemeint, ich hätte wohl schlecht geträumt. Sie, Gabi, sie würde so was wohl nicht mit einem fremden Mann so einfach machen. Einen, den sie nicht kennt. Der sich auch noch mitten am Platz im Wald aus der Erde ausgräbt, daß es zum Fürchten war ... Tut mir leid, es zugeben zu müssen: Es paßte nichts. Es paßte nicht. Eigentlich paßte das nicht zu Gabi. Daß Gabi so was mit so einem das tun würde, das war schwer vorstellbar. Auch wenn ich was gesehen hatte. Oder glaubte, ich hätte es gesehen. Nein, besser war, meinen Mund nicht aufzumachen. Sehr schlecht hätte das für mich ausgehen können. Sehr, sehr schlecht.

Detektei Umschau: Sie haben also niemandem etwas davon erzählt, Frau Gleibt?

Frau Ramona Gleibt: Erst viel, viel später. Ich war mir nicht mehr sicher. Wegen den Geschehnissen vom Abend zuvor haben sie Gabi, Sonja und mich bis gegen halb neun am Vormittag schlafen lassen. War ein schwieriges Erwachen, nachdem Mutti mich weckte, weil ich erst kurz fest eingeschlafen war. Zwwei, drei Stunden. Normalerweise hätten wir alle schon seit gegen halb sechs am Morgen wach sein sollen. Nach dem schweren Aufstehen hatte meine Entschlußkraft mich ganz verlassen, irgendwas von meiner Beobachtung, von dem, was ich am Abend zuvor gesehen zu haben glaubte, was Gabi mit diesem Fransi getrieben hätte, mitzuteilen. Ich meine, hätte jemand anderes, Vati Didi, Mutti Soni oder sogar Sonja am Frühstückstisch unvermittelt etwas rausgelassen, Gabi damit angeredet, hätte ich die Geschichte sicher bestätigt. So aber, ich alleine ... Ich hatte nicht die geringste Lust, mich in die Nesseln zu setzen. Als einzige, die glaubte ... Nein, das mußte ich nicht haben. Gabi konnte schwer nachtragend sein.

Detektei Umschau: Es kam also nicht auf den Tisch, Frau Gleibt ...

Frau Ramona Gleibt: Echt wahr, wie hätte ich das klarmachen sollen? Gabi war eigentlich eine Schüchterne. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, ich hätte Gabi so was auch nicht zugetraut. Auf die Idee wäre ich nicht gekommen. Wahrscheinlich keiner von uns. Ich hatte eher das schwere Gefühl, ich könnte, sprach ich das Thema an, leicht meine ganze Familie gegen mich aufbringen. Man muß sich nur einmal vorstellen, was vor den Sommerferien bei Gabi los war: Einen Monat vor den großen Sommerferien war an Gabis Schule Wandertag. Gabis Klasse zusammen mit zwei Parallelklassen des gleichen Jahrgangs. Ein Junge aus der einen Parallelklasse hatte ein Auge auf Gabi geworfen. Gabi hat er angebaggert. Gabi hat mit ihm dann auch ein bißchen händchengehalten, ließ sich von ihm auf die Wangen küssen. Aber, er wollte mehr von Gabi. Gabi hat erzählt, daß er sie mit Zunge küssen wollte. Das mit dem Zungenkuß, das hat Gabi ihm erlaubt. Aber Gabi wäre fast dran gestorben. Seine Zunge an der ihren, nein, eklig fand Gabi das. Daß Gabi ihn von sich gestoßen hat. Weggelaufen ist Gabi von ihm. Gelächter von hinterrücks hat Gabi sich anhören müssen. Gabis Freundinnen waren bei allem dabei. Als alle wieder beim Wandern unterwegs waren, haben sie Gabi vor anderen Mädchen der Klasse verspottet. Sie machten Gabi darauf aufmerksam, daß so ein Zungenkuß lange nicht alles war. Am Knauf von ihrem Regenschirm sollte Gabi mal was andres üben. Mit ihrem Mund. Ihren Regenschirm hatte die eine beste Freundin Gabi auch noch hingehalten, als hätte Gabi nicht selber einen dabei. Kaum erträglich fand Gabi hre besten Freundinnen. Oberpeinlich fand Gabi das, daß ihre besten Freundinnen laut und unter Gelächter nicht damit aufhören wollten, sie aufzuklären. Ganz unten drunter war das Verhalten ihrer besten Freundinnen für Gabi. Nach dem Wandertag blieb Gabi ein paar Tage krank daheim. In die Schule und in ihre Klasse wollte Gaby nie mehr gehen. Mutti mußte Gaby überreden, indem Mutti sagte, daß Gaby die letzten paar Schultage auch noch schaffen würde. Einen Schulwechsel wünschte Gaby sich von Mutti, für das nächste Schuljahr. Tatsache. Und jetzt wollte ich Vati Didi, Mutti Soni damit kommen, daß ich gesehen hätte, wie Gaby es einem fremden Mann mit dem Mund. Dem, der vor uns aus der Erde gekrochen gekommen war ...

Detektei Umschau: Sie haben die Angelegenheit auf sich beruhen lassen? Daß Sie Ihre Schwester Gaby mit diesem Mann in einer eindeutigen Situation gesehen haben, haben Sie weder Ihrem Vati noch Ihrer Mutti erzählt? Das haben Sie sich nicht getraut, weil Sie sich davor fürchteten, daß man es in den falschen Hals kriegen könnte?

Frau Ramona Gleibt: Ganz genau! Stimmt! Bitte, können wir hier abbrechen.

Detektei Umschau: Gut, brechen wir ab, Frau Gleibt. Wollen Sie, daß wir gehen?

Frau Ramona Gleibt: Nein! Nur das nicht. Ich will nicht alleine bleiben. Könnten Sie bitte bei mir in der Wohnung dableiben. Bis morgen um halb sieben.

Detektei Umschau: Kein Problem. Nur, wo schlafen wir? Bei Ihnen im Bett?

Frau Ramona Gleibt: Ich habe ein Zimmer der Wohnung als Gästezimmer hergerichtet. Falls Mutti mich besuchen kommt. Im Gästezimmer habe ich ein Doppelbett. Sie können aber auch hier im Wohnzimmer bleiben. Das sind Liegesofas.

