"Das digitale Tagebuch" (08.08. - 17.08.), No. 4
Siebzehnter August, Tagebuch-Datei geöffnet.
Freitag am Nachmittag. Uhrzeit: 12:49 Uhr.
Heute vormittag war ich eineinhalb Stunden beim Einkaufen.
War wirklich nicht gerne auf der Straße, im Supermarkt unterwegs. Ständig war ich am Herumgucken.
Ein-, zweimal gaukelten mir meine Augen vor, diejenige, die in meiner Nähe auftauchte, wäre Christine Dombrowski. Dann - beim zweiten Hinschauen - war das dann doch nicht Christine Dombrowski. Ein Glück.
Auch diese Figur namens Fransen hat mir nicht den Gehweg verbaut.
Ohne weiters bin ich mit dem Eingekauften im Rucksack wieder im Wohnheim daheim angekommen. Konnte mich auf meiner Bude einsperren.
Bis jetzt wüßte ich nicht, daß etwas wäre. Solange keiner was von mir will ...
Angelika - sie ist für mich wie ausgestorben. Daß ich mich frage, was schon wieder los sein könnte, bei Angelika.
Auf keine Kurznachricht von mir reagiert Angelika. Rufe ich sie am Smartie an, geht Angelika nicht ran, obwohl sie sehen muß, daß das meine Nummer ist, die anruft.
Hat Angelika wieder was gegen mich? Oder liegt es daran, weil Angelika sich in der vorletzten Nacht zu offen für mich gezeigt hat? Davon muß Angelika sich erholen?
Es war Angelika, von der die Handlungen ausgingen. Angelika, die mich geküßt hat. Ihre Hand hat Angelika auf die meine gelegt.
Kaum umgekehrt. Ist das das Problem heute? Angelika sucht die Distanz.
Schon wieder muß ich mich fragen, was Angelika wieder haben könnte, daß sie sich nicht meldet, wenn ich die Phone-Melodie bei ihr erklingen lasse.
Dieses Heiß-, Kaltspiel Angelikas, es geht auf die Nerven.
Gut, na ja. Möglichkeiten gibt es schon: Gestern bin ich nicht ausgegangen. Da könnte ich etwas versäumt haben. Etwa das, bei Angelika hinterherzusetzen. Eventuell war Angelika aus, und ich habe sie nirgends getroffen, wo ich sie treffen hätte können, sollen.
Dann könnte es ein Fehler gewesen sein, daß ich Angelika heute bereits um halb sieben in der Frühe antelefoniert habe. Drei-, viermal.
Vorgestern nacht, auf dem Nachhauseweg, hat Angelika doch geredet, daß sie um halb sieben früh aufsteht ...
Das war aber vorgestern, stimmt.
In der Kurznachricht am heutigen Morgen habe ich geschrieben, daß ich gerne sofort bei Angelika in der Wohnung vorbeischauen würde. Ich hätte Angelika was Dringendes zu erzählen. Dringend, wichtig. Unbedingt, daß ich das loswerden müßte. Deswegen - ob ich nicht zu ihr, Angelika, kommen könnte?
Ich meine, klar, es bei Angelika musikalisch spielen lassen, einmal die Anrufermelodie, dann die für die Kurznachrichten, das war sehr früher Morgen ...
So vieles hätte ich mit Angelika zu bereden gehabt. Am Smartie. Bei Angelika droben in Angelikas Wohnzimmer. Nach einer Nacht, während der ich kaum ein bißchen was geschlafen hatte.
Hätte ich mich gestern am Abend oder später nachts doch trauen sollen, auszugehen? Schauen, ob ich Angelika wo treffe?
Hätte sein können, daß eine, einer, der aus dem Molto rauskommt, mir bekannt vorkam. Der, die hätte mir das sagen können, ob Angelika drinnen im Molto war oder nicht?
Verflucht, ich bräuchte einen Klubausweis fürs Molto! Nur - woher das Geld nehmen, wenn nicht stehlen?
Mann, Mann!
Nötig hätte ich Angelika - jetzt, genau jetzt im Moment.
Dringend wäre das mit Angelika.
Asyl könnte Angelika mir geben. Für ein paar Tage.
Daß ich bei Angelika oben in der Wohnung wäre, darauf würden Christine Dombrowski und der Penner namens Fransen, der sie begleitet, nicht kommen.
Dann könnte Christine Dombrowski sogar hier in die Wohnheimbude heraufgestöckelt kommen, wäre ich bei Angelika im Haus oben. Und wenn Fransen die Türe einschlägt, wäre ich nicht in der Bude drinnen.
Kann doch nicht die Möglichkeit sein, daß die beiden, Christine Dombrowski und Fransen, ewig hier in der Stadt bleiben. Nur, um mir irgendwo aufzulauern. Wegen eines Fotos mit Manuela drauf, von dem ich sowieso keinem was Genaures sagen kann, weil mir keiner was von meinem Geschwätz abnehmen würde.
Höchstens eingeliefert könnte ich wo werden, reiße ich mit dem Foto, auf dem Manuela Dombrowski rote Haarfarbe hat, den Mund auf. An einem Ort landen, wo einer eine Zwangjacke angezogen bekommen kann, beruhigt er sich nicht. In der Gummizelle.
Dorthin, daß mich das bringen könnte.
Im Augenblick hätte ich es wirklich so was von bitter nötig, ein kleines nettes Wort von Angelika zu hören.
Voll mit den Nerven, daß ich runter bin. Ich zittere, daß die Buchstabentipperei mir schwerfällt.
Gäbe es hier keine Programme, wäre das kein Text.
Christine Dombrowski, sie ist hier in der Stadt. Vielleicht während dieser Sekunde ganz in meiner Nähe.
Wäre ziemlich dumm, daran zu denken, daß sie das nicht ist. Zusammen mit diesem Drecktypen mit dem Namen Fransen.
