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Blog von TeddeMehr

"Das digitale Tagebuch" (03.07. - 17.07), No. 4

26. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Sechzehnter Juli, mein aufgeklicktes Tagebuch.

Halb zehn Uhr am Abend. Genaue Uhrzeit: 21:34 Uhr.

 

Ein schwül-heißer Abend, der Abend heute.

Kaum auszuhaltende, drückende Schwüle.

 

Das war ein trauriges Erwachen, vor knapp einer Stunde ...

Die Zunge war mir so leicht pelzig am Gaumen geklebt. Trockener Mund.

Vor den Augen hatte ich was Grelles. Ein Geflirre. Das nicht schnell wieder wegging.

Wohl der Kreislauf. Daß es daher kommt.

 

Nach einem Weilchen, zwei, drei Versuchen, daß ich mich aufsetzen habe können.

Brauchte Wasser zum Trinken und mußte aufs Klo.

Zur Wasserflasche am Computertisch bin ich wie ein Betrunkener getaumelt.

 

Übel war mir.

Statt auf allen vieren aufs Klo zu kriechen, konnte ich eben noch auf den Füßen ins Klo wackeln. Übergeben habe ich mich erst über der Kloschüssel ...

Bestens, das Timing.

 

Mann, Mann, hatte eingeschmissen!

Daraufhin war ich fünf Stunden weggetreten. Wie tot.

Bezahlt wird das im Augenblick von mir. Die Währung: Übelkeit.

Wie es mir geht? Antwort: miserabel.

Alles zwar im Gegensatz zu zuvor in einem gewissen Maß abgeflaut. Aber, genug davon geblieben, daß das kein besonderer Zustand ist.

Zumindest kann ich am Stuhl am Computertisch sitzen bleiben. Einigermaßen fürs Tippen, bei Auto-Vervollständigung der Worte.

Ist schon was.

 

Wundere mich, wie einsam und verlassen um mich herum gerade die Welt ist.

Einsam und verlassen.

Als wäre ich einsam und verlassen.

Nur, vor meinem geistigen Auge, blicke ich Vati. Vati, der mir in der Tür steht. Auf der Schwelle in mein Zimmer hier rein.

Nachdem Vati ein paar lange Momente zur Genüge hier hereingeschaut und mich betrachtet hat, wendet Vati sich von mir ab.

 

Auf dem Bett, daß ich gelegen bin, als ich aus meinem Tran erwacht bin. Also liege ich am Bett - und sehe ihn, Vati ...

Den im Schlummer, den läßt man in Ruhe, was?

Ich meine, liebes Tagebuch, das mit Vati, das könnte in der Art schon so gewesen sein. Wirklich so gewesen.

Daß ich mir das nicht nur einbilde, es geträumt hätte.

Das hat Vati mir schließlich heute früh am Morgen versprochen, daß er, kaum von der Arbeit heimgekehrt, zu mir heraufkommen würde.

Und wenn Vati sein Versprechen wahr gemacht hat - und warum sollte Vati das nicht wahr werden lassen? -, dann war Vati wirklich in der Tür gestanden. Hat von dort zu mir hergegafft.

 

Im Moment jedoch: Kein Vati weit und breit.

Tut sich heute abend nichts mehr, geht die Geschichte mit Vati erst morgen weiter. Morgen früh. Oder wenn Vati am späten Nachmittag von der Arbeit heimkommt.

 

Nachdem es mir schon nicht so klasse geht, liebes Tagebuch, der passende Moment, auf Manuela zurückzukommen.

In Dir, Tagebuch, die Geschichte mit Manuela fortzusetzen. Mit der Manuela-Geschichte.

Weit sind wir bis jetzt mit ihr noch nicht.

Angefangen hat mir das mit Manuela nun, vorm Kino, beim Unteren. Das Geschehen mit Manuela, es lief.

Jetzt war Manuela da bei mir.

 

Mensch, Mensch, Tagebuch!

Ich habe SIE gehört, SIE, Manuela.

Was zu mir sagen höre ich Manuela.

Knapp beim Unteren dort - daß Manuela mich grüßt. Manuela: 'He, grüß dich! Aber hallö-chen, mein Lieber! Daß ich dich wiedersehe ...? Daß es dich hier auch noch gibt? Wo warst du denn immer? Wie lange ist das heute her? Wie lange ist das heute her, das mit uns?'

Eine schwarze Sonnenbrille hatte Manuela in den Händen vorm Bauch. Mit der Sonnenbrille spielten Manuelas Finger rum.

Verehrtes Tagebuch, ein Lächeln, ein Lächeln, das ich für Manuela erschaffen habe.

Etwas anderes, als Manuela anzulächeln, das hätte ich mir angesichts von Manuelas Schönheit nicht durchgehen lassen.

Ein schlimmer Frevel, jede andere Idee.

Ist doch klar: Nur zu gut paßte Manuela mir in den Kram. Jedem mit denselben Hintergedanken, wie ich sie hegte, hätte Manuela verschärft auf die Bühne gepaßt. Direkt vorm Unteren oder woanders auf der Welt, Hauptsache, eine wie Manuela war am Platz, mit diesen langen Beinen. Uuhhh, ja -  eine scharfe Braut, wie Manuela mir da so gegenüberstand.

Auf Manuelas eher kleingewachsene Gestalt linste ich mit Lächelmiene hinunter.

Manuela mit schulterlangem, dunkelblondem Haar. Eine Art samtiges Sackminikleid in einem komischen Glanzschwarzton hat Manuela angehabt.

Auch gut für den Besuch unter dem Sargdeckel, so ein Kleid.

Aber, das, hochverehrtes Tagebuch, ganz eindeutig ein Gedanke, der der Gegenwart angehört. Dem Hier und Jetzt.

Da, an dem besagten Sommernachmittag - Friedhofsgesänge hatte ich keine in meinem Kopf. An so was zu denken, das lag mir total fern.

Nichts, das ich singen gehört habe, was mich hätte warnen können.

Nichts. Nichts.

 

Mannomann!

Mich fröstelt es.

Eiskalt läuft es mir den Rücken herunter.

 

Manuela, auf Manuela schaute ich herab. Wie Manuela mir entgegenblickte.

Uhhh, eine messerscharfe Braut, wie Manuela mir so gegenüberstand. Wie Manuela mir gegenüber ausschaute, einfach eine Schönheit, Manuela.

Auf Manuela runterzugucken, Manuelas Lächeln nicht zu erwidern. Würde meinen: Eindeutig die größere Sünde, sich das zu erlauben, nicht zurückzulächeln.

Wie Manuela sich nackt und mit ihrem hochgereckten Hintern bei mir am Bett räkeln konnte - das hatte ich szenisch klar vor meinem geistigen Auge.

Eine Erinnerung an Manuela, die sich bei mir im Nu eingestellt hatte. Ein Bild aus der Zeit meines Zusammenseins mit Manuela. Als Manuela und ich ein Paar waren. Zwar knapp zehn Jahre her ...

 

Gebe zu, schon ein bißchen bleich, totenbleich, Manuelas kleines Gesicht ... Das allerdings, das würde ich eher aus heutiger Sicht meinen.

Dort, zu dem Zeitpunkt vorm Unteren, dem Kino, wäre ich bei Manuelas Anblick nie im Leben auf so eine Denke gekommen.

Mir irgendwas Mystisches oder Unheimliches beim Anblick Manuelas zu denken - nie! Nie im Leben! Im Leben nie!

Nur, weil Manuela da ein wenig was Bleiche als Gesichtsfarbe hatte, fällt einem doch nichts Besonderes ein, oder?

Und das Kurze in Schwarz, das kleidete Manuela im Grunde nicht schlecht. Überhaupt nicht schlecht.

 

Manuelas weiße Beine ...

Weit auseinandermachen konnte Manuela die Beine für mich. Demnächst.

Ich mußte nur ungefähr dort hinfinden, in die Richtung dieses Kuschelecks kommen. Um dort von neuem auf Erkundungsreise gehen zu dürfen.

Sobald mir alles erlaubt sein würde, ab dafür.

 

*

 

 

Sechzehnter Juli, mein Tagebuch.

Halb zwölf Uhr. Exakt: 23:31 Uhr.

 

Mir geht's rein körperlich soweit besser, liebes Tagebuch.

Das Übelbefinden das hat ein wenig nachgelassen.

Vielleicht nehme ich die gleiche Dosis Schlaftabletten demnächst wieder. Muß ich sehen.

 

Mensch!

Die nächste Mitternachtsstunde, die ansteht.

Mitternacht ist Gruselzeit. Um Mitternacht, daß die Gespenster kommen ...

Bei mir braucht es dafür jedoch keine Mitternachtsstunde, bei mir geht das auch an einem Sommernachmittag. Bei schönstem Sonnenschein unter blauestem Himmel ...

 

Denke mir, Tagebuch, das ist die beste Idee, wenn ich Manuela und mich miteinander sprechen lasse. Bei der Fortsetzung dieses einen, bestimmten Nachmittags. Der für mich seitdem zum wichtigsten Nachmittag überhaupt geworden ist. Als gäbe es sonst keinen anderen mehr.

Rede und Antwort, Tagebuch, dafür will ich Sorge tragen. Für das Gespräch zwischen Manuela und mir.