 

Fortsetzung des Gesprächs von Frau Ramona Gleibt mit Mitarbeitern der Detektei Umschau (Herrn Thomas Setzer und Frau Regine Datz; die Diktiergerätaufzeichnung ins Reine getippt hat Frau Regine Datz):

 Detektei Umschau: Jetzt ist es halb neun am Vormittag. Die genaue Uhrzeit: 08:33 Uhr. Regine und ich, wir halten uns in der Wohnung von Frau Ramona Gleibt, Ebnerstraße acht, auf. Frau Gleibt hat gesagt, daß sie bereit ist, das Gespräch, das wir gestern abgebrochen haben, fortzuführen. Nicht wahr, Frau Gleibt?

Frau Ramona Gleibt: Ja. Bin heute früh nicht in die Arbeit gegangen. Habe kurz vor acht Uhr in der Bank angerufen, gesagt, daß es mir nicht so gut geht. Hat Herr Reineke gemeint, daß er das vermerkt. Ein ärztliches Attest bräuchte ich nicht vorzuweisen. Wenn es bei dem einen Tag bliebe. Wegen meinen Überstunden. Der Fehltag würde mir von meinem Überstundenkonto abgezogen. Für was Überstunden nicht gut, nicht wahr? Da kann man sich auch mal frei nehmen, wenn man sagt, daß es einem nicht so gut geht. Stimmt ja eigentlich auch. Die ganze Nacht, daß ich nicht viel schlafen hab können, weil ich dauernd an meine Schwester Gabi denken hab müssen. Gabi, die heute leider nicht mehr lebt. Verstorben ist Gabi. Geschehnisse sind die ganze Nacht durch in meinem Kopf herumgespukt, die heute zwar Jahre her sind, die aber für mich präsent sind, als wären sie gestern gewesen.

Detektei Umschau: Das letzte, wovon Sie sprachen, Frau Gleibt, war, daß Sie zu niemandem davon geredet haben, was Sie gesehen haben, als sie an jenem Ort mitten im Wald bei Geiersdorf kurz erwacht waren. Das von Ihnen Gesehene konnten Sie niemandem erzählen ...

Frau Ramona Gleibt: Ich fand es dann besser, Vati, Mutti nichts davon zu sagen. Nichts davon, daß ich dort mitten im Wald nahe von Geiersdorf kurz einmal wach war. Daß ich glaubte, die kurzen Momente meines Wachseins dort etwas gesehen zu haben. Und zwar das, daß meine vierzehnjährige Schwester Gabi und dieser komische, unsympathische Fremde miteinander Sex hatten. Vertrauten Sex. In einer Stellung, an die ich bei Gabi nicht gedacht hätte. 69. Unglaublich, was meine Schwester Gabi mit dem tun konnte. Weil, so etwas, so etwas paßte eigentlich nicht zu Gabi. Es paßte einfach nicht. Ich meine, ein paar Wochen früher sind bei einem Schulausflug der Schulklasse Gabis Versuche von einem Jungen aus einer der Parallelklassen, Gabi mit Zunge zu küssen, nicht gut bei Gabi angekommen. Eklig fand Gabi den Zungenkuß. Verspottet hatten Schulfreundinnen Gabi dann deswegen. Daß Gabi tagelang nicht mehr in die Schule gegangen ist. Überhaupt nicht mehr wollte Gabi in ihre Klasse ... Und jetzt, dort an diesem Ort, sollte es Gabi einfallen, Sex haben zu wollen, mit einem Mann, der die Familie in Angst und Schrecken versetzt hatte. Gabi hatte sich doch selber auch gefürchtet. Vor dem. Es stand für alle von uns im Raum, daß uns von ihm was angetan werden könnte. Wie er sich aufführte, hätte es jede Sekunde möglich sein können, daß er sich eine von uns Mädchen oder Mutti vornehmen könnte, um sie ... Mit Gewalt zu nehmen. Bei Gabi sah das, was ich eher zufällig mitkriegte, allerdings nicht nach Gewalt aus. Wer hätte mir das geglaubt, verstehen Sie mich? Hätte ich das Vati, Mutti gesagt, hätte Gabi vielleicht nur mit dem Kopf schütteln brauchen, sich mit dem Finger gegen die Stirn tippen, und ich hätte mich gegenüber Vati, Mutti zu rechtfertigen gehabt, was ich von meiner Schwester Gabi rede.  

Detektei Umschau: Also gut, Sie haben also nichts Ihren Eltern gesagt, Frau Gleibt ...

Frau Ramona Gleibt: Ich wollte keinen Fehler machen - verstehen Sie das nicht? Wenn ich was gesagt hätte, und Gabi hätte gesagt, daß das nicht stimmen würde, was ich da daherbrächte, daß sie, Gabi, und dieser Fransen ... Wäre Gabi in Tränen ausgebrochen ... Der springende Punkt war aber, das ich mir nicht mehr sicher war. Stellen Sie sich vor, wenn Gabi Vati und Mutti auch noch bewiesen hätte, daß das nicht stimmen konnte, was ich erzählte - was hätte ich dann machen sollen? Wie hätte ich das rechtfertigen können? Gabi wäre mir beleidigt gewesen. Vati und Mutti hätten über mich den Kopf geschüttelt. Ich hätte von Vati, Mutti bei den Strauchingers im Bauernhof Hausarrest bekommen. Oder wir wären alle nach Hause gefahren, der Urlaub auf dem Bauernhof wäre für die ganze Familie vorbei gewesen. Daheim wäre die Geschichte mit dem Ärger für mich weitergegangen. Also fand ich es besser, den Mund zu halten.

Detektei Umschau: Warum ist die Familie Gleibt eigentlich nicht bei den Strauchingers abgereist? Hätte nach dem Abenteuer im tiefen Wald doch auch möglich sein können. Oder nicht?

Frau Ramona Gleibt: Nun, in die Pilze sind wir nicht mehr gegangen. Einmal erinnere ich mich, daß die Strauchingers zum Pilzesuchen sind - aber von uns, den Gleibts, war keiner bei den Strauchingers dabei.

Detektei Umschau: Und war weiter mit Gabi?

Frau Ramona Gleibt: Gut, Vati und Mutti, den beiden was zu sagen, das war für mich kompliziert. Aber eins, dachte ich mir, könnte ich schon tun: ein Auge auf Gabi zu haben. In der nächsten Zeit ein klein wenig verschärft hinter Gabi herzusein. Fragte mich, wenn einmal so was war, daß Gabi es mit einem trieb, könnte es sein, daß sie es vielleicht ein zweitesmal mit ihm machen wollte. Und wenn es sich dann zufällig irgendwann ergab, könnte ich für den einen oder andern Zeugen sorgen ... Herausragend wäre es gewesen, Vati Didi oder Mutti Soni dort dabeizuhaben, wo Gabi eben ...

Detektei Umschau: Und - hat sich so was ergeben?

