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Blog von TeddeMehr

"Das digitale Tagebuch" (07.11. - 14.05.), No. 3

27. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Dritter Dezember, mein foxy.jpg. geht auf.

Montag am Abend. Uhrzeit: 21:23 Uhr.

 

 

Zwischen Angelika und mir herrscht einiges an dicker Luft. Eine Spannung ist das, daß es ausbrechen könnte.

In ihr Arbeitszimmer hat Angelika sich verzogen, sich drinnen eingesperrt. Samt einem Eimer und einem parfümiertem Tuch, den abzudecken.

Mich möchte Angelika heute nicht mehr sehen. Ich sollte es mir ja nicht einfallen lassen, bei ihr irgendwann an der Türe zu klopfen, für was auch immer. Alles könnte ich vergessen. Total vergessen. Sie, Angelika, würde es nicht interessieren.

 

Die Tage, Angelika, nicht so glücklich mit mir. 

Am Samstag- und am Freitagabend habe ich wiederholt zu Angelika gemeint, sie könnte doch auch ohne mich ausgehen, hätte sie drauf Lust. Auch wenn Angelika ihren Freundinnen abgesagt hätte, würde sich wohl keine von denen größer was denken, wenn Angelika trotzdem zum Beispiel im Molto auftauche. Alleine. Daß ich an Angelikas Seite fehle, gewiß für niemandem ein Problem; könnte man drüberwegsehen.

Angelika hätte die Einladung Betsys ruhig annehmen dürfen. Betsy, die Freitag am Nachmittag an der Seite von Immo-Manni nach Mallorca abgeflogen war. Luxusklasse. Mit Betsy und Immo-Manni hätte Angelika im Flugzeug mitmachen können. Am Sonntag wäre Angelika abends bei mir zurück gewesen.

Brachte Angelika bei mir an, daß die Dinge nicht so einfach lägen, wie ich sie in meinen Schwatzorgien anklingen ließe. Trotzdem: Am Frei- und am Samstag hatte Angelika eine Stinkelaune. Trotzdem die gleichen Zeilen: Daß sie, Angelika, nicht wegkönnte, weil Frau Doktor Hella dreimal täglich wochenends anrufen würde. Wenn Frau Hella was merkt, daß sie, Angelika, nicht bei mir daheim war, was wäre dann los? Sofort käme ich ins Meinhardt-Sanatorium. Andererseits: Was würden die andern sich denn einbilden, die sogenannten Freunde, Freundinnen? Sie könnten sich doch nicht einbilden, darüber bestimmen zu können, mit wem sie, Angelika, zusammenleben wolle und mit wem nicht. Die nicht, Angelikas Vati und Mutti genausowenig. Nur mit mir zusammen ginge sie, Angelika, irgendwohin aus. Ins Café Lenz. Ins Molto. Oder sontwohin. Und nach Mallorca auf die Insel könnte spätestens nächstes Jahr zusammen mit mir auch geflogen werden, wenn die Welt sich beruhigt hätte.

 

Ich weiß nicht, am liebsten würde ich das Meinhardt-Sanatorium anrufen, damit die mich auf der Stelle abholen.

Das mit Angelika ist irgendwo kaum auszuhalten. Ich muß Angelika nur kurz ansehen, weiß ich Bescheid.

Im Meinhardt-Sanatorium müßte ich mich wenigstens nicht mies fühlen, weil ich Angelika das nächste Ausgeh-Wochenende versaut habe.

Der Kontakt zu ihren Freundinnen, Freunden, der Angelika momentan abgerissen ist. All das, was unmittelbar mit mir zu tun hat. Ich habe daran die Schuld, daß man sich anders anredet.

Zudem, überlege ich, ist es derzeit so, daß Angelika nicht an die Uni fährt. Weil ich das auch nicht mache. Weil die Uni-Verwaltung mir Ärger macht. Und weil die Leute vom Meinhardt-Sanatorium werktags dreimal am Tag bei Angelika anrufen.

Den Meinhardt-Sanatorium-Anrufern reicht es nicht, nur meine Stimme zu vernehmen. Angelika brauchen sie. Um Angelika danach zu fragen, wie die Dinge im Moment bei mir stünden. Ob ich noch der gleiche wäre, wie die Stunden zuvor. Sollte Angelika an mir ein plötzliche Veränderung feststellen, sollte Angelika augenblicklich im Meinhardt-Sanatorium anrufen. Käme man vorbei. Eine Probe bei mir zu entnehmen.

 

Hin und her überlege ich seit Tagen, wie ich Angelika am besten verlassen könnte. Überhaupt nicht so einfach für mich, von Angelika wegzukommen.

Drehen und wenden kann ich das, wie ich es möchte: Angelika hat sich bei mir festgefressen. Alles Angelika bei mir.

Trennt Angelika sich nicht von mir - ich trenne mich nicht von Angelika. Kann das nicht. Nicht das bißchen.

Mein Bankkonto, so gähnend leer.

Im Dezember werde ich meine kleine monatliche Smartie-Rechnung nicht begleichen können. Angelika werde ich um die Überweisung der Summe bitten müssen.

 

Meine allerletzten Moneten, die ich gestern am Abend bei f-four am Pokertisch verloren habe.

Dreitausend hatte ich am Konto droben gehabt.

Eineinhalbtausend - war das Eintrittsgeld mit Wochenendaufschlag die letzten drei Tage. Man siehe: Gewonnen habe ich auch mal. Vorgestern vor allem.

Sonst hätte ich das Wochenende durch nicht weiterspielen können.

Aber, keinen buy-in habe ich am gestrigen Sonntag halten können. Nichts darüberhinaus gewinnen.

