"Das digitale Tagebuch" (08.08. - 17.08.), No. 3
Fünfzehnter August, meine Tagebuch-Datei.
Mittwoch am Nachmittag. Uhrzeit: 13:57 Uhr.
Gestern ...
Wieder war gegen halb sieben Uhr Schluß mit der anonymen Anruferei bei mir auf meinem Smartie. Hatte Christine Dombrowski anscheinend wie vorgestern schon was Besseres zu tun, als mit ihrem Stuß weiterzumachen. Und ihr Begleiter, wenn Christine Dombrowski einen hat, hat das ebenfalls nicht fortsetzen wollen. Abends, nachts hat man keine Lust.
Etwas in der Art.
Das nächste was am gestrigen Abend für mich war, war: Auch dieses Treffen mit mir in der New York Bar hat Angelika abgesagt. Nachdem Angelika mir um dreiviertel sieben Uhr eine Kurznachricht geschrieben hatte, daß ich in die New York Bar kommen sollte, sagte Angelika das ziemlich pünktlich um zwanzig Uhr per SMS ab.
Heute ...
Angelika ruft nicht an, textet mir eine oder zwei Zeilen.
Aber die Anruferei ohne Nummernanzeig, die bei mir geht weiter. Wenn die Frequenz auch deutlich nachgelassen hat. Einmal in der Stunde, das muß anscheinend für den heutigen Tag reichen.
Gehe ich ran, entweder Straßenverkehr. Oder es herrscht Ruhe, als wäre mein Widerpart in einem gedämmten Raum.
Eine Ansage in meine Richtung gibt es nicht. Keine Späßchen. Wie etwa Atmen. Keuchen. So was, was schon war.
Beruhigter bin ich deswegen nicht.
Heute vormittag gegen zehn bin ich mit einem ziemlich mulmigen Gefühl einkaufen gegangen.
Nach eineinhalb Stunden war ich wieder hier oben zurück, ohne daß ich irgendwo eine aufregendere Kleinigkeit erlebt hätte.
Verfolgt hat mich nie jemand, der mich irgendwie an die Gestalt Christine Dombrowskis erinnert hätte oder mir sonst bekannt vorgekommen wäre. Fremde befanden sich um mich herum, gewöhnliche Leute.
Von meinem Fenster aus gibt es hier auf meiner Wohnheimbude nicht viel Aussicht. Ich müßte hinuntermachen, in der Gegend rumrennen, um mich umzugucken. Nach einer, die Christine Dombrowski ähnlich schaute, Ausschau zu halten.
Nur - was hätte ich eigentlich davon, würde ich diesem inneren Drängelei gehorchen?
Daß ich mir wieder in Hosen mache? Weil mir Christine Dombrowski mit ihrem Freund, ist sie denn nicht alleine, gegenübersteht. Der Grund: Ich habe sie gefunden habe.
Wäre das nicht spaßig?
Es nicht zu fassen, was für eine Atmosphäre sich bei mir entfaltet.
Bedroht fühle ich mich, ich bin auf Horror.
Christine Dombrowskis anonyme Anrufe bei mir am Phone, eine einzige atmosphärische Störung.
Gehen wir das mal vernünftig an: Wenn Christine mich treffen möchte, einwandfrei für eine Unterhaltung, wenn Christine dann das von mir haben möchte, nach was es sich anhört, dieses Foto etwa - das könnte Christine alles wirklich anders machen, als Christine das macht. Ganz anders.
Oder?
Statt mir so anzukommen, hätte Christine Dombrowski einfach ein Treffen mit mir hier irgendwo in der Stadt ausmachen können. Ruhig und vernünftig hätten wir miteinander gesprochen.
Gut, sie, Christine, wünscht die Fotografie Manuelas, die mir ihre Mutti gegeben hat, zurück - kann sie, Christine, doch auch kriegen. Einwandfrei. Kein Problem.
Statt dessen veranstaltet die Frau jedoch solchen Terror. Ewigen Telefonterror.
Als wäre es von Haus aus unmöglich für sie, das zu bekommen, was sie gerne hätte. Diese Farbfotografie. Oder auch noch das Schwarz-Weiß-Sterbebild Manuelas dazu.
Kann Christine doch alles haben. Wiederhaben. Wenn Christine es zurückhaben will, warum nicht?
Wo wäre denn das Problem?
Für mich gibt es hier ständig das Gefühl, ich wäre in einer Horrorgeschichte. Meine Texte erzählen was Unheimliches.
Zum Beispiel alles, was mit Manuela Dombrowski zu tun hat.
Ein Aufmacher der Regionalzeitung vor Monaten war da, im Gegensatz dazu, ein amerikanischer. Der Korrespondent, der für den Lokalteil diese Textzeilen verfaßt hat, machte mit der Überschrift Bonnie und Clyde auf.
Statt mit bösartiger Mystery wie bei mir mit einem Krimi.
Manuela Dombrowski, die, die mich tief in meinem Innersten erschüttert hat, nachdem sie mir unheimlicherweise nach ihrem Tod erschienen ist, wie mir klarwerden mußte, nannte der Mann Bonnie. Clyde, der Mann an Bonnies Seite, war Hans-Georg Tabert.
Das zwischen Manuela Dombrowski und Hans-Georg Tabert hätte etwas gehabt, das mit Bonnie und Clyde zu tun hätte.
Obwohl keiner das würde sagen können, daß Hans-Georg Tabert die letzten Jahre viele Banken überfallen hätte. Mit Waffen hat Hans-Georg Tabert ebensowenig durch die Gegend gefuchtelt, davon abgesehen, daß er im Wald als Jäger Rehe, Wildschweine und das erlegt hat. Beziehungsweise: aus dem Hinterhalt abgeknallt.
Das Verhalten Manuela Dombrowskis war eher das einer Bonnie als das Hans-Georg Tabert das eines Clydes gewesen wäre.
Für Hans-Georg Tabert hat Manuela Dombrowski - Bonnie - mit vorgehaltener Waffe herumgefuchtelt, in der Gegend herumgeballert, um ein Fahrzeug zu entern. Aus dem heraus Manuela Dombrowski weitergeschossen hat. Während Hans-Georg Tabert - Clyde - seiner Bonnie - Manuela Dombrowski - nicht das bißchen irgendwo Feuerschutz gegeben hat.
Ist nichts als die Wahrheit. Nur Manuela Dombrowski hat als Bonnie gehandelt. Manuela Dombrowski war die, die von blinder Liebesraserei zu Hans-Georg Tabert erfüllt, in Hans-Georg Taberts Geländewagen nach ihrer Polizeiwägenschubserei aus dem Tabert-Innenhof abgefahren ist. Der Zweck des Ganzen: Hans-Georg Tabert, den tatenlosen Clyde, die Winzigkeit der Chance zur Flucht zu ermöglichen.
