"Das digitale Tagebuch" (03.07. - 17.07.) No. 2
14. Juli, Tagebuch.
Es ist mitten in der Nacht. 03:16 Uhr.
Dich, mein Tagebuch, Dich hatte ich wieder ganz vergessen.
Verdammt, jetzt mußte ich Dich aber aufklicken. Um in Dir zu schreiben.
Weil - es ist etwas passiert.
Was ganz Komisches ist passiert. Ganz, ganz komisch.
Ich weiß nicht, was ich damit machen soll. Mit dem, was sich bei mir, mit mir abgespielt hat.
Was sich ereignet hat. Dieses Ereignis, Vorkommnis, wie immer man es nennen möchte ...
Drei Uhr nachts ist jetzt vorbei.
Zu Bett war ich gegangen. Vor halb zwölf.
Fest entschlossen war ich, endlich wieder eine Runde zu schlafen.
Statt ruhig liegenzubleiben, habe ich mich aber nur im Bett herumgewälzt. Stundenlang mich gewälzt, bis jetzt.
Geschwitzt und mich rumgewälzt.
Wie gestern. Vorgestern. Vorvorgestern.
Gut, wenn ich nicht einschlafen kann, dann kann ich gut auch aufstehen.
Erst war ich am Klo. Anschließend habe ich leise im Bad kalt geduscht.
Aus dem Badezimmer zurück, habe ich mich vor den Monitor hier gehockt. Den Kippschalter für den Stromfluß umgelegt ...
Das Gerät eingeschaltet.
Alles ist hochgefahren.
Wenn das so weitergeht, das mit mir, mein liebes Tagebuch, muß ich mir Schlaftabletten kaufen. Muß ich mir jetzt bald Schlaftabletten kaufen.
Welche davon einzuwerfen, daß ich die Nachtstunden wieder mal ein bißchen was durchschlafen kann.
Ein Bringer ist das mit meiner Schlaflosigkeit nämlich nicht.
In Ordnung, im Moment kann ich mir das mit dem wenig Schlaf noch erlauben. Sollte ich jedoch die nächsten Tage mit meiner Ferienarbeit anfangen ...
Das kann jetzt täglich sein, daß ich angerufen werde. Die von Mauth mir mitteilen, daß sie mich sofort brauchen.
Dann heißt das für mich, früh am Morgen aufstehen. Fit und wach sein.
Dort, auf dem Firmengelände von Mauth anzukommen, stundenlang auf Arbeit abgeschlafft, übermüdet zu sein - nein, das kann ich mir nicht erlauben. Das geht nicht. Kann ich mir nicht leisten. Ist doch klasse, daß ich jede Semesterferien bei Mauth arbeiten darf.
Was denn bei mir los ist, werde ich von Dir, mein Tagebuch, gefragt.
Na, das!
Das, was mir vor vier Tagen am zehnten Juli passiert ist.
Die Kleinigkeiten, die ich vor vier Tagen bewußt wahrgenommen habe.
Oder, von denen ich denke, ich hätte sie vor vier Tagen bewußt wahrgenommen.
Seitdem das am Nachmittag - und als Folge davon das am Abend bis in die Nacht - war, ist meine Welt eine andere.
O ja, am zehnten war es!
Vier Tage schon wieder, daß das her ist. Das, was einen Faktor hat.
Einen Faktor hoch zehn hat das. Einen, der fertigmacht. Voll werde ich davon fertiggemacht.
Jetzt bist Du von mir geöffnet, Tagebuch.
In allen Einzelheiten, verehrtes Tagebuch, will ich in Dir festhalten, was das war. Das vor vier Tagen.
Wie ich die Dinge gesehen habe. Oder glaube, sie gesehen zu haben.
In Ordnung, fange ich damit an, was als erstes war.
Zunächst mal war das für mich ein ganz gewöhnlicher Wochentag. Stinknormal, der Morgen. Alles wie immer.
Um halb neun Uhr, daß ich aufgestanden bin.
Nachdem ich aus dem Badezimmer raus war, habe ich meiner Mutti beim Staubsaugen und -wischen im Haus geholfen.
Einmal die Woche ist das bei Mutti fällig, daß es im Haus Hausarbeit gibt. Bei der jeder mithelfen darf, wenn er da ist. Und warum sollte ich nicht helfen wollen?
Bis halb zwölf rum war das. Danach war: Mittagessen.
Nach meinem mittäglichen Mahl bin ich gegen dreizehn Uhr zu mir ins Zimmer hoch.
Habe meine Vinylplattensammlung überblickt.
Drei Schallplatten - Scheiben von Charlie Parker, Miles Davies und Ornette Coleman - hatte ich mit runter mitgebracht. Aus meiner großen Universitätsstadt droben. Fürs Anhören an erster Position, die Platten.
Zwar bloß Neupressungen von Originalen. Trotzdem, die Vinylplatten zu billig auf dem Flohmarkt von mir eingekauft.
Als ob Leute den Wert von Dingen nicht kennen würden. Sie den nicht zu schätzen wissen.
Beim Musikhören - Miles Davies, Bitches brew - ist es mir gegen halb zwei eingefallen, daß ich mal wieder rauskommen müßte aus dem Haus.
Die Stubenhockerei der vergangenen Tage. Nur den Rechner an, Konsolespiele spielen, lesen, was Vinylscheiben auflegen, mir es selbst besorgen, die gute, alte Handarbeit ...
Daß mir nicht schon längst die Decke auf den Kopf gefallen war? Ich mußte mal wieder raus. Raus aus dem Trott.