An den zweiten Tisch konnte ich mich zu den Spielern dazubegeben. Dann mußte ich schnell an den Eingangstisch zurück.

Dort ist es dann gekommen, wie es kommen mußte.

 

Mein letztes Geld, das von mir verbrannt wurde.

Verstehe das überhaupt nicht, wie ich das machen habe können, mit zwei Zehnen weiter zu setzen.

Hätte nur meinem Gefühl zu gehorchen brauchen, das sagte: passen. 

Aber ich, ich wollte sehen. Ums Verrecken sehen. Waren immerhin zwei Zehnen, die ich auf der Hand hatte.

Der, der der Sieger war, hatte jedoch zwei lockere Könige. 

Dabei waren wir nur noch zu dritt. Die Type namens Timo, die ich bereits von ein paar Runden kannte, und eine Tussi. Die, mit ziemlicher Oberweite auf ihrem Präsentierbildchen, hatte kaum noch was von ihrem Geldbetrag übrig; demnächst hätte die alles reinwerfen müssen. Der Fortgang des Spiels hätte es verlangt.

Locker hätte ich mit Timo am Tisch bleiben können. Mit Timo hätte ich um den Sieg gespielt; zumindest mein buy-in wäre mir auf mein Spieler-Konto zurückgebucht worden. An den nächsten Tisch hätte ich sogar als Gewinner aufrücken können.

Statt dessen faszinieren zwei Zehnen. Einer glaubt, mit zwei Zehnen hätte er das Blatt, das gewinnt.

 

Jetzt hat nur noch Angelika Guthaben auf ihren Karten.

Wieder kann ich zuschauen, wie ich bei Gelegenheit nebenher was auf mein Konto rüberschaufeln kann.

Will wirklich nicht dauernd Angelika wegen jedem kleinem buy-in bei Angelika nachfragen müssen.

Dabei werde ich scharf aufpassen müssen: Angelika, die leider in der letzten Zeit den Überblick über die Geldbeträge behält. Auf ihre Kontoauszüge schaut Angelika drauf.

Braucht Angelika nicht zu interessieren, daß ich überall eine Pechsträhne habe. Angelika denkt schließlich, ich wäre einer, der besser spielen könnte. Als einer, der schon mal an einem vierten Tisch gewesen ist, Angelika vor den Monitor gerufen hat.

 

Meine Bude am Wohnheim, hätte ich die nur noch ... Könnte ich in sie zurückziehen.

Zu was wäre das allerdings nütze? Ich meine, Frau Doktor Hella hätte ich auch dort am Hals. Das Meinhardt-Sanatorium.

Mit diesen Leuten müßte ich mich arrangieren.

 

He, Kumpel, falsch gedacht. Das ist keine richtige Sicht auf die Wirklichkeit.

Was heißt hier Meinhardt-Sanatorium, Frau Doktor Hella? Die hunderprozentig nicht mehr, wenn die Liebesgeschichte mit Angelika endet. 

Du mußte dir das anders denken, Bernd. Im Augenblick, im Augenblick hast du Angelika. Was ist aber, wenn du Angelika nicht mehr hast? Kannst du dir etwa ohne Angelika das Meinhardt-Sanatorium bezahlen? Oder auch nur Frau Doktor Hella?

Nein, kannst du nicht. Ohne Angelika gibt es für dich, lieber Bernd, kein Meinhardt-Sanatorium, keine Frau Doktor Hella.

Weil du dir, Bernd, ohne Angelika kein Luxus-Sanatorium wie das Meinhardt-Sanatorium leisten kannst. Keine Frau Doktor Hella, eine Psychiaterin für die Allüren, Geisteszustände der gehobenen Gesellschaft.

An einem anderen Ort als im luxuriösen Meinhardt-Sanatorium würdest du untergebracht, Berndie. Nicht das kleinste bißchen was weiter das Meinhardt-Sanatorium. In dem sich ein Patient schon mal fühlen kann, als wäre er dort Kurgast.

 

Überlege ich mir das jetzt genauer, ist mir dann doch das Meinhardt-Sanatorium lieber. Statt den Normaloleute-Kliniken.

Es ist Tatsache: ein Liebes-Aus bei mir und Angelika - das hätte unabsehbare Folgen für mich.

Das Meinhardt-Sanatorium, das wäre nicht mehr.

Du haßt Frau Doktor Hella, Berndie? Aber ohne Angelika, brauchst du Frau Doktor Hella überhaupt nicht hassen? Ohne Angelika bist du für Frau Doktor Hella bloß eine Akte, die sie bei Gelegenheit irgendwann entsorgt.

Wären nicht die Überweisungen, Spenden Angelikas, niemand im Meinhardt-Sanatorium und keine Frau Doktor Hella würde ein Fürzchen für dich lassen.

 

Habe gerade eben ein paar Briefe durchgesehen. Die seit ewiger Zeit bei mir am Schreibtisch herumliegen.

Christine Dombrowski wurde von meiner Mutti bei der Polizei angezeigt. Meine Mutti hatte in meinem Namen eine Anzeige gegen Christine Dombrowski aufgegeben.

Den Ausdruck, den meine Mutti an meiner Statt unterschrieben hat, den habe ich aus dem Briefkuvert herausgezogen, den die von der Behörde meiner Mutti mitgegeben hatten.

Monate sind seitdem vergangen, seit August.

Und Christine Dombrowski hat mich zwischenzeitlich schon wieder besucht. Vor drei Wochen.

Christine Dombrowski, die niemand von den Polizeibehörden auffinden hatte können. Auch nicht Angelikas Detektive.

 

Na, alles klar bei dir, Bernd?

Oder wie siehst du das? Wie sicher ist das nun, daß das Christine Dombrowski war, die dich hier in Angelikas Wohnung besucht hat?

