"Das digitale Tagebuch" (07.11. - 14.05.), No. 4
Fünfzehnter Mai, foxy.jpg. auf ein neues.
Mittwoch am Abend. Uhrzeit: 20:43 Uhr.
Gegen halb acht habe ich Angelika das erstemal angerufen. Dann habe ich Angelika Kurznachrichten geschrieben.
Rufe ich Angelika an, geht Angelika nicht ran. Und auf die Textmitteilungen von mir reagiert Angelika erst recht nicht.
Quasi hat Angelika jetzt den Spieß umgedreht.
Ganz klar. Sonnenklar.
Trotzdem wüßte ich gerne, wo Angelika abbleibt. Längst müßte Angelika bei mir daheim sein.
Eigentlich komisch, daß ich einsam in Angelikas Wohnung herumhocke. Wo Angelika sich herumtreibt, keinen blassen Schimmer. Die letzte Zeit war bei Angelika vieles ziemlich diszipliniert und auf ihr Studium ausgerichtet. Unter der Woche auszugehen, war nicht bei Angelika. Anders als früher.
Erst mal müßte Angelika sich doch mit mir herumstreiten wollen, meine ich. Deshalb verstehe ich nicht, daß Angelika hier bei mir ausbleibt.
Nicht daß ich Angelika voller Ungeduld zu Hause erwarten würde. Wegen der Auseinandersetzung, die zwischen uns ansteht, könnte Angelika ruhig noch länger wegbleiben.
Jede Menge Schiß habe ich in der Hose. Fürchte mich vor dem, was mir losbricht, sobald Angelika zu mir heimgekommen ist und sich mir gegenüber aufbaut.
Auge in Auge, daß wir uns gegenüberstehen, Angelika und ich. Ich mit dem Versuch, irgendwann, nach zahllosen Entschuldigungsworten von mir, Kniefällen en masse, auf den Grund zu sprechen zu kommen, weshalb ich gestern morgen nicht in meine Vorlesungen gegangen bin. Sondern abgedreht habe, in meine alte Heimat zu meinen Eltern hinunterzufahren.
Nichts als die reine Wahrheit, Schweiß steht mir auf der Stirn. Wegen dem, was mit Angelika ansteht. Angelika Dinge begreiflich zu machen. Angelika das und das zu erklären. Warum ich das und das so gemacht habe, nicht anders.
Schon das erste Wort, das ich zu Angelika sage, das könnte hier entscheiden.
Äußerst vorsichtig muß ich in der Wortwahl sein. Damit Angelika sich das, was ich zu sagen habe, ein bißchen länger anhört. Ausflippen sollte Angelika mir nur in einem gewissen Maß. Vor allem sollte Angelika nicht einfallen, im Meinhardt-Sanatorium anrufen zu wollen. Oder bei Frau Doktor Hella. Weil es für Frau Doktor Hella Neuigkeiten von mir gäbe, die sie, Frau Doktor Hella, interessieren könnten.
Was ist geschehen, daß bei Angelika und mir das Übliche der letzten Monate aus den Fugen geraten ist?
Angefangen hat alles nicht ungewöhnlich. Öfters mal hat Angelika was von einer Manu zu mir gesprochen. Den Namen Manu, den ich von Angelika zu hören kriegte. Eine neue Bekannte hatte Angelika, eine, die Manu hieß.
Manu, so können welche eigentlich im blanken Dutzend heißen. Daß der Vorname Manu mir etwas zu bedeuten gehabt hätte, das war nicht. Das war einfach nicht.
Vorgeschwärmt hat Angelika mir, daß Manu eine Nette wäre. Mit Manu könnte sie, Angelika, sich gut unterhalten. Bei Gelegenheit müßte ich Manu unbedingt kennenlernen. Vielleicht, daß Manu demnächst zu uns in die Wohnung eingeladen würde.
Zu Angelika hin habe ich die Schulter gezuckt. Hatte nicht das geringste dagegen. Wenn jene Manu Angelikas Einladung annahm, mich und Angelika in nächster Zeit besuchen zu kommen - warum nicht? Was sollte ich dagegen haben?
