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Blog von TeddeMehr

"Das digitale Tagebuch" (08.08. - 17.08.), No. 2

27. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Zwölfter August, Tagebuch-Datei aufgeklickt.

Sonntag am Nachmittag. Uhrzeit: 14:23 Uhr.

 

Jetzt will ich das mal hier kurz festhalten: Angelika, die hat es wieder für mich gegeben. Für eine dreiviertelte Stunde rund.

 

Wie das zuging?

Also, am letzten Mittwoch hatte Angelika mir ja ohne Unterlaß von in der Frühe bis zum späteren Nachmittag hinein eine Kurznachricht nach der anderen geschrieben, mit mir telefoniert. Praktisch über jede Kleinigkeit, die sie als nächstes zu unternehmen gedachte, hat Angelika mit mir am Phone geredet. Oder Angelika hat mir was davon gesimst.

Damit war Ende, als Angelika bei dem besagten Professor, der ihr seine Meinung zu den bereits fertigen Teilen ihres Exposés sagen und ihr eine geistige Stütze sein sollte, wie es mit dem Ding weitergehen könnte, angekommen war. Danach war meine Verbindung zu Angelika wie abgerissen.

Die totale Funkstille bei Angelika. Tagelang.

Nur ich, ich habe Angelika getextet, Angelikas Smartie angeklingelt. Bis sich bei Angelika die mailbox meldete.

Wenigstens, das dachte ich mir schon, war es mir noch gestattet, davon zu wissen, daß die Nummer weiterhin existierte. Angelika hätte die auch locker mit einem Anruf bei ihrem Diensteanbieter ändern können. Wäre Angelika unerreichbar für mich geworden. Solange sich das nicht änderte, bestand demnach immerhin noch die Möglichkeit, daß Angelika sich bei Laune doch wieder irgendwann am anderen Ende der Leitung rührte. Oder Angelika mir ein paar Worte Text zurückschrieb.

 

Angelikas Mund, der beschäftigte sich ... An dem Professor war Angelika mit ihren Lippen zugange.

Die Beine, die machte Angelika weit auseinander, für den Mann mit Professur und Universitätsanstellung.

Diese Gedanken, daß es das sein könnte, was momentan bei Angelika war, ließen mich nicht los.

Jemanden Störendes bei diesen Angelegenheiten konnte Angelika nicht brauchen. Ganz genau drüber Bescheid wissen mußte ich nicht. Deswegen blieb ich außen vor.

 

Nachdem ich mir zuerst bei Mario's eine Pizza gekauft und die in einer halben Stunde gegessen hatte, war ich gestern am frühen Abend ziemlich pünktlich um neunzehn Uhr vor dem Wohnhaus, in dem Angelika ihre Wohnung hatte.

Diesesmal war ich vom Gefühl her fest entschlossen. Wollte die Dinge, die im Moment bei Angelika für mich schlecht liefen, aufklären.

Mehrmals ließ ich es bei Angelika in den Wohnräumen droben klingeln.

Obwohl ich das Gefühl hatte, Angelika könnte oben sein, rührte sich bei Angelika nichts.

Fünf Minuten habe ich gewartet. Dabei hatte ich ständig das Bedürfnis, den langgestreckten Finger auf den Klingelknopf aufzustellen, es bei Angelika klingeln und klingeln zu lassen.

Nur, wäre Angelika schließlich tatsächlich daraufhin zu mir heruntergekommen - was hatte ich am Ende davon? Sicher nichts, das mich bei Angelika von hinten wieder nach vor spülte. Eher, daß meine Unternehmung mich weiter zurückwarf.

 

Zwei Stunden später bin ich noch mal in die Straße, in der Angelika wohnte, abgebogen und diese hinuntergelatscht. Habe mich unentschlossen vor der Haustüre des siebenstöckigen Flachdachgebäudes mit Angelikas Wohnräumen aufgebaut.

Hätte sogar hineingehen können, diesesmal. Die Tür ins Gebäudeinnere stand für jedermann sperrangelweit auf.

Darauf habe ich jedoch verzichtet, mich reinzubegeben. Statt dessen habe lediglich zweimal etwas länger auf den Klingelknopf gedrückt und eine Minute gewartet. Das zweimalige Klingeln habe ich wiederholt.

Weiterhin keinerlei Reaktions Angelikas. Wer immer bei ihr in der Wohnung klingelte, es interessierte Angelika nicht.

Bin ich unverrichteter Dinge weg von dort.

Einfach mal so habe ich zum Fisch-Restaurant gemacht. Mal ins Fisch-Restaurant reinzugehen, mich umzuschauen, wer sich drinnen befand. War niemand Bekanntes im Fisch-Restaurant, konnte ich sofort wieder rausmachen, ohne, daß mich das einen Hunderter oder zwei kostete. War Tatsache, das mit dem Geld, das verknappte sich langsam, aber sicher bei mir. Größere Scheine, flogen die weg, fingen an, weh zu tun.