Schwer zu sagen, das, ob überhaupt jemand bei dir drinnen war.

Und dann soll es Christine Dombrowski gewesen sein, Manuelas große Schwester. Diejenige, die bei dir am Zimmerfenster in Angelikas Wohnung hereingestiegen ist.

Leichter hätte Christine Dombrowski doch zur Wohnungstür zu dir hereinkommen können, oder?

Vielleicht bist du, Bernd auch nur so einer, dem es was vorgemacht hat. Bernd denkt sich einfach mal, das wäre Christine Dombrowski gewesen, die bei ihm in Angelikas Wohnung drinnen.

 

Schließlich eher ein Spukszene als irgendwas andres sonst, das mit Christine Dombrowski.

Oder nicht, Bernd? Dir könnte es was vorgemacht haben ...

Denk dir, eine kommt zum Fenster hereingestiegen. Sie beißt dir in den Hals rein, daß dort das Blut fließt. Aber könntest du dir die Halsverletzungen nicht doch selber beigebracht haben?

Dann geht die Geschichte weiter, sie verläßt dich. Aufs Fensterbrett deines Zimmerfensters klettert sie rauf. In der Hocke quatschte sie dich her, dann stellt sich auf die Füße hoch. Die andere schwingt sich fort. Die Fassade klettert sie nach der Seite davon. Nachdem sie um die Hauskante verschwunden war, schließt du das Fenster, Bernd.

Wer glaubt dir nun so was, erzählst du ihm das?

 

Wurde ja auch viel im Meinhardt-Sanatorium mit mir darüber diskutiert, wie ich mir meine sogenannten Vampirbisse am Hals selber beigebracht haben könnte.

Dünne Stricknadeln mit einer gewissen stichfähigen Spitze wären in Angelikas Wohnung gefunden worden, sagte Herr Doktor Entje. Auf Angelikas Schreibtisch.

Die Dicke der Nadeln würde durchaus passen. Spitz genug wären sie. Wenn ich mir damit reinstechen hätte wollen ... Das Muster von Zähnen, das im am Hals hätte, wäre trotzdem klasse.

Und - hat er nicht recht, dieser Herr Doktor Entje, Psychiater und Neurologe am Meinhardt-Sanatorium? Auf was von deinen Sinnen kannst du wirklich vertrauen, Bernd?

Was ist nun die Wirklichkeit? Was reine Einbildung?

Zwar fällt dir nicht ein, daß du die Stricknadeln Angelikas bei Angelika am Schreibtisch in Angelikas Rückzugszimmer je großartig beachtet hättest. Daß du dich mit ihnen stechen hättest können, wollen, das weißt du erst jetzt. Aber - heißt das was? Die Frage nach deinem Geisteszustand stellt sich schließlich ...

 

Der nächste Text, den ich durchgelesen habe.

Die Wohnheimstaatsleitung, die mir meine Bude damals im August unmittelbar gekündigt hatte ...

Ein Termin von einer Woche war mir gesetzt, bis zu dem mein gesamtes Hab und Gut aus meiner Wohnheimbude woandershin geschafft sein mußte. Sonst würde mein Zeug anderweitig entsorgt.

 Was in dem Anschreiben bezüglich der Kündigung steht, einen Absatz davon, den tippe ich jetzt mal kurz hier bei foxy.jpg. rein: Verbotenerweise haben Sie des Nachts eine Prostituierte bei sich auf Ihrem Wohnheimzimmer empfangen. Daß Damen, die dem Gewerbe der Prostitution nachgehen, nächtens zu einem Wohnheimbewohner kommen, das ist für unser Studentenwohnheim nicht statthaft. Das steht auch exakt so in Ihrem mit dem Studentenwohnheim abgeschlossenen Mietvertrag und in der Hausordnung, die Ihnen ebenfalls zur Kenntnis gebracht wurde. Etwas derartiges hätte sie sich nicht erlauben dürfen. Deshalb ist ein einseitige Kündigung des Vertrages durch uns rechtens. 

Mutti und Angelika haben damals Ende August die Geschichte mit der Wohnheimleitung abgewickelt.

Angelika hatte es meiner Mutti klargemacht, daß ich bei ihr einziehen würde können, sobald es mir wieder besser ging. Und Angelika hat Wort gehalten: Nach meinem ersten kurzen Abstecher ins Meinhardt-Sanatorium habe ich bei Angelika in Angelikas Wohnung Asyl bekommen.

 

Muß hier drinnen erwähnen: Die Vorgänge im Wohnheim im August, die haben Kreise gezogen.

Bei meinen Eltern im Haus traf Anfang September ein Universitätsschreiben ein, daß mir die Rückmeldung zu Beginn des neuen Semesters nicht gestattet würde, könnte ich nicht glaubhaft machen, daß ich im Vollbesitz meiner geistigen Fähigkeiten sei und keine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle. Das normale zwischenmenschliche Verhalten jedes Studenten müsse zu jeder Zeit und immer sichergestellt sein. Auf dem Universitätsgelände sollte es zu keinen unverhofften Zwischenfällen kommen, für die ich die Verantwortung trage.

Der Uni-Verwaltung habe ich also darüber Bescheid geben müssen, daß ich mich im Meinhardt-Sanatorium aufhalten mußte. Habe die Adresse, Telefonnummer, e-Mail-Adresse mitangegeben. Des weiteren teilte ich den Verwaltungsangestellten der Uni mit, daß ich mich bei Frau Doktor Sybille Hella in regelmäßiger psychiatrischer Behandlung befände. Anbei: die Adresse von Frau Doktor Sybille Hellas Praxis mit Telefonnummer, e-Mail-Adresse.