Zuerst habe ich daran gedacht, an den Weiher zu fahren. Einen der Weiher der Umgebung.
Oder mal ins Freibad. Ein neues Spaßbad sollte es geben.
Die Unternehmung mit der Freibad- beziehungsweise Weiherfahrerei, die habe ich schließlich gestrichen. Obwohl das Wetter wieder heißer geworden war.
Dachte mir, in der Stadt könnte ich ein paar alte Freunde, Bekannte treffen. Danach weitersehen.
Das war denn meine Überlegung.
Außerdem war es für mich eine unproblematische Geschichte, entlobt und frei von Helen, wie ich war, mich in ein Stadtcafé zu setzen, einen Eisbecher zu löffeln. Sollte mir dabei eine Schönheit ins Auge fallen - konnte es möglich sein, daß sie sich von mir in ein Gespräch verwickeln ließ. Auch für ein paar Meter mehr.
Ob blond, ob rot-, schwarzhaarig, eigentlich total egal. Hauptsache, sie redete ein paar Worte. Und sie gefiel mir weiter, nachdem sie den Mund aufgemacht hatte.
Das war also das, an was ich gedacht habe. Ungefähr. Während ich Bitches brew gehört habe.
Was war erst mal alles genau, Tagebuch, nach meiner Abfahrt im Auto von daheim?
Zunächst eine gut zwanzig Minuten dauernde Autofahrt. Wegen eines nervigen Staus bei der Autobahnabfahrt in die Stadt hinein.
Suche in der Innenstadt nach einem Parkplatz.
Meinen Wagen habe ich vor einer Videothek geparkt.
War auch nicht schlecht. Ein bißchen was mehr Futter für die neue, aus der Universitätsstadt mitgebrachte Spielekonsole zum Einlegen und Spielespielen drinnen zu besorgen. Zu den verschiedenen Filmen dazu, die ich im Kopf hatte, die ich ausleihen hätte können. Alt, neu.
Mannomann, nun stelle man sich das mal vor ...
Eben war ich in das Medienverleihgeschäft hineingegangen, habe die Metalltüre zugezogen, hatte das Ladentürklingeln in den Ohren ...
Dabei überschaue ich per flüchtigen Rundblick die Straße, den Gehsteig gegenüber - da erblicke ich eine weibliche Gestalt, die dasteht, nach mir hin herüberblickt.
Der Moment einer Flüchtigkeit, wirklich wahr. Weil ich nicht in der Bewegung innehielt. Herum habe ich mich gewandt, dem Innern des Ladengeschäfts zu. Ohne großartig irgendwelche Einfälle zu bekommen, ich könnte anderes unternehmen. Bloß, weil ich für ein Sekündchen eine Frauensperson gesehen habe.
Eine, die am Trottoir jenseits der Straße stehengeblieben war. Sich im kurzen, schwarzen Rock auf ihren nackten Beinen aufgestellt hatte, zu mir herzublicken, mir beim Hineingehen in das Geschäft zuzuschauen.
Nein, nichts ist mir in den Sinn gekommen, verehrtes Tagebuch. Nicht das geringste.
War das dort nun schon überhaupt SIE? Tatsächlich SIE, die zu mir herangaffte?
SIE, das erstemal?
SIE, die mit ernster Miene von der Straßenseite gegenüber zu mir hinguckt?
Oder war SIE es doch nicht? Sondern irgendeine andere?
Die mit IHR eine gewisse Ähnlichkeit hatte. Daß ich mir das einbilde - heute einbilde -, SIE wäre das da bereits gewesen.
SIE ...! SIE ...!
So ein klitzekleines Momentchen - SIE! SIE schon!
Oder nicht?
Dann hatte ich die metallene Eingangstüre in die Videothek hinein zugezogen. Den blondhaarigen Menschen im Hawaii-Hemd mit dem gelben Grundton hinter der Ladenkasse habe ich mit einem lauten 'Hallo' gegrüßt.
Die ersten Konsolenspiele waren links von mir an einem Drehdings ...
Ist es denn die Möglichkeit?
Kann wirklich gut sein, Tagebuch, daß ich mir das erst heute einbilde, ich hätte SIE da gesehen. SIE, die dort auf der gegenüberliegenden Straßenseite rumstand. Bereits für mich bereit.
Mir zugewandt, daß SIE für mich dastand.
Ohne daß ich mir deswegen irgendwas Größeres dachte. Mit nichts, daß ich da drauf eingegangen wäre.
Kein Funken einer Erinnerung, eines Erkennens meinerseits, nichts. Nicht in dem Moment.
Aaahhh!
Hilfe!
*
Den vierzehnten Juli haben wir, Tagebuch.
Jetzt halb acht Uhr am Morgen.
Habe mich hingelegt gehabt. Angezogen. T-Shirt, Jogginghose ...
Mich im Dunkeln aufs Bett zu legen. Das war und ist keine gute Idee.
Das Herz hat mir erst recht zu rasen angefangen. Als es um mich her finster war.
Schrecklich, daß mir mein Herz gerast hat.
Würde sagen, was mit mir los war, ist, das nennt sich, spricht man's an, laut aus, liebes Tagesbuch: 'Schiß in der Hose.'
Mein Freund, er hat total die Hosen voll. Und zwar gestrichen.
Dünnschiß.
Ich liege da auf der Bettstatt, das Herz hat einen Schlag drauf.
Knapp für einen Infarkt.
Öfters, die letzten paar Tage, daß ich so was hatte.