Deshalb ist Manuela Dombrowski in dem schweren Allradgetriebegeländefahrzeug, das für Hans-Georg Tabert bereitgestanden war, der jedoch die Stunden vor der Ankunft der Polizeikohorten mit nichts zu Potte kam, um endlich fortzufahren, die Geiersdorfer Bergstraße hinabgedonnert. Um ein paar Kurven weiter tiefer drunten bei zu hoher Geschwindigkeit die Kontrolle über das Gefährt zu verlieren, die Leitplanke zu durchschlagen und abzufliegen - in den Tod.
In den Tod?
Aller Welt ist das klar. Für jedermann war und ist Manuela Dombrowski tot.
Nur ich - ich habe hier dieses gewisse andere Erleben gehabt. Eins der anderen Art. Sehr lebendig ist sie mir begegnet, sie, Manuela Dombrowski.
Manuela Dombrowski in einem schwarsamtfarbenen Sackminikleid. Eine Sonnenbrille auf dem Näschen auf, die Manuela Dombrowski dann abnahm, irgendwohin in eine Falte ihres Kleides verschwinden ließ.
Allerschönster Sonnenschein eines herrlichen Sommertages im Juli. Das genaue Datum: der zehnte. Glatt der zehnte.
Zwei wohlgeformte Beine, auf denen Manuela Dombrowski mir gegenübersteht. Wenn auch ein bißchen bleich. Wie Manuela Dombrowski überhaupt bleichhäutig ist. Als hätte Manuela Dombrowski länger keine Sonne abgekriegt.
Vorm Kino, dem Unteren, daß Manuela Dombrowski mir den Gehweg verstellt hat. Mich angehalten. Mit einem Körper, erinnere ich mich recht, den ich anfassen habe können, flüchtig berühren ...
Seit dieser Begegnung mit Manuela, mit der ich vor zehn Jahren mal ein Jahr lang zusammen war, ein Liebespaar waren Manuela und ich, erlebe ich alle möglichen Unheimlichkeiten, die kein Mensch normal versteht.
Dieses Unheimliche, das seit dem Zeitpunkt meines erneuten Zusammentreffens mit Manuela Dombrowski in mein Leben getreten ist, ist genau mein Problem.
Viel zu viele Umrisse sind mir weiter in Nebel eingehüllt. Ereignisse spielten, spielen sich bei mir ab, daß ich mich frage: Bin ich irre? Sollte ich mich nicht selber einliefern lassen?
Das Zeug mit Manuela Dombrowski hat die Masse unter der Schädeldecke direkt noch weicher gemacht.
Überdies bekomme dazu nicht die rechte Distanz, weil sich immer wieder Neues bei mir ergibt. Was mit der Manuela-Dombrowski-Begegnung am zehnten Juli zu tun hat.
Jetzt, jetzt wieder was. Zeugs mit Christine Dombrowski, Manuelas Schwester.
Jetzt hat es mich hier sogar auf meiner Studentenbude erwischt.
Da ist bei mir was mit Christine, Manuela Dombrowskis älterem Schwesternherz, das irgendwie überhaupt nicht sauber rüberkommt. So, wie es eigentlich sein sollte. Oder?
Eine unheimliche Stimmung ist das, mir durch Christines anonyme Anrufe entstanden. Eine Drohkulisse hat sich dadurch für mich aufgebaut.
Christine, die von einem Mann begleitet wird oder nicht, hat mir am gestrigen Tag klargemacht, daß sie herkommt zu mir. Sich auf dem Weg befindet. Und jetzt ist Christine - die Schwester Manuelas - anscheinend tatsächlich hier irgendwo in der Stadt angekommen.
Jetzt muß Christine Dombrowski mich nur noch finden. Daß ihre Fahndung nach mir von Erfolg gekrönt ist.
Irre. Ganz schön irre. Daß ich mit Christine Dombrowski - das ist ...
Echt wahr, Christine Dombrowski ...
*
Fünfzehnter August, Tagebuch-Datei aufgeklickt.
Mittwoch am Nachmittag. Uhrzeit: 16:54 Uhr.
Neuer Eintrag, gleicher Tag.
Weiterhin: Anrufe Christine Dombrowskis bei mir. An die rangehe. Oder nicht.
Die Zeitabstände von Christine Dombrowskis Anruferei: immer gleich, so eine Viertelstunde bis spätestens zwanzig, zweiundzwanzig Minuten.
Am anderen Ende der Leitung sind von mir die Umgebungsgeräusche einer Stadt zu erlauschen. Autoverkehr, sich irgendwo unterhaltende Leute, so was.
Schon einigermaßen eine Drohung, die sich durch das Verhalten Christine Dombrowskis und ihres Freundes bei mir aufgebaut hat.
Das Gefühl von etwas Unheimlichem habe ich. Ungemütlich ist mir in meiner Haut.
Muß schon sagen: Die Dombrowskis, die sorgen für den Horror bei mir.
Während, um auf Hans-Georg Tabert zurückzukommen, die Geschichte bei Hans-Georg Tabert immer die eines Kriminellen ist.
Gruseln muß man sich in dem Sinne bei nichts, was mit Hans-Georg Tabert zusammenhängt.
Die Geschichten Hans-Georg Taberts sind die eines Kriminellen.
Etwa die eines Mannes, dem Polizeiwägen auf den Innenhof seiner Wohnanlage einfuhren. Wie jeder andere Verbrecher auch, wollte Hans-Georg Tabert sich schnell noch dem langen Arm des Gesetzes entziehen. Nachdem Manuela Dombrowski das mit dem Ablenkungsmanöver startete. Wie eine Bonnie bei Bonnie und Clyde auf dem Hof der Geiersdorfer Großkotzbauernhofanlage Hans-Georg Tabert durch die Gegend ballerte, in den für Tabert bereitstehenden Geländewagen Tabert sprang und die Abfahrt schaffte, verfolgt von Polizeifahrzeugen, dem Notarzt und einem Feuerwehrauto.
Die Gelegenheit, die sich ihm durch das Eingreifen Manuelas auf der Szene bot, wollte Hans-Georg Tabert doch für sich nützen. Eine Hintertüre des großen Bauernhofgebäudes war aufgegangen, für Hans-Georg Tabert wurde hinausgeschaut.
Die Idee Hans-Georg Taberts, Hans-Georg Tabert alles andere als der Clyde bei Bonnie und Clyde, hinterm Haus über die gemähte Grünfläche zum Lattenzaun zu sprinten, über den drüberzuspringen. Um im nahen Wald einzutauchen. Im Waldgebiet zwischen den Pilzen und dem Wildwuchs verlorenzugehen.