Betsy und Laila sah ich im Fisch-Restaurant sitzen. Betsy und Laila zusammen mit ein paar Bekannten, die mir ziemlich unbekannt waren.

Hab ich mich bei Betsy dazugesetzt.

Meinen Kummer, daß Angelika sich nicht meldete, wenn ich bei ihr anriefe oder ihr eine Kurznachricht schriebe, habe ich bei Betsy abgeladen. Redete Betsy mir so auf eine Art schief daher, daß sie Angelika auch ein paar Tage nicht mehr gesehen hätte. Vielleicht sollte ich mich mal an die eigene Nase fassen, wenn Angelika sich bei mir nicht mehr meldete.

Gut denn, das wollte ich machen. Habe mich von Betsy und dem Rest verabschiedet. Bin in die New York Bar weiter.

Veronika, Klaus und Anke hab ich in der New York Bar getroffen. Drei Leutchen, denen Angelika mich erst kürzlich vorgestellt hatte.

Schwierig fand ich das, zu den Dreien an den Tresen dazuzutreten. Ohne Angelika fühlte mich bei denen direkt wie einer, der gerade am Straßeneck gebettelt hatte und jetzt mal woanders zum Betteln hingegangen war. Gewissermaßen war das fremdes Terrain.

Das Trio, Veronika, Klaus und Anke, das blieb allerdings gutgelaunt, freundlich, als alle drei ihre Aufmerksamkeit auf mich gerichtet hatten. Auf einen Longdrink Hawaii wurde ich eingeladen. Als Freund Angelikas fragte ich nach Angelika. Sowohl Veronika, Klaus und Anke meinten, sie wüßten das auch gerne, wo Angelika wieder mal abgeblieben wäre. Vielleicht, daß Angelika kurz wo hingeflogen wäre, ein, zwei Tage Malle, Formentera oder so. Machte Angelika gerne, kurzfristig wo hinzufliegen. Nach Lust und Laune. Oder Angelika wäre heim zu ihren Eltern, nach Reno, ihrem Lieblingspferd, zu schauen. Irgendwann wäre Angelika jedoch gewiß in der Stadt zurück - sollte einer Angelika etwas ausrichten, wenn einer Angelika zufällig sähe?

Nein, Angelika mußte niemand extra irgendwas ausrichten, was mich anbetraf. Das war es für mich bei Veronika, Klaus und Anke in der New York Bar, diesem Luxustempel, der einem die Scheinchen nur so absaugen konnte, mußte man selber zahlen. Hinausgelatscht bin ich aus der New York Bar. In die ich bald nicht mehr oft gehen würde können. Beinahe überhaupt nicht mehr.

War draußen bei meiner nächsten Runde Herumspazieren. Eine interessante Frage, die sich mir stellte: Was wünschte ich denn von Angelika? Anscheinend ging zwischen Angelika und mir irgendwas nicht weiter. Und das sollte ich langsam begreifen, daß dem so war.

 

Irgendwie brachten mich meine nächsten Schritte zum Café Lenz. Das schloß um Mitternacht üblicherweise seine Pforten. Als ich für den flüchtigen Überblick ins Café Lenz reinkam, war es halb zwölf rum. Dreiundzwanzig Uhr dreißig.

Im Café Lenz: wie ein elektrischer Schlag, daß es mich erwischte.

In der Mitte des Café Lenz, mitten unter Leuten, von denen ich keinen einzigen kannte, daß ich Angelika an einem der Tische dasitzen sah.

Daß Angelika ausging, sich ins Café Lenz aufmachte, ich hatte davon keine Nachricht gekriegt, obwohl ich den Vibrationsalarm in meiner Hose spüren hätte können.

Andere hatten davon allerdings auch nichts gewußt, als wäre Angelika überhaupt erst kurz unterwegs.

Angelika, wie sie leibte und lebte, als ich ein Weilchen über Angelika drüberblickte.

In einer Teetasse rührte Angelika mal mit dem Löffel. Angelika, fröhlich, unbeschwert. Nach jeder Seite grinste Angelika, gab Antwort.

Mir war, ich sollte nicht am Platz rumstehen, sondern mich umwenden, um den Abflug zu machen.

In der Sekunde, als ich weggehen wollte, hob Angelika ihr Gesicht in meine Richtung. Mich schaute Angelika, wie ich dastand und doof Richtung ihres Rundtisches glotzte.

Von ihrem Stuhl sprang Angelika hoch, eilte auf ihren blaubehosten Beinen auf mich zu. Zu mir hat Angelika gemeint, warum ich nicht zu ihr hinkommen wollte, wenn ich schon da wäre. Zu ihr und den anderen, daß ich mich doch dazusetzen könnte.

