"Das digitale Tagebuch" (16.05. - 13.06.), No. 1
Sechzehnter Mai, mein foxy.jpg..
Donnerstag am frühen Abend. Uhrzeit: 18:41 Uhr.
Vor eineinhalb Stunden ist Angelika nach Hause gekommen.
Hatte Geräusche an der Wohnungstüre gehört, bin auf den Flur gelaufen.
War Angelika, die sich aufgesperrt hatte. Angelika war zu begrüßen.
Auf die Wange links und rechts habe ich Angelika geküßt, zu Angelika gemeint, daß ich mich freue, sie zu sehen. Schön, daß sie heimkäme. Ich wäre schon gestern nachmittag wieder zurückgekommen.
Angeguckt hat Angelika mich groß, ein Gesicht gezogen, als hätte sie auf Saures gebissen. Trotzdem hat Angelika was zu mir hin gesprochen. Angelika sagte zu mir, sie wäre noch mal bei Betsy gewesen. Bei Betsy und Manfred. Bei Betsy hätte sie von gestern auf heute auch in der Wohnung übernachtet.
Wortreich habe ich angefange, mich bei Angelika dafür zu entschuldigen, daß ich vorgestern nicht daheim war. Gestern nachmittag wäre ich aber wieder dagewesen, zurück. Hätte mir Sorgen gemacht, weil ich nicht wußte, wo Angelika abgeblieben wäre. Eine Nachricht auf mein Smartie hätte gereicht, mich zu beruhigen.
Die Stirn hat Angelika gerunzelt. Mich angeguckt wie einen Fremden.
Dienstag am Vormittag hätte ich schnell in meine alte Heimat zu meinen Eltern hinunterfahren müssen, dringen drunten etwas zu erledigen. Hätte sich überraschend ergeben. Konnte es nicht erzählen. Entschuldigung dafür, daß ich mich den ganzen Dienstag durch auf keinen Anruf von ihr, Angelika, gemeldet habe. Entschuldigung, daß ich auf keine Kurznachricht zurückgeschrieben habe. Vielmals Entschuldigung, Entschuldigung. Tausendmal Entschuldigung. Jetzt wäre ich aber wieder bei Angelika zurückgekehrt. So schnell würde das nicht wieder passieren, daß ich so was machen würde, mir nichts, dir nichts zu verschwinden. Hätte aber sein müssen, Richtung altem Elternhaus abzureisen.
Klang alles irgendwie komisch, der Text, den ich absonderte. Angelikas Mienenspiel, das von jemandem, der nachdenklich war.
Wenigstens blieb das für mich festzuhalten, daß das ein Vorteil war, daß Angelika überhaupt für mich herumstand, meinen Worten einigermaßen unaufgeregt lauschte.
Nochmals, daß ich Angelika gegenüber Entschuldigungsworte abspulte. Absonderte, daß das, daß ich am Dienstag nicht einmal zurückgerufen oder zurückgeschrieben habe, eine einmalige Sache war. So etwas würde sich nicht so bald wieder wiederholen.
Angeglotzt hat Angelika mich. Statt irgendeines Ausbruchs in meine Richtung, hat Angelika die Schulter gezuckt. Um sich abrupt ihren Studierkoffer hochzunehmen. Stumm ist Angelika an mir vorübergeschwebt, in ihr Arbeitszimmer abgebogen. Ihren metallenen Koffer hat Angelika auf die Schreibtischfläche gestellt, ihre Handtasche daneben. Anschließend ist Angelika auf den Flur zurück, hat mich übersehen und ist in die Küche, zum Kühlschrank.
Eine Dreiviertelliterflasche Orangensaft hat Angelika herausgeholt. Eine Kaffeetasse hat Angelika für sich ausgespült, sich aus der Orangensaftglasflasche ein bißchen was eingeschenkt. Den Tasseninhalt hat Angelika ausgetrunken.
Ohne irgendeinen Piepser zu mir hin ist Angelika mit der Tasse in der Hand und der O-Saftflasche in der anderen an mir vorübergelatscht. Zurück in ihr Arbeits- und Studierzimmer ist Angelika.
Die Türe hat Angelika hinter sich zugemacht. Abgesperrt.
Zweimal wurde der Schlüssel im Schloß von Angelika gedreht, als würde einmal nicht reichen.
Irgendwie war das nicht, daß ich Angelika noch mal ansprechen konnte. Vielleicht, um Angelika zu veranlassen, zu mir auf mein Zimmer sich zu begeben. Dort hätte ich was, das sollte sich Angelika unbedingt kurz anschauen.
Leider war das nicht.
He, Angelika, da schaust du, was? Da sagst du nichts mehr. Kennst du die auf dem Foto?
Ein Foto von Manu, Bernd - wo hast du das her?
Hab ich mir besorgt, als ich bei mir drunten in der alten Heimat einen kleinen Besuch gemacht habe.
Woher kennst du Manu, Bernd? Ich habe dich und Manu noch nicht vorgestellt. Wie kommst du, wenn du Manu nicht kennst, an ein Foto von Manu? Das mußt du mir sofort sagen.
Ich habe Manu bei dir gesehen, Angelika - und sofort erkannt. Ich kenne Manu.
Woher kennst du Manu?
Ich kenne Manu, weil das Manuela Dombrowski ist!
Was sagst du - Manu soll DIE sein? DIE? Deine Manuela Dombrowski? Du spinnst doch! Du spinnst doch schon wieder!