Ein Monat ungefähr her, daß ich das erste Mal von Manu was hörte.
Angelika redete davon, daß sie eine lustige Begegnung gehabt hätte. In der Innenstadtpassage.
Das Vorkommnis spielte sich im Schuhgeschäft Schuhladen ab.
Schuhladen, der Geschäftsname, hübsch profan. Was jedoch nichts darüber aussagte, daß der Passagen-Laden Schuhladen nicht das billigste Geschäft der Stadt war. Sich drinnen im Schuhladen kurz ein Paar Schuhe zu kaufen oder zwei, das konnte Auswirkungen auf das Bankguthaben haben. Je nachdem, was man verdiente, wie der Kontostand war.
Die verschiedensten Schuhpaare, die Angelika an dem Nachmittag im Schuhladen anprobierte. Keines in einer Preisklasse unter dreitausend Eiern.
Drei Paar Schuhe, die Angelika am frühen Abend zu mir nach Hause brachte. Erinnere mich sogar daran, daß Angelika heimkam, zu mir meinte, sie hätte sich neue Schuhe gekauft. Achtzehn Riesen, die sich damit von ihrem Karten-Guthaben Angelikas wegbuchten.
Dort drinnen im Schuhladen, beim Schuheanprobieren, begegnete Angelika Manu. Erstmalig.
Erstmals, daß Manu und Angelika im Schuhladen Worte miteinander gewechselt. Weil Manu ein Mißgeschick passierte. Der Inhalt eines Schuhkartons, den Manu in den Händen hatte, der Angelika direkt vor die Füße flog. Irgendwie war Manu ins Stolpern gekommen. Einfach zu ungeschickt, Manu, erklärte Manu Angelika; ständig passierten ihr, Manu, kleine, größere Unfälle.
Das war Manus Auftritt im Schuhladen, dem exklusiven Schuhgeschäft für den Besserverdiener, Geburtsreichen. Ab diesem Nachmittagsmoment im Schuhladen waren Angelika und Manu miteinander bekannt.
Alle paar Tage hatten Angelika und diese Manu ab da irgendwo ein Treffen. Wie zufällig.
Auf der Straße am Gehsteig. Im Linienbus. Beim Einkaufen im Supermarkt ist Manu Angelika ohne Einkaufswagen vor den Schiebewagen gelaufen. Der Zufall spielte Schicksal, Manu kam in die Poststelle geschritten, in der Angelika anstand, sich Sonderbriefmarken zu kaufen.
Angelika und Manu grüßten sich jedesmal. Am Schluß wechselten Angelika und Manu fast jedesmal bei einem Zusammentreffen das eine oder andere Wort miteinander. Über das Wetter. Die wechselnden Sonnenbrillen Manus.
Ein Faible für schicke Ziersonnenbrillen hätte Manu, wurde ich von Angelika informiert. Die Frage, die stellte Angelika Manu, wie es ihr so ginge, mit dem Freund, dem Ehemann. Nein, einen Ehemann hätte sie, Manu, nicht. Sondern einen Verlobten. Einige Sorgen hätte sie, Manu, wegen dem, mit dem sie sich verlobt hatte. Wegen Aktiengeschäften, daß das Leben von Manus Anverlobten ziemlich in Turbulenzen geraten war. Sogar von der Pleite bedroht, der Mann.
Wie Angelika mir das am Erzähltableau daherbrachte, dachte ich unwillkürlich, jene Manu, das wäre eine, die bald noch Angelika anbetteln würde, daß Angelika helfend einschritt. Mit dem einen oder anderen Tausender, daß Angelika Manus Freund doch aushelfen könnte. Die Geschichte wollte ich beobachten, sagte ich mir.
Im Stadtbus ist Manu vorletzte Woche gesessen, in dem Angelika früh morgens ausnahmsweise ohne mich zur Uni reiste. Weil ich erst ab zehn meine nächste Vorlesung hatte, war Angelika von mir verlassen.