Wie mir das in den Sinn kommt, daß Manuela und ich geredet hätten, heute im nachhinein. Ungefähr die Worte, die Manuela und ich bei unserem Zusammensein getauscht haben.

 

Ob mir das dann für die Zukunft auch was weiterhilft, fragst Du, Tagebuch?

Stimmt, ja. Schon berechtigt, die Frage.

Der Psychiater würde es sich auf alle Fälle so wünschen.

Bei psychiatrischen Sitzungen wollen sie, soweit ich weiß, daß man tief in jede einzelne Szene eintaucht. Daß man so viele Einzelheiten eines Geschehens wie nur möglich dem Licht des Bewußten aussetzt, daß darüber geredet und nachgedacht werden kann. Auch das Kleinste, Unbedeutendste sollte beachtet werden.

Außerdem, mein Tagebuch, ist es gut fürs spätere Gegenlesen, möglichst detailreich alles zu beschreiben. Falls mal in der Zukunft Irrtümer aufkommen.

 

Also wäre das zwischen uns geklärt, liebes Tagebuch, mache ich das brav mal auf die Weise.

He, was? Was, Tagebuch? Du stellst mir hier die Frage, was ich eigentlich schon vorher gewußt habe. Was ich denn die ganze Zeit vorher schon von dem Ganzen gewußt habe, von dem, was bei und mit Manuela los war?

Wie soll ich Dir das beantworten, Tagebuch?

'Nicht viel habe ich gewußt', das muß ich Dir zur Antwort geben. Oder, besser ausgedrückt: 'Kaum etwas. Wie alles sich im Hier und Jetzt für mich entwickelt hat, ist es wie ein Überfall.'

Nichts, was ich vorher bewußt wahrgenommen hätte.

Kann das nur immer wieder wiederholen. Es nur immer wiederholen.

Seit Jahren war Manuela fern meines Lebens und meines bewußten Denkens.

Überhaupt nicht mehr, daß ich an Manuela gedacht habe.

Stell Dir vor, Tagebuch, auch nicht viel für eine Bettszene. Für eine der Bettszenen mit Manuela. Eine mit Manuela, damals vierzehn Jahre, und mir, neunzehneinhalb, als handelnde Personen.

Als Manuela und ich uns dann trennten, war Manuela fünfzehn. Ich zwanzig.

 

Der Rest, nach dem Du Dich erkundigst, Tagebuch?

Ihr Name ist Manuela.

Manuela ...

Frage an Dich, mein hochverehrtes Tagebuch: Wie viele heißen auf der weiter Welt Manuela?

Von Schwarzafrika bis Weißrußland heißen Hunderttausende rund um den Globus Manuela. Wahnsinnig viele heißen Manuela.

Auch hier noch in der näheren Umgebung meines Elternhauses und in den Städten und Dörfen des Landkreises.

Klingt wo der Name Manuela auf, muß das nicht bedeuten, daß das was mit einer Manuela zu tun hat, die man irgendwann vor Jahren für ein Jahr gekannt hat.

Oder?

Oder, Tagebuch?

Hier, wo wir beiden ganz unter uns sind.

Nur wir beide, Tagebuch, Du und ich. Ich, der das in Dir reflektiert.

 

In Ordnung, das Bild ist schon klar. Ich könnte doch irgendwas mitgekriegt haben. So unterbewußt, im Hintergrund.

Mutti hört in der Küche unten nichts als den Sender des Lokalradios.

Da am Senderplatz spielen sie Muttis Lieblingsmusik. Dazu gibt's ab und an bunte regionale Meldungen, Nachrichten regionaler Ereignisse. Mitteilungen von den Dingen eben, die sich hier in der unmittelbaren Umgebung des Landkreises abgespielt haben.

Nur ... Redet oder erzählt mir Mutti etwas von einem Geschehnis mit einer 'Manuela D.' - bitte, muß ich mir dabei irgendwas denken?

'Manuela D.' - nein, keinen Schimmer. Echt nicht. Jemand mir Bekanntes muß das nicht sein, oder? Oder, Tagebuch?

Oder hätte ich deswegen etwas wissen müssen, weil eine 'Manuela D.' genannt wird?

Genauso, wenn irgendwer 'M. D.' bezeichnet wird, von irgendeiner mit den Initialen 'M. D.' die Rede ist - besteht da ein Zwang, daß ich dabei an jemand denken müßte, mit dem ich bekannt bin oder das zumindest früher mal war?

Auch nicht. Oder nicht?

Oder doch?

 

Also, Tagebuch, jetzt hörst Du aber mal auf ...

'Manuela D.' oder irgendwas von einer 'Frau M. D.' - nichts davon hat mir das geringste was gesagt.

 

Das möchte ich des weiteren ganz deutlich in Dir festhalten, mein liebes Tagebuch: Ich war und bin nicht so auf dem laufenden darüber, was hier unten in Stadt und Landkreis los ist, was die lokalen Geschichten angeht.

Weder, daß ich daran interessiert bin, war, noch daß ich daheim großartig dafür sorge, in allen Einzelheiten Dinge zu erfahren, sofort wieder auf dem laufenden zu sein, wenn ich nach monatelanger Abwesenheit für die Semesterferien in das Haus meiner Eltern zurückkehre. Ob im Winter oder im Sommer.

Unbedingt viel wissen zu müssen, was in der Heimat nachrichtentechnisch meldenswert war, nie meine Sache.

Nichts, das ich da nachfrage, sagt mir Mutti, jemand anders im Vorbeigehen was von einer 'Manuela D.' oder einer 'M. D.'.

 

Wenn ich hier in der Umgegend rumfahre, habe ich kein Lokalradio oder so was in meinem Auto eingestellt. Das höre ich persönlich einfach nicht.

Es ist Muttis Lieblingssender.

Ich, Tagebuch, ich gucke auch kein Lokalfernsehen. Das machen meine Eltern.

Ich, bin ich selber bei der Senderwahl gefragt, schalte niemals auf den Regionalfernsehkanal um.

Etwas anderes ist es, bin ich zufällig im Wohnzimmer bei Mutti, Vati unten, und das Programm des Regionalsenders läuft am Fernsehgerät. Vielleicht, daß ich da die eine oder andere Szene mitkriege. So nebenher.

Aber nicht oft. Nicht oft. Und DAS, DAS habe ich nicht gesehen.

Wirklich nicht.

 

Wovon ich texte, mein hochgeschätztes Tagebuch, was ich Dir mal plausibel machen möchte. So nur für Dich und mich. Unter uns gesagt.

An mir gehen locker die verschiedensten Kleinigkeiten unbemerkt vorbei, Dinge, die sich in der Gegend hier als Wichtigkeiten abspielen.

Auch dann ist dem so, wenn ich vielleicht doch was Näheres davon wissen sollte. Weil's mich vielleicht interessieren könnte, sollte. Nachdem jemand aus meinem Bekanntenkreis in die Angelegenheit involviert ist.

 

Hm, Tagebuch - da fällt mir doch etwas Bestimmtes ein.

Das mit dem Köter, das ...

Einmal war ich voriges Jahr an einem Wochenende schnell von droben aus meiner Universitätsstadt heimwärts zu meinen Eltern kutschiert, um daheim eine Kreditsache zu regeln. Ende November. Wintersemester.

Du weißt, Tagebuch, Verlobungsringe für Helen und mich waren zu besorgen. Die echt goldenen Dinger, die haben ein bißchen was gekostet.

Da war ich hier unten und bei Mutti in der Küche, samstags. Das war von einem Witz die Rede.

Samstag am Morgen, ehe ich zum Juwelier wollte, hat Mutti bei Kaffeee und Brötchen mit Marmelade am Küchentisch davon gelabert.

Von den spaßigen Geschehnissen hat Mutti berichtet, die sich am Vortag während der Frühmorgensendung des Lokalradios ereignet hätten.

Den Sender, den Mutti auch an dem Samstag eingeschaltet hatte, in dessen laufendem Vormittagsprogramm jedoch während meiner Anwesenheit davon keine Rede war. Meine ich wenigstens.

 

Nun, das geht so:

Eine Type, der im örtlichen Umkreis hier ein ziemlich bekannter Krimineller war und ist, der hatte das kleine Hundchen der Frühmorgenmoderatorin haben wollen, dafür in der Morgensendung der Moderatorin angerufen.

Nachdem das Zuhörer begriffen, daß der Mann mit dem kriminellem Hintergrund den Hund der beliebten Morgensendungsmoderatorin, mit der er eine Liebesgeschichte am Laufen hatte, tatsächlich kriegen würde - fing das mit den Anrufen am Lokalsender an. Plötzlich haufenweise Anrufer beim Sender.

Eine Lawine. Eine, die talwärts ging.

Weil: Den armen Hund jenem besagten Verbrecher zu überlassen, das war echt das Allerletzte. Das arme, arme Tier. Scharen Anrufender, die das fanden, das der das arme Tier im Leben nicht kriegen sollte. Das durfte nicht sein, daß solch ein Verbrecher so ein Hundchen nach Hause bekam.

Richtiggehend mobil gemacht wurde dagegen.

 

Stell Dir vor, mein Tagebuch: Im Lokalfernsehen, das Vati und Mutti beinahe täglich schauen - kann ich mich tatsächlich erinnern, jetzt, jetzt -, habe ich den kleinen Hund und die Blondine, sein Frauchen, das für das Lokalradio moderiert hat, einmal im Bunten Magazin - so heißt die Sendung - gesehen.

