"Das digitale Tagebuch": (03.07. - 17.07.), No. 3
Fünfzehnter Juli, mein Tagebuch.
Es ist 01:04 Uhr.
Menschenskind!
Was ist da schon wieder los!
War bis eben in der Küche drunten, liebes Tagebuch.
Meine Mutti ist mir im langen, weißen Schlafhemd mitten in der Kücheneinrichtung dazugekommen. Weil sie Licht in der Küche gesehen hatte.
Mußte Mutti mitteilen, weshalb ich in der Küche war und herumsuchte. Mußte Mutti das sagen, daß ich nach einer Schachtel Schlaftabletten suchen würde; gerne hätte ich ein Schlafmittel, etwas zum Einschlafen.
Mutti hat mich darüber aufgeklärt, daß es im ganzen Haus keine Schlaftabletten gibt. Nur Melissengeist und Baldriantropfen.
Aus dem kleinen, braunen Baldriantropfenfläschchen hat Mutti mir reichlich zwanzig Tropfen in ein Drittel mit Mineralwasser gefülltes Trinkglas getröpfelt. Mir das Glas zum Trinken hingeschoben.
Nach dem Austrinken konnte ich jedoch nicht auf der Stelle aus Muttis Küchenwelt verschwinden. Weil Mutti mir mit Text angefangen hat.
Dahergesülzt hat Mutti, daß ich die letzten paar Tage mit jedem Tag äußerlich immer schlechter daherkomme. Muttis direkte Frage an mich war, ob das wegen Helen wäre. Weil Helen und ich uns getrennt hätten, daß ich so schlecht aussähe. Ob sie, als meine Mutti, wirklich alles wüßte, was zwischen Helen und mir droben in der Universitätsstadt passiert wäre.
Schließlich hätten Helen und ich bereits vor Monaten die Absicht gehabt, standesamtlich zu heiraten. Ungefähr hätte das in den Wintersemesterferien schon sein sollen. Ein Ehepaar wollten Helen und ich werden, auch kirchlich heiraten. Die Eltern von Helen sollten die kirchliche Trauung ausrichten.
So ein paar Ansagen von mir, an die Mutti sich erinnerte. Nun wäre ich an der Reihe, mit den Erklärungen.
Na klar, daß ich das hätte, ihr, meiner Mutti, alles erzählt, habe ich Mutti in aller Deutlichkeit auseinandergesetzt. Eigentlich unmißverständlich.
So fertig, wie ich heute ausschaue - wollte Mutti nicht mit ihrem Dreck aufhören -, wüßte sie als meine Mutter schon noch gerne was Genaueres, von dem, was sich zwischen Helen und mir abgespielt hätte. Warum trennen wir uns, Helen und ich?
Ich erwidere, das könnte jedem mal so gehen. Erst Verlobung, mit baldiger Heiratsabsicht. Dann: Es wird nicht geheiratet. Ob am Standesamt oder in der Kirche. Plötzlich getrennte Wege. Zur Überraschung aller.
Geradeheraus fragt mich meine Mutti, liebes Tagebuch, ob ich etwas mit Helen angestellt hätte. So unschöne Dinge.
Hätte ich Helen geschlagen? Hätte ich mit Helen etwas angestellt, etwas Schlimmes, so was, was nicht sein dürfte, aber durchaus vorkommt?
Anders wüßte sie, meine Mutti, nämlich nicht, daß ich die Tage daheim so miserabel ausschauen müßte. Vollkommen durch den Wind.
Eine Antwort will Mutti von mir. Ganz seltsam guckt Mutti mich von der Seite an. So ein schiefer Blick, nicht mißzuverstehen.
Mensch, Scheiße, Tagebuch!
Ich war auf einhundertundachtzig. Ich habe mich nicht beherrschen können. Habe mich echt überhaupt nicht zurückgenommen.
Herausgekräht hat es aus mir, daß Mutti mich am Arsch lecken könnte. Voll am Arsch. Sie, Mutti, sie könnte mich mal mit Helen, dieser Fotze. Außerdem hätte das einen Scheißdreck mit dieser Scheiß-Helen zu tun, daß ich seit Tagen nicht mehr richtig schlafen könnte. Nicht mit Helen, dem Miststück.
Das kann man nur Unglück nennen, echt wahr, wie es zwischen Mutti und mir in der Küche weiterging. Denn ich habe rübergefaßt.
So eben, im letzten Augenblick, daß ich was gemerkt habe, zu Sinnen gekommen bin, ehe Schlimmeres ... Unverzüglich habe ich Mutti losgelassen.
Weil, das muß man sich vorstellen - mußt Du Dir wirklich vorstellen, Tagebuch -: Ich war tatsächlich von meinem Stuhl hochgekommen. Mit der linken Hand hatte ich Mutti vorne unten am Halskragen von ihrem Schlafhemd gepackt, mit der Rechten ausgeholt. Um mit der geballten Faust zuzuschlagen, Mutti mitten rein ins Gesicht.
Ganz knapp, das, daß ich nicht geschlagen habe. So eben, daß ich noch Dinge merkte. Ehe der Schlag fiel.
Der reinste Wahnsinn, Tagebuch.
Wahsinn. Wahnsinn.
Abgewandt habe ich mich von Mutti. Fluchtartig bin ich raus aus der Küche.
Nur weg wollte ich von da. Fort aus der Küche.
Unfaßlich, das. Wie das kommen hat können.
Wie das zwischen Mutti und mir abgegangen war. Mit meinem Ausbruch am Schluß.
Und das, was da an Verdacht mitgeschwungen. Bei dem, was Mutti mir ansagte.
Aber - bittesehr!
Das mit Helen, das kann ich Mutti schon noch mal genauer verklickern. Wenn Mutti das braucht, weil sie denkt ...
Gerne gebe ich ihr, Mutti, die Handy-Nummer von Helen ins Telefon ein.
Selber könnte Mutti morgen - oder wann immer sie möchte - bei Helens Eltern anrufen.
Die Nummer von Helens Eltern, lange bei uns am Telefon im Nummernspeicher abgespeichert. Hätte Mutti eigentlich längst machen können, die Nummer suchen und wählen ... Hätten wir das schon hinter uns.
Alles für Mutti, Tagebuch. Alles, was immer Mutti braucht. Was Mutti braucht. Mutti glaubt, brauchen zu müssen. Wenn ihr meine Geschichten nicht reichen, nicht hinreichend genug sind.
Komme ich bis an den Grund von Muttis Gesülze heran, hat sich das ja direkt danach angehört, als ob meine Mutti die Idee mit sich herumträgt, ich könnte Helen nicht nur eine Tracht Prügel verpaßt, sondern Helen noch anderes angetan haben. Ganz was anderes.
Vielleicht, daß ich Helen vergewaltigt hätte. Helen vergewaltigt ...
Du hier, Du bist mein Tagebuch, in Dir kann ich es deutlich ausdrücken: eine Vergewaltigung.
Daß es über mich gekommen wäre, und ich hätte Helen mit Zwang genommen. Mir Helen vorgenommen.