Manu hatte sich neben Angelika auf den Platz gehockt. Jede freute sich darüber, daß man sich wiedersah. Hat Angelika Manu gefragt, ob Manu auch studiere. Das hat Manu verneint, daß sie aus dem Grund zu dieser frühen Morgenstunde im Linienbus herumsaß, um in die erste Vorlesung zu fahren. Manu sprach, drückte sich so aus, sie würde die Fahrt ausschließlich zum Spaß machen; am Morgen spazierenfahren. Auch zur eigenen Beruhigung. Um neun Uhr hätte sie, Manu, ein Bewerbungsgespräch; bis um neun müßte sie jetzt, weil zu früh aufgestanden, außer Haus gegangen, die Zeit totschlagen.
Hatte alles doch einen vernünftigen Klang. Oder nicht?
Bei solchen Sachen, die Angelika mit einer neuen Bekannten waren, kriegte ich sie auf die Lauscher - sollte ich mir deswegen irgendwas Großartiges denken? Etwa weil Angelika mir etwas vermehrt von einer Manu berichtete?
Das Beste an dieser Manu fand ich den Tick mit ihren Sonnenbrillen. Immer wechselnde Sonnenbrillen. Ansonsten ist mir nicht viel Verbotenes im Zusammenhang mit Manu und ihrem Namen ins Bewußtsein gedrungen.
Hatte nicht die leiseste Idee.
Zufälle gibt es eben immer auf der Welt. Und sobald man erst miteinander bekannt war, sich irgendwo von der Masse abgehoben entdecken konnte, ließ es sich nicht verleugnen, daß man sich sehr schnell auf ein neues gegenüberfinden konnte. Am Ende mußte man unfreundlicher werden, ging es zu groß mit einer, einem.
Das war das, was sich zwischen dieser Manu und Angelika abspielte. Nichts weiter.
Am Montag waren Angelika und ich im neu renovierten Loewen-Theater zur Abendvorstellung.
Von Schiller Die Räuber wurde gegeben.
Die Räuber in einer neuen, modernen, jugendlich-frischen Fassung, wie es in dem Geleitheftchen, das man sich als Theaterbesucher aushändigen lassen konnte, geschrieben stand. Mitten unter dem Publikum, daß unter anderem gespielt würde. Szenenbild: die Düsterheit der Gegenwart.
Wäre Angelika und mir eigentlich alles trotzdem ziemlich egal gewesen. Angelika und ich, wir hatten die Eintrittskarten geschenkt bekommen. Nur: Am Montagnachmittag hatte Angelika dann plötzlich Lust, am Abend in das Loewen-Theater zu gehen. In ein rotes Kleid mit falscher cremefarbener Nerzstola und einem sittsamen Ausschnitt kleidete Angelika sich.
Im Loewen-Theater begibt man sich eine langläufige Stiege in den Keller hinunter, mußte man für kleine Jungs und Mädels. Ich habe das denn gemußt, mein kleines Geschäft drunten erledigt.
Nachdem ich die Stufen alle wieder zurück hinaufgemacht hatte, habe ich begonnen, mich nach Angelika umzusehen.
Angelika war nicht am gleichen Ort stehengeblieben, an dem ich sie verlassen hatte. Obwohl Angelika mir versichert hatte, dort zu bleiben.
Nirgends für mich zu blicken, Angelika. Mußte mich aufmachen, nach Angelika herumzusuchen.
Schließlich habe ich Angelika nach kurzer Sucherei wiederentdeckt. Hinter einer dicken Sandsteinsäule kam Angelika für mich zum Vorschein.
Jemand war bei Angelika dabei. Eine weibliche Person, schwarzes Jackett, schwarze Hose, mit der Angelika sich gestenreich angeregt unterhielt.
Die Rückansicht von der, die ich im Blick hatte. Rotgefärbte Haare, der Haarschopf zum Pferdeschwanz gebunden.
