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Blog von TeddeMehr

"Das digitale Tagebuch": (17.07. - 20.07), No. 1

26. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Siebzehnter Juli, mein Tagebuch.

Es ist jetzt 17:59 Uhr.

 

Was bei mir geschieht, Tagebuch, das ist Wahnsinn. Richtiger Irrsinn, Irrsinn in Reinkultur.

Verstehe ich Dinge auf der Welt noch länger?

Was ist hier los, hier bei mir?

Was sich bei mir abspielt, das ...

 

Nehmen wir als Beispiel meinen Vati.

Bis vor ein paar Minuten war mein Vati bei mir auf dem Zimmer.

Nach dem heute früh, jetzt die Fortsetzung.

Eigentlich nicht unerwartet, der ganze Auftritt meines Vatis.

 

Was war, liebes Tagebuch, das fragst Du mich?

Das war ...

Ich bin tatsächlich am Drehstuhl so etwas am Dösen gewesen.

Irgendwie war ich weggedöst. Jedenfalls war ich nicht so auf der Welt, daß ich bewußt viele Dinge mitgekriegt hätte.

Unvermittelt schrecke ich zusammen.

Vati, er, er hatte mir mein großes, dickes Ökologie-Lexikon, ohne das ich letztes Semesterferienende zum Studieren hochgefahren war, bei der Tasta links von mir auf den Rechnertisch geklatscht.

Lautstarke Geräuschentwicklung.

Zusammengefahren bin ich. Zu Vati habe ich mit aufgerissenen Augen hochgeglotzt. Gedacht habe ich, Vati will mir das Lexikon ins Gesicht schlagen. Es mir richtig von der Seite gegen die Wange schwingen. Das dicke Stück Buch dann auf mich schmeißen, um im Nachgang feste mit den Fäusten - Linke, Rechte - auf mich drauf hinterherzudreschen. Mich zu treffen, wo er mich treffen konnte.

 

Noch seinen Blaumann an ist mein Vati groß, mächtig über mir gestanden.

Welch eine gefährliche Glut in den Augen!

Der Ausdruck: Achtung, nur ein kleiner Funke, und der Mann, der Mann macht dich alle.

Widerworte: einhundertprozentig verboten. Nach Möglichkeit hältst du das aus, was in den nächsten Momenten geschieht, willst du nicht, daß sich noch weitaus Schlimmeres bei dir ereignet.

 

Verächtlich hat mein Vati das schwergewichtige Lexikonteil, das mir gehört, losgelassen und auf den Fußboden herabfallen lassen.

Daß mein Ökologielexikon daraufhin mit dem Buchrücken nach oben auseinandergeklappt drunten auflag.

Mit auf mich gerichtetem Zeigefinger hat mein Vati zu mir gemeint, daß er mich nicht noch einmal bei seinen Freunden im Kegelverein sehen wolle. Nicht, solange ihm die Geschichte zwischen Helen und mir nicht klar wäre. Das solle ich mir nicht einfallen lassen, daß ich auf den Vereinsabend heute abend kommen möchte. Mitnehmen würde er, Vati, mich sowieso nicht.

 Die Idee hatte ich die letzten Male zwar nicht gehabt, seitdem das mit der Manuela-Geschichte über mich gekommen ist, mal am Abend in den Kegelverein ...

Vati meinte anscheinend, weil ich die letzten paar Male nicht kegeln gegangen bin, könnte ich es mir an diesem Abend wieder einfallen lassen. Obwohl mir so ein Kegelabend so was ferne war. Hatte überhaupt keine Lust, abends irgendwo unterwegs zu sein.

 

Vati hatte mir noch mehr mitzuteilen. Vatis Rede: Mutti, die würde zwar meinen, ich dürfte solange weiter bei ihnen, meinen Eltern, im Haus wohnen bleiben, bis die Monate Ferienarbeit bei Mauth für mich vorbei wären.

Aber das, daß ich das genau wüßte, das könnte ich mir abschminken.

Sobald Mutti Helens Eltern telefonisch erreichte, von Helens Vater oder Mutter erzählt bekommen hatte, was zwischen Helen und mir vorgefallen wäre, könnte ich mich auf was gefaßt machen. Wäre das nämlich nichts, auf das ich stolz sein könnte, was meine Mutti von Helens Eltern erzählt bekäme, könnte ich einiges erleben. Dann würde sich was bei mir tun. Kriegte meine Mutti eine böse, unangenehme Geschichte zu hören, von dem, was sich zwischen mir und Helen abgespielt hatte, könnte ich auf der Stelle abfahren. Wohin auch immer. Für immer. Zur Hölle mit mir.

Daß mir das klar wäre, etwas anderes gäbe es nicht mehr für mich hier im Haus meiner Eltern. Verständnis könnte ich keines erwarten, nicht für irgendwelchen unbeherrschten Scheißdreck meinerseits gegenüber Helen. Nicht von Mutti. Und von ihm, Vati, erst recht nicht. Hätte ich mit Helen eine Kleinigkeit gemacht, über die man am besten nicht redete, bräuchte ich nur zu warten, auf den Fortgang der weiteren Ereignisse bei mir.

 

Das war er, ungefähr, der Text, liebes Tagebuch, den mein Vater abgesondert hat.

Als das dann mit weit ausholenden Gesten und viel Geschrei bei mir angebracht hatte, hat Vati abgedreht, ist rausmarschiert aus meinem alten Kinderzimmer. Hat bei mir die Zimmertüre lautstark hinter sich ins Schloß geworfen.

In Ordnung, sage ich Dir, hochverehrtes Tagebuch; alles vollkommen in allerbester Ordnung. So können wir das auch machen.

Kann es deswegen aber auch nicht glauben. Es nicht fassen.

Ist denn alles nur noch toll hier für mich? Die Welt für mich ein Tollhaus?

In welcher Anstalt lebe ich gerade eigentlich? Bin ich wo weggesperrt, habe nichts davon mitgekriegt?

Menschenskind!

 

Das bleibt hier in Dir festzuhalten, mein verehrtes Tagebuch: Was denken Vati und Mutti denn momentan von mir? Auf Dauerschleife?

Wie kommen die nur auf so eine Idee?

Auf so was, daß ich was Fürchterlicheres mit Helen angestellt hätte?

He, als hätte ich Helen ...

 

Mir hat Helen an einem Samstag einen blauen Brief geschickt, Verlobungsring drinnen.

Mich hat Helen verlassen. Verlassen hat Helen mich. Nicht ich sie.

Noch dazu: Ich stimme dem zu. Damit bin ich voll damit einverstanden. Nichts, daß ich da dagegen hätte.

Daß Helen die war, die sich bei mir verabschiedet hat, ich sage 'ja'.

Etwas Besseres hätte mir nicht mehr passieren können, mit Helen, als daß DIE mich verläßt.

Die beste Sache. Die beste Sache, die Helen bringen hat können.

Was ist das jedoch sonst?

Entlobt haben Helen und ich uns. Uns getrennt haben Helen und ich uns. Weiter nichts.

Helen, die wollte mich missionieren. Und missionieren, das habe ich mich nicht lassen. Soweit hat das mit meiner Liebe zu Helen nicht gereicht, daß ich das Helen zugeben hätte wollen. Helens missionarischer Eifer hat nicht für mich gereicht.

Mehr habe ich Helen nicht getan.

Schaut Helen jetzt eben bei ihren Glaubensbrüdern genauer um.

Daß Helen niemanden nach ihrem Gusto finden wird, darum mache ich mir wirklich keine Sorgen. Nur, ich lasse mich von Helen-Ebru nicht in diesem Geist erziehen.