Eine schriftliche Versicherung des Meinhardt-Sanatorium habe ich ausgestellt bekommen. In dem Text steht, daß für die zivile menschliche Gemeinschaft von mir keinerlei Gefährdungsmoment ausginge. Jemand, der plötzlich Amok laufen würde, das sei ich nicht. Übermäßig suizidgefährdet wäre ich außerdem nicht. Das seien keine herausragenden Aspekte meiner Erkrankung.

Darüberhinaus habe ich von Frau Doktor Hella einen unterschriebenen Ausdruck, in dem ich als friedliebender, ungefährlicher Mensch beschrieben werde. Außerdem befände ich mich bei ihr, Frau Doktor Hella, in psychologischer Behandlung, würde sie als Ärztin und Psychologin auf alles achten, was bei und mit mir ist.

Auch schön, das Ganze am Unigelände abzugeben, dafür die Stockwerke hochzufahren.

 

Das Problem Universität habe ich jetzt wieder.

Man möchte mich exmatrikulieren. Wegen meines neuerlichen Aufenthalts im Meinhardt-Sanatorium, das der Universität bekanntgemacht wurde.

Das Unversitätsschreiben hat Angelika letzten Dienstag der Anwaltskanzlei Schrötter übergeben. Die Lösung für mich könnte eine einstweilige Verfügung sein. Damit könnte die Fortsetzung meines Studiums bis auf weiteres sichergestellt werden.

Allerdings fahre ich bis das zu seinem Abschluß gekommen ist, nicht mehr an die Uni. Ich befolge den Rat von Angelikas Anwalt mit Namen Schrötter, gehe erst gar nicht im Bus oder zu Fuß auf Uni-Reise.

Statt dessen lasse ich mir durch meine Professoren über die Univerwaltung Studienunterlagen zukommen. Außerdem bezahlt Sara dafür, Sara, von der ich weiß, daß sie ständig knapp bei Kasse ist, sich über jeden Cent freut, daß Sara mich an dem, was Sara in den Vorlesungen mitschreibt, teilhaben läßt.

 

Paßt alles auch.

Muß das Unigelände nicht leibhaftig betreten. Um in der Betonwüste die große Depression zu kriegen; wirklich nicht.

Auf der anderen Seite bedeutet das darüberhinaus auch für mich: Es müffelt mich im Hörsaal keiner, keine lange an. Wenn es mal wieder enger dort wird. Daß man sich fast am Schoß hockt.

Bei meiner feinen Nase ...

 

*

 

 

Fünfzehnter Mai, foxy.jpg..

Mittwoch am frühen Abend. 18:03 Uhr.

 

foxy.jpg offen.

Das war lange nicht mehr, daß ich auf foxy.jpg. draufgeklickt habe und die Blonde daraufhin für mich die Beine auseinandergemacht hat.

 

Der letzte Eintrag in foxy.jpg., vom dritten Dezember des letzten Jahres.

Liest sich am Schluß ziemlich borniert, blasiert, würde ich mal meinen.

 

Seit dem dritten Dezember, das ist heute bald ein halbes Jahr her ...

Seitdem hatte ich foxy.jpg. vergessen.

Oder ich hab einfach nicht auf foxy.jpg. draufgeklickt. Habe foxy.jpg. ge- oder vermieden. Wie immer man es nennen möchte.

War auch nichts weiter großartig bei mir los, was es nötig gehabt hätte, als Text in foxy.jpg. untergebracht zu werden.

Aber jetzt, jetzt ist was passiert.

 

Jetzt mußte ich wieder auf foxy.jpg. zurückkommen.

Außerdem ist es langweilig, im Wohnzimmer herumzuhocken, auf Angelika zu warten.

Weiß nicht, Angelika war nicht daheim, als ich an der Haustür ihrer Wohnung angekommen war. Zuerst habe ich drei-, viermal geläutet. Dann, nachdem mir niemand aufgemacht hat, habe ich meinen Wohnungsschlüssel ins Schloß gesteckt. Fast wie ein Einbrecher bin ich mir vorgekommen. 

Das Schloß war allerdings nicht von heute auf morgen ausgewechselt, nichts anders als gestern, die Tage zuvor, also konnte ich tatsächlich immer noch zu Angelika rein.

 

Fünfzehn Uhr dreizehn war es, als ich zu Angelika zurückgekehrt bin.

Seitdem warte ich darauf, daß Angelika heimkommt. Gegen halb fünf hätte Angelika eigentlich, von der Uni kommend, daheim eingetroffen sein müssen.

Angelika ist aber nicht zu sich nach Hause gekommen.

Habe ich bei der ganzen Warterei auf Angelika plötzlich an foxy.jpg. gedacht.

Statt langweilig herumzusitzen, bis Angelika endlich einträfe, war die Überlegung, könnte ich die Zeit nutzen, hier in foxy.jpg. damit anfangen, ein paar Dinge zu erörtern.

Neuigkeiten sind das, die textmäßig zu dem in foxy.jpg. dazupassen.

Genau darum dreht es schließlich in foxy.jpg.. Für so was habe ich foxy.jpg. aufgemacht.

In foxy.jpg. gehört das rein. Im Grunde genommen muß das sogar in foxy.jpg. Erwähnung finden. Ohne jedes Vertun.

 

Ziemlich frei war ich die letzten Monate.

Nichts von dem Matsch, der foxy.jpg. füllt. Diesem Schatz an wortreichen Einträgen.

Monatelang keinerlei düstere, unübersichtliche Vorkommnisse bei mir.

Meinhardt-Sanatorium - war da was? Frau Doktor Hella - was ist das für eine? Ich bitte sehr, sollte ich eine weibliche Person kennen, die Frau Doktor Sybille Hella heißt?