Unbestimmt wollte mir die bekannt scheinen. Mir war, ich müßte die von irgendwoher kennen. Die, die sich bei Angelika befand. Nur, woher? Hatte nicht den rechten Durchbruch. Darauf zu kommen, wer das sein könnte, war nicht. Obwohl ich wirklich überlegt habe.
Zäh, das mit den elektrischen Impulsen innerhalb der grauen Gehirnmasse. Unglaublich, der Schlauch, auf dem man stehen kann. Obwohl einem im Grunde alles klar sein müßte.
Eben beabsichtigte ich, loszumachen, mich zu Angelika hinzubegeben, um an der Seite Angelikas, deren Begleiter ich schließlich war, ein freundliches Lächeln aufzusetzen. In der Sekunde wandte die Unbekannte, die mit Angelika ein wenig seitwärts getreten war, ihr Profil in meine Richtung.
Die gesamte Szene bei mir überschaute die mit einem Blick ins Rund. Ohne daß ihre Augen bei mir irgendeine Art von Halt fanden. Bei mir, jemandem mit einem Oberlippen- und Ziegenbart, blonde, wuschelige Frisur, das Haupthaar tief über die Ohren herab.
Ein künstlermäßiges, intellektuelles Aussehen verleiht mir das. Versichert mir Angelika wenigstens. Obwohl ich mir, mich im Spiegel sehend, schon selber fremd vorgekommen bin.
Angelika, die, die will mich aber so haben. Und wenn Angelika mich in der Weise haben wollte, schön. Hauptsache, Angelika gefiel es, mein äußeres Erscheinungsbild. Angelika war hier wichtig, niemand sonst.
Kann ich nicht verschweigen, die Anzughose habe ich mir warm hergepinkelt. Naß, daß es mir die Oberschenkel hinunterlief, unten heraus. Das, obwohl ich vor einigen Momenten erst am Loewen-Theater-WC drunten war.
Die Knie waren mir butterweich, haben gezittert. Daß ich stehengeblieben bin, nicht vor Schwäche auf dem Fliesenboden gelandet bin, ein Wunder. Nach rückwärts bin ich getaumelt. Mußte mich mit dem Rücken an die Wand anlehnen.
Was war das für ein Schrecken, Horror, der mich erfüllte. Der reinste Wahnsinn hatte mich im Griff.
Was ich mit den Augen zu sehen kriegte, ich konnte es nicht glauben.
Hilflos habe ich nur in einer Tour hingestarrt, beobachtet, daß die Dame mit der hennafarbenen Kopfbehaarung bei Angelika schwatzte. Dann gestikulierte, als wolle sie Anstalten machen, sich von Angelika zu verabschieden.
Das war auch, eine Verabschiedung. Eine Sonnenbrille setzte die sich auf das wachsbleiche Näschen. Nickte Angelika noch mal kurz eins hin. Um anschließend in die Menge der Theaterbesucher einzutauchen. Verschwunden zu sein, als hätte es sie nie gegeben.
SIE, Manuela Dombrowski!
Das war SIE, Manuela Dombrowski.
Einwandfrei Manuela Dombrowski, die ich wiedererkennen mußte.
Ein weiteres Mal, daß Manuela Dombrowski nicht in ihrem Sarg unter der Erde ihres Grabes am Gnaden-Friedhof herumlag. Wie es bei einer Toten normal der Fall hätte sein müssen.
Statt tot und begraben zu sein, hatte Manuela Dombrowski nun sogar noch eins draufgesetzt. Auf Reisen war Manuela Dombrowski gegangen. Hunderte von Kilometer, die Manuela Dombrowski von dem Ort trennten, in dem SIE als Manuela Dombrowski eigentlich in einem Holzsarg unter schwerem Erdreich verbuddelt sein sollte.
Eindeutig, das war Manuela Dombrowski. Jene Manuela Dombrowski, die ich am zehnten Juli vorm Unteren getroffen hatte. Von der ICH seitdem vieles weiß.