Daß ich heute deswegen nicht mehr einpennen kann. Weil mich mein Gewissen plagt. Weil ich über Helen hergefallen, ich gewaltsam über Helen drübergegangen wäre.
Nach solcherart Zwangsausübung, Gewissensbisse, die mich nicht mehr pennen lassen.
Anders kann ich das nicht interpretieren, wie mich meine Mutti angeht. Daß es das ist, was sie meint.
Man glaubt's nicht, Tagebuch.
Meine Mutti ... Meine Mutti, die ...
Was meiner Mutti nicht einfällt, was?
Daß eine Verlobung wieder gelöst werden konnte, Heiratsabsichten im Sand verlaufen, weil sich Dinge unvermittelt woanders hinentwickeln ... Das kann doch vorkommen.
In den besten Familien kann das vorkommen.
Oder nicht, Tagebuch?
Voll überraschen hat Helen mich mit ihrer abrupten Verwandlung können. Mit ihrer blitzartigen Häutung.
Hätte ich vorher schon die kleinste Ahnung davon gehabt, wie das aus heiterem Himmel plötzlich mit Helen zu- und abgeht - ich hätte Helen meinen Verlobungsring überhaupt nicht erst auf den Finger gesteckt.
Helen, quasi wie aus dem Nichts, daß mir die durchgeknallt ist. Nachdem Helen den Ring am Finger hatte.
Helen, mit Haut und Haaren ist die zum Islam konvertiert. Nur verborgen hatte Helen es vor mir.
Mir gegenüber führte Helen sich nun plötzlich als fundamentale Islam-Anhängerin auf. Eine, die kaum eine andere Meinung als die ihre gelten lassen wollte.
Wie eine Salafistin.
Ich hätte, statt nur in Büchern von der Religion zu lesen, mir meine Gedanken über die Dinge dort zu machen, diesen Glauben wahrhaft annehmen sollen. So, wie sie, Helen, es getan hatte.
Ein von Helen Missionierter wäre ich heute, wäre es nach Helen gegangen.
Voller Stolz hätte Helen es jedem Glaubensbruder, jeder -schwester erzählen wollen, daß sie die gewesen wäre, die mir den Glauben beigebracht hätte. Den einzig wahren. Daß sie, Helen, die war, die dafür gesorgt hat, daß ich übergetreten wäre.
Zum einzig wahren Glauben.
Einzig wahrer Glaube, o ja!
Ich sage Dir, Tagebuch, geduldig genug war ich mit Helen. Lange genug zugesehen habe ich Helen. Oft genug bin ich mit Helen mitgegangen, mit ihr mit in die Moschee.
Glaub mir: Nie wieder betrete ich eine Moschee!
Und eine Vorbeterin wie Helen kommt mir auch nicht mehr unter. Nie wieder.
Helen kann beten - aber ohne mich! Und wenn Helen jetzt in Moscheen schläft, mich kratzt das nicht.
Sicher bin ich, ich hätte die Sache mit dem Ring bei Helen weggelassen, vielleicht total vergessen, hätte Helen sich mir gegenüber schon die Zeit vor dem fünfzehnten Dezember in solcher Weise aufgeführt.
Verlobung mit Helen und das mit der späteren Absicht, Helen zu heiraten - das hätte ich mir überlegt. Messerscharf.
Sicher hätte es als Ergebnis meiner Überlegungen nur eins gegeben: die Geschichte meiner Verlobung mit Helen, die wäre bis auf weiteres auf Eis gelegt worden.
Ist ja jetzt auch schließlich passiert, Tagebuch. Helen und ich, wir sind getrennt. Auseinander.
War wirklich der Spaß lange genug. Lange genug, daß ich Helen zugeschaut habe. Während sich Helen bei mir und um mich herum als meine Vorbeterin und oberste Ansagerin in Glaubensfragen aufgeführt hat. Habe mir das von Helen lange genug antun lassen, daß sie mir die Runden vorgebetet hat. Mich zum Beten mit in die Moschee mitgezerrt hatte.
Wenn man mal darüber nachdenkt, was bei mir war, fast ein Wunder, daß ich momentan nicht irgendwo in Helens Nähe hocke. Darauf warte, daß Helen mir ein Zeichen gibt. Daß ich schnell hinkommen darf zu ihr. Ihr das Gebetsbuch zu halten. Das Buch darf ich Helen hinhalten, während Helen drinnen blättert ....
Geduldig genug mit Helen war ich.
Als ob das nicht absehbar war, daß Helen nicht runterkommt von ihrer Denke.
Das muß doch einiges mit Liebe zu tun haben. Daß meine Gefühle für Helen wahr waren, nicht wahr?
Sonst hätte Helen sich nicht dermaßen viel bei mir ausprobieren dürfen, oder?
*
Fünfzehnter Juli, mein Tagebuch.
Halb vier Uhr nachts.
War vorhin hier am Stuhl vorm Rechnermonitor leicht weggedöst.
Das Kinn hatte sich mir zur Brust herabgesenkt ... Dann bin ich ruckartig hochgefahren. In mir war ein Schrecken. Ein Schrecken.
So geht das die ganze Zeit.
Und, was ist das, leichtes Dösen?
Mehr kann man den Zustand nicht nennen.
Nicht zu vergleichen mit echtem Schlaf.
Schlafen will ich. Schlafen.
Ich will Schlaf.
Schlaf, ich bitte dich, komm her zu mir. Überwältige mich, Schlaf.
Mach mir die Welt dunkel, Schlaf, lasse mich erst in ein paar Stunden wieder zu mir kommen. Frischer, erholter ...
Unvergleichlich. Wirklicher, echter Schlaf. Wie ich ihn bis vor vier Tagen noch hatte.
Das Herz, Tagebuch, das schlägt mir momentan zu schnell.
Viel zu schnell.
Ich meine, wenn das so weitergeht ... So kann einer an einem Herzkasper sterben. Auch wenn er nicht alt ist. Sondern relativ jung an Jahren.
Wer hat daran schuld, daß ich nicht mehr schlafen kann? Überhaupt: Wer hat an allem die Schuld?
Manuela hat schuld.
Manuela, SIE hat schuld.
Ma-nu-ä-la!
Ma-nu-ä-la!
Verflucht sollst du sein, Ma-nu-ä-la!
Schon richtig, ein knappes Jahr waren Manuela und ich ein Liebespaar. Waren wir ein Liebespaar, Manuela und ich.
Fast ein Jahr zusammen, Manuela und ich, Tagebuch.
Haben uns geliebt. Körperlich zumindest oft. Für jede Erkundung war Manuela gut.
Damals.
Jahre her.
Ewige Zeiten.
Manuela war vierzehn. Ich war neunzehneinhalb. Als es passiert ist, daß Manuela und ich uns das erste Mal geküßt haben ...
Meine nächste Freundin, Manuela wurde die.
Geendet hat die Liebesgeschichte mit Manuela und mir in dem Moment, verehrtes Tagebuch, als ich Manuela ein Antwortschreiben in die Hand gegeben habe, das ich per Post erhalten hatte.