Aufsetzen mußte ich mich, mir links die Herzgegend halten. Als ob das eine Hilfe wäre, wenn ...
Wenn ich einen Herzschlag kriege, kriege ich ihn.
Auch in meinem Alter.
Eigentlich kann es das nicht sein. Das will ich nicht, an einem Herzinfarkt sterben.
Sobald ich das Nachttischlampenlicht aber wieder angehen lasse ...
O ja, im Schein elektrischen Lichts werde ich sofort ein klein wenig ruhiger.
Aber nur ein wenig.
Weil alles nichts hilft, verehrtes Tagebuch, will, muß ich in Dir schreiben. Damit fortfahren, die Dinge, die ich erlebt habe, in Dir zu reflektieren.
In die Stadt war ich vor vier Tagen am zehnten Juli gefahren ...
Ich war dort als erstes in der Videothek. In die Videothek war ich also hineingegangen. Befand mich in der Videothek.
Ein Konsolenspiel habe ich mir dann nicht ausgesucht.
Die meisten Spiele in dem Ladengeschäft da waren Ballerspiele.
Zwar hatte ich nichts gegen Ballerspiele. Aber - ein, zwei mir auszuleihen, dazu hatte ich dann, während den Momenten dort, keine Lust.
Habe mir die Filmwerbeplakate beguckt, die aufgereihten Plastikhüllen mit den ausleihbaren filmischen Werken.
Auf mehreren Monitoren liefen Spielfilme, der Ton ausgeschaltet.
Gemütlich habe ich herumgeguckt.
War auch in der Hälfte der Pornographie-Abteilung.
Zum flüchtigen Schauen, sonst für nichts.
Den Rundgang beendete ich mit der Visite an der Kasse der Videothek, beim Hawaiihemdtypen.
Schließlich waren es Friedhof der Kuscheltiere, Spiel mir das Lied vom Tod und Psycho, das Original, Regie: Alfred Hitchcock, für eine Woche von mir ausgeliehen.
Alles uraltes Zeug. Im Grunde genommen.
Beim Hinausgehen aus dem Geschäftsunternehmen, einem städtischen Videothekbetrieb, habe ich mich gefragt, ob ich das ernst meine. Für Filmgeschichte hätte ich auch in die öffentliche Bibliothek marschieren können. Gucken, was ich da Nettes fände.
So was Altes, wie ich es mir in der Videothek abholte, hätte ich dort auf alle Fälle gefunden.
Die filmischen Uraltwerke mir aus der Stadtbibliothek zu holen, das wäre mir gewiß billiger gekommen. Statt mit meinem Geld die Videothek-Mitarbeiter zu sponsorn. Obwohl ich gerade im Augenblick nicht wußte, wo mein Bibliotheksausweis war. Im Geldbeutel hatte ich den Ausweis irgendwie nicht.
Als ich aus der Videothek rausging, war meine Laune bestens. Eigentlich allerbestens.
Die Sonne schien. Nicht das kleinste Wölkchen drohte am strahlend blauen Himmel.
Die Welt, während diesen Sekunden für mich ausgezeichnet.
Nie und nimmer wäre mir eine Idee gekommen, daß irgendwas mich bedrohen könnte. Nirgends in mir eine Ahnung, daß ein Absturz mir bevorstand. Aus höheren Sphären in die Tiefe. Mit Aufprall.
Rein gar nichts, das mich auf irgendwas vorbereitete. Einhundertpro, nicht auf das, was später war. Bei mir war.
Kein Mensch am Trottoir weit und breit, der mir bekannt vorgekommen wäre. Nichts und niemand, der beabsichtigt hätte, sich mir vor die Füße zu stellen. Um sich mir gegenüber aufzubauen. Für eine Ansprache in meine Richtung. Ob nun weiblich oder männlich, die Person.
Echt wahr, die Lippen gespitzt, pfiff ich im Stehen melodiös ein paar Takte eines Liedchens. Yesterday von den Beatles.
Hatte ich mir daheim auf meinem Zimmer die Tage öfters angehört. Als Jazzfassung.
Mensch! Mensch! Mensch, Mensch!
Mensch, war ich gut drauf! Verboten gut. Als ob mir etwas bevorstünde. Und das war ja auch der Fall.
Die Wagentüre habe ich mit kleinem Druck auf den Funkschlüssel entriegelt. Eingestiegen bin ich in mein vierrädriges Fahrzeug.
Die kleine Plastiktüte mit den Filmchen wurde von mir unter der Decke auf den Rücksitzen verstaut. Damit die silbernen Scheiben vor der Sonneneinstrahlung geschützt waren.
Zu rauchen hatte ich die letzten Monate wieder angefangen, mir - weil keine Helen weit und breit war, die sich daran gestört hätte - eine Filter angezündet.
Den Motor habe ich angelassen.
Und ich habe weiter die Lippen gespitzt und gepfiffen - die Melodie von Yesterday.
Das war für mich erst mal die Gegenwart.
Allerordinärste Normalität.
Hundsnormal. Stinklangweilig.
Profane Szene.
Grundsätzlich, hier in Dir, Tagebuch, festzuhalten: Warum gibt's da mit mir in der Hauptrolle an einem zehnten Juli am hellichten Tag so etwas Unübersichtliches? So was von einem Vorfall, den keiner fassen kann?
Ich spreche von dem, was mir später an dem Nachmittag ankam. Etwas, das einem kaum möglich sein kann, daß es daherkommen könnte.
Eigentlich ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Das, was mir später die Zeit jener Nachmittagsstunden am zehnten Juli untergekommen ist. Ausgerechnet mir.
