"Das digitale Tagebuch" (16.05. - 13.06.), No. 2
Sechsundzwanzigster Juni, foxy.jpg. ist offen.
Mittwoch am frühen Abend. 18:26 Uhr.
Ich kann das fast nicht glauben. Es gibt das hier noch bei mir am Läppie oben.
foxy.jpg. konnt ich finden, aufklicken.
Ich hab dabei zusehen dürfen, wie die rattenscharfe Blondine, voll die Monde, die Beine weit auseinandergemacht und die Hüften angehoben hat.
Dachte, wenn ich mein Läppie jetzt anmache, ist foxy.jpg. sicher droben runtergelöscht. Von Angelika mir vom Läppie gelöscht.
Kann mich nämlich beim besten Willen nicht daran erinnern, daß ich meinen letzten Eintrag in foxy.jpg. abgespeichert und foxy.jpg. anschließend geschlossen hätte.
Muß ich aber tatsächlich noch gemacht haben ... Ehe ...
Einhundert Prozent: Angelika hätte mir foxy.jpg. weggetan. Heute - siebzehnter Juni am früheren Abend - hätte ich kein foxy.jpg. mehr.
Hätte ich das sichtbar stehen lassen, hätte Angelika was von foxy.jpg. mitbekommen, hätte Angelika mir foxy.jpg. gelöscht.
Oder Angelika hätte mein ganzes Läppie samt foxy.jpg. an Frau Doktor Hella weitergereicht. Die, nachdem sie sich ein Kopie verfertigt hätte, hätte alles an die Ärzteschaft im Meinhardt-Sanatorium weitergegeben.
Statt dessen hat Angelika anscheinend immer noch nicht die leiseste Ahnung, was foxy.jpg. ist.
Wahrscheinlich das Glück, daß ich vor foxy.jpg. eine nackte, heiße Braut gesetzt habe. Voll geil, das Weib.
Bis das echte foxy.jpg. aufgeht, muß sich eine interessierte Person, hat sie keine Ideen darüberhinaus, zweieinhalb Minütchen ungefähr gedulden. Der langbeinigen Schönheit mit den vollen Brüsten zwischen den Laken am Bett beim Beinebreitmachen und ihren Übungen zuschauen.
Dem Betrachter schaukelt sich die langhaarige Blondine entgegen, möchte ihn umarmen. Endlich soll er herbeikommen. Um mit ihr ...
Macht man das nicht, wird das oberscharfe Luder nicht zufällig fürs Abkürzen angeklickt, öffnet sich foxy.jpg. einfach nicht augenblicklich mit dem letzten Eintrag.
Bleibt für den Betrachter von foxy.jpg. nichts als die Erinnerung an eine Sexszene, die ich auf meinem Läppie oben habe. Weil ich anscheinend doch so ein Finger bin, der es nötig hatte, sich so was draufzutun.
Was soll es? Soll das weiter droben bleiben bei IHM am Läppie. Wenn er das gern hatte.
Jetzt weiß man aber über die Tatsache Bescheid, daß ER sich solcherart Sachen drauflädt ...
Die sind alle jetzt für eine Stunde zu Betsy gefahren. Irgendwie habe ich den Grund dafür nicht recht mitgekriegt. Geht aber um Schmuck ...
Angelika hat zu mir gemeint, daß sie mich sicher eine dreiviertelte Stunde alleine lassen könnte. Oder kann sie das nicht? Kann sie doch, oder? Oder sollte ich im Taxi mitfahren?
Habe ich Angelika gegenüber den Kopf geschüttelt.
Jetzt bin ich alleine in der Wohnung Angelikas zurückgeblieben. Paßt also, wenn dich Leute nicht recht ausstehen können.
Wie geht die Geschichte?
Vor über einer Stunde waren Betsy und Laila, Immo-Manni, der Kerl an Betsys Seite, und Ali, der Bruder, dem Laila den Vorzug gibt, bei Angelika in den Wohnräumen eingetroffen.
Ich habe den Leuten, die alle Angelika besuchen kamen, nach kurzem Blick durchs Guckloch die Wohnungstür aufgemacht.
Überrascht waren Betsy und Laila vielleicht, mich zu sehen. Laila hat die Glubscher wirklich hübsch weit aufgerissen, daß ich Laila, der Hübschen, breit ins Gesicht gegrinst habe.
Es war, als hätte Angelika es vergessen, das ihren Freundinnen Betsy und Laila nicht angekündigt, daß ich ab Montag wieder bei ihr, Angelika, Teil der Wohnungseinrichtung sein könnte.