Der Inhalt der Textzeilen machte es unmißverständlich. Was Sache war.
Die Zeilen sagten, daß ich mich für fünf Jahre als Soldat verpflichtet hatte. Daß ich die Laufbahn eines Berufssoldaten eingeschlagen hatte. Dort alles werden konnte. Nchts mehr, was dem im Wege stand.
Das hieß andererseits auch, daß ich das tun hatte müssen, obwohl sie, Manuela, damit überhaupt nicht einverstanden war. Damit, daß ich mir eine Soldatenuniform anziehen wollte, zur Armee gehen.
Daß ich mit ihr, Manuela, zusammen war, als ihr Freund und Liebhaber die Idee, die Uniform eines Soldaten mir anzuziehen, weiterverfolgen mußte, statt studieren zu wollen, das war Manuela schier unbegreiflich. Das konnte Manuela einfach nicht verstehen.
Den Kopf schüttelte Manuela angesichts von mir und dem, was mir da eingefallen war. Was ich tatsächlich in ihrer Gegenwart durchgezogen hatte.
Ein Studium, das hätte Manuela begriffen, was mich, ihrem Liebsten, anbetraf. Aber das mit einer Armeeuniform, das war für Manuela nicht einsehbar. Nicht der Umstand, daß ich zu den Soldaten wollte. Mich jahrelang verpflichten mußte.
Die Tage, Wochen zuvor hatte Manuela immer zu mir geredet, daß sie mich, wenn ich mit meinem Studium anfinge, in der Stadt besuchen kommen wolle, in der ich in einem Studentenwohnheim ein Zimmer hätte.
Besser wäre jedoch das, ich würde mir eine eigene Zwei-, Dreizimmerwohnung suchen.
Könnte sie, Manuela, das Leben abtesten, das wir, ich und sie, gemeinsam führen würden. Wenn wir beiden eng zusammen in einer Wohnung lebten. Wie das denn dann zwischen uns hinhaute.
Nur, daraus war nichts geworden. Und ich hatte die Schuld.
Das war denn damals. Vor knapp zehn Jahren.
Das hört sich alles eigentlich ganz vernünftig an, was ich tippe, nicht wahr? Oder nicht, Tagebuch?
Nur, heute, liebes Tagebuch, ist hier ein Irrsinn. Irrsinn in Potenz.
Den unglaublichsten Wahnsinn, den SIE in mein Leben gebracht hat. SIE, Manuela!
Total der Wahnsinn. Es ist zum Durchknallen, Ausflippen.
Ich glaube, ich werde irr.
Kein Mensch glaubt mir das, diesen Wahnwitz. Diese wahnwitzige Szene. Wie in einem Horrorfilm.
Es ist nicht zu begreifen.
Manuela, Tagebuch, Manuela, sie, sie ... Sie läuft mir über den Weg. Über den Weg läuft MANUELA mir - und MANUELA ist ...
Das mit der - mit Manuela - das ist zum Abdrehen. Es bringt Druck im Kopf.
Noch dazu ... Noch dazu das: Im Grunde genommen waren Manuela und ich uns in der Gegenwart so was von fern wie von hier aus irgend so ein Berg am Mond oben. Oder eine Wanderdüne am Mars.
Auch wenn Manuela und ich mal ein Jährchen zusammen waren. Auch wenn Manuela und ich mal Liebe gemacht haben. Vor Jahr und Tag.
Bedeutet so etwas für das Heute, die Gegenwart denn irgendwas? Sollte man das auf irgendeine Weise hochhängen?
Und sogar das mit dem Wort Liebe. Das, daß Manuela und ich uns geliebt hätten - das ist relativ.
Ich meine, ich wollte vor allem eine, eine, mit der ich ... Mit der ich ... Und sonst nicht viel. Sonst eigentlich nicht so übermäßig viel. In Wahrheit.
Und das konnte ich mit Manuela. Das konnte ich immer mit Manuela.
Ziemlich fest und regelmäßig konnte ich das mit Manuela.
Manuela und ich, getrieben haben Manuela und ich es während der Zeit damals bei jeder Gelegenheit.
Wie ich das wollte. Manuela war eine Wünscheerfüllerin.
Hier im Haus ist Manuela bei mir am Kinderzimmer herumgehockt. Während ich fürs Abitur gelernt habe. Abgefragt hat Manuela mich.
Bis die Idee zurückkam, Manuela und ich ... Dann habe ich Manuela kurz gewunken, und Manuela ...
Mußte wirklich Manuela nur den Wink geben, war Manuela schon bei mir. Für einen Kuß. Manuela, schnell bereit für mich. Ich konnte an Manuela drankleben. Mich mit Manuela verkabeln.
Mit Manuela auf meinem alten Kinderzimmer gibt es Erinnerungsbilder. Brauche nur zehn Jahr zurückzugehen.
Mit Manuela da auf dem Teppich am Fußboden. Oder Manuela auf mir drauf in dem Einzelbett dort, das auch zur damaligen Zeit genau das gleiche Bett war.
Oder Manuela dort beim Bett niedergekniet, Manuela, den Kopf seitlich gedreht auf dem Bettlaken, und ich hinter Manuela ...
Später ging es wieder weiter mit dem Lernen. Bei mir. Bis mir die Anwandlung zurückkam. Wie es eben der Kreislauf war.
Das muß ich noch dazu schreiben, Tagebuch. Das ist nun wirklich was Spaßiges hier, liebes Tagebuch.
Das, daß ich gelernt habe. Also, ich habe für mein Abi gelernt ...
Erinnere mich, Manuela hat damals am Ende des Schuljahres Zeugnis gekriegt. Manuela das ihre war eins, hörte ich von einer Bekannten aus Manuelas Klasse, in dem die Noten schlecht waren. Äußerst miserabel.
Während ich, ich habe mein Abitur bestanden. Ich hatte mein Abitur bestanden. Und das überhaupt nicht schlecht.
Wobei mir Manuela ziemlich geholfen hat. Während das, daß Manuela mich helfend beim Lernen begleitet hat, Manuela nicht viel genützt hat.
Zu dem Zeitpunkt der Jahreszeugnisübergabe bei Manuela an der Schule war es mit der Liebesgeschichte zwischen mir und Manuela allerdings schon ein paar Tage aus und vorbei.
Manuela, sie hatte sich von mir getrennt.
Obwohl ich das gern gehabt hätte, daß Manuela mir weiter verfügbar geblieben wäre. Gerne hätte ich das weiter mit Manuela gehabt, es mit ihr nach Lust und Laune treiben zu können.
Manuela war die, die nicht wollte. Manuela hatte danach keinen Bedarf, bei mir zu bleiben.
Nur, was soll das alles heute? Was hat das mit dem Heute zu tun?
Ich meine, mein hochverehrtes Tagebuch, daß Manuela und ich ein Paar waren, vor zehn Jahren - was soll das noch heutzutage? Was soll das in der Gegenwart, im Hier und Jetzt?