Am hellen Tag, daß es war. Im Verlauf eines Nachmittags.
An einem wolkenlosen Sommernachmittag.
Warum kann es das bei mir geben? Warum läuft so eine Szene ab?
Warum gerade bei mir? Weshalb bei mir?
Wer bin ich denn schließlich? Höchstens irre?
Und, das, was noch dazukommt: Wer ist denn SIE? Wer ist denn SIE, die andere, überhaupt? SIE, die mir so passiert ist - wer ist die denn?
Wie darf, kann das geschehen?
MIR? Das mit DER?
Ein übles Ding. Übel.
Total übel.
*
Wir haben den vierzehnten Juli, Tagebuch.
Nachmittag jetzt. 15:01 Uhr.
Muß Dir Mitteilung darüber machen, verehrtes Tagebuch: Ab nächsten Montag geht es für mich in die Arbeit.
Ab Montag, Ferienarbeit bei Mauth.
Die Monate Semesterferien durchmalochen. Bei Mauth.
Wie jedes Jahr im Sommer, seit ich studiere.
Vorhin hat mich die Auszubildende im Büro des Personalchefs bei Mauth angerufen. Tina Weigelt mit Namen.
Tina, so eine Süße, blond.
Schaut voll geil aus, Tina. Voll geil.
Seit ihrem sechzehnten Geburtstag aber ist Tina verheiratet - und leider ihrem Ehemann treu. Man stelle sich das vor.
Tina Weigelt, heute im dritten Lehrjahr.
Und nicht flachzulegen.
Mit diesen Beinen nicht flachzulegen.
Ewig lange Beine. Mit denen Tina Weigelt Model werden könnte.
Bei Tina Weigelt beißt jeder auf Granit. An Tina Weigelt beißen sich die Kerle die Zähne aus.
Hab es schließlich auch probiert, bei Tina Weigelt. Auf dem Mauther Betriebsfest voriges Jahr. Nachdem Tina ihren Angeheirateten nicht dabei hatte. Weil in meiner Umgebung davon geredet worden war, Tina und ihr Ehegemahl, die würden die Tage Streit haben. Heftig streiten.
Da war ich einer von denen, die sich an Tina randrängelten. Zum Tanz habe ich Tina aufgefordert. Auf Tina beim Tanzen heruntergeschaut, Tina tief in den Ausschnitt. Daß Tina es mitkriegen mußte ... Wie ich wollte, daß Tina rankommt, etwas von mir spürt ...
War jedoch nichts weiter, als daß Tina und ich getanzt haben. Kurz mal enger.
Mit Tina Weigelt kann ich nicht dienen, Tagebuch. Hatte Tina Weigelt nicht.
Jetzt kann ich nicht mehr zurück, verehrtes Tagebuch ...
Muß in die Arbeit. In die Arbeit bei Mauth.
Hätte mich wirklich nicht freiwillig dafür melden sollen. Mitteilen, daß ich schon früher mit dem Ferienjob anfangen könnte.
Alles am vierten Juli - der Anruf von mir bei Mauth - bloß deswegen, die Sache mit Helen aus dem Kopf zu kriegen.
Mit einem Acht-Stunden-Malochertag bei Mauth am Firmengelände Helen vergessen.
Ja, Helen, das war das.
Helen, der eine Schatten. Bis vor vier Tagen der andere kam. Ein richtiger schwarzer Schattenmantel, der sich mir damit über den Kopf stülpte. Bildlich gesehen.
Vor vier Tagen habe ich es abgekriegt. Etwas, was mir seitdem dauerprogrammiert im Kopf herumspukt.
Daß es mir den Schädel spalten möchte. Voll die Axt.
Die Axt auf Dauerattacke.
Meine Mutti hat mich heute mittag bereits darauf angesprochen, warum ich so aggressiv bin. Wenn ich miese Laune hätte, sollte ich gefälligst zuschauen, sie woanders abzulassen. Nicht probieren, das bei ihr zu versuchen. Wiederholt.
Vielleicht wäre es ganz gut für mich, einfach zu Bett zu gehen. Eine Mütze voll Schlaf zu kriegen. Böse übernächtigt, wie ich die Tage ausschaue. Voll schlimm, die Augenringe. Kämen von Schlafmangel, nicht?
Du weißt das, Tagebuch, warum ich kaum noch was pennen kann. Du weißt, liebes Tagebuch, daß mir was passiert ist. Etwas, was mich irre hernimmt.
Nur dieser eine Scheiß-Tag. Dieser Scheiß-Nachmittag. Der Abend, der darauf folgte.
Komme ich denn nun in Dir, mein hochgeschätztes Tagebuch, das nächstemal auf diese Nachmittagsstunden zurück. Auf das, was da war ...
Aber nein, mein Tagebuch, wir verhudeln hier nichts. Alles geht schön der Reihe nach. Hübsch eine Szene auf die andere Szene.
Zunächst mal, wir haben noch einigermaßen Ruhe im Busch. Klaro, es läuft erst an.
Der nächste Fixpunkt, der an dem besagten Nachmittag auf meinem Programm stand: Fahrt in die Altstadt. Suche nach einem Parkplatz in Cafénähe. Nach Möglichkeit kein Parkhaus.
Nur war die Stadt leider voll mit Autos mit Leuten drinnen.
Als wären schon überall Betriebsferien. Hätten die Ferienarbeiter die Belegschaften in rauhen Mengen ersetzt.
Oder alles Volk war von der Vormittagsschicht. Schon lange arbeitsfrei für die.
