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Blog von TeddeMehr

"Das digitale Tagebuch" (03.07. - 17.07.), No. 1

26. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

"So, liebes Tagebuch!

Heute ist der dritte Juli, 22:16 Uhr.

 

Ich habe mich entschieden, Dich, mein Tagebuch, auf meinem Rechner hier anzulegen.

Einiges für mich aufzuschreiben. In der Form eines Tagebuchs.

Vielleicht, um irgendwann später in der Zukunft zu schauen, was die Tage so in meinem Leben los war. Oder so.

Sind ein paar Geschehnisse aus den letzten Wochen, Monaten, die sich in mir aufgestaut haben. Gut dafür, was davon hier hineinzuschreiben, zu reflektieren.

 

Erinnere mich, das letztemal, als ich so was mal gemacht habe, ein bißchen Tagebuch geschrieben hatte, war ich vierzehn.

Egal.

Es ist meine feste Absicht, verehrtes Tagebuch, täglich mindestens einmal in Dir zu schreiben.

 

 

 Verschiedenes drängt sich vor, will heraus. Womit fange ich jetzt unmittelbar an, für den Einstieg?

 Erst mal damit, daß ich heute am späten Nachmittag nach acht Stunden Fahrt in meinem Wagen im Haus meiner Eltern angekommen bin. Halb sechs.

Eigentlich wollte ich das erst am dreiundzwanzigsten Juli, heimkommen. Der dreiundzwanzigste Juli war der fix angedachte Abfahrtermin.

 

Aber, es hat dann doch keinerlei Veranlassung für mich gegeben, unbedingt bis zum dreiundzwanzigsten Juli oben zu bleiben.

 Die Semesterprüfungen sind alle geschrieben - und ob der Schein für die Passage gemacht ist, das werde ich am Beginn des nächsten Semesters schon feststellen, wenn ich mir die Pinnwand mit den Namen anschaue.

Jedenfalls habe ich ein Gefühl, das gut dafür ist.

Etwas anderes muß nicht sein. Mehr brauche ich nicht.

 

So ist das, sehr geehrtes Tagebuch, so ist das.

Eigentlich wäre ich bis zum Dreiundzwanzigsten droben geblieben. Tagsüber hätte ich Vorlesungen besucht, die für das nächste Semester sind, am Abend interessehalber Kurse belegt ...

 Jetzt fragt es sich gerade, mein Tagebuch, warum ist er denn nur schon zu seinen Eltern heimgefahren? Was soll das hier, diese Tipperei in mir?

Ja, das hat schon seinen Grund, daß ich abgefahren bin.

Einen guten.

 

Links von der Tastatur habe ich einen Goldring liegen. Rechts von der Tastatur.

So was von goldig, die Ringe. Goldener Glanz. Echtes Gold.

Der linke goldene Ring, das ist der meine. Mein Name und der Helens eingraviert.

Der rechte, der ist der von Helen. Helens und mein Name graviert.

Beide Ringe mit Datum. Dem Datum meiner Verlobung mit Helen.

Seit dem fünfzehnten Dezember letzten Jahres war ich mit Helen verlobt. Also seit über einem halben Jahr.

Zu einer Entlobung Helens und mir war es nicht gekommen.

 

Bis letzten Samstag.

Am Samstag habe ich am späten Vormittag drunten bei mir im Wohnheim mein Postfach aufgesperrt. Für die Post für mich, die drinnen war.

Unter anderem war da ein blaufarbenes Brieflein mit dabei.

Ein blauer Brief.

Auf dem blauen Briefumschlag war mein Name mit rotem Filzstift draufgeschrieben. Weiter nichts.

Natürlich kannte ich die Schrift sofort.

Die Schönschrift Helens.

 

Na, Tagebuch?

Denkt mein verehrtes Tagebuch mit? Alles klar für Dich, Tagebuch?

 

Stimmt alles genau!

In dem blauen Briefumschlag war der goldene Ring. Der Ring, der mich beim Juwelier sechs Zweihunderterscheine und ein paar Zerquetschte gekostet hatte.

Mein Verlobungsring. Den, den ich Helen an den Finger gesteckt hatte.

 

Überhaupt nicht mißzuverstehen, das mit dem Ring in dem blauen Brief, oder?

Blauer Brief ...

Ein blauer Brief. An mich. Von Helen.

Blauer Brief von Helen an mich. Helen schickt mir einen blauen Brief.

Obwohl, geschickt, kann man nicht direkt sagen. Auf ihren beiden Beinen ist Helen bei mir unten ins Wohnheim hineinspaziert, hat, um sich das Porto zu sparen, das blaue Brieflein selber bei mir in den Briefkastenschlitz eingeschoben.

 

Deswegen habe ich gestern abend mein Zeug gepackt, bin heute nach Hause abgefahren. Zu meinen Eltern hinunter. 

Aus dem Grund bin ich in mein altes Elternhaus zurück. Fast wie eine Flucht aus der Welt droben.

Ich konnt's in der oberen Welt tatsächlich nicht mehr aushalten.

Die Möglichkeit, Helen unvermittelt irgendwo wiederzutreffen. Die Vorstellung, Helen noch mal über dem Weg zu laufen.

 

Helen und ich, wir stehen uns gegenüber, Helen oder ich, einer von uns macht den Mund auf ... Das eine gibt das andere ... Ich bin der, ich ticke aus ... Wieder bin ich der, der austickt, während Helen, die Arme ... Freundinnenschultern trösten Helen ...

Unerträglich.

Darauf kann ich gut verzichten, Helen in der Mensa oder sonstwo, wo wir uns zwangsläufig oder zufällig begegnen, die nächste unschöne Szene zu machen. Etwas, was eher ein schlechtes Licht auf mich wirft als auf Helen.