Vorgestern nacht war Christine Dombrowski mir schon so was von nah. Mit jenem Fransen an ihrer Seite. Daß ich es nicht glauben kann, daß der Kelch der unmittelbaren Begegnung mit Christine Dombrowski an mir vorübergegangen ist.
Beide hätte nur den Dankert-Platz rübermachen müssen. Wahrscheinlich wäre ich von hinter der Mülltonne aufgesprungen, hätte das mit dem Weglaufen ...
Durch welchen Zufall auch immer, Christine Dombrowski und Fransen in meine unmittelbarere Nähe gekommen waren, sie waren beide dort.
Mit Angelika bin ich aus dem Molto raus. Angeheitert waren Angelika und ich auf dem Weg zu Angelika nach Hause. Da müssen Christine Dombrowski und Fransen irgendwo im Dunklen gewesen sein. Daß sie mich mit Angelika gesehen haben, um Angelika und mir hinterherzuspazieren.
Oder war es erst später, als ich alleine auf dem Heimweg zu meiner Wohnheimbude machte, daß Christine Dombrowski und Fransen mir zufällig wo entdeckt haben? Im Licht der Straßenlampe, daß ich ihnen bekannt vorgekommen bin?
Weißt Du, Tagebuch, die Type mit dem Spitznamen Fransen ... Der wie ein stinkender Penner rüberkommt. Ich weiß nicht, daß ich danach viel gefragt hätte, aber verschiedene Begegnungen hatte ich bereits mit dem. In den letzten Wochen seit dem zehnten Juli.
Das erste Mal weiß ich bewußt was von dem, als Beppi mir im Joeys das mit Manuela verklickerte. Das, daß ich Manuela Dombrowski am Nachmittag nur schlecht getroffen haben konnte, wenn Manuela Dombrowski doch tot war. Seit längerem tot, Manuela.
Da war der Schorfige, den Beppi Fransen nannte, bei Beppi und mir mit am Joeys-Tisch.
Unübersichtlich grinsend. Merkwürdig irrlichternd, die Type. Mit diversen schwarzen Zahnstummeln. Schwarze Sauce ist ihm die Mundwinkel heraus das Kinn heruntergelaufen. Hatte er Bier gesoffen, dann noch viel mehr. Wie eine Magensäure, die wegen eines Geschwürs hochkam. Oder es war sogar Blut.
Ekelhaft hat er sich die Lippen hergeleckt, daß ich mal gedacht habe, der meint wohl, ich wäre dem sein nächstes Essen. Das Wasser, das ihm quasi im Mund zusammenläuft, überblickte ich das mit dem Gesichtsausdruck.
Jemand zum Davonrennen. Der, der bei Beppi und mir an dem späteren Abend im Joeys am Tisch dahockte. Keine Ahnung, daß ich den beiden, Beppi und dem Fransen, tatsächlich entkommen und im Auto heimfahren habe können. Vielleicht, weil der Spaß bei Beppi und den Leuten bei mir am Tisch im Joeys einfach zu groß war.
Dann habe ich, konnte ich die Tage drauf mal einschlafen, von Manuela Dombrowski geträumt. Und in diesen Träumen war Fransen bei Manuela mit dabei. Irgendwie. Wie selbstverständlich. Als gehörte dieser Fransen zu Manuela dazu.
Und schließlich dieses eine ganz besondere Erlebnis, das ich mit Fransen hatte.
Es war damals an dem Mittwochnachmittag, als ich mich an der Kurve aufhielt, deren Leitplanke Manuela Dombrowski mit ihrem Geländewagen durchbrochen hatte.
Dort hatte Fransen überraschend einen Auftritt. Daß es nicht fassen ist, was das war mit dem. Hätte schlimmer kommen können, für mich. Wäre da nicht zufällig ein rollendes Steinchen gewesen, vielleicht ...
Erinnere mich gut an alles, wie das da war.
Ursprünglich hatte ich, nach dem Schrecken, der mich unmittelbar am Tabert-Gelände, das ich durch für mich recht begreifliche Umstände nicht betreten konnte, nicht im Sinn, sehr lange an der Unfallkurve Manuela Dombrowskis zu verweilen. Würde sicher ein Blick hinunter genügen, war ich mir sicher. Außerdem: Was sollte dort heute noch sein außer Landschaft, die aussah wie vor dem Unglück? War von Haus aus eine Dummheit, mir die Taxifahrt zu leisten, mich nach Geiersdorf bringen zu lassen.
Für einen Rundblick schaute ich jenseits die Leitplankengegend abwärts.
Umgeackert hatte ein Bauer mit seinem Traktor die Bergwiese größtenteils. Braune, trockene Scharte, die darauf wartete, daß es wieder mal regnete.
So dreißig Meter weiter unten befand sich ein Streifen kürzlich gepflanzter Tannenbaumschößlinge in mehrfacher Reihe im braun-dürren, stoppeligen Wiesengras. Die Bäumchen, wohl dafür gedacht, in ein paar Jahr als höher gewachsene Jungtanne am Weihnachtsmarkt verkauft zu werden.
Den einen dicken Tannenbaumstamm, den Manuela Dombrowski mit dem massiven Geländewagen Hans-Georg Taberts getroffen hatte, machte ich auf der Stelle bei den anderen älteren Baumgestalten aus. In Bodennähe fehlte dem Stamm gut ein Meter hoch seiner Rinde.