 

Was die mir an Möglichkeiten zutrauen, daß ich mit Helen ... Ich fasse es nicht.

Nur das Allerschlimmste, das ich, das ich Helen angetan haben könnte.

Sonst würde Helen sich ja nicht von mir trennen. Sich nicht von mir getrennt haben.

Wenn ich Helen nicht ..., Helen nicht mit Gewalt ... - dann hätte Helen nicht ... Mich sicher nicht ...

Mann, Mann!

Also, echt wahr!

Mein Herr Vater ... Meine Frau Mutter ...

Jetzt geht's los. Jetzt geht's wirklich los.

 

Ist ja eigentlich schon seit ein paar Tagen losgegangen.

 

So was war nicht einmal im Verlauf meiner schlimmsten Teenagerzeit größerer Bestandteil meiner Möglichkeiten. Daß ich eine ...

Daß ich eine ... Daß ich über eine herfallen könnte ... Mit Gewalt mir zu holen, was die mir zuvor freiwillig nicht geben wollte.

Nein, auf die Idee ist nicht mal früher einer gekommen.

 

Dabei ist das nicht meine erste Trennung von einer Braut.

Das hatten wir auch schon dann und wann, daß von einer mit mir Schluß gemacht wurde.

Neben Helen hat zum Beispiel auch Manuela die Beziehung zu mir beendet. Manuela, die hatte sich damals von mir getrennt.

Hat keiner deswegen eine irre Schau aufgezogen, daß Manuela und ich uns trennten.

Obwohl Manuela eine war, die schon richtig im Hause meiner Eltern aus- und eingegangen war. Bei und mit mir auf meinem Kinderzimmer hier geschlafen hat.

Sogar einen eigenen Haustürschlüssel hatte Manuela schon. Den Manuela mir am Schluß vor die Füße geschmissen hat.

 

 

Seit den Tagen damals, daß ich den Entschluß gefaßt hatte, Berufssoldat zu werden, das dann in die Tat umgesetzt habe, habe ich mich eigentlich immer ausgezeichnet mit Vati verstanden.

Keinerlei größere Mißstimmung mehr.

Trotz den Geschichten mit der einen oder andern im Kegelverein in den vergangenen Jahren.

Nehmen wir die als Beispiel.

Sachen bereden konnte ich mit Vati.

Seitdem ich mir die Uniform eines Soldaten anzog, war alles anders zwischen Vati und mir. Ganz ein anderes Verhältnis war das als vorher. Ganz anders.

 

Eigentlich Tatsache, daß das das Allerletzte ist, was die von mir denken. Das Aller-, Allerletzte.

Von Vati. Von Mutti.

Nicht ich bin der, der durchgeknallt ist.

Sondern Helen.

Helen, die die Religiösität voll in Besitz genommen hat. Vollends von ihrem Glauben in Beschlag, die Frau. Besessen.

Wird sich sicher ein Bruder im Glauben für Helen finden, mit dem es für Helen wie gewünscht läuft.

Nur ich - ich muß das nicht sein.

Bei aller Liebe, ich nicht.

 

Wie sich das Bild für Vatis und meine Kegelvereinfreunde wohl gemacht hätte ...? Alle im Grunde erzkonservative Leute. Manche nochgerade das Abziehbild eines Spießbürgers.

Nun das, Tagebuch, wenn die dort im Kegelverein das erfahren hätten, ich und meine Gemahlin, die ihr Kopftuch auch daheim selten vom Kopf herunternimmt, immer verschleiert außer Haus geht, sogar hübsche Burkas sammelt, wir rollen uns alle paar Minuten den Gebetsteppich aus, Richtung Mekka.

Helen-Ebru, die Frau Missionarin, die verlangt, daß jeder in ihrer Nähe das tun muß, was sie macht. Mit ihr wird unten am Teppich mitgegebet. Alle müssen. Also, die gesamte Familie. Mein Vati, meine Mutti, auch meine Schwestern, die Ehemänner meiner Schwestern, die Kinder meiner Schwestern, wenn die da sind.

Jeder, der mit ihr und mir nur irgendwie verwandt, befreundet ist, der Helen-Ebru in die Nähe kommt, der ihr, Helen-Ebru, alles gleichzutun hätte. Mit Helen-Ebru nach Helen-Ebrus Art mitzubeten. Schließlich kann es nur einen geben. Einen Gott. Und der ist der Helen-Ebrus.

Der EINE, den WAHRE Gott. Der ALLLER-EINZIGSTE. Der kann nur der von Helen-Ebru sein.

 

Von all den massenhaften Religionen gilt Helen-Ebru nur eine als die richtige, die IHRE.

Der Rest ist Irrglaube.

Ist das nicht der Fall, daß einer, eine nicht das will, was Helen-Ebru will. Möchte man das einfach nicht begreifen, was Sache ist, herrscht am Ende kein angenehmes Miteinander.

Eine Stimmung, die da entsteht, die sich immer weiter hochschaukelt. Zum Mäusemelken.

Bis man denn auch glücklich zu der Einsicht gelangt ist, zu der Ebru Islam gelangt ist. Auch bereit ist, Ebru Islams Glauben anzunehmen. Den angenommen hat.

Dann ist der Friede. Friede, Freude, Eierkuchen.

 

Tatsache, Ebru Islam - die braucht echt keinen. Eigentlich keinen.

Irgendwen, der nicht mit ihr mittut, wirklich nicht.

Irgendwelche stinkende Ungläubige? Schon gar nicht.

Die hat Ebru Islam tatsächlich am allerwenigsten nötig. Nicht das Schwarze unterm Fingernagel hat Ebru Islam Ungläubige nötig.

 

 

*

 

 

Siebzehnter Juli, mein Tagebuch.

Kurz nach halb acht Uhr am frühen Abend, der nächste Eintrag. Genaue Uhrzeit: 19:36.

 

Das monstöse Ding mit Manuela.

Ein Monster, das mir mit Manuela erschienen.

 

Das mit Manuela, so was von schrecklich, monstermäßig.

Befremdlich.

Irritierend.

 

Wirr machend.

Irre werde ich davon.

 

Wiederholung der Tatsache für Dich in Dir, liebes Tagebuch: Als älterer Teenager war ich knapp ein Jahr mit Manuela zusammen.

Ein schlappes Jahr.

Das entspricht voll und ganz der Wahrheit.

Danach jedoch: nichts mehr weiter mit Manuela. Nicht das bißchen noch was zwischen Manuela und mir.

Nicht viel, daß Manuela und ich uns nach unserem Beziehungsende überhaupt wo wiedergesehen hätten. Bis Manuela und ich uns restlos aus den Augen verloren haben.

Füreinander ausstarben.

Wie die Dinosaurier.

 

Deshalb, die Möglichkeit, daß Manuela mir vor die Füße läuft. Um länger bei mir zu verweilen ...

Da frage ich mich beinahe, wie Manuela mich überhaupt erkennen hat können. Nach der ganzen langen Zeit, die zwischen der letzten bewußten Begegnung Manuelas mit mir vergangen war.

Warum hat Manuela mich überhaupt noch gekannt?

Damals war ich zuletzt zwanzig. Heute haben wir zehn Jahre drauf ...

 

Nur, Manuela hat mich gekannt. Und ich kannte plötzlich sie, Manuela.

Da, vorm Unteren.

Es hilft wirklich alles nichts, Tagebuch.

Es macht einen - mich - nur restlos verrückt. Der Kreisel, der sich dreht. Immerzu dreht.