Daß man mir eine in die Visage hauen möchte ... Wie ich letztens von einem Bruder Lailas nur knapp keine heftiger abgekriegt habe.

Deshalb habe ich den Entschluß gefaßt, den, gestern am Nachmittag den Wagentank für die Reise vollzumachen und heute früh morgens abzufahren.

 Sollte es zwischen mir und Helen noch mal irgendwelche Kleinigkeiten zu bereden geben, dann bitte das nächste Semester. Im Laufe des nächsten Semesters.

Nur, das glaube ich bestimmt, daß Helen und ich uns nichts mehr zu sagen haben. Freiwillig melde ich mich bei der nicht. Fällt mir überhaupt nicht ein.

 

Wenn ich mir das überlege, verehrtes Tagebuch, daß Helen und ich seit Mitte Dezember letzten Jahres die Absicht hatten, im Laufe der folgenden Monate miteinander zu meinen Eltern herunterzufahren ...

Spätestens im Juli - dieser Monat jetzt - wollte ich meinen Eltern Helen endlich wirklich persönlich vorgestellt haben. Wozu es die Jahre zuvor aus diversen, jetzt unwichtigen Gründen nie gekommen war.

Gleichzeitig war im Dezember, Januar rum noch geplant, einen standesamtlichen Heiratstermin für uns - für Helen und mich - anzufragen.

Nun, das Standesamt bei mir in der größeren Stadt hier.

Ein Datum, zunächst entweder bis Ende des letzten Wintersemesters. Dann aber zu einhundert Prozent bis spätestens anfangs des Sommersemesters. Den Monat, den wir momentan haben.

 

Ging die Monate rum da jedoch schon Verschütt, eventuell am Standesamt für einen Termin ...

Die kirchliche Hochzeit, die sich besonders Helen mit allem Pipapo gewünscht hatte, die sollten dann Helens Eltern vorbereiten, ausrichten.

Bei Helen in der Heimatstadt ...

Darüber wurde jedoch ebenfalls länger nicht mehr gesprochen, daß Helen und ich diesen Sommer kirchlich heiraten hätten wollen ... Erst heiratet man schließlich standesamtlich, oder?

 

 

Noch was, liebes Tagesbuch, was ich hier erwähnen möchte. Gehört zum Thema ...

Am nächsten Ersten fange ich mit meinem Ferienjob an. Den bei Mauth. Wie eh und je hier.

Ich hatte Helen da bei Mauth eigentlich das gleiche besorgt. Für zwei Monate, daß Helen bei Mauth ...

Im letzten Jahr schon fest von Personaler Altdorf von Mauth zugesagt, daß Helen bei Mauth anfangen darf.

Das muß ich die folgenden Tage also absagen.

 

He, Tagebuch, Du lachst? Höre ich Dich lachen?

Hör mal, liebes Tagebuch, hier gibt's nichts zum Lachen!

Obwohl ...

So heftig kann ich Dir, Tagebuch, dann doch nicht widersprechen.

O ja, da ist schon was dabei. Was für viel Gelächter geht.

Mit mir mittendrinnen.

Mir als den Mittelpunkt. Den, den man auslacht.

 

Verlobt war ich mit Helen trotzdem noch. Noch monatelang.

Helen und ich, heiraten wollten wir dennoch immer noch. Zumindest die Idee, die Idee, die ließen wir weiterlaufen, Helen und ich. Als ob ...

 

*

 

 

Hallo, guten Morgen, liebes Tagebuch.

Heute ist der vierte Juli. Vormittags: 10:47 Uhr.

 

Um zehn bin ich aufgestanden.

Bin dann unter die Dusche. Habe mich angezogen.

Vorhin habe ich mir bei Mutti eine Tasse Kaffee besorgt.

Mit der Tasse links hier von der Tasta, habe ich mich vor den Monitor gehockt. Erst mal für Dich, Tagebuch.

 

Sage Dir, Tagebuch, ich bin mit der noch nicht fertig.

Bin mit der noch nicht fertig.

Mit ihr, Helen, bin ich noch nicht fertig. Mit Helen bin ich noch nicht fertig.

 Gestern habe ich ein bißchen erwähnt, Tagebuch, was Schönes beabsichtigt gewesen wäre. Was ich und Helen im Juli, nachdem wir zu meinen Eltern herabgefahren wären, losmachen hätten wollen. In Sachen "Heirat".

Wäre es nach der Planung im Dezember des letzten Jahres gegangen.

 

Um diese Zeit herum - ich meine jetzt, diese Zeit jetzt -, erst mal ein paar gemeinsame freie Tage. Helen und ich. Ich und Helen.

Schließlich: die Ferienarbeit. Helen und ich in derselben Firma. Bei Mauth.

Zwei Zimmer im Haus meiner Eltern hätten wir bewohnt, Helen und ich.

Ich das meine hier, mein altes Kinderzimmer.

Helen ihr eigenes Zimmer nebenan. Damit Helen ihre Ruhe gehabt hätte. Auch mal vor mir. Wenn Helen zum Beispiel für die nächste Semesterarbeit und anderes was tun hätte wollen.

 

So schön war seit Dezember alles vorausgedacht, liebes Tagebuch.

Schon im Dezember letzten Jahres, daß Helen und ich darüber gesprochen hatten.

Deswegen, Tagebuch, steigst Du jetzt aber noch lange nicht durch, was das war die vergangenen Monate. Seitdem Helen und ich uns verlobt hatten.

Die Frage, die sich Dir stellt, hochverehrtes Tagebuch: Wie konnte es zwischen mir und Helen so weit kommen, daß ich heute alleine in meinem alten Zimmer sitze?

Weit und breit keine Helen. Keine Helen nirgendwo.

Weder Helen noch ich, der den anderen standesamtlich geheiratet hat. Bis heute.

Von einer kirchlichen Eheschließung, ebenfalls keine Rede mehr.