Manuela Dombrowski, sie war in der Gegend herumgereist. Unmittelbar in meiner Umgebung war Manuela Dombrowski eingetroffen. Jedoch nicht, um sich bei mir einzufinden. Das war nicht. Das unternahm Manuela Dombrowski nicht.
Um meine Freundin Angelika kümmerte Manuela sich. Während ich außen vor blieb. Statt sich bei mir rumzutreiben, schwarwenzelte Manuela um Angelika herum. Als ob Manuela Angelika als das bessere Ziel erschien.
Es war nicht zu glauben.
Wie diese Unglaublichkeit, daß Manuela Dombrowski nach mir hinblickte. Um an mir vorbeizuschauen. Mich nicht auf der Stelle erkennend.
Trotz meines leicht veränderten Äußeren hätte Manuela mich doch sofort kennen müssen.
Kann ich nicht verstehen, das.
Vielleicht, daß Manuela mich aber im nachhinein kannte. Manuela, sich irgendwo im Loewen-Theater in meiner Nähe herumdrückend. Unsichtbar für einen meiner Rundblicke.
Angelika begann herumzuschauen, bemerkte ich. Nach mir, daß Angelika Ausschau hielt. Deshalb habe ich mich von der Rückwand abgestoßen, bin zu Angelika hingetaumelt, Angelika, die mir grinsend entgegenblickte.
Ob mir schlecht wäre, fragte Angelika mich; ein aschfahles Gesicht hätte ich auf, echt wahr.
Ich nickte nur blöde mit dem Kopf auf Angelika herunter. Was immer Angelika sich wünschte, das war bei mir los.
Hätte Pech gehabt, meinte Angelika zu mir. Eben hätte ich Manu verpaßt, ihre, Angelikas, neue Freundin Manu.
Manu hätte auch eine Eintrittskarte. Nur, daß Manu sich die ihrige selber gekauft hätte. Während ich und sie, Angelika, wir die unsrige geschenkt gekriegt hätten, hätte Manu für ihre Karte bezahlt. Lachen Angelikas.
Deswegen müßte ich jetzt wirklich nicht daherglotzen wie jemand, der Gespenster gesehen hätte, redete Angelika aufs neue drauflos. Voll bleich, meine Wangen, wie die eines Untoten. Von ihren Worten war Angelika angemacht, lachte laut. Wer wäre mir denn begegnet? Wieder mal ein Toter von unter dem Grabhügel? Menschenskind, Bernd, es ist doch keiner gestorben!
Das stimmte. Gestorben war noch keiner. Wir lebten beide, Angelika und ich.
Die einzige, die tatsächlich ausgestorben hätte sein sollen, die lief mir auf ihren zwei Beinen fröhlich durch die Kulissen. Daß es Fragen aufwarf. Fragen, die einen in den Irrsinn treiben konnten.
Einen Namen hatte die Person. Hieß Manuela Dombrowski. Hatte sich die Haare hennarot gefärbt.
Und wenn Manuela Dombrowski kein Riesenproblem von mir war, wußte ich nicht, was ein Riesenproblem für mich war.
Nach Hause zu flüchten, das schien mir nicht angesagt. Das Unglück, das konnte am Ende überall lauern, einem außerdem nachkommen.
Zumindest waren Angelika und ich mitten unter Leuten, stellte ich für mich fest. Wenn Manuela Dombrowski sich erneut zeigte, mußte ich mir was einfallen lassen. Wie für meine nasse Anzugshose. Habe von Angelika verlangt, daß sie mir ihr kleines Parfümfläschchen aus der Handtasche geben sollte. Ohne viel nach irgendwas zu fragen, reichte Angelika mir den Miniflakon herüber. Meinte zu Angelika, daß ich schnell noch mal aufs Klo müßte. Daraufhin habe ich mich von Angelika abgewandt, habe losgemacht, um die lange Stiege in den Keller des Loewen-Theaters hinunterzustürzen. Daß sich mir jemand hinunter vor mich aufgebaut hätte, war nichts. Niemand kam an mich ran, der die kleinste Ähnlichkeit mit Manuela Dombrowski hatte.