Auf einer braunfleckigen Wiese sind Frauchen und der Wauwau gehüpft, herumgerannt.

Sie, die blondhaarige Schönheit, hat ein Stöckchen geworfen. Dorthin, wo das Holz gelandet ist, ist der Hundewuschel hingesprintet.

 

Daß ich das jetzt hier alles in der Erinnerung plötzlich parat habe? Das ist, als wäre ein Licht unvermittelt auf ein finsteres Eck gefallen ...

Viele solcher Lichter, die mir in der letzten Zeit aufgehen. Sehr viele.

 

Du durchblickst die Zusammenhänge nicht, sagst Du, Tagebuch?

Egal jetzt. Die Zusammenhänge werde ich Dir schon noch verdeutlichen, verehrtes Tagebuch. Im Laufe der nächsten Zeit, daß das geschehen wird. Denke ich wenigstens. Wenn nichts dazwischen kommt, kriegst Du jede Aufhellung, die Du brauchst.

 

*

 

 

Siebzehnter Juli, mein Tagebuch.

Es ist nach halb zwei Uhr nachts. Genauer: 02:32 Uhr auf der Rechnerleiste.

 

Manuela und ich, Tagebuch ...

Manuela und ich, daß wir uns vorm Unteren begegnet sind.

Manuela und ich, wir sind uns vorm Unteren vor die Füße gelaufen. Unglaublicherweise, wie ich heute weiß. Im Leben dürfte es das eigentlich nicht geben.

Es ist ganz und gar nicht zu verstehen. Nicht zu begreifen.

 

Für mich ist das mit dieser Begegnung ein Problem. Und kein kleines.

Daß ich Manuela über den Weg laufe, das ist ein Ding. Ein ganz gewaltiges Ding.

Das hat was, daß einer - ich - wahnsinnig werden kann.

 

Seit unserer Trennung damals, vor knapp zehn Jahren, kann ich mich nicht dran erinnern, daß wir, Manuela und ich, uns viel irgendwo getroffen hätten.

Dann treffen Manuela und ich, wir uns, am zehnten Juli nachmittags, heute vor einer Woche.

Ein geradezu unglaubliches Geschehen. Unglaublich.

Daß ich dort in der Stadt mit Manuela beisammen bin. Mit Manuela zusammen laufe ich herum. Ich unterhalte mich mit Manuela.

Erfahre ein bißchen etwas von Manuelas Welt. Und der Umstand, daß ich das konnte, das haut dermaßen rein. Es ist nicht zu fassen.

 

Immer die gleichen Szenen mit Manuela, die bei mir in meinem Kopf kreiseln.

Voll der Kreisel. Dauerkreisel.

Die Tatsache der Möglichkeit, Manuela und ich, die ... Die ...

Das nimmt mich her. Das macht kirre, irre. Ich im Dauerquirl.

 

Wir sprechen miteinander, Manuela und ich. Worte tauschen wir miteinander aus.

Eine Unterhaltung, die sich ergibt. Zwischen Manuela und mir.

Ich rede mit Manuela, Manuela, die ...

 

Vorm Unteren stehen Manuela und ich, Tagebuch ...

Mir gegenüber hat sich Manuela in diesem schwarzglänzenden, samtenen Art Sackkleidmini aufgebaut. In unmittelbarer Griffweite meiner beiden Hände.

Manuela: 'Wo willst du denn hin? He, hast du gerade was Bestimmtes vor?'

Kopfschütteln meinerseits.

Sprechpause, während Manuela und ich uns gegenseitig betrachten.

Geräuspert habe ich mich.

War unvermittelt schwer für mich, mich zu Worten, Sätzen aufzuraffen. Weswegen ich mich über mich zu ärgern begann. Weil: Ich sollte das schon lebhafter angehen, wenn ich was von Manuela wollte. Eine Maulsperre half mir dabei nicht viel.

Manuela war die, die ihren Mund zum Weiterreden öffnet: 'Geh gerade ein wenig in der Stadt spazieren, weißt du? Beine vertreten ...'

Ich, wieder mit der Wortmeldung, stotternd irgendwie: 'Ich ge-geh auch nur so in der Ge-gend rum. Spa-zieren ...'

Manuela: 'Schön, dich mal wieder zu sehen. Dich wiederzutreffen. Bis jetzt hab ich heute in der Stadt keinen getroffen, den ich kenne. Niemanden, mit dem ich was unternehmen könnte. Haben anscheinend alle gerade was zu tun. Wie wärs, machen wir was zusammen? Machen wir beide was zusammen? Oder hast du dazu keine Lust? Hm, schon ein bißchen länger her, das mit uns beiden, nicht wahr? Schon länger her ...'

Ich: 'Ja! Ein paar Jahre. Zehn, würd ich sagen ...'

Manuela: 'Verdammt lange Zeit. Schön lange Zeit vergangen, seit wir ... Seit wir beide zusammen waren. Lang, lang ists her.'

Mehrmaliges Kopfnicken von mir.

Ich, der der redet: 'Stimmt, das ist schon länger her. Man glaubt's nicht, wie lange das schon wieder her ist, heute. Geh gerade mal auf den Plätzen spazieren. Können zusammen spazierengehen. Ich mein natürlich, wenn du magst. Oder gehn wir ins Kino? Magst du ins Kino gehen?'

Manuela: 'Nö! Laufen doch keine Filme, die ich gesehen haben muß. Oder willst du einen sehen ...?'

Ich: 'Nein, muß keinen der Filme sehen. Wie wärs - gehen wir ein bißchen spazieren?'

Manuela: 'Warum nicht? Mein, das ist doch nett, das mit ich uns beiden. Nach den ganzen Jahren, wieder mal was, was wir miteinander unternehmen, das ist nett. Mit dir spazierengehen - hab da richtig Lust da drauf. Ein bißchen rumzugehen, mit dir in der Stadt. Mich mit dir zu unterhalten. Das ist schon schön, nach all der ganzen Zeit, seitdem wir ...'

Jedoch sind Manuela und ich wieder unvermittelt stehengeblieben. Beim Eck des Friseurladens nahe beim Unteren sind wir herumgestanden. Um uns unschlüssig anzugucken, die nächste Runde im Umkreis herumzuschauen.

O ja, Manuela und ich, so richtig vom Fleck kommen wollten wir zunächst nicht.

 

Wirklich, wer hat sich dabei irgendwas gedacht, hat er mich und Manuela dort stehen sehen?

Dort, in der Umgebung des Unteren am Rumstehen, Manuela und ich ...

Höchstens die Frage könnte sich jemand bei unserem Anblick gestellt, ob einer von den beiden, Manuela oder ich, Kondome dabei hatte.

Kein Ding der Unmöglichkeit, daß die zwei sich demnächst küssen. Daß die zwei dann später miteinander im Bett landen oder es sonstwo treiben.

Kondome wären da nicht schlecht, wenn die beiden Kondome hatten.

 

War eine echte Schönheit, Manuela.

Manuela, fünfundzwanzig Jahre alt.

Heiß, Manuela. Auf ihren langen, ranken Beinen. Sehr heiß.

Das Beste dabei, für mich in dem Augenblick, was auch Teil meiner Rechnung war: Manuela und ich, wir beide, wir kannten uns. Eigentlich kannten wir uns.

In der Vergangenheit hatten wir schon was miteinander.

Zwar einige Jahre vergangen seither, seit Manuelas und meiner Trennung. Aber, was das Sexuelle anbetraf, hatte während der damaligen Zeit immer alles bestens zwischen Manuela und mir geklappt.

Da war kein Auge trocken geblieben.

Daß dem so war, das konnte in der Gegenwart nur ein Vorteil für mich sein. Damit es neu aufregend für mich werden konnte. An der Seite Manuelas.

Mußte bloß hinschauen, und es war zu erkennen, daß Manuela nicht so viel anders ausschaute wie früher. Und ganz sicher nicht unter ihrem knappen Sackkleidchen.

 

Manuelas Beine, die Schau. Die reinste Schau.

Dort wollte ich hin, zwischen die Beine Manuelas rein.

Das war das Ziel, das es zu erreichen galt.

Schließlich: War ich nicht in eben solchen Angelegenheiten auf den Straßen der Stadt unterwegs? War es nicht genau das, was ich bei einer wollte?

Und wenn das nun Manuela war ... Warum nicht Manuela?

So gut wie jede andere war Manuela. Wenn nicht sogar besser, mit unseren Vorkenntnissen.

 

Nein, mein Tagebuch!

Der Gedanke, ich könnte Mittelpunkt einer Horrorgeschichte sein, der wäre mir während diesen Augenblicken nie gekommen. Tatsächlich, wie hätte der mir da kommen können, sollen?

Bitte, wer hätte einen solchen Einfall gehabt?

Es war wirklich der aller-, allerschönste Sommertag. Nachmittag hatten wir. Sonnenschein pur am hellichten Tag, blauer Himmel.

Die Welt, für jeden klar, deutlich, übersichtlich.

Nein, ich hatte keine merkwürdigen Einfälle, Tagebuch. Nicht einen einzigen. Hatte ich einfach nicht.

Nie im Leben.

 

Von solcherart Gedankengängen, wie sie mich heute, im Hier und Jetzt umtreiben, war ich während diesen Augenblicken dermaßen weit entfernt.