Meine beiden Mundwinkel waren tief unten. Weiß bis jetzt nicht, was dagegenstand, Angelika mit den Flächen beider Hände zu schubsen. Angelika grobschlächtig anzufahren, Angelika eine Abfahrt zu verpassen, die sich gewaschen hatte, das hätte gepaßt. Statt aber was Gröberes bei Angelika unterzubringen, lasse ich mich von Angelika am Kunstlederjackenärmel mitziehen, zu dem Café-Lenz-Tisch, an dem Angelika ihr Plätzchen frei hatte. Ich brauchte erst einen eigenen Stuhl, den ich mir besorgen mußte.

 

Als wäre nie zwischendrinnen eine Lücke bei mir und Angelika gewesen, plazierte ich mich an der Seite Angelikas bei Leuten, die alle bloß Angelika kannte und Angelika kannten. Ausschließlich erweiterter Bekanntenkreis Angelikas.

Edle, dicke Uhren allerorten, fette Art Siegelringe bei den Kerlen. Güldene Hals- und Armkettchen an den Weibern. Jeder Ohr, Hals- und Fingerschmuck glitzerte diamanten, Karat XY.

Als Räuber hätte ich dick Beute bei denen machen können.

Darüber informierte Angelika mich, daß das Café Lenz freitags und samtags ab jetzt immer bis um zwei Uhr nachts geöffnet hätte; für den Nachtschwärmer, der schnell ein kleines Käffchen trinken wollte, länger auf, das Café Lenz.

Angelika unterhielt sich echt weiter mit mir, als wäre ich einer bei ihr, demnächst als nächstes bei ihr dran. Und ich grinste in jede Richtung im Tischrund herum, war die Freundlich- und Fröhlichkeit in Person. Wie aufgezogen.

Schenkel an Schenkel hockten Angelika und ich. Ihre Hand hatte Angelika öfter auf der meinen liegen. Keine Rede davon, daß Angelikas Smartie seit Mittwoch am späten Nachmittag für mich tot war. Seit Mittwoch, jenem Tag, an dem ich gedacht hatte, Angelika hätte es bald nötig mit mir.

Alles wirklich total nett, angenehm für mich bei Angelika im Café Lenz, bis eine Viertelstunde nach null Uhr Laila ins Café Lenz hereinkam. Laila, die Helen-Ebru im Schlepptau hatte. Laila mit einem bunten, fröhlichen Kopftuch auf, dem man eine Herkunft ansah, während Helen-Ebrus tiefschwarz war, eher die Marke Religion.

Nicht irgendwo, daß Laila und Helen-Ebru ihre beröckten Hinterteile hinwandern lassen wollten. Sondern am Rundtisch Angelikas mit mir und Angelikas Freunden hatten Laila und Helen-Ebru ihren entschiedenen Aufmarsch. Helen-Ebru, der der Schleier vorm Gesicht fehlte, glotzte so seltsam undefinierbar an mir vorbei, daß ich sofort kein gutes Gefühl hatte. Bei Angelika taten Laila und Helen-Ebru sich links und rechts nebendran, daß ich von Angelika wegrücken mußte.

Ganz eng war die Situation am Tisch. Laila, die blockte mir Angelika weg, dafür befand sich mein Oberschenkel dran an Lailas seitlichem Hinterteil. Pobacke.

Echt, ich hätte es lieber gesehen, Laila und Helen-Ebru hätten sich augenblicklich für das nächste Nachtgebet irgendwohin auf einen ihrer Teppiche verabschiedet. Wie toll quatschte Laila auf Angelika ein, ohne daß ich viel von Lailas Gerede verstand.

Davon kriegte ich knapp was mit, daß Achmed neue Mode aus Istanbul gekriegt hätte. Nicht nur tolle, farbenprächtige Burkas, Kopftücher, hätte Achmed neu, sondern auch hübsche Abendkleider, Kleider, passend auch für die westliche Frau von Welt. Angelika sollte am Sonntag am Nachmittag bei ihr, Laila, vorbeischauen, die Kleider, die sie, Laila, bei Achmed gekauft hatte, bei ihr daheim anschauen.

Darüber laberten Laila und Helen-Ebru zu Angelika, was die verschiedensten Burkas an der moslemischen Frau zu bedeuten hätten. Eine besondere Burka mit goldenem Besatz hätte sie, Laila, die ihr, Angelika, sehr gut stehen würde. Perfekt würde die Burka zu Angelikas Frauentyp passen. Auch vollverschleiert könnte Angelika sich damit sehen lassen.