 

Will nun weiter damit fortfahren, verehrtes Tagebuch, das in Dir festzuhalten, woran ich mich erinnere. Was sich Sachen zwischen Manuela und mir abspielten.

Doch gut, es in der Zukunft irgendwann nachlesen zu können. Kopiert kann das Abgespeicherte werden. So war das, so ist das zwischen Manuela und mir gelaufen. Nicht anders.

Ein paar Einzelheiten noch im Kopf zu haben, ist das eine. Das Ganze am Stück aufgeschrieben verfügbar, das ist was andres.

Sämtliche Ereignisse hintereinander, Tagebuch. In Dir. Hintereinander aufgereiht. Wie auf einer Perlenschnur.

Daß auf die Eins immer die Zwei folgt.

Drum will ich mich jedenfalls bemühen.

 

So war das zwischen Manuela und mir erst mal ... Bis der Wahnsinn in die Szene gekommen ist. Das Irre.

Ja, weitergegangen ist mir das mit Manuela, Tagebuch. Immer weiter.

Bis ...

Hauptsächlich wegen Manuelas Lächeln.

Weil Manuela mich immer wieder entwaffnend angelächelt hat.

So hergelächelt hat Manuela mich, und plötzlich hatte ich das nächstemal die Waffen zu strecken. War die Stimmung zwischen Manuela und mir aufs neue verwandelt.

Viel zu vielversprechend, so schien mir die Möglichkeit mit Manuela. Eine, die ich nicht auslassen sollte. Auf keinen Fall.

 

Darüber hinweggesehen habe ich, daß Manuela mich einen Alkie nannte.

Oder der komische Stuß, den Manuela mir redete, als hätte ich den nicht wahrgenommen. So hab ich mich benommen.

Lächelte Manuela zu mir her - überhört habe ich störende Dinge. Obwohl sie mich vielleicht aufstören hätten sollen.

Allzu genau wollte ich manches einfach nicht nehmen. Denn: Solange Manuela mich anlächelte, Manuela und ich gemeinsam Sachen unternahmen, bestand die Chance für mich, die nächsten Stunden oder spätestens irgendwann in den darauffolgenden Tagen Manuela mit gespreizten Beinen zu erleben.

Manuela mit ihren gespreizten Beinen.

Das wollte ich doch. Genau das.

Ruhig öfters, daß ich das vertragen konnte, daß Manuela mir die auseinandermachte, ihre Beine.

Bestimmt sogar die ganzen Semesterferien durch hätte ich das haben können, hätte es sich sorglos für mich ergeben.

Wenn Manuela nun diejenige war - warum nicht Manuela? Was stand dagegen, daß Manuela meine Semesterferiengeliebte wurde?

Was denn, Tagebuch?

Nein, so wie Manuela ausschaute, nichts hätte ich dagegen einzuwenden gehabt. Sex, Sex, Sex.

 

Also, mein liebes Tagebuch, Manuela und ich, wir waren nach dem Alkie-Gelaber Manuelas, schlechtes Blut, das ein Alkie hat und so.

Vor Manuela und mir befand sich Stadtparkgelände.

Vielversprechend, das, wie Manuela zu mir heraufgrinste. Sehr vielversprechend.

Manuela meinte: 'Was laufen wir eigentlich doof in der Gegend rum? Warum setzen wir uns im Stadtpark nicht auf eine Parkbank?'

Ich: 'Können wir machen. Setzen wir uns in den Park.'

Gemeinsam sind Manuela und ich im Gleichschritt vom Trottoir weggedriftet, haben den Durchgang, der ein paar Meter weiter Teile dickes Mauerwerk trennte, durchschritten und waren in diesem Teil Parkanlage des Städtchens.

Einige Schritte weiter, und Manuela und ich, wir befanden uns vor einer hölzernen, grüngestrichenen Parkbank. Im Nu.

Ich: 'Immer Platz zu nehmen, mein Fräulein.'

Manuela grinste breit. Manuela: 'Danke, der Herr! Sehr nett.'

Nebeneinander haben Manuela und ich uns mit den Hinterteilen auf grüne Holzfläche draufgehockt.

Die bleichen, nackten Beine, die überschlägt Manuela, während ich hingucke. Mit dem Fuß wippt Manuela drauflos.

Manuela, die zu mir rüberspricht: 'Freu mich wirklich sehr, dich mal wiederzusehen. Wie lange das jetzt schon wieder her ist, das mit uns. Nicht zu glauben. Wie die Zeit doch vergeht! Ein Teen war ich damals ... Vierzehn, fünfzehn.'

Ich: 'Tja, werden wohl zehn Jahre sein ...'

Manuela: 'Hab's damals überhaupt nicht schlecht gefunden, das mit dir ...'

Ich: 'Freut mich.'

Manuela: 'Fand, das lief eine Zeitlang ganz gut, das mit uns. Von ein paar kleineren Ausnahmen abgesehen ... Aber die gibt's immer, überall, bei jedem, nicht?'

Ich, kopfnickend: 'O ja! Stimmt schon. So Momente, die gibt's überall. Bin ich mir das sogar sicher. Daß ich das sicher weiß, daß es die gibt.'

Manuela: 'War total unglücklich drauf, nachdem wir uns getrennt hatten. Kann mich erinnern, daß ich ein paar Tage oft viel geweint habe. Weil du und ich, wir, auseinander waren. Hätte nicht sein müssen, daß wir uns trennen. Wirklich nicht.'

Ich: 'Du warst die, die Schluß gemacht hat. Du hast dich von mir getrennt. Unbedingt wolltest du dich von mir trennen. Dabei hab ich gewollt, daß alles so bleibt, wie es war. Hätte noch ein kleines Weilchen ganz gut klappen können. Wenn du noch für mich dagewesen wärst ...'

Manuela: 'Nein, denke ich nicht. Eigentlich denk ich, du hast dich von mir getrennt."

Ich: 'Wie - ich? Du warst doch die, die mich verlassen hat. Oder nicht?'

Manuela: 'Doch, du hast mich verlassen. Vorher schon. Da hast du dich schon von mir getrennt gehabt. Schon von mir getrennt. Ich hab das dann nur offiziell gemacht.'

Ich: 'Ich habe dir dann noch öfter geschrieben, bei dir anzurufen versucht. Du hast nicht zurückgeschrieben, bist nie drangegangen. Hast mich einfach weggedrückt. Hattest dann bald eine neue Nummer. Am Telefon bei dir daheim war deine Schwester dran. Oder deine Mutter. Die haben nur gesagt, du wärst nicht daheim. Kann aber nicht sein, daß du nie daheim bist. Und wenn ich dich mal zufällig wo gesehen habe, hattest du schon wieder einen neuen Kerl an deiner Seite ... Hast mit ihm händchengehalten. Da wollte ich nicht zu dir hingehen. He, du hast sogar sofort die Straßenseite gewechselt, wenn du gesehen hast, daß ich daherkomme. War nichts, viel mit dir reden zu können. Alles hast du schnell abgewürgt, kaum daß ich dich angeredet habe.'

Manuela: 'Tut mir schon leid. Wirklich. Aber ich hatte meine Ansichten. Andre wollte ich nicht haben. Habe auch nie was davon mitbekommen, daß du Dinge anders hättest machen wollen als so, wie du sie gemacht hast. Ein paarmal habe ich dich in voller Soldatenuniform am Bahnhof auf den Zug warten sehen. Bist abgereist, um in die Kaserne zu kommen, oder?'