Mit dem Meinhardt-Sanatorium hatten Angelika und ich nach Weihnachten vorigen Jahres das letztemal Kontakt. Seit Anfang Februar: auch keine Frau Doktor Sybille Hella mehr. Ausgestorben, auf meinem Staatsgebiet, die Frau.

Frau Doktor Hella, eine, die mir aus der Landschaft verschwunden ist. Jetzt aber, beim Tippen dieser Zeilen, ist in mir dieses Gefühl zurück, ich sollte nicht länger zögern, sondern mich sofort entschließen, bei Frau Doktor Hella anzurufen. Um Frau Doktor Hella auseinanderzusetzen, daß es bei mir gewisse Neuigkeiten gibt. Darüber müßte sie, Frau Doktor Hella, informiert werden.

Eventuell wäre das das Beste für mich, das augenblicklich zu tun, ein kleines Telefonat mit Frau Doktor Hella zu führen. Schließlich habe ich Frau Doktor Hellas Nummer immer noch am Smartie gespeichert.

 

Bloß, es geht gerade nicht nur um mich. Nicht so sehr um meine Wenigkeit.

Sondern das, was bei mir los war, das hat in der Gegenwart bei und mit Angelika angefangen.

Klar würde Frau Doktor Hella sofort interessieren. Um mich würde Frau Doktor Hella sich kümmern. Nur, wenn ich das Problem überhaupt nicht habe, sondern es ein Angelika-Problem ist. Und, solange das nicht von Angelika abläßt ...

Kann ich mich doch nicht feige von Frau Doktor Hella aus dem Verkehr ziehen lassen.

Daß ich wieder ein weniges meiner Zeit im Meinhardt-Sanatorium verbringen könnte, das ist schön und gut. Hinter den dicken Mauern des Meinhardt-Sanatoriums wäre ich geschützt. Aber, eben einzig und alleine ich.

Angelika müßte mit mir ins Meinhardt-Sanatorium mitkommen.

Wie soll ich das jedoch anstellen? 

 

Fast heißt das, irgendeine andere Möglichkeit müßte sich für mich bieten. Daß Angelika mit mir zusammen für ein Weilchen oder bis auf unabsehbare Zeit mit mir zusammen die Stadt hier verläßt.

Zu Angelikas Schutz wäre das das Beste. 

Scheiße, wir haben mitten im Semester. Angelika befolgt die Vorgaben ihrer Eltern. Hält sich fleißig an die Regeln ihrer Eltern. Das heißt, sie muß am Schluß des Semesters Positives vorweisen. Sonst sperren Angelikas Vati und Mutti Angelika das Geld. Etwas, was ursprünglich auch mit mir zusammenhängt. Schließlich besteht Angelika darauf, sich nicht von mir zu trennen. Obwohl ich für Angelikas Alte ein geistig Behinderter bin, der eigentlich in der Psychiatrie versauern hätte können.

 

Bin ich ins Meinhardt-Sanatorium eingeliefert, harre ich drinnen hilflos der Dinge.

Zwei, drei Monate Meinhardt-Sanatorium, die wären nicht schlecht für mich. Nur, es dreht sich gerade überhaupt nicht um mich. Sondern um Angelika.

Was macht Angelika in der Zwischenzeit? Während ich in der Sicherheit des Meinhardt-Sanatoriums mich aufhalte, bei Angelika die Dämonen der Unterwelt ihre Tänze vollführen.

Fange ich denn mit dem an, davon was zu tippen, was los ist.

Damit kann ich mich seelisch und geistig noch ein wenig darauf vorbereiten, was ich Angelika ansagen möchte, kommt Angelika demnächst nach Hause in ihre Wohnung. Begegne ich Angelika wieder.

Freudige Umarmungen wird Angelika mir gewiß nicht schenken. Wortreich werde ich mich vor Angelika dafür rechtfertigen müssen, daß ich gestern in der Frühe an Angelikas Seite im Bus zwar zur Uni gefahren bin.

Hintereinander sind Angelika und ich aus dem Linienbus ausgestiegen. Ein Küßchen links, eins rechts habe ich Angelika auf die Wangen gegeben. Dann haben Angelika und ich uns getrennt, um jeder für sich in die entgegengesetzten Richtungen in die eigenen Vorlesungen zu marschieren. Gegen zwölf Uhr rum war zwischen Angelika und mir ausgemacht, daß wir beide uns in der Mensa zum Mittagessen wiederträfen.

Allerdings hatte ich anderes vor als das Übliche. Ich bin ich nicht viel weitergelatscht. Angehalten habe ich beim Betonpfeiler am Eck im Schritt, habe mich umgedreht und auf Angelikas Rückansicht gestarrt. Auf Angelikas endgültiges Verschwinden aus meiner Sicht gewartet, Angelika, die die Betonstufen hinaufgestiegen ist.

Als ich mir nach langen Minuten sicher war, daß Angelika fort war, bin ich zur anderen Bushaltestelle für die Abfahrt vom Unigelände hinüberspaziert.

Zuerst ging meine Reise im Stadtbus zu meiner Hausbank. Mit der Karte habe ich an den Automaten Kontoauszüge gezogen, Geld von meinem Konto abgehoben. Geldscheine in der Tasche zu haben finde ich nett; bei Münzen, Scheinen kann keiner nachprüfen, für was ich die ausgebe. Zudem hatte ich diese Geldsumme, frei verfügbar, falls Angelika, die die Verfügung dafür weiter hatte, mir die Karte sperrte.

Mein nächster Fixpunkt: der Hauptbahnhof. Eine Fahrkarte Richtung Heimat zu meinen Eltern runter, die habe ich mir herausgelassen.