Frau Ramona Gleibt: Es war der Abend des gleichen Tages, zwanzig Uhr rum. Nach dem Abendessen. Gabi war raus aus dem Haus der Strauchingers. Ich war Gabi einfach mal hinterhergegangen. Hab Gabi hinter dem Strauchinger Haus verschwinden sehen. Als ich dort ankam, tauchte Gabi zwischen dem Gebüsch ab. Als Gabi weiter nicht schnell vom Bach zurückkam, konnte das nur heißen, daß sie was vorhatte. Schnell bin ich dorthin, wo ich Gabi zuletzt gesehen hatte. Geärgert hat mich, daß ich wieder nur alleine war. Niemand war bei mir, der das hätte sehen können, was ich vielleicht sah. Da war zwischen den Brombeer- und anderen Büschen der Pfad zum Plätscherbach. Habe mich für die Richtung hinab entschieden. Plötzlich sehe ich Gabi mit dem Rücken zu mir unter einem Baum stehen. 'Hallo, Gabi! Gabi - hallo!' hab ich geschrien. Unvermittelt rührte sich etwas Schwarzes bei Gabi, richtete sich bei Gabi in die Höhe. Wie der Blitz war das Dunkle von Gabi weg. Verschwand. Vorher hatte ich den dunklen Umriß so nicht bie Gabi ausgemacht. Ich fand, ein großer Mann war das gewesen. Einer, irgendwie aus meiner Perspektive umdunkelt. Umarmt hatte er Gabi, sich zu Gabi herabgebeugt. Ich meine, ich hab wirklich erst was von ihm bemerkt, als er sich hochrichtete. Direkt vor Gabi bin ich hinspaziert, habe mich Gabi gegenübergestellt. An ihrem knöchellangen Rock hat Gabi herumgefingert, als wolle sie daran was richten. Gleichzeitig hat Gabi sich mit der andern Hand ein Papiertaschentuch gegen den Hals gedrückt. Mir war, als würde ich einen dünnen Blutfaden sehen, der herunterlief. Gabi hat ihn weggewischt. Gabi hat weiter an ihrem Rock herumgewerkelt, wie zu Ablenkung.

Detektei Umschau: Das nächstemal - Fransen?

Frau Ramona Gleibt: Muß wohl. Gesehen habe ich nichts als einen schwarzen huschenden Schemen. Zwischen den Bäume, dem Gebüsch dort war er im Nu meinen Augen entschwunden. So komisch, kopflos, daß er in meiner Erinnerung aussieht. Als wäre der Kopf von dem herabgebeugt, damit ich ihn nur ja nicht erkenne. Die dunkle Baumstämme, dem dichten grün-schwarzen Gebüsch, mit dem war er schnell verschmolzen. An ihrem fast bodenlangem grobgestrickten braunen Rock fingerte Gabi nervös, als erwarte sie unangenehme Fragen. Ein Rock war das, den Gabi von Frau Strauchinger geschenkt bekommen hatte. Ein Geschenk, über das sich Gabi die Woche zuvor überhaupt nicht gefreut hatte. Naserümpfend hatte Gabi mir den Rock gezeigt, sich an die Stirn getippt, dahergeredet, daß sie, Gabi, so einen Rock nicht mal zur Feldarbeit freiwillig anziehen würde. Jetzt aber hatte Gabi diesen Rock an. Als wäre er doch für was gut, nämlich vorne hochgehoben zu werden. Starr glotzte Gabi mir ins Gesicht. Sichtlich konnte ich von Gabis Miene ablesen, daß Gabi vor allem eins störte: mich bei sich zu sehen. Daß ich überraschend bei ihr, Gabi, eintraf, auf das war Gabi gerade nicht scharf gewesen.

Detektei Umschau: Wieder jener Fransen bei Gaby, Frau Gleibt. Eine Wiederholung.

Frau Ramona Gleibt: Muß wohl. Gabi hielt ihren Kopf schief, meinte: 'Du, Mona, daß du jetzt hier bei mir bist ...? Sag mal, bist du mir hinterhergeschlichen, Mona ...? Was soll denn das, daß du mir hinterherschleichst?' Der Glotzeblick, den Gabi aufgesetzt hatte, fast schon lebensgefährlich. Das Herz hat mir plötzlich bis zum Hals geschlagen. Mir fiel nichts ein, was ich Gabi erwidern hätte können. Ich konnte auch nichts reden, nur angestarrt hab ich Gabi. Das Herz hat mir zum Hals geschlagen. 'Du gehst mir schon den ganzen Tag irgendwie nach, Mona ...', machte Gabi wieder den Mund auf, betrachtete mich unzufrieden: 'Meinst du, Mona, ich krieg das nicht mit. Wenn ich wo bin, bist du bald nicht weit. Machst du das für Mutti? Oder für Vati? Sollst du ein Auge auf mich haben?' 'Ach, komm schon, Gabi, ich bin deine ältere Schwester', meinte ich plötzlich locker flockig: 'Ich lass mich doch nicht von Vati schicken. Oder von Mutti. Ich bin am Bach hinunter spazierengegangen. Sonst nichts. Was ist, gehen wir jetzt wieder zusammen zu den Strauchingers zurück?' 'Ich brauch' dich nicht, Mona, ältere Schwester', hat Gabi mir hingezischt: 'Du, Mona, mach für Sonja den Aufpasser. Aber nicht für mich, ja? Brauche keinen, der auf mich aufpaßt. Mir hinterherläuft. Haben wir beide uns verstanden?' Ich: 'Was bist du so gemein zu mir, Gabi. He, ich bin's, Mona, deine ältere Schwester. Zufällig, daß ich dich hier sehe. Mache einen kleinen Verdauensspaziergang nach dem Abendessen ...' Gabi: 'Der Fraß, der einem bei den Strauchingers serviert wird, wird auch von Tag zu Tag immer schlechter. Von Tag zu Tag. Hör mal, Mona, dich könnnte ich fressen. Dich könnte ich fressen, Mona.' Ich: 'Mir schmeckt's bei den Strauchingers. Wie redest du denn mit mir? Du mußt mir doch jetzt wirklich nicht böse sein, Mona. Nur weil ich dich zufällig hier gesehen hab. Gut, bin ich dir eben hinterhergelaufen bin. Wenn du meinst. Wie du jetzt eben redest, Gabi, das hört sich total komisch an. Bist das du?' Gabi sieht mich an, als ob sie etwas begreift. Gabi schaut mich an wie eine, die sich sicher ist, daß ich etwas mehr weiß als ich sage. Absichtsvoll hat Gabi den Blick von mir abgewandt. Suchend blickte Gabi im Halbkreis herum. Daß ich es mit der Angst zu tun kriegte. Weil ich mich fragte, ob der, der bei Gabi war, nicht urplötzlich zurückkehren könnte. 'Na schön, Mona', klang Gaby schrill und unfreundlich. 'Anscheinend kann ich dich anders nicht loswerden. Dann gehe ich jetzt wieder zurück. Mal sehen, wo ich auf dem Hof der Strauchingers Vati finde. Oder Mutti, Mona ... Mal sehen, ob mir beim Zurückgehen was einfällt, was ich denen von dir erzählen könnte. Bis dann, Mona.