Aber klar ist das Manuela Dombrowski.
Das ist doch nicht Manuela Dombrowski. Du spinnst doch.
Warum sollte ich spinnen? Warum sollte ich dich anspinnen wollen, Angelika?
Du bist hinter mir hergegangen. Du hast ein Smartie-Foto von Manu geschossen ...
Warum sollte ich dir hinterherschleichen, Angelika, aus dem Gebüsch Fotos schießen? Weiß erst seit Montagabend, wer Manu ist. Am Montagabend im Loewen-Theater hat Manu ganz was andres angehabt als auf den beiden Fotos da, nicht, Angelika. Ganz in Schwarz, Manu.
Du bist durchgeknallt, Bernd!
Bitte, Angelika, ich bin nicht durchgeknallt. Wenn das Manuela Dombrowski ist, ist das Manuela Dombrowski. Ich werds dir beweisen. Manuela Dombrowskis Mutti kannst du anrufen. Manuela Dombrowskis Mutti, die kannst du jetzt sofort anrufen, wenn du mir nicht glaubst. Mutti Dombrowski wird dir sagen, daß sie mir die beiden Fotos Manuelas dort mitgegeben hat, als ich am Dienstag bei ihr in der Hegelstraße war. Die auf dem Foto ist Manuela, ihre Tochter. Ruf bitte Mutti Dombrowski an, Angelika! Bitte, Angelika. Ich bitte dich!
So könnten Angelika und ich uns unterhalten.
Nur leider, dazu gekommen, daß wir in Wirklichkeit so miteinander sprechen, dazu ist es nicht gekommen.
Alles bisher ein Gedankenspiel. Angelika hockt auf ihrem Zimmer.
In mir habe ich das unbestimmte Gefühl, daß Angelika und ich in Angelikas Wohnung nicht mehr lange sicher sind. Wir müßten beide woandershin.
Und ich traue mich nicht, aufzustehen, vor die Tür von Angelikas Zimmer hinzutreten, bei Angelika anzuklopfen.
Hätte ich Angelika die Fotos Manuela Dombrowskis doch sofort unter die Nase gehalten, wenn Angelika schon am Gang rumgestanden war, vorhin, nach ihrem Heimkommen. Hätte Angelika die Bilder zumindest schon gesehen. Könnte über Sachen nachdenken. Fragen müßten in Angelikas Kopf arbeiten. Immer weiter und weiter.
Vielleicht hätte ich Angelika jetzt längst überzeugt, daß die, die ihr seit mehreren Wochen fast täglich irgendwo vor die Füße lief, Manuela Dombrowski war, Manuela Dombrowski mit einer Sonnenbrille auf der Nase.
Niemand anders als Manuela Dombrowski.
Habe meine Zimmertüre offen. Beständig, daß ich auf die Geräusche der Wohnung lausche.
Habe geglaubt, ich höre da so ein kleines Kratzen. Könnte vielleicht vom Schlafzimmerfenster kommen. Daß dort etwas wäre.
War aber nichts.
Auch nichts und niemand im Raum.
Keiner unterm Bett. Niemand in einem der Schränke. Sogar die größeren, breiteren Schubfächer habe ich aufgezogen. Als könnte sich auch dort drinnen jemand verbergen, sich klein und flach machen.
Langsam fange ich echt an, durchzudrehen.
Den halb heruntergelassenen Fensterrolladen im Schlafzimmer habe ich ganz heruntergelassen. Wie ich überall in Angelikas Wohnung die Rolläden heruntergelassen habe.
Nur das Rollo in Angelikas Arbeitszimmer, an das komme ich nicht heran. Leider.
Drinnen bei Angelika, nichts von Angelika zu erlauschen. Keine Musik spielte. Keine gesprochenen Worte, daß Angelika sich was an ihrem Läppie ansieht. Kein Telefonat, das Angelika führte.
Stille herrscht vor. Als wäre Angelika eingeschlafen.
Schwer zu sagen, warum ich das nicht bringen kann, bei Angelika anzuklopfen.
Was hemmt mich?
Die Feigheit vor dem Feind? Warum fürchte ich mich vor Angelikas doofen Sprüchen?
Um zu sehen, ob Angelika wirklich alleine drinnen war, müßte ich wirklich bei Angelika an die Türfläche klopfen.
Hätte ich das Angelika nur schon klargemacht, daß ihre Manu Manuela Dombrowski ist. Daß das gefährlich Manuela Dombrowski war, keine andere.
Warum ist das Manuela Dombrowski, Bernd?
Weiß ich doch nicht, Angelika! Warum die, die du als Manu kennst, Manuela Dombrowski ist, keine Ahnung. Was SIE eigentlich von dir will, das möchte ich eigentlich überhaupt nicht wissen. Etwas Nettes wirds sicher nicht sein. Wir sollten zuschauen, daß wir irgendwohin fortzukommen. Weiter wegfahren sollten wir. Oder fortfliegen -Teneriffa, Mallorca. Erst mal für ein paar Tage ... Wir müssen hier weg, Angelika, sonst passiert uns hier noch was.
Versteh das nicht, Bernd. Manuela Dombrowski - das ist verrückt. Die ist doch tot! Warum ist die nicht tot, wenn sie tot ist?