Nicht ansatzweise, daß mir irgendwas in Manuelas Gegenwart eingefallen wäre, was mir den Sommernachmittag versauen hätte können. Keine Mißstimmung nirgendwo.

Warum hätte es denn anders sein sollen? Woher denn?

Ich bitte doch sehr!

Erst heute ist mein Horizont in der Hinsicht geweitet, schaut für mich alles anders aus. Sind die Sachen so in meinem Kopf. Hat mich die Eintrübung überwältigt.

 

Nicht nur die Betrübung. Heute, regelrecht der Horror, der mich überkommen hat.

Das böse Ding, das ist mir in jeden Winkel meines Bewußtseins gekrochen.

Es hat die spitze Waffe blankgezogen. Spitzig sticht es in mir herum.

Auf Dauerattacke.

 

*

 

 

Siebzehnter Juli, Du, mein Tagebuch. Wieder Dich aufgeklickt.

Halb vier Uhr in der Nacht. Genaue Uhrzeit: 03:41.

 

Gähnzwang, Tagebuch.

Weil ich in einer Tour gähnen mußte, bin ich hier weg. Hatte mich auf mein Bett gelegt.

 

Die Dauergähnerei. Eine ekelhafte, lästige Sache.

Wer so was noch nicht gehabt hatte, glaubt es nicht.

 

Im Dunkel bin bei mir am Bett herumgelegen, hab gegähnt.

Gegähnt.

Bis es tatsächlich aufgehört hat. Bis jetzt.

Das heißt, ich meine, vereinzelt gähne ich immer noch. Es ist damit nur nicht so schlimm, wie es zuvor war.

 

Hatte überlegt, Tagebuch, im Bett liegenzubleiben, nachdem ich schon tranig dort herumlag.

Aber dann, dann habe ich mich zu wälzen angefangen. Von einer Seite zur anderen.

In der Schlafanzughose. Ohne Decke.

Ist ja auch eine heiße, schwül drückende Nacht. Trotz offenem Fenster.

 

Flugviecher kommen mir zum Glück keine ins Zimmer herein.

Wegen dem Schutzgitter, das ich vor dem Fenster angebracht habe.

 

Wenigstens etwas, das nicht rein kann zu mir.

Um mich im Liegen oder Sitzen zu belästigen.

Über mich drüberzulaufen. Mich zu stechen, Blut bei mir zu saugen. Bei mir Blut zu saugen.

 

Sonst aber ...

Die Ängste. Die Niedergeschlagenheit. Druck lastet auf mir.

Mensch, Mensch!

Was wäre das heute für eine Welt für mich, hätte ich Manuela nicht vorm Unteren getroffen?

Das wäre tatsächlich eine ganz andre Welt für mich als die jetzige. Meine normale.

Nur, habe ich dieses unglaubliche, unfaßliche Unglück haben müssen, Manuela zu begegnen.

So was von einem Ding, daß das ist.

 

Sonst, was wüßte ich heute von Manuela? Von dieser Manuela? Überhaupt nichts.

Fern meines bewußten Denkens wäre Manuela mir.

Dort, wo Manuela vorher war. Vor diesem Nachmittag.

 

Nur, leider - am Unteren, da war Manuela, bei mir gegenwärtig, präsent.

Knapp bei mir hatte Manuela sich aufgebaut.

Manuelas Sackminikleid. Nackte Beine, Manuela.

Fast nichts, das Manuela anhatte.

 

Beim Unteren war Manuela leibhaftig an mich rangekommen.

Echt wahr.

Es ist nicht zu fassen.

 

*

 

 

Siebzehnter Juli, Tagebuch aufgeklickt.

Das gleiche wie vorhin. Genaue Uhrzeit jetzt: 04:23 Uhr.

 

Weiß nicht, liebes Tagebuch, warum ich einen neuen Eintrag aufmache. Könnte doch einfach beim anderen fortsetzen, oder?

 

Nun ist es der hier ...

 

Nein, mein Tagebuch, so war das leider nicht. An dem Nachmittag. Sommernachmittag. Bei herrlichstem Sonnenschein. Manuela, die hat mich nicht einfach wieder stehenlassen. Bei mir ist Manuela weiter herumgestanden, da beim Friseurladen, am Eck nahe beim Unteren.

Bei mir stehengeblieben ist Manuela, obwohl ich in der Vergangenheit eine Person war, die Manuela nicht mehr gepaßt hatte. Weil ich Soldat hatte werden müssen. Etwas, was so überhaupt nicht nach Manuelas Geschmack war.

Der Trennungsgrund von Manuela und mir war das.

Deswegen haben Manuela und ich uns vor zehn Jahren getrennt.

 

Bloß, nicht das bißchen, daß Manuela sich groß nahe dem Unteren daran erinnert hat. Bei mir verweilte Manuela. Manuela, der kam nicht in den Sinn, mir ein schales, kurzes Abschiedswort hinzusprechen und in ihrem knapp die Hüfte bedeckenden, schwarzglänzenden Samtsackkleidchen auf ihren wohlgeformten Beinen davonzuschweben. Auf und davon. Wohin auch immer. Zumindest fort aus meiner unmittelbaren Umgebung.

Auf gut Deutsch gesagt, liebes Tagebuch: Das war es nicht schnell wieder, das mit mir und Manuela.

Mir vor den Augen ist Manuela geblieben.

 

Körperlich manifestiert. Für mich greifbar.

Denke schließlich, daß ich Manuela angefaßt hätte. Im weiteren Verlauf der nachmittäglichen Ereignisse.

Unglaublicherweise.

Voll unglaublich.

Wer glaubt mir so was, wenn ich ihm das heute auftische und er die gesamte Geschichte überblickt?

 

Deswegen ist das etwas Großes, das mit Manuela, das ich nicht verstehen kann.

Wie mir das mit Manuela passieren kann, das liegt mir schwer auf der Seele.

Eine geistige Last ist das.

Es zieht mich in einen schwarzen Abgrund hinunter. Die Sogkraft eines schwarzen Lochs.

Schlaflos, unruhig macht mich das mit Manuela. Nahe an den Irrsinn bringt es mich.

Bewirkt bei mir Schlaflosigkeit bei Tag und bei Nacht.

 

Die ewig gleichen kreiselnden Fragen. Eine Qual ist das in meinem Kopf.

Ständig das, daran zu denken. Was das war, das mit Manuela. Warum war das? Wie kann Manuela das denn sein, daß Manuela das kann, mir gegenüberstehen, wenn sie ...?

Wie kann Manuela das bringen? Wie kann jemand das?

Das geht doch nicht.

 

Ist das so gewesen, vor Monaten, bei Manuela, dann ...

Hätte ich nur die leiseste Ahnung.

Trotzdem ... Der Grund, warum Manuela das mit mir anstellt, mich dermaßen hernehmen kann, nicht recht für einsehbar.

Die Erscheinung Manuelas - bei mir ...

Verstehe es nicht.

Kann ich nämlich nicht sagen, daß ich Manuela in der Gegenwart nahegestanden wäre. Zig andere gab es, die ihr da näherstanden als zum Beispiel ich.

Bei denen sollte Manuela doch eher manifest werden, als mir.

Schließlich, eine ewige Zeit her, daß ich mit Manuela und Manuela mit mir. Für eine Liebesgeschichte. Mit dazu passender Bettakrobatik. Sex.

Jedoch, kaum mehr wahr heute. Kaum mehr wahr, dermaßen lang war das her.

Kann das nur wiederholen: Zehn Jahre, im Grunde genommen ist das ewig Zeit. Zehn Jahre sind ewig vergangene Zeit. Jene Tage - könnten nichts als Lüge sein.

 

Genau, liebes Tagebuch, die Frage der Fragen.

Zentral am Platz.

Gestern war das die Frage, vorgestern, vorvorgestern.

Praktisch alle paar Augenblicke, daß sich mir die Frage stellt.

Da zwitschert sich mir eins. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Warum ist Manuela da bei mir da? Wenn es ein Ding der Unmöglichkeit ist, daß Manuela bei mir da sein kann.

 

Was dann an dem Nachmittag weiter los war bei Manuela und mir, fragst Du, verehrtes Tagebuch?

Ich spreche mit Manuela. Höre Manuela mit mir sprechen.

Und das, warum ich das kann, mit Manuela einige Runden daherzuschwätzen - das ist das Problem. Eben das Problem.

Heute sind mir meine Szenen mit Manuela unbegreiflich.

Mit dem Auftauchen Manuelas fängt der Horrorfilm total an.

Da war Manuela dort bei mir. Und ich und Manuela, wir sind dann von Glasscheibenfront des Friseurladen am Straßeneck nahe vom Unteren weggegangen, Tagebuch.

Damit haben wir beide angefangen, Manuela und ich, gemeinsam in der Stadt spazierenzugehen.

Es gab außerdem Text zwischen Manuela und mir. Gesprochenen, mit Gesten untermauerten Text.

Das fällt mir ein, seitlich nach Manuela herunterschauend, Manuela hinzusagen. Das habe ich ungefähr bei Manuela gesprochen ...

Ich sage zu Manuela: 'Es ist Volksfest. Morgen geh ich da hin. Morgen abend. Mit meinem Vater und den Leuten vom Kegelverein. Dort trink ich im Bierzelt den einen oder andern Krug ...'