Helens Eltern, die die Hochzeit sicher gerne ausgerichtet hätten. Mit allem Drum und Dran. So im nächsten Dezember, Januar.

 

Nur, daß vom Plan einer Eheschließung nichts in die Tat umgesetzt wurde. Nichts von dem, was seit dem fünfzehnten Dezember in Planung war. Nicht am Standesamt, nicht in der Kirche.

Fange ich mal damit an, damit sich Dir ungefähr etwas erklärt, Tagebuch ...

Gehen wir noch weiter zurück in die Vergangenheit. Als Helen und ich uns kennengelernt haben.

Bei unserer ersten Begegnung war Helen Erstsemester. Sicher nichts Falsches.

In der Mensa hat Helen mich angesprochen, zu mir herabgeredet. Gerade hatte ich, weit und breit alleine am langen Tisch, mit dem Essen angefangen, habe an einem Schnitzel gesäbelt.

Dies und das sollte ich Helen, die mich dafür ausgeguckt hatte, sich mit ihrem Tablett unmittelbar zu mir dazusetzte, erklären.

Helen, die mir da wie so ein kleines Mädel ankam, verunsichert, einsam, weit, weit fort von daheim.

Richtig verloren, Helen an dem Tag. Vollends desorientiert. Unglaublich, für Helen.

 

Meine Hand, die hat Helen gegriffen, als ich vom Tisch aufgestanden bin, weggehen wollte. Hatte schließlich zu Ende gegessen und mein Cola ausgetrunken. Für mich war das mit dem Mittagessen erledigt.

Helen meinte, ich sollte bei ihr bleiben. Ich sollte mich mich wieder neben sie hinsetzen.

'O la la' - habe ich mir am Ende dann gedacht, während ich auf Helen hinunterguckte.

So einen tiefen Ausschnitt hatte Helens Sommerpullover. Einen pinkfarbenen Büstenhalter, den Helen anhatte. Im Stehen hatte ich von oberhalb wirklich hübsche Einblicke. Überblickte weite Flächen.

Vielleicht, das dachte ich, wie man sich das eben so denkt, ergäbe sich für mich eine kleine Geschichte. Eine kleine Geschichte, die mit Sex zu tun hätte.

Habe ich mich schließlich erweicht, mich wieder zu Helen dazugehockt. Mußte am Ende doch für eine Weile nirgendwohin. Nichts, das bei mir unmittelbar gedrängt hätte.

 

Bald zweieinhalb Jahre heute her.

Nach der ersten Begegnung in der Mensa waren Helen und ich nicht sofort ineinander verliebt.

Erst haben Helen und ich uns noch drei Monate da und dort eher zufällig getroffen. Aber immer öfter. Bis Helen die war, die später am Nachmittag zu mir sagte, sie wolle mit mir mitgehen. Na, zu mir hoch. Mit mir hinauf, aufs Zimmer. Sie hätte Kondome.  

Ich hatte nichts gegen Kondome. Kondome waren gut, sie mir drüberzuziehen.

Die Tage drauf hat Helen zu mir gemeint, daß sie den Wunsch hätte, mich nicht so bald wieder aus den Augen zu verlieren.

Das habe ich Helen erwidert, daß ich wie sie fühlen würde. Bei mir wollte ich sie haben, sie, Helen. Weil ich sie, Helen, liebe. Sie liebe. Ich liebe sie, Helen. Ich hätte mich in sie, Helen, verliebt.

War ja auch der Fall.

 

Ab da waren Helen und ich fest zusammen, ein Paar. Andere nur noch zum Anschauen, beim Vorübergehen.

Ich verbrachte meine Zeit bei Helen. Oder Helen ihre bei mir im Wohnheimzimmer.

Echte Gefühle hatten Helen und ich füreinander. Ein handfestes Liebespaar, das Helen und ich wurden. Keine Geschichte, einzig auf das Sexuelle reduziert.

Wie soll ich das nun anfangen, Dir gegenüber, Tagebuch?

Das muß ich Dir mitteilen, in Dir festhalten, mein hochgeschätztes Tagebuch, daß Helen schon damals dabei war, viel in religiösen Bücher zu lesen. Jede Menge Religionszeug hat Helen gelesen.

Ich meine, Bücher über den Buddhismus. Hinduismus. Interpretationen zur Bibel. Geschichte des Christentums. Des Islams. Was Helen eben zu dem Thema untergekommen ist. Querbeet.

Viel diskutiert haben Helen und ich. In unserer Frühzeit.

Das heißt, Helen und ich zu zweit. Oder Helen und ich, zusammen mit anderen. In der Mensa. Den Cafés. Wochenends im Stadtpark. Wo's gerade schön war.

 

Nichts seit jener Zeit, das sich bei Helen geändert hatte, daß Helen immer in Buchwerken mit Religionsbezug geschmökert hat.

Sagte öfters mal zu Helen, warum sie eigentlich nicht Religion studiere, wenn Religion so ein Ding von ihr war.

Was dann aber passiert ist, irgendwann zuletzt, bei Helen. Etwas, was zum Überraschungsei Helens für mich wurde ...

Stell Dir das im ungefähren vor, liebes Tagebuch: Kaum ein paar Tage, daß Helen und ich uns am fünfzehnten Dezember abends verlobt und das mit Schampus gefeiert hatten, hat Helen angefangen, Kopftuch zu tragen. Quasi von einem Moment zum andern.

Nicht, weil Helen plötzlich totalen Haarausfall gehabt hätte, so was, daß ihr ein Friseurbesuch in die Hose gegangen wäre - nein, nein. Helen, mein hochverehrtes Tagebuch, trägt Kopftuch - aus religiösen Gründen. Als Symbol der Religionszugehörigkeit.

Mit dem schwarzen oder weißen Tuch auf dem Kopf hat Helen kundgetan, welchen Glauben sie hat.