Ansonsten jedoch stand der altvordere Baum wie eine Eins. Als hätte ihn überhaupt nicht viel erwischt. Während, im Gegensatz dazu, Manuela Dombrowski in dem Fahrzeug nicht viel von einem Glück gehabt hatte. Zumindest nach den Meldungen, ihr irdisches Dasein betreffend, die von überallher zu mir hingekommen waren. Obwohl ein Notarzt relativ schnell bei ihr eingetroffen war, bei ihr erste Hilfe zu leisten, Feuerwehrmänner sie ruckzuck aus dem Fahrzeuginnern herausgespreizt und -geschnitten hatten, wurde von dem Arzt nur noch Manuela Dombrowskis Tod festgestellt. An dieser Sicht der Dinge änderte sich für die Welt auch nichts mehr. Nicht für Manuela Dombrowskis Eltern oder die regionalen Berichterstattungsmedien, die Manuela Dombrowski Schicksal zum Mittelpunkt hatten. Außerdem: Spätestens nach einer Obduktion mußte jemand tot sein. Und Manuela Dombrowski war obduziert worden.
Das heißt, einzig und alleine ich, der von der Möglichkeit sprechen wollte, daß Manuela Dombrowski vielleicht noch lebt. Wegen eines Erlebnisses mit jemand, der wie Manuela Dombrowski aussah, das ich am zehnten Juli dieses Jahres hatte.
Viele Erklärungsansätze habe ich für die Öffentlichkeit nicht. Davon abgesehen, ich könnte einer sein, der verrückt ist.
Weil, ich muß mich nur an das erinnern, was sich an dem Platz in der Kurve weiter bei und mit mir abspielte. Welche Erscheinungen ich hatte.
Ein gewisser Alkoholpegel, der läßt sich tatsächlich von mir nicht leugnen. Den kann ich nicht von der Hand weisen. Nicht könnte ich solchen Anwürfen widersprechen. Das könnte schließlich doch daran beteiligt gewesen sein, daß sich bei mir bereits oben am Rand von Geiersdorf beim Tabert-Wohngelände Unbegreifliches abspielte.
Und jetzt, dort in der Geiersdorfer Bergstrßenkurve, war das anscheinend bei mir zurück. So ähnlich.
Man beachte, das, wie das mit mir in der Kurvengegend die Geiersdorfer Bergstraße hinauf- und -unter weitergegangen ist, wieder sehr gefährlich ist, möchte ich das meiner menschlichen Umwelt als erlebte Realität auseinandersetzen. Das, daß mir dort in der Kurve die nächsten Unheimlichkeiten passierten, das würde kein normaler, vernünftiger Mensch begreifen können, wollen. Da würden sich welche an die Stirn tippen, hätte ich den Einfall es ihnen freiweg als erlebte Realität berichten.
Hatte das ja schon. In der Schwatzbude. Durch laser04, dem kleinesHäschen beipflichtete. Dieser Text: Ey, Mann, du bist plemplem. Solltest dich einliefern lassen. Hast du da noch nicht dran gedacht? Mußt das doch selber begreifen, daß das das Beste für dich wäre. Ich, ich würd's an deiner Stelle tun, mal zum Psychiater gehen.
Ich müßte Angelika in meine Geschichte einweihen können ...
Wenn ich Angelika das Ding klarmachen könnte ...
Das wäre es, wenn Angelika mich bei sich einziehen ließe ...
Die Wohnheimbude könnte ich bis auf weiteres behalten. Aber ich würde bei Angelika wohnen ...
Alles käme wirklich ganz drauf an, wie lange sich Christine Dombrowski und dieser Fransen hier in der Stadt aufhalten wollten.
Bloß, wie merkte ich das, daß Christine Dombrowski und dieser Fransen nicht mehr in der Stadt waren? Wie könnte ich davon was mitkriegen?
Praktisch können Christine Dombrowski und Fransen sich mir ja auch noch in drei Monaten gegenüberstellen. Oder in einem Jahr ...
Da gab es kein Zeitlimit.
Es ist ... Es ist ...
Weiter im Text, die Geiersdorfer Bergstraße ... An der Abflugskurve Manuela Dombrowskis bin ich gestanden, habe dort herumgeblickt.
Einen Hinweis, daß das mal ein Unglücksort war, gaben Kerzen. Jede Menge Teelichter, weiße, blaue, rote Grabkerzen. Wie Leute sie am Friedhof an, auf, in die Gräber stellten. Mit und ohne Windschutz.
Ein hübscher Haufen Blumen, die ungefähr in der Mitte jenseits der gebogenen Leitplankengegend der Kurve dicht beieinander am bewuchsfreien brauen Erdboden herumstanden, -lagen. Wie ich plötzlich beim Hinabschauen sah.
Zwei ältere Blumensträuße waren auf der anderen Seite auf die Erde gelegt. Sogar ein ganz frischer Strauß. Ich kannte Chrysanthemen, Begonien, blaue Veilchen,Tulpen, Vergißmeinnicht und Primeln.
Weiße Lilien, Sammetblumen, als Einzelstücke die Wiese hinuntergeworfen.
Diese relative Blumen- und Kerzendichte. Das ganz frische Grabblumenallerlei, als Strauß gebunden, dazu. Daß sich mir unmittelbar die Frage aufwarf: Marschierten welche aus dem Tabert-Haus oberhalb regelmäßig an diese Kurvenstelle herunter? Personen, die auch heute noch Trauer trugen?
Tatsache, das Ganze erinnerte mich sehr an eine kleine Pilger- und Andachtsstelle.
Jemand der Tabert-Familie? Hans-Georg Tabert selber, der konnte es jedoch gewiß nicht sein, der von Geiersdorf die kurvige Strecke herabkam. Hans-Georg Tabert, der saß ein, hatte seine Gefängniszelle seit Monaten sicher.
Handelte jemand der Taberts im Auftrag Hans-Georgs? Trauerte Hansi doch seiner Manuela hinterher?
Staubtrockene Erdfläche. Die Leitplanke davor und -hinter. Irgendwie hätte ich es beinahe übersehen. Wie Tomaten auf den Augen.