Ich: 'Ich war in ein paar Kasernen. Mußte damals oft lange Strecken im Zug fahren. Habe viel Landschaft gesehen. Fast monatlich, daß ich versetzt worden bin. Solange ich Uniform getragen habe. Nur die Wochen der Grundausbildung war ich fest wo. Die viele Reiserei hat mir aber nie viel ausgemacht. Andere hätten das nicht so gern gehabt, irgendwann versucht, mit den Vorgesetzten zu reden. Ich dagegen habe keinen Widerspruch eingelegt. Ich nie.'

Manuela: 'Siehst du! Was du mir gerade erzählst, das wäre nicht gut für uns beide gewesen. Hätten wir uns nicht getrennt, wäre das sicher zwangsläufig irgendwann so weit gekommen, daß wir uns trennen hätten müssen. Einen Typen vielleicht einmal, zweimal im Monat kurz übers Wochenende oder so zu sehen, mit einem mehr zu telefonieren, als was andres - nein danke! So was hat meiner Meinung nicht viel mit Liebe zu tun. Und ich hatte nach dir auch schnell wieder einen neuen Freund. Hat keine Woche gedauert. Keine Woche hat das gedauert. Kaum habe ich kurz rumgeguckt, hatte ich wieder einen. Und dann wieder den nächsten. Weißt ja, ich hatte auch schon vor dir den einen oder andern. Mußte echt nicht lange drauf warten, was einer will, wenn der Sachen will, die ich nicht will. Auch wenn ich den geliebt habe. Wie ich dich geliebt habe.'

 

Hm, hm, Tagebuch, reden Manuela und ich so miteinander? Haben Manuela und ich so geredet?

Haben Manuela und ich das in der Art zueinander gesagt?

Inhaltlich, mein geehrtes Tagebuch, meine ich, müßte das ungefähr in der Weise hinkommen.

Oder, Tagebuch, bin nur ich das, der hier redet?

Ich, Tagebuch, so mit mir?

Weil der Fall sein könnte, daß da überhaupt keine ...

Weit und breit keine ...

Überlege und überlege, Tagebuch.

Manuela und ich ...

SIE, Manuela, und ich ...

Auf der einen Seite ist alles so, so deutlich, mein Tagebuch. Realität. Wie etwas, das Hand und Fuß hätte.

Wäre da nicht dieser Wahnsinn. Wahnsinn pur habe ich hier.

 

Auf der Parkbank im oberen Stadtpark unterhalten wir uns miteinander, Manuela und ich. Deutlich sehe ich Manuela neben mir sitzen.

Manuelas weiße, nackte Beine.

Wohlgeformte Beine. So verheißungsvoll.

Manuela, die spricht mit mir, gestikuliert ...

Und ich, wenn ich den Hals ein klein wenig weiter verdrehe und zu Manuela eine Etage tiefer blicke - da schaue ich Manuela von droben rein ins schwarze Samtsackkleid. Ncht nur auf den Ansatz von Manuelas Brüsten. Tiefer runter, die drallen Hügel ...

 

Einerseits das, die Wirklichkeit mit Namen Manuela, Tagebuch. Das, was mir vor Augen war, ich heute in der Erinnerung habe ...

Andererseits - ein Ding der Unmöglichkeit, das mit Manuela.

Nach dem, was ich in der Gegenwart alles weiß.

Seit ich weiß, daß Manuela ... Das sicher weiß, daß Manuela ...

 

Seitdem ist das der Irrenhaus pur hier.

Seit ich mir dessen sicher sein, ist das das reine Irre.

Davon bin ich vollkommen durchgeschüttel. Wirr.

Voll wirr im Kopf, so macht mich das.

Manuela, das mit der, das erschüttert in den Grundfesten.

 

Nicht verstehen kann ich es. Nicht begreifen.

Das, daß Manuela mir ...

Nach den zehn Jahren, die vergangen waren, seit der endgültigen Trennung von Manuela und mir ...

Ich meine sicher, liebes Tagebuch, für reine Einbildungen wären mir ein paar andere nähergestanden als ausgerechnet Manuela.

So fern wie Manuela meiner heutigen Welt war. Meiner Welt der Gegenwart.

 

Es ist schwer, mein hochverehrtes Tagebuch. Sehr, sehr schwer.

Sehr schwer hinzunehmen für mich, das Manuela-Ding.

 

*

 

 

Siebzehnter Juli, mein Tagebuch.

Zehn Uhr am Abend ist es bald. Genaue Uhrzeit: 21:53.

 

O ja, liebes Tagebuch, Du bist offengestanden. Nur der Monitor, der war zwischenzeitlich dunkel geworden.

Den Vorfall, den möchte ich textmäßig hier drinnen jedenfalls kurz festhalten.

Das muß richtig sein. Das kann nicht außen vor gelassen werden. Wenn die Datei Tagebuch-Datei heißt.

Ein Vorkommnis für die Tagebuch-Datei, das Geschehen mit Bettina. Mit Mylady Bettina. Mylady Bettina, meinem älteren Schwesternherz.

 

Bis vor zehn Minuten war mein liebes Schwesterlein Bettina - Mylady Bettina - hier oben bei mir auf dem im Zimmer.

So um halb neun rum hate es bei mir an der Zimmertür geklopft. Nachdem ich gerufen habe, daß offen ist, hat Mylady Bettina sich die Tür aufgemacht. Zu mir rein in die gute Stube reinmarschiert ist Mylady Bettina.

Sie, Mylady Bettina, meine hochgeschätzte ältere Schwester Bettina.

Mylady Bettina, die hohe Dame, sie hatte mir oben auf der Liste noch gefehlt.

Alles dermaßen eine Annerverei momentan. Daß ich langsam fast den Wunsch habe, mein Vati, der hätte vorhin um halb sechs seine Angelegenheiten mit mir ins Reine gebracht. Alles wäre geordnet, geregelt. Schließlich hatte Vati zu mir heraufgemacht, war mir auf meinem alten Kinderzimmer einmarschiert. Für einen Angriff mit meinem Ökologie-Lexikon. Wie ich so was seit allerbesten Teenagertagen vergleichbar nicht mehr hatte.

Hätte mein Vati mich hochkant aus dem Haus geschmissen, wäre für mich die Abreise aus der Gegend hier fällig gewesen.

 

Zumindest das wäre lange gelaufen.

Zwar, daß ich kein eigenes Auto mehr habe. Bin ohne fahrbaren Untersatz, mit dem ich irgendwohin abfahren könnte.

Aber, es hätte sich sicher was gefunden, mit dem ich wegfahren hätte können.

Andererseits sollte ich dableiben. Auf den Anruf aus der Automechanikerwerkstätte warten.

Auf den warte ich, seit ich heute gegen Mittag mit dem Taxi heimgekommen bin.

Ohne die Neuigkeiten, was mein Auto anbetrifft, geht es für mich nicht so einfach wieder rauf. In meine Studentenbude im Wohnheim. Hunderte von Kilometern, die ich von der entfernt bin.

Keine Ahnung, warum der Autowerkstatt-Scheffe, Heinz mit Namen, mich nicht im Laufe des Nachmittags wegen des Kostenvoranschlags verständigen hat können. Haben wohl zu viel Arbeit, dort, in der Werkstätte, die von Autorep.Heinz.

Oder, er ist auswärts geblieben, wo er war, der gute Mann, Heinz, der Familienname?

Haben ihn seine Mechatroniker über was unterrichtet? Oder habe die es nicht?