Blablabla. Blablabla. Laila und Helen-Ebru hatten bei Angelika das Regiment einfach übernommen. Da konnte ich mit nichts mehr bei Angelika rüber- und ankommen. Höchstens mich mit dem Kerl bei mir knapp nebendran unterhalten. Einer, der anscheinend ein ziemlich großes Stück stehen hatte. Keine Ahnung, was der geschluckt hatte, wenn er ihm auf Dauer so stand. Weil die Holde bei ihm seitlich nicht so tolle aussah, noch dazu dick war. Oder war ich es, der ihn, den Brillentypen in der haut wirkenden Nadelstreifenhose, anspitzte? Wäre er gerne mit seiner Größe zu einem Thema für meine Hämorrhoiden geworden?

 

Laila, die quasselte. Dann sagte Laila an, daß Ali, der jüngste Sohn Achmeds, dem Achmed's Mode gehörte, ein Auge auf sie, Laila, geworfen hätte. Richtig anhimmeln würde Ali sie.

Eine große Party gäbe Ali heute. Jetzt, gegen Mitternacht, daß die Party Alis sicher erst richtig losging. Das könnte gut sein, daß Ali für seine Freundinnen, Freunde wieder das Modehaus seines Vaters aufsperrte. Daß Ali eine nächtliche Modenschau veranstaltete. Mit Laufen am Catwalk und allem Drum und Dran. Auch sie drei, Helen-Ebru, Angelika und sie, Laila, könnten sich Kleider aussuchen, in dem Kleidungsstück die Bahn laufen. Da könnte sie, Laila, doch ausnützen, daß Ali gerade gerne näher mit ihr bekannt wäre. Spitz wäre Ali auf seine Laila. Nur Laila, die wollte es Ali nicht leicht machen. Deswegen wäre Laila bis jetzt auch noch nicht auf Alis Party. Könnte sie, Laila, mit Helen-Ebru und Angelika, wenn Helen-Ebru und Angelika die Lust hätten, zu Ali mitzukommen, jetzt aber endlich machen, bei Ali zu Hause vorbeizuschauen. Wenn Ali wegen ihr, Laila, an der Tür erschien, könnte später Vater Achmeds Mode, für sie drei, Laila, Helen-Ebru und Angelika, geöffnet sein. Meistens ginge das bei Ali, machte Ali Modeschau, die Nachtstunden bis um halb sechs durch. Mit Getränken, Kleinigkeiten zu essen. Um sechs kämen die vom Putzdienst. Wäre das keine Idee, jetzt zu Ali loszumachen, fragte Laila nochmals bei Angelika an. Vielleicht bekäme jede von ihnen dreien, Laila, Helen-Ebru und Angelika, von Ali sogar ein Kleid aus Vati Achmeds Kleiderreservoir geschenkt. Echte Istanbuler Spitzenware. Schick.

Helen-Ebru war vom Einfall Lailas total begeistert, als hätte sie keine Gebete zu sprechen. Oder könnte es bei Ali jederzeit. Auch Angelika nickte mit dem Kopf. Damit war es entschieden. Angelikas Verabschiedungsworte an alle anwesenden Personen Leute im Rund des Tisches. Zusammen mit Laila, Helen-Ebru erhob Angelika sich auf die Füße.

Bedröppelt habe ich Angelika hinterherguckt. Laila und Helen-Ebru, die es eilig hatten, waren schon Richtung Ausgang aus dem Café Lenz hinaus, da wandte Angelika sich an der Glastür um, als hätte Angelika was vergessen. Zum Rundtisch kehrte Angelika zurück. Bei mir stellte Angelika sich auf, beugte sich zu mir herab, raunte mir ins Ohr, daß sie mir morgen eine Nachricht schreiben würde. Ich hätte doch noch dieselbe Nummer? Ich bestätigte das mit Kopfnicken; natürlich hatte ich noch die gleiche, keine andere. Im nächsten Moment war Angelika fort, auf der Reise, beeilte sich, Laila und Helen-Ebru hinterherzukommen, Laila und Helen-Ebru, die lange aus dem Café Lenz draußen waren, unterwegs zu Ali, Achmeds Sohn.

 

Das war es, mein Wiedersehen mit Angelika.

Laila und Helen-Ebru mußten draußen auf Angelika gewartet haben. Sonst wäre Angelika wahrscheinlich in das Café Lenz zurückgekommen.

Wenn ich mir die Sache genau überlege, Tagebuch, haben Laila und Helen-Ebru mir letzte Nacht die Tour bei Angelika vermasselt. Auf eine Kurznachricht Angelikas warte ich nämlich bis in diese Sekunde.

Vielleicht sollte ich Angelika einen neuen Text schicken. Nur - was hatte ich am Schluß da davon, wenn Angelika nicht zurückschreibt? Solange Angelika nichts schreibt, bin ich ausgestorben.

 

*

 

 

Dreizehnter August, die Tagebuch-Datei offen.