Oder waren Betsy und Laila überrascht, daß ich bei Angelika frei in den Räumen herumlaufen durfte?
Tja, ist nicht, daß ich, kommen zufällig beste Freundinnen Angelikas mit ihren Beglückern, von Angelika Handschellen angelegt kriege und in meinem Kämmerchen weggesperrt bin.
Tut mir echt leid für Betsy und Laila. Ebenso für Immo-Manni und Ali.
Bei Lailas reichem Ex- und Import-Papi Mustafa und Freund Ali, Achmeds Sohn, Laila hat sich heute nachmittag neuen Schmuck gekauft.
Stark mittelalterlich orientalisch angehaucht, das wertvolle Geschmeide.
Nichts mehr mit den im Grunde ungläubigen abstrakt eckigen oder kantigen Formen, die länger bei Laila Mode waren. Eher Schmuckgestein, passend zu Lailas neuem Betfimmel, von dem Angelika mir die letzten Tage einiges mitgeteilt hat. Laila, viel mit Helen-Ebru in den Moscheen unterwegs und am Beten. Laila und Helen-Ebru außerdem ständig mit dem Wunsch, jeden dorthin mitnehmen zu wollen, der nicht bei drei auf den Bäumen oben war.
Mehrere Male war Angelika die vergangenen Wochen in einer Moschee.
Keine Ahnung, daß Laila heute unverschleiert und mit einem tieferen Ausschnitt an ihrem Shirt außer Haus gegangen ist ...? Richtige Brüste bei Laila, auf die man glotzen kann.
Vielleicht waren Schleier und Kopftuch oder Burca und Ganzkörperverhüllung Laila beim Schmuckkauf hinderlich. Oder Laila erholte sich kurz vom tiefer Religiösem, war sexy drauf.
Vielleicht wegen Ali. Weil Ali, ohnehin einer mit vielen Möglichkeiten beim weiblichen Geschlecht, mal wieder vermehrter nach anderen guckte. Für Blondinen zum Beispiel, sagte Angelika mir, hatte Ali eine echte Vorliebe. Welche in Miniröcken konnten geradezu lebensgefährlich sein. Da konnte Ali nach der Seite hin zu glotzen anfangen, total vergessen, daß Laila nicht weit war.
Andererseits, der Schmuck, den Laila für sich eingekauft hatte, in meinen Augen wirkte der altmodisch genug. Daß Laila wegen ihm wohl kaum die Vertreibung aus dem Paradies fürchten mußte. Weiter würde sie die Kerle bedienen dürfen.
Aus einer Stahltruhe mit Goldornamenten in Schuhschachtelgröße hatte Laila die Schmuckschatullen herausgeholt. Zu Angelika hat Laila gemeint, Angelika könnte die Ohrringe und Halsbänder dann ruhig mal herausnehmen, anlegen, sich die Ringe auf die Finger draufstecken. Um sich im Spiegel damit zu betrachten, zu sehen, was dieser Schmuck aus ihr, Angelika, für einen Typ machte.
Hat Angelika denn auch gemacht.
Sollte mal schnellstens den nächsten Handtaschenräuber und Dieb verständigen, mit der Nachricht, daß Laila Wertsachen im Wert von dreihundertundzwanzig Riesen in ihrem Goldstichhandtäschchen und einer Metallkiste überall mit sich durch die Gegend schleppt.
Damit möchte Laila schließlich mit Angelika, Betsy, Immo-Manni und Ali, dem Laila-Begleiter, aus Betsys Wohnung zu Angelika in die Stadtwohnung zurückkommen. Betsy, die würde ebenfalls verschiedenste Schmuckstücker aus ihrem Besitz mitbringen.
Wäre alles bestens für einen erfolgreichen Überfall.
Auch mit vorgehaltener Waffe.
Es müßte nur jemand wissen, daß Laila und Betsy Teile aus ihrem Gold- und Geschmeideschatz durch die Gegend transportierten ...
Aufwand und Entschädigung könnten sich lohnen. Das heißt, mußte auf einen, eine geschossen werden, wäre das trotzdem ausreichend Bargeld, das man in Aussicht gehabt hätte, daß es im Gefängnis Trost wäre, hätte man Pech gehabt und wäre von der Polizei aufgegriffen worden.
Meine, schon für weitaus weniger lohnenswerte Ziele wurden Menschen übel verletzt oder umgebracht.
Endlich, erstmals für den heutigen und die letzten Tage seit Montag, darf ich einsam und verlassen wo sein. Bin mal mir selber überlassen.