Mit Papiertaschentüchern habe ich an meiner Hose herumgerieben und -getupft. Dann habe ich zusammengeknüllte Papiertaschentücher in klares Kloschüsselwasser getaucht, damit nochmals durch die Gegend gewischt. Bei heruntergelassener Hose auch an mir. Anschließend habe ich mich tüchtig mit dem Parfüm aus Angelikas kleinem Flakon eingestäubt.
Wieder zurück bei Angelika oben habe ich kilometerweit nach Angelikas Parfüm gestunken. Als wäre ein Glasfläschchen Parfüm auf mir und meinem Nadelstreifenanzug zerbrochen. Das wollte ich auch jedem sagen, der mich fragte, warum ich mich dermaßen parfümiert hätte.
Von der Theatervorstellung im Loewen-Theater habe ich in der Folge nicht viel bewußt mitgekiregt. War auf meinem Sitzplatz an der Seite Angelikas wie in fortgesetzter Trance. Überall hab ich Manuela Dombrowski huschen sehen; es war fast nicht für mich erträglich.
In den viertelstündigen Pausen des Schiller-Stückes habe ich im Loewen-Theater ängstlich jede Sekunde das Erscheinen Manuela Dombrowskis erwartet. Daß die noch mal bei Angelika auftauchen würde. Zu Angelika - und diesesmal auch zu mir -, daß Manuela dazutreten können, Angelika irgendwas daherzulabern.
Bloß, das Befürchtete ereignete sich nicht. Keine Manuela Dombrowski für Angelika und mich weit und breit.
Auch auf dem Nachhauseweg von mir und Angelika kriegte ich nirgends bewußt etwas von jemandem mit, der Manuela Dombrowski ähnlich schaute. Niemand kam an Angelika und mich ran, der Manuela Dombrowski sein hätte können.
Ständig kreist mein Denken seit dem Ereignis im Loewen-Theater um die eine Frage: Was wollte Manuela Dombrowski denn von Angelika?
Angelika, die hatte doch nichts mit Manuela zu tun. Wenn Manuela etwas von jemandem wollte, sollte Manuela dabei bleiben, es auf mich abgesehen zu haben. Keinen Menschen sonst sollte Manuela in die Sache reinziehen.
Zwar war Angelika die, mit der ich in einer Wohnung zusammenlebte. Ein Paar waren Angelika und ich. Ein Liebespaar. Trotzdem: Angelika hatte doch nichts direkt mit der Geschichte zwischen Manuela und mir zu schaffen.
Einmal hatte Angelika gesagt, daß diese Manu ihr wie jemand vorkäme, den sie kannte. Von irgendwoher könnte sie, Angelika, Manu kennen.
Seit Manuela Dombrowskis Auftritt im Loewen-Theater könnte ich das Angelika genau sagen, woher Angelika Manu kannte. Auf dem Foto, dem Manuelas mit dem kupferrotem Haar, das Angelika mir vom Läppie gelöscht hatte, hatte Angelika Manuela Dombrowski gesehen.
Flüchtig zwar, aber es hatte für ein klein bißchen Erkennen gereicht.
Einen Angriff auf Angelika unternahm Manuela Dombrowski. Das überstieg alles bisher bei mir Dagewesene.
Leider war nichts damit, Angelika das einfach geradeheraus mitzuteilen, Angelika darüber zu informieren, daßihre neue Freundin, Bekannte, diese Manu, jene Manuela Dombrowski war und ist. Jene Manuela Dombrowski. Die Manuela Dombrowski. Die Tote. Von der ich schon so viel geredet habe. Von der ich sagte, daß ich sie getroffen hätte. Von der man mir dann das mitteilte, ich könnte Manuela Dombrowski überhaupt nicht getroffen haben. Weil Manuela Dombrowski war keine, die heute noch einer treffen konnte.