 

Da denkt man, man kennt sich. Dinge müßten sich einem mitteilen, wenn man eng beisammen ist.

Die Verlobung hat man eben gemeinsam abgefeiert, war am Morgen mit einem Kater aufgewacht ...

Aber, nichts davon. Nichts habe ich irgendwie geahnt. Rein gar nichts.

Ich, wie einer, Tomaten auf den Augen, Brett vorm Kopf.

Die Entwicklung, die hat mich total überrascht. Ein echtes Knallbonbon war das, das Helen mir ausgewickelt hat.

Das Ding ist hochgegangen. Mit der Wirkung einer Bombe.

 

Bis zu den späten Abendstunden, daß Helen und ich Mitte Dezember in trauter Zweisamkeit Verlobung gefeiert hatten - nichts hatte darauf hingewiesen.

Ganz und gar die Ahnungslosigkeit in Reinkultur, ich.

Nur, mit meinem Verlobungsring an ihrem Finger schien Helen sich ihrer Sache und meiner Wenigkeit sicher. Als hätte Helen nur auf den passenden Moment gewartet. Und der schien Helen, ganz wie es für mich ausschaut, mit dem Zeitpunkt meiner und ihrer Verlobung der richtige zu sein. Ab da war Helen der Meinung, sie könnte das Abdecktuch wegziehen, mir das, was sie verbarg, freiweg präsentieren.

 

Zur Kopftuchträgerin ist Helen mir geworden.

Eine mit Kopftuch auf, im religiösen Sinn.

Richtig radikal veränderte sich Helen mir gegenüber.

'Radikal' ist genau das passende Wort dafür.

Vielleicht wäre ein anderes noch 'Häutung'.

Häutung, wie bei einer Schlange. Eine Schlange, die ihre alte Haut für eine neue abwirft.

Nach der Verlobungsfeier mit mir Mitte Dezember letzten Jahres hat Helen das ganz ähnlich gemacht, ist für eine neue Haut gegangen. 

 

Nicht nur das mit dem Kopftuch und ihrem ganzen Gesülze. Helen wollte plötzlich auch nicht mehr mit mir schlafen.

Ein paar Tage noch hat Helen mich abgespeist. Bis sich auch das aufhörte, daß Helen noch kurz die Hand zu Hilfe genommen hat. Daß ich mit meinem Randrängen an sie schnell von ihr wegginge.

Ganz konkret, daß Helen mir die Tatsache verklickert hat: Solange ich und sie nicht richtig verheiratet, wir beide nicht Mann und Frau wären, ginge da nicht wieder locker was. Nichts, was einer mit erotischen Bettgeschichten in Zusammenhang bringen konnte. Und wenn sie, Helen, sich mit mir verheiratet, dann nur im Sinne ihrer Religion, des Korans ...

Aufgefordert hat Helen mich nur, waren Helen und ich alleine bei mir oder ihr beieinander, mich neben ihr, Helen, auf den Teppich zu hocken. Nicht für Küsse, Anfassen, das. Sondern für ein Gebet. Für ein Gebet Richtung Mekka.

Mindestens fünfmal am Tag betete Helen, Richtung Mekka. Macht das bis heute.

 

Lange Rede, kurzer Sinn, liebes Tagebuch - Helen war zum Islam übergetreten. Mit Haut und Haaren. Allem, was Helen hatte.

Ohne, daß es mir im Vorlauf möglich gewesen wäre, irgendwas von Helens Absichten zu überblicken. Überhaupt keine Ahnung hatte ich.

Glaubt mir kein Mensch. Glaubt mir so kein Mensch.

Das, daß Helen soweit sein könnte, mir mit einer bestimmten Religion durchzuknallen. Die Idee, die wäre mir nicht gekommen.

Total die Überraschung, die ich erlebte, liebes Tagebuch. Da ist mir ein Böller vor der Brust explodiert, an dem ich nicht mal die Lunte brennen sehen habe.

 

Mitbekommen durfte ich nun erst, nachdem Helen den Blick auf das Verborgenen gewährt hat, daß Helen angefangen hatte, irgendwas nebenher zu studieren. Was mit 'Wahhabiten' zu tun hatte. In einem Abendkurs in einem türkischen Haus. Von neunzehn bis einundzwanzig Uhr.

Außerdem hatte Helen ihren normalen Studiengang an der Uni geändert. Schon zu Semesterbeginn hatte Helen sich für orientalische Sprachen eingeschrieben.

Wovon ich nichts wußte. Außer, daß ich ein paar Sprachenbücher herumliegen gesehen hatte. Mit denen ich allerdings nichts anfangen konnte. Als drinnen zu blättern. Fragen haben die Bücher keine in mir aufgeworfen.

 

Hammerharte Sache.

Das hat mich aus den Socken gehauen, das mit Helen. Mit dem Hammer hatte Helen mich voll erwischt.

Kein bißchen was von ihren Intentionen hatte Helen mal irgendwann bei mir, ihrem Freund, Geliebten - und schließlich ihrem Verlobten - anklingen lassen. Nichts. Daß ich auch mal was durchschauen hätte können, ich die Möglichkeit gehabt hätte, Helen hinter den Vorhang zu blicken.

Das war nicht. Das war einfach nicht.

In ihrem Herzen getragen hatte Helen ihre Entschlüsse, Unternehmungen. Dort eingeschlossen wie in einer Auster.

 

Am Schluß, daß Helen ihr Ding rücksichtslos gegen ihre Umwelt - mich - durchgezogen hat. Willens, mich zu überrumpeln. Sogar, um mich mitzunehmen.

Das hat Helen versucht, mein Tagebuch.

Helen wollte ihr Ding bei mir anbringen. Wollte mich auf ihrer Reise dabeihaben. Nicht nur immer die kurze Strecke, sondern die ganz lange.