Nach über einem Monat Meinhardt-Sanatorium habe ich mein eigenes Läppie eingeschaltet. Das Teil, das funktioniert sogar einwandfrei. Hatte bei den Geschehnissen im Mai nichts abbekommen.
Stimmt schon: über ein Monat Meinhardt-Sanatorium. Lange Tage Meinhardt-Sanatorium, die ich jetzt hinter mir habe. Bis auf weiteres küßt mich die Freiheit.
Eigentlich war ich seit meinem letzten Eintrag in foxy.jpg. beinahe jeden Tag in einer psychiatrischen Einrichtung.
Ehe für mich die Reise ins Meinhardt-Sanatorium ging, war ich unten in meiner alten Heimat - der Ort, wo meine Eltern wohnen - in einem Bezirksklinikum.
In dem bloß Mutti mich während den üblichen Besuchszeiten aufgesucht hat.
Bis die Formalitäten erledigt waren, die zwischen dem Bezirksklinikum und dem Meinhardt-Sanatorium, hat Mutti mich besucht. Ehe das Meinhardt-Sanatorium übernahm, das auf die Veranlassung Angelikas hin das Bezirksklinikum kontaktierte. Zeitnah fiel die Entscheidung, in das Meinhardt-Sanatorium wurde ich verbracht.
Am vierten Tag meinem Aufenthalts in dem Bezirksklinikum - an einem Dienstag im Mai - hat der Meinhardt-Sanatorium-Transporter mich früh morgens abgeholt. Mit mir an Bord hat sich der Transporter aus dem Meinhardt-Sanatorium auf die stundenlange Fahrt ins Meinhardt-Sanatorium gemacht.
Telefonisch hatte Angelika es meiner Mutti auseinandergesetzt, daß ich im Meinhardt-Sanatorium, in dem die Psychologen, Neurologen schon lange mit meinem Fall vertraut waren und an das Angelika bei meiner Anwesenheit Geld überweisen würde, am besten aufgehoben wäre. Wegen nicht müßte meine Mutti sich Sorgen machen, täglich würde Angelika, die ohnehin meine ehrenamtliche Betreuerin war, mich im Meinhardt-Sanatorium besuchen kommen.Natürlich würde sie, meine Mutti, von ihr, Angelika, über jeden meiner Fortschritte im Meinhardt-Sanatorium auf dem laufenden gehalten.
Seit meinem letzten foxy.jpg.-Eintrag einmal eine kleine Runde Bezirksklinikum, dann zurück im Parcours des Meinhardt-Sanatoriums.
Wie das aber geschehen konnte, wie ich dort überall hingeraten bin - alles berechtigte Fragen.
Die Geschichte, total foxy.jpg.-tauglich. Für foxy.jpg. von großem Interesse.
Was ist geschehen, daß staatliche Psychiatrie sich für eine paar Tage um mich kümmerte? Bis ich ins Meinhardt-Sanatorium zurückkehrte.
An viel zu vieles erinnere ich mich nur ungenau.
Das erste in dem Zusammenhang ist, daß ich mich wahrnehme, während ich von einer grünen Wiese auf eine geteerte Straße hintaumele.
Als ich auf der Teerstraße oben bin, herumtorkele, fährt in dem Moment ein Auto vorüber. Das mich, auf den vier Rädern und mit der breiten Karosserie an der Hüfte streift.
Freitag am Morgen, siebzehnter Mai. Uhrzeit: um dreiviertel neun rum.
Die Frau, die mich mit ihrem Fahrzeug erwischt hatte, war die Geiersdorfer Bergstraße hinab auf der schnellen Fahrt, ihre vierzehnjährige bockige Tochter, die schulfrei feiern hatte wollen, ins Geschwister-Scholl-Gymnasium zu fahren.
Das Geschweister-Scholl-Gymnasium, das kenne ich gut. Auf dem Geschwister-Scholl-Gymnasium war ich auch Schüler. Dort habe ich vor elf Jahren mein Abitur gemacht.
An mein Krankenhausbett ist die Autofahrerin und Mutti am späteren Nachmittag während der Besuchszeit gekommen. Hat sich, ein Papiertaschentücher knüllend, nach meinem Befinden erkundigt. Sich richtig aufgeführt hat sich die Frau, als könnte sie was dafür, wenn ich in meinem Tran unkontrolliert auf die Straße getorkelt komme und von ihrem Fahrzeug etwas abbekomme.
Hätte sie nicht mit ihrer Vierzehnjährigen herumgestritten, hätte sie der Straße sicher mehr Aufmerksamkeit geschenkt, sülzte die Frau mir atemlos. Vielleicht hätte sie mich sonst früher gesehen, daß ich daherwanke.