Wenn Manuela Dombrowski tot war, konnte ich sie nicht getroffen haben. Und Manuela Dombrowski war schon länger tot. Manuela Dombrowski, die wäre tot, toter ging das nicht, und ich könnte gerne, wenn ich das nicht glauben könnte, Manuela Dombrowskis Grab besuchen. Am Gnaden-Friedhof könnte ich Manuela Dombrowskis Grab finden.
Manchmal kann Angelika ziemlich empfindlich auf Dinge reagieren.
Ein einziger Anruf Angelikas im Meinhardt-Sanatorium, ein abgedunkelter Kleintransporter fuhr vorm Wohngebäude der gemeinsamen Wohnung von Angelika und mir vor.
Mir würde der Psychologe in Angelikas Wohnung oben klarmachen, daß es für mich das Beste wäre, mich nicht lange gegen irgendwas zu wehren. In alles sollte ich mich einfinden, freiwillig mitzukommen. Im Meinhardt-Sanatorium wäre es schließlich nicht so schlimm. Wieder könnte Angelika mich jeden Tag im Meinhardt-Sanatorium besuchen kommen. Angelika hätte das ja schon so gemacht, wäre fast täglich Tag während der Besuchszeit zu mir ins Meinhardt-Sanatorium gekommen. Um viele, viele Stunden Zeit mit mir zu verbringen.
Ergebnis: Auf unbestimmte Zeit würde ich im Meinhardt-Sanatorium hocken. Tagsüber könnte ich auf Angelika warten. Darauf, ob Angelika ins Meinhardt-Sanatorium kam oder nicht.
Bloß, was war, wenn Angelika mich plötzlich nicht mehr im Meinhardt-Sanatorium besuchte. Man den Mund nicht aufmachte, mir Mitteilung zu machen, warum Angelika fernblieb.
Tatsache: Dadurch, daß Manuela Dombrowski sich an Angelika heranmachte, hatte sich eine geänderte Sachlage ergeben.
Gänzlich hatte Manuela mich außen vor gelassen. Nur um Angelika drehte es sich bei Manuela. Hätte ich den Zufallsmoment im Loewen-Theater nicht gehabt, ich wüßte bis zu dieser Stunde nicht, daß Manu Manuela Dombrowski war.
Schon die Frage: War ich drinnen im Meinhardt-Sanatorium, was war währenddessen mit Angelika? Viele Arten von Unglücken konnten Angelika geschehen.
Und was wurde dann aus mir im Meinhardt-Sanatorium?
Ohne Angelika blieb höchstens noch meine Mutti, die ein Interesse daran haben konnte, mich im Meinhardt-Sanatorium zu besuchen. Oder mich von dort herauszuholen, wohin ich nach dem Meinhardt-Sanatorium verbracht werden könnte. Andere Sanatorien, Kliniken für Nervenkranke, die bald für mich zuständig werden konnten, war da keine Angelika mehr, die für mich den Aufenthalt im Meinhardt-Sanatorium zahlte.
Zu denken, ich würde aus der psychologischen Betreuung entlassen, bloß weil mir jetzt mit Angelika die fehlte, die dem Meinhardt-Sanatorium die sündhaft hohen Rechnungen rüberwachsen ließ - das war zu einhundert Prozent ein Trugschluß. Aus dem Meinhardt-Sanatorium konnte ich bestimmt ohne weiteres unmittelbar in ein anderes Klinikum, eins für den weniger vermögenden Mitbürger, verschifft werden.
Für noch mehr Wochen, Monate. Sogar Jahre konnten einem daraus werden. Unnormales Verhalten gab es viel. Unter Umständen konnte einer sein gesamtes Leben in der Mühle hocken.
Auseinandergesetzt war ich. Hin und her habe ich überlegt. Welche Möglichkeiten hatte ich? Worauf konnte ich meinen Einsatz setzen?
Die Augen Manuela Dombrowskis waren fahrig, verhuscht gewesen, als sie im Loewen-Theater über mich drübersahen. Fanden nicht den allergeringsten Halt bei mir. Obwohl Manuela Dombrowski mich erkennen hätte müssen, wie ich sie erkannt habe.