Montag am Nachmittag. Uhrzeit: 14:28 Uhr.

 

Kann nicht sagen, daß ich mich wohl fühle in der Haut fühle ...

Warum?

Habe Christine Dombrowski gestern, bevor ich aufgebrochen bin, mir bei Mario's eine Pizza zu kaufen, eine Kurzmitteilung geschrieben.

Ist eine Tatsache: Am früheren gestrigen Abend nach achtzehn Uhr habe ich die Worte an Christine Dombrowski erst für eine Viertelstunde aufgesetzt und dann abgeschickt.

 

Woher ich die Nummer Christine Dombrowskis überhaupt habe, höre ich Deine Frage, Tagebuch.

Da kann es doch wohl nur eine Antwort geben: Mutti Dombrowski. Natürlich von Mutti Dombrowski.

Mutti Dombrowski hat mich gestern gegen dreiviertel fünf am Spätnachmittag angerufen. Wie Mutti Dombrowski es mit mir vereinbart hatte, daß sie das für mich machen würde, sobald sie, Mutti Dombrowski, was Neues von Christine, ihrer einzig noch lebenden Tochter, wüßte.

Mutti Dombrowski ruft mich also an, teilt mir mit, daß Töchterlein Christine eine neue Mobilfunknummer hat. Die Zahlen gibt Mutti Dombrowski mir durch, und ich schreibe mit.

Jetzt könnte ich mich jederzeit telefonisch mit Christine über Manuela unterhalten oder ein Treffen mit Christine ausmachen, wenn ich mit Christine über Manuela sprechen möchte, meinte Mutti Dombrowski zu mir. Einige Abschiedsworte drauf hatte Mutti Dombrowski aufgelegt.

 

Folgenden kleinen Text habe ich Christine Dombrowski geschrieben:

Hallo, Christine, Bernd hier. Wir kennen uns, Du und ich. Du erinnerst Dich doch sicher noch an mich, Bernd. Vor zehn Jahren waren Manuela und ich zusammen. Waren ein Paar. Du kennst mich doch jetzt sicher, weißt, wer ich bin. Was sagst Du: Wie geht's Manuela denn gerade so? Geht's Manuela gut?

 

Nach dem Absenden dieser kleinen Zeilen ist es mir zehn Minuten überhaupt nicht gut gegangen. Einigermaßen schlecht.

Gereut hat es mich wie verrückt, daß ich das so schicken habe müssen. Diese Textzeilen. Richtig beschimpft habe ich mich deswegen. Vor allem die Fragen am Schluß, diese Andeutungen, die hätte ich gerne weggelassen.

Nur - die Nachricht war versandt. Es gab nichts mehr rückgängig zu machen.

Alles in allem hatte ich einfach kein gutes Gefühl, daß ich nicht noch ein, zwei Tage gewartet habe, ehe ich Christine etwas rübertextete. Vielleicht hätte ich morgen, übermorgen den Zettel mit Christines Mobilfunknummer sogar verbrannt, den Rest für immer vergessen.

Aber - was sollte ich jetzt unternehmen? Es war versandt, samt dem Müll.

 

Begonnen hat der richtige Spaß heute in der Früh.

Der erste anonyme Anruf, der erreichte mich gegen halb acht in der Früh. Aus dem Schlaf gerissen hat mich die Melodie. Dachte, es wäre Angelika.

Die zwei nächsten Anrufe ohne Nummernanzeige habe ich verpaßt, weil ich am Klo und unter der Dusche war.

Beim dritten bin ich drangekommen, habe mich gemeldet, Bernd hier. Ein paar Sekündchen - war aufgelegt. Von der andern Seite war kein Ton zu erlauschen.

 

Alle zwanzig Minuten, halbe Stunde um den Dreh rum kriegte ich einen Anruf.

Ging ich ran, wurde schnell aufgelegt.

Ab dreiviertel elf Uhr rum wurde es nervig. Alle zehn Minuten, daß ich die Musik nun spielen hörte.

Entschied ich mich, neugierig ranzugehen - nichts als bedrohliche Stille.

Oder deutlich vernehmbares regelmäßiges Atmen. Hörte sich irgendwie nicht an wie das von einem Menschen. Sondern hatte so was bedrohlich Animalisches. Ein Vieh.

Um dreiviertel eins rum, als ich die Musik stoppte, weil ich annahm, fühlte ich plötzlich beinahe körperlich eine Drohung. Da konnte was für mich gefährlich werden.

Beim nächstenmal war es, als befände diejenige - schließlich mußte es Christine Dombrowskis mobiles Gerät sein, eine andere Idee hatte ich nicht -, sich irgendwo unter drunter. Vielleicht in einem Tunnel. Oder irgendso einem unterirdischen Gemäuer. Ich meinte entferntes elektronisches Musikgewummer zu vernehmen. Synthetischen Klang.