Kann ich auch nicht genau sagen, wie tot die ist, Angelika. Manu ist auf alle Fälle Manuela Dombrowski. Daß Manuela Dombrowski eigentlich tot ist ... Tot ist die. Und wenn die tot ist - und mir und dir lebendig begegnet, stimmt hier was nicht. Wenn wir beide, du und ich, verfolgt werden, sollten wir zusehen, daß wir was unternehmen. Damit sich daran was ändert, daß so was in unserer Nähe ist.
Verflucht, daß ich das nur immer tippe ...
Angelika muß ich das auseinandersetzen. Angelika muß die Situation klarwerden.
Daß Manuela Dombrowski sich an Angelika ranmacht, während Manuela Dombrowski mich außen vor läßt, daß das für sie Gefahr heißt, das muß Angelika sehen können.
Sonst ist bald alles vorbei hier.
Kann sich jemand hilfloser auf der Welt fühlen wie ich?
Ich alleine, ich könnte mich ja ins Meinhardt-Sanatorium verbringen lassen.
Nur - jetzt dreht sich alles überhaupt nicht um mich. Angelika ist dran.
Auf Angelika hat SIE es abgesehen. Sie, die Tote, Manuela Dombrowski.
*
Siebzehnter Mai, foxy.jpg. hat offen.
Freitag. Nach Mitternacht. 01:02 Uhr.
Bis vorhin waren ich und Angelika noch in der Küche von Angelikas Wohnung zusammen.
Hatte gehört, daß Angelika ihre Zimmertüre aufsperrt. Sofort bin ich von meinem Bürodrehstuhl aufgesprungen. Auf den Flur hinausgeeilt.
Habe Angelika in die Küche verschwinden sehen.
Zuerst, daß ich einen Blick in Angelikas Arbeitszimmer geworfen habe, auch seitlich hinter die Türe.
Niemand drinnen bei Angelika, der nicht drinnen hätte sein sollen.
Dann bin ich zu Angelika in die Küchenwelt gegangen.
Mit ausdrucksloser Miene hat Angelika mir vom Küchentisch her heraufgeglotzt. Noch mal habe ich Angelika gegenüber jede Entschuldigung einzeln wiederholt. Sogar Tränen habe ich mir weggeblinzelt.
Eine Not, eine Spannung spürte ich in mir. Daß mir Tränen liefen, war da das Natürlichste auf der Welt.
Neben Angelika auf den Küchenstuhl habe ich mich gehockt. Als ich meine Hand auf die Angelikas legte, hat Angelika die mir sogleich weggezogen.
Gemeint hat Angelika zu mir, das sollte ich mir ja nicht noch mal trauen, sie anzufassen. Bis morgen irgendwann im Laufe des Tages würde sie, Angelika, sich entschieden haben, was sie wegen mir unternehmen wolle. Auf alle Fälle könnte sie auch ohne mich. Alles. Daß ich darüber mal genau Bescheid wüßte. Einen genügend großen Bekanntenkreis hätte sie. Die Kerle würden bei ihr in Reih und Glied anstehen, mit ihr ins Bett zu kommen, einige durchaus brauchbar.
Mir hatte es den Mund aufgestellt, angesichts dessen, was ich von Angelika auf die Lauscher kriegte. Obwohl es jetzt langsam gut sein sollte, mochte Angelika nicht mit ihrem bockigen Spaß aufhören. Daß sie vielleicht morgen abend schon mit mir Schluß gemacht haben könnte, schaffte Angelika hervor, während ihr die aggressiven Blitze nur so aus den Augen schossen.
Ich sage das deutlich zu Angelika, daß ich ihr nicht fremdgegangen wäre. Ich hätte nichts mit einer anderen gehabt. Es gäbe für mich keine andere, nur sie, Angelika. Bei meinen Eltern war ich für einen Tag und eine Nacht drunten. Weiter nichts. Hatte wirklich eine Kleinigkeit in meiner alten Heimat zu erledigen. Was auch für sie, Angelika, von Interesse war.
Das Wort mit dem Interesse, das schien für Angelika das Stichwort. Auf die Füße hat Angelika sich erhoben, mich verkniffen angeschaut. Stumm ist Angelika auf den Flurgng raus. In ihr Arbeitszimmer hat Angelika sich verzogen, hörte ich. Die Türe hat Angelika hinter sich zugesperrt; zweimal den Schlüssel umgedreht.
Scheiße, was kann ich tun, als mich zu entschuldigen?
Langsam könnte Angelika wieder aufhören, sich künstlich aufzuführen, herumzuspinnen. So kommen wir wirklich nicht weiter, Angelika und ich.
Die Härchen hinten im Nacken sind bei mir aufgestellt. Geradezu pocht mir das Blut in meinen Adern.
Bin voll auseinandergesetzt. Mir ist seit Stunden, als wäre etwas mir in unmittelbarer Nähe. Auf der Lauer. Etwas bei mir in der Umgebung.
Christine Dombrowski, die Fassadenkletterin, hat sich die Hausmauer waagrechts nach der Seite davongemacht. Habe Christine Dombrowski dabei zugesehen. Bis mir der umschattete Umriß Christine Dombrowskis damals um das Hauseck verschwunden war.
Zehn Minuten später haben wir ...
Nach sämtlichen Fenstern habe ich von neuem sehen müssen.
Alle Rolläden waren unten.
An den Fenstern fehlte nichts. Obwohl ich an den Glasscheiben herumdrückte.
Es blieb abermals bloß das Arbeits- und Studierzimmer Angelikas übrig. Das konnte ich nicht nach Belieben kontrollieren.