Die Leute von Autorep.Heinz, eine ordentliche Auflistung der Fahrzeugschäden hätten sie schon haben müssen, wenn sie sich am Nachmittag mit meinem Wagen beschäftigt hätten. Die Summe hätte man dann Heinz, dem Boß, übermitteln können. Damit der sich bei mir meldet.

Oder, was war das? Hat ihr Chef den Mechatronikern keine Zustimmung zu irgendwas gegeben? Sich selber mal dagegen entschieden, auch nur kurz bei mir anzurufen?

Was weiß ich, was Schönes bei Autorep.Heinz abgeht. Wie es bei denen so zugeht. Habe, beim Denken an die von Autorep.Heinz nur so teure geldwerte Gefühle, Gefühle von einer Teuerungsrate, die sich für mich gewaschen hat.

Geradezu Reue, die ich empfinde, mein Auto an Autorep.Heinz ausgeliefert zu haben.

Jetzt ist es aber für alles zu spät.

 

Das heißt aber nicht, daß ich nicht im Zug abreisen könnte.

Bliebe mir wegen meines Problems mit Vati nichts anderes übrig, als daß ich hier aus dem Haus raus müßte, könnte ich mich jederzeit Richtung Bahnhof fahren lassen.

Das heißt, vielleicht nur nicht mitten in der Nacht.

Ob ab Mitternacht noch eine Zugreise von hier weg möglich ist, müßte ich erst anhand der Fahrpläne sehen.

 

Noch sitze ich aber hier auf meinem Zimmer vorm Monitor ...

Nirgendwo anders tippe ich in Dir, Tagebuch, als dort, wo ich Dich aufgemacht habe.

Zurück zu Mylady Bettina, meinem älteren Schwesternherzilein, Tagebuch.

Bettina war also bei mir in mein altes Kinderzimmer hereingekommen. Hat sich auf mein Bett gehockt. Ist dort drauf wie festgegipst hocken geblieben, die Frau.

Zuerst befragte Mylady Bettina mich, wie es mir mit meinem Studium so ginge. Wie es bei mir mit dem Studieren so läuft.

Lasse ich Einzelheiten hören, daß Mylady Bettina mitkriegte, daß mein Studiengang mir keine Sorgen beeitet.

Schon schön, wenn einer immer alles schafft, mit allem während seines Semesters fertig wird, erklärt mir Mylady Bettina. Langsam, daß Mylady Bettina auf den Kern ihrer Angelegenheiten zu sprechen kommen wollte. Das, was Mylady Bettina eigentlich auf den Nägeln brannte, ansprechen. Dann erkundigte Mylady Bettina  sich, wie es mir zuletzt sonst immer so ergangen war, droben in der großen Stadt, alleine, verlassen. Nachdem ich wieder solo war. Obwohl ich eine hatte, eine, mit der ich sogar verlobt war. Heiraten hätte ich die gewollt. Eine mit dem Namen Helen.  Helen hatte die geheißen, erinnere sie, Mylady Bettina, sich recht.

Gab Mylady Bettina zu, daß Helen und ich auseinander waren; getrennt hätten wir uns, Helen und ich.

Genau wünschte Mylady Bettina das aus meinem Mund auf die Lauscher zu kriegen, wie es denn dazu kommen hätte können, daß wir, Helen und ich, uns entlobt hätten. Wie das genauer zuging, das zwischen Helen mir. Verlobt waren wir, Helen und ich, in den heiligen Stand der Ehe wollten wir beide treten. Nicht nur standesamtlich. Auch kirchlich. Aber jetzt, in der Gegenwart, wäre davon nichts mehr. Wüßte jeder eigentlich gerne, warum nicht.

Dazu hab ich geschwiegen, Tagebuch; mich ausgeschwiegen. Fiel mir überhaupt nicht ein, Mylady Bettina viel zu erörtern.

Daß das an erster Stelle Stehende, die Eheschließung auf dem Standesamt, hinausgezögert worden war. Daß nicht mal das von mir und Helen in die Tat umgesetzt wurde, für jeden in der Familie eine Überraschung, meinte Mylady Bettina. Jetzt, aber am Schluß das: Daß bei mir und Helen überhaupt nichts mehr passieren würde, was eine Ehe anbetraf. Eine Entlobung habe stattgefunden. Ganz getrennt hätten wir uns, Helen und ich. Sehr im Unguten, wie es ausschaute.

 

Die Schulter habe ich Mylady Bettina gegenüber gezuckt.

Daß ich sie ruhig ertragen habe, sie, Mylady Bettina?

Während ich bei Mutti schon ausflippte, habe ich Mylady Bettina und Mylady Bettinas Annervertour ausgehalten.

Mylady Bettina, fortgesetzt mit ihren ekelhaften Versuchen, hinterlistig ihre Fragen bei mir anzubringen. Als würde ich nie begreifen können, worauf sie, Mylady Bettina, abziele, hinauswolle. Als wäre ich, ihr jüngerer Bruder, nur doof.

Alles ertrage ich bei Mylady Bettina, liebes Tagebuch, bin nicht raketenmäßig hochgekommen.

Lieber, als mich zu echauffieren, habe ich Mylady Bettina die Geschichte unverdrossen wiederholt. Die, die jetzt jeder in der Familiengruft Perle für Perle auf der Schnur aufgezogen kennen sollte. Nur das oberflächlich Bekannte habe ich bei Mylady Bettina hören lassen, nichts Neues hinzugefügt. Daß es Streit gegeben hätte, zwischen Helen und mir. Die Streitigkeiten hätte sich dann zugespitzt. Auch um gewisse Glaubensfragen sei es dabei gegangen.

Keinen bestimmten Text hab ich Mylady Bettina mitgeteilt.

Es schien mir, daß Mutti Mylady Bettina nicht alles gesagt gekriegt hatte, von Mutti. Eher weniger, wenn Mylady Bettina im Trüben fischte.

 

Muß darauf hinweisen, hochgeschätztes Tagebuch, Bettinalein, Bettinalein, die war immer meine ältere Schwester.

Im Gegensatz zu Tanja, die meine jüngere ist.

Tanja war, ist die Jüngere von uns drei Geschwistern.

Als der ein paar Jahre Älteren habe ich Bettina nie eine runtergehauen. Wäre früher auch nicht gesund gewesen. Für mich.

Anders wie bei Tanja. Anders, wie das Tanja, dem Nesthäkchen der Familie, schon mal durch meine Hand passiert ist.

Bei Tanja traute ICH mich. Bei Tanja, da war ICH älter.

Tanja war die, die ich geschubst habe. Dann und wann.

Bettina aber, die hat mich hergeschubst.

Bettina, die schlug schon mal nach mir, traf mich mit der Faust.

Bettina hatte einen harten Schlag drauf. Konnte Maulschellen verteilen. Sehr gerne an mich. Hatte ihren Spaß daran.

 

Mann, Mann, mein Tagebuch!

Aufgegangen wie Hefeteig, bleichgesichtig und ekelhaft, daß Bettinalein, die Mittdreißigerin, mir am Bett gesessen ist, eingehüllt in eine Parfümwolke.

Geschmacksrichtung des Dufts: Karamel.

Was zu essen.

Als sollten Leute an ihr knabbern. Möglicherweise auch ich. Oder was war das?

Einen dicken, grauen Altweiberrock hatte Mylady Bettina an. Wie geradewegs aus dem Kleiderreservoir eines uralten Miss-Marple-Films entliehen.

Im Stehen wäre Mylady Bettina der dicke Saum ihres Rocks bis über die Kniescheiben heruntergefallen.

Aber, Mylady Bettina, die stand nicht.