Dann dachte ich daran, das könnten am heutigen Montag auch ganz profane Bauarbeiten gewesen sein, die Musikalität entwickelten. Ähnliches habe ich letztens gehört - alles andere als unter der Erde -, als ich am Unigelände drinnen im großen Gebäude vor einem Aufzug herumgestanden war. Stockwerke höher waren Maurer, Installateure mit Innenumbaumaßnahmen zugange.

Das gegen halb zwei fand ich bedrohlicher als alles zuvor. ... dreizehn Uhr neunundzwanzig, Gleis drei ..., habe ich eine weibliche Ansagerstimme wie am Bahnhof verstanden. Der Anrufer - Christine Dombrowski, oder nicht? - war demnach auf der Reise, wollte mich das haarscharf wissen lassen.

 

Selber schuld, kann ich da nur zu mir sagen, mein Tagebuch. Hätte ich auf die doofe Kurzmitteilung gestern verzichten können, gäbe es heute seit in der Früh auch keine Daueranrufe bei mir mit immer obskurerem Zeugs. Daß es mir eiskalt den Rücken hinunterläuft.

Andererseits, Tagebuch, wenn nicht durch meine dumme SMS, Christine hätte meine mobile Nummer auch anders kriegen können. Nämlich, weil Mutti Dombrowski sie Christine gegeben hat. Meine von mir persönlich auf ein Zettelchen hingekritzelte Phone-Nummer, die sollte Mutti Dombrowski bei Gelegenheit, wenn Mutti Dombrowski sich daran erinnerte, an Christine weiterreichen. Entweder persönlich oder als Durchsage am Telefon.

Den Auftrag, den hatte ich bei Mutti Dombrowski bis heute nicht abbestellt. Es hätte also durchaus schon früher die vergangenen Tage was bei mir sein können, ohne daß ich sogleich überblickt hätte, was denn los wäre.

In der Hinsicht ist das sogar besser jetzt.

Muß damit leben, kann das anscheinend nur schlecht. Wegen Christine Dombrowksi mache ich mir tatsächlich in die Windeln. Hosen voll.

 

Der nächste Anruf war eben, fünfzehn Uhr dreizehn ...

Die Krächzstimme hörte sich mehr männlich als weiblich an: 'Ma-nu-ä-la-foh-toh ... Ma-nu-ä-la-foh-toh ...'

Die Verbindung hab ich schnell getrennt.

Was war denn das für eine Ansage? Was will denn irgendein Kerl von mir?

 

He, Angelika hat mir gesimst, daß Angelika mich heute abend gegen zweiundzwanzig Uhr gerne in der New York Bar treffen würde. Statt mich darüber zu freuen, denke ich plötzlich daran, ob es nicht besser wäre, Angelika abzusagen.

Wegen Christine Dombrowski. Die außerdem gewissermaßen männlichen Begleitschutz haben könnte.

In mir, die unbestimmte Idee, Christine Dombrowski könnte spätestens heute abend hier in der Stadt unterwegs sein. Um mein Studentenwohnheim, in dem ich die Bude habe, könnte Christine Dombrowski herumschleichen. Sieht mich Christine Dombrowski zufällig, wie ich fortgehe, Richtung New York Bar mache ...

Christine Dombrowski, die Spaß daran hat, mir hinterherzumachen. Zusammen mit ihrem Begleiter.

Plötzlich stehen Christine Dombrowski und der Unbekannte bei Christine Dombrowski Angelika und mir in einer dunklen Gasse gegenüber. Nachdem Angelika und ich zu zweit aus der New York Bar herausgekommen sind. Auf dem Nachhauseweg zu Angelika sind wir ...

 

Schon die Frage - bin ich ganz hilflos?

Könnte ich nicht in der Lage sein, Christine Dombrowski umzunieten? Oder Christine Dombrowski und den, der bei Christine Dombrowski mit dabei war?

Jedem, der mich und Angelika angreift, könnte ich einen Schlag verpassen. Gut genug treffen. Daß welche am Boden unten landen. Nicht ich.

Christine Dombrowski, die ist hier wirklich doch noch eine aus Fleisch und Blut. Eine, die lebt. Oder nicht?

Von Christine Dombrowski hat mir weder ihre Mutti noch sonstwer was gesagt, daß sie unter der Erde liegt - wie Christine Dombrowksi jüngere Schwester Manuela.

Manuela Dombrowski ist hier die Tote. Die, die ihr Grab am Friedhof sicher hat. Daß Christine Dombrowski eine Tote wäre, nicht die Rede.