Um zu sehen, ob bei Angelika der Rolladen oben und das Fenster aufgeklappt war oder offenstand, hätte ich zu Angelika hineinmachen müssen. Dann hätte ich dafür sorgen können, daß bei Angelika die Schotten dichtgemacht werden.
Nur, ich kann nicht zu Angelika hinein. Weil bei Angelika zu ist. Bei Angelika ist für mich zugesperrt.
Im Arbeits- und Studierzimmer Angelikas spielt Musik.
An der Tür habe ich gelauscht. Mir war, ich würde drinnen Stimmen hören.
Am liebsten hätte ich geklopft. Angelika befohlen, mir aufzumachen, sofort.
Aber ich wage das nicht, bei Angelika anzuklopfen.
Obwohl etwas präsent ist. Böse präsent. Eine Gegenwart spüre ich.
Was bleibt mir, als hilflos minutenlang durch die Gegend zu schluchzen. Wie die Welt jetzt im Moment für mich ist, es bei mir zuging, unerträglich.
Alles, was ich tun kann, ist, alle paar Minuten nach der Wohnungstüre zu schauen. Vor Angelikas Arbeitszimmer zu laufen, durch die Türe nach drinnen zu lauschen.
Musikklänge in Angelikas Zimmer; die Liedtexte, in Englisch gesungen.
Bei Angelika drinnen - da hörte es sich jedoch auch nach Angelikas Stimme an. Als würde Angelika jemandem Antwort geben.
Worüber ich nicht Bescheid wußte: War dort jemand drinnen bei Angelika? Oder war das eine Lautsprecherstimme? Worte deutlicher zu verstehen, das war jedenfalls nicht für mich. Nicht von Angelika, nicht von der zweiten. Weil die Musik laut genug spielte.
Wäre alles bei mir und Angelika normal, hätte ich bis vor ein paar Tagen noch gesagt, Angelika unterhält sich per Bildübertragung am Monitor ihres Läppies mit einer Freundin. Einer, mit der Angelika in den Nachtstunden ein Schwätzchen nötig hatte, bei eingeschalteter Netz-Kamera auf beiden Seiten ...
So, wie die Dinge jedoch in der Gegenwart für mich standen, konnte aber wirklich irgendwer bei Angelika drinnen sein. Jemand, der an der Hausfassade rumkletterte. Wie zum Beispiel Christine Dombrowski. Deutlich habe ich die Erinnerung an Christine Dombrowski vor Augen. Ein Weilchen lang war Christine Dombrowski bei mir auf dem Zimmer. Ehe Christine Dombrowski mein Zimmer durch das offene Fenster verließ ...
Lange halte ich das nicht mehr aus.
Irgendwas muß geschehen. Ich will sehen, ob jemand bei Angelika in Angelikas Zimmer ist.
Aber, bei Angelika anzuklopfen. Bei Angelikas mieser Stimmung, was mich anbetrifft. Mit dem Spinnen, daß Angelika mir nicht aufhören möchte.
Und Angelika könnte in der Lage sein, im Meinhardt-Sanatorium anzurufen. Auch mitten in der Nacht.
Denen von der nächtlichen Anrufeannahmestelle im Meinhardt-Sanatorium was davon mitzuteilen, daß ich unvermittelt, nach langen Monaten, daß nichts bei mir gewesen wäre, verrückt spiele. Daß ich meine, Dinge wahrzunehmen, zu hören. Aggressiv wäre ich, schnauze sie, Angelika, an, bedrohe sie ...
Die von der Nachtschicht im Meinhardt-Sanatorium warten nicht lange auf den nächsten Morgen. Der Meinhardt-Sanatorium-Transporter, der kommt unverzüglich. In ein paar wenigen Minuten waren die Leute eingetroffen. Genauso schnell wie der ärztliche Rettungsdienst - Sanka, Notarzt -, wird der gerufen. Oder die Polizei.
Nur, ich mag nicht ins Meinhardt-Sanatorium.
Nicht, wenn nur mir das was nützen würde. Während die Dinge bei Angelika ihren Lauf nehmen.
Als Bildschirmhintergrundbild habe ich bei mir am Läppie eine mittelalterliche Ritterrüstung.
Am Boden vor dem Sockel, auf dem die Rüstung aufgebaut steht, liegen ein Langschwert, ein Schild, ein Morgenstern und eine Streitaxt.
Das Kreuzsymbol auf dem Schild verweist auf die Ritter des Deutschritterordens. Männer des Deutschritterordens haben diese Rüstung und die Waffen besessen und im Kampf getragen.
Jeden Tag wechselt die Ritterrüstung, die ich als Hintergrundbild habe. Zwanzig Ritterrüstungshintergrundbilder habe ich mir heruntergeladen.
Warum ich das oben tippe? Antwort: Eine Idee ist mir gekommen.
Wie wäre es, wenn ich die Manuela-Dombrowski-Fotografien einscanne?
Die neuen Bilder, die ich am Dienstag von Mutti Dombrowski mitbekommen habe, als Hintergrund oder Bildschirmschoner einzurichten - das wäre es doch.
Bisher möchte ich Angelika die Fotos immer zeigen. Mehr oder weniger geduldig warte ich auf die Gelegenheit, daß ich Angelika auf die Fotografien hinweisen, sie ihr endlich präsentieren kann. Damit Angelika einen Blick darauf wirft, Angelika vielleicht die Glotzer weit werden.