Manuela schaut zu mir her rüber und hoch, die Mundwinkel heruntergezogen. Manuela spricht mir herauf: 'Volksfest, eh? Du gehst aufs Volksfest? Aufs Volksfest gehen nur die doofesten Macker. Die Idioten lassen sich da vollaufen als gäbs kein Morgen. Sind die Lackaffen dann in Stimmung, pöbeln sie. Dreschen auf Leute ein, die ihnen nichts getan haben. Nur, weil ihnen ein Gesicht nicht paßt, hauen die Saufköpfe zu."

Ich empöre mich leicht. Ich: 'Bin kein Macker. Und auch kein Lackaffe. Saufkopf bin ich auch keiner.'

Manuela: 'Aber - he! -, ein Alkie bist du schon ...? Würdest nicht von dir sagen, daß du kein Alkie bist, oder? Du bist doch ein Alkie, oder? Bist doch einer, ein Alkie, nicht? Jetzt, im Moment, hast du auch Alk im Blut, nicht? Mag keine mit Alk im Blut. Alkies - bäh!'

Ich: 'Puh! Alkies - bäh! He, warum soll ich ein Alkie sein?'

Manuela: 'Wenn wer viel säuft, ist er ein Alkie. Daß dir das nicht klar ist?'

Ich: 'Du willst behaupten, wenn ich morgen aufs Volksfest geh, den einen oder andren Krug Bier dort am Volksfestplatz heb, deswegen bin ich ein Alkie? Mann, ich sauf doch nicht jeden Tag bis zum Abwinken ...'

Manuela: 'Was weiß ich, wie viele Flaschen du dir am Tag hinter die Binde kippst ... Ein Alkie bist du auf jeden Fall. Schaust ganz wie einer aus. Wieviel Alk hast du gerade im Blut, Alkie?'

Ich: 'Hehe! Hör mal, ich bin nüchtern. Ich geh morgen abend mit den Leuten von meinem Kegelverein aufs Volksfest. Mit denen mach ich einen drauf, morgen. Das wird lustig werden, denk ich. Sag bloß, du magst es nicht, wenns wo lustig ist? Du magst keinen Spaß? Du bist eine Spaßbremse? Hab nur gedacht, wenn wir uns heute treffen, könnten wir uns auch morgen wieder wiedertreffen. Auf dem Volksfest. Oder darf ich da nicht dran denken?'

Manuela: 'Klar mag ich Spaß. Davon red ich nicht. Ich mag nur keinen Spaß mit Alk. Alk kann ich nicht leiden, Alkie! Hat einer Alk im Blut ... Alkies mit Alk im Blut, nur in der Not ...'

 

Na, an diesen Worten, die ich hier wiedergebe, ist erst mal nichts auf irgendeine Weise unheimlich, Tagebuch, nicht?

Würde sagen, Manuela und ich, wir sind uns, über den Daumen gepeilt, während wir das oben daherreden, nicht sehr nahe. Jeder von uns beiden Hübschen könnte jede Sekunde in eine andere Richtung gehen, nicht?

Einige längere Momentchen haben Manuela und ich beim Längsspazieren auch durch die Gegend geschwiegen, liebes Tagebuch. Stumm, daß Manuela und ich nebeneinander die nächsten Meter unseres gemeinsamen Weges bewältigt haben.

Keineswegs jedoch, daß Manuela deswegen die Absicht hatte, nach der Seite auszuscheren und mir aus der Umgebung davonzumachen.

Bei mir und auf meinem Gehweg ist Manuela geblieben.

Obwohl ich doch ein Alkie war ... Manuela mochte keinen mit Alk im Blut ...

 

Echt wahr, liebes Tagebuch, die Wendung, die das Ding zwischen Manuela und mir dort unvermittelt nahm, die wollte mir im Laufe jener Momente so überhaupt nicht in den Kram passen.

Daß ich und Manuela uns auf eine dämliche Tour anflözten, das mußte sich schnellstens wieder ändern.

Das durfte nicht möglich sein - jedenfalls nicht, solange ich nicht schon auf Manuela draufgelegen war. Mich zwischen Manuelas Beinen reingeschoben hatte. Für ein-, zweimal.

Wenn das dann aber passiert war, daß ich und Manuela uns wieder getrennt hatten, um unserer eigener Wege zu gehen. Danach. Nachdem wir unseren Spaß hatten. Dann konnte alles mögliche sein.

Auch gut für einen alles beschließenden Wegsacker. Ein paar Stunden aneinandergekuschelt gewesen, um sich nicht wiederzusehen.

Was morgen, übermorgen wieder zwischen Manuela und mir war, das stand wirklich auf einem ganz anderen Blatt. Einem ganz anderen. Großer Unterschied konnte das sein.

Aber erst mal wollte ich Manuela haben. In der Reihenfolge. Erst das eine, dann das andere. Und nicht das andere zuerst.

So mußte ich das sehen, es auf die Art hinbekommen. Darauf habe ich mich dort beim Spaziergang mit Manuela aufmerksam gemacht.

 

Jetzt, jetzt wäre es mein sehnlichster Wunsch, verehrtes Tagebuch, Manuela hätte das bei mir angebracht, wäre da schon unvermittelt von mir weggegangen. Hätte einfach abgedreht und wäre weggegangen, von mir, SIE, Manuela.

Bloß, Manuela, SIE ist nicht bei mir weg. Nicht bereits da.

Leider ist Manuela bei mir dageblieben.

 

*

 

 

Siebzehnter Juli, Du, mein Tagebuch!

Zwei Uhr am Nachmittag. 14:01 Uhr

 

Mann!

Habe das Pastagericht, das mir der Mann von dem Pizzadienst mit dem schönen Namen Pizza Basta um halb ein Uhr rum an der Haustüre - an der ich ihm selber aufgemacht habe, alles in Empfang zu nehmen, zu bezahlen - abgeliefert hat, weggeputzt.

Obwohl ich vorher dachte, ich hätte Appetitlosigkeit, könnte nicht viel von einem Essen hinunterkriegen. Es wäre ein Fehler, mir was zu bestellen, das mir anliefern zu lassen, dafür zu bezahlen.

 

Na gut, jetzt ist es gegessen. War eine nette Portion.

Hat auch richtig gut geschmeckt.

Gutes Essen. Darüber kann ich mich nicht beschweren.

 

Das langweilt Dich, was ich Dir hier eben hintippe, sagst Du, Tagebuch? Du fragst mich nach dem, was heute sonst schon bei mir los war? Du willst die wirklich interessanten Sachen wissen, nicht den Müll ...

Tja, Müll ...? Was ist das, Müll ...?

 

Zunächst mal ist das von Interesse, das heute in der Früh. So um zehn vor halb sieben Uhr rum. Obwohl, auch ganz schöne Müll-Gegend, das.   

Also ... Heute am frühen Morgen, da war bei mir wieder die Hölle ausgebrochen. Mit mir mittendrinnen.

Mein Vati, der hatte mir mein Zimmer geentert. Stürmisch.

Vergleichbar mit dem gestern war das.

 

Diesesmal drehte sich die Angelegenheit Vatis nicht um Mutti, sondern es ging um mein Auto.

Erst mal wurde von Vati angesprochen, wie mein Auto aussehen würde. Zwei riesengroße Dellen. Die eine hinten rechts am Heck; die andere in der rechten Seitentüre auf der Beifahrerseite. Dazu: die langen, breiten Kratzstreifen im Lack.

Hätte ich irgendwo einen größeren Unfall gebaut?

Tatsache, das wollte mein Vati wissen. Darauf sollte ich ihm schnell Antwort geben. 

Habe meinem Vati jedoch nichts geantwortet, nur nach Vati hingeschaut, die Stirn zu ihm hin gerunzelt.

Mein Vati, der winkt zu mir hin ab. Alles meine Sache, mein Problem, was mit meiner Stinkkarre wäre, labert er. Zuschauen sollte ich aber, mein Wrack sofort wieder dorthin hinzustellen, wo es sonst auch steht. Nämlich neben der Straße geparkt, vorm Haus. Und nicht hinterm Haus geparkt. Hinten im Garten zwischen den Bäumen und beim dichten Gebüsch am Gartenzaun. Würde ganz schön dauern, wenn ich mit den vier Rädern wieder rausgefahren wäre, bis im Rasen die Abdrücke und Fahrspuren nicht mehr sichtbar wären. Vielleicht müßte er, Vati, umackern, neuen Rasen dort pflanzen.

Gestenreich habe ich Vati versichert, daß ich mein Auto noch heute am Vormittag in die Werkstatt bringen wollte. Darauf könnte er, mein Vati, sich verlassen, daß ich das machen würde. Mein Auto wäre nicht mehr dort im Garten, wenn er, Vati, von der Arbeit heimkäme.

Schön, dann war gut, mit dem lauten, aufgebrachten Gesülze meines Vaters. Weil mein alter Herr pünklich um halb sieben Uhr in die Arbeit abdüsen mußte, war hier Schnitt. Abgedreht hat er, abrupt.

 

In der Küche unten war Mutti am Schweigen und am Gucken. Zu mir komisch her.

Wenigstens hat Mutti mir am Herd Platz gemacht, daß ich die gußeiserne Schnabelkanne voll mit Wasser zum Aufkochen auf die Schnellkochplatte stellen konnte.