Deshalb ... Kommt Christine Dombrowski mir dumm, erwische ich sie einigermaßen mit einer sauberen Hand. Oder mit einer Handkante am Kehlkopf. Dann ... Dann könnte es schnell mit größeren Anliegen Christine Dombrowskis vorbei sein. Ebenso das von Christine Dombrowskis männlichem Begleiter. Dem kann das auch geschehen, hat der die Situation unterschätzt.

Das heißt, wenn Christine Dombrowski denn einen an der Seite stehen hat. Ganz sicher ist das nicht.

 

Ich meine, ich kenne die Stellen, wo ich hinschlagen muß, einen Kontrahenten außer Gefecht zu setzen.

Da könnte Christine Dombrowski gut die sein, die mir zu Füßen herumliegt. Mit dem, der bei ihr rum ist.

Kommt die Polizei, weil Angelika die herbeitelefoniert hat ...

Apropos, dieses Thema. Wachmänner, müssen die erscheinen ...

Soweit ich Bescheid weiß, ist Christine Dombrowski keine, die viel Kontakt zu Behörden sucht. Nicht angenehm für Christine Dombrowski, wenn sie zu sehr in den Mittelpunkt unmittelbarer polizeibehördlicher Aufmerksamkeit gerät.

Könnte die Möglichkeit sein, daß ausgerechnet sie, Christine Dombrowski, im Moment wieder mal irgendwo zur Fahndung ausgeschrieben ist. Daß die von der Behörde ihrer gerne habhaft würden. Wegen den verschiedensten Delikten. Wie etwa Prostitution, Drogenkonsum und -handel, Diebstahl. So was. Was weiß ich ...

Erscheint Polizei bei Christine Dombrowski, wird ihrer quasi habhaft und hat was gegen sie vorzubringen - das könnte bedeuten, daß bei Christine Dombrowski Wochen, Monate Haft anstünden. Zum Beispiel, weil das mit einer Bewährung sich erledigt hätte.

 

Das ist durchaus im Bereich der Möglichkeit, bei Christine Dombrowski. Daß ich der sein könnte, der für eine neue Inhaftierung von ihr sorgen könnte.

Also, Christine - was geht?

 

*

 

 

Vierzehnter August, die Tagebuch-Datei aufgeklickt.

Dienstag am Nachmittag. Uhrzeit: 14:16 Uhr.

 

Angelika hat das gestern abgesagt, daß sie mich um zweiundzwanzig Uhr in der New York Bar sehen möchte. Grund: Sie muß auch mal was für ihr Studium tun. Auch wenn Semesterferien sind.

 

Anzutreffen war Angelika tatsächlich von zweiundzwanzig Uhr bis zwei Uhr nachts nirgends, wo Angelika sich üblicherweise gerne mit Freunden, Bekannten trifft.

Dreimal machte ich die Runde. Das Café Lenz, die New York Bar, das Fisch-Restaurant ließ ich nie außer. Orte mit der höchsten Wahrscheinlichkeit, Angelika anzutreffen, ging Angelika aus.

Und ich habe mich länger gegenüber von Angelikas Wohngebäude herumgetrieben, starrte hoch. Eins war Tatsache: Wenn bei Angelika oben in der Wohnung Licht brannte, mußte Angelika daheim sein.

 

Muß sagen, am gestrigen Abend, während der Nacht hatte ich meine Ruhe vor Christine Dombrowski. Das mit den Anrufen, die von Christine Dombrowski sein müßten, das hörte gegen halb sieben abends auf meinem Phone abrupt auf. Vielleicht, das dachte ich, weil ich nicht mehr dranging.

Erst heute um halb neun Uhr vormittags ging es wieder los. Im gleichen Viertelstunde- bis Zwanzig-Minuten-Takt.

Stimmt. Jede Viertelstunde bis zwanzig, zweiundzwanzig Minuten spätestens.

Wäre da nicht Angelika, würde ich auch auf einen Anruf, eine Kurznachricht Angelika warten, hätte ich mein mobiles Gerät zu einhundert Prozent auf lautlos geschaltet. So ...

So aber schaue ich jedesmal auf die Anzeige, höre ich den Ton einer Melodie. Ich gehe sogar genervt dran, hörche auf das, was es von der andere Seite zu erlauschen gibt.

Gegen halb zwölf war die besagte Person, die ich für Christine Dombrowski halte, wieder auf einem Bahnhof. Die Hintergrundsgeräusche hörten sich jedenfalls ganz danach an.

Verstehe die Durchsage des Bahnhofssprechers ganz klar und deutlich. Der Ort, der genannt wird, ist unmißverständlich. Auf Gleis vier fährt der Zug in einer Minute hierher ab. Zu mir in die große Stadt. In meine Universitätsstadt.

Meine ich laut vernehmbar in die Sprechermembran meines Phones, ob der Spaß ihr, Christine Dombrowski, nicht langsam langweilig werde. Stundenlang immer das gleiche machen, mich anklingeln. Das müßte einem doch irgendwann selber auf den Keks gehen.