Nur - wäre das nicht eine ebenso einfache Lösung für mein Problem, wenn ich, habe ich Angelika herbeigerufen, ich Angelika erkläre, warum ich sie herbei geplärrt habe, daß ich ihr nur schnell was am Läppie zeigen will, und plötzlich sieht Angelika Manuela Dombrowski, Manuela Dombrowski, deren Konteifei bei mir Hintergrundbild ist. Oder Manuela Dombrowski, die taucht in der Foto-Funktion als Bilderserie als Bildschirmschoner auf.
Daß ich diesen Einfall nicht schon längst mal hatte? Das wäre doch die einfachste Sache auf der Welt, Angelika Manu zu präsentieren. Ihre Manu, die meine Manuela Dombrowski ist.
Die Fotos, die Mutti Dombrowski mir am Dienstag mitgegeben hat, ratzfatz sind die eingescannt.
Marschiert Angelika bei mir ein, blickt Angelika bei mir auf den Läppie-Monitor - Bingo!
Plötzlich sieht Angelika SIE, ihre Manu.
Irritiert ist Angelika, schaut mich großäugig an. He, Bernd - woher hast du das denn? Wie kommt denn ein Bild von Manu auf dein Läppie?
Was, Angelika? Versteh nicht. Welche Manu meinst du? Die am Bildschirm da, das ist Manuela. Manuela Dombrowski. Manuela Dombrowski ist das.
Nein! Was redest du denn da? Du bist unmöglich. Wer soll das sein - Manuela Dombrowski? Etwas jene Manuela Dombrowski, von der du ...? Wegen der du ...?
Genau die! Das ist Manuela Dombrowski, Angelika.
Nein, Bernd, das ist ein Foto Manus.
Das ist Manuela Dombrowski, Angelika. Die auf dem Einzelbild ist Manuela Dombrowski. Die auf dem zweiten Bild auf der Wiese, das ist auch Manuela Dombrowski. Manuela Dombrowski zusammen mit ihrer Schwester Christine.
DIE Manuela Dombrowski, Bernd ...? Fängst du wieder zu spinnen an? Das kann doch nicht diese Manuela Dombrowski sein. Du hast ein Foto Manus, Bernd ... Du glaubst doch nicht wirklich, daß ich dir das glaube, daß das diese Manuela Dombrowski ist, die du ...
Das ist Manuela Dombrowski!
Nein, Bernd, das ist Manu. Manu, die ich erst seit ein paar Wochen kenne.
Wart mal, Angelika! Ich kann es dir sogar beweisen. Ich beweis es dir, daß das Manuela Dombrowski ist. Ich war am Dienstag bei mir drunten. Da war ich bei Manuela Dombrowskis Mutti. Die hat mir die Fotos gegeben. Rufen wir nur kurz Mutti Dombrowski an. Manuela Dombrowskis Mutti. Manuela Dombrowskis Mutti wird dir alles sagen, Angelika. Daß sie mir Fotos mitgegeben hat. Zwei Stück. Auf dem einen Manuela Dombrowski alleine am Bild oben ist. Am zweiten sind das Manuela Dombrowski mit ihrer Schwester Christine. Mutti Dombrowski sagt dir das.
Du spinnst wieder, Bernd. Du bist wieder total am Spinnen.
Bitte, Angelika! Rufen wir Mutti Dombrowski an! Und wenn dir der Anruf bei Mutti Dombrowski auch nicht reicht, können wir beide, du und ich, Angelika, morgen zu Mutti Dombrowski in die Hegelstraße hinunterfahren. Mutti Dombrowski wird dir sagen, daß sie Manuela Dombrowskis Mutti ist. Selber kannst du dich mit Mutti Dombrowski unterhalten, Angelika. Auch über Manuela Dombrowski.
Ich könnte jede Sekunde ohnmächtig werden ... Das Herz rast mir wie verrückt. Die Faust drücke ich mir gegen die linke Brusthälfte.
Es ist der Wahnsinn. Der reine Wahnsinn. Keine Ahnung, wie das möglich sein kann. Was mir geschieht, es ist ganz unbegreiflich.
Am Tisch rechter Hand vom Läppie hatte ich also die Fotos hingelegt, die ich von Mutti Dombrowski habe. Das eine Foto mit Manuela Dombrowski alleine. Darunter das zweite mit Manuela und Christine Dombrowski auf der Blümchenwiese, schräg von oben aufgenommen.
Wollte die Wiesen-Fotografie mit den Schwestern Dombrowski nehmen, für den Einscannprozeß am Drucker. Weil das Teil eingeschaltet und bereit war.
Jedoch, meine Hand ist von dem Bild weggezuckt. Als hätte das Foto Hitzeentwicklung.
Der Grund, voll irre.
Es ist tatsächlich weiterhin. Ich mußte, muß sehen ...
Die beiden Schwestern, Manuela und Christine Dombrowski. Manuela, die jüngere und hübschere; Christine, die ältere und größer gewachsenere. Das Schwesternpaar im Partner-Look, rotfarbene Haare beide, gekleidet in weiße Faltenminiröckchen wie für die nächsten Ballwechsel beim Tennisspiel, knappe weiße Hemdchen für die Nabelschau. Vielversprechend sexy, eigentlich ...
Bewegung war und ist auf dem Fotopappebild. Zum Wegkippen. Bewußtloswerden.
Zunächst, ich mußte begreifen, daß Manuela und Christine Dombrowski am Winken waren. Die Szene: Manuela und Christine Dombrowski, beide waren mit den Armen am Heraufwinken.