Deswegen, wie kann mir heutzutage - im Hier und Jetzt - etwas mit Manuela eine Möglichkeit sein?
Wie darf das geschehen, daß Manuela mir vor fünf Tagen nachmittags unter dem herrlichsten blauen Himmel auftaucht?
Ich meine, Tagebuch, wie kann das sein, wenn Manuela ...?
Wie, wenn Manuela doch ...?
Da ist nicht einfach mit klarzukommen, Tagebuch.
Besser gesagt, es gibt für mich überhaupt kein Klarkommen mit dem, Tagebuch.
Ich komme damit nicht klar. Und das ist nichts als die reine Wahrheit.
*
Fünfzehnter Juli, mein Tagebuch. Dich aufgeklickt, Du bist offen.
Später Nachmittag, genaue Uhrzeit: 16:34 Uhr.
Daß ich nicht mehr schlafen kann, das darf nicht so weitergehen.
Ich muß bald mal Mittel finden, wieder schlafen zu können.
Besonders nötig ist das, wenn ich die nächsten Tage regelmäßig zu Mauth aufbreche, zu Mauth in die Arbeit muß.
Dann habe ich Schlaf dringend nötig. Dann ist das mit dem Schlaf für mich unbedingt vonnöten.
Oder ich schaffe den anstrengenden, langen Tag da bei Mauth am Gelände nicht.
Konzentration ist nicht unwichtig, wenn man mich den Gabelstapler fahren läßt. Oder ich einen Transporter anlassen darf.
Ah, liebes Tagebuch! Das ist schon was. Das ist ein bißchen was.
Daß es Worterkennung gibt.
Zum Glück gibt es Worterkennung. Worte werden mir autovervollständigt, Komma, Punkt - wird mir gesetzt.
Sonst, mit zwei zittrigen Patschehändchen auf der Tastatur. Buchstabensalat ...
Gut denn, Tagebuch, darüber möchte ich Dich auch informieren: Mutti ist mir weiter böse.
Wegen dem in der Küche letzte Nacht zur Mitternachtsstunde macht mir Mutti weiterhin Sorgen.
O ja, einiges an Ärger verpaßt mir Mutti deswegen. In meine Richtung sagt Mutti Dinge an.
Trotzdem soll es weitergehen, hier und jetzt, in Dir, mein Tagebuch.
Die Fortsetzung, die folgt auf dem Fuß, was diesen EINEN Sommernachmittag anbetrifft. Sei die Welt für mich wie sie sein will.
Das, daß ich weiter von dem Nachmittag von vor fünf Tagen erzähle, Dir, Tagebuch, möchte ich fortsetzen.
Die Nachmittagsstunden, deren weiteren Verlauf. Als ich Manuela getroffen hatte, Tagebuch. Manuela hatte ich getroffen. Wiedergetroffen.
Eigentlich, mein hochverehrtes Tagebüchlein, kann das nicht möglich sein, daß ich Manuela nachmittags treffe. Ein Ding der Unmöglichkeit, das. Das heißt, wenn Dingen eine normale Grenze gesetzt sind.
Nur, momentan sind wir immer noch ein paar Minuten zu früh dafür dran.
Erst mal bin ich noch weiter dort am oberen Stadtbrunnen mit der Ritterstatue droben am Sockel. Sitze da mit dem Hinterteil auf einer Granitstufe. Höre von hinterrücks Wassergeplätscher, das aber deutlich vorndran.
Es interessiert, daß ich meine Börger fresse. Das Cola-Getränk wird nach und nach von mir ausgetrunken.
Mensch!
Mensch, Mensch!
Zwei Kerle im Teenageralter - so tiefergelegte Jeans an, was ich blickte, weil sie auch mal zusammen herumstanden -, räkelten sich links von mir in der Umgebung herum. Sonnten sich.
Leere Bierdosen hatten die Teens bei sich rumstehen. Eine Eineinhalb-Liter-Cola-Flasche, halb ausgetrunken. Dazu: eine Flasche selbst im Supermarkt nicht billigen Whiskey.
In die Plastikbecher schütteten sie was Whiskey, füllten das mit dem Cola-Gesöff auf.
Nennt sich Whiskey-Cola, das. Während Bier ist Bier. Auch zu nachmittäglicher Stunde. Für welche von der Polizei, wenn sie schlendernd vorüberkommen.
Vielleicht mal gestohlen, die Whiskey-Pulle, fällt mir zu denken ein. Samt dem teuren Preisetikett.
Auch jetzt, mein Tagebuch, hier bei dieser Tipperei mit zugeschaltetem Schreibprogramm, meine Denke.
Daraus ergibt sich jetzt eine klare Szene.
Aber nichts, das einem unheimlich ankäme. Nichts, was einen auch nur im mindesten was an etwas Mysteriöses, Unüberschaubares denken ließe.
Außer, man fände es bereits horrormäßig, daß dem mit der roten Schirmmütze am Kopf auf mein Blick zu ihnen hinüber, den Freunden, reichte. Zuviel schienen meine Augen ihm auszudrücken.
Zu mir her schnarrt der Bursche, ob ich was will. Was will, weil ich so doof rangucke. So oberdoof bei ihm und seinen Kumpel rangucke.
Will ich IHM einen blasen? Oder vielleicht möchte ich was andres? Ein paar abkriegen? Mit der Kralle? Eine nett in die Scheiß-Fresse rein? Daß mir was Einzelstücker meiner Kauer fliegen. Wenn da nicht mein ganzes Gebiß da rausgeflogen kommt.
Nein, nein, Tagebuch. Muß Dich enttäuschen. Da war nichts.
Habe dort von denen keine in die Fresse gekriegt. Nicht einmal.
Zuerst mal, ich habe die Handflächen gehoben, gesagt: 'Friede, Leute! Nur friedlich. Ich will nichts. Überhaupt nichts. Gehe auch jetzt sofort weg. In einer Sekunde bin ich weg.'
Aufgestanden bin ich vom Platz. So mit Butter-Knien, muß ich zugeben. Ob man mir die aber angekannt hat?
Ohne nachhaltigen Kommentar vermeldet zu bekommen, habe ich meinen Müll gegriffen, ihn weggetragen. Weg von ihnen, den beiden mir herstarrenden Kollegen.
Mann, Mann, Tagebuch! Die zwei Burschis, die haben meinen Weg in mein Unglück nicht weiter gestört. Nicht das bißchen. Nichts ist mir mit denen passiert.
Vielleicht wär das aber besser gewesen. Vielleicht wär es besser gewesen, es wäre einige Runden aufregender zugegangen. Zwischen denen und mir. Daß ich mich sogar mit denen geprügelt hätte. Massiv.
Hätte ich mich bei der Prügelei verletzt, angebrochene Nase, Knöchel der Hand, Handgelenk geknackst, aufgeplatzte Lippen ... Ein Tritt für mich ins Kreuz ... Unter Umständen wäre das gesünder für mich gewesen. Wäre das für meine geistige Gesundheit heute besser.