Daß ich dafür sogar den dritten Blick brauchte ...? Als hätte es oder ich selber nicht gewünscht, das zu sehen zu kriegen.
Paßt allerdings irgendwie zu der späteren Unübersichtlichkeit des Geschehens bei mir. Zu meinen Wahrnehmungen ...
Um das zu beschreiben ...
Fange ich damit an. Zunächst blickte ich dünnen Draht, oben am Leitplankenfuß festgezurrt. Die Drahtschnur fiel locker herab.
Als würde es jetzt erst entstehen, wäre es zuvor überhaupt nicht dagewesen - was allerdings nicht sein konnte -, fiel mein Blick auf eine schwarzglänzende, glatte Plastikfläche, die unten am Plankenfuß dalag.
Danach habe ich mich herabgebückt. Mit zwei Fingern nach der Fläche Plastik gefaßt, sie hochgehoben.
Umgedreht habe ich das Ding. Dadurch präsentierte sich mir ein goldfarbenes Rahmenwerk. Unter der dünnen Klarsichtplastikscheibe befand sich ein Foto.
Die eine Person auf der Fotografie: Manuela Dombrowski.
Natürlich Manuela Dombrowski. Jemand anders hätte das an dem Ort kaum sein können, an Manuela Dombrowskis Abflugkurve in den Tod.
Jene Manuela Dombrowski auf dem ungefähr dreißig Zentimeter langen und zwanzig Zentimeter hohen fotografischen Werk hockte auf dem Tor einer Pferdekoppel mit waagrecht gelegten, breiten Latten.
Breit grinste Manuela Dombrowski dem Fotografierenden und dem Bildbetrachter - mir - eine Runde. Manuela Dombrowski, die ein rotes Männerhemd anhatte, an den Beinen eine sich bauschende Reiterhose. In der Hand hielt Manuela Dombrowski eine schlanke Gummireitgerte.
In Manuela Dombrowskis Rücken war seltsam verwischt irgendwas Großes. Das angesichts des Ortes, an dem Manuela Dombrowski sich aufhielt, ein graues Pferd sein mußte.
Allerdings monstermäßig verzerrt, das Vieh, verhuschte auf dem Foto.
Nun, dieses Moment, das ich hatte. Es war unbegreiflich.
Das gleiche, das mir geschehen war, als ich mich am Grab Manuela Dombrowskis dem metallenen Grabkreuz gegenüber fand. Was mir mitspielte, als ich auf Manuela Dombrowskis Paßfotoabbild unter dem kreisrunden Klarsichtschutz gestarrt habe.
Ich will sagen: Ich glotze da bei der Leitplanke der Geiersdorfer Bergstraßenkurve auf die Bildfläche herab, da verging Manuela Dombrowski am Bild langsam das mit ihrem Grinsen. Manuela Dombrowskis Grinsegesicht schließlich, als wäre es vorher nicht dagewesen. Eine bitterernst Miene, mit der Manuela Dombrowski mir von dem Bildnis her entgegenlinste.
Wahnsinn. Den Kopf habe ich geschüttelt, um die Belämmerung loszuwerden.
Unbestimmt war der Ausdruck von Manuela Dombrowskis Gesicht immer mehr der einer Angenervten. Voll auf den Keks, daß ihr was ging. Als ob sich vor ihren Augen etwas abspielte, was sich nicht abspielen hätte dürfen. In Rage brachte sie das bald.
Kopfschütteln Manuela Dombrowskis. Wirklich, Manuela Dombrowski, sie hat kopfgeschüttelt.
Jedenfalls mußte ich mir die rechte Hand an die linke Brust pressen, Herzhöhe. Wollte umkippen, einen Herzschlag erleiden. Nur, daß mein Herz zwar Sprünge machte, aber nicht aussetzte.
So war ich dran, angesichts dessen, was mich am Ort erwischte.
Eine abrupte wegwerfende Handbewegung Manuela Dombrowskis zu mir hin.
Dachte unwillkürlich, daß Manuela Dombrowski mich meinte. Bloß, außer mir, daß es noch den-, diejenige gab, die fotografierte, die Szene aufnahm. Oder so. Oder was hinter MIR?
Langsam, daß Manuela Dombrowski sich nun daran machte, von dem aus quergelegten Holzlatten gezimmerten Koppeltor herabzusteigen. Ganz lässig.
Das Monster in Manuela Dombrowskis Rücken, das ein Pferd sein konnte oder nicht, bewegte sich ebenfalls. Blieb bei laufender Szene allerdings weiterhin von verwaschener, undefinierbarer Präsenz.
Angesichts all dieser ungeheuerlichen Monströsität wünschte ich mir nichts anderes, als wegzukommen. Das Bildnis wegzuschleudern - und so weit wie möglich vom Ort wegzurennen. Nur - ich konnte das nicht bringen. Ich hielt das Bild, und es blieb in meiner Linken.
Breitbeinig, daß Manuela Dombrowski dastand, die Hände in die Hüften gestemmt. Die Mundwinkel hatte Manuela Dombrowski herabgezogen, als müßte SIE mit der Situation erst zurechtkommen. Dreimal haute Manuela Dombrowski sich mit der Reitgerte arrogant, gereizt gegen den hellgrau behosten Oberschenkel.
Eindeutig für mich: Nicht die allergeringste Freude, die meine Gegenwart, mein Blick auf sie, Manuela Dombrowski, ihr bereitete. Spaß, der war woanders.
Schließlich zuckte Manuela Dombrowski die Schulter, fing an, spöttisch daherzugrinsen. Wie eine, die wußte, daß man ihr nichts konnte.
Die Augen, die Manuela Dombrowski verdrehte. Das fiel Manuela Dombrowski ein, ungeduldig zu mir hinzuwinken. Als würde Manuela Dombrowski ein wenig mehr Eile verlangen. Daß sich endlich ereignete, was sie vorhin forderte.