Kurz habe ich weggeschaut. Nach ein paar Sekunden habe ich den nächsten Blick riskiert - Manuela und Christine Dombrowski, die auf der Wiese herumstanden, hochschauten, geraten in neue Bewegung. Drauflos gewinkt wird mit den Händen. Zu mir herauf.
Jetzt im Moment blicke ich am Foto, daß Manuela und Christine Dombrowski auf der Wiese Fangen spielen. Christine läuft Manuela hinterher, als hätte Manuela irgendwas zu Christine gesagt, daß Christine die Verfolgung aufnehmen mußte. Einem Faustschlag Christines auf ihrem Rücken entgeht Manuela nur knapp. Christines Jagd geht weiter.
Wie die kleinen Kinder Manuela und Christine Dombrowski. Unbeschwerte Herumtollerei.
Die weißen Schlüpfer Manuelas und Christines, die blitzen für den Betrachter. Für mich. Die Brüste Manuelas und Christines hüpfen beim Laufen unter dem weißen Oberteil.
Jede Menge Spaß haben Manuela und Christine Dombrowski. Fast möchte ich auch dort bei Manuela und Christine auf der Wiese sein. Bei den Schwestern Dombrowski dabeisein, mitmachen.
Gerade hatte ich mich am Drehstuhl hingesetzt. Fest die Augen geschlossen. Langsam bis zwanzig gezählt. Dann habe ich ängstlich die Augen aufgemacht ...
Das Wiesen-Foto mit den Geschwistern Dombrowski, auf dem ist es dabei geblieben, daß die Bilder laufen lernten. Alles wie Filmszene. Als wäre das ein Monitor.
Obwohl ich mit dem Finger hingelangt habe, das Foto am Tisch herabzog, darunterzugucken. Die Rückansicht der Farbfotografie ist weiterhin weiße Pappenfläche. Der Gegenstand ist pappedünn. Reinste Pappe für mich.
Ich verstehe es nicht. Klar, es gibt immer dünnere Bildschirme. Daß es heute aber Fotopapier geben könnte, auf die man filmische Szenen bannen könnte - davon habe ich nichts gelesen. Das mit Manuela und Christine Dombrowski wirkt darüberhinaus wie bei einer Liveübertragung.
Stimmt, Hans-Georg Tabert, ein reicher Mann. Keine technische Neuerung, die sich Hans-Georg Tabert eventuell nicht leisten könnte, wüßte Hans-Georg Tabert von ihr.
Nur das ...
Ringelreihen! Manuela und Christine Dombrowski haben sich an den Händen gefaßt, tanzen im Kreis herum.
Mein Läppie, das hat einen Monitor. Das ist ganz eindeutig. Auf dem Läppie-Monitor präsentieren sich mir eben die gelben, roten, grünen Linien des Bildschirmschoners.
Während dieses Foto ein Foto ist. Allem Anschein nach nichts als eine Fotografie. Fotopappe. Wie kann eine Pappe ein Bildschirm sein?
Ein läppisches Allerweltsfoto ist das, oder? Eins, wie es bereits seit Jahr und Tag üblich ist.
Reinste Unheimlichkeit.
Auf einer Nullachtfünfzehn-Fotografie dürfte so ein überraschender Bildereffekt nach der Art eines Monitors nicht möglich sein.
Wem wäre jemals eine Szene auf einem Foto in Bewegung geraten, zu Leben erwacht? Daß er an einem Herzschlag sterben könnte. Wie ich.
In Fantasy-Büchern kann man von so was lesen. Nur - ich fühle mich gerade nicht wie einer, der Teil einer Fantasy-Welt ist.
Alles immer noch das gleiche geblieben: Die beiden Schwestern - Manuela und Christine Dombrowski sind dort in Bewegung. Jetzt haben sich Manuela und Christine an den Händen genommen. Auf der Wiese haben die zwei mit dem Tanzen begonnen. Links herum, rechts herum. Manuela hat Christine, die Ältere und Größere, geführt.
Auf den Fuß war Christine Manuela eben gestiegen. Manuela hat Christine geschubst, sich dann nach dem Fuß, den Sandalen kleideten, gefaßt.
Aber - nicht allzu groß, Manuelas Schmerz. Nichts für ernstere Streiterei.
Aufs neue faßten Manuela und Christine Dombrowski sich. Um mit Walzertanzen anzufangen.
Zwei fröhliche Tänzerinnen, die ich betrachte, wenn ich auf das bewegte Pappebild gucke: Manuela und Christine Dombrowski.
Keine Ahnung, wie ich den spaßigen Foto-Film stoppen soll.
Möglicherweise hat das ein Ende, erhebe ich mich vom Bürodrehstuhl hier, laufe vor die Türe Angelikas, klopfe an. Komme ich zusammen mit Angelika in mein Zimmer zurück, blickt Angelika das Foto - vorbei der Zauber. Alles am Bild steht still. Manuela und Christine Dombrowski auf der blumenübersäten Wiese am Dastehen. Der Beweis, nicht für mich zu erbringen, daß hier Bilder laufen gelernt hatten.
Andererseits: Ich will das aber überhaupt nicht, auf den Flurgang rauslaufen.
Das, Angelika zu verständigen ... Brauche ich Angelika?
Habe nicht das allerkleinste Verlangen, mich mit Angelika auseinanderzusetzen. Mag nicht, daß das am Foto aufhört.