Detektei Umschau: So hat Ihre Schwester Gabi mit Ihnen geredet, Frau Gleibt?

Frau Ramona Gleibt: Ja. Diese Boshaftigkeit Gabis kannte ich nicht von Gabi. Die reinste Boshaftigkeit hat in den Worten Gabis mitgeschwungen. Ich hab mir gesagt, während ich Gabi hinterhergegangen bin, ob ich nicht besser von jetzt an vor Gabi in acht nehmen sollte. Wollte nur noch ungefähr nach Gabi Ausschau halten. Schauen, ob Gabi wo da war oder nicht.

Detektei Umschau: So war auf Sie die Wirkung des Gesprächs Gabis am Bach mit Ihnen, Frau Gleibt?

Frau Ramona Gleibt: Was sollte ich mich viel um Gaby kümmern wollen? Gabi hatte mir doch richtig was angedroht. Da machte ich mir später lieber Sorgen um Sonja. Sonja, die führte sich nicht auf, weil ich in ihrer Nähe war. Sonja hatte es nicht nötig, wo sein zu müssen, wohin keiner mitkommen durfte. Gabi dagegen, die blieb ekelhaft. Was mich anbetraf, hatte Gabi mich auf dem Kieker. Es ging so richtig los am späteren Abend des nächstenTages ... So halb elf, später Abend. Hatte sich ergeben, daß Gabi und ich miteinander im Badezimmer waren. War nicht üblich, daß eine von uns Schwestern, wir uns jede für sich im Bad einsperrten. Sonja war während der Zeit die unter der Dusche. Nebeneinander vorm Spiegel stehend, machten Gabi und ich uns daran, uns die Zähne zu putzen. Ich war gespannt, ob Gabi vielleicht wieder mal was zu mir sagen würde. Gabi schwieg mich an, seitdem ich ihr am Bach wo dazwischengekommen war. Gabi übersah mich. Nur, etwas gegen mich unternommen, das hatte Gabi noch nicht direkt. Das änderte sich. Gabi wollte nichts Nettes, Belangloses reden, Gabi war zu ganz anderen Sachen aufgelegt. Als wir so nebeneinander vorm Badspiegel standen, ich, die Zahnbürste bereits im Mund, Gabi rechts von mir im Spiegel anschaute, hat Gabi die Zähne gebleckt. Boshaft gebleckt. Für mich. Auf ihrer Zahnbürste hatte Gabi dick Zahnpasta oben. Die Zahnbürste hat Gabi in meine Richtung geboingt. Ich hatte die ganze Zahnpasta Gabis als Klacks und Spritzer auf meinem roten Schlafanzughemd. 'Was soll das, Gabi?' entfährt es mir. 'Macht dir doch Spaß, Mona, ist lustig, Mona', gab Gabi zur Antwort: 'Das macht Spaß, was? Viel mehr Spaß als irgendwas macht dir das ...' Ihren mit Wasser gefüllten Zahnputzbecher kippt Gabi auf Höhe meines Halses auf mich aus, daß es an mir runterläuft. Die Brüste runter, übern Bauch. 'Ich finde das nicht lustig', schreie ich. 'Das macht Mona Spaß, viel mehr Spaß als irgendwas', sang Gabi. Meine Zahnpastatube mit Extra-Minzgeschmack griff sich Gabi, drehte den Verschluß herunter und drückte fest mit beiden Händen auf die Tube drauf. Grinsend preßte Gabi Tubeninhalt ins Waschbecken, vollführte Kreiselbewegungen. Das ganze Becken saute Gabi mit meiner Zahnpasta ein. Gabi: 'Warum tust du das, Mona? Was soll denn das, Mona? Ich glaub nicht, was du da machst, Mona ...' Ich: 'Das ist kein Spaß, Gabi. Du findest das lustig?' Gabi: 'Du bist wirklich so was von doof, Mona. He, Mona sülzt das Waschbecken voll, Sonja. Hört nicht wieder auf. Weißt du, Mona, tut so, als ob ich der wäre, der hier das Waschbecken vollsaut. Du bist echt doof, Mona. So was nennt sich ältere Schwester ... Dabei bist du doofer als irgendwas. He, Sonja, warum schaust du nicht? Hast du gemerkt, Sonja, daß Mona dir heute seit in der Früh hinterhergelaufen ist. Wo du warst, war Mona auch nicht weit. Solltest wirklich besser selber aufpassen, Mona, daß nicht bald Luft aus dir rausgelassen wird. Vielleicht sag ich das Fransi, Sonja, daß Fransi Luft bei Mona rausläßt.'

Detektei Umschau: Im Ernst? Das sagte Gabi zu Ihnen, während Ihre jüngere Schwester Sonja unter Dusche war, alles vielleicht mithorchte?

Frau Ramona Gleibt: Wortwörtlich hat Gabi das so zu mir gemeint. Zu mir, ihrer älteren Schwester. Während Sonja unter der Dusche mithörte. Komisch fand ich den Unterton Gabis. Als ob Sonja ein bißchen mehr von Sachen wissen müßte. Als wäre Sonja auch mit Gabis Fransi bekannt. 'Ah, da kommt wer, Mona', meinte Gabi: 'Willst du nicht jetzt sofort damit anfangen, das Waschbecken sauber zu machen?' Mutti Soni hat die Badezimmertüre aufgemacht, guckte zu Gabi und mir, Mona, herein. Lauthals hat Gabi gekräht: Guck mal, Mutti, was Mona gerade zu machen eingefallen ist. Mona hat gesagt, sie will jetzt selber mal sehen, wieviel Zahnpasta in einer Tube ist. Dann hat Zahnpasta aus der Tube herauszudrücken angefangen. Das ganze Waschbecken hat Mona uns vollgesaut. Schau selbst, Mutti. Mona meint, ich soll's jetzt saubermachen. Weil sie das nicht machen möchte ... Mach ich's nicht, hat Mona gesagt, sagt sie Mutti, ich hätt das mit dem Waschbecken gemacht ...' Mutti tritt von der Badezimmerschwelle zu Gaby und mir herein. Das Lächeln war Mutti aus dem Gesicht verschwunden.