 

Ich glaube, wie das mit Angelika ablaufen wird, kommt Angelika bei sich daheim an, das werde ich erst sehen, sobald ich Angelika gegenüberstehe.

Das wird nichts Leichtes für mich, Angelika irgendwas klarzumachen. Keine angenehme Geschichte. Hier wird was von mir verlangt. Der Wahnsinn.

Angelika wird mir einiges zu erzählen haben. Weil ich zum einen keinen Anruf Angelikas auf meinem Smartie entgegengenommen habe. Auf eine Kurznachricht von Angelika habe ich ebenfalls nicht geantwortet.

Bis Angelika am gestrigen Abend damit aufgehört hat, mich jede Stunde anzutelefonieren und anzusimsen.

Was sollte ich aber anderes machen? Mit Angelika konnte ich im Grunde genommen über die Problematik nicht reden. Es mußte sein, daß ich heimwärts Richtung meinen Eltern abfuhr. Gleichgültig, was Angelika dazu sagen mochte, wie Angelika das auffassen würde.

 

 

Wenn ich Angelika etwas klarmachen will, was Angelika sonst nicht begreifen wollte, kann ich Angelika nichts von meinen Absichten auseinandersetzen. Damit Angelika sinnlos Erklärungen von mir fordert, mir spricht, was mir denn einfiele. Angelika das in aller Ausführlichkeit auseinanderzusetzen, warum ich wegfahren mußte, das wäre der Sache eher schädlich gewesen.

Gewissermaßen muß Angelika auch von dem überrascht werden, was ich bei ihr anzubringen habe.

Anschließend muß eine Entscheidung fallen, wo es hingeht. Entweder ich alleine ins Meinhardt-Sanatorium. Oder Angelika kommt mit mir dorthin mit. Oder wir fahren beide gemeinsam weg, Angelika und ich, begeben uns auf eine längere Reise. Ein halbes Jahr. Ein ganzes.

Sogar im Ausland könnten Angelika und ich unsere Studiengänge weiterführen.

 

Gestern vormittag im Zugabteil dachte ich noch, ich reise, nachdem ich alles, was ich zu erledigen hatte, hinter mir hätte, mit dem ersten Nachtzug wieder zu Angelika hoch. Daß ich heute ganz früh morgens vor der Türe von Angelikas Wohnung stehen könnte, Angelika mitteilen, daß ich schon wieder zurück bei ihr wäre. Ich hätte da was für sie, Angelika, das sollte sie sich anschauen. Unbedingt sich begucken.

Das hat sich dann anders entwickelt.

Die Nacht habe ich auf meinem alten Zimmer in meinem Elternhaus verbracht, um gegen halb sechs in der Frühe im Taxi von dort abzufahren.

 

Angelika muß ganz schön zornig auf mich sein, wegen meiner Funkstille bei ihr. Ein Indiz: Angelika ist es nicht eingefallen, sich bei meinen Eltern nach meinem Verbleib zu erkundigen. Nicht ein einzigesmal, daß Angelika drunten angerufen hat. Auf die Idee ist Angelika nicht verfallen. Oder hat es unterlassen, ihre Gedanken in die Tat umzusetzen.

Nützt es aber was? Wäre es für irgendwas gut gewesen?

Wollte nicht, daß Angelika, hätte Angelika schon alles gewußt, mich, wenn ich zu Angelika in die Wohnung zurückkomme, Kittelträger aus dem Meinhardt-Sanatorium bei Angelika in der Küche herumhocken. Pflegepersonal, dazu da, mir zu einer schnellen Verbringung ins Meinhardt-Sanatorium zu verhelfen.

Angelika, die wäre in der Lage, Kontakt zu Frau Doktor Hella zu suchen, Frau Doktor Hellas Rat einzuholen. Und Frau Doktor Hella, die gibt ihre Neuigkeiten augenblicklich an das Meinhardt-Sanatorium weiter.

 

Hieb- und Stichfest sollte, mußte das sein, was ich Angelika auseinandersetzen wollte. Begreifen mußte Angelika die Ernsthaftigkeit dessen, was ich bei ihr vorzubringen habe.

Das war die Intention meiner gestrigen Unternehmungen.

Jetzt stehen mir eben keine leichten Stunden bevor. Eher schwierige Auseinersetzungen, die ich mit Angelika haben werde, sobald Angelika heimgekehrt ist. Die Äxte und Morgensterne werden zwischen Angelika und mir fliegen, gegen die Rüstungen schmettern. Daß es kracht.

Mein Metall darf mir dabei einfach nicht wie nichts entzweigehen. Im Angesicht Angelikas muß ich in der Lage sein, als Sieger die Arena zu verlassen.

Siege ich nämlich nicht, ist das ein Blatt ...

 

Weswegen ich die vielen Stunden Zugreise auf mich genommen habe, in mein altvorderes Elternhaus hinunterzureisen bin, um auf meinem Kinderzimmer zu landen?

Gestern am späteren Nachmittag war ich als erstes in der Hegelstraße. Dorthin habe ich mich in einem Taxi fahren lassen.

An der Wohnungstüre der Dombrowskis in der Hegelstraße bin ich gestanden, habe die Klingel gedrückt. Das wiederholt, bis Mutti Dombrowski zu mir herausgeschaut hat.

Mit Mutti Dombrowski war ich im schäbigen Wohnzimmer der Dombrowskis. Mutti Dombrowski hockte mir gegenüber.

Ältlich geworden die letzten Jahre, die Frau. Ziemlich dick. Verlebt.

Herzergreifend am Dauerflennen war die Frau, die am Sperrmüll-Sofa mir gegenüber Platz genommen hatte.