Das mit Manuela und Christine auf der Blümchenwiese darf ruhig weitergehen.
Manuela und Christine dabei zuschauen, wie sie tanzen, das möchte ich. Nichts anderes tun Manuela und Christine als tanzen.
Den beiden, Manuela und Christine, bei ihrem unbeschwerten Treiben zuzuschauen, das ist es. Weil das irr ist. Irr.
Beinahe kann ich das hier tippen, als würde ich eine Direktsendung mit Textkommentaren unterlegen.
Nun, das mit dem Herumgetanze, das haben Manuela und Christine jetzt aufgehört.
Auf dem Wiesengrund stellten sich Manuela und Christine eng beieinander hin. Ins Ohr sprechen sich beide irgendwas.
Manuela und Chistine haben sich mit den Köpfen zugenickt, sich deutlich erkennbar eins kichernd.
Nebeneinander stehen Manuela und Christine jetzt, haben die Arme gehoben. Wie schon zuvor, daß Manuela und Christine winken. Quasi, daß Manuela und Christine nach mir hinwinken.
Die Lippen Manuelas und Christines bewegen sich. Manuela und Christine rufen und vollführen ihr Gewinke.
He, der Ton ist angegangen. Plötzlich kann ich Manuelas und Christine Rufe hören. Alles deutlich verstehen.
Bernd! Bernd!
Wahnsinn, Wahnsinn - unvermittelt haben wir hier Ton!
He, Bernd!
Manuela, die das hat heraufgerufen hat.
Komm zu uns herunter, Bern-die!
Christine: Ja, komm zu uns runter, Bernd! Komm runter zu uns! Du mußt nicht viel machen. Nur zu uns runterkommen. Worauf wartest du?
Ich bin am Zögern. Außerdem durchblicke ich nicht klar, wie ich das anstellen soll, was Manuela und Christine verlangen. Wie soll ich denn zu den beiden runterkommen?
Christine: Worauf wartest du denn, Bernd?
Manuela: Sei jetzt kein Spielverderber, Bern-die!
Christine: Komm runter zu uns, Bernd. Tanz mit Manuela.
Manuela: Christine mag auch mit dir tanzen, Bern-die. Aber, Vorsicht, Bern-die, Christine, die beißt gerne. Viel gerne. Viel lieber als ich. Und Christine steigt dir auf die Füße ...
Christine: So schlimm beiß ich nicht, Manuela ... Beiße nicht schlimm ... Gibt andere, die beißen schlimmer ...
Manuela: Ich will an dir knabbern, Bern-die ... Wir beide wollen an dir knabbern, Bern-die, Christine und ich.
Überraschend, daß ich mich von Manuelas und Christines Anblick losreißen habe können, in meinem Zimmer in Angelikas Wohnung herumblicken.
Alles beim alten bei mir.
Ich sitze am Drehstuhl vorm Schreibtisch meinem Läppie-Monitor gegenüber.
Am Monitor habe ich foxy.jpg. für das reine Getippsel offen. Wenn ich tippe, tippe ich dort Textzeilen.
Die laufenden, prächtig scharfen, farbig detailierten Bilder, die sehe ich weiter unten rechts - und auf keinem Bildschirm. Sondern auf einem Foto. Einem Allerweltsfoto. Eines aber, das Monitorentwicklung hat.
Aus irgendeinem Grund.
Warum, das ist mir schleierhaft. Nanotechnologe? Ist das die Entwicklung einer Technik, von der die breite Erdbevölkerung noch nichts mitbekommen hat?
Irgendwie aber ist so was zu mir gekommen. Über eine Frauensperson, die mit einem verheiratet war, der momentan im Gefängnis einsitzt. Deren jüngste Tochter Manuela tot sein sollte. Und deren ältere Schwester Christine als Nutte arbeitete. Andererseits: Als Nutte hatte man ab und zu auch Geld. Sogar ab und zu ein bißchen mehr davon. Daß man sich was kaufen kann.
Ob man dann aber eine solche Neuerung kriegt? Ich jedenfalls wußte nichts davon.
Für mich ist es jedenfalls verrückt.
Manuela und Christine sind am Dauerrufen - Bernd! Bern-die!
Spott klingt in den Stimmen Manuelas und Christines mit, weil ich bis jetzt noch nicht draufgekommen bin, wie simpel alles doch ist. Wie das geht, das Hinunterkommen. Zu ihnen runter.
Dort, auf dem Foto, das bewegtes Szenenbild hat, Manuela und Christine Dombrowski.
Ungeduldige Gesichter, Schmollippen bei Manuela und Christine. Den Mittelfinger zeigte mir Manuela eben. Manuela schreit herauf ...
Manuelas Worte: Worauf wartest du denn lange, Bern-die? Du mußt nicht viel machen. Nur zu uns runterkommen, weiter nichts. Heb endlich deinen Arsch von deinem Platz hoch, steh auf und komm von da oben zu uns runter. Mehr mußt du nicht tun. Das ist doch nicht viel.
Eine abwinkende Handbewegung Christines in meine Richtung.
Langsam war ich ihr, Christine, genauso blöde, wie ich Manuela schon länger blöde war. Wenn der Schwachmatte nichts begriff, sollte der Schwachmatte es bleibenlassen.
Auf die gekreuzten Daumen in meinem Schoß habe ich ein Weilchen hinuntergestarrt.
Wenn alles so einfach war ... Wo war hier die Einfachheit?