Kaum aber fand sich Hans-Georg Tabert, herausgewunken, draußen vom Großkopferten-Bauernhof, war Hans-Georg Tabert am Loslaufen, sprangen uniformierte Polizeibeamte mit vorgehaltener Waffe in die Sicht Hans-Georg Taberts. Praktisch nur kurz die Nasenspitze rausgehalten, war Hans-Georg Tabert schon in die Mitte genommen, zu Boden geworfen, nach Waffen abgetastet. Beide Arme wurden Hans-Georg Tabert auf den Rücken gezerrt. Für Hans-Georg Tabert klickten die Handschellen. Ins Bauernhaus der Taberts wurde von hinten durch die Hintertüren eingedrungen.
Einzig und alleine Manuela Dombrowski, die war weniger glücklich als Hans-Georg Tabert, darf man den Informationen glauben, die in der breiten Öffentlichkeit überall in den Medien aufbereitet wurden. Manuela Dombrowski, die zerlegte es während diesen Momenten. Manuela Dombrwoski, die im wuchtigen Tabert-Geländewagen mit überhöhter Geschwindigkeit in der Kurve die Leitplanke durchschlug, abflog, mit den vier Rädern auf der Bergwiese aufkam, diese hinabraste. Um einen massiven Einschlag zu haben. Eine dicke Tanne, die die rasende Fahrt von Manuela Dombrowsks Fahrzeug die Wiese hinunter stoppte.
Für alle Welt ist Manuela Dombrowski verstorben. Tot. Toter. Am totesten. In einem edlen Eichenholzsarg liegt Manuela Dombrowski am Gnaden-Friedhof ihrer Heimatstadt unter der Erde.
Der Sarg, die Fläche für die letzte Ruhestätte am Friedhof, alles von der Familie Tabert bezahlt. Wahrscheinlich auf Anweisung Hans-Georg Taberts hin.
Nur mir, als ich am zehnten Juli dort in der Stadt so gewöhnlich unterwegs war, spazierenging, mir begegnet Manuela Dombrowski, mit Sonnenbrille auf der bleichen Näschen, wie eine Lebende. Daß mich alles anschauert seitdem. Daß ich davon bis heute ganz kirre im Kopf bin.
Die Fragestellung der Korrespondenten für die Seiten der lokalen Medien: War das alles, was Manuela Dombrowski für Hans-Geort Tabert gemacht hat, eine spontane Aktion Manuela Dombrowskis? Oder hatte Hans-Georg Tabert Manuela Dombrowski doch zu ihrem Handeln veranlaßt?
Jedenfalls haben die Besatzungen der Polizeiwägen am Innenhof es unterlassen, viel auf Manuela Dombrowski zu schießen, obwohl Manuela Dombrowski aus dem Bauernhaus Taberts herausstürmte und mit dem Schießen anfing. Nur in Deckung gegangen waren die uniformierten Leute und die Zivilbeamten.
War das also Kalkül, daß Tabert zu Manuela Dombrowski gemeint hat, sie, Manuela Dombrowski, könnte das Ablenkungsmanöver starten, ohne daß ihr viel Schlimmeres geschehen müßte?
Die in der Zeitung vieldiskutierte Frage: Hatte Manuela Dombrowski nun tatsächlich von sich aus an einem Waffenschrank Hans-Georg Taberts zu schaffen gemacht? Oder war es doch Hans-Georg Tabert, der seine Geliebte Manuela Dombrowski, die ihm in Liebe treu ergeben war, in einem Moment, alleine mit Manuela Dombrowski, dahingehend ansprach, etwas für ihn zu unternehmen? Das Ergebnis war, daß Manuela Dombrowski das halsbrecherische Unternehmen begann, das mit ihrem Tod endete.
Mit einer Pistole Hans-Georg Taberts, daß Manuela Dombrowski am Schießen war. Sogar eine, für die der Jägersmann Hans-Georg Tabert eine gültige Waffenbesitzkarte besaß.
Hans-Georg Tabert, ein eingetragener Jäger mit eigener gepachteter Jagd. Hans-Georg Tabert war im B-Kader des Geiersdorfer Schützenvereins. Sowohl mit der Sportpistole wie mit dem Kleinkalibergewehr. In olympischen Disziplinen. Auf regionale Turniere reiste Hans-Georg Tabert sowohl mit dem A- als auch mit dem B-Kader. Im A-Kader war Hans-Georg Tabert Ersatzmann mit der Perspektive, demnächst aufrücken zu können. Zuletzt versuchte Hans-Georg Tabert sich am Vereinsgelände im Tontaubenschießen. Allerdings mit mäßigen Platzierungen bei Wettbewerben innerhalb des Vereins.
Als solch ein Mensch hatte Hans-Georg Tabert immer Zugang zu Waffen. Jede Menge Handfeuerwaffen samt zugehöriger Munition hatte Hans-Georg Tabert in seinen bestens vor dem Zugriff Dritter gesicherten Waffenschränken. Alles rechtlich abgesichert, mit staatlicher Erlaubnis. Beglaubigt mit dem Geiersdorfer Gemeindesiegel. Alles mit Stempeln und Unterschrift des Gemeindevorstands und der Ämter.
Bereits bei seinem Jäger- und Waffenscheins hatte sich bei Hans-Georg Tabert nie jemand um irgendwas gekümmert. Beinahe, als wäre Hans-Georg Tabert früher nie durch kriminelle Delikte aufgefallen, keine amtsbekannte Person. Ungereimtheiten in Hans-Georg Tabert Vita, Fehlanzeige für die städtischen Mitarbeiter. Als hätte Hans-Georg Tabert den besten Leumund und nichts auf dem Kerbholz. Trotz der Polizeiakte, die es mit dem Namen Hans-Georg Tabert gab. Wenn jemand länger hineingeschaut, war dort auch keine andere Adresse Hans-Georg Taberts zu lesen, als die, die Hans-Georg Tabert überall angab. Dieser Hans-Georg Tabert und jener Hans-Georg Tabert waren ein und dieselbe Person.
Hätte man anscheinend behördlich mal genauer hinsehen müssen, was Hans-Georg Tabert anging. Oder, die andere Frage, die zu dem Zeitpunkt von Hans-Georg Taberts Festnahme kurz in der Öffentlichkeit gestellt wurde: Hatten sich hier städtiche Beamte und welche der Gemeinden in der Kausa Hans-Georg Tabert bestechen lassen? Schließlich mußte das eine Ursache haben, daß Leute nicht genauer hinsahen. Oder Dinge, die sie überblickten, einfach links liegen ließen.
Vor einer Minute, der nächste anonyme Anruf bei mir. Ich drückte diesesmal spontan auf das grüne Telefonsymbol. Weiß nicht, warum.
Deutlich wurde ein- und ausgeatmet. Ein- und ausgeatmet. Von einem Mann.
Plötzlich schrie im Hintergrund eine Frauenstimme - Taxi, Taxi, hier ran! Bringen Sie uns zur Universität!
Das durfte ich schnell hören, dann wurde für mich die Verbindung getrennt.
Alles banal eigentlich. Nur, daß mich die weibliche Stimme elektrisierte.
Die Stimme war mir nicht unbekannt. Das war Christine Dombrowski.
