"Das digitale Tagebuch" (07.11. - 14.05.), No. 2
Zwölfter November, foxy.jpg. offen.
Montag am Nachmittag. Oder am frühen Abend. Was immer. 18:01 Uhr.
An der Uni ist Angelika nicht um sechzehn Uhr elf in den Stadtbus eingestiegen, um nach der letzten ihrer Vorlesungen nach Hause in ihre Wohnung zurückzukehren. Nicht zu mir ist Angelika heimgereist.
Eine halbe Minute hat Angelika mich mit ihrem Smartie angerufen, um mich zu informieren, daß sie die Buslinie Richtung von Betsys Wohneinrichtung nimmt.
Finde, jetzt wird es bald mal Zeit für Betsy. Zeit dafür, daß Betsy sich was antut. Denn das, daß Betsy nur dauernd gegenüber Angelika davon spricht, daß sie sich was antun will, das nervt langsam.
Das fällt dermaßen auf den Wecker. Daß ich Betsy fast dabei helfen möchte, ihrem schnöden, Broker-Karlie-losen Leben ein Ende zu bereiten.
Soll man es doch langsam gut damit sein lassen, wenn Broker-Karlie auf der Tatsache beharrt, daß die Welt voller Weiber wäre. Eine bestimmte, Betsy nämlich, müßte es jedenfalls nicht mehr sein. Eine Betsy bräuchte kein Broker-Karlie für die Zukunft, eine Betsy müßte er nicht bei sich haben.
Er, Broker-Karlie, könnte bei jeder, wenn die ihm gefällt. Und das sind gerade nicht wenige.
Schlange stehen würden die Weiber regelreicht bei Broker-Karlie. Sobald eine annervt - eine, die es Betsy gleichtun möchte -, würde er, Broker-Karlie, von nun an sofort wechseln. Auswechseln. Steht schließlich die Kollegin bei Fuß bereit. Die Ersatzbank hätte Broker-Karlie voll.
Ich kriege von dem, was Karlie-Broker bei Betsy anbringt, auftischt gut mit. Nur leider immer weniger davon, daß Angelika und ich gemeinsame traute Runde haben.
Eigentlich nicht viel und oft die letzten Tage.
Habe ich Betsy zu verdanken.
Sogar das Ausgeh-Wochenende Angelikas war keines mit mir, sondern eins mit Betsy.
Mit Betsy ist Angelika um die Häuser gezogen. Durch die Klubs, Cafés, Restaurants.
Betsy, die an der Seite Angelikas, hat dabei ständig nach Broker-Karlie Ausschau gehalten. Hat Betsy Broker-Karlie nirgends gesehen, hat Betsy sich wieder Angelikas Hand zum Halten greifen müssen. Mit Angelika geht Betsy gerne händchenhaltend rum, während Betsy an mir vorüberblickt, wenn sie mich sieht. Seitdem Betsy mal an meiner Körpermitte nach Hochwachsendem gefaßt hatte, übersieht Betsy mich nur noch.
Der böse, böse Broker-Karlie. Auf seinem Standpunkt behaart Broker-Karlie.
Wiederholt es für Betsy, daß sie eine Annerverin ist, sonst nichts. Vor allem darauf aus, Betsy, einen anzunerven. Auf den Zeiger zu gehen.
Nach den letzten Vorkommnissen mit ihr, Betsy, hätte er, Broker-Karlie, sich Kleinigkeiten noch mal durch den Kopf gehen lassen. Darüber nachgedacht, sollte er zu ihr, Betsy, zurückkehren, nicht zu ihr zurückzukehren. Rückkehr zu Betsy? Nicht zu Betsy zurück?
Jetzt wüßte Broker-Karlie aber, was Broker-Karlie will. Und Betsy, sie war das nicht.
Und weil das nicht Betsy war, sollte sich Betsy das ja nicht noch mal einfallen zu lassen, auf die Idee zu kommen, sich länger im Broker-Karlie-Freundeskreis blicken zu lassen. Einer Freundin und Arbeitskollegin Broker-Karlies mit ihren Betsy-Tränen anzukommen, die Frau mit schiefen Worten vollzuschwatzen und zu verstören. Mit so einem Text, als wäre Broker-Karlie einer, der bei der kleinsten Kleinigkeit schnell zuschlägt.
So funktioniere das nicht für sie, Betsy. Wenn dem außerdem so ist, wäre es doch auch besser für sie, Betsy, daß das zwischen ihnen beiden aus und vorbei wäre. Schließlich müßte Betsy das nicht, mit einem zusammenzusein, der sie haute.