Mutti Dombrowskis Grund für ihre Flennerei: der alte Dombrowski, Mutti Dombrowskis Ehegemahl und Manuela und Christine Dombrowskis Vater, der saß wieder ein. Mit zwei anderen zusammen in einer Gemeinschaftszelle.

Dabei hatte Vati Dombrowski erst Mitte Februar eine Strafe abgesessen, war entlassen worden.

Nach ein paar Vorkommnissen bei sich daheim in der Hegelstraße hätte Vati Dombrowski im örtlichen Bezirksklinikum einen Alkoholentzug machen sollen. Quasi freiwillig. Erst war auch alles gut, hatte Vati Dombrowski sich dort im Klinikum eingefunden. Bis es Vati Dombrowski nach drei, vier Tagen, als es langsam ernst wurde, reichte. Vati Dombrowski weigerte sich, das mit der Entziehungskur fortzusetzen. Bestand darauf, daß er auf freiwilliger Basis hier wäre; daß man ihn rauslassen müßte, wenn er das wünschte. Dem Wunsch hatte man Vati Dombrowski, nachdem man ihn an seine schlechten Leberwerte erinnert hatte, auch erfüllt.

Und jetzt hatte das Gericht Vati Dombrowski letzte Woche am Dienstag wegen des im letzten Monat verübten Einbruchs in die Gaststätte, bei dem Vati Dombrowski auf frischer Tat ertappt worden war, zu einem Dreivierteljahr Freiheitsstrafe verknackt. Freigang und anderweite Erleichterungen ausgeschlossen. Nur wenn Vati Dombrowski das mit dem Widerstand gegen eine Alkoholentziehungskur unter ärztlicher Beobachtung aufgab, ließe man mit sich reden, daß es für Herrn Dombrowski gewissermaßen die Haft erleichternde Maßnahmen gäbe.

 Mich persönlich interessierte das Schicksal Vati Dombrowskis im Grunde überhaupt nicht. Fand, für mich wäre das nur ein Vorteil, daß Vati Dombrowski momentan nicht in der Wohnung in der Hegelstraße sein konnte, ich also nicht befürchten mußte, daß der Kerl urplötzlich ins Wohnzimmer hereinmarschiert kam, einen Baseballschläger in der Hand.

Erinnerte mich nur zu gut, wie Vati Dombrowski mir bei meinem letzten Besuch plötzlich mit einem solchen Sportinstrument dahergetorkelt war. Vati Dombrowski durchaus einer, in der Lage, mit so einem Ding nicht bloß zu drohen, sondern richtig feste zuzuhauen. Ohne Rücksicht auf Verluste.

 

Nach einem kleinen Weilchen hat Mutti Dombrowski damit aufgehört, in meiner Gegenwart herumzuheulen. Vielmehr hat die Frau sich über mich als Gast bei sich gefreut, hatte plötzlich den einen oder anderen Knopf an ihrem Kittel offen, daß die Gefahr bestand, Masse könnte anfangen, vollständig herauszuquillen.

Über ihre beiden Töchter Manuela und Christine hat Mutti Dombrowski sich freimütig mit mir unterhalten. Zwei hübsche Farbfotos hat Mutti Dombrowski mir hinübergereicht.

Auf dem einen Foto ist Manuela Dombrowski alleine abgebildet. Das Farbfoto, bei Foto Händel entwickelt, Datierung einwandfrei möglich, im August vor zwei Jahren.

Manuela mit ihren handelsüblichen dunkelblonden Haaren.

Manuela, gekleidet in eine dunkelbraune, hautenge Reithose, die sich seitlich an den Oberschenkeln bauschte, schwarze Schaftstiefel an den Beinen. Ein bis obenhin zugeknöpftes rotes Jackett kleidete Manuelas Oberkörper an. Am Kopf hatte Manuela eine schwarze Reiterinnenkappe.

Mutti Dombrowski meinte zu mir, Manuela hätte sich ihren Haarschopf ruhig zu einem Pferdeschwanz zusammenbinden können.

Was mich an dem fotografischen Werk irritierte, war der große, dunkle, verwaschene Umriß, den Manuela am Bild seitlich hinter sich hatte. Habe ich Mutti Dombrowski gefragt, was das denn wäre. Ob es sich hierbei in Manuelas Rücken um ein größeres Tier handeln würde, das nicht stillstehen hatte können. Deshalb diese Verwaschung, Schemenhaftigkeit.

So was kannte ich tatsächlich ja von einer anderen Fotografie her. Eines, auf dem sich mir und meinen Sinnen dann Dinge entwickelten, die bis heute nachwirken. Im nachhinein durfte ich sogar an meinem klaren Verstand zweifeln. Die von mir wahrgenommenen Fotoszenen ein Ding der Unmöglichkeit. Ein läppisches Foto war mit seiner Fotopappe doch kein Monitor, auf dem man mittels der Ferndbedienung das Bild kurz angehalten hatte.

 

Erst wollte Mutti Dombrowski nicht auf meine Ansage eingehen. Habe ich das Mutti Dombrowski wiederholt, mit dem Zeigefinger auf die schemenhaft wahrnehmbare Kreatur aufmerksam gemacht. Sagte zu Mutti Dombrowski, daß ich mich schwarze Verwaschenheit wundere. Was wäre das denn dort am Foto bei Manuela nun für ein Monsterding?

Länger hat Frau Dombrowski auf die Fotografie draufgelinst, als sähe sie das Ganze zum erstenmal bewußt. Dann zuckte Frau Dombrowski die Schulter, meinte, sie würde nicht verstehen, was das sein sollte. Hans-Georg könnte das Bild mit seinem Handy geschossen haben. Das schwarz huschende Große bei Manuela dahinter, das müßte eines von Manuelas Pferden sein. Manuelas schwarzer Lieblingswallach mit dem Namen Song. Song wäre alles andere als ein Monster gewesen.