Dann habe ich tatsächlich einen Platz fürs Autoparken in der Stadt gefunden.
Sogar im Schatten. Und - echt wahr! - kostenfrei. Bei der Totenkirche gab es keinen Parkscheinautomaten nirgendwo.
Vielleicht, weil ein wenig weit weg vom Schuß für die viel frequentierte Fußgängerzone in der Stadtmitte mit den vielen unterschiedlichsten Verkaufsgeschäften.
Weiter als von mir beabsichtigt, war für mich der Fußmarsch, dorthin zu kommen, wo ich hinwollte.
Ah, bestens gelaunt, daß ich ausgeschritten bin.
Nicht das allergeringste, das mir während diesen Momenten größere Sorgen bereitet hätte. Unter schönstem blauem Himmel.
Alles auf der Erdenwelt, ausgezeichnet für mich.
Daß ich einer gewesen wäre, der unübersichtliche Risiken eingehen, sich in dumme Situationen bringen wollte - davon konnte keine Rede sein. Überhaupt nicht.
Obwohl ... Ich hatte Weiber im Kopf. Daß ich, wenn es mir bei einer flutscht, ich bei ihr reinrutschen könne. So dazwischen hinein. An prominenter Stelle.
O ja!
Für alles war ich offen. Eine Ein-Tages-Liebelei. Oder eine unbeschwerte, die Monate meiner Semesterferien dauernde Liebschaft.
Solange die Geschichte angenehm blieb.
Nichts wäre ich abgeneigt gewesen.
Das hieß klarerweise, Tagebuch, was das Motto war: 'Mal sehen, was mir Hübsches, Nettes vor die Füße lief'.
Möglicherweise, darüber habe ich beim Gehen dort nachgedacht, war darauffolgenden Abend bestimmt eine Möglichkeit, daß mir welche auf ihren Beinen vorn herumliefen.
Der Kegelverein, bei dem ich und mein Vater Mitglieder waren, besuchte das Volksfest.
Im Verein, da gab es die eine oder andere.
Zum Beispiel Sonja.
Anfassen war nicht verboten, bei Sonja.
Mir einen Liter - eine Maß - kaufen, meine Talente als Charmeur spielen lassen. Mein Auto war auf dem Volksfestparkplatz. Im Wagen kurz wegzufahren. Mit Sonja zusammen. Und mit Kondomen.
Sonja war zwar verheiratet.
Von Sonja und mir, daß Sonja und ich schon mal ... Das wußten Sonjas Freundinnen. Einige im Klubhaus dito.
Aber Sonjas Ehemann Kurt, der ... Dem drang anscheinend nichts direkt deutlich ans Ohr. Verschiedenes davon, daß Sonja, seine Frau, ab und zu Abwechslung in der Ehe brauchte. Und daß zum Beispiel ich bereits eine dieser Zerstreuungen vom Ehealltag war.
Oder, die Tatsache war dem egal. Daß dem seine Taubheit daher kam.
Natürlich, viel mit mir kegelte er, Kurt, auf der Bahn nicht. Auch nicht mit restlichen Namen, die mir gesagt worden waren, daß Sonja mit ihnen schon mal ...
Außer, es war Wettbewerb. Das war was anderes. Da traten dann aber alle gegeneinander an. Mit ihm, Kurt, und bei seinen Freunden saß ich deswegen lange nicht am Tisch rum. Dorthin war ich nicht eingeladen.
Sonst merkte ich in der Hinsicht nie nichts. Verhielt sich Kurt mir gegenüber, als wäre die Welt leicht, nichts los.
Wie gesagt, ich war außerdem nicht der einzige, von dem die Rede ging, daß er mal bei Sonja randurfte.
Wenn nichts war, was sollte ich mir da einen Kopf machen?
Mein Vati und ich, im gleichen Verein. Schon so eine Sache, wenn ich ...
Zu keinem Gerücht - Sonja und ich und so; ich mit einer der jungen Kegelklubdamen, die ich kurz mal ausprobiert hätte, beziehungsweise sie mich - hat mein Vati je viel zu mir gesagt.
Nur bei Gabi, Gabi voriges Jahr, hat Vati zu mir gemeint, daß ich wegen Gabi auf Gabis Vater aufpassen soll. Auch wenn Gabi schon achtzehn war. Gabis Vati hätte was dagegen, daß ich mit Gabi rummache, es zwischen Gabi und mir jedoch nichts Ernstes ist
Dann war außerdem schlagartig nichts weiteres mit Gabi. Weil ich tags darauf in meine Universitätsstadt hinauf abgereist bin. Das schließlich mußte, deshalb abzufahren.
Oben fing das neue Semester für mich an. Und droben traf ich Helen wieder. Helen, mit der ich zusammen war. Ein Paar waren Helen und ich.
Tja, Gabi fiel es nicht ein, mir noch länger die Tage weitere Kurznachrichten zu schreiben. Schlagartig hörte sich das bei Gabi auf, als sie merkte, daß sie keine Antwort mehr kriegen würde.
Ah, liebes Tagebuch ...
Mein Vati erzählte meiner Mutti bis jetzt keine einzige dieser Liebesgeschichten mit mir, die ihm zu Ohren gekommen sind.
Nicht eine.
Seit der Zeit, daß mich die Uniform eines Soldaten gekleidet hatte, ich mich von altem, dem Teenager behaftetem Gedankengut verabschiedet habe, das gegen Gott und die Welt gerichtet war - seit der Zeit verstand ich mich mit meinem Erzeuger allerbeste Wolle.