Der festen Überzeugung war Helen, daß ich ihr auf ihren Wegen überallhin folgen würde. Über kurz oder lang.

Weil ich ja jetzt ihr Verlobter war. Gerne weiter mit ihr zusammenbleiben wollen würde.

 

Warte, Tagebuch, meine Mutti war gerade bei mir im Zimmer oben.

Mutti möchte, daß ich den Rasen mähe. Und was Mutti möchte, wird gemacht.

Mache ich jetzt mal hier kurz Schluß.

Bin aber in einer Sekunde wieder da, bei Dir zurück.

 

*

 

 

Nun, liebes Tagebuch, es ist weiter der vierte Juli.

Halb elf am Abend.

 

Wieder sitze ich für Dich am Platz, Tagebuch.

Ich tippsele schnell noch mal was in Dir. Worte, Worte, Worte ...

 

Ihr Name, der ist Helen ...

'War' kann man nicht schreiben, sie lebt ja noch.

 

Helen, die, die ich heiraten wollte.

Helen, die hat sich mir jedoch die letzten Monate immer mehr entfernt ...

 

Ich könnte Helen, das Mistück ...

Helen, ich könnte sie ...

O ja!

 

Weiß nicht, bis jetzt habe ich mit keinem Menschen darüber geredet ...

Wenn ich es aber jemandem erzählen wollte - wer würde mir das glauben?

Wer würde mir das denn so ohne weiteres glauben, wenn ich ihm erzähle, daß ich nichts davon gemerkt habe, was mit Helen los war?

Mit dem, was bei Helen abging, obwohl Helen und ich ... Verlobt waren wir. Sogar heiraten wollte ich Helen.

Trotzdem kann Helen mich damit überraschen. Mir voll die Überraschung verpassen. Damit, daß Helen plötzlich Kopftuch trägt. Und zwar nicht als Modemittel.

 

Nur Du, sehr verehrtes Tagebuch, Du weißt jetzt heute darüber Bescheid. Bescheid darüber, was für eine Überraschung ich mit und bei Helen erlebt habe.

Dich habe ich jetzt darüber informiert.

In Dir steht die Tatsache geschrieben. Die der Wahrheit entspricht.  

Du alleine, Tagebuch, weißt davon, daß ich nicht den blassesten Schimmer hatte.

Tatsächlich, ich war die Ahnungslosigkeit in Person.

 

Das war - wie in Dir, mein Tagebuch, schon festgehalten - nichts Ungewöhnliches, daß Bibeln, der Koran, buddhistische Werke, Yogabücher und desgleichen Zeugs bei Helen in den Zimmern ihrer gemieteten Wohnung herumlagen.

Und daß das mehr Koran war ...? Daß Helen häufiger den Koran ansprach ...?

Echt wahr? Sollte ich mir deswegen irgendwas denken?

War der Koran bei Helen momentan eben an erster Stelle, oder?

Morgen war es bei Helen wieder eine andere Religion. Oder Helen las den 'Hexenhammer', über Hexenverbrennungen, Satanismus. Dergleichen.

 

Nein, an nichts Großartiges habe ich gedacht.

Ab und zu selber drinnen geblättert, wenn ich dazu Lust hatte, das habe ich.

War es eben gerade wieder der Koran, bei Helen. Der Koran, in dem Helen hauptsächlich herumlas.

Eine Koran-Phase Helens. Die nächste Koran-Phase, bei Helen.

Zu bekümmern hatte mich das nicht, oder?

Gedacht habe ich mir dabei nicht viel. Und Helen, die hat nicht den Eindruck erweckt, daß es da viel darüber nachzudenken gegeben hätte.

 

War aber leider am Schluß alles keine Phase, nachdem Helen den Vorhang zur Bühne für mich hochgezogen hatte. Daß ich freie Sicht auf das ganze Szenenbild hatte.

Nichts damit, das nur so als eine vorübergehende Phase abzutun, das bei Helen. Um festzustellen, daß Helen von selber wieder mit dem Kopftuchspaß und allem aufhören würde. Weil sie, Helen, irgendwas wie eine kluge, gebildete, aufgeklärte Europäerin wäre.

Das war nicht.

 

Mitte Januar war ich freitags mit Helen zusammen das erste Mal in einer Moschee, erinnere ich mich.

Die türkische Moschee. In Uninähe. Das Freitagsgebet.

So Freitagsgebete haben was bei denen ... Mein Wunsch war es eigentlich nicht, mit Helen zusammen da in die Moschee reinzumarschieren.

Nur, Helen, Helen hat das richtig fordernd von mir verlangt. Als könnte sie mir echt beleidigt werden, wenn ich nicht auf der Stelle mit ihr da reingehe. In Ordnung, wenn es dem Frieden dient, sagte ich mir.

Deutlich war Helen das anzusehen, wie sich ihre Laune gehoben hatte, weil sie es geschafft hatte, daß ich endlich mal zusammen mit ihr in eine Moschee reingehe. Weil ich ihr hinterherspaziert bin. An diesem Freitag.

 Jedem, den sie im Vorhof der Moschee zu Gesicht kriegte, hat Helen zum Gruß hingenickt. Als würde Helen jede Nase einzeln kennen. Würde man ewig miteinander bekannt sein. Seit Ewigkeiten vertraut.

Soviel kopfgenickt hat Helen zu den bärtigen Kerlen, daß es mir schon verboten vorgekommen ist. Sie, Helen, so mit offenem, nacktem Gesicht. Helen unverschleiert.

Schließlich war Helen denn mit den Weibern. Und ich war mit den jungen, älteren, alten Männern. Bin mit dem Mannsvolk am Teppich gehockt. In Socken. Glücklich darüber, daß keine Socke ein Loch hatte.