 

Vati Dombrowski hätte nach dem Tod Manuelas gerne Geld daraus gezogen, daß Hans-Georg Manuela die beiden Pferde Song und Britta geschenkt hatte. Nur, der ältere Bruder Hans-Georgs, bei dem Vati Dombrowski vorstellig wurde, der hätte Vati Dombrowski glaubhaft gemacht, daß es die beiden Pferde Song und Britta länger nicht mehr gäbe. Die Viecher hätten eine ansteckende Pferdekrankheit erwischt. Auf Hans-Georgs Anweisung hin hätte der Abdecker Song und Britta weggeholt. Hätte Manuela ihrem Vati denn damals nichts davon erzählt?

Ein wenig, daß Hans-Georg sich der Pferdezucht gewidmet hätte, setzte Mutti Dombrowski mir anschließend auseinander. In zwei Stallungen bei Bauern in Nachbarortschaften von Geiersdorf stünden heute noch Pferde, deren Eigentümer Hans-Georg war. Für die Pflege der Viecher bezahlte Hans-Georg den Leuten gutes Geld.

Hans-Georg und Manuela hätten gemeinsam überlegt, Pferde trainieren zu lassen, daß sie bei Rennen laufen konnten. Eine von Hans-Georgs Reitstuten hätte vor drei Jahren auf einem Reiterhof ein Springturnier gewonnen.

Sogar einen echten Streichelzoo erwähnte Mutti Dombrowski. Den hätte Hans-Georg offen gehabt hätte. Mit einem zahmen Hirschen mit einem Riesengeweih, einer Herde Rehe und einem Elchpaar, einem halben Dutzend Ziegen.

An der Seite Manuelas wäre sie, Mutti Dombrowski, einmal mit einem zahmen Waschbären an der Leine spazierengegangen, als die gesamte Familie Dombrowski bei Hans-Georg zu Besuch war.

 

Von den Worten Mutti Dombrowski war ich hin und weg, daß mir der Mund offengestanden ist.

Natürlich beharrte ich gegenüber Mutti Dombrowski nicht weiter darauf, daß der dunkle Schemenumriß am Foto ein unübersichtliches Geheimnis bergen könnte.

Wenn es ein Wallach mit Namen Song war, mußte es ein Wallach mit Namen Song sein. Die Stute, die von Manuela Britta getauft worden war, hatte eine bräunliche Fellfärbung.

Mußte ich die Mundwinkel herunterziehen, Mutti Dombrowski stolz sehen, voller Stolz darauf, daß Manuela, ihre Tochter, und jener Hans-Georg Tabert in der Vergangenheit ein Paar waren. Gegen eine Ehe mit Hans-Georg hätte Tochter Manuela nichts einzuwenden gehabt.

 

Die zweite Fotografie, auf dem ist Manuela Dombrowski mit ihrer Schwester Christine abgebildet.

Manuela und Christine Dombrowski stehen mitten auf einer Blümchenwiese.

Kurze, weiße Faltenröcke wie für das nächste Tennismatch kleiden Manuela und Christine Dombrowski; knappe weiße Hemdchen mit Bauchnabelschau.

Aufwärts blicken die Schwestern Dombrowski, winken lächelnd zum Fotografen hinauf.

Diagonal schräg von oben die Perspektive, von der aus die beiden Schwestern Dombrowski fotografiert wurden. Wie von einem Vögelchen in der Luft aus. Denke jedoch, daß der mit der Fotokamera auf einen Hochsitz geklettert war. Wenn er nicht auf einer Anhöhe oder einem Damm herumstand.

Foto Nummero zwei jedoch brachte mich bei Mutti Dombrowski in der Wohnung knapp zum Ausflippen. Weil: Kupferhaare hatte Manuela Dombrowski da auf dem Fotowerk. Die Schwestern Dombrowski nicht nur in Sachen Kleidung, sondern auch bei der Haarfarbe im Zwillings-Look.

Nicht bei Foto Händel entwickelt, diese Fotografie. Sondern von jemandem der Drogerie Schubert in Geiersdorf. Der Jahresstempel auf der Rückseite, dort stand nächstes Jahr zu lesen.

Natürlich reichte ich Mutti Dombrowski das Foto aufgeregt hinüber, zeigte mit zittrigem Finger auf alles. Um von der Reaktion Mutti Dombrowskis einigermaßen überrascht zu werden.

Letztes Jahr war Mutti Dombrowski bei dem anderen Foto, dem mit Manuela mit dem Kupferhaar drauf, noch ganz erregt, hat mich ausdrücklich auf das auf der Rückseite aufmerksam gemacht. Diesesmal jedoch schaute mich Mutti Dombrowski nur so mit einem dumpfen Blick darauf.

Das Herz schlug mir bis zum Hals. Nach der linken Brusthälfte hatte ich mir fassen müssen. Während Mutti Dombrowski sich aufführte, als könnte sie nie irgendwas begreifen. Jedenfalls nichts, was ich ihr in dem Moment anbrachte.

Ein geraumes Weilchen haben Mutti Dombrowski und ich uns angeschwiegen, während Mutti Dombrowskis rundes Gesicht nur mehr eine leere Maske war. Wie tot wirkte Mutti Dombrowski. Als säße mir da jemand gegenüber, in dem im besten Falle noch ein kleiner Funke Leben war. Ziemlich minimal.

Hätte ich der Frau gesagt, sie wäre tot, wäre sie tot gewesen. Mutti Dombrowski, die entsetzte mich plötzlich.

 

*

 

 

Fünfzehnter Mai, foxy.jpg. auf ein neues.

Mittwoch am Abend. Uhrzeit: 20:43 Uhr.

 

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