Sozusagen sind mein Vati und ich beste Kumpel geworden.
Gerne unterstützt mich mein Vati bei meinem Volkswirtschafts- und Soziologiestudium mit ein paar hochrangigen Scheinchen.
Und Gabi, die war hübsch genug, für viele. Mich brauchte die am Ende nicht unbedingt. Wie die anderen auch. Die nicht bei ihr blieben.
Ich war allerhöchstens noch die Erinnerung an eine Gestalt. Wenn überhaupt.
*
Immer noch der vierzehnte Juli, mein Tagebuch.
Jetzt halb elf Uhr, späterer Abend. Genau: 22:32 Uhr.
Seit neunzehn Uhr bin ich oft länger im Bett herumgelegen.
Hatte den Unterarm über den Augen. Oder ihn weggenommen. Habe mich am Laken gewälzt. Von einer Seite zur anderen.
Migräne, so nennt sich das, was ich habe. Und ich bin schwitzig.
Die Schwitzigkeit allerdings nicht etwa deswegen, weil der Abend schwül wäre. Es ist hauptsächlich Angstschweiß, der mir läuft.
Ja, Angstschweiß, liebes Tagebuch. Angstschweiß.
Die Hosen habe ich voll. Gestrichen voll.
Mann!
Wegen IHR ist das so.
Ewig die Bilder mit IHR vor meinem geistigen Auge, IHRE Worte in meinen Ohren.
Gesehen habe ich SIE. Gehört habe ich SIE.
IHRE Worte waren für mich laut und deutlich.
Habe SIE wirklich vernommen. Die Wortmeldungen, ganzen Sätze von IHR.
Und ich habe SIE im Blick gehabt. Im Grunde genommen stundenlang. Ohne daß mir daran irgendwas komisch vorgekommen wäre.
Das Ganze geht mir nicht einfach wieder weg. Was immer ich auch anstelle, es ist das Zentrum meiner Gedanken. Darauf konzentriert es sich.
Weil das so nachhaltig ist, habe ich mich entschlossen, mich wieder vor den Rechnertisch hier hinzusetzen. Von allem mit IHR in allen Einzelheiten zu schreiben.
Jetzt, hier, in Dir, meinem digitalen Tagebuch, die nächste Fortsetzung.
Also, Tagebuch, man glaubt es nicht!
Noch was, das mir die letzten Stunden gekommen ist. Wie eine Aufhellung. Als wäre plötzlich ein stilles Örtchen ausgeleuchtet.
Meine Erinnerungen sagen mir jetzt, daß ich SIE vor ihrem tatsächlichen Eintreffen bei mir ein weiteres Mal gesehen hätte.
Jaja!
Echt wahr, Tagebuch! Zuvor war SIE noch ein weiteresmal bei mir in der Nähe ...
Um es genau zu nehmen, will ich zunächst erklären, wie und wo mir alles in den Kopf gekommen ist ...
War gegen halb fünf am Nachmittag in der Küche. Bei Mutti in der Küche.
Da hat mich die Erinnerung daran durchzuckt. Als wäre ein Funke in mich hineingefahren.
An der Seite Muttis, die mich aufgefordert hatte, ihr langsam Öl in die kleine Schüssel zuzugießen, damit sie Dressing anrühren kann, bin ich gestanden.
Plötzlich habe ich aufgeschrien und bin abrupt, ohne ein einziges Wort der Erklärung in Richtung Mutti, aus der Küchenumgebung hinausgelaufen.
Mutti hat mir hinterhergerufen, warum ich denn plötzlich wegrenne, ich solle doch bitteschön weitermachen, Olivenöl aus dem Fläschchen runterlaufen zu lassen, während sie für die Emulgation rührte. Außerdem wollte ich doch noch die geschälten rohen Kartoffeln in Würfel schneiden.
Meine Güte, Tagebuch, das wird alles immer gefährlicher, das mit meiner Mutti, sage ich Dir.
Bald ereignet sich das, daß Mutti mich richtig in die Mangel nimmt. Um herauszufinden, was bei und mit mir los ist.
Ohnehin drängelt es bei Mutti.
Schon gerne würde Mutti noch ein bißchen was Ausführlicheres hören, was das war, das zwischen Helen und mir. Warum bei Helen und mir Ende, Schluß ist. Obwohl Helen und ich doch seit Dezember verlobt waren, heiraten hatten wollen.
Erst standesamtlich. Aber, weder das mit dem Standesamt hat es bei Helen und mir gegeben. Noch das, wie es weitergehen sollte. Das mit der kirchlichen Eheschließung. Die Trauung in der Kirche, die Helens Eltern ...
Nichts von dem, was ich ansagte, daß Helen und ich vorhätten, das fand nun statt.
Was los war an der Seite Muttis in der Küche, mein Tagebuch, willst Du gerne wissen.
Eine Szene hatte ich plötzlich in meinem Kopf.
Ein kurzes, flüchtiges Moment der Wahrnehmung.
Darum dreht es sich, Tagebuch, daß ich SIE ...
Daß ich SIE ... Daß ich SIE noch ein weiteresmal früher ...
Nach der Flüchtigkeit bei der Videothek tatsächlich noch einmal - SIE.
Worum es sich dreht? Darum, daß ich vor vier Tagen, verehrtes Tagebuch, in der Innenstadt des Städtchens durch die Gegend gelatscht bin. Leider.
In kein Café habe ich mich reingehockt, wie ich das ursprünglich vorgehabt hatte.