 Die Männerfiguren wußten später alle, wo ihre Schuhe waren.

Ich dagegen, ich mußte denen nach der Gebetsveranstaltung mit möglichst ausdruckslosem Gesicht ein Weilchen zusehen, bis ich meine Schuhe plötzlich mittendrinnen entdeckt hatte. Eher Zufall, daß ich auf einmal meine Schuhe kannte.

 

Also, ich zum ersten Mal in einer Moschee ...

Alt, Jung haben erst einmal gebetet. Dann dem Vorbeter gelauscht. Wieder gebetet.

Mitten war ich unterm Volk, Richtung Mekka ausgerichtet, habe was mitgemurmelt.

Schien angesagt, daß ich das mitmache. Muß nicht erwähnen, Tagebuch, daß ich kein Türkisch kann. Oder Arabisch.

Weiß nur noch eins, daß der Imam auf der Redekanzel zwischendurch plötzlich gewechselt hat. Einer stand nun droben, mit einem Aussehen, wie ein Tuareg aus der Sahara.

Eine echte Araber-Type mit dem schwärzesten Bart. Ein Fürst, ein Scheich. Wenigstens seinem Auftreten nach. Stolz, arrogant. Bis zum obersten Rand abgefüllt mit seinem Sud an Gewißheit.

Funken geschlagen haben dem seine Augen. Raumgreifende, ziemlich zornige Gesten hat er draufgehabt, der Araber-Herrscher. Immer noch besser ist er in Schwung gekommen. Wiederholt ist dem die Stimme gekippt. Mehrmals so eine Handbewegung, als wolle er, daß jemand der Hals durchgeschnitten würde. Am besten sofort. Nicht lange auf irgendwas warten, sondern auf der Stelle. Jetzt dann.

Dachte mir, der Text, den der hören läßt, dreht sich bestimmt um die Heerschar von Ungläubigen, die außerhalb der Moschee herumlief. Dort draußen, daß es den Frieden weitflächig nicht gab. Keinen Frieden. Nicht den, der in der Moschee herrschte. Außerhalb der Moschee, da beherrschte der Unfriede den Weltenkreis. Außerhalb, da ging 'Satan' um. Mit den 'Ungläubigen'. Mit jedem, jeder.

 

Später habe ich bei Moschee-Besuchen noch ein paar Zornige gesehen. Aber so gut wie dieser Araber-Prinz war keiner.

Voll die Wirkung, die der hatte. Ich hätte gut eine Waffe brauchen können, zum Ballern.

Als der Spuk vorbei war, Helen und ich, wir uns wieder begegneten, hat Helen zu mir gemeint, wie sehr sie sich für mich freue. Na, Tagebuch, darüber freue sie, Helen, sich, daß ich die Tage mal einen Gottesdienst besucht hätte.

Nicht nur Gebete daheim, auch regelmäßige Gottesdienste wären Dinge, die mir fehlen würden. Der tagtägliche Gang in die Moschee. Eine Freude, die ich ihr, Helen, ruhig öfters machen könnte. Mit ihr mitzukommen, in die Moschee. Das würde ihr Spaß machen, mich beten zu sehen. Zu wissen, daß ich den Weg zu Gott vielleicht demnächst fände.

Das wäre wirklich eine große Sache, daß die Moschee sich so in Uninähe befand. Könnten ich und sie, Helen, von nun an sogar zwischendurch mal dorthin gehen. Um zu beten, innere Einkehr zu halten.

Schaden dürfte mir das jedenfalls nicht viel. Bei meiner unreinen Seele.

 

Ja, 'unreine Seele' - hat Helen gesagt. 'Unreine Seele'!

Helen, die es wissen mußte. Helen, die mußte es wissen.

Helen mußte das wirklich wissen. Ganz genau mußte Helen das wissen.

 

So, liebes Tagebuch, es ermüdet.

Gehe jetzt hier weg vom Monitor.

Der Film geht zwar erst in einer Viertelstunde los ... Aber meine Lust, weiter in Dir zu schreiben, Tagebuch, geht gegen Null.

 

*

 

 

Hallo, mein Tagebuch! Guten Morgen!

Halb zehn Uhr ist es vorbei, vormittags, der 5. Juli.

 

Das gestern, habe meinen Tagebucheintrag in Dir kurz gegengelesen ...

 

Erster Moschee-Besuch.

Tja ... Besonders eindrücklich.

Der schwarzbärtige Araber-Fürst war echte Klasse.

 

War noch ein paar dutzend Male in Moscheen. War an der Seite Helens nicht zu vermeiden.

 

Unterhalte ich mich mit Dir, liebes Tagebuch, nun mal über Sex. Das Thema Sex.

Ich meine, das Thema Sex mit Helen. Nur so ein bißchen was Sex mit Helen ...

 

Nicht viel was für einen Porno. Nichts als die reine Enttäuschung, in der Hinsicht.

Erwähnt habe ich das ja bereits, mein verehrtes Tagebuch, daß Helen sagte, sie wolle mit mir nicht mehr ins Bett gehen.

Nach meiner Verlobung mit Helen gab es für mich weniger Sex mit Helen. Mit der Hand hat Helen dann noch bei mir ausgeholfen. Ein paar Tage drauf aber: keine Art von Sex mehr mit Helen.

Das Programm, das mit Sex zu tun hatte, das hat Helen ganz bei mir eingestellt.

Sex vor der Ehe, hat Helen gemeint, der wäre für sie Tabu.

Sex für sie, Helen, mit einem Mann erst wieder, wenn sie geheiratet hätte. Sex erst wieder mit ihm, ihrem Ehemann.

 

Klang dabei alles, als müßte das nicht länger unbedingt ich sein, ich, der in der ersten Reihe stand, dafür vorgesehen, Helens Mann zu sein. 

Obwohl, Helens Verlobter war ich doch. Noch.