Detektei Umschau: Überhaupt nicht nett, das zwischen Ihnen und Ihrer Schwester Gaby. Was war denn das mit Ihrer jüngeren Schwester Sonja? Hatte die auch mit irgendwas zu tun?

Frau Ramona Gleibt: 'Kann man wohl sagen, daß das zwischen Gabi und mir nicht nett war. Am Vormittag drauf, die Stallarbeit war für alle erledigt, wir hatten Pause, ist Gabi zu Sonja und mir aufs Zimmer gelatscht. Vor allem, um vertraut Sonja hinzugrinsen. Sonja hat Gabi zugeblinzelt. Boshaft hat Gabi nach mir hingeguckt. Ich hatte meinen Laptop am Rundtischlein im Zimmer Sonjas und mir stehen, hatte eingeschaltet. Ein Glas Orangensaft hatte ich für mich neben den Laptop hingestellt. Das Glas voll mit Orangensaft hat Gabi genommen. Erst dachte ich, Gabi möchte meinen O-Saft trinken. Dann hat Gabi mir den Saft auf den Laptop gekippt ... Ich hab aufgekreischt. Gabi hat die Glas schnell zurückgestellt. Zu Sonja redete Gabi rüber: 'He, Sonja, hast du das gesehen? Glaubst du das? Mona kippt sich selber O-Saft über ihren Läppie ...'

Detektei Umschau: Autsch! Das ist ja Terror, echter Terror, den Gabi gemacht hat. Und - was war das mit Ihrer Schwester Sonja?

Frau Ramona Gleibt: Sonja hat, als Gabi bei mir draußen war, zu mir gemeint, daß sie nichts mitgekriegt hätte. Auch Mutti hat Sonja das später genauso gesagt. Sonja konnte nicht sage, ob ich mir den O-Saft selber auf den Läppie kippte. Oder ob Gabi das bei mir gemacht hätte. Gelesen hätte sie, Sonja, in ihrem Buch, sich nicht gedacht, daß sie ihre älteren Schwestern Mona und Gabi ständig im Auge hätte haben müssen. Gut, ich mußte mich damit zufrieden geben. Wenn Sonja sagte, sie hätte nichts gesehen. Weder, daß ich ... Noch daß Gabi ... Dann mußte es so sein.

Detektei Umschau: Was war nun mit Sonja? Wenn Gabi Sonja so ansprach?

Frau Ramona Gleibt: Gabi hatte mir den O-Saft über mein Läppie gekippt, nicht Sonja. Ich habe Sonja zwar schief angeschaut. Aber Sonja war eigentlich wie immer. Daß ich dachte, ich sollte nicht auf Gabis Versuche hereinfallen, Gabi, die zwischen Sonja und mir Mißtrauen säen wollte. Konnte durchaus möglich sein, daß Sonja nicht auf Gabi und mich aufgepaßt hatte. Woanders hinschaute. Mit Gabi war es in der Folgezeit nicht mehr schön, nicht mit Sonja.

Detektei Umschau: Warten Sie, Frau Gleibt. Was uns, uns von der Detektei Umschau, interessieren würde ... Die Polizei war an dem Abend, nach Ihrer Rückkehr aus dem Wald, bei den Strauchingers am Hof. Die Polizisten sind in ihrem Wagen anschließend dann auf das Gehöft dieses Herrn Tabert, in dem dieser Fransen seine Wohnung haben sollte, weitergefahren ... Was wissen Sie, hat sich daraus irgendwas ergeben?

Frau Ramona Gleibt: Vati hat am nächstenTag gegen Mittag, nachdem das alles im Wald vorbei war - ich war zufällig im Haus der Strauchingers, in der Küche der Strauchingers und in der Nähe Vatis - mit seinem Phon bei der Polizei angerufen. Der Beamte am anderen Ende der Leitung hat Vati mitgeteilt, daß Fransen nirgends bei den Taberts anzutreffen war. Bei den Taberts wüßte auch niemand etwas, was den derzeitigen Verbleib dieses Fransens anging. Bereits seit Tagen wäre Fransen abgängig. Das käme immer wieder vor, daß Fransen spurlos verschwände. Sorgen machte sich bei den Taberts deswegen keiner. Jeder Streifenpolizist im Landkreis, der in seinem Fahrzeug oder zu Fuß unterwegs wäre, hätte die Order, nach diesem Fransen Ausschau zu halten. Vor allem, weil Fransen ohne Erlaubnis eine Waffe in Besitz hätte. Eine Suche mit einem Polizeikommando würde deswegen jedoch nicht extra im Geiersdorfer Waldgebiet stattfinden. Schließlich wäre uns, der Familie Gleibt, nicht viel passiert. Sobald Fransen in der Umgebung wieder irgendwo zum Vorschein käme, würde man sich sofort um Fransen kümmern, bei dem wegen seiner Bewaffnung nachfragen.

Detektei Umschau: Wie ist das für Sie und Ihre Familie auf dem Hof von Bauern Strauchinger in Geiersdorf die folgenden Tage nun weitergegangen, Frau Gleibt?

Frau Ramona Gleibt: Eine weitere Woche sind wir, die Gleibt's, noch in Geiersdorf auf dem Bauernhof der Strauchingers geblieben.

Detektei Umschau: Ihre Familie hat die Ferien am Bauernhof bei den Strauchingers alsd abgebrochen? Deswegen?

Frau Ramona Gleibt: Nein. Wegen der Begegnung mit diesem komischen Mann im Wald nicht. Das war nicht der Grund. Obwohl für keinen von uns noch etwas wie vorher war, haben wir auf dem Bauernhof der Strauchingers noch über eine Woche durchgezogen. Nur zum Pilzesuchen ist bis dahin keiner der Gleibts mehr gegangen. Ich denke allerdings, blicke ich heute auf diese Tage zurück, wäre es besser für die ganze Familie Gleibt gewesen, sie wäre nach dem Vorfall im Wald bei Geiersdorf sofort heimgefahren. Innerhalb der Familie herrschte eine Stimmung, zum Mäusemelken. Nicht nur zwischen Gabi und mir. Das war ganz allgemein so. Auch zwischen Vati Didi und Mutti Soni, daß sich etwas ereignete, was die Familienwelt der Gleibts in Unordnung brachte.