Am Küchentisch habe ich außerdem am Stuhl Mutti gegenüber sitzen dürfen. Um zu warten, bis das Wasser kocht.

Unvermittelt, daß es bei Mutti jedoch ausbrach. Mutti konnte es nicht beibehalten, den Mund geschlossen zu halten.

Die Mitteilung hat Mutti mir gemacht, daß sie Helen nicht hätte erreichen können. Ob die Handy-Nummer Helens überhaupt stimmen würde, die ich ihr auf dem Zettel aufgeschrieben gegeben hätte.

Sage ich launig zu Mutti, ich hätte ihr das gesagt, Helen könnte längst schon eine neue Nummer für ihr tragbares Telefon haben.

Nachdem sich Helen von mir getrennt hatte, seit dem Moment wüßte ich von nichts, was bei Helen los war. Ob Helen also in der letzten Zeit eine Nummernänderung bei ihrem Anbieter beantragt hatte, keine Ahnung hätte ich. Die Telefonnummer von Helens Eltern jedoch, die sollte zu einhundert Prozent wählbar sein. Mit der Möglichkeit, daß am andern Ende der Leitung jemand ranging, war jemand daheim. Helens Vati oder Helens Mutti.

Bei Helens Eltern ginge aber nie einer ans Telefon, erklärte mir Mutti. So oft sie, meine Mutti, es auch versucht hätte, bei Helens Eltern im Haus anzurufen, keiner wäre ihr bis jetzt ans Telefon gegangen.

 

Das, liebes Tagebuch, setzte Mutti mir auseinander, während ihr die Tränen dick die Wangen hinunterkullerten.

Dicke Tränen!

Habe ich meiner Mutti die Frage gestellt, was ich da dafür könnte, wenn bei Helen im Elternhaus keiner ans Telefon ranginge. Vielleicht waren Helens Eltern ein paar Tage irgendwo hingefahren. Helens Vati, Helens Mutti, beide waren Rentner. Was hatte ich viel Ahnung, was bei Helens Eltern die momentane Fernreise war. Auf welchem Traumschiff die derzeit unterwegs waren, darüber konnte ich doch nicht Bescheid wissen.

 

Bin bei meiner Geschichte geblieben, Tagebuch, die Schiene, Helen und ich, die habe ich nicht verlassen.

Die Dinge, die zwischen Helen und mir ungefähr abgegangen waren, die habe ich Mutti wiederholt.

Auch wenn ich vom Glauben abfallen wollte, wegen Mutti.

Wie kann Mutti das von mir denken, daß ich, ihr Bub, Helen was antun hätte können.

Böse über Helen drübergehen, ich - warum denn? Ich, Helen mit Gewalt zur Liebe zwingen? Habe ich das nötig? Ich, ihr Sohn?

 

Na ja. Stimmt schon. Möglich ist alles auf der Welt.

Mit mir könnte der Gaul durchgegangen sein. Mutti weiß, daß ich aufbrausend sein kann.

Muß zugeben, ich kann austicken.

War in der Lage, das eine oder anderemal zuzuhauen. Habe nach Helen geschlagen. Mit der flachen Hand. Der Faust.

Nur, DAS - das war nicht. DAS nicht.

 

Daß ich von ihr, Mutti, nichts mehr zu essen bekäme, das würde bleiben, meinte Mutti zu mir. Und Vati, der würde mich überhaupt gerne aus dem Haus draußen sehen. Dem wäre es lieber, wenn ich abfahren würde, hoch in mein Studentenwohnheimzimmer.

Diese Semesterferien, die könnte ich noch im Haus meiner Eltern bleiben, weil ich schon bald in die Semesterarbeit bei Mauth müßte. Nach dem nächsten Semester bräuchte ich aber nicht wieder zu meinen Eltern ins Haus zurückkommen. Auch nicht das Semester drauf. Nie wieder bräuchte ich heimfahren, wenn sich herausstellte, daß ich Helen irgendwas Schlimmes angetan hätte. Etwas, was ich nicht gerne zugeben würde.

Etwas, was keiner glaubt, daß ein anderer das einem wirklich antun könnte. Sie, Mutti, könnte das auch nicht von mir glauben.

 

Geflennt hat Mutti mir heute am Vormittag, Tagebuch, nicht auszuhalten.

Nicht auszuhalten.

Weiß nicht, wie ich den ganzen Matsch ruhig ertragen habe können.

Warum ich Mutti gegenüber nicht wieder schreiend ausgetickt bin, keine Ahnung. Nachdem ich die Tage zuvor schon mal nach meiner Mutti gefaßt hatte, Mutti herschubste. Meiner Mutti nur knapp keine mit der Faust verpaßt.

 

*

 

 

Siebzehnter Juli, mein Tagebuch aufgeklickt.

Nachmittags. Genaue Uhrzeit: 15:29 Uhr. Auf der Leiste des Rechners.

 

Welchen Wandel hat meine kleine Welt genommen, Tagebuch!

Beinahe schockierend, wie sich für mich Dinge geändert haben.

 

Bis vor ein paar Tagen noch hätte mein Vati nach einem Unfall von mir meinen Wagen in der Frühe genommen und wäre mit ihm in die Autowerkstätte Demme gefahren.

Weil die Autowerkstätte Demme sich fünf Fahrminuten vom Betrieb meines Vatis entfernt befindet. Mit Herrn Demme, dem Werkstattbesitzer, ist mein Vater außerdem seit der Schulzeit bekannt

Nach der Arbeit hätte Vati zu Herrn Demme in die Werkstatt hineingeschaut. Und, hätte sich das mit der Reparatur meines Fahrzeugs bei Herrn Demme verzögert, dort bei Herrn Demme ein Ersatzauto gekriegt. In dem wäre Vati dann heimwärts gefahren.

Mit dem Wagen hätte ich später dann auch den einen oder anderen Kilometer fahren dürfen, hätte ich schnell was zu erledigen gehabt. Oder hätte ich zu Mauth auf Arbeit müssen, hätte es für mich Nachtschicht gegeben.

Voriges Jahr war dem ja mal zwei Tage so.

 

Nachdem die Dämonen der Unterwelt sich heute bei mir guten Tag sagen - das weiter auch machen -, mußte ich selber in meinem Auto Richtung Automechanikerwerkstatt kutschieren.

Nach meiner nervigen Küchenkonservation mit Mutti habe ich die Distanz in ein paar Minuten bewältigt. Neun Uhr war es, daß ich von daheim fortgefahren bin.

Zu Vatis Kumpel Demme in die Werkstätte bin ich jedoch nicht abgereist.

Fällt mir nicht ein, einen guten Freund Vatis zu finanzieren. Wenn Vati Sachen gegen mich hat.

Zu Autorep.Heinz bin ich.

Eine Adresse, die ich im Netz gefunden hatte. Und der Fahrweg dorthin, zu Autorep.Heinz, war mir nicht unbekannt.

 

Dem Mechanikerfritzen der Werkstatt meiner Wahl - Autorep.Heinz - habe ich nicht lange um den heißen Brei herumgeredet.

Auseinandergesetzt habe ich dem Grinsegesicht-Menschen, was Sache war. Die Wahrheit eben.

Die ganze beschissene Wahrheit. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

Haarklein der Mechatroniker-Fresse bei Autorep.Heinz meine herausragende Geschichte beigebracht, ohne Wenn und Aber.

Die, die Du kennst, mein Tagebuch: Auf der Autobahn, daß ich Sekundenschlaf hatte. Lange, sehr lange Sekunden. Das mit den vier Rädern unten wäre mir nach rechts gegen die Leitplanke ausgebrochen. An der Planke längs hätte mir die Seite geschliffen. Die Dellen, die der Mechaniker sehen würde, hätte es dabei gegeben; die Hinterlassenschaften von größeren Einschlägen. Die waagrechten Längsstriche sieht ein Blinder.

 

Die Wangen aufgeblasen hat der gute Mann vom Mechatroniker-Trupp, angesichts von meiner Gegenwart und dem, was ich ihm da daherredete.

Ich hätte sie ihm, meinem Freund, ja auch gerne erspart, den gelaberten Text, der mir über die Lippen kam, dito. Aber nun, ich war am Quasseln, hatte das schon, mich zur Wahrheit entschlossen, nichts als die Wahrheit.

Schließlich ließ sich nichts mehr daran ändern, war alles von mir ausgesprochen. Draußen, freigesetzt in die Welt. Das mit dem wirklichen Geschehen auf der Autobahn. Keine Lüge.

Ein paar Sekündchen nur war ich weggetreten. Hatte das, Sekundenschlaf genannt.

 

Auf das viele Glück, das ich hatte, daß mein Lieblings-Mechatroniker dann zu sprechen kam.

Weil ja eigentlich nichts anderes als Blechschaden geschehen war.

Einen Abflug hätte ich machen können, mitten hinein in die Wildnis irgendwelchen Baumbestandes, Sträucherbewuchses.

Die Polizei, die müßte jedoch jetzt auf der Stelle verständigt werden, die von der Versicherung auch. Blieb nichts anderes übrig.

Das hat mein Freund von der Autowerkstätte wortreich gemeint.

 

Am liebsten wäre ich unverzüglich bei ihm wieder vom Gelände abgefahren, hinweg aus dem Einzugsgebiet von Autorep.Heinz.

Bloß, es zu spät. Es war nichts mehr mit Abreise.