An diesem Nachmittag schien mir das Angebot an hübscher Damenwelt in der Stadt nicht übermäßig zu sein, daß sich ein Verweilen irgendwo für länger gelohnt hätte.
Derart viel Durchschnittlichkeit und Überalterung. Nichts sonst habe ich zu Gesicht gekriegt.
Blonde oder kopftuchtragende Muttis mit Kinderwagen, Kind und Kegel.
Muß einer, der dort landet, bei einer von denen, den Spaß schon bitter nötig haben.
Wird man, beginnt man was mit einer solchen, mehrfacher Familienvater - und hat überhaupt nichts für gemacht. Quasi von einer Sekunde zur anderen hat man eine vielköpfige Familie, tut sich das an.
Nichts dabei, beim Herumspazieren, das ich haben hätte wollen, überblickte ich die Schar der auf den Stühlen draußen vor den Cafés Sitzenden. Oder bei dem Volk, das den Wirtshäusern die Biergärten frequentierte.
In keinster Weise irgendeine, die mich irgendwo aus den Galoschen getreten hätte.
Hätte ich es nicht anders, besser gewußt, wäre es zum Heimfahren gewesen.
Auf der Sparkasse habe ich mir am Automaten noch mehr Geld von meinem Konto abgehoben. Als hätte ich demnächst vor, mit den Scheinen, die mir vor allem den Geldbeutel dick machten, zu protzen.
Ziemlich durstig war ich beim Herummarschieren im schönsten Sonnenschein geworden.
In den nächsten Schnellimbiß bin ich hinein.
Habe mir, drinnen bei Beiß-rein, eine große Cola und zwei Börger bestellt. Warum nicht?
Während ich auf mein Zweierpack Hämbörger wartete, herumblickte - habe ich SIE gesehen.
Auch dort, daß ich SIE also schon gesehen habe, verehrtes Tagebuch.
Das nächstemal, daß ich SIE geschaut habe.
Wie der Blitz ist mir das aber erst heute gegen halb fünf in der Küchenwelt beim Dressingmachen an der Seite Muttis ins Bewußtsein geschossen. Während ich Mutti das Öl zugegossen habe ...
Wäre ich der Hauptdarsteller in einem Thriller oder einem Horrorfilm, die Musik, die wäre im Verlauf dieser Momente, daß ich bei Beiß-rein auf den Hämbörger-Empfang gewartet habe, dramatisch geworden. Ziemlich bedrohliche Atmosphäre.
Der Filmheld jedoch, ich - der hörte die ganze Zeit nichts von solchen Klängen.
Von solcher musikalischer Klangkulisse, die diente, Leute zu alarmieren, daß jetzt etwas los sein könnte, auf das achtgegeben werden sollte, ich hatte davon nichts in den Ohren.
Total ahnungslos, die Type - ich.
Praktisch ohne den blassesten Schimmer. Schimmerlos.
Nicht den allerkleinsten Anhauch von irgendwas hatte ich, außer, daß mir die Tatsache bewußt war, daß im Freien draußen blauer Himmel und Sonne pur war.
Und, echt wahr, ich blicke SIE. Ich blicke SIE. Und ich denke mir nicht das allergeringste bei IHREM Anblick. Nicht für irgendwas.
Beim Drüberschauen über SIE ist nichts bei mir.
Lediglich die unreflektierte Wahrnehmung einer Flüchtigkeit. Für das im nachhinein.
Restlos ging er an mir vorüber. Dieser kurze Moment.
Kein bißchen was, daß ich sie gekannt, erkannt hätte.
IHRE Erscheinung, die sagte mir einfach nichts. Rein gar nichts.
Nichts war die mir. Nichts.
Nichts das sich bei mir hinter den Augen hinsichtlich eines Erkennens abgespielt hätte. Voll die Unterbelichtung. Bei mir.
Verstehst Du mich, Tagebuch?
Dagegen jetzt, jetzt weiß ich plötzlich. Jetzt weiß ich es. Weil mir plötzlich, im Heute, die Geschichte so böse wie aus dem Nirgendwo als Erinnerung ankam.
Das ist mir die Gewißheit, daß SIE das dort bereits war. SIE war das.
'Unfaßlich!' ruf' ich Dir gegenüber aus, verehrtes Tagebuch. Und weiter: 'Kann das sein? Kann's das geben? Die da, die dort, das war - SIE! SIE war das schon!'
O ja!
Innerlich friert es mich.
Gänsehaut pur, die ich habe.
Bei Beiß-rein steht SIE außerhalb nur mal so rum.
Vor dem Schnellimbiß nahe dem Eingang steht SIE.
Deutlich, die Erinnerungsbilder, die sich mir heute in der Küche bei Mutti einstellten. Als ich bei Mutti Öl für das Salatdressing zulaufen ließ.
Als mir das in die Erinnerung gekommen war, Tagebuch, mußte ich aufschreien. Aus der ganzen Küchenwelt mit Mutti fliehen.
Die Hosen hatte ich voll. Gestrichen voll hatte ich die Hosen. Echt gestrichen.
Um Dir das Szenenbild bei Beiß-rein noch deutlicher zu beschreiben, Tagebuch: Drinnen bei Beiß-rein stehe ich, warte auf die Ankunft meiner Hämbörger.
Meine Sicht war, daß ich durch die gläserne Vorderwand des Imbisses ins Freie hinausgaffte.
Da hatte SIE sich rechts vom Glastürein- und -ausgang am Gehsteig aufgebaut.
Zu mir glotzt SIE starr her. Regelrecht fixiert hat SIE mich.