Als kenne Manuela Dombrowski jetzt Angelika, hätte aber noch keinen neueren Blick auf mich geworfen. Würde nicht über mein derzeitiges Aussehen Bescheid wissen. War deswegen nicht auf meine Erscheinung eingestellt.
Es war alles, als wäre es für Manuela Dombrowski interessanter, sich mir nicht offen zu zeigen. Mich mied Manuela Dombrowski zunächst mal. Es reichte Manuela Dombrowski, sich mit Angelika zu konfrontieren.
Ohnehin: Beim Thema Angelika hat man mich inbegriffen. Wenn jemand was mit Angelika hatte, war ich irgendwann bei Angelika mit dabei.
Blieb mir nicht viel Hoffnung. Überhaupt die Frage: Wieviel Zeit blieb mir noch? Wann hatte Manuela Dombrowski genug vom Spaß mit Angelika? Irgendwann mußte Manuela Dombrowski sich bei Angelika einstellen, Angelika sagen, daß sie Angelikas Einladung Folge leisten wollte.
Und damit war die auch bei mir drinnen.
Bei Angelika reichte es nicht für mich, nur plötzlich schlechte Stimmung gegen Freundin Manu zu machen. Da mußte ich mir schon mehr einfallen lassen.
Das Beste wäre, Angelika einen Beweis anzubringen, überlegte ich. Daß Angelika der Ernst der Angelegenheit zu Bewußtsein käme. Etwas, daß Angelika mich ernstnahm. Was es Angelika tatsächlich plausibel wurde, daß ihre Manu jene Manuela Dombrowski war, die Manuela Dombrowski, von der ich im Meinhardt-Sanatorium zu Ärzten sprach. Bei Sitzungen bei Frau Doktor Hella hatte ich viel Rede auf Manuela Dombrowski gebracht.
Die nächste Überlegung war, noch jemanden mit ins Boot zu holen. Daß Angelika außer mir eine weitere Stimme hörte.
Deshalb bin ich gestern früh im Zug abgefahren.
Mußte mit Mutti Dombrowski Dinge ausmachen. Bestimmt konnte Mutti Dombrowski von mir angerufen werden, während ich mit Angelika zusammensaß.
Das mußte ich Angelika anlanden, das, daß die Manu, ihre Bekannte, Manuela Dombrowski war. Am besten mit einem echten Foto Manuela Dombrowskis. Nichts von mir Ausgedrucktem.
Bei Mutti Dombrowski drunten in der Hegelstraße habe ich Mutti Dombrowski gebeten, an das Telefon ranzugehen, wenn ich anrufe. Dann wollte ich mein Smartie bei Gelegenheit an Angelika weiterreichen. Mutti Dombrowski sollte das Angelika bestätigen, daß sie Manuela Dombrowskis Mutti war. Und die auf dem Foto, das ich Angelika präsentierte, Manuela war, ihre Tochter. Zwar leider verstorben, Manuela, ihr Kind. Seit über einem Jahr.
Wurde Angelika das Übel bewußt, mußten Angelika und ich weitersehen.
Uns, voller Angst aneinanderzupressen, das würde nicht ausreichen. Kleinigkeiten mußten wir uns überlegen, Angelika und ich. Etwas, was wir gemeinsam anstellen konnten.
Es mußte Möglichkeiten für Angelika und mich geben. Daß wir gemeinsam vor allem fliehen konnten.
Zum Beispiel, daß wir beide, Angelika und ich, uns an Universitäten im Ausland einschrieben. Angelikas Vati hatte zwei Titel, den einen hatte er an einer französischen Uni gemacht.
Für Angelika und mich wäre es jedoch vielleicht besser, noch weiter wegzugehen. Nach Übersee am besten. Dorthin konnten wir nicht so leicht verfolgt werden. Irgendwo mußte man länger seine Ruhe haben.
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