Wie das zwischen ihnen beiden, Broker-Karlie und Betsy, zuletzt zugegangen wäre, Schubsereien, Faustschläge, Fußtritte, das bräuchte wirklich kein Mensch. Am Schluß auch kein Broker-Karlie.
Das wäre doch schließlich was: Nachdem Broker-Karlie und sie, Betsy, nun kein Paar mehr waren, wäre Betsy doch frei. Betsy könnte ebenfalls tun und lassen, was und mit wem sie das wolle. Daß Betsy den Rest ihres Lebens einsam für sich im Garten Pflanzen gießen müßte, davon könnte keine Rede sein.
Etwas Schreckliches für Betsy hatte Broker-Karlie bis dahin überhaupt noch nicht getan. Aber, nach gewissen nächtlichen Vorkommnissen von Samstag auf Sonntag mit Betsy im Molto, hat Broker-Karlie seine Worte in die Tat umgesetzt und seine gesamten Nummern ändern lassen. Nichts bei Betsy irgendwo in einem Smartie-Telefonbuch Gespeichertes funktionierte mehr.
Das war festzustellen: Broker-Karlie ist für Betsy seit der Sonntagnacht nicht mehr telefonisch erreichbar. Kurznachrichten: ade.
Des weiteren hat Broker-Karlie Betsy im Laufe des gestrigen Sonntags überall auf seinen Lieblingsseiten im Netz von den Freundschaftlisten genommen. Jeden Spitznamen Betsys hat Broker-Karlie gesperrt. Die von ein paar Betsy-Freundinnen wie Angelika auch.
Selbst Broker-Karlies Eltern heben nicht mehr ab, wenn sie Betsys Nummer auf der Anzeige sehen. Ruft Betsy ohne Nummernanzeige an, geht erst recht keiner ran. Und kennen Broker-Karlies Eltern die Nummer nicht, heben zufällig ab, meldet sich Betsy am anderen Ende der Leitung, wird ohne jedes Herumgerede aufgelegt.
Voll bin ich auf dem laufenden, Betsy anbetreffend. Nachricht um Nachricht hat Angelika mir getextet, am Smartie mich antelefoniert, um Betsy-Zeug bei mir abzuladen.
Das kann man sich so vorstellen: Kaum war Angelika heute vormittag aus ihrer ersten Vorlesung draußen, ist Angelika in der Caféteria gehockt, war Angelika mit Schnelltippseln auf ihrem Phon beschäftigt. Auch während dem Mittagessen in der Mensa.
Während ich in Angelikas Wohnung heimgefahren bin, kriegte ich Betsy-Neuigkeiten übermittelt. Muß ja schließlich alles wissen, was bei Betsy abgeht. Jedes Detail erfahren.
Dieser böse Broker-Karlie. Böser, böser Broker-Karlie.
Betsys neueste Idee jetzt: Broker-Karlie, den Mann, den könnte man entmannen. Die Eier könnte ihm abschneiden.
Ein scharfes Messer, ab damit. Mit dem Ganzen. Sein bestes Stück, auf der Stelle woandershin damit. Es vielleicht an Katzen, Hunde verfüttert. Hauptsache schnell weg damit, daß es nicht rechtzeitig wiedergefunden werden konnte, um im nächsten Krankenhaus wieder drangenäht werden zu können.
Wäre Broker-Karlie erst sein Prachtteil, auf das er so stolz ist, los.
Vielleicht wäre als Folge eine Geschlechtsumwandlung bei Broker-Karlie fällig. Die Vorstellung fand Betsy lustig, mit Zuspruch von Angelika: Broker-Karlie, der Pascha, auf einmal eine Frau. Als Frau mittendrinnen. Nur noch weibliche Perspektive, bei Broker-Karlie.
Broker-Karlie, mit seinen ganzen weiblichen Hormonen, machte jetzt Liebe - mit einem Kerl ...
Sonst unvorstellbar für Broker-Karlie. Broker-Karlie, kein Freund gleichgeschlechtlicher Liebe. Nicht beim Mann, nicht bei der Frau.
Apropos, gleichgeschlechtliche Liebe ... Da wäre es wieder, das Thema. Dieses Thema.
Ewigen Betsy-Reigen hat Angelika. Ohne Unterlaß Betsy bei Angelika.
Betsy hat Angelika so, was braucht Betsy da eigentlich noch einen wie Broker-Karlie?
Ich meine, Angelika könnte Betsy hinten und vorne auch den Kerl machen. Spielzeug dafür hat Betsy. Hat mir Angelika kichernd was gezeigt, als ich bei Betsy in der Wohnung war. Von Angelika beim Wühlen in Schubläden entdeckte Dinger. Gute Längen.
Hoheitlich wird Angelika im Augenblick von Betsy in Beschlag genommen.