Dort, auf meinem Einzelbett, wie Mylady Bettina mit ihrem prallen, breiten Hinterteil auf der Matratze aufgekommen war, ist Mylady Bettina, dem Miststück, der Rock zu den Oberschenkeln hochgerutscht.

Und in der Position ist mir Mylady Bettina sitzen geblieben. Bedenkenlos.

Weißfarbene Unterwäsche - weißer Seidenunterrock, weiße Schlüpferware - so was durfte ich entdecken. Wenn ich von Mylady Bettinas Fettwanstgesicht fort anderswo hinschaute.

Hat Mylady Bettina sich tatsächlich nichts dabei gedacht. Sich nicht viel um irgendwas geschert. Das reinste Nichts dagegen unternommen. Daß ich dort hineingeguckt habe.

 

Schon klar, ich bin Mylady Bettinas Bruder. Nichts als ihr Bruder.

Bloß ihr blöder Bruder.

Beim Bruder braucht sich die Jahre ältere Schwester nicht viel antun, oder?

Selbst dann nicht, wenn sie, meine ältere Schwester, mit mir so ernstere Sachen, Angelegenheiten beredet. Welche, die bei mir nicht besonders gut kommen.

Auch dann hat man sich keine Sorgen zu machen.

 

Stimmt ja auch. Das ist wahr. Ich bin das tatsächlich nur, Mylady Bettinas jüngerer Bruder.

Da bleiben Dinge in der Familie, nicht?

Was nicht alles Mylady Bettinas Fettleibigkeit geschuldet ist, was?

Trotzdem, auch wenn ich nichts bin als Mylady Bettinas jüngeres Brüderchen, hat Wäsche seine Symbolik. Auch, wenn das mit Mylady Bettinas Schönheit schon ein paar Tage her ist. Schon ein paar Tage. Obwohl sie, Mylady Bettina, nicht so alt ist.

Wie sie ausschaut.

Aufgegangen ist Bettinaleinchen wie ein buttriger Napfkuchen. Einer dieser Napfkuchen, wie Mylady Bettina sie sich gerne einverleibt.

Ein Napfkuchen mit viel Zucker an, reichlich Butter und dich Schoko dem Teig untergerührt.

Frisch kurz erst aus dem Ofen rausgeholt. Noch direkt heiß und in der Blechform.

Mylady Bettinas Lieblingskuchen, eine Kalorienbombe.

 

Halten wir fest: Drei Kinder hat Mylady Bettina - und einen Mann.

Antun muß sich Mylady Bettina deswegen nichts mehr. Sorge wegen ihres Äußeren bei Mylady Bettina: keine.

Sehe ich sie, Schwesterherz Bettina, neben ihren Mann Reini - Reinhardt -, sieht Reini viel besser aus als sie, Mylady Bettina

Sogar um einige Prozentpunkte sympathischer, Mylady Bettinas Reini.

Daß man sich fragt.

Man sich das fragt.

Ja, sicher sich Fragen stellen muß ...

Öfters habe ich mir so Fragen schon gestellt.

Solche, wie das wohl zugeht. Wie die Geschichte zwischen Mylady Bettina und Reini so genau läuft. Wenn Mylady Bettina da nichts Sorgen bereitet, währenddessen ihr Reini der Gutaussehende ist.

Das muß sie doch sehen.

Er, Reini, der Gemahl, der gut ausschaut. Äußerlich wenigstens. Solange man sich noch nicht kennt.

Während SIE, Mylady Bettina, das Bettinaleinchen, daherkommt, ein Weib, im Grunde genommen zum Abdrehen.

Fett, fett, fett. Dreifachkinn. Mit Haaren auf der Oberlippe. Und den Zähnen.

Das muß denn wahre Liebe sein, von dem Kerl. Von Reini. Wenn er treu bleibt.

Oder ich bin bei Reini nur noch nicht hinter Reinis kleine Geheimnisse gekommen.

Reini, der doch auch autofährt.

Kurz schnell wohin kann Reini fahren. Für eine Stunde. Zwei. Je nachdem, wieviel Zeit Reini hat.

Es gibt ein paar Klubs hier in der Umgebung, Tag und Nacht geöffnet.

Praktisch pausenlos, daß Zimmertüren auf- und zugehen können. Für die Massagen, ganz ohne jedes Tabu. Bei einem Aufschlag auf den Preis sogar Küsse mit inbegriffen.

Eine Freundin könnte der Mann, Reini, locker ebenfalls haben. Problemlos.

Eine, für die er, Reini, am Schluß, was die Geldseite angeht, nicht mehr ausgibt als das übliche. Das allerdings gern. Weil er dann wieder zu Mylady Bettina, seiner Ehefrau, heimmacht.

 

Alles mögliche, auf das ich da bei Reini kommen konnte.

 Das hätte ich Bettinalein liebend gerne auch ein paar kurze Augenblicke verklickert. Es ihr zweifelsäend unter die Nase gerieben, wie sie da so feist und abgeschmackt mir gegenüber dahockt. Auf meinem Bett sich sehen läßt. Mit weißem Spitzenunterrock und weißem Schlüpfer.

Das Mylady Bettina messerscharf hingesagt, daß bei ihr der große Reiz lange hinüber war. Woandershin verflogen.

So als Mittdreißigerin als Mutti von einem Knaben und zwei Mädels. Als wäre lange alles vorbei.

Besser, Bettinaleinchen paßte mal auf ihren Reini auf. Ob der ihr so treu war, wie es ihr, obwohl Mylady Bettina, vorkam.

 

Die Frage zumindest sollte sie sich mal stellen, wie nett Reini zu anderen sein konnte. Was er in der Lage war, Geld auszugeben. Für die eine oder andere.

Mylady Bettina, in der Gegenwart mit eine der beste Freundinnen vom Pfarrer. Mylady Bettina, Dauergast am Pfarrhof. In der Kirche mit eigenem Stammplätzchen, Mylady Bettina.

Das biederste Familienleben bei Mylady Bettina daheim, mit ihrem Ehegespons und ihren drei süßen Kindern.

Gerede davon einmal die Woche abends im ehrbaren Frauenzirkel bei Nachmittags- oder Frühabendkaffee, mit Torte oder Kuchen am Tisch. Wie Mylady Bettina als Erstplazierte dort aussieht, mit sportlichen Aktivitäten haben die nichts im Sinn.

 

 

Erinnere mich gut an ganz andere Zeiten, bei Mylady Bettina, mein Tagebuch.

Mein Schwesterherz Bettina hat es tatsächlich mal ordentlich getrieben. Ziemlich ordentlich.

Richtig toll. Damals. Als Bettinaleinchen noch Teenager war.

Kaum eine Fete, die Bettina ausgelassen hat.

Könnte es einiges mitteilen, das Bettinalein, würde es das heute nicht verdrängen.

Ich weiß selber noch das eine oder andre.

War schließlich in der Nähe, wenn Bettina für ihren Freundes-, Bekanntenkreis Parties geschmissen hat. Dinger, die ab und an ausarten konnten. Ganz wild ausgeartet sind.

Im Sommer abends, paßte das Wetter, daß das Grillen angesagt war. Grillfest mit Freunden, -innen, Bekannten, mit der Schulklasse. Bei Bettina daheim, das heißt, bei uns im Garten, im Haus.

Bettina, die Ältere von uns, die hatte das gedurft.

Begaben sich die Eltern zur damaligen Zeit sogar extra außer Haus. Hatten etwas anderes vor, als besorgt zu Hause sein zu müssen. Als hätten sie nicht besorgtsein brauchen, angesichts von Bettina und Bettinas Partyaktivitäten.