Hätte sich für mich eventuell eine andere Welt ergeben, als die, die mir später, im Verlauf der folgenden Stunden, entstanden ist. Wenn ich die Sanis gebraucht hätte, den Krankenwagen, der mich abtransportiert. Oder die Polizei, Polizei für mich, Polizei, die mich ins Verhör nimmt. Grund: Zwei junge Kerls, unerwartet erkrankt, mußten auf Liegen weggeschafft werden.
O ja! Real wäre das eine andere Welt, die sich für mich ergeben hätte. Weil das, was mir anschließend Wirklichkeit geworden ist, das ist das, was mich fertigmacht.
Das macht mich fertig. Fertig macht mich das. Es ist so was von total verrückt.
Das ist er, der Irrsinn, der über mich gekommen hat.
Stopp! Stopp!
Wir halten das an, Tagebuch!
Pause!
Was für den Horror war der Nachmittag lange nicht. Noch lange nicht.
Vollkommen in Ordnung war ich. Bei allerbester Gesundheit.
Nichts war mit einer Schlägerei und den möglichen Folgen.
Auf den Fortgang der Geschehnisse mit den Stadtbrunnen-Kerlies da habe ich verzichtet, wie die beiden das getan haben. Für niemanden von uns war eine der Möglichkeiten, die sich daraus ergeben hätten.
Nicht für DIE. Ebensowenig für mich.
So in Trauer versetzt hat mich das Ganze nicht. Ja, alles bestens bei mir. Allerbeste Laune bei mir noch dazu. Aufs Gemüt hatte sich nichts bei mir geschlagen, bloß weil ich nicht geschlägert hatte.
Hätte ich die leiseste Ahnung gehabt, daß ich die Chance nutzen hätte sollen, die mir die Jungs dort geboten haben.
Hätte ich das nur gewußt.
*
Tagebuch, Du, wieder von mir aufgeklickt. Für den nächsten Eintrag.
Tag: Immer noch der fünfzehnte Juli, Uhrzeit: 20:48.
Jetzt fängt die ganze Fahrt an, rasanter zu werden, mein Tagebuch.
Jaja!
Langsam aber sicher kommen wir an, bei IHR.
Noch mal, zur Wiederholung: Kein bißchen was, daß ich vor fünf Tagen spinnermäßig unterwegs gewesen wäre. Überreizt war ich auch nicht irgendwie.
Das heißt, reif für die Insel - ich? Oder - war ich reif für die Insel?
Antwort: In keinster Weise.
Nichts für den Psychiater, dem seine Couch?
Antwort: Wie oben.
Warum denn? Wegen der Geschichte mit Helen?
Was hat DAS mit Helen zu tun?
Nein, nein. War niemand, bei dem urplötzlich irgendwelche Sicherungen durchbrannten, daß er Gespenster sehen könnte. Das bin ich mir ganz, ganz sicher.
Wer mir etwas Unübersichtliches, etwa eine böse, schicksalshafte Begegnung prophezeit hätte, den hätte ich einen doofen Miesmacher genannt. Während dieser Momente an dem Nachmittag, als ich dort noch so unbekümmert unterwegs war - jedermann, der mir wegen einer Traurigkeit angekommen wäre, die mit mir zu tun gehabt hätte, dem hätte ich mitgeteilt, derjenige, er solle sich erst mal selber in seinem Leben umschauen, sich um die eigenen Angelegenheiten kümmern. Hätte er bestimmt genug Beschäftigung, sich bei sich selbst um was zu sorgen. Woanders sollte er hinmachen, nicht bei mir sich rumtreiben.
Anders kann ich das hier nicht festhalten, wie es bei mir vor fünf Tagen zugegangen ist.
Tut mir leid, Tagebuch!
Kommen wir hier also ohne weitere Umschweife wieder auf den nachmittäglichen Ablauf der Ereignisse von vor fünf Tagen zurück ...
Auf dem öffentlichen WC dort am oberen Stadtplatz war ich kurz mal. Flüssigkeit drängelte bei mir raus.
Anschließend bin ich auf ein neues planlos drauflosgeschlendert.
Vor dem Schaufenster des Stadtkinos, das im Slang der Leute das Untere heißt, hat mein Spaziergang gestoppt.
'He, gehen wir ins Kino ...?' meinten meine Gedanken zu mir: 'Willst du einen Film?'
Einzig und alleine, die Interessantheit der angepriesenen Kampf- und Kriegsfilme hat mich dann nicht zu sehr in Mitleidenschaft gezogen. Riesig ein Verlangen war das am Schluß nicht, in die Kinovorhalle einzutreten und mir für eines der filmischen Machwerke eine Eintrittskarte zu kaufen.
Zwei Heimatfilme hat es schlußendlich auch noch gegeben. Viel in den Medien die Rede davon. Von beiden. Immer negativer drauf auf der Kritiker-Antenne.
Nachdem ich die Kinoschauwand draußen vorm Unteren der Länge nach unten abgeschritten war, alles genügend im Augenschein genommen hatte, habe ich mich dort weggewandt.
Abrupt, daß ich in der Bewegung innehalten habe müssen. Angesichts des Unerwarteten, das mir in einem Meter Entferung voraus gegenüberstand.
SIE!
SIE war da!
SIE war da bei mir.
Wegen IHR, daß ich ruckartig zum Stehen gekommen war.
SIE, die ich kannte.
Auf der Stelle kannte ich SIE. Jetzt kannte ich SIE plötzlich.
Stell dir das vor, liebes Tagebuch: Quasi zweimal, daß ich das heute in der Erinnerung habe, daß ich SIE schon zuvor gesehen habe. Ohne SIE allerdings irgendwie großartig zu kennen. Beziehungsweise zu erkennen.
Aber, dort, in dem Augenblick - unverzüglich, daß ich SIE kenne.
IHREN Namen hatte ich auch im Kopf parat. Habe ihn gewußt. Gewußt, daß SIE Manuela heißt. Ihr Name: Manuela.
Sie war das, Manuela. Meine Freundin von früher: Manuela.
Ewig her, daß sie meine Freundin war. Zehn Jahre.
Zwar ein bißchen älter, Manuela, heute. Jedoch auch nicht soviel, daß sie deswegen nichts hergemacht hätte.
Das war Manuela. Manuela hatte ich dort vor mir. Manuela, die sich mir dort gegenüber auf ihren nackten, bleichen Beinen breitbeinig aufgestellt hatte. Wie eine Art Cowgirl im Western, bloß ohne die Revolver links und rechts.
Manuela, die mir breit eins hergrinste. Als freue Manuela sich ziemlich, mich zu sehen.
Mensch, Mann!
Mensch, Mann, Tagebuch, darf DIE das? Wie und weshalb darf DIE das?
Warum?
Warum kann DIE das?
Sich so frontal mir gegenüber aufbauen - warum kann DIE das?
Warum kann DIE das, wenn sie ...?
Wenn DIE doch ... - wie hat das hin?
Wenn SIE doch ...
Deshalb drehe ich voll am Rad hier.