Es ist soweit, daß Angelika mit mir fast überhaupt nicht mehr ins Bett kommt. Mein Sex mit Angelika: ab und zu im Vorübergehen oder keinmal.
Na ja, gestern war einmal was, ganz kurz ich und Angelika. Man stelle sich vor: Ich durfte.
Weil Betsy Angelika mal verlassen hatte. Nicht mit mir und Angelika ist Betsy in der sonntäglichen Nacht raus aus dem Molto. Sondern im Molto ist Betsy zurückgeblieben. In der Umgebung von Broker-Karlie.
Eine Situation, in die Betsy sich selber gebracht hat. Daß Angelika Betsy mal verlassen konnte, war Betsy selber schuld. Angelika, Betsys Belagerung entkommen. Um an meiner Seite zu sich heimzumachen. Man stelle sich das vor.
Stimmt alles doch! Frage: Mit wem kuschelt Betsy die Tage viel?
Antwort: Angelika.
Betsy braucht jede Menge von Angelikas trostspendenden Umarmungen.
Überlege ich, ist Angelika jetzt im Augenblick mit Betsy alleine in Betsys Wohnräumen. Angelika, die Betsy-Trösterin.
Wo hier das Trösten aufhört, das mit einem Sexleben anfängt ...? Sehe da ziemliche Grauzonen. Zumindest beim Umgang von Betsy und Angelika miteinander.
Dabei möchte Angelika doch ständig ein Auge auf mich haben. Mich in ihrem Blickfeld.
Deswegen bin ich überhaupt nur raus, dem Meinhardt-Sanatorium entkommen. Weil Angelika schriftlich erklärt hat, die Verantwortung für mein Tun und Lassen zu übernehmen.
Statt dessen bin ich im Augenblick ganz und gar von Angelika verlassen. Begebe mich sogar alleine zu Frau Doktor Hella. Heute um vierzehn Uhr: zwei Stunden Sitzung bei Frau Doktor Hella. Momentan besprechen Frau Doktor Hella und ich die Situation, als Beppi und dieser Fransen mir in Joeys Pils Pub sagten, daß ich Manuela Dombrowski wohl kaum getroffen haben konnte. Weil: Manuela Dombrowski, die war tot. Manuela Dombrowski, die hatte einen Unfal mit Todesfolge.
All das, als wäre das mein ureigenster Antrieb, mich bei der Frau - Frau Doktor Hella - einzufinden. Hätte ich groß die Lust, mich in stundenlangen Sitzungen von Frau Doktor Hella in Beschlag nehmen zu lassen.
Meine Pillen schlucke ich brav, ohne Beobachter, genau so viele, wie ich schlucken darf. Keine mehr, keine weniger. Als stünde Angelika bei mir in der Nähe rum.
Was sagt man dazu?
Keine Angelika weit und breit momentan bei mir in Angelikas Wohnung, und ich treibe keinen Unsinn. Mit nichts. Als könnte man mir Vertrauen entgegenbringen. Wäre nichts bei mir, daß was anders sein könnte.
Weiß Angelika überhaupt nicht, daß ich mich seit längerem vor allem tagsüber müde, matt, abgeschlafft fühle. Das habe ich bei meinem Praxisbeuch um vierzehn Uhr aber Frau Doktor Hella gesagt. Obwohl ich das Frau Doktor Hella eigentlich nicht sagen hatte wollen.
Frau Doktor Hella hat mir daraufhin dann zu einer Blutentnahme verholfen, Blut mir abgezapft. Die Probe hat Frau Doktor Hella von einem Fahrradkurier ins Meinhardt-Sanatorium bringen lassen.
Bis nächste Woche muß ich jetzt auf die Ergebnisse warten.
Vielleicht, daß ich unter Eisenmangel litt. Ein Eisenpräparat hat Frau Doktor Hella mir mitgegeben. Ein Nahrungsergänzungsmittel. Kräuterblut.
Das mit der Müdigkeit, zumeist tagsüber. Während jetzt, währenddessen die Abendstunden im Anrollen sind, das Gefühl von Agilität immer stärker in mir wird. Raus möchte ich am liebsten, auf die Straßen der Stadt ...
Habe abends voll die Wanderlust. Eine Lust, die in mir ist, Kleinigkeiten zu unternehmen.
Das hat aber nichts damit zu tun, mal ein Bier trinken gehen. Leider. Eher dreht es sich ums Auflauern. Leute überraschen.
Will mich in der Dunkelheit irgendwo in ein Eck stellen, darauf warten, wer vorbeikommt. Dann aus dem Versteck vorzuspringen, anzugreifen ...