Jetzt zittere ich durch die Gegend, weil ich was begriffen habe. Die Unterlippe kaue ich mir nervös her.
Zur Uni läßt sich Christine Dombrowski mit dem Taxi bringen ...
Direkt in meiner Nähe ist das noch nicht.
Aber ...
Aber ...
Christine Dombrowski und der an ihrer Seite kommen mir näher. Immer näher.
Könnte sein, daß die beiden mir morgen, übermorgen ... Zufällig oder nicht.
Es ist mir nachgekommen!
Nicht nur, weil ich hier in der Tagebuch-Datei Einträge verfertige, die weiter mit der Manuela-Dombrowski-Sache zu tun haben. Es ist Tatsache: Ich fühle mich leibhaftig bedroht.
Von Christine Dombrowski. Christine Dombrowski, die jemand dabei hat. Eine männliche Person.
Alles wegen eines Fotos.
Ein läppisches Foto Manuela. Das mir Christine Dombrowskis Mutti gegeben hat.
Klar, Manuela Dombrowski hat auf dem Bild komischerweise rotgefärbte Haare. Das Datum der Verfertigung, hinten auf dem Papier die Schrift von dem Fotogeschäft ...
Nur, die Zahlen der Datumsangabe lese ich einmal so, dann wieder doch anders.
Am Schluß ist alles überreizte Phantasie ...
Ich weiß nichts sicher.
Daß Christine Dombrowski deswegen zu mir kommen müßte? Um dieses Foto Manuelas zurückzubekommen, ist, ist Christine Dombrowski auf dem Weg zu mir.
Eine bedrohliche Stimmung wird bei mir aufgebaut. Daß es zum Davonrennen ist.
Warum eigentlich das alles?
Die Schwestern Manuela und Christine Dombrowski.
Bis zum zehnten Juli war irgendwas mit Manuela Dombrowski bei mir zehn Jahre her. Zehn Jahre!
Zehn Jahre sind eine ewige Zeit. Und ich kann mich nicht an eine bewußte Begegnung mit Manuela im Laufe der letzten zehn Jahre erinnern.
Manuela, bei mir ausgestorben. Ihr gesamtes Umfeld, Vati, Mutti, Schwester - ebenso.
Und Hans-Georg Tabert?
Hans-Georg Tabert, der heute im Gefängnis eine Zelle bewohnt, wie einer das im Gefängnis eben so macht - was war mit dem?
Vorgestellt wurde mir Hans-Georg Tabert damals, als ich noch ein Teenager war, nicht direkt. Hans-Georg Tabert war nie Teil meines Freundeskreises.
Kann mich nur darauf entsinnen, daß von einem Dealer mit dem Namen Hans die Rede war.
Nur - bei Hans eingekauft, das hab ich nie. Nicht persönlich.
Beppi war in meiner Umgebung der Mann, der Besorger, der was abgab. Kostenlos. Oder, wenn man selber was haben wollte, brauchte, daß einer von uns Beppi Geld rüberschob. Beppi ging einkaufen.
Auch ein paarmal für mich.
Beppi, der, der losgemacht hat, hin und wieder mal von einem von uns, den anderen, begleitet. Auch ich bin mal bei Beppi dabei gewesen.
Nur, wenn Beppi sagte, daß er bei Hans vorbeischaue, war ich nie mit unterwegs. Nicht, daß ich bis jetzt wüßte.
Wo dieser Hans, bei dem Beppi ab und zu mal kaufte, damals gewohnt hat - keine Ahnung hab ich. Hat Beppi damals mal was hören lassen, fällt mir momentan nichts davon ein.
Jener Hans Beppis, das könnte durchaus mal Hans-Georg Tabert gewesen sein. Hans-Georg Tabert früher.
Erst später ein paar Jährchen später hat Hans-Georg Tabert in Geiersdorf gewohnt. Als die Geschäfte bei ihm dermaßen liefen, daß Hans-Georg Tabert sich das Gelände leisten konnte.
Alles eine Ewigkeit her. Das Damals war damals. Und heute ist heute.
Was betrifft mich eigentlich Hans-Georg Tabert? Oder auch Manuela Dombrowski, obwohl wir mal ein Jahr lang ein Liebespaar waren? Christine Dombrowski?
Christine Dombrowski war damals nichts als Manuelas ältere Schwester. Nichts weiter. Mutti Dombrowski hat mich angegrinst, war sexy, Vati Dombrowski einer, vor dem man sich vorsehen mußte. Schon mal in der Lage, Mutti zu schlagen, daß Mutti das Blut lief. Etwas, von dem auch Manuela und Christine ab und zu was abkriegten.
Nur, am zehnten Juli war Manuela Dombrowski schon tot als ich sie vorm Kino, dem Unteren, getroffen hab.
Was treffe ich Manuela Dombrowski nach zehn Jahren wieder, wenn Manuela Dombrowski da schon Wochen, Monate tot war?
Wenn eine gesehen wird, daß sie im Sarg liegengeblieben ist, den man wieder über ihr zumacht, daß sie sicher eingebuddelt wurde, ihr Grab am Gnaden-Friedhof hat - wie tot ist so eine dann?
Für alle Welt ist Manuela Dombrowski verstorben. Manuela Dombrowskis Ableben ist amtlich bekundet. Obduziert wurde Manuela Dombrowski.
Und jetzt muß ich damit zurechtkommen, daß Christine Dombrowski mit irgend jemand bei mir hier in Anmarsch ist.
Zur Uni läßt sich Christine Dombrowski schon mal im Taxi fahren, sich dort umzutun. Wegen mir.
Wenn das alles mal hier nicht zum Davonlaufen ist.
*
Sechzehnter August, Tagebuch-Datei für einen neuen Eintrag.
Donnerstag nachmittags. Uhrzeit: 14:46 Uhr.
Heute früh ist das mit den anonymen Anrufen bei mir am Phone nicht wieder losgegangen. Auch den ganzen Tag über: nichts. Nichts von dem, was gestern, vorgestern noch bei mir war.
So richtige Freude kommt deswegen bei mir keine auf.
Warum?
Darum ...
Gestern um viertel über sechs Uhr - 18:15 Uhr - mußte ich wissen, was passiert, wenn ich Angelika mal wieder anrufe.
Sie angerufen, das hatte ich Angelika seit Tagen nicht mehr.
Wenn etwas zwischen mir und Angelika war, dann das, daß ich von Angelika eine Kurznachricht kriegte, auf die ich geantwortet habe. Oder ich habe mal eine SMS getextet. Wenn jedoch was von mir ausgegangen ist, dann ist festzuhalten, daß zur Zeit nie eine Zeile von Angelika zurückkommt. Nur wenn Angelika die Initiative ergriffen hat, dann darf ich zurückschreiben, auf eine Rückantwort hoffen. Oder nicht.