Mich konnte DIE doch wirklich nicht meinen, oder? Fühlte mich auch nicht richtig angesprochen von Manuela Dombrowskis Gesten.
An dem Fotografierenden - und im Grunde auch an mir - schaute Manuela Dombrowski von mir weg immer wieder fordernd vorbei. Der Blick Manuela Dombrowskis auf etwas in meinem Rücken.
In mir, daß das bösartige Gefühl war, da wäre was, was bei mir hinterrücks wäre. Nur - wie konnte das sein? Manuela Dombrowski war dort, ich an dem Platz hier. Das war für mich immer noch ein gewisser Unterschied, fand ich leichtfertig.
Ein Kieselsteinchen rollte überraschend an mir vorbei, daß ich zusammenzuckte. In einer unwillkürlichen Reaktion folgten meine Augen dem Weg des dahinrollenden kleinen Steins. Dadurch war der Zauber der Landschaft Manuela Dombrowskis zerrissen. Meine reale Welt, in der ich zurück war.
Der Kiesel, wie unbeabsichtigt von einem Schuhe tragenden Fuß gekickt.
Ich schaute einfach an Manuela Dombrowski vorüber, brachte es, das goldgerahmte Bildnis an dem Draht gegen den Leitplankenfuß zu lehnen.
Aus der Hockposition, in der ich mich entdeckte, habe ich mich langsam auf meine Beine hochgerichtet. Um die eigene Achse habe ich mich abrupt gedreht. Dem zu, was sich in meinem Rücken aufhielt. Manifestiert.
*
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Freitag, späterer Nachmittag. Uhrzeit: 16:04 Uhr.
Wurde gegen halb drei Uhr nachmittags vorhin beim Tippen gestört.
Meine Mutti angerufen. Nach drei Wochen ruft mich Mutti hier im Wohnheim das erstemal mal bei mir an. Hat meine Nummer bei sich am Telefon entdeckt.
Als erste fragt Mutti mich, wie es mir ginge. Ob ich etwas bräuchte. Lebensmittel könnte sie, Mutti, mir in einem Freßpaket zu mir heraufschicken.
Sage ich zu Mutti, daß ich das derzeit nicht brauchen würde. Zu essen hätte ich. Wenn das nicht mehr der Fall sein würde, würde ich mich bei ihr, Mutti, melden.
Von den Geschehnissen in meinem alten Elternhaus fängt Mutti an. Was kümmert mich das allerdings, was mein Vater die Tage so treibt, so ohne Arbeit, arbeitslos? Soll der doch machen, was er will. Mußte mich nur erinnern, was sich die letzten Tage, ehe ich am achtundzwanzigsten Juli von daheim abgereist bin, daheim abgespielt hatte, und ich war Vati, das Thema Vati und alles so was von satt. Daß ich am allerliebsten die Verbindung getrennt hätte.
Sage das zu Mutti, daß Vati mich am Arsch lecken konnte. Ganz offen sage ich das zu der. Wie viele Flaschen Bier, Wein, Schnaps Vati heute säuft, bloß weil er moment gerade die Tage keine Arbeitsstelle hat, Zeit totschlagen muß - was bekümmerte mich das groß? So lange war dem seine Arbeitslosigkeit schließlich wirklich noch nicht, daß man das nicht auch noch Urlaub nennen hätte können. Oder? Kaum zu fassen, wenn einer wegen ein paar freien Tagen mehr abdrehte, die bei ihm anstanden. Mein Mitgefühl hatte er jedenfalls nicht. Nicht das bißchen.
Obwohl meine Worte in Richtung Vati wenig an Deutlichkeit zu wünschen übrig ließen, wollte Mutti mir nicht mit Vati aufhören. Aussprechen sollte ich mich mit Vati, Vati anrufen. Sie würde dafür sorgen, daß Vati ranging. Auch mit meinen Schwestern könnte ich mich wieder vertragen. Und Bettinas und Tanja Ehemänner, die hätten überhaupt nichts gegen mich. Wie auch? Ich würde studieren, und hätte wirklich nicht die Schuld, wenn ein Betrieb wie Mauth in die Insolvenz ging, Gläubigerschutz brauchte.
Irgendwie fühle ich mich, als müßte ich brechen.
Wieder kam Mutti mir mit Vati. Frage ich Mutti freiweg, warum Vati nicht einfach seine freie Zeit genießen konnte. Bezahlt kriegte er sie ja auch. Ein paar Monate sogar sehr gut. Wie wäre es, wenn Vati mal ein Buch las? Oder, wenn es schon den Anschluß dafür im Haus gab, daß Vati ins weltweite Netz ging. Dort die Welt unsicher machte. Bringt doch nichts, für etwas jeden Monat zu bezahlen, und das dann nur fürs Fernsehgerät zu nutzen. Videotext gab es auch so schon.
Mann, die Kugel müßte Vati sich nicht geben. So viele interessante Dinge gab es auf der Welt, die einer anstellen konnte, mußte er eine Weile mal nichts stundenlang tagsüber malochen. Auch wenn Vati sich jetzt in seinem Alter wieder in fremden Betrieben vorstellen müßte ...
Weiß überhaupt nicht, was ich Großes angebracht hätte. Plötzlich war Mutti kurzangebunden. Ein paar Momente drauf hat Mutti die Verbindung getrennt. Daß ich ungläubig auf mein Smartie geglotzt habe, aber das mit dem Anruf Mutti war urplötzlich vorüber.
Mann, diese Scheißfurcht. Die macht mich fertig.
Ich bringe es gerade einfach nicht, das Studentenwohnheim zu verlassen. Ins Freie auf die Straße hinauszugehen. Um zu Angelika in die Straße zu machen.