Dieses Verlangen spüre ich in mir. Dazu habe ich am Abend öfter einen Hunger. Als hätte ich lange nichts mehr gegessen. Vor allem nichts Anständiges.
Es ist jedoch kein normaler Hunger. Sondern ein Hunger auf, ein Hunger auf ... Das will ich bei jemandem tun, was ich bei Marlene getan habe.
Meine Zähne will ich reinschlagen. Irgendwem meine Zähne in den Hals schlagen. Dann: saugen, lecken, trinken.
Wie bei Krankenschwester Marlene, damals im August im Stadtkrankenhaus.
He, hatte ganz vergessen, daß das, als ich rausgegangen bin, hier offengestanden geblieben war. Habe mein Läppie nur zugeklappt.
Muß das jetzt kurz tippen, was ich die letzten zweieinhalb Stunden im Bad getrieben habe ...
Wahnsinn.
Man muß sich das vorstellen: Die vergangenen zweieinhalb Stunden im Bad habe ich den Mund auf- und zugemacht.
Habe, war mein Mund offengestanden, geguckt, ob es an meinen Zähnen Veränderungen gäbe. Immer minutenlang.
Weil, ich hatte dieses Gefühl, mit meinen Zähnen wäre was. Etwas, das sich mit meinen Zähnen abspielt.
Irgendwas, daß da anstünde, eine Veränderung. Jede Sekunde würde es soweit sein, daß ich das zu sehen kriegen könnte.
Eine Angelegenheit für das Meinhardt-Sanatorium, um die Sache deutlich zum Ausdruck zu bringen. Damit sollte ich Frau Doktor Hella anrufen, darüber Frau Doktor Hella informieren. Damit mir der Transporter geschickt wird, der mich in Meinhardt-Sanatorium verbringen konnte.
Außer dem Empfinden, eine Verwandlung stünde bei meinen Zahnreihen an, war spaßigerweise bisher aber nichts.
Die Zähne, alle die gleichen. Schaut dort aus wie eh und je.
Deshalb: Habe ich noch alle Tassen im Schrank? Bei dem, was ich die letzten Stunden so angestellt habe, plemplem ist geradezu ein freundlicher Ausdruck dafür.
Das heißt, Meinhardt-Sanatorium? Nicht Meinhardt-Sanatorium?
Warum denn nicht Meinhardt-Sanatorium? Was ist schlimm am Meinhardt-Sanatorium? Im Meinhardt-Sanatorium käme Angelika mich zumindest nachmittags für ein paar Stunden besuchen. Denke ich wenigstens.
Frau Doktor Hella, ich vermeide es, mein Smartie zu greifen, bei Frau Doktor Hella anzurufen.
Dafür habe Angelika jetzt mit einem Anruf belästigt, das Angelika gesagt, sie sollte heimkommen, und zwar schnell. Mit mir wär wieder was los. Irgendwas.
Seltsame Empfindungen hätte ich. Unter aller Kanone, daß ich mich aufführe.
Eine Viertelstunde, seitdem ich mit Angelika telefoniert habe.
Verdammt, wo bleibt Angelika denn? Die Zeit drängt. Da ist was im Anmarsch. Es ist ganz nah bei mir.
Angelika hat gesagt, daß sie sofort heimwärts macht. Statt dessen ...
Angelika geht nicht mehr an ihr Kack-Smartie. Um mir vielleicht zu erklären, warum sie nicht bei ihr in der Wohnung eintrifft.
Was hält Angelika denn auf, wenn ich sie bei mir brauche?
Ist Betsy bei ihr dran? Hat sich Betsy bei Angelika am Rücken festgebunden?
Betsy?
Mann, ich bringe die noch um!
Ich mache Betsy kalt, das schwöre ich. Hoch und heilig schwöre ich, die mach ich kalt.
Vor mir steht Christine Dombrowski, die ich durch das Fenster, das ich ihr öffnete, in mein Zimmer hereingelassen habe.
Christine Dombrowski, anders aussehend wie in meiner Wohnheimbude. Ihr blondes Haar hat Christine Dombrowski unter eine schwarze Haube gesteckt.
Weit offen hat Christine Dombrowski ihren Mund. Ihren Mund mit den angespitzten Eckzähnen.
Gefragt hat Christine Dombrowski mich, ob sie bei mir darf. Ich habe genickt.
Die Zähne schlägt Christine Dombrowski in mich rein. Links in den Hals.
Christine Dombrowski, Christine Dombrowski, sie ist Realität. In Echt, daß Christine Dombrowski bei mir. Ganz nah bei mir.
Daß ich tippe das hier, das stört Christine Dombrowski nicht. Solange ich sonst stillhalte, mich gegen sie wehre, stört Christine Dombrowski das nicht.