Helens Texte hörten sich wirklich danach an, daß gut ein anderer ihr den Ehepartner ebensogut geben könnte. Ich mußte das nicht notwendigerweise sein.

 

Muß wirklich sagen, das, daß Helen überhaupt zu mir aufs Wohnheimzimmer gekommen ist, das hat es dann wirklich nicht wieder leicht gegeben.

Ab Anfang Februar war damit im Grunde endgültig Ende. 

Ab Anfang Februar ergab es sich, daß nur noch ich vorbeigekommen bin - ich, bei Helen. Ich, bei Helen in der Wohnung.

Ich, bei Helen.

Nur noch für nichts. Bei Helen, nur noch für nichts.

 

Wie es weiter zwischen Helen und mir die Tage zugegangen ist, fragst Du mich, Tagebuch?

Mau. Trist. Langweilig.

Zumeist, hatte Helen sich erweicht, mich zu sich reinzulassen, daß ich bei Helen im Wohnzimmer herumgesessen bin.

Bei Helen im Wohnzimmer durfte ich am Sofa sitzen. Oder unten am Teppich.

Nur über Gott und die Welt und die Welt und Gott durfte ich mit Helen sprechen. Über den einen Gott. Den einen, einzigen Gott.

Total immer der einzige Gott. Der allerreinste Monotheismus, den wir hatten, Helen und ich. Ein Gott. Immer nur einer. Der eine.

 

Was Helen mir an körperlicher Nähe erlaubt hat, war, mich bei ihr an der Seite auf den Teppich zu knien. Mich neben ihr, Helen, niederzuknien - und mit ihr zu beten.

Gebete wurden gesprochen, die Helen aus dem Buch vorlas. Weil Helen so vieles ja noch nicht auswendig konnte.

Mir, daß Helen, die ablas, vorsprach. Und ich habe hinterhergesäuselt. Oder mußte Helen Antwort geben. Wie es beim Gebetsspruch eben die Gebrauchsanweisung war.

Du glaubst mir das nicht, Tagebuch?

 

Au ja! Stimmt aber! Das war der Sex. Das war der Sex mit Helen.

Monatelang war das der Sex mit Helen. Monatelang der Sex, den ich mit Helen hatte.

Viele lange Monate war das zwischen Helen und mir so, daß das immer gleich ablief, wenn Helen mir ihre Wohnungstüre aufmachte.

Das heißt, machte Helen mir auf, war Helen für mich daheim.

Es kam nämlich vor, daß ich wußte, daß Helen in ihrer Wohnung war. Aber Helen, die machte mir die Tür nicht auf.

Ihre Wohnungstür ging nicht für mich auf. Ging einfach für mich nicht auf.

Ich mußte draußen vor der Türe bleiben.

 

Zuletzt, während der letzten zwei Tage, die ich hintereinander zu Helen in die Wohnung reinkommen durfte, hat Helen noch was zu mir hin gelabert. Eher so nebenher, beiläufig. Von etwas, was sie, Helen, im Sinn hätte.

Davon hat Helen gesprochen, daß sie daran denke, wieder jungfräulich zu werden.

Das hätte sie, Helen, vor, bei sich die Jungfräulichkeit wieder herstellen zu lassen. Ich meine, sie, Helen, bei sich die Jungfräulichkeit wiederherstellen zu lassen.

 

Genau, Tagebuch, du verstehst das schon richtig, was ich hier tippe: Helen redete davon, ihre Jungfräulichkeit zurückhaben zu wollen. Helen wollte ihre Jungfräulichkeit zurück.

Helen ihre Jungfräulichkeit ... Helen, wollte wieder jungfräulich werden.

He, heute ist Helen dreiundzwanzig.

Lange her, das, daß Helen mal Jungfrau war. Das mit Helens Jungfräulichkeit ...

Daß Helen sich überhaupt noch daran erinnert, an die Zeit damals, als sie noch Jungfrau war, so was wie ein Jungfernhäutchen hatte?

Ihr erstes Mal, mein liebes Tagebuch, hat Helen mir erzählt, war bei ihr mit dreizehn.

Mit einem Siebzehnjährigen aus der unmittelbaren Nachbarschaft ihres Elternhauses.

Der ist zu Helen ins Haus gekommen. Um Helen, die zu der Zeit nicht besonders gut in der Schule drauf war, bei ihren Hausaufgaben zu helfen.

Hat er auch ein kleines Weilchen gemacht, Helen bei den Hausaufgaben zu helfen. Und nur bei den Hausaufgaben. War nun um einiges besser in der Schule, Helen.

Als es dann passiert ist, Helens erstes Mal, war Helens Mutti schnell zum Einkaufen außer Haus. Im Auto Richtung Supermarkt abgefahren.

Nachdem Helen sich mit dem Nachbarsjungen in der Hinsicht recht gut verstand, hat es das Spiel daraufhin öfters gegeben. Er hatte Kondome. Jede Menge Kondome. Gefühlsecht.

Das ging tatsächlich unbemerkt ein paar Monate lang. Bis der aus der Nachbarschaft eine Freundin hatte. Eine, mit der er fest ging.

Bloß, Helen, die war das nicht.

War für Helen nichts zu machen, es blieb dabei, Helen war die nicht.

Nur, Helen, die war in den Siebzehnjährigen verliebt. Nur leider der nicht so richtig in sie, Helen. Obwohl Helen und er ... Bei jeder Gelegenheit jedesmal.

Das mit der Hausaufgabenhilfe war schließlich schlagartig vorbei. Obwohl Helens Mutti und Vati weiterhin nichts mitgekriegt hatten. Pech war das für Helen. Weil, die andere, die hatte die Runde in der Konkurrenz gewonnen. Die liebte gewissermaßen er stark, er, um den es sich drehte, bei Helen und der anderen, stärker als er Helen liebte. Helen war diejenige, die als die Verliererin bittere Tränen vergoß.