Gut, ich wollte trotzdem einen frischen Standpunkt Angelikas. Mir die Frage beantworten: Was tut Angelika heute, wenn ich bei ihr am Smartie die Melodie ihrer Wahl spielen lasse? Geht Angelika ran? Drückt Angelika mich weg?
Nichts von dem hat Angelika dann gemacht. Beinahe, daß ich mich erschrocken habe: Angelika meldete sich am anderen Ende der Leitung. An mein Ohr dringt Angelikas Stimme.
Voll gefreut hat Angelika sich darüber, daß ich sie angeklingelt habe. Am Quasseln und am Quasseln war Angelika. Daß ich aus der Schwatzbude im Internet raus mußte, die Netz-Verbindung ganz trennen.
Angelika eröffnete mir, sie hätte mir jetzt, hätte ich sie nicht angerufen, jede Sekunde was rübergetextet. Oder sie hätte mich antelefoniert. Sehr gut wäre das, daß sie das jetzt nicht hätte tun müssen, weil ich der war, der anrief. Darüber unterrichtete Angelika mich, daß der Abgabetermin für ihr Exposé von ihrem Professor verlängert worden sei. Das müßte ich mir vorstellen: Von seinem Urlaubsort auf den Maledieven aus hätte ihr Professor sie, Angelika, extra über eine Sprechmöglichkeit informiert. Mit Bildübertragung. Ihren Professor am Monitor im Blick, hätte sie mit dem Mann gut sprechen können. Ihr Professor hätte mitgeteilt, daß er schon einen Blick auf die von Angelika bisher verfertigten Teile des Exposés, die Angelika ihm per e-Mail geschickt hatte, geworfen hätte. Daß ihr Exposé überhaupt nicht so schlecht wäre, hätte der alte Mann ihr in einem Nebensatz gesagt. Wenn das nicht supi für sie, Angelika, wäre. Das, was Angelika ihm als Volumen geliefert hätte, das reichte ihm zwar nicht, aber Angelika könnte sich noch weitere eineinhalb Monate Zeit lassen. Dann müßte Angelika allerdings ganz damit fertig geworden sein. In eineinhalb Monaten, der letztmögliche Termin, daß das Ganze abgegeben sein müßte.
Wenn das nichts zu feiern wäre, meinte Angelika. Eineinhalb Monate mehr Zeit, das wäre was zum Feiern. Den ganzen Tag über hätte sie, Angelika, noch nicht viel gegessen. Das könnte sie jetzt nachholen. Champagner müßte jetzt außerdem getrunken werden. Im Fisch-Restaurant. In einer halben Stunde, daß wir, Angelika und ich, uns im Fisch-Restaurant treffen könnten. In einer halben Stunde wäre sie, Angelika, zu einhundert Prozent im Fisch-Restaurant, würde speisen wie die letzten Tage nicht mehr. Ich und sie, wir müßten uns einfach in einer halben Stunde im Fisch-Restaurant sehen.
Natürlich habe ich nichts anderes zu Angelika gemeint, als daß ich jetzt gerade sicher nichts anderes vorhätte, ich würde ins Fisch-Restaurant kommen. In einer halben Stunde wäre ich bei ihr im Fisch-Restaurant. Dann hat Angelika aufgelegt, um sich ausgehfertig herzurichten.
Habe mich beeilt, kurz unter die Dusche zu kommen. Aber nicht zuviel geduscht. Sondern bloß dort, wo es wichtig war. Angezogen habe ich mich nicht extra hervorgehoben.
Fünf Minuten vor Ablauf der halben Stunde war ich im Fisch-Restaurant.
Hatte fast erwartet, Angelika schon im Fisch-Restaurant sitzen zu sehen. Deshalb war ich unschlüssig, weil keine Angelika im Fisch-Restaurant anwesend war. Dann habe ich mich trotzdem an einen Tisch begeben. Der Kellner ist zu mir gekommen, nicht, um mir die Karte zu bringen, sondern mir zu sagen, daß der Tisch drei weiter nicht vorbestellt wäre. Also habe ich an dem mir bezeigten Fisch-Restaurant-Tisch Platz genommen. Dort habe ich einen Moment drauf die Speisekarte überreicht gekriegt. Habe gesagt, daß ich auf Freunde warte und lediglich ein kleines Mineralwasser bestellt.
Die halbe Stunde war eine Viertelstunde vorüber, Angelika traf nicht im Fisch-Restaurant ein. Eine weitere Viertelstunde verging, ich fing an, mir ernste Sorgen zu machen, weil der Oberkellner ernst nach mir blickte. Schließlich kamen immer mehr Gäste ins Fisch-Restaurant herein, während ich meinen Tisch alleine besetzt hielt, ohne großartig etwas von der Karte bestellen zu wollen. Die Kurznachricht, die ich Angelika mittlerweile getextet hatte, blieb unerwidert.
Fünf Minuten drauf, war ich nahe dran, aufzustehen, dem Kellner zu winken, daß ich bezahlen wollte. Draußen vom Fisch-Restaurant konnte ich sicher besser auf Angelika warten. Geradezu so lange, wie ich das mit der Warterei haben wollte. Draußen gab es keine Zeitbegrenzung.
Dann, ich hatte eben mein Mineralwasserglas restlos leergetrunken, geschah es doch noch: der Auftritt Angelikas im Fisch-Restaurant. Fast nicht zu glauben. Der einzige Nachteil an der Sache: Angelika hatte Betsy und Veronika im Schlepptau. Angelika hatte Betsy und Veronika zufällig getroffen, und Betsy und Veronika hatten nichts dagegen, mit Angelika mit ins Fisch-Restaurant zu kommen. Zu mir an den Tisch kamen also alle.
Mit Betsy und Veronika bei Angelika und mir mit in der Runde im Fisch-Restaurant war alles natürlich nicht so, wie es sein hätte können, wenn ich mit Angelika alleine am Restaurant-Tisch gesessen wäre. Vor allem redete Angelika mit Betsy und Veronika. Nur ab und zu streute ich ein Wort beim Essen ein, während mir beim Löffeln, Gabelreinstechen heiß war. Wegen der Fisch-Restaurant-Rechnung, die ich aus eigener Tasche bezahlen würde müssen. Und der Abend mit Angelika war noch überhaupt nicht vorüber. Es war nicht auszudenken, wie das bald mal enden konnte, demnächst, an Orten. Mit der gähnenden Leere im Geldbeutel, Karten, die anzeigten, daß sie gesperrt waren.
Weil die Geschichte mit ihrem Exposé für Angelika solch ein gutes Ende zu nehmen schien, oderte Angelika Champagner. Die eine Flasche war schnell leer, ließ Angelika eine zweite, dritte, vierte bringen ließ. Immer launiger wurde Angelika mir gegenüber. Tatsächlich faßte Angelika mich öfter an der Hand an, ließ die ihre auf meinem Handrücken liegen. Ganz offensichtlich. Daß Betsy und Veronika anfingen, umgänglicher zu werden, ausschweifender mit mir herumzureden. Küßchen drückte Angelika mir auf die Wange. So hatte es wirklich tagelang ausgesehen, bei Angelika, was mich anbetraf. Die Champagner-Laune war gut für mich.