Spreche ich von meinem Liegeplatz am Krankenbett her zu ihr, da wäre vielleicht was dran. Vielleicht hätte sie hinterm Lenkrad doch besser auf die Straße und die Umgebung achtgegeben. Würde ich nicht im Krankenbett liegen, müßte man sich nicht miteinander unterhalten.
Habe mich vorhin vor meinem geistigen Auge wieder länger dort auf der Geiersdorfer Bergstraße am Teer daliegen gesehen ...
Wäre ich in der Lage gewesen, aufzuspringen, das wäre es gewesen. Nur zu gerne wäre ich der flennenden Frau und dem Jungmädchen, das bestürzt und doch auch neugierig auf mich herunterstierte, entkommen. Den beiden, die sich gemeinsam über mich beugten.
Nur, es war in dem Sinne nichts los bei mir. Die Arme zu spüren, mich abzustützen und hochzukommen, war nicht.
Panik war bei der Älteren, der Mami, und die Jüngere, ihre Tochter, die wirkte zwar auseinandergesetzt. . Gleichzeitig aber war sie auch neugierig, erwartungsfroh. Wäre ich vor Ort abgekratzt, hätte sich Süße auch an meinem Ableben ihren Spaß gehabt.
War tatsächlich nicht ganz bewegungslos. Auf den Bauch konnte ich mich umdrehen. Das reichte allerdings nicht für irgendeine Art von Flucht. Von dort fortzukommen, damit war nichts.
Innerhalb von zehn Minuten waren das Sanitätsfahrzeug, der Notarztwagen und die von der Polizei gleichzeitig an der Unglücksstelle eingetroffen.
Die Fahrzeughalterin redete schrill und deutete fahrig auf mich, die Person am Straßenrand, die von helfenden Händen umgedreht worden war. Die Damen und Herren vom Rettungswesen und von der Polizeischicht waren bei und über mir. Fragen wurden mir gestellt, die ich nicht beantworten konnte; nur das Glotzen, das brachte ich. In die Augen wurde mir mit einer kleinen Stablampe geleuchtet. Spritzen wurden mir gesetzt. An einen Tropf hängte man mich an.
Auf eine Trage hob man mich, legte mir vorsichtig die Gurte an. Meinen Leib, vom dem ich mitkriegte, daß nicht die Faser eines Kleides ihn verhüllte, deckten die Helfer mit einer Art leichten silbernen Plane ab.
Die Frage der Polizistin, wer ich denn sei, wo ich meine Kleidung gelassen hätte, die konnte, wollte ich nicht beantworten. Hörte mich ohnehin nur lallen. Obwohl ich eigentlich alles wußte, die Daten einwandfrei und problemlos preisgeben hätte können. Wußte ja Bescheid über meinen Namen und wo ich her war; das hatte ich trotz meines Tranbefindens alles andere als vergessen. Wo ich mich befand, davon hatte ich überhaupt keinen Schimmer. Bis ich was hörte, daß einer Geiersdorf in ein Mikrofon sagte.
Im Krankenhaus haben sie erst mal alles dafür getan, daß mir meine Dauererektion wegging. Mir dafür zweimal unterschiedliche Mittel gespritzt. Das zweite wirkte, konnte ich wieder abschlaffen, um normal Wasser zu lassen. Damit war das mit meinen Unterleibsbeschwerden relativ bald wieder bei mir vorbei.
Der Drogenschnelltest ist bei mir für den Arzt, der ihn an mir durchführte, überraschenderweise negativ verlaufen. Nur eine erhöhte Virendichte hatte ich im Blutkreislauf, teilte mir Angelika Tage später im Meinhardt-Sanatorium, weil die Ergebnisse der Laboruntersuchungen drunten an das Meinhardt-Sanatorium oben weitergegeben wurden. Jenes Virus, das einem Borreliose-Bakterium entstammen konnte. Aber Ähnlichkeiten zum Tollwut-Virus aufwies. Seltsames Genmaterial, das in mir zu entdecken war.
Kaum schlimme Hautabschürfungen, blaue Flecke und mittelschwere Prellungen hatte, weil mich der Wagen gestreift hatte. Jedoch nicht weiter schlimm. Das mit den Stellen am Hals, aus denen ich herausgeblutet hatte, war auch nicht der Rede wert; die Blutung im Kehlkopfbereich bei mir war noch vom Notarzt noch an Ort und Stelle an der Geiersdorfer Bergstraße gestillt worden.