Detektei Umschau: Ihre Schwester Gabi hatte also ein Glas O-Saft über ihren Läppie ausgeschüttet ...?

Frau Ramona Gleibt: Ja, Gabi hat mir meinen Läppie mit O-Saft kaputtgemacht. Das war ein Problem. Weil Sonja das nicht mitkriegen hatte wollen, wie Gabi das gemacht hatte. Ich war ja bereits die Böse, weil ich das mit dem Waschbecken im oberen Badezimmer und den Rest, der etwas von dem Zahnpasta abgekriegt hatte, angestellt haben sollte. Obwohl ich alles im Badezimmer weggemacht, auch das verkleckerte Gewand Gabis und das von mir selber grob gereinigt und in die Waschmachine gestopft hatte, war ich für Vati Didi und Mutti Soni der Bösewicht. Gleichgültig hat Vati Didi sich meinen Läppie betrachtet, zu mir gemeint, ich sollte mal schauen, ob ich meinen Läppie nicht doch wieder zum Laufen zu brächte. Konnte ich das selber nicht, würde er, Vati, ihn sich vielleicht ansehen, wenn er Zeit hätte; irgendwann einmal, bei Lust und Laune. Kaufen könnte man mir dann nach den Sommerferien immer noch einen neuen. Das war ein Riesenreinfall, ein einziges Ärgernis für mich, das mit Vati. Ein Scheiß-Tag, sag ich Ihnen. Der Zorn hat in mir gekocht. Ich konnte Gabi und Sonja kaum ansehen, waren wir zusammen im Stall oder im Garten bei irgendeiner Arbeit. Nachmittags bin ich mit Gustl zusammen mit dem zweiten von Gustls Rädern weggefahren. Genau: Erst war ich mit Gustl im Schweinestall beim zweiten Ausmisten. Gegen halb vier bin ich an der Seite Gustl auf dem Rad einfach weggefahren. Ohne, daß jemand von unseren Eltern gewußt hätte, wo wir bei hinwollten. Herumgefahren sind Gustl und ich in der Gegend. Mit Gustl bin ich spazierengegangen. Angesehen hat Gustl mich öfters so komisch, daß ich wußte, welche Gedanken Gustl durch den Kopf gingen. Hab mir sogar überlegt, ob ich nicht doch näher an mich ranlassen wollte. Andererseits: Gustl war ein Angeber. Ein geschwätziger Kerl. Nein, Gustl Strauchinger sollte meinen Skalp nicht ans Wigwam kriegen. Auch wenn mir danach gewesen wäre, in den Arm genommen zu werden. Von Konsolenspielen haben Gustl und ich geredet, Gustl hat mir was von Geschichten aus seinem letzten Schuljahr erzählt. Bei Gustl war meine miese Laune fort. Erst nach der Rückkehr Gustls und von mir auf dem Hof der Strauchingers hatte ich sie wieder, meine Stinkelaune. Weil ich Gabi sofort wiedergesehen hab. Wieder waren Arbeiten in den Ställen zu erledigen. Das hat mich abgelenkt davon, daß mein Läppie immer noch hinüber war. Nachdem ich mir alleine im Bad oben die Zähne geputzt habe, bin ich zu Sonja aufs Zimmer. Gabi hat noch ein bißchen gelesen. Während ich mein Laptop, das ich selber geöffnet hatte, um es so zu reinigen, wie Vati zu mir sagte, angesteckt und eingeschaltet hab. Nur, wenn das Reinigen des Laptops bei Vati so geklappt hatte, wie Vati das gesagt hatte, bei mir hatte das nicht geklappt. Bei mir blieb mein Laptop tot. Anscheinend mußte ich doch Vati beknien, daß Vati an meinem Laptop rummachte. Sonja hat gegähnt, daß sie jetzt schlafengehen wollte. Habe ich Sonja hingenickt, bin auch zu Bett gegangen. In meinem Bett habe ich nur schlecht einschlafen können. Der Zorn auf Gabi war wieder in mir am Hochkochen. Dann war ich doch weggedöst, weckte mich etwas auf. An meine Ohren drang lautes Gestöhn, Ächzen, lustvolles Geschrei. Von nebenan. Aus Gabis Zimmer. Als wäre ein Porno auf voller Lautstärke. Halb ein Uhr nachts war es, hab ich auf meinem Phon nachgesehen. Die Lautstärke bei Gabi im Zimmer war wirklich nicht von schlechten Eltern. Als ob Gabi die Absicht hätte, das ganze Bauernhaus der Strauchingers an der Geschichte teilhaben zu lassen.

Detektei Umschau: Echt wahr? So eine Kulisse, aus dem Einzelzimmer ihrer Schwester Gabi? Was hat Gabi sich denn dabei gedacht?

Frau Ramona Gleibt: Was Gabi sich gedacht haben könnte? Vielleicht hat Gabi sich was gedacht. Nur, daß es egal war, was Gabi sich denkt. Erst mal: Gabi hat mich aufgeweckt. Gabi war so laut war, daß ich wach war. Ich habe das Licht angemacht, gesehen, daß sich Sonja im Bett neben mir aufgesetzt hatte. Gehorcht hat Sonja, mich gefragt, was denn da bei Gabi los wäre. Sage ich zu Sonja, daß ich das auch nicht ganz genau wüßte; müßte Sonja Gabi bei Gelegenheit selber fragen. Sonja meinte dann zu mir herüber, das bei Gabi, es höre sich an, als wäre dort jemand bei Gabi nebenan dabei. Ein Mann. Meine Wahrnehmung war das auch. Sonja erkundigte sich bei mir, wie ein Mann zu Gabi auf das Zimmer hier im Bauernhaus der Strauchingers käme. Die Frage konnte ich Sonja auch nicht beantworten. Mit dem Problem mußte Sonja schon selber zurechtkommen. Weil ich nun wach war, mußte ich aufs Klo. Am blöden Zierschemel, der schon seit immer im Zimmer herumstand, habe ich mir die Zehen angehauen. Um ins Bad und aufs Klo zu kommen, mußte ich den Gang ein paar Meter runterlatschen. Bloß, daß ich nicht vom Fleck kam. Im Dunkeln bin ich vor der Tür von Gabis Zimmer wie festgepappt gestanden. Drinnen stöhnte und stöhnte es. Dann schrie Gabi wieder lauter auf. Zu einem Ende kam Gabi deswegen nicht. War für mich nichts, von dort wegzukommen, mußte lauschen. Meine Finger haben die Türklinke von Gabis Zimmertüre gesucht. Weiß nicht, was ich bei Gaby drinnen gewollt hätte. He, mit ihr dabei mitmachen? Mit dem, der da bei Gabi im Zimmer war? Ich habe die Klinke wirklich gedrückt. Bloß, es war abgesperrt. Zwei-, dreimal, daß ich das Klinkendrücken wiederholte. Als wäre ich zornig darüber, daß bei Gabi zu war. Als hätte ich wirklich da zu Gabi reinmachen müssen ...