Christine Dombrowski saugt an mir; an mir hat Christine Dombrowski sich festgesaugt.
Eine Minute jetzt her. Abgelassen hat Christine Dombrowski von mir. Mit drei Papiertaschentüchern aus einer Packung auf meinem Schreibtisch hat Christine Dombrowski sich die Lippen abgewischt. Die papiernen Tücher in eine Hüfttasche ihres Lederdresses geschoben.
Alles in Ordnung mit dir, Bernd? fragt Christine Dombrowski mich eben.
Mit dem Kopf, daß ich zu Christine Dombrowski hinaufgenickt habe.
He, Bernd, du bist wirklich lustig, Manuela möchte auch gern zu dir kommen, meint Christine Dombrowski eben: Manuela möchte aber auch gern zu dir kommen, mein Lieber. Manuela nützt das nichts, Bernd, daß ich jetzt bei dir bin. Du mußt schon was dafür machen, daß Manuela zu dir kommen kann. Für sie bist du eher bestimmt als für mich, also unternimm was, hörst du? Du mußt schon mal was dafür machen, Bernd. Für Manuela. Nicht für mich. Oder gehörst DU jetzt mir?
Christine Dombrowski, ganz in diesen hautengen, schwarzen Lederdress gekleidet, flache, schwarze Art Mokassins an den Füßen, guckt mich ausdruckslos an mir herunter, während ich nichts sage, aber auf der Läppie-Tasta tippe.
Komm, Bernd, tu was für Manuela. Du willst doch Manuela eher als mich. Oder wen andern. Oder nicht?
Ich verlass dich jetzt wieder.
ist Christine Dombrowski durch das Fenster, das ich ihr aufgemacht hab, zu mir hereingeklettert.
Daran stört Christine Dombrowski sich überhaupt nicht gestört, daß ich das hier offen habe, weitertippe.
Gegengelesen hat Christine Dombrowski das eben sogar kurz, mir mit der flachen Hand auf die Schulter gehauen.
Ich bin dann wieder raus bei dir, Bernd, sagte Christine Dombrowski zu mir. Ich verlass dich jetzt besser wieder. Ab und zu komm ich bei dir vorbei, Bernd, ja? Müssen nicht übertreiben. Komm, wir gehen beide jetzt zum Fenster. Du machst das wieder hinter mir zu, nicht? Bis demnächst dann irgendwann ...
Aufgestanden war ich vom meinem Drehstuhl hier, Christine Dombrowski zum offenen Fenster hinterhergetrippelt.
Auf die Fensterkante, daß Christine Dombrowski raufstieg. In der Hocke, daß Christine Dombrowski zu mir hergestarrt hat.
Bis demnächst, Bernd. Du mußt dich wirklich bald mit Manuela verständigen. Manuela mußt du was mitteilen. Dann komm ich nicht mehr, Bernd. Ich mein, du bist eigentlich für Manuela bestimmt.
Hoch aufgerichtet hat Christine Dombrowski sich wie der Blitz, seitlich mit den Händen gegriffen und sich abgestoßen.
Zögerlich, daß ich ans Fensterbrett herantrat, Christine Dombrowski dabei zu beobachten, wie Christine Dombrowski die Wand waagrecht längs ist. Dabei hatte ich den Eindruck, Christine Dombrowskis Finger würden sich an der Hausmauer regelrecht festsaugen, setzte sie den nächsten Griff. Nur einmal ist Christine Dombrowskis Fuß kurz abgerutscht, als sie auf das äußerste Fensterbrett, das letzte vor der Hauskante, gestiegen war. Dort war anscheinend irgendwas zum Wegrutschen. Taubenschiß?
Seitdem ist Christine Dombrowski fort und verschwunden geblieben.
He, auf meinem Drehstuhl bin ich mir vor einer Sekunde bewußt geworden. Habe am Läppie auf die Uhranzeige geguckt. Und was sehe ich? Jetzt ist es fast eine geschlagene Stunde her, daß ich mit Angelika telefoniert habe.
Weiterhin, keine Angelika bei mir eingetroffen.
Christine Dombrowski ist auch bald wieder eine dreiviertelte Stunde bei mir draußen, die Hausmauer nach linker Hand auf Höhe der Etage entlang ... Weiß nicht, warum Christine Dombrowski nicht aufwärts oder nach unten gemacht hat.
Ist auch nicht mein Problem. Meins ist Angelika. Jetzt braucht Angelika nicht mehr heimzukommen.
Fühle mich überhaupt nicht schlecht. Nicht berauscht oder so, aber nicht schlecht. Obwohl Christine Dombrowski mir am Hals gehangen hatte. Links, ihre Stelle.