 

Helen und Helens Jungfräulichkeit, mein Tagebuch ...

Knapp siebzig Männer hätte Helen zwischen ihrem sechzehnten und neunzehnten Geburtstag gehabt, hat Helen mich unterrichtet.

Innerhalb von knappen drei Jahren.

 

Ich hatte im selben Zeitraum zwischen sechzehn und neunzehn nur drei. Drei Freundinnen. Zwischen sechzehn und neunzehn.

Und nur mit einer hatte ich ein regelmäßigeres Sexleben.

Aufgehört hat sich das mit dem willigen Treiben Helens mit neunzehn nur, Tagebuch, weil Helen sich einen Tripper eingefangen hatte.

Dadurch war dann auf Pause geschaltet, das Gerät, bei Helen.

Helen hat sich während ihrer Tripper-Geschichte überlegt, daß sie von nun an nur noch Liebhaber wolle, mit denen die Beziehung länger dauert als höchstens drei, vier, fünf Tage.

Verflucht froh war Helen nämlich darüber, daß es sonst nichts war als ein gewöhnlicher Tripper.

Die Furcht, die hatte Helen in ihrem Herzen gehabt, als sie darüber informiert worden war, das sei ein Tripper, daß da noch weitaus Schlimmeres bei ihr sein könnte. Daß sie DAS vielleicht auch haben könnte. Wegen den häufig wechselnden Sexkontakten bei ihr. Etwas, das sie daraufhin ein ganzes Leben lang mit sich im Körper herumtragen müßte. Bei ihr eingebettet.

Nicht auszudenken wäre das gewesen, hätte sie, Helen, DAS abgekriegt. Wie hätte sie, Helen, das Vati, Mutti beibringen sollen?

Zum Glück allerdings war das Befürchtete nicht, nicht bei ihr, Helen.

Die Laboruntersuchungen von Helens Blutbild bestätigten später das Ergebnis des Schnelltests. War bloß ein Tripper.

Nichts als einen ordinären Tripper hatte Helen.

 

Helens Jungfräulichkeit also, sehr verehrtes Tagebuch ...

Wo da noch irgendwelche Fransen von Jungfräulichkeit bei Helen vorhanden sind, fragst Du Dich? Danach fragst Du mich?

Ehrlich, was soll ich Dir darauf antworten, Tagebuch?

Ich hab' da auch keine Ahnung. Bei Helen.

Denke mir, Helen wird sich für die Instandsetzung ihrer Jungfräulichkeit irgendwo was von den Falten am Popo wegschnitzen lassen müssen.

Die Haut für das Häutchen für ihre, Helens, Jungfräulichkeit.

Ebenso die Haut fürs nächstemal, wenn Helen zufällig wieder jungfräulich sein will. Kann ja sein, daß es Helen mit dem einen nicht klappt, obwohl er erst mal ihr Auserwählter ist.

Helens Jungfernhäutchen, das für den Glaubensbruder geht. Den Bruder im Glauben, Tagebuch. Ausschließlich den, den sie, Helen, zu heiraten gedenkt.

Ihre Jungfräulichkeit, die Helen für ihn mit in die Ehe bringt. Ihren Ehemann, den Helen damit beschenkt, daß er ihr, Helen, im Ehebett die Jungfräulichkeit rauben darf ...

Und wenn Helen schlecht küßt, geht das dann als Helens Unerfahrenheit weg. Obwohl Helen das erst gelernt hat, wie eine schlecht küßt.

Lau zu küssen, dafür braucht es schließlich Erfahrung. Längere Erfahrung. Und die hat Helen einhundertprozentig.

 

Das ist der Gedanke Helens, Tagebuch.

Daran, daß Helen denkt.

Jungfräulich möchte Helen werden ...

Hoffe sehr, daß das Häutchen auch fest ist. Damit Glaubensbruderherz auch was davon merkt, spürt, wahrnimmt, wenn er Helen entjungfert.

ER, das erste Mal einer mit Helen.

Au, Mann!

 

Nein, mein hochverehrtes Tagebuch. Nein, nein.

Lange genug, daß Helen mich bearbeitet hat. Daß ich den gleichen Glauben annehme wie sie.

Bei aller Liebe aber, das fällt mir nicht ein.

Ich war und bin nicht dazu bereit.

Denke da gar nicht dran.

Helen das zuzugeben, daß sie mit ihrer Missionierung Erfolg hatte - nein danke!

Unter Liebe verstehe ich schon noch was anderes, als mir vom andern was aufs Auge drücken lassen zu müssen.

Und wenn's Helen ist. Auch wenn ich sie liebe. Ich meine, geliebt habe.

Meine bestimmt, liebes Tagebuch, daß Ebru Islam eine andere ist als die Helen, die ich kenne.

Ebru Islam ist nicht die, in die ich mich verliebt hatte.

 

Ja, Tagebuch, Ebru Islam.

Du siehst, verstehst das schon richtig, Tagebuch, Ebru Islam.

Nicht länger will Helen Helen heißen.

Sondern Ebru jetzt.

Mit ganzem Namen, Helen: Ebru Islam.

 

Ich meine, nicht nur, daß Helen das will, mein Tagebuch. So heißt Helen eigentlich bereits.

Steht bei Helen am Zettelchen in der Haustürklingelleiste. Dort, wo Helen ihre Wohnung hat.

Bei Helen an der Wohnungstür steht der Name auch dran. In Klammern der, den Helen früher hatte.

 

Den Namen hat Helen momentan nur noch nicht in ihren Pässen eingetragen.

Daran arbeitet Helen jedoch gegenwärtig, daß dort demnächst Ebru Islam drinnensteht. Wie Helen an ihrer Jungfräulichkeit arbeitet.

 

*

 

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