Veronika war dann die, die nicht länger im Fisch-Restaurant bleiben wollte. Sondern ins Tanzcafé Molto weiterziehen. Das Molto, nicht einfach ein Tanzcafé, sondern ein Klub. Der Klub-Ausweise ausgab. Gepfefferte Reicheleute-Preise hatte das Molto außerdem. Neuerdings bekam ich immer mehr zu hören, was das Molto anbetraf. Das Molto schien in zu werden bei den Leuten, mit denen ich zu tun hatte.
Mit drei Schönheiten, denen ich Geleitschutz gab, daß ich gegen dreiundzwanzig Uhr vorm Molto eintraf. Mußte feststellen, daß Veronika, Betsy und Angelika Molto-Klubausweise hatten; der einzige ohne, der war ich. Das hieß, ich zahlte am Eingang des Molto einen Einhunderter und Zweihunderter als Eintritt.
Die Cocktails im Molto, die ich spendierte. Der billigste auf der Getränkekarte kostete fünfundsiebzig, der teuerste zweihundertfünfzig. Knapp, daß das mich am Ende des Tages nicht umgebracht hatte, daß ich fünf mal zweihundert und ein paar Zerquetschte an Getränken im Molto gelassen habe. Die Ausgaben schienen sich jedoch zu lohnen. Ab und zu tanzte ich mit Veronika, Betsy, denen ihre eigentlichen Kerle abgingen. Oder ich klebte an einer anderen. Aber am häufigsten hielt ich Angelika im Arm.
In der Molto-Clique um Betsy, Veronika und Angelika blieb ich nicht außen vor, sondern war mittendrinnen, eben weil ich so herausragend weit vorndran zu sein schien bei Angelika. Ausgiebig unterhielten sich die von der Clique mit mir. Über das Studieren, Vierräder. Auch das Bumsen von und mir Veronika und Betsy wurde angesprochen. Als wären Veronika und Betsy bei jedem der angespitzten Brüder, die ich nicht als die Liebhaber Veronikas, Betsys kannte, schon mal an einem kuscheligen Ort willig gewesen. Diese Eröffnung, fand ich, war nicht zu verachten. Und ich guckte mir Betsy und Veronika genauer an, mich fragend, für was ich das, was ich von Betsy und Veronika erfahren hatte, irgendwann brauchen würde können. Wenn das Geschwätz denn als Wahrheit anzusehen war, schließlich hatte ich Betsy und Veronika als welche auf der Liste, die einen festen Freund hatten.
Auf die Wangen habe ich Angelika geküßt. Am Schluß der Zeit im Molto waren Angelika und ich nur noch eng umschlungen am Tanzen. Das war für mich die Augenblicke bald die Frage, wann Angelika zu mir sagen konnte, ob wir nicht gehen sollten. Ich sollte sie, Angelika, nach Hause bringen. Immer stärker beschäftigte ich das: Was wollte Angelika, wie weit würde das zwischen Angelika und mir diese Nacht gehen? Durfte ich zu Angelika mit hochkommen?
Gegen halb zwei Uhr nachts hatte Angelika dann tatsächlich keine Lust mehr, länger im Molto abzuhängen. Der Wunsch Angelikas war es, in dieser warmen Nacht zu Fuß in ihre Wohnung nach Hause zu machen. Ich habe Angelika gefragt, ob ich sie heimbegleiten dürfte. Kopfnickend hat Angelika mir das bejaht, mir müde ihr Gesicht auf meine Brust gelegt. Angelika meinte, mit mir, einem starken Mann an ihrer Seite, müßte sie, Angelika, in der dunklen Nacht keine Angst haben, heimzugehen. Bräuchte es kein Taxi, auch wenn sie ein bißchen angeheitert war.
Nach dem Bezahlen der letzten Getränke sind Angelika und ich aus dem Molto raus, und ich mußte draußen vor allem an eins denken: An das schöne Papiergeld, das ich im Molto zu Asche verbrannt hatte. Mußte ich demnächst jemanden finden, bei dem ich leihen würde können. Mir Geld leihen. Zum Glück war es draußen vom Molto nachtumdüstert, und Angelika konnte in der Dunkelheit mein Gesicht meist nur unscharf sehen. War sicher vorm Molto nicht die für mich vorteilhafteste Miene, die ich aufgesetzt hatte.
Das tröstete mich beim Spazierengehen, daß Angelika und ich uns an den Händen hielten. Händchenhaltend machten Angelika und ich plappernd voran, hin und wieder ein wenig torkelig. Das eine oder andere mit hochprozentiger Beimischung hatten wir im Molto getrunken, daß ich mich wunderte, daß weder Angelika noch ich betrunkener rüberkamen. Oder bemerkten Angelika und ich nur nichts von unserem Zustand. Gekichert hat Angelika über dieses und jenes. Was Angelika und ich ims da groß zu erzählen hatten, während wir so zusammen unterwegs waren, weiß ich allerdings momentan nicht mehr viel. Geradezu nichts. Muß auch nicht viel Wichtiges sein.
Schließlich sind wir in der Straße, in der Angelika wohnte, angekommen, sind die hinuntergeschritten. Bis wir vor der Haustüre des Gebäudes standen, in dem Angelika ihre Wohnung hatte. Dort sind wir im Straßenlampenlicht herumgestanden, Angelika und ich, haben uns in den Armen gehalten. Angelika sagt, daß sie mich nett findet. Daß sie mich mag. Mehr als nur mag. Dann küßt Angelika mich. Ich küsse Angelika. Angelika öffnet mir den Mund. Ein Zungenkuß wird das. Der erste, den Angelika und ich überhaupt tauschen.
Finde, das hätte ein hübscher Filmkuß sein können. Er hätte hingereicht, der eine zu sein, der im Film gezeigt wurde. Nach diesem langanhaltenden Kuß war ich mir sicher: das wäre es jetzt. Meine erste Nacht mit Angelika würde fällig. Bloß, als es dann so weit war, daß die Haustür offenstand, daß Angelika und ich nur noch über die Schwelle gehen hätten müssen, daß wir eine Minute drauf miteinander bei Angelika in der Wohnung oben gewesen wären - war Schicht im Schicht.
Zwar hat Angelika weiter lustig betrunken rumgekickst. Aber Angelika fing an, mir zu erklären, daß es schon mitten in der Nacht sei. Mitten in der Nacht. Daß es dumm von ihr gewesen wäre, dermaßen lange mit ihren Freunden und mir im Molto zu bleiben. Dafür würde sie, Angelika, in der Früh büßen müssen. Jetzt bräuchte sie, Angelika, noch drei, vier Stunden Schlaf. Zumindest Ruhe. Morgen früh um halb sieben müßte sie schon wieder aus den Federn. Um acht hätte sie einen wichtigen Termin. Einen, den sie eigentlich nicht versäumen dürfte. Und die Gefahr bestand jetzt, daß das möglich wäre.