'Einverstanden, einverstanden!' sage ich. 'Rufen wir dann bitte deswegen die Polizei an. Rufen wir die Polizei an. Stimmt schon, steht jetzt an allererster Stelle, mit jemandem von der Polizei zu reden ...'

Hinterhergenickt habe ich meinen Worten. Verflucht dem im Blaumann hingenickt, der Mechatroniker-Type alles zugegeben.

 

Beiläufigen Tones erkundige ich mich bei ihm, meinem neuen besten Kumpel, ob die Versicherungsgesellschaft denn von dem Schaden auf der Autobahn oder am Fahrzeug von mir irgendwas übernehmen würde.

Käme ganz drauf an, antwortet er mir. Wie es mit meinem Versicherungsschutz mal ausschauen würde? Wäre ich voll- oder teilversichert?

Nur noch teil, war meine Antwort; nur noch teil.

Hatte wegen eines selbstverursachten Auffahrunfalls beim Ausparken am Uniparkplatz im vorigen Jahr - April hatten wir - eine Herabstufung.

Daraufhin hat mein Gegenüber von der Mechanikergewerkschaft den Kopf geschüttelt. Teilte der mir mit, das wäre nicht gut; überhaupt nicht gut wäre das. Vollversicherung hätte ich schon haben müssen. So könnte es böse werden.

 

Es war zum Davonlaufen. Zum Davonlaufen war die Welt. Nur noch zum Davonlaufen war alles auf der Welt.

Ohne, daß ich bei Autorep.Heinz vor irgendwas weggerannt wäre.

Wo hätte ich mich jetzt noch hinflüchten sollen? Jetzt mußte ich da durch. Das volle Waschprogramm nehmen.

Mit dem Typen im fleckigen Blaumann bin ich in das Werkstattbüro gelatscht. Von der Telefonanlage dort aus habe ich die von der Polizei anrufen dürfen, während mir mein Freund beim Schwatzen zuschaute.

Geschwitzt habe ich. Der Schweiß ist mir nur so die Nase heruntergetropft. Als wäre das ein tropfender Wasserhahn.

Den Grund, den weißt du auch, Tagebuch. Mir war das Späßchen auf der Autobahn schließlich nicht heute erst passiert. Es war schon wieder ein paar Stunden vergangen, seitdem.

Gestern vormittag.

Unleugbar war die Geschichte ein Riesenproblem für mich. Ein ziemliches Problem, das ich hatte.

Ja, das sei schon Fahrerflucht, die Information des Polizeibeamten. Einen Unfall meldete man am besten sofort. Nicht erst tags drauf. Oder eine Woche später.

Eine Nachricht, mit der ich gerechnet habe. Mußte damit rechnen, das erzählt zu bekommen.

Eine Fall fürs Verkehrsgericht sei das, sagte der Polizist am anderen Ende der Leitung. An einer Anzeige gegen mich führte kein Weg vorbei.

Meine ganzen nötigen Lebensdaten mußte ich dem Polizeibeamten in der Folge telefonisch durchgeben.

Aufs Präsidium müßte ich gleich ebenfalls noch kommen, fügte die Männerstimme an. Am besten im Laufe der nächsten ein, zwei Stunden. In Person. Leibhaftig.

Hui, persönlicher Polizeikontakt! Eineinhalb Stunden später hatte ich den.

 

Die Dame von der Versicherung, der ich die Geschichte, was mit mir und meinem Wagen auf der Autobahn war, am Telefonhörer auseinandergesetzt habe, hat gemeint, ihre Gesellschaft würde sich mit mir in Verbindung setzen, sobald man sämtliche Unterlagen von der Polizei hätte und ein Sachverständiger den Autobahnleitplankenschaden offiziell bewertet hätte.

Die möglichen Kosten für das Auswechseln von Autobahnleitplankenteilen und wieviel Anteil an der Schadenssumme die Versicherung dabei übernehmen würde, all das würde nach dem Urteil des Sachverständigen berechnet werden. Über alles würde ich Mitteilung bekommen.

Direkt sagen könnte sie mir dazu am Telefon darüber nichts. Sie wolle keine Einschätzung abgeben; täte ihr sehr leid. Auch nicht, was die Zahl der Punkte angeht, die ich bekommen könnte. Da müßte ich ein paar Tage Geduld haben.

 

Menschenskind, Tagebuch!

Das sehe ich mich schon, wie ich wegen der Schadenssumme auf der Bank einen Scheißdreckkredit aufnehmen möchte. Bankleute, die mich doof anstieren, weil ich das will.

Was will der doofe Student da bei uns? Einen Kredit will der?

Echt wahr, der will 'nen Kredit?

 

Die Anfrage des Mechatroniker-Menschen in seinem blaufleckigen Arbeitsanzug, der mir die ganze Zeit meiner Telefonierei nahe war - als ob er mich bewachen würde -: Sollen sie in der Werkstatt das Fahrzeug reparieren? Sollte dann sofort mit der Reparatur begonnen werden?

Dem habe ich heftig widersprochen.

Zuerst mal wollte ich schwarz auf weiß einen genauen Kostenvoranschlag mit Unterschrift sehen, ehe die sich an die Arbeit machten, die Mechanikerleute dort. Eine Übersicht dessen, was das mich ganz genau kostet, was an Beschädigung an meinem Wagen festgestellt würde, etwa, den Lackschaden beheben, das mit dem Ausbeulen, der generellen Fahrzeugsüberprüfung etcetera.

 

Hatte total kein Bedürfnis mehr, noch länger bei denen in der Werkstätte zu verweilen, mußte zur Polizeistation weiter. War der Werkstatt-Chef - Herr Heinz - zurückgekommen, konnte man mich ja anrufen, halte ich den Herrschaften, die mich im Blick hatten, fest.

Habe also mein Auto bei denen in der Werkstatt stehenlassen.

Brauchte den Wagen ja nicht dringend heute gleich wieder. Sondern im schlimmsten Fall spätestens erst nächste Woche. Bis dahin ...

 

Mannomann!

Wie das alles gelaufen war! Was sich alles abspielte!

Die Folgen, die sich aus dem Unglück meines Sekundenschlafs auf der Autobahn für mich ergaben, ganz unabsehbar.

Die Dauerfrage, was in meiner Hirnrinde umschlug: Hätte ich nicht besser Lügen auftischen sollen? Herumlügen, wie gestern noch von mir angedacht?

Statt dessen: ich mit der vollen Wahrheit. Nichts als der Wahrheit.

Ich, kühl gegen alles mit der Wahrheit.

Das Autowerkstattabenteuer war für mich vorübergegangen. Verwirrt, daß ich dort raustaumelte, bei Autorep.Heinz.

Weiß nicht, ob ich mich großartig von irgendwem von denen der Mechatroniker-Truppe dort drinnen bei Autorep.Heinz verabschiedet habe. Mußte auch nicht sein.

 

Im Taxi, als das für mich eingetroffen war, bin von Autorep.Heinz aus zur Polizei weitergereist. Für ein weiterführendes Interview mit diesen Damen und Herren.

Es war denn eine Dame. Eine weibliche Person in dunkelblauer Uniform, der ich gegenübergesessen bin. Frau Heidrun Kappes.

Frau Kappes hat gemeint, soweit sie die Sachlage überblicke, dürfte ich meinen Führerschein bis auf weiteres erst mal noch behalten. Müßte mich jedoch darauf vorbereiten, daß in der Angelegenheit eine Verhandlung vorm Verkehrsgericht anstünde. Ein ungemeldeter Autobahnsachschaden, weitergefahren bin ich, was mir als Fahrerflucht ausgelegt werden konnte ...

Das mit einem Führerscheinentzug für längere Zeit, das war in der Folge nicht auszuschließen. Mit bis zu drei Punkten mehr für mich drauf auf der Verkehrssünderkartei sollte ich zumindest rechnen. Fahrerflucht, das wäre kein Kavaliersdelikt.

 

*

 

 

Siebzehnter Juli, mein Tagebuch.

Weiter nachmittags, 16:53 Uhr.

 

Vati dürfte wieder im Haus sein, Tagebuch.

Bis zu dieser Sekunde hat sich mein Vater allerdings nicht bei mir oben im Zimmer blicken lassen.

 

Solange, bis Vati das nicht tut, er nicht zu mir heraufkommt, gibt es hier keine größeren Probleme.

Ereignet sich dann hier jedoch etwas, nachdem mein Vati heraufgelaufen gekommen ist, kommt es ganz drauf an, wie sich alles abspielt.

Wer dann am Schluß das meiste abkriegt ...

 

Erzähle ich Dir noch kurz von etwas, mein hochverehrtes Tagebuch ...

Kehren wir für einen Moment zu den Geschehnissen bei Autorep.Heinz zurück. Ich bin also auf wackeligen Beinen dort hinaus. Durch das offenstehende große Tor.

Nach links habe ich mich gewandt. Mich am hohen Lattenzaun aufgestellt, mein Phone herausgeholt.

Ich habe mir ein Taxi bestellt und am Gehsteig gewartet, daß das Fahrzeug mit Fahrer eintrifft. Um Richtung Polizeiinspektion chauffiert zu werden.

 

Prall hat die Sonne auf mich heruntergeschienen. Blauester Himmel war.

Ein Wetter, das in keinster Weise meinen Gefühlen entsprach. Wie es in meiner Gefühlswelt aussah, hätte es regnen können, herunterschütten.