Zu Angelika möchte ich, bleibe drunten dann aber an der Ein- und Ausgangstüre des Wohnheims stehen. Wie gegen die Wand gefahren.
Wahnsinn.
Vor einer Stunde war ich das erste Mal drunten. Heute früh war ich doch beim Einkaufen.
Angelika ... Angelika ...
Verflucht, Angelika ruft mich nicht an. Angelika antwortet mir auf keine Kurznachricht.
Auf nichts, was ich mache, reagiert Angelika.
Da möchte ich jetzt zu Angelika gehen - und kann das nicht.
Statt rauszugehen, treibe ich mich unten in der Vorhalle rum. So seitlich. Daß ich von draußen keinem leicht ins Bild gerate.
Minutenlang treibe ich das. Um wieder zu mir hochzulaufen, schwitzig an der eigenen Budentüre einzutreffen und aufzusperren.
Dreimal habe ich das jetzt schon so gehabt. Immer dasselbe Resultat.
*
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Uhrzeit: 17:53 Uhr.
Fünf Minuten vor halb sechs Uhr war es. 17:25 Uhr auf der Smartie-Anzeige.
Seit einer halben Stunde das dritte Mal, daß ich mich aufgemacht habe, um zur Tür meiner Bude rauszugehen.
Die Knie haben mir, unten angekommen, einigermaßen geschlottert. Trotzdem, ich war entschlossen, nicht wieder kehrtzumachen, sondern mich ins Freie hinauszubegeben. Ich mußte das bringen können, wollte ich zu Angelika.
Das durfte es diesesmal nicht sein.
Was war es denn? Wenn Christine Dombrowski mir blöde kam, konnte ich nicht in der Lage sein, die umzuhauen? Auch Fransen konnte ich zu Boden schicken, wenn es sein mußte? Warum sollte ich mir wegen eines taumelig daherkommenden Kerls die Hosen vollmachen?
Zwei, drei Minuten hatte ich jedoch schon wieder hingezögert. Unmittelbar dran war ich dran, mich umzuwenden, um mich zum Aufzug zu begeben und in der Kabine zurück auf meine Bude hochzufahren. Da sah ich Robbie draußen an der gläsernen Haustür ankommen. Die Türe ins Wohnheim hinein öffnete Robbie für sich.
Für mich war dafür zu spät, Robbie noch schnell zu entkommen.
Robbie, dauernd wie das Abziehbild eines geschniegelten Beamten. In einem stahlgrauen, glänzenden Nadelstreifenanzug befand Robbie sich mir gegenüber. Weißes Hemd mit schwarzer Krawatte. Glänzend gewichste schwarze Schuhe an den Füßen. Einen grauen Filzhut hatte Robbie auf dem blondbehaarten Kopf. Den Hut nahm Robbie mit Dauem und Zeigefinger ab, als Robbie mich vor sich blickte.
Weil ich seinen Gruß mit dem Hut nicht mit einer Regung erwidern wollte, deutete Robbie eine leichte Verbeugung an. Robbie meinte: 'Hallöchen, Bernd!'
In Bewegung brachte ich mich. Hatte nicht den Wunsch, Robbie groß zur Kenntnis zu nehmen, ob der grüße oder nicht. Nur, Robbie ließ mich nicht an sich vorüber, obwohl ich der Meinung war, daß ich Vorfahrt hätte, Robbie voranmachen und die Spur wechseln müßte. Mir gegenüber blieb Robbie aufgebaut.
Ich: 'Was denn, Robbie?'
Robbie: 'Keine besondre Laune heute, Bernd? Nicht besonders gut aufgelegt unterwegs, was?'
Ich: 'Stimmt! Wüßte auch nicht, daß ich in besondrer Stimmung sein müßte.'
Robbie: 'Macht mir nichts, was für eine Laune du hast, Bernd. Hauptsache, man lebt, hat meine Mutti immer zu mir gesagt, wenn Vati geschrien hat. Will nur schnell fragen, Bernd, ob du heute gegen halb acht in den Kochkurs kommst, Bernd ... Kommst du?'
Ich: 'Wa-as ...? Ach, stimmt, der Kochkurs. Der ist heute abend wieder - neunzehn Uhr dreißig, ja?'
Robbie: 'Wir kochen nicht mit einem Pizzabäcker. Anton sagt, er kriegt demnächst für sein Restaurant einen Stern. Wir sollten also viel mehr Leute sein ... Zwölf haben sich bei Anton angemeldet ...'
Ich: 'Gut, ja, der Kochkurs ... Mal sehen, was ich um halb acht mache, Robbie. Vielleicht überleg ich mir das, erscheine heute bei Anton unten in der Kellerküche. Wenn der bald einen Stern kriegt, sollte man wohl ein bißchen was Freude mitbringen, mit ihm zusammen kochen zu wollen.'
Robbie: 'Was denn? Anton sein Kurs ist doch gut für die Wohnheimleute hier. Was ich nicht verstehe, ist, daß zu wenige aus dem Wohnheim, die sich dafür angemeldet haben, kommen. Deshalb frag ich dich ja, Bernd. Du hast doch auch deine Unterschrift druntergesetzt und Anton sein Geld im voraus bezahlt. Versteh dann nicht, warum du die letzten paarmal nicht zum Kochen gekommen bist, Bernd.'
Ich: 'Mensch, Robbie, ich muß mich doch nicht mit dir unterhalten, was ich mache und was nicht. Wenn ich Lust habe, komme ich heute hier zu Anton in den Keller runter. Die nächsten Termine vielleicht auch. Wenn nicht, dann besuche ich eine Freundin, gehe ins Molto ...'