*
Sechzehnter Juli, Tagebuch.
Halb zwei Uhr am Nachmittag haben wir. Genaue Uhrzeit: 14:35 Uhr.
Wahnsinn!
Alles der Wahnsinn hier!
Bin wieder daheim.
Voll darf ich froh sein, lebend wieder daheim angekommen zu sein.
Trotz meines miserablen Zustand, der von zu wenig Schlaf herrührt.
An allem hat die Schlaflosigkeit schuld. An allem.
Mannomann, wenn ich mir alles genau, so haarscharf überlege - ich könnte tot sein. Ich könnte tot sein.
Ich könnte tatsächlich tot sein.
Mausetot. Einer, für den Sarg.
Es hat nicht viel gefehlt. Nicht viel.
Weiß überhaupt nicht, welches winzige Stück abging, daß ich nicht den Abflug ins Totenreich gemacht habe.
Das war nämlich, Reifestufe eins für das nächste Begräbnis, mit mir drinnen im Holzsarg, das, was abgelaufen ist.
Und - ob es nicht, weil ich haarscharf mit dem Leben davongekommen bin, weiterhin unter den Lebenden weile, noch Folgen für mich hat?
Denn ...
Ich bin nicht zur Polizei Tagebuch.
Am Schluß bleibt, daß ich nicht zur Polizei bin, obwohl ich zur Polizei sollte.
Ich bin damit nicht zur Polizei. Ich bin damit nicht zur Polizei.
Nicht mit dem leisesten Wort habe ich mich bei der Polizei gemeldet.
Im weitesten Sinne nennt sich das, was ich gemacht habe, bestimmt Fahrerflucht.
Nein, Tage, es nennt sich nicht im weitesten Sinne so - es ist Fahrerflucht. Ich habe Fahrerflucht begangen.
Na, mein liebes Tagebuch, Du steigst nicht ganz durch, was?
Erst mal sollte ich Dinge für Dich aufhellen. Bloß, weil ich Dir hier was im ungefähren andeute, heißt das nicht, daß Du irgendwas von dem verstehst, was ich in Dir tippe.
Dann mal: alles auf Anfang hier. Gehen wir zunächst mal zurück in die Morgenstunden des heutigen Tages.
Als erstes einmal betrachten wir uns das, was da am Morgen bei mir los war.
Beginne ich in Dir, Tagebuch, mit der großen Eröffnungsszene des heutigen Tages ...
Um halb sieben Uhr herum ist mein Vati zu mir ins Zimmer gestürmt gekommen.
Wild hat Vati ausgesehen, mein Vati bereits in seinem Blaumann für die Arbeit.
Angeschrien hat Vati mich. Zu mir am Drehstuhl heruntergeschrien, was ich mir erlaube. Daß ich mir das erlaube, Mutti zu beleidigen. Daß ich es wage, beleidigende Worte zu Mutti zu sagen, daß man es nicht glaubt. Wenn ich mich nicht augenblicklich bei Mutti entschuldige, könnte ich erleben, daß ich rausfliege aus dem Haus. Heute noch. Dann könnte ich wieder rauffahren, in meine große Universitätsstadt. Hätte dort im Wohnheim auch ein Zimmer, in dem ich wohnen könnte.
Das war das eine, auf das zwischen Helen und mir kommt Vati zu sprechen. Das mit Helen spricht Vati an, Helen, die, die ich heiraten hätte wollen.
Nicht nur Mutti, auch er, mein Vati, würde das gerne noch mal irgendwann genauer wissen, von mir, warum Helen und ich kein Paar mehr wären. Würde ihn ebenfalls brennend interessieren. Gerne würde er, Vati, noch ein paar Kleinigkeiten mehr von mir hören, was das war, das zwischen Helen und mir, damit er sich besser in der Angelegenheit auskennen würde.
Eh, Tagebuch, schlecht gelaufen. Ich hätte mich gestern nicht noch mal mit Mutti streiten sollen. Gestern, gegen halb zwölf nachts, wieder in der Küche.
Vati war schon im Bett. Haben Mutti und ich uns in der Küche getroffen.
Ein Glück, das mit den etwas dickeren Hauswänden ...
Bloß, Mutti - Mutti hat Vati heute in der Früh ein klein wenig was von meiner Auseinandersetzung mit ihr erzählt.
Das hatte gereicht, Vati ziemlich aufzuregen.
So kann es kommen, wenn sich Sachen wiederholen. So geht das zu.
Hätte Mutti nicht am Arm anpacken sollen, Mutti zu mir herreißen, Mutti anplärren, daß Mutti sich um ihre eigenen Sachen kümmern sollte. Die meinen hätten sie nicht zu interessieren.
So was sollte ich bei Mutti einfach nicht machen, Mutti auch nicht gröber anfassen.
Das mindeste, sagt Vati, was er, Vati, von mir erwarte, wäre eine Entschuldigung von mir bei Mutti. Entschuldigen sollte ich mich bei Mutti. Bis er gegen halb fünf von der Arbeit zurückkäme, hätte ich die Zeit, mich bei Mutti zu entschuldigen und mich mit Mutti auszusprechen.
Dann blieb Vati für weitere Schreierei und hocherregtes Gesabbel keine Zeit mehr. Wenn er pünktlich an seinem Arbeitsplatz erscheinen wollte, mußte Vati abdrehen, bei mir aus dem Kinderzimmer ausmarschieren.
Hat Vati ja auch ganz genau gemacht. Hinter sich hat Vati die Zimmertüre heftig ins Schloß geschleudert.
Mensch, Tagebuch, war das eine Aufregung. Habe minutenlang richtig gezittert.
Jedoch, Vati, er ist nicht zu mir herein zurückgekommen. Obwohl ich irgendwie erwartete, daß Vati das noch mal machen würde.
Als das einhundertprozentig sicher sein mußte, daß mein Vater dem heimatlichen Wohnhaus entschwunden war, habe ich mich auf die Wackelpuddingbeine gestellt. Zugeschaut habe ich, zu Mutti in die Küche hinunterzukommen.
Mußte dafür sorgen, daß Mutti mit mir spricht.
Sprachlos ist Mutti mir gegenüber in der Küchenwelt auch nicht geblieben. Zuvorderst, weil ich mich bei Mutti entschuldigt habe. Auf der Wiederholungsschiene.
'Entschuldigung! Entschuldigung, Mutti! Ich weiß nicht, was da über mich gekommen ist. Wie mir das einfallen hat können ... Entschuldigung, Entschuldigung.'
Unmißverständlich hat Mutti mir das anschließend auseinandergesetzt, daß sie mir nichts mehr zum Essen hinzustellen gedenkt. Nichts zum Frühstück, nichts zu Mittag; am Abend würde ich auch nichts mehr von dem bekommen, was sie, Mutti, in der Küche verfertigt.
Erst wieder, wenn sie wirklich alles bis ins allerkleinste Detail wüßte, wie das zwischen mir und Helen zugegangen war. Erst dann würde sich wieder etwas für mich ändern. Aber auch nur vielleicht. Eher wahrscheinlich nicht. Weil ich so eine gemeiner Mensch wäre. Ich, ihr Sohn, wäre so etwas von gemein.