Was das für ein lebenswichtiger Termin sein konnte, damit wollte Angelika mir nicht herausrücken. Nicht das bißchen. Nur eins war klar: Ich mußte unten bleiben. Tatsächlich entdeckte ich mich ein paar Augenblicke drauf alleinegelassen vor der verschlossenen Haustür wie ich rumwankte, von der alkoholischen Breitseite erwischt. Wie Angelika mich verlassen hatte, ist mir bis in diesem Moment wie weggeblendet. Blöder Alkohol.
In einer Tour habe ich im Licht der Straßenlampe gegen die neu anbrachte helle Glasfiberhausstürscheibe geglotzt. Mußte mich zügeln, nicht feste mit dem Fuß dagegenzutreten. Endgültig, daß mir das aufging, daß es das für mich war, das mit Angelika, zumindest die Nacht würde es nichts mehr werden. Daß ich das besser nicht bringen sollte, dem bei mir drängelnden Impuls nachzugeben, bei Angelika droben in der Wohnung Sturm zu läuten.
Einsam mußte ich Richtung meines heimischen studentischen Innenstadtwohnheims latschen. Kam mir dabei besoffener vor, als ich mich fühlte, als ich noch mit Angelika zusammen auf der Reise war. Das geschah ein ums andere Mal, daß ich mich an eine Hauswand anlehnte, einige Momentchen lang innezuhalten.
In der Nähe des Wohnheims war die Geräuschkulisse um mich her endgültig, als ob ich Verfolger hätte. Immer das gleiche Klack, Klack, Klack. Hochhackige Frauenschuhe.
Irgendwie ein bißchen zu lange, daß mich das verfolgte. Wenn ich stehenblieb, konnte mir passieren, daß das Geräusch plötzlich mal weg war.
Ein verstörendes Gefühl begann mich zu quälen. Hellwach war ich plötzlich. Statt heimwärts zu machen, schritt ich weiter voran. Umwege schienen in dem Fall nicht zu schaden.
Abrupt verhielt ich im Schritt, sorgte dafür, daß ich ein wenig torkelig dastand, damit niemand nicht viel Unterschied zwischen dem zuvor und dem Jetzt bemerkte. Auffiel, daß bei mir etwas anders sein könnte.
Klack, klack, klack - und klack hörte unvermittelt auf.
An die nächste Hauswand lehnte ich mich, lauschte. Beugte mich herunter, verursachte würgende Geräusche, als müßte ich was Mageninhalt hergeben. Hörte auf damit, lauschte.
Es war mir, als höre ich Geflüstere. Wie von einer Frau. Das gereizte Geraune eines Mannes.
In die Hosen wollte ich mir machen. Los bin ich geradeaus. In die nächste Gasse abgebogen, die hinauf.
Es war weiter dieses Klack, Klack.
Sie verfolgten mich. Sie blieben mir auf der Spur.
Bis jetzt beließen sie es dabei, mir nur hinterherzugehen. Langsam begann ich mich jedoch zu fragen, was los wäre, sobald die mitkriegten, daß ich wußte, daß ich Verfolger hatte. Vielleicht änderte das Verhaltensweisen.
Habe den Dankert-Platz mit der Neunzehntes-Jahrhundert-Statue von Bürgermeister Dankert im Lichtschein der Lampen gequert. In meiner dunklen Kleidung habe ich mich, gegenüber angekommen, in ein reichlich finsteres Eck hinter Mülltonnen verdrückt.
Zu hören war ja nichts mehr als die üblichen Stadtgeräusche: das Fahren von Autos, Schreien, Gelächter, Stimmfetzen. Das Klack, Klack hatte Pause, als würde sich da jemand vorsichtiger bewegen oder hätte sich die verräterischen Schuhe ausgezogen.
Gewartet habe ich, hinter der Tonne in die Hocke gegangen, eine Minute, zwei, ob meinen Augen irgendwas Absonderliches auftauchen würde.
Plötzlich sehe ich auf der anderen Seite des Dankert-Platzes die Umrisse von zwei Gestalten.
Die gehen einfach nicht gewöhnlich weiter, wie es jeder tun sollte, der nachts irgendwohin auf dem Weg war, nichts Besonderes im Sinn hatte, außer vielleicht heimzukommen. Die beiden Umrisse verharrten dort, als ob dort eine Grenze wäre.
Abrupt geriet die mannshohe Figur in taumelige Bewegung. Als hätte derjenige ebenfalls bereits das eine oder andere Getränk genossen, irgendwo. Vor kommt der Mann. Einer, ziemlich hochgewachsen, in so einem Trenchcoat.
Nur die Visage, die blieb für mich leider umdunkelt. Obwohl der am halben Quadratmeter vor und zurück am Herumtaumeln war, so sehr hatte ihn die Kontrollosigkeit erwischt.
Er hatte weibliche Begleitung. Schnüffeln hörte ich die, zu mir rüber. Am Vortreten war sie, blieb nichtsdestotrotz ebenfalls im Dunklen, zumindest was ihren Oberkörper anging.
Einen Minirock hatte sie an. Braun, orange, solche Farbe.
Das, was sie in den Händen hielt, waren eine größere Handtasche und ihre hohen Centstück-Schuhe.
Weiter kam mir das Duo einfach nicht ins Licht, daß ich eventuell was von ihren Gesichtern überblicken hätte können. Nur, sehr blond schien sie zu sein. Hellblondes, bauschiges Kopfhaar.
Es war wirklich ärgerlich, daß er dort rumtorkelte, ohne recht vom Ort wegzukommen. Während sie ausschließlich rumstand. Umfinstert blieb.
Dann geschah es, daß die Frau dem Typen am Regenmantelärmel zupfte, ihm mit der Hand und einem Finger einen Wink gab.
Tatsächlich verstand er sie, zogen sich die Minirockträgerin und der im Trenchcoat, der ziemlich auf der Stelle taumelte, nach rückwärts zurück. Statt freiweg voranzugehen und den Platz zu überqueren.
Vollkommen, daß die beiden mit der Dunkelheit um sie her verschmolzen.
Zu hören gab es von dort nicht das geringste. Nicht den Hauch eines Zischens, Flüsterns, Raunens, irgendwas.
Total am Schwitzen war ich. Der Schweiß tropfte mir nur so die Nasenspitze herunter, lief mir salzig über die Lippen. Daß ich mir die Hosen nicht längst vollgemacht hatte, um richtig zu stinken anzufangen, keine Ahnung.
Die Spannung bei mir, unerträglich. Das Herz war mir am Rasen.