Robbie: 'Versteh einer die Welt. Ich hab Geld für Antons abendlichen Kochkurs bezahlt, du hast Geld für Anton bezahlt. So billig ist das Kochen bei Anton nicht. Aber keiner kommt, will von Anton lernen, wie man besser kocht ... Seid ihr alle Antons Gönner? Mit der dicken Trendy, mit Nadine, der Französin, und Anton stehe ich dienstags und freitags in der großen Küche. Wir drei kochen mit Anton. Anton zeigt uns alles mögliche. Anton ist gut. Mit Anton hat man Spaß. Warum da keiner kommt, obwohl er gezahlt hat ... Sind einhundert Kröten denn nichts für dich, Bernd?'
Ich: 'Was juckt das denn dich, Robbie? Mein Geld, oder? Nadine ist hübsch. Und die dicke Trendy, mit der kann man auch was machen, wenn einer was mit der machen will. Sei doch froh, daß du der Hahn im Korb bist. Ich meine, mit Anton zusammen. Wars das jetzt? Hab gerade nicht so viel Zeit, eigentlich. Muß woandershin. Ich geh dann mal hier raus, ja? Vielleicht sehen wir uns ja heute im Kochkurs bei Anton, Robbie ...'
Am Ärmel meiner Jacke hielt Robbie mich fest, als ich an ihm vorübermachen wollte.
Groß glotzte ich Robbie an, wunderte mich über mich, warum ich nicht raketenstartmäßig abging.
Treuherzig, der Blick Robbies. Robbie: 'Wart noch schnell geschwind, Bernd!'
Ich: 'Was hast du denn noch auf dem Herzen, Robbie? Ich muß noch wo hin. Zu einer Freudin.'
Robbie: 'Freundin - da sind wir beim Thema. Da hat sich anscheinend eine in dich verliebt, Bernd.'
Ich: 'Was, Robbie?'
Robbie: 'Da fragt eine an der Uni rum, Bernd. Eine, mit einem Kerl in einem Trenchcoat dabei. Vor mir hat sie ein Pärchen gefragt, Bernd, denen eine Personenbeschreibung gegeben - hier am Eck oben. Wie es aussieht, bist du der sein, den sie meint ... Das haben zum Beispiel die beiden, die sie gefragt hat, nicht gewußt ...'
Ich reiße die Augen auf. Ich: 'Echt, da fragt eine an der Uni rum? Jetzt fragt die hier rum. Und du denkst, die fragt nach mir?'
Robbie: 'Kennst du deinen Namen, Bernd? Nach dem fragt sie. Hört sich ganz an, als ob die Braut dich kennt. Muß aus deiner Gegend sein. Wo du herkommst ...'
Ich: 'Hm, Robbie!'
Robbie: 'O ja! Hast du bei dir daheim einer schöne Augen gemacht - die dir jetzt hinterhergefahren ist? Die Liebe, Bernd, die Liebe. Die Liebe, die macht vieles möglich. Mir kann es ja eigentlich egal sein. Um mich geht es nicht. Jetzt komme ich hierher zurück, und keiner war du. Dich treffe ich nur. Aber - eine Dreiviertelstunde ist das andere jetzt her, Bernd. Die Blondine ist mir in den Weg getreten. Als sie das Pärchen gefragt hatte, hat sie mich gesehen. Ich wollte nach rechts weiter hoch. Jetzt hatte sie mich am Wickel. Gebauschte blonde Haare, Bernd. Ewig lange Beine. Geschlitzter roter Lederminirock. Echt verschärft, wie die ausgesehen hat. Glaub, am Strich gibts welche, die laufen auch nicht schlechter rum. Dick aufgetragen, der rote Lippenstift, jede Menge Kaja und Schminke. Hat schon ausgesehen, Bernd, als hätte die heute nacht noch einiges vor, mit Kerlen, die bei ihr vorbeikommen. Müßte ich nur dem Preis zustimmen, den sie sagt, wäre ich vielleicht der nächste bei ihr dran.'
Ich: 'Soso, Robbie ...'
Robbie: 'Bernd Reil, doch dein Name, nicht wahr? Nach dir hat die mich gefragt, Bernd. Hast du bei der mal nicht bezahlt, Bernd? Oder, was hast du mit der?'
Ich hatte den Mund offen. Ich: 'Und - was war weiter?'
Robbie: 'Schwer zu sagen. Fand die mit ihren platinblonden Haaren so seltsam. Eine von einem Escort-Service, wenn die mit Begleitschutz wo hinkommt, weiß die doch die Adresse, oder? Die läutet bei dir oben, du läßt sie rein ins Haus. Dann gehts zu dir hoch ... Oder was auch immer.'
Ich: 'An was du nicht denkst, Robbie. Ich würd mir eine kommen lassen, für Geld ...'
Robbie: 'Warum denn nicht, Bernd? Könnte schon sein ... Deine Verlobte hat dich doch verlassen, oder?'
Ich: 'Und - was war nun weiter mit denen?'
Robbie: 'Die mit dem Platinhaar wußte nicht recht, daß du in dem Wohnheim hier wohnst. So angeschaut hat sie mich, ich weiß nicht. Sie und ihr Begleiter, der im Trenchcoat, den sie bei sich hatte, sie sind mir auf den Zeiger gegangen. Habe ich den beiden gesagt, daß ich einen, der so heißt wie du, Bernd, nicht kenne. Aber, im andern Wohnheim, im andern wohnst du vielleicht. Da könnten die beiden vorbeischauen, dort mal fragen. Die Platinblonde war mit dieser Auskunft zufrieden, hat zu dem im Trenchcoat hingenickt, und die beiden sind von mir weg, nachdem ich ihnen beschrieben habe, wie sie zu dem andern Wohnheim kommen. Sind beide erst mal nicht hier rein, haben hier drinnen die Klingelknöpfe nachgeschaut, Bernd, deinen Namen zu entdecken. Könnten aber jederzeit hierher zurückkommen, die zwei Hübschen ... So weit ist das andere Wohnheim nicht hier weg. Weißt du aber selber, Bernd.'