Bloß, deswegen tut sich bei mir nichts. Nichts, das mir wegen der draußen von Beiß-rein in die Gedanken geraten wäre.
Mit IHR, nichts, daß ich mit IHR anfangen konnte.
Weiß schon fast nicht mehr, wie ich Dir die gesamte Anlage noch beschreiben soll. Daß Dir der Spaß wirklich schlüssig würde, mein Tagebuch.
Mein hochverehrtes Tagebuch, ich kenne SIE da am Platz einfach nicht!
Meine Augen finden an IHR keinen festen Halt. Kein Verweilen. Nicht das kleinste bißchen.
Über SIE wird von mir drübergeschaut. Über SIE hinweg.
SIE wird außerdem von mir nicht gekannt. Einfach nicht erkannt.
Keinerlei Erkennen.
Obwohl ich SIE kennen müßte. Ich doch mit einem Funkenflug dabei sein müßte, daß das dort eine ist, die ich kennen müßte.
Vielleicht, um IHR eine Runde hinzunicken. Freundlich. Damit SIE von außerhalb herein- und zu mir herkommen könnte.
Oder, daß SIE, zeige ich Regung, mir bezeigt, daß SIE warten würde, bis ich hinauskäme. Irgendwas in der Art.
Damit SIE für diese Dinge die Möglichkeit hätte.
In aller Deutlichkeit sehe ich SIE dastehen, Tagebuch - jetzt!
Seit dem Moment mit Mutti in der Küche. Mutti und ich beim Dressingmachen ... Seitdem habe ich die Szenerie, als ich bei Beiß-rein im Innern wartend herumgestanden bin, gewaltig klar auf Lager.
Auf einmal war es für mich da. Alles mir gegenwärtig geworden.
Was SIE an Kleidung anhatte, wenn ich die Bilder mit IHR so scharf sehe, Tagebuch, fragst Du mich?
Scheiße - hahaha! -, das gleiche wie später. Das gleiche, das SIE später auch anhatte.
Da hat SIE sich nicht extra umgezogen.
Durch die klare Scheibe Glas, daß SIE in die Innenwelt des Imbisses hereinglotzte. Auf mich glotzte.
Mir ist, jetzt in der Sekunde, da ich das hintippe, Tagebuch, als hätte SIE ein kleines Lächeln im Gesicht. Auch, als würde SIE mit einem Kopfnicken leicht zu mir hin grüßen ...
Mannomann!
Tatsächlich, SIE nickt.
Nicht das allerkleinste bißchen, daß ich allerdings auf SIE reagiere. Auf SIE reagiert hätte. Vor vier Tagen.
Keine Art Motor, nichts sprang bei mir an. Überhaupt nichts.
Null Reaktion, ich. Für Nullkommanix.
Darf das sein, das?
Darf so was sein?
Daß SIE das an dem Ort - ist, Tagebuch.
Das, daß SIE mir überhaupt gegenwärtig war, das ist ... Unsäglich ist das.
Die Geschehnisse von vor vier Tagen, Tagebuch, die machen mich fertig. Fertig machen die mich. Krank bin ich davon.
Bei Beiß-rein, nichts weiter war dann dort, als daß die dicke Imbißbedienung mit der blauen Schirmmütze, die für mich zuständig war, mich angesprochen hat. Meine zwei Hämbörger wären fertig.
Schön. Das hat denn gepaßt.
Der dicklichen Dame an ihrem Arbeitsplatz habe ich mich auf dem Absatz zugedreht.
Meine weitere Aufmerksamkeit konzentrierte sich darauf, das mit dem Bezahlen zu erledigen, anschließend den Geldbeutel hinten in die Hosentasche rechts zurück hineinzuschieben. Die zwei handflächengroßen Schachteln mit Inhalt und das Cola-Getränk habe ich mir gegriffen und 'Auf Wiedersehen' gesagt.
'Auf Wiedersehen!' wurde mir geantwortet. 'Bis zum nächstenmal ... Einen guten.'
Unbesorgt, daß ich mich daraufhin von der einen dickeren der Frauen, die für die Imbißgäste zuständig waren, abwandte, dort wegmarschierte.
Aus Beiß-rein, dem Imbiß, habe ich mich hinausbegeben.
Ohne in weiterer Folge, als ich auf dem Trottoir unter dem wolkenfreien blauen Nachmittagshimmel ankam, von irgendwem an-, aufgehalten zu werden.
Wenn SIE schon da war - wo SIE mir während diesen Momenten, die folgten, wieder hinverschwunden war, keine Ahnung, Tagebuch.
Warum SIE mich nicht dort lange erwartet, abgepaßt hat, ich weiß es nicht.
Es hätte da doch schon sein können. Da hätte es längst für mich losgegangen sein können.
Statt dessen blieb ich alleine, habe mich zum Essen und Trinken auf die mittlere Steinstufe des oberen Stadtbrunnens gehockt. Dem, auf dem die große Ritterstatue prunkt.
Über mir hat Wasser geplätschert, hinter der einen Meter hohen Metallgitterabsperrung.
Nahe beim Sockel mit dem Ritter droben, daß in so halbminütigen Abständen kleine Fontänlein hochzischten. Im steten Fluß, daß das Naß handbreite Steinterrassen plätschernd herabrann. Um, unten angekommen, in die Untiefe von Engstellen abzulaufen.
Auf der Tafel, die an dem Gitterwerk in meiner Nähe angebracht war, stand zu lesen, daß Menschen nicht von dem Wasser probieren sollten; nicht trinkbar.
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