Wie konnte ein Foto mehr als ein Foto sein, auch wenn die Bilder darauf mir in Bewegung geraten sind?
Auch mein Läppie-Monitor war kein Tor. Wenn ich mit dem Kopf dagegenstieß, konnte ich den Monitor kaputtmachen, sonst nichts.
Was war das Einfache, das Manuela und Christine meinten?
Gespannt gaffen Manuela und Christine zu mir herauf, und mir will kein Geistesblitz kommen.
Oder doch? Ist das die Idee? Daß ich das auf die Weise probieren soll?
Hindurchstoßen ... Ich meine, die Stirn aufsetzen? Mich zu dem Foto hinbeugen. Damit den Versuch starten, ob ich da wie durch eine Pforte hindurchgehen könnte?
Eigentlich ist keiner da, der mir bei meinen Späßen zusieht.
Außer Manuela und Christine. Die beiden tuscheln unverständlich miteinander, gucken zu mir herauf, nicken sich hin. Die zwei, Manuela und Christine, die nichts dagegen hätten, wenn mir endlich was einfiele.
Das Fotobild wie der Blick aus dem Flugzeugfenster? Der im Flugzeug sieht auch nur kleinere Flächen unter sich.
Dabei waren das, auf das er am Boden schaute, weite Felder von mehreren Quadratkilometern.
Der Effekt wie bei einem Fallschirmspringer. Je tiefer der Fallschirm hinabschwebt, um so mehr änderte sich die Bildperspektive. Am Schluß war sogar die markierte Grasfläche von mehreren Metern auszumachen, auf der man auftreffen konnte.
Manuela und Christine haben sich abgewandt. Von neuem tanzen Manuela und Christine lachend auf der Blumenwiese herum, ziehen sich heran und sprechen sich kichernd Sachen ins Ohr.
Solange ich nichts unternehme, bin ich für Manuela und Christine der Dummkopf.
Was könnte für mich bei dem Foto geschehen? Welche Entwicklung wäre das?
Daß sich, auf eine geradezu unheimliche, zauberische Art und Weise, für mich ausreichend freier Raum ergibt, daß ich mit dem ganzen Körper durch die entstandene Öffnung durchpasse? Um am Schluß überhaupt nicht tief zu fallen. Auf dem Gras in der Umgebung von Manuela und Christine aufzukommen.
Traue mich allerdings nicht mehr, das Foto auch nur mit dem spitzen Finger anzufassen. Bringe es nicht, das zum Leben erwachte Bild auf den Fußboden legen.
Höchstens, daß ich in der Lage wäre, auf den Bürodrehstuhl draufzusteigen.
Oben auf der Sitzfläche stehend, wenn ich stehenbleibe, beuge ich mich herab. Nach der Fotofläche.
Mehr als mir am Schreibtisch die Stirnfalte anzuhauen, das kann am Schluß eigentlich nicht sein. Jedenfalls wäre es mir möglich, das zu probieren.
Sollte ich nicht auf die andere Seite durchstoßen können, dort, wo Manuela und Christine sich befinden, echt schlimm wäre das auch nicht. Nur daß festzuhalten bliebe, ich hätte es versucht.
Eine Art Tauchvorgang. Einzutauchen. Um hindurchzugehen. In die Umgebung Manuelas und Christines auf der Wiese zu gelangen.
Muß eben aufpassen, sollte es ein Fall werden, mir nichts zu brechen. Entweder auf den Fußboden in meinem Zimmer. Oder auf der Blumenwiese.
Manuela, sie hat gerade zu mir hergeschrien: Nur die Ruhe, Bern-die. Du wirst es schon schaffen.
Beide, Manuela und Christine winken zu mir her. Ganz ungeduldig wirken die Schwestern.
Mußte mich wieder auf den Drehstuhl hocken.
Das Herz, das schlägt mir bis zum Hals. Die Frage, die mich erschüttert hat: Wer ist der hinter der Kamera? Wer machte die stehende Aufnahme, die jetzt in Bewegung geraten war? Wer fotografierte Manuela und Christine?
Andererseits: Was lasse ich mich von solchen Bedenken einschüchtern? Warum sollte ich mich deswegen, bloß weil sich mir die Fragestellung, wer der Fotograf ist, nicht beantwortet, mein Vorhaben trotzdem in die Tat umsetzen.
Ich muß zu Manuela und Christine. Ich will. Unbedingt. Ob ich dorthin wechseln konnte, wo Manuela und Christine im Augenblick waren, konnte ich nicht erfahren, wenn ich zögerte und zögerte.
Was soll ich mir da schon vorher Sorgen wegen irgend jemandem machen, bloß weil da irgendwer war, ist, jemand Unbekanntes, dort hinter dem Fotoapparat, der Kamera? Werden wir ja sehen, wer oder was das ist. Ob ich nicht auf der anderen Seite, bei Manuela und Christine eingetroffen, mit allem fertigwerden kann. Habe durchaus immer noch Kampftechniken drauf, aus meiner Soldatenzeit.
Manuela und Christine pflücken Blumen.
Vor Sehnsucht bin ich übervoll. Nirgendwo wäre ich lieber als bei Manuela und Christine auf der Blumenwiese.
Wenn es dafür einen Weg gibt ... Das muß ich jetzt abtesten.
*
Sechsundzwanzigster Juni, foxy.jpg. ist offen.
Mittwoch am frühen Abend. 18:26 Uhr.