Ich fühlte mich ganz schön wacklig auf meinen Beinen. Ein wenig habe ich auch getorkelt. Ich: 'Dank dir schön, Robbie. Daß du mir das mit den beiden gesagt hast, ist nett. Werd sehen, wenn die mir begegnen, was die von mir wollen. Muß dann jetzt hier weiter. Tschüssie!'
Robbie: 'Die Type sieht gräßlich aus, Bernd. Eine dicke Sonnenbrille hatte er auf ... Hast du irgendwie Ärger an der Backe? Hast du mal Geschäfte gemacht, mit den verkehrten Leuten ...? Ich mein, Geld braucht doch jeder ...'
Ich: 'Glaub nicht, Robbie, daß du dich drum Sorgen machen mußt. Hab auch nichts gemacht, was ... Halt dann mal Ausschau, ob ich die unterwegs sehe. Dann weiß ich besser drüber Bescheid, wer die sind. Nichts für ungut, jetzt, Robbie. Bis denne! Heute dann bald vielleicht - halb acht, der Kochkurs mit Anton. Könnte ich schon runterkommen, bin ich bis dahin wieder daheim. Wenn die, zu der ich jetzt will, mich nicht zu sich rauf einlädt, werd ich mir das überlegen ...'
Robbie: 'He, sind wirklich komische Leutchen, die zwei. Die, die da was von dir wollen, Bernd. Die Platinblonde, die war schon am Weggehen, ist ihr Freund noch mir gegenüber geblieben, hat unter seiner Sonnenbrille zu mir hergestarrt. So ein alter, schäbiger Regenmantel. Fleckiges Gewand. Würd dem nirgends hintrauen. Und einen Duft hab ich von dem abgekriegt, Mann, Mann. Wie totes Vieh. Schon klasse, daß ich das von ihm gerochen hab, wenn sie, die mit dem platinblonden Haar, gerochen hat, als hätte sie eine ganze Flasche Parfüm über sich verschüttet. Muß man sich wirklich keine Sorgen um dich machen, Bernd?'
Ich: 'Nein, Robbie.'
Robbie: 'Gut denn, Bernd. Wenn du das sagst, wirds stimmen. Von mir wollen die auch nichts. Bis denne! Vielleicht beim Kochkurs mit Anton, ja? Halb acht gehts mit Anton in der Küche los. Würd mich doch freuen, wenn wir bei Anton ein paar mehr wären ...'
Ich: 'Könnt gut sein, daß ich runterkomme, Robbie. Erst schaue ich aber mal jetzt woanders hin, ja?'
Schulterzuckend hat Robbie sich von mir abgewandt, ist zum Aufzug geschritten. Gleichzeitig habe ich zur Haustür hinausgemacht, bin jedoch am Gehsteig draußen abrupt stehengeblieben, wie gegen eine unsichtbare Mauer gelaufen.
Beim Rumstehen habe ich bis dreißig gezählt und panisch ständig nach allen Seiten herumgestarrt. Das Herz hat mir gerast.
Dann: am Absatz kehrtgemacht. Durch die Ein- und Ausgangstüre des Wohnheims bin ins Gebäude zurück. Dort zur Haustreppe. Die Stiegen bin ich hoch.
Das mit meinen Schließmuskeln hinten und vorne - da war nichts zurückzuhalten. Sogar selber konnte ich den Gestank riechen. In meiner Bude mußte ich mich ausziehen und unter die Dusche. Danach mir frische Kleidungsstücke suchen. Außerdem mußte ich meine Räumlichkeit parfümieren.
Die Kleidungstücke, die ich zuvor angehabt hatte, habe ich in eine blaue Tüte gestopft. Meine Unterhose, die Jeans, das XXL-T-Shirt. Nur die Jacke und das Hemd, das wollte ich weiter behalten. Das Hemd war in der Waschmaschine demnächst zu waschen, und die Jacke, da habe ich mal Parfüm draufgesprayt.
Christine Dombrowski und dieser Fransen - unmittelbar in meiner Nähen, daß sie bereits angekommen waren. Weit hatten die beiden nicht mehr. Ganz offiziell wurde mir das durch Robbie bekanntgemacht.
Zwei Leutchen, Christine Dombrowski und Fransen, die was von mir wollten. Zumindest ein Foto, das ich rüberreichen sollte. Den Rest, um den es sich noch drehte, den mußte ich sehen.
Praktisch kann ich jetzt erwarten, daß Christine Dombrowski mich mit Fransen zusammen zu jeder Zeit abpaßt, wenn ich aus dem Wohnheim hinausmache. Es könnte sogar möglich sein, daß Christine Dombrowski und ihr Begleiter bei mir hier oben klingeln. Daß ich reagieren muß.
Christine Dombrowski, platinblond gefärbtes Bauschehaar, hergerichtet wie eine Nutte. Was auch stimmte. Soviel ich wußte, bestritt Christine Dombrowski damit ihren Lebensunterhalt, Freier zu erwarten, die ihr Geldscheine hinreichten.
Während Fransen wirklich der Schäbige des Paares war. Der Penner. Von dem etwas ausging, das Robbie wie Todesgeruch ankam.
Nach Tod röche der im Trenchcoat, meinte Robbie, Robbie, der Peiler.
Wo soll ich hin?
Angelika meldet sich nicht für mich. Das Miststück antwortet nicht auf keine Kurznachricht von mir.
Wo immer Angelika heute am Freitag hingeht, wenn sie zum Ausgehen irgendwohin aufbricht, mich möchte sie nicht zu einem fest ausgemachten Zeitpunkt treffen.
Eine Wut habe ich. Auf Angelika. Auf die Welt. In der MIR Dinge erscheinen, die sonst keinem erscheinen ...
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