Das Empfinden, das bei mir zuoberst vorherrschte, kann man gut mit den Worten Betrübtheit, Tristesse umschreiben.

Tränen habe ich fortgeblinzelt.

Weshalb ich auf das zurückkomme, mein Tagebuch: Immer mehr, daß ich dort auf weichen Knien am Teergehsteig herumgestelzt bin.

Beim mehrminütigen Warten ist mir die Welt immer ungemütlicher geworden. Richtig seltsam habe ich mich zu fühlen begonnen.  Unerfreulich unheimlich war mir zumute.

Fühlte mich angesehen. Beobachtet.

Wild in der Gegend habe ich am Ort herumgeschaut.

Ohne irgendwo in den einsehbaren Vorgärten der Umgebung direkt jemanden zu Gesicht kriegen.

Trotzdem hatte ich mit mir zu kämpfen, nicht mit tränenüberflossener, ängstlich verzerrter Grimasse durch das offene Zufahrtstor zu den Werkstattleuten aufs Gelände zurück hineinzulaufen.

Ganz nahe war ich dran, kreischend abzudrehen, zu denen von Autorep.Heinz hineinzustürmen.

Es wurde von Sekunde zu Sekunde schwieriger für mich, die anwesenden Herrschaften drinnen bei Autorep.Heinz nicht mit einem für sie kaum begreiflichen Hysterieanfall meiner Wenigkeit zu überraschen.

 

Wirklich, ich war am Flennen. Die Tränen sind mir die Wangen nur so hinuntergelaufen. Echte Angst war in mir. Gezittert hab ich.

Angesehen fühlte ich mich.

Da stand im Garten gegenüber mit ein bißchen Lücke zwischen sich und Gebüsch ein alter, hoher Apfelbaum mit dickem Stamm. Dieser Baum, den hatte ich ganz besonders im Auge.

Dorthin huschten meine Augen unablässig zurück.

Die Meinung hatte ich, da wäre jemand dahinter, hinter dem Baumstamm. Irgendwer, der mich von dort dahinter betrachten würde.

Da war auch tatsächlich zweimal etwas, das ich aus dem Augenwinkel bemerkte, als ich das nächstemal dorthin am Hingucken war.

Ein dunkles Huschen.

Eine Person auf Beobachtungsposten, die zurückzuckte?

 

Der reine Horror.

Mann, Tagebuch, ich dachte, SIE ... Wenn SIE das war.

SIE! SIE, die mich seit Tagen verrückt macht, SIE, die mich verfolgt.

SIE, Manuela!

Hatte schließlich einen Namen, der Scheiß.

Ich hab' gedacht, Tagebuch, Manuela, die könnte dazu durchaus in der Lage sein, mir irgendwohin nachzukommen. Um mich wieder mit ihrer Gegenwart zu überraschen.

Beim Lattenzaun von Autorep.Heinz fühlte ich mich frei für das nächste Überraschungsmoment. Zu einem neuen Treffen mit IHR könnte es kommen. Mit IHR, Manuela.

 

An den hohen, mit langen Latten gezimmerten Zaun, der das Werkstätteninnere vor meinen Blicken verbarg, habe ich mich mit dem Rücken anlehnen müssen, so dermaßen Wackelpuddingbeine hatte ich.

Keine Rede davon für mich, das bringen zu können, einfach die Straße rüberzuspazieren, auf dem gegenüberliegenden Gehsteig hinüber, dem gesträuchumwucherten Hausgartenbereich in seinen Einzelheiten der Verstecke zu berauben. Alles dahinter zu blicken, vor allem bei dem besagten alten Apfelbaum.

 

Dann war das Taxi plötzlich für mich da, mir endlich eingetroffen.

Die hinter dem Lenkrad eine blonde Frau.

Der Taxifahrerin habe ich gewunken. Überglücklich, daß die in ihrem Wagen da bei mir war.

Kaum, daß das Fahrzeug für mich anhielt, bin ich zur Beifahrertüre des Taxis gestürzt, habe die aufgerissen.

Mehrmals habe ich mich geräuspert, ehe ich artikulieren konnte, wohin die Fahrt gehen sollte.

 

Beim Abfahren im Taxi habe ich meinen Kopf nach links und schließlich nach hinten verdreht. Mit großen Augen dorthin gestarrt, immer in die Richtung von dem besagten Apfelbaum in diesem Schreckensgarten.

Von der Taxifahrerin war eine Kurve nach links zu steuern - da stand plötzlich, in dem neu entstandenen Blickwinkel, tatsächlich jemand in dem Garten.

Eine blonde junge Frau hinter dem Gartenzaun. Die das fahrende Taxi beobachtete.

Ein schwarzes Kleid hatte sie an. Ein Minirock.

Das Taxi war am Fahren - ein echt kurzes, flüchtiges Momentchen, daß ich diejenige echt bloß blickte.

Eine blondhaarige Braut war das. Gut, daß DIE Manuela sein hätte können.

Ohne weiteres SIE, Manuela!

 

Als hätte mich mein Gefühl nicht getäuscht. SIE, Manuela, war tatsächlich an dem Ort da für mich dagewesen. Alles keine Einbildung.

 

Oder - was war das, mein Tagebuch?

War SIE es doch nicht? Doch nicht SIE, Manuela?

Jedenfalls war das eine junge Frau mit langen, blonden Haaren.

Ihr Gesicht habe ich eigentlich nur kurz gesehen. Eben, nur im flüchtigen Vorbeifahren.

Ich meine, SIE könnte es gewesen sein.

Blondes Haar. Ganz in Schwarz. Schwarzer Mini.

 

Eine, die Manuela ähnelte?

Ohne weiteres Manuela, die dort, beim Apfelbaum?

Von hinter dem dicken Apfelbaumstamm her, daß SIE mich angeschaut hat.

Nur - was sollte das? Warum mich von dort dahinter bloß ansehen? Warum nicht direkt auf mich loskommen? Für ein neues Zusammentreffen mit mir?

 

Eine große Ähnlichkeit, daß die, die dort dastand, jedenfalls mit Manuela hatte.

Das heißt, wenn es nicht Manuela war.

Wenn DIE nicht Manuela war.

Keine Ahnung, warum.

 

Mensch, so froh war dann wohl selten jemand wie ich, im Taxi zum Polizeipräsidium gefahren zu werden. Dort anzukommen.

Lieber als alles andere sonst war mir das.

 

Mutti denkt, es wäre die Helen-Geschichte, die, die mich fertigmacht.

Davon, daß Mutti nicht runterkommen möchte, das anzunehmen.

Mutti ist der Meinung, daß sich irgendwas zwischen mir und Helen abgespielt hätte. Etwas, das so schlimm gewesen wäre, daß es mich heute schwer in Mitleidenschaft hernimmt.

Ein schlechtes Gewissen, daß ich wegen irgendwas bei Helen hätte.

Vielleicht aus dem einen, bestimmten Grund, weil ich unschöne Sachen mit Helen angestellt hätte. Wovon sie, Mutti, nur nicht alles ganz genau wüßte. In Erfahrung bringen müßte sie es, meine Mutti.

So was Böses, daß er, ihr Sohn, sein Geheimnis lieber für sich behält. Damit einfach nicht herausrücken möchte, so sehr ihm die Geschichte auch zusetzt.

Ist mir schließlich anzusehen, daß da was ist. So unausgeschlafen, miserabel, wie ich aussehe.

 

Dabei ist das nicht Helen. 

Die, die mich fertigmacht, heißt nicht Helen. Sondern Manuela.

Manuela heißt die.

Es ist die Geschichte mit Manuela. Die Manuela-Geschichte.

Die, die mir vorn sitzt.

Seit jenem Nachmittag da in der Stadt.

Obwohl blauer Himmel war ... 

Ein heißer, bei gleißendem Sonnenschein bestens ausgeleuchteter Tag. Der zehnte Juli.

 

Ich war in der Lage, Manuela leibhaftig zu sehen. Habe am zehnten Juli Kleinigkeiten mit Manuela erleben können.

Obwohl Manuela ...

Obwohl Manuela ...

 

Das werde ich Dir aber noch ganz genau erörtern, mein hochverehrtes Tagebuch.

Ganz genau breite ich alle Einzelheiten vor und in Dir aus.

Den allerkleinsten Fetzen Erinnerung werde ich hier in dieser Datei festhalten. Speicherplatz wird das einnehmen.

 

Das ist echt die Tatsache, Manuela und die Möglichkeit der Gegenwart Manuelas, es hat mich in Arbeit.

Das ist das, was mich in der Mangel hat.

Ein Ding, das hat bei mir reingehauen.

Mit dem werde ich nicht locker fertig. Schaut beinahe aus, als sollte ich mir professionelle Hilfe suchen. Mit dem fertigwerden zu können, daß Manuela ...

Daß Manuela mir erscheinen hat können, Tagebuch. Vielleicht, daß mir Manueals demnächst noch mal erscheint. Wie Manuela mir vorm Unteren erschienen ist.

 

Seit dem zehnten Juli sind alle Dinge möglich, auch die unmöglichsten, liebes Tagebuch, sage ich Dir.

Kann sein, daß Manuela das in diesem Garten gegenüber von Autorep.Heinz war. Daß SIE das tatsächlich war.

SIE, mich am Beobachten.

 

*

 

 

 

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