Meine Finger streichen über die feuchten Stellen, in die Christine Dombrowski mir ihre Spitzzähne reingeschlagen hatte. Weiß das, daß Christine Dombrowskis ihre Zähne genau dort schon drinnen hatte. Haargenau hatte Christine Dombrowski dort wieder bei mir reingetroffen.
Regelrecht sinnlich spüre ich die Vertiefungen der Haut ...
An meinen Fingerkuppen betrachte ich Blut. Mein Blut. Frisches Blut.
Keine Ahnung, es klingelt an der Wohnungstür ... Bloß, mir ist plötzlich so schwindlig.
*
Achtundzwanzigster November, foxy.jpg. endlich wieder.
Mittwoch am frühen Abend. 18:05 Uhr.
Hätten mich gerne dabehalten, die Leute vom Meinhardt-Sanatorium. Wenigstens noch bis Mitte des nächsten Monats. Bis Mitte Dezember also.
Nur, Angelika, die war dagegen. Angelika wollte mich wieder in Freiheit sehen. Was nötig war, hat Angelika getan, dafür gesorgt, daß ich das Meinhardt-Sanatorium verlassen durfte. Nach zweieinhalb Wochen.
Demnach nur zweieinhalb Wochen: das Meinhardt-Sanatorium. Obwohl ich mich beinahe drinnen wohlzufühlen begann.
Der Leitung des Meinhardt-Sanatoriums hat Angelika versichert, daß sie mich von nun an wirklich keine fünf Minuten mehr aus den Augen lassen wolle. Außerdem hat Angelika morgend-, nachmittäg- und abendlichen Kontrollanrufen aus dem Meinhardt-Sanatorium und am Wochenende durch Frau Doktor Hella bei ihr und mir in der Wohnung zugestimmt. Weil mich die Sachverständigen des Meinhardt-Sanatoriums für einen gewissen Unsicherheitsfaktor für meine Umwelt halten. Von einer Gefahr haben die von Meinhardt-Sanatorium nicht gesprochen, sonst hätten sie mich kaum rauslassen dürfen.
Rührt sich bei Angelika in der Wohnung keiner, geht niemand ans Telefon, spricht wochenends mit Frau Doktor Hella, dann läuten die Alarmglocken und kommen Leute aus dem Meinhardt-Sanatorium bei Angelika an der Wohnungstüre vorbei.
Ist die Voraussetzung dafür gegeben, zum Beispiel, wenn ich den Leuten vom Meinhardt-Sanatorium seltsame Sachen labere, ich ihnen gegenüber keinen guten Eindruck erwecke, daß ich von dem Meinhardt-Sanatoriums-Krankenpflegerpersonal unverzüglich mitgenommen werden darf. Ob ich eine Minute vorher Sitzung bei Frau Doktor Hella hatte oder nicht.
Die Verfügung dafür hat Angelika unterschrieben. Unterschreiben müssen.
So schauts für mich aus.
Am letzten Freitag haben die Meinhardt-Sanatorium-Ärzte die nächste Blutprobe von mir an das Koch-Plank-Institut verschickt. Die große Frage, die sich den Ärzten stellte: Wie infektiös ist dieses Virus der Immunschwäche-Untergruppe, das in meinem Körper mitschwimmt wirklich? Leider konnten sie es bisher nicht erwischen. Die zweieinhalb Wochen im Meinhardt-Sanatorium waren dafür keine ausreichende Zeit. Weil: Wie es ausschaut, bekomme ich in unregelmäßigen Abständen kleinere Schübe einer Erkrankung. Die mich instabil und unberechenbar machen, Halluzinationen bei mir auslösen.
Die Meinhardt-Sanatorium-Ärzte sehen das Problem wirklich darin, daß sie das Virus mal bei seinem Auftreten beobachten müßten. Das mitkriegen, wenn es sich in mir explosionsartig vermehrt. Um wenig später innerhalb kürzester Zeit wieder zu verschwinden. Beinahe vollständig. Abgestorbene Viren einer vormals größeren Population müßten jedoch in meinem Körper aufzufinden sein.
Einmal habe ich mir sogar bei Herrn Doktor Entje dafür entschuldigt, daß ich die ganzen Tage im Meinhardt-Sanatorium ganz der alte war. Gewissermaßen normal. In keinster Weise am Durchknallen. Nicht von einer Virus-Attacke betroffen. Nichts, das die Herrschaft bei mir übernommen hatte.
Voll komisch finden die vom Meinhardt-Sanatorium die Art meines Immunschwäche-Viruses, der einem Borreliose-Bakterium entstammen konnte. Jedoch dem Original-Immunschwäche-Virus ziemlich ähnlich schaute, sogar mit ihm vergleichbar war.