Der städtische Lärmpegel geriet mir zuoberst in den Vordergrund.
Autogehupe. Die durchdrehenden Reifen eines zu schnell anfahrenden Fahrzeugs. Eine losschrillende Frau rechter Hand, sehr unmittelbar bei mir. Ein Gegenstand, der blechern wo dagegenflog.
Alles war vergänglich. Wie ich. Wie ich im Grunde ebenso.
Nur fort wollte ich plötzlich vom schrecklichen Ort. Aber - mich auf die Füße hochzustellen, das traute ich mich nicht.
Langsam ließ ich mich, eine Hand an der Mülltonne herab längs tastend, auf den Teerboden herabsinken. Der Länge nach lag ich am Boden. Stückchen für Stückchen fing ich in Zeitlupe zu robben an, mich vom Platz abzuwenden, dem Hauseck zu. Dort am Eck war neuer Gehsteig.
Zwei, drei Minuten brauchte ich auf die Art, um die Hauskante herumzubiegen.
Dort war, außerhalb der Sicht von dem Stadtplatz aus, Straße.
Bedächtig habe ich mich wieder auf die Beine hochgerichtet.
Erst bin ich so leise wie möglich losgeschritten. Dann habe ich zu laufen angefangen. Gerannt bin ich. Gerannt.
Bis ich irgendwo in der Dunkelheit mit Seitenstechen stehenbleiben mußte. Gegen die Wand dort habe ich es plätschern lassen.
Lange, lange bin ich dort gestanden. Dann erst habe ich mich getraut, mein Phone aus der Hosentasche zu holen, die Anzeige aufleuchten zu lassen, auf die Uhr zu sehen. Es war für Minuten nach halb drei Uhr nachts.
Mir reichte es. Wollte für die Nacht nur noch nach Hause auf meine Bude.
Es dauerte aber eine Viertelstunde, bis ich einen Straßennamen wieder kannte, wußte, wo ich mich in der Stadt aufhielt.
Ohne viel weitere Umwege machte ich heimwärts, Richtung Studentenwohnheim.
Aufgesperrt habe ich mir die Wohnheimeingangstüre. Hinter mir ist die Türe ins Schloß geschnappt. Im Aufzug bin ich die Stockwerke hinaufgefahren.
Drinnen in meiner Studentenbude habe ich mich eingesperrt. Zwei Umdrehungen hat der Schlüssel gemacht.
Der Gedanke kreiselte mir im Kopf, ob ich Angelika nicht auf der Stelle anrufen sollte. Angelika das mitteilen, daß bei mir was los war. Daß Leute hinter mir her waren. Komische Leute verfolgten mich.
Und das, daß ich genau wußte, welche Namen ich denen geben mußte.
Einmal Christine - Christine Dombrowski. Dann: Fransen. Der im Trenchcoat, der hieß Fransen mit Namen.
Mein Horror war deswegen nicht geringer, weil das Christine war, nicht Manuela Dombrowski, die von den Schwestern Dombrowski offiziell für tot erklärt war.
Christine Dombrowski, ganz nah war sie mir bereits gekommen. Praktisch nur den städtischen Platz mir gegenüber.
Und Christine Dombrowski, die hatte männliche Begleitung. Einen Mann an ihrer Seite, eine seltsame Erscheinung, die immer einen schäbigen Regenmantel nach amerikanischer Art anhatte. Eher vom Auftreten ein Penner, dieser Fransen, als irgendwas anderes.
Mit Fransen war ich die letzten Wochen seit dem zehnten Juli auch öfters konfrontiert gewesen. Obwohl ich den von früher her von gar nicht kannte. Mit Fransen wußte ich nichts anzufangen. Bewußt war mir so einer nie untergekommen.
Nur - wenn ich Angelika antelefonierte, Angelika aus dem Schlaf aufschreckte, Angelika für mich an ihr Smartie ranging - würde ich Angelika Dinge auseinandersetzen müssen. Mit ihren Fragen, daß Angelika mich sicher löcherte.
Warum sind denn die beiden, Christine Dombrowski und Fransen, hinter dir her? Warum denn? Was wollen die von dir? ... Was - ein Foto? Wirklich, wegen eines Fotos? Ein dummes Foto? Warum gibst du denen den das Foto dann nicht einfach, wenn die nur ein Foto überreicht haben wollen?
Weil ich Angst habe, die tun mir trotzdem was an, die zwei, Christine Dombrowski und jene Type, der Fransen genannt wurde, könnte ich Angelika sagen können.
Wovor mußt du denn Angst haben? Wenn du denen ein blödes Foto gibst, sollte sich das doch erledigt haben - oder nicht? Weshalb fürchtest du dich so vor denen, daß du meinst, dir wird was angetan? ... Du mußt dir doch nicht in die Hose machen wegen denen. Gib denen das Foto, wenn du meinst. Und wenn nicht - so schlimm wird das schon nicht sein, was dann passiert. ... Auch wenn die stalken, irgendwann müssen die wieder woanders hin. Hast du schon daran gedacht, die Polizei anzurufen?
Das hätte ungefähr Angelikas Text sein, hätte Angelika sich am anderen Ende der Leitung gemeldet.
Immer mehr und mehr, daß ich Angelika sagen mußte, das Gespräch mehr auf Manuela Dombrowski und den Wahnsinn mit Manuela Dombrowski bringen. Um Angelika Sachen plausibel zu machen.
Immer seltsamer, daß das bei Angelika rüberkommt, was ich ihr mitteile. Als hätte ich daheim weitergesoffen. Weil ich schon so schön dran war. Deswegen hätte ich sie, Angelika, wecken müssen, aus dem Schlaf reißen. Obwohl ich das wußte, daß sie früh aufstehen mußte. Um halb sieben spätestens.
Das ärgert mich ungeheuer, während ich das hier tippe. Das, daß Angelika mich nicht zu sich in ihre Wohnung hinaufgehen hat lassen.
Der Gedanke beschäftigt mich, daß die Geschichte am nächtlichen Nachhauseweg dann nicht gegeben, Tagebuch. Keine Christine Dombrowski, die mir aufgetaucht wäre, kein Fransen.
Andererseits: Christine Dombrowski, begleitet von diesem Fransen, befand sich jetzt in der Stadt. Praktisch bei jedem Einkaufen-, Ausgehen von mir konnte es deswegen zu einem Vorkommnis kommen. Überall.
Die zwei sind in der Lage, stehen mir wie aus dem Nichts irgendwo gegenüber.
Nun weiß ich offiziell Bescheid, wie nahe mir Christine Dombrowsk und dieser Fransen waren. Jederzeit kann es mir immer und überall geschehen, daß die mich abpaßten.
Blieb am Schluß die Frage, was sich abspielte, nachdem Christine Dombrowski das Foto hatte. Reichte das? Ist das wirklich alles war, was Christine Dombrowski will?
Oder - was soll am Schluß hier werden?
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