Tja, selber zumindest, daß ich mir den Kaffee aufbrühen durfte, währenddessen Mutti am Küchentisch gesessen ist.
Mir zugehorcht und mich beobachtet hat Mutti.
Dreck war das, was ich zu reden hatte. Ich, voll auf der Endlosschleife, HelenGmbH&CoKG.
Wenigstens, daß ich das geschafft habe, ruhig zu bleiben. Kein größerer Wutanfall von mir, diesesmal. Kaum was in der Art.
Geplappert und geplappert hab' ich. Hergequasselt habe ich Mutti. Mutti das im Ausdruck verständlich mehrmals wiederholt, daß Helen zum Islam übergetreten ist. Daß Helen mich damit letztes Jahr im Dezember überrascht hat. Nachdem ich ihr zuvor den Verlobungsring auf den Finger geschoben hatte, hat es Kopftuch bei Helen gegeben. Nicht als Modeaccessoire, sondern im Sinne des Korans. Voll die Verwandlung bei Helen. Als hätte Helen nur auf den Moment gewartet, aus ihrem Kokon rauszuschlüpfen.
Blöde für mich. Ganz idiotisch, daß ich die Monate zuvor nichts von den Sachen bei Helen mitbekommen habe. Nicht viel von dem, was mit Helen wirklich los war. Was sich in Echt bei Helen abspielte. Hat eben viel im Koran geblättert und gelesen, Helen. Hauptsächlich in Bücher über den Islam hineingeschaut. Das gleiche hatte Helen aber auch schon bei der Bibel gemacht. In buddhistischen Werken und ähnlichem. Sämtliche Weltreligionen, die Helen durch hatte.
Das wäre tatsächlich nichts Ungewöhnliches gewesen, daß Helen religiöse Schriften in der Hand hatte. Sogar über einen längeren Zeitraum. Von einer einzigen Religion. War es zu der Zeit eben viel der Koran. Nichts Großartiges, das mir dazu eingefallen wäre.
Daß Helen mir damit eine solche Überraschung bereiten könnte, nach unserer beider Verlobung, darauf wäre ich im Vorlauf nicht gekommen. Ich, Muttis Sohn, voll das Doofie, einfach würdig des Preises. Weil ich nichts blicke. Nichts eingecheckt gekriegt habe. Obwohl es sicher Momente gegeben hat, da hätte ich vielleicht doch genauer bei Helen nachfragen sollen, besser auf so Tonfälle bei Helen achtgeben.
Das war das Lied, Tagebuch. Das habe ich bei Mutti gesungen.
Die Skepsis, mir gegenüber, die wollte dem Blick meiner Mutter trotzdem einfach nicht weichen.
Die cholerischen Anfälle, Ausbrüche, die ich zuvor bei Mutti vorgezeigt hatte, haben, hatten mir zu nichts Gutem verholfen. Vielmehr haben meine aggressiven Zustände Muttis Eindruck verstärkt. Mutti, die von mir denkt, ich hätte irgendwas mit Helen angestellt. Etwas, was ich niemandem sagen wollen würde. Weil es auch was Unsägliches wäre, überlegt man sich das genau. Darüber, daß ich mich am liebsten ausschweige. Niemand, der Bescheid wissen sollte.
Ach, mir war das Ganze schließlich egal. So was von egal. Piepegal.
Hatte dann andres vor. Als für die Ewigkeit bei Mutti rumzuquaken und vielleicht irgendwann doch wieder loszukreischen und Mutti dabei herzuschütteln, verlor ich vollends den Überblick über mein Tun.
Eineinhalb Kannen tiefschwarzen, starken Kaffees habe ich während meiner wortreichen, sinnlosen Monologe bei Mutti in der Küche gesoffen. Dachte, das Quantum müßte reichen, für genügend Wachheit, geistige Frische sorgen.
Gegen zehn Uhr am Vormittag bin ich dann außer Haus. In mein schönes Auto gestiegen. Habe den Motor gestartet. Um in die Stadt zu fahren.
Ein paar Kleinigkeiten mußten von mir erledigt werden, daran führte kein Weg vorbei. Der Meinung war ich wenigstens.
Auf die Autobahn habe ich gelenkt.
Keine besonders gute Wahl von mir.
Beim Geradeauslenken auf der rechten Spur, bei so Tempo einhundertundzwanzig - Sekundenschlaf. Voll der Sekundenschlaf.
Etwas ruckte, bockte - trotzdem, ich war nicht sofort wieder bewußt im Wageninnern zurück.
Aber dann, dann habe ich doch die Augen aufgerissen. Die Augen weit, weit aufgerissen.
War das ein Schrecken!
Das habe ich mitbekommen dürfen, daß mir mein teures Automobil die Leitplanke längs streifte, dran anbockte, das nächstemal gegenbumste.
Nach links habe ich das Lenkrad gerissen. Endlich.
Vollkommen, das Glücksmoment, daß in diesen Sekunden keiner bei mir linker Seite - rechte Spur, auf der Autobahn, verstehst Du, Tagebuch? - am Überholen war.
Glücklicherweise, daß ich das Momentum verfehlt habe, daß einer, eine bei mir reinfuhr. Eigentlich weiß ich nicht, warum.
Das waren die echten Glückszwinkerer des heutigen Tages!
Sekunden reinsten Glücks. So was von einem Glück. Es ist kaum auszudrücken.
Ich muß mir außerdem bloß vorstellen, ich hätte mit meinem Auto die langgezogene Autobahnleitplanke nach rechts auch durchbrechen können. Irgendwie.
Mit den vier Rädern und bei ausreichend hoher Geschwindigkeit mitten rein in die Gartenanlage.
Stauden, Gebüsch, Bäume jenseits. Wenn die Reise da hingegangen wäre, ungebremst.
Abheben hätte ich mit meinem Fahrzeug ebenfalls mal können. Irgendwo draufkommen, daß der Spaß wie eine Rampe funktionierte. In der Folge, mit mir innen drinnen in der Kiste, das, was man einen Überschlag nennt. Auch gerne öfters, daß so was einem passieren konnte.
Mann, Tagebuch!
Mannomann!
Daß ich nicht den Transit gemacht habe? Die Abreise himmelwärts zu den Sternen?
Nicht zu fassen, das.
He, immer noch haben Vati, Mutti Pause, muß keiner für mich einen Bestatter bestellen ... Kein Begräbnis, das ausgerichtet wird, mit mir im Sarg drinnen.
Ein andres Problem, Tagebuch ...
Welchen Schaden habe ich an den Autobahnleitplankenstücken verursacht?
Kleinere, größere Dellen könnte es gegeben haben.
Der Einschlag zum Beispiel, der mich im Innern von meinem Wagen wieder zu mir gebracht hat, war heftig.
Mensch, mein Tagebuch!
Mensch, Mensch!