Zu Verwandten fuhren Vati und Mutti, sind über Nacht dort geblieben.

Habe leibhaftig Grillabende, Parties miterlebt, die Bettina veranstaltet hat. Weil ich im Haus zurückgeblieben bin, bei Bettina, mein Tagebuch.

Keine Ahnung eigentlich, warum ich bei Bettina gelassen wurde. Warum Vati und Mutti dachten, sie könnten mich bei Bettina lassen.

 

Eine Grillparty Bettinas mit Freunden, -innen, bei der ich zufällig auch anwesend war, ist mir besonders im Gedächtnis geblieben.

War ein echter Höhepunkt, der mir lange im Kopf herumgespukt hatte.

Hinterm Haus hat Bettina sich schon nachmittags gegen vier das Bikinioberteil nicht wieder anlegen mögen.

Nicht mal, wenn Bettina ums Haus rum ist, hatte Bettina das gute Stück an. Bettina oben ohne.

Als junges Mädchen, Bettina, eine mit Spitzenfigur. Alles an Bettina vorzeigbar, oben, unten.

Wer Bettinas Brüste antesten hatte wollen, der hatte das gedurft. Hat Bettina sich gefreut, gequiekt und manchmal selber in eine Hose hineingefaßt, nachgesehen, was sich da Schönes, vom Stoff verborgen, fand.

Kaum die Hand da wieder rausgebracht, Bettinalein. Oder erst, nachdem ... Erinnere ich mich recht.

 

Auf allen Zimmern in Bettinas Elternhaus ist es am Abend bis in die Nacht dann richtig abgegangen. Knutscherei und gepreßte Laute. Eine richtige Orgie, kam man im Haus an Orte.

Auf den Treppenstufen mußte ich über Leiber drübersteigen. Geknutsche und Gestöhne. Stöhnen und Knutschen.

Mehr oder weniger entblößte Körper.

Irgendwann tanzten welche im Wohnzimmer nackt.

 

Mich schickte Bettina auf mein Zimmer, weil ich ihr lästig wurde. Nicht mehr aus Bettinas Nähe wollte ich mich verziehen.

Irgendwie waren mir die Dinge so komisch, die Leute so befremdlich, daß ich nicht wieder aus Bettinas Umgebung weggehen wollte. Bettina die, die mir in der Fremde Halt gab.

Einer drehte mit ausführlicher Gestik eine dicke Zigarette. Die wurde angezündet, herumgehen gelassen.

Mitzurauchen, das habe ich abgelehnt.

Meinte Bettina, wieder auf mich bei ihr aufmerksam geworden, ich sollte endlich abhauen, zu mir aufs Zimmer raufmachen. Zum Beispiel, um zu Bett gehen, mich schlafen zu legen. Und daß ich ja meine Klappe hielt, morgen. Daß ich ja die Klappe hielt, nichts zu Mutti oder Papi sage. Kein einziges Wort.

Bin ich denn die Stiege rauf, rein zu mir auf das Zimmer. In meinem Zimmer waren aber drei ...

Zwei Jungs und ein Mädchen.

Das hat Eindruck bei mir hinterlassen, da ein bißchen zuzuschauen. So voll doof zu glotzen. Als Zwölfjähriger.

Anfassen, busseln habe ich mich zur damaligen Zeit übrigens nur ungern von jemandem lassen. Das war mir unangenehm. Bin unter Armen, Händen unten drunter durchgeschlüpft, wollte sich jemand, der mich angeredet hat, mich greifen. Über mich, daß gelacht worden ist, wenn ich davongelaufen bin.

 

Heute, so aus heutiger Sicht, bereue ich das direkt.

Mit vierzehn, fünfzehn habe ich das eigentlich auch schon bereut.

So unerfreulich hätte das am Ende nicht für mich sein müssen, wäre ich ein bißchen hergeküßt worden. Küsse und weiter. Angefaßt werden ...

 

Und welchen Ärger hat es für Bettina den Tag drauf gegeben, wenn die restliche Familie Rückkehr gehalten hatte?

Nicht viel was von Ärger.

Nicht mal über den Lärm haben die Nachbarn sich je viel beschwert, war eine von Bettinas Fetenveranstaltungen.

Mitbekommen hat anscheinend bei Bettina nie niemand etwas wollen.

War überhaupt mal los, wenn wieder eine von Bettinas Festivitäten vorüber war?

Im Grunde nicht. Nur das war, daß meine Anwesenheit bei Parties Bettina nicht mehr paßte. Bettina sorgte am Schluß dafür, daß ich nicht wieder im Haus bei ihr zurückblieb, machte sie was los. Mit Vati, Mutti und kleiner Schwester mußte ich mit wegfahren.

 

Habe gerade darüber nachgedacht, was nun das größte Ärgernis für Bettinalein bei allem war?

Hauptsächlich gab es tags drauf Streit mit Bettina wegen dem Putzen.

Das mit der Putzerei, dem Aufräumen anderntags, nach einer ihrer Feten, Grillparties, das hatte Bettina nie gern. Darauf fuhr Bettina nicht ab.

Das mit der Ansprache Richtung Bettina dauerte jedesmal. Bis Bettina sich bereitfand, selber einen Lappen in die Hand zu nehmen, Wasser in den Eimer einzulassen, mal mit der Arbeit anzufangen.

Am liebsten war Bettina noch die Bedienung des Staubsaugers. In sicherer Entfernung zu Staub und sonstigem Unrat. Vor allem zu Erbrochenem.

Sobald Bettina aufging, daß Mutti ihr mit immer größerer Begeisterung die Putzarbeit abnahm, konnte es Mutti passieren, daß Bettina plötzlich irgendwohin spurlos verschwunden war. Als gäbe es keine Bettina mehr auf der Welt. Alleine hatte Mutti die restliche Putzerei zu einem Ende zu bringen.

 

Aber sicher, Tagebuch! Das stimmt, was ich tippe. Sicher war das in der Art, Tagebuch, damals.

Einiges, was Bettinalein zur damaligen Zeit veranstaltet hat.

Tanja und ich, als ich und Tanja älter waren, Parties schmeißen, grillen wollten, das - hatten meine und Tanjas Eltern dazugelernt. Hatten bei Bettina gelernt, was es da alles an Vorkommnissen geben würde.

Wegen mir und Tanja und unseren zu uns eingeladenen Freunden, -innen, Klassen- und Schulkumpels sind Tanjas und meine Eltern nicht außer Haus gegangen. Mutti und Vati blieben einfach da, guckten nach Tanja, mir, den Leuten bei uns. Mutti und Vati fragten, ob jemand etwas brauchen würde.

 

Wenn ich das jedoch heute machen würde, Mylady Bettina auf ihre wilde Teenagerzeit anzusprechen. Der Bringer wäre das nicht. Nicht lieben würde Mylady Bettina mich dafür.

Schließlich eine Dame mit Anstand, sie, Mylady Bettina, meine Schwester. Eine honorige, angesehene Person, Ehefrau und Mutter. Ein Vorbild für ihre Kinder.

Auf ihr gesellschaftliches Ansehen, ihren Ruf, daß Mylady Bettina achtgab.

Mylady Bettina dabei querzukommen? Besser nicht.

Gebetet wurde bei Bettina daheim an jedem Essensgabenstisch.

Früh am Morgen, zu Mittag und am Abend, Gebete. Mit gefalteten Händen wurde auf den Knien ein Gebet gesprochen, ehe für Bettinas Kinder abends zu Bett ging.