Daß ich nachts ohne stärkere Schlafmittel nicht mehr durchschlafen kann, irritierte die Psychologen und Neurologen der Meinhardt-Sanatorium-Ärzteschaft des weiteren, die mit meinem Fall beschäftigt waren.
Betreffs der Wundstellen links und rechts an meinem Hals, wo die Halsschlagadern sind ...
Im Meinhardt-Sanatorium denken die Psychologen, Ärzte, was die von der Polizei denken: daß ich mir die Wunden, von denen ich geredet habe, ein Vampir hätte mich gebissen, mit einem Gegenstand eigenhändig beigebracht habe.
Als die Polizeibeamten, von Angelika verständigt, vorbeikamen, hatte ich den Beamten die Türe geöffnet. Mit blutigem Hals. Eine große Schere in der Hand.
Für die von der Polizei war festzuhalten, daß außer mir in den Wohnräumen von Angelikas Wohnung kein Mensch anzutreffen war. Durch jeden Raum sind sie gegangen, haben überall Licht angemacht - kein Mensch anwesend. Es existierten keinerlei Einbruchsspuren an den Fenstern. Fenster, Fenster, die kann ich nun wirklich selber jederzeit aufmachen. Sogar mit meinem blutigen Hals.
SIE wiederholten es mir: Kein Vampir, niemand der die Gestalt Christine Dombrowskis oder sonst jemand angenommen hätte, hätte das bei mir gemacht. Daß es aussieht, als wäre ich gebissen worden. Sondern ich selber.
Ich bei mir selbst.
Hinter mein kleines Geheimnis wollte Herr Entje, der Psychologe, kommen.
Ganz offen fragte mich Herr Doktor Entje im Meinhardt-Sanatorium, wie ich das angestellt hätte, daß es ausschaut, als hätten mich spitze Zähne gebissen. Ich hatte doch eine Friseurschere in den Fingern gehabt, als ich die Wohnungstüre öffnete.
So wie die kleinen Narben, Wundmale bei mir aussahen, stammten sie allerdings nicht von dieser oder einer anderen Schere her. Höchstens noch von einer dickeren, spitzen Nadel.
Hatte ich das schon als kleines Kind, daß ich mich hin und gerne an was geschnitten hätte, um Blut bei mir laufen zu sehen? Mußte damals ja nicht der Hals gewesen sein.
Hätte ich im Kindergarten- oder Grundschulalter daran Gefallen gefunden, mir ständig Narben aufzukratzen, daß sie länger brauchten, zu verheilen? Mochte ich es, mir die Haut zu piksen? Oder hätte ich mich eventuell als Teenager, junger Mann eine Zeitlang mit Rasierklingen geritzt?
Habe ich zur Antwort gegeben, daß solches Verhalten sicher an mir unschöne Narben hinterlassen hätte. Ich hätte jedoch keine ungewöhnlicheren Narben.
Ich hab das Herrn Doktor Entje wiederholt und wiederholt, daß ich mich nicht darauf entsinnen könnte, größere Sachen bei mir angestellt zu haben. Nichts, das mir einfallen würde. Solche Verhaltensweisen, wie Leute sie hätten, die sich zwanghaft selber verletzen mußten, hatte ich nicht drauf
Das Beste wäre es für mich, Sachen offensiv anzugehen, beharrte Herr Doktor Entje auf seinen Überlegungen. Indem ich offen darüber redete. Schämen müßte ich mich deswegen nicht. Ich würde es nicht glauben, was für Leute schon Selbstverstümmelungen an sich gemacht hätte. Solches gab es in allen Gesellschaftskreisen. Reich, arm, prominent. Was wäre mit dem Fingernägelbeißen? Hatte ich vielleicht fünf-, sechs-, siebenmal oder öfter am Tag Nasenbluten gehabt, früher, vom vielen Nasenbohren?
Das war ein Thema, auf dem Herr Doktor Entje herumritt, nicht zum Aushalten. Dachte, jetzt geht es los.
Bin letzte Woche am Montag gereizt vom Stuhl aufgestanden. Habe zu Herrn Doktor Entje gemeint, er könne sich meinen Körper ja mal ganz genau angucken, wenn er wolle. Welche Art von Kratzer, Schnittwunden er bei mir entdecken könnte, die auf Selbstverstümmelungsspäße bei mir hinwiesen; ich wäre ganz gespannt, was es zu entdecken gäbe.
Bis auf die Unterhose habe ich mich ausgezogen.