Detektei Umschau: Sie wollten zu Gabi rein?

Frau Ramona Gleibt: War mir nur nicht möglich. Daß Gabi doch einen Schlüssel zum Absperren hatte, habe ich mich gefragt. Denn die Zimmer im Bauernhaus der Strauchingers blieben sonst immer alle Türen offen. Überall im Bauernhof der Strauchingers konntest du üblicherweise damit rechnen, daß wer zu dir reinkam. Und wenn Gustl oder sein kleinerer Bruder nicht wußten, daß du im Bad warst, stand einer von denen schon mal bei dir im Bad drinnen, sah sich an, was du anhattest. Gustl hatte ich auch schon im unteren Bad gesehen ... Gustl, der sich schnell die Hände vorhielt, um sie dort wegzutun ... Das heißt, hast du vergessen, vorher anzuklopfen, konntest du alles mögliche zu sehen kriegen. Auch Opa Strauchinger ...

Detektei Umschau: Draußen am Flurgang standen Sie also, Frau Gleibt, konnten nicht zu Ihrer Schwester Gabi rein ... Was war nun weiter?

Frau Ramona Gleibt: Weil ich die Türklinke gedrückt hatte, hatte das mit der Stöhnerei für ein paar Augenblicke aufgehört. Dann ging es jedoch weiter. Lauter als zuvor. Gabi kreischte regelrecht. Plötzlich war für mich am Gang das Licht an. Ich hab Vati gesehen, der aus dem gemeinsamen Schlafzimmer von Mutti und ihm zu uns hochkam. Um nachzuschauen, was bei uns oben los war.

Detektei Umschau: Ihr Vater, der die Stiege hochgekommen war, hat Sie am Gang stehen gesehen, Frau Gleibt? Er hat Sie vor der Tür Ihrer Schwester Gabi stehen sehen ...?

Frau Ramona Gleibt: In Luft auflösen konnt ich mich nur schlecht. Ich hab Vati angestarrt, und Vati hat mich dastehen gesehen. Auf dem Gang ist Vati auf mich zugekommen. Und die Stöhnerei bei Gabi drinnen war es ganz dolle am Abgehen. An meiner Seite angekommen, hat Vati auf die Geräuschkulisse aus Gabis Zimmer gehorcht. Mit fragendem Gesicht hat Vati auf mich heruntergeschaut Vati. 'Was machst du hier am Gang, Mona?' fragte mich Vati, seinen Mund an meinem Ohr. Daß ich Vati gerade hören konnte. 'Muß aufs Klo', antwortete ich. Vati nickte zu mir hin. 'Jeder muß mal aufs Klo, Mona', meinte Vati: 'Das Klo ist aber im Badezimmer. Wenn du also unbedingt mußt, dann ...' Vatis Finger zeigte mir den Weg. Ich habe zu Vati hinaufgenickt, mich auf dem Weg gemacht, schnell ins Bad zu kommen. Als ich an der Badezimmertüre angekommen war, habe ich mich umgewandt. Ich sehe Vati vor der Türe zu Gabis Zimmer dastehen, Vati lauschte mit geschürzten Lippen auf das in Gabis Zimmer. Dann hat Vati komisch zu mir hingeblickt, und ich hab sofort die Klinke der Badtüre gedrückt, verschwand im Bad. Im Bad drinnen hab ich mein Ohr gegen die Badtür gelegt. Ich kriegte mit, daß Vati gegen Gabis Zimmertüre klopfte. Vati hat geschrien, daß Gabi auf der Stelle die Türe aufmachen soll. Sofort sollte Gabi die Türe öffnen.

Detektei Umschau: Gabi hat das gemacht, Gabi hat die Tür aufgesperrt?

Frau Ramona Gleibt: Klar hat Gabi das.

Detektei Umschau: Was war die Folge?

Frau Ramona Gleibt: Ich habe nicht anders gekonnt, habe die Badtür wieder aufgemacht, von drinnen auf den Flurgang hinausgeschaut. 'Bist du noch ganz bei Trost, Gabi?' höre ich Vati Gabi fragen, Vati, der bei Gabi im Zimmer drinnen stand: 'Wie du dich mitten in der Nacht aufführst, das kann doch nicht möglich sein. Was glaubst du denn - daß du alleine im Haus bist? Warum führst dich so auf? Was soll der Mist?' Die Antwort Gabis war leise, habe ich nicht verstehen können. Dafür verstand ich Vati: 'Deine Schwestern, die sollen denken, daß du ...? Mona und Sonja sollen denken, daß bei dir im Zimmer ein Mann ist ...? Bist du noch ganz bei Trost, Gabi? Wenn ich das jetzt dann Mutti sage, wird Mutti mir das nicht glauben. Hör mir gut zu, Gabi, wenn ich jetzt wieder bei dir draußen bin, will ich nichts mehr von Dir hören. Du fängst nicht wieder damit an, ja? Wenn ich morgen von den Strauchingers auf dein Gestöhne und Gekreisch angesprochen werde, weiß ich nicht, was ich denen sagen soll. Werden ich und Mutti uns wohl im Namen der ganzen Familie entschuldigen müssen. Aber du dich auch. Du dich persönlich auch. Was sollen die Strauchingers nur von uns denken? Oder von dir? Von dir, Gabi? Dir hätte ich so was nicht zugetraut. Nur weil du deine beiden Schwestern ärgern willst, dir so was einfallen zu lassen ... Du legst dich jetzt sofort schlafen, Gabi. Und - keinen Mucks mehr. Morgen früh reden wir beide aber noch ein paar Töne miteinander, Gabi. Das kannst du dir nicht so einfach einfallen lassen, Gabi ...' Das war es für Vati, Vati kommt  bei Gabi raus, und ich sehe zu, die Bad- und Klotüre schnell zuzuziehen. Um mich hat Vati sich nicht weiter groß kümmern mögen. Am Bad ist Vati vorüber.

Detektei Umschau: Sie reden nur von Gabi und Ihrem Vati? War denn niemand bei Gabi im Zimmer drinnen? Ich dachte, wenn Sie uns das erzählen, war einer bei Gabi im Zimmer. Oder - wie sollen wir das sehen?