Kann gut die Möglichkeit sein, daß sich jemand meine Autonummer gemerkt hat. Oder ein Beifahrer hat sich die für einen Anruf bei der Polizei notiert. Irgendwer, Tagebuch, hat immer die Hände frei, um sich mit den Fingern schnell irgendwas zum Schreiben zu greifen. So kompliziert ist mein Autokennzeichen jedenfalls nicht. Daß man es sich nicht eine Zeitlang im Kopf behalten kann. Bis er, sie die Buchstaben, Zahlen eingetippt hat. Für den Telefonspeicher. Oder als neue, ungesendete Nachricht abgespeichert, die Kombination aus Buchstaben, Zahlen. Mein Kfz-Zeichen.
Eine sehr gute - eine hohe - Wahrscheinlichkeit bedeutet das, ist das Obige der Fall, daß ich angezeigt werden kann.
Daß jemand mich anzeigt.
Hm, bis jetzt hat zwar niemand von der Polizei bei mir hier im Haus meiner Eltern angerufen.
Trotzdem, hochverehrtes Tagebuch, trotzdem ...
Soll ich nicht selber bei der Polizei anrufen, solange noch alles still ist?
Jetzt auf der Stelle?
Wäre das nicht das Beste für mich?
Was meinst Du, liebes Tagebuch, sollte ich nicht?
Wenn die Polizei erst unten beim Haus meiner Eltern an der Haustür steht. Weil SIE Einsatz haben, die Beamten.
Angekommen sind, mir ein paar kurze Fragen zu stellen. Nachdem SIE einen Hinweis erhalten haben.
Und ich, ich war nicht derjenige, der sich gemeldet hat ...
Dann ist es zu spät.
Schon ziemlich nachteilig.
Weil ich nicht selber ... Nicht ich der war, der ...
Nicht ich, der SIE, die von der Behörde, über Sachen informiert hat. Zum Beispiel darüber, daß ich, mit meinem Auto auf der Autobahn ... Kurz weggenickt - Sekundenschlaf ...
Nicht ich war das, der sich mitteilte. Sondern es wurde mitgeteilt.
War in die Stadt weitergefahren, Tagebuch.
Eine Weilchen bin ich dort bei KaufDoch auf dem erstbesten Supermarktparkplatz im Abseits nur im Auto gesessen, das Seitenfenster heruntergelassen, den Kopf hinten auf die Nackenstütze gelegt.
Das Hin und Her der Gedanken, wegen dem, was mir auf der Autobahn passieren hätte können. Und des weiteren dieser Dreh: Sofort zur Polizei fahren? Nicht die Polizei?
Ohne zu einem Ergebnis zu kommen.
Na ja ...
Konnte mich am Parkplatz des Supermarkts zu nichts entschließen, Tagebuch. Zu nichts.
Zu überhaupt nichts habe ich mich entschlossen.
Das heißt, es hat schon Entschlüsse gegeben. Ich war gewissermaßen doch entschlußfreudig. Das habe ich nämlich gemacht, wozu ich von daheim stadtwärts abgereist war.
Zunächst mal war ich in der Videothek, habe die von mir nicht einmal angeschauten, entliehenen Filme zurückgegeben.
Im Anschluß daran war ich im Mezzolatte, dem Café, für Fragen.
Eine Zeitungsannonce habe ich aufgegeben.
Damit hat es mir für den ganzen Tag überallhin gereicht. Bis zum Rand. Nur in die nächste Apotheke bin ich schnell noch weitergelatscht, mir Schlaftabletten zu besorgen.
Schlaftabletten, fand ich, die bräuchte ich unbedingt. Ohne Schlaftabletten bräuchte ich nicht heimzufahren.
Der Weißkittel in der Stadtapotheke da mir gegenüber hat die Tablettenschachtel vor sich auf die Glastischfläche hingelegt, mich mit scharfem Blick angeguckt und mich geradeheraus danach gefragt, ob ich mir mit den Schlaftabletten etwas antun möchte.
Habe ich dem denn schlagfertig die Gegenfrage gestellt, ob ich so aussehen würde.
Seltsam hergeguckt hat der Weißkittelmensch zu mir.
Die Schlaftablettenschachtel habe ich dennoch von ihm in die kleine Plastiktüte mit Apotheken-Logo hineingepackt gekriegt, eine Packung Papiertaschentücher dazu.
Den Fünfzigerschein hat der Mann mir abgenommen, mir mehrere Scheinchen und Münzgeld zurückgegeben.
Kurz drauf war ich mit Ladentürgeklingel bei dem Herrn draußen. Entfernte mich außerhalb seiner Apothekenwelt von ihm. Mit der Packung Schlaftabletten im Gepäck. Tabletten, mit denen Selbstmord eine Idee war.
Im Autoinnern habe ich augenblicklich den Beipackzettel gelesen.
Aus dem kleinbedruckten Schrieb wollte ich allerdings nicht klug werden.
Darf ich denn das nun überhaupt, ein klitzekleines Stückchen von einer dieser Tabletten schlucken? Oder darf ich das nicht?
Vor einer Minute hier wieder herausgeholt aus der kleinen Pappschachtel, den Zettel, Tagebuch. Draufgeschaut und Zeilen gelesen.
Es ist, zurück auf meinem Zimmer im Wohnhaus meiner Eltern, nicht besser geworden mit meinem Verständnis, was die Schlaftabletten angeht.
Wie es ausschaut, läßt man das mit diesen Tabletten am besten ganz weg.
Streicht es bei sich aus dem Bewußtsein, eine einzige zu schlucken. Entscheidet sich für das Museum. Daß man die Schlaftablettenpackung für das Museum daheim gekauft hat.
Mann, so schlimm, wie ich drauf bin, geht das aber nicht.
Ich brauche Schlaf.
Für eine Mütze Schlaf muß ich was unternehmen.
Um Schlafen zu können, muß das dann schon eine ausreichende Dosis sein für mich.
Eine Viertel-Tablette reicht da wohl kaum hin. Auch eine halbe nicht.
Oder?
Besser wäre eine ganze.
Oder werfe ich zwei Tabletten ein?
Drei, vier, fünf ...?
Hm, umpf?
Gewohnt bin ich die Wirkung nicht.
Nehme ich drei, vier, fünf auf einmal ...
Frage: Ab wann hat die Apothekentype recht, und das mit dem Selbstmordversuch fängt an?
Ab wie vielen Schlaftabletten wird das mit dem Tran tödlich? Entfaltet sich eine Wirkung, daß ...?
Nun ja, wie es aussieht, liebes Tagebuch, muß ich es auf den Versuch ankommen lassen.
Das Wasserglas, das steht jedenfalls für den ersten Selbstversuch neben der Tasta am Tisch bereit.
Scheißdreck-Schlaftabletten!
Wenn ich aber sonst nichts mit Schlafen bringe - müssen es Schlaftabletten sein.
Es muß auf alle Fälle etwas passieren, für den Schlaf.
Und wenn es Tablettenmäßiges sein muß, muß es das eben sein. Nebenwirkungen hin oder her.
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