Höre ich unvermittelt was leise krächzig am anderen Ende der Leitung, Silben, die sich wieder wie Man-nuh-äh-lah-foh-toh-hoh-län anhören.

Der Flüsternde klang mir sehr männlich. Als wäre es der Mann an Christine Dombrowskis Seite, der sich bei der Tour bei mir mit Christine Dombrowski für mich eingewechselt hatte.

Sage ich laut und deutlich ungefähr solche Sätze: 'Ich spreche nur mit Christine. Mit niemandem sonst. Hast du kapiert? Wenn Christine mir was zu besprechen hat, muß Christine sich mal hier melden. Daß ich sie auch verstehe.' Nach dieser Ansage habe ich den Anrufer weggedrückt.

 

Ich weiß ja nicht, Tagebuch. So kühl, wie diese Worte droben klangen - so war ich nicht. Die Knie haben mir geschlottert, unter meinem Körpergewicht nachgegeben. Ein Weilchen bin ich am Fußboden unten rumgelegen. Hergeschüttelt hat es mich, nichts für eine Heldengeschichte. Der totale Horror, der mich im Griff hatte.

Hier, in Dir, mein Tagebuch, darf ich das ja so schreiben, wie es war. Muß nicht unbedingt was beschönigen. Es hat mich ganz schön erwischt gehabt, irgendwie. Das hat gedauert, bis ich wieder hochkommen konnte.

Um es in Dir, liebes Tagebuch, auf den Punkt zu bringen: Überschaue ich die Szenerie richtig, darf ich die nächsten Stunden wirklich rechnen, daß sich Christine Dombrowski mit ihrem Begleiter, hier in der Stadtgegend rumtreibt. Um nach mir Ausschau zu halten, mich zu finden.

Es steht als Tatsache fest: Ich habe Christine Dombrowski am Hals. Christine Dombrowski liegt wegen mir bald wirklich auf der Lauer. Christine Dombrowski, die jemanden bei sich hat.

Die Situation wird ernst.

 

Weiter ruft Christine Dombrowski mich alle Viertelstunde, zwanzig Minuten an. Macht mir damit Terror.

Und - warum das Ganze? Wem verdanke ich das eigentlich, daß dem jetzt so ist?

Natürlich - Manuela, Christines jünger Schwester!

Manuela Dombrowski. Irgendwann vor Urzeiten, vor zehn Jahren, meine Freundin, Geliebte.

Vollkommen ausgestorben gewesen, in meinem Leben, Manuela Dombrowski.

An einem heißen Sommernachmittag im Juli dieses Jahres - das genaue Datum war der zehnte -, daß ich Manuela Dombrowski treffen habe müssen. Vorm Kino, dem Unteren, tritt Manuela mir in den Weg.

Als könnte Manuela so was ganz einfach mal. Wie jede andere das könnte. Mir in einem schwarzen Sackminikleid, auf bleichen, nackten Beinen den Gehweg verstellen.

Jetzt habe ich vor allem mit Manuela keine Ruhe mehr, obwohl es eigentlich nicht sein dürfte, daß ich vor Manuela heute keine Ruhe habe.

Wenn Manuela Dombrowski doch unter der Erde liegt.

Leute haben Manuela Dombrowski in ihrem Sarg liegen sehen. Der Sargdeckel wurde über Manuela Dombrowski gelegt. Mit Manuela Dombrowski drinnen. Hochgehoben haben Sargträger Manuela Dombrowski Eichenholzsarg, Manuela Dombrowski zu ihrer letzten Ruhestätte am Gnaden-Friedhof getragen. 

Niemand weiß etwas davon, daß Manuela Dombrowski wie eine Zauberin aus ihrem Sarg herausgehüpft wäre, ehe die Erde auf ihren massiven Holzsarg geschüttet wurde. Zeichen hat es aus dem Sarginnern auch keine gegeben. Das heißt, eingegraben wurde Manuela Dombrowski für alle Welt. Für ihre Mutti, ihren Vati. Niemand weiß anderes.

Keine Ahnung also, warum ich Manuela Dombrowski sehe, als wäre sie am Leben. Lebendig.

Für mich, mich persönlich, hat sich bisher dahingehend nicht viel aufgehellt an der Geschichte. Alles ist unübersichtlich, komisch. Komischer als komisch.

 

Schon wieder ein Anruf auf meinem Phone. Ich bin drangegangen. Habe sich miteinander über Kuchenbacken unterhaltende Frauen gehört. Dann hat es sich angehört, als ob eine Untergrundbahn einfährt und quietschend bremst ...

Daraufhin wurde die Verbindung für mich getrennt.

 

*

 

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