Frau Ramona Gleibt: Niemanden hat Vati gesehen außer Gabi. Mit Mutti habe ich Monate später mal über diese Sache geredet. Mutti hat es mir erzählt, was Vati ihr erzählt hat. Also ... Als Gabi die Zimmertüre für Vati aufgemacht hatte, hatte Gaby das Licht an. Ein Blick genügte Vati, Vati sah, daß bei Gabi kein Mensch im Zimmer war. In ihrem Nachthemd, daß Gabi in dem Gästezimmer des Strauchinger-Hauses Vati gegenüberstand. Nur Gabi. Jemand anders, der wäre Vati auch sofort ins Auge ins Auge gefallen. Schließlich die Frage, wo sich jemand bei Gabi im Zimmer verstecken hätte können? Nur eine Kommode für Kleidung und so Sachen in Schubläden befand sich bei Gabi im Zimmer. Zwei Holzschemel zum Draufhocken. Eine Niedertisch. Sonst war da nichts drinnen. Und unter die Betten bei den Strauchingers auf den Zimmern sind wir selbst als kleinere Kinder nur schlecht druntergekommen, uns zu verstecken.

Detektei Umschau: Was hat Gabi? Gabi hat behauptet, wegen Ihrer Schwestern Sonja und wegen Ihnen, die im Nachbarzimmer lauschen mußten, sich so aufgeführt zu haben.  Weil Sie mithören mußten, hätte sie so getan, als wäre jemand bei ihr auf dem Zimmer, würde mit ihr ... Wenn wir Sie richtig verstanden haben, Frau Gleibt, reden Sie nicht davon, daß Gabi alleine war. Wenn jedoch irgend jemand bei Gabi im Zimmer drinnen war - wo war derjenige dann so schnell hin?

Frau Ramona Gleibt: Zum offenen Fenster hinaus. Warum Vati nicht an Gabi vorbei und ans Fenster getreten ist, ich habe keine Ahnung? Wenn Vati zum Fenster hingewollt hätte, hätte Gabi das kaum verhindern können. Wäre Vati zum Fenster, hätte Vati vielleicht die Leiter angelehnt gesehen. Oder auch nicht.

Detektei Umschau: Eine Leiter, angelehnt?

Frau Ramona Gleibt: Ja, eine Leiter. Da war eine Leiter unter Gabis Fenster angelehnt gestanden. Ich weiß das, weil ... Vor halb sechs Uhr früh bin ich mit den Strauchingers, Mutti, Sonja aus dem Wohnhaus raus. Zum Kuhstall. Kühemelken. Mit der Hand. Zehn Kühe hatten die Strauchingers im Stall. Die wurden jeden Tag von uns allen mit den Händen gemolken. Nur Gabi hatte an dem Morgen keine Lust, kam nicht aus den Federn. Aber, wer brauchte schon Gabi? Gabi wurde schlafengelassen. Vielleicht auch wegen der miesen Stimmung, die Gabi verbreitete. Die Streitereien, die Gabi anzettelte. Als ich zum Schluß mit Gustl zusammen meine Stallarbeit bei den Schweinen getan hatte, bin ich nicht sofort mit Gustl ins Haus. Sondern kurz ums Haus drumherum gelaufen. Unter das Fenster Gabis habe ich mich gestellt, habe hinaufgeschaut und auf den Boden. Da war ein Blumenbeet, davor bin ich in die Hocke gegangen. Mein Herz hat einen Sprung gemacht. Da waren Rautenabdrücke in der Erde des Blumenbeets, als ich zwischen die Blumen ... Verstehen Sie? Eine Leiter war da angelehnt gestanden. Jemand hatte eine Leiter, war die Leiter hinaufgestiegen. Ich hatte den Beweis, daß wirklich jemand bei Gabi im Zimmer oben war. Daß Gabis Geschwätz eine Lüge war. Daß Vati, wenn Vati bei Gabi im Zimmer direkt ans Fenster getreten wäre, er vielleicht eine Leiter drangelehnt sehen hätte können. Vielleicht, denjenigen auf der Leiter, der ...

Detektei Umschau: Könnte das nicht auch Gustl gewesen sein? Irgendeine andere Person als der, von dem wir sprechen? Haben Sie Vati, Mutti über Ihre Beobachtung informiert? Hat sich aus ihrer nächtlichen Aufführung für Gaby irgendwas ergeben?

Frau Ramona Gleibt: Nein. Nichts habe ich getan. Als ich in die Küche gekommen bin, herrschte in der Küche das große Schweigen. Eine Stimmung, als wären Worte gefallen. Gabi ist mit gesenktem Kopf dagesessen. In meiner Gegenwart herrschte minutenlang Schweigen. Über das ewig schöne Wetter haben Bauer Strauchinger und seine Frau zu reden angefangen. Daß das Wetter nur für die Urlauber und die Spaziergänger gut war. He, eins war doch. Opa Strauchinger hatte Gabi im Blick. Hat Gabi komisch angelinst. So ein Grinsen hatte Opa Strauchinger im Gesicht stehen. Opa Strauchinger, der gerne Patschehändchen bei uns Mädchen machte ... Gustl dagegen schien von nichts eine Ahnung zu haben. Gustl habe ich nichts angemerkt. Gustl war wie immer. Na ja, mußte ja nicht jeder vom Gestöhne Gabis wach geworden sein. Schließlich hatte das Haus der Strauchingers doch ein paar Wände. Wenn die eine oder andere dazwischen war, konnte man auch schreien, ohne gehört zu werden, war man am Schlafen.

Detektei Umschau: Und dann, Frau Gleibt - die Geschichten, die Gaby anbetrafen, sind weitergegangen ...?

Frau Ramona Gleibt: Bitte, können wir jetzt abbrechen. Ich habe keine Lust mehr, mich mit Ihnen zu unterhalten. Verstehen Sie mich? Bitte gehen Sie. Jetzt sofort.

Detektei Umschau: Natürlich. Sofort können wir abbrechen. Kein Problem.

Frau Ramona Gleibt: Bitte, verlassen Sie augenblicklich meine Wohnung. Ich möchte alleine sein. Ich rufe Sie an. Morgen, übermorgen, ja? Wenn ich Sie aber nicht anrufe, würde ich Sie bitten, mich nicht mit Anrufen zu belästigen. Rufen Sie mich nicht an. Ist das klar, was ich Ihnen damit sagen möchte, nicht?

Detektei Umschau: Klar. Kiner von uns wird Sie anrufen. Wir erwarten dann irgendwann Ihren Anruf, Frau Gleibt. Auf Wiedersehen, Frau Gleibt.

 

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