Herr Doktor Entje ließ sich nicht lange bitten, ist von seinem Drehstuhl hoch auf die Beine. Meine Hände, Unterarme, Armbeugen und die Bauchpartie von mir, von Doktor Entje ausgiebig in Augenschein genommen. Dann die Füße, Kniekehlen, Schenkel. Einen scharfen Blick auf meinen Penis hat Herr Doktor Entje außerdem geworfen, die Vorhaut vor- und zurückgeschoben, das dort gespannt, um das gleiche noch mal zu machen.
Ein zufriedeneres Gesicht hat Herr Doktor Entja anschließend immer noch nicht geschnitten. Vielmehr sich das Kinn hergerieben, gelabert, so Vampir-Sachen, wie ich sie dauernd der Welt anbringen möchte. Ich würde doch nicht in Echt glauben, daß ich mit so was weit käme. Sollte ich demnächst wieder in die Freiheit entlassen werden, sollte ich besser darauf verzichten, diese Platte aufzulegen.
Sogar bei meiner Mutti daheim hat Herr Doktor Entje vom Meinhardt-Sanatorium angerufen, Mutti mit einer Befragung belästigt. Mein Herr Vater hat auch mit Herrn Doktor Entje gesprochen, zu Herrn Doktor Entje gemeint, daß er, mein Vater, das schon immer gewußt hätte, daß er einen Verrückten als Sohn hätte.
Daß ich in die Klinik eingeliefert werden mußte, das hat Betsy, momentan immer noch die als Freundin Angelikas an erster Stelle, genau mitbekommen. Sogar in Meinhardt-Sanatorium ist Betsy mit Angelika mitgekommen. Als Angelika und ich dann in einem Besucherzimmer verschwinden wollte, mußte Angelika das Betsy erklären, warum Betsy nicht mitkommen konnte. Hat Betsy bei Nachmittagskaffee und Kuchen in der Besucheraula gewartet, bis Angelika und ich zu ihr zurückkehrten. Dachte fast, Betsy, die bestünde darauf, da auch bei Angelika mitdabei zu sein.
Mittlerweile ist die Broker-Karlie-Geschichte bei Betsy abgeschlossen. Jemand neuen Freund hat Betsy, mit dem Betsy sich trifft. Manfred. Immobilie-Manni.
Oder: Kohle-Sack. Kohle-Sack, so könnt ich den auch nennen.
Ein echter Scheißdreck ist das, daß Betsy alles, was bei mir abging, genau mitkriegen hat müssen. Wegen mir hat Angelika des weiteren bei Betsy rumgeflennt.
Nach einigem Hin und Her hat Angelika Betsy die Problematik, die sich bei mir findet, so ausgiebig auseinandergesetzt wie mit keiner anderen ihrer Freundinnen zuvor. Betsy weiß wirklich gut in meiner Geschichte Bescheid. Und Betsy, das ist eine. Wenn man der irgendwas erzählt, kann man es am Schluß auch als Artikel in der Zeitung schreiben..
Daher kommen manche Probleme Angelikas heute, Angelika, die auf die Leute im Molto schimpft. Nur Bornierte, dort im Molto. Und: Nicht jede müßte ihre, Angelikas, Freundin sein. Mit mir, daß sie zusammenbleiben würde, da könnte einige reden, was sie wollten.
Davor scheut Angelika jedoch zurück.
Gestern abend war Angelika mit Betsy und Immo-Manni im Café Lenz. Waren einige auch dort, Doris, Laila, Becky, auch Raimund, der mal für ein paar Monate mit Angelika zusammen war. Und sonst noch so Bekannte Angelikas, die ich anscheinend bisher nicht kennengelernt habe.
Erst mal war alles nett. Bis Laila Angelika im Café Lenz plötzlich blöde auf mich hin angesprochen. Motto: Schon die Frage, warum Angelika keinen besseren finden konnte als einen, der im Meinhardt-Sanatorium die Zwangsjacke braucht. A
Auseinandergesetzt hat Angelika Laila und dem Rest das eine und andere. Dann ist Angelika zornig mit Betsy und Immo-Manni aus dem Café Lenz hinausgelaufen ist.
Jetzt befürchtet Angelika, daß die Geschichte im Molto und überall, wohin wir, Angelika und ich, am Wochenende ausgingen, schlimmer als schlimm werden könnte. Ich, wenn ich Angelika überallhin begleitete, könnte irgendwann schief angemacht werden.
Hab ich zu Angelika gemeint, ich persönlich, ich würde es drauf ankommen lassen. Wenn mir einer blöde ankommt, müßte man man sehen, was ihm dann passiert.
Leider hat Angelika da etwas dagegen. Angelika sieht das nicht als Gewinn, weder für sie noch für mich, könnte ich mich nicht zusammenreißen, würde böse Worte von mir geben, sogar schlägern ...
Ah, Angelika ruft mich ... Soll zu ihr in die Küche kommen.
*