Das Licht, das ausgeschaltet wurde, aus blieb. Etwas, was Mutter Bettina kontrollierte.

Seit ihrer wilden Jugendzeit, einiges, das sich bei Bettina verändert hatte. Kaum wiederzuerkennen, Bettina. Nicht nur, was ihre äußere Erscheinung anging.

 

 

Dann war es das zwischen Mylady Bettina und mir, mein liebes Tagebuch. Verlassen hat mich Mylady Bettina. Hatte es eilig, bei mir rauszukommen.

Was ist passiert?

Ludmilla, Bettinas Jüngste, die zu mir ins Zimmer hereingelaufen kam.

Ludmilla, die Kleine, die hat mir dazu verholfen, daß Mylady Bettina mit all ihrer zudringlichen Wißbegier aus meinem alten Kinderzimmer verschwunden ist.

Ludmilla ...

Welch ein Name - Ludmilla!

Wer heißt so, Ludmilla, bitteschön?

Das Mädchen Ludmilla.

Ludmilla, demnächst neun Jahre alt, denke ich.

Oder ist Ludmilla schon neun? Habe nicht den rechten Überblick über das Alter von Mylady Bettinas Kindern.

Goldblondhaarig, Ludmilla. Ludmilla, mit einer großen goldenen Schleife oben im Haar.

Gelbfarbenes Miniröckchen an, Ludmilla, Mylady Bettinas Nesthäkchen.

Sehr knapp, das Röckchen, bei Mylady Bettinas Ludmilla-Schatz. Luftig, fluffig, freizügig.

Hüpfte mir vor der Nase rum, Ludmilla. Während Ludmilla Mylady Bettina darüber unterrichtete, daß Oma in der Küche davon gesprochen hat, daß es nächste Woche jeden Tag in der Stadthalle von drei am Nachmittag bis neun am Abend Spiele zu spielen gäbe.

Auf und ab sprang Ludmilla aufgeregt. Gelbes Spitzenunterhöschen. Glänzende Seide.

Nicht wie aus der Kleinmädchenabteilung eines örtlichen Kauf- oder Modehauses. Sondern beinahe etwas der Marke Reizwäsche.

Ich meine, Ludmilla drehte und spreizte sich bei mir in der Gegend rum und alles bei ihr alles andere als blickdicht. Das gelbe Unterhöschen der Kleinen mit einiger überraschend dunklerer Schattierung.

Ludmilla, die Süße. Bald erst neun. Die Kleine, die ihre Mutti Bettina Ludmilla taufen hat lassen.

Sollte man mal den beiden wohlgeformten Beinen Ludmillas sagen, das mit den neun Jahren. Und diesen braunen Augen. Mit denen Ludmilla herumguckte, mich anschaute.

Daß ich mich fragte, wie weit das bei Ludmilla und mir gehen könnte, gab ich Ludmilla mal einen kleinen Wink.

 

Besser wäre wirklich, Mylady Bettina würde Tochter Ludmilla weniger reizend ausstaffieren. Sollte doch nicht wie ein goldiges Bonbon oder eine Klein-Mädchen-Überraschungstüte daherkommen, frisch zum Ausgewickeltwerden.

Bei Mäxchen und Tina machte Bettina so was schließlich nicht. Die beiden aufzutakeln.

Mäxchen und Tina, die trugen ständig nur tristeste Einheitskleidung. Eher Stilmix Mutti-Bettina-Wirklichkeit.

Graue, langweilige Kleidung, die eher die Welt bei Mylady Bettina wiederspiegelten. Obwohl Tina mit ihren elf Jahren sicherlich gerne hübscher gewesen wäre. Und Sohnemann Mäxchen hätte sicher auch gerne andere Hosen angehabt, als die braunen oder grauen, die er anhatte.

Während Mylady Bettinas Geschmack bei Ludmilla irgendwie anders war. Ganz anders.

Als würde Bettinalein sich daran weiden, das kleine Mädchen Ludmilla gegenüber ihren anderen beiden älteren Kindern zu bevorzugen und es schön und sogar auf eine unerhörte Art sexy anzuziehen.

Überdies, daß die strenge Mutti Ludmilla vieles durchgehen ließ. Sachen, die Mäxchen und Tina sich mal so erlauben sollten.

Regte sich Frechheit in Mäxchen oder Tina, der Weltuntergang. War das Katastrophe, daß Mäxchen oder Tina tüchtig was zu flennen hatten. Dick, daß bei den beiden Tränen die Wangen hinunterliefen, während sie ihr Leid auch laut in die Welt hinausschrieen.

 

Keine Ahnung, Tagebuch, was das mit Ludmilla bei Mylady Bettina sollte. Als welche Projektionsfläche Mylady Bettina Ludmilla, ihre Jüngste, benutzte.

Müßte man sich glattweg bei Mylady Bettina erkundigen.

Einhundert Prozent irgendein undurchsichtiges Mutti-Problem.

Mit dem ich allerdings nichts zu tun haben sollte. Schließlich, mein Tagebuch,Irgendwie, hatte Mylady Bettina, Ludmilla fest ins Auge gefaßt, schnitt eine Miene. Urplötzlich hatte Mylady Bettina es eilig, bei mir aus dem Zimmer rauszukommen.

Vielleicht, weil ich Ludmilla vom Drehstuhl aus aufdringlich offen so eindringlich anguckte - und Ludmilla so starr mit roten Wangen zu mir zurückstarrte. Verständig. Ausbaufähig. Eine Allergie Ludmillas gegen mich war was anderes.

Eher war das wie Anzeichen zu übersetzen, daß in Ludmilla ein Verständnis aufkommen könnte. Ludmilla, die sich nicht viel gegen was wehrte, wenn ich sie zu mir heranzog. Eher neugierig auf das war, was ich mit ihr anstellen würde wollen.

Und das, während Mylady Bettina im Zentrum ihrer Welt allem zuguckte. Mylady Bettina, plötzlich die Stirn ziemlich gerunzelt.

Auf alle Fälle konnte Mylady Bettina sich unversehens so flott von meinem Einzelbett hochwuchten, daß man sich das bei der Körperfülle Mylady Bettinas überhaupt nicht vorstellen konnte. Ich meine, Mylady Bettina, ganz für sich alleine, ohne daß ich ihr helfend meine Hand hinreichen hätte müssen.

Nach der Mädchenhand Ludmilla faßte Mutti Bettina.

Ein unverständliches abgeschmacktes Wort Mylady Bettinas zum Abschied in meine Richtung, und Mylady Bettina war mit Ludmilla bei mir draußen aus der Räumlichkeit.

Beinahe Lichtgeschwindigkeit.

Nur Bettinas Parfümduft, der für mich zurückblieb. 

Diese böse Karamelnote.

 

Schwer hängt der Duft nach Karamel mir jetz noch in der schwülen Raumluft.

Das Karamel, das verursacht Hunger. Macht mich hungrig.

Möchte wo reinbeißen.

 

Denke mir, Tagebuch, daß Onkel Bernd Ludmilla so bald nicht wiedersieht. Wird Mylady Bettina schon dafür sorgen, daß ihre Tochter Ludmilla Onkel Bernd bis auf weiteres nicht über den Weg läuft.

Muß ja auch nicht sein. Daß die bald Neunjährige dauernd zu mir ins Zimmer reinläuft, wenn sie mit Mutter, Geschwistern bei ihren Großeltern zu Gast ist.

Bekümmern wird mich das todsicher nicht.

Das nicht.

Habe wirklich andere Sorgen. Ganz, ganz andere.

 

*

 

 

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