Daß ich aus dem Kreiskrankenhaus rasch in das örtliche Bezirksklinikum weiterverschifft wurde, lag an der Geschichte, die ich auf der Wiederholungsschiene von mir gab. Nicht das geringste dachte ich mir dabei, sie immer wieder und jedem gegenüber von mir zu geben. Obwohl ich kein Fieber, keine Gehirnhautentzündung, überhaupt nichts einer Krankheit hatte, vollkommen nüchtern war.
Was ich ständig in Sätzen absonderte, war folgendes: Daß ich von der Wiese an die Geiersdorfer Bergstaße getaumelt wäre, keine Ahnung hätte ich, wie das zuging. Hunderte von Kilometern wäre ich vor einigen Momenten noch weggewesen. Bei Angelika in der Wohnung auf meinem Zimmer. Ich wüßte nicht, wie das zugegangen wäre. Warum das funktioniert hätte. Jedenfalls wäre ich in meinem Zimmer in Angelikas Wohnung auf meinen Bürodrehstuhl gestiegen. Das wüßte ich alles noch. Herab hätte ich mich am Stuhl gebeugt, über ein handflächengroßes Foto, das ich auf dem Schreibtisch rechts von meinem Läppie liegen hatte. Durchgegangen wäre ich. Mit dem Kopf voran in die Bildfläche eingetaucht wie ein Taucher die Wasseroberfläche. Nur ohne Feuchtigkeit. Schließlich hätte ich mit dem ganzen Körper hinabfallen lassen.
Dort, wo ich daraufhin ankam, bin ich einen grasbewachsenen Abhang auf eine Blümchenwiese hinabgerollt. Auf der Wiese hätten Manuela und Christine, die beiden Schwestern Dombrowski, mich in Empfang genommen, mir auf die Füße geholfen.
Gefreut hätten sich Manuela und Christine über meine Ankunft. Mich in die Mitte genommen. In ihren Minifaltenröckchen und weißen Hemdchen für die Nabelfreiheit hätten Manuela und Christine gelacht, wären um mich herumgetanzt.
Alles nichts als die Wahrheit. Mit den beiden Schwestern Dombrowski wäre ich zusammen auf der Wiese gewesen. Obwohl die eine Schwester Dombrowski - Manuela mit Namen - seit über einem Jahr nicht mehr lebt.
Zu dritt hätten Manuela, Christine und ich getanzt.
Bis ...
Bis das Schöne schlagartig aufhörte. Nett war ab da niemand mehr, auch nicht die Dombrowski-Schwestern. Weil ich den angesehen hatte, der bei Manuela und Christine Dombrowski auch noch mit dabei war. Den mit der Fotokamera. Nur als einen schwarzen Umriß hätte ich den im Gedächtnis. Ab da hatte sich die Welt verändert, als ich den wahrnahm. Gestoßen wurde ich von Christine, angeschrien. Ausgelacht. Dann wüßte ich nicht mehr, was mir weiter geschah. Beim besten Willen könnte ich mich an nichts weiteres erinnern.
Meine Mutti war anwesend, als ich aus dem Krankenhauszimmer hinausgeführt wurde. Von Pflegepersonal aus dem Bezirksklinikum, denen zwei Ärzte hinterherschritten, wurde ich aus meinem Zimmer hinausbegleitet. Zum großen Lastenaufzug geführt, in diesem ins Erdgeschoß verfrachtet. Zu einem Bezirkskliniktransporter wurde ich geleitet. Hinten mußte ich einsteigen, während ich Mutti blickte, der einer der Weißkittelärzte den Glasflügel der doppelten Ein- und Ausgangstüre aufhielt.
Ins örtliche Bezirksklinikum, über dessen Besuchszeiten man Mutti unterrichtet hatte, daß mich das Transportfahrzeug brachte.
Was war bei Angelika in Angelikas Wohnung während jener Freitagnacht?
Gegen halb drei Uhr am Morgen kam Angelika aus ihrem Arbeitszimmer. Zuerst war Angelika in der Küche. Dann kam Angelika auf die Idee, nach mir in meinem Zimmer zu schauen. Ob ich noch wach war. Als Angelika mich nicht bei mir in der Zimmereinrichtung finden konnte, guckte Angelika ins Schlafzimmer, ob ich mich dort zum Schlafen ins Doppelbett gelegt hätte. Hatte ich mich jedoch nicht. An die Wohnungstüre hat Angelika sich begeben, gesehen, daß daß keine vorgehängte Kette gelöst war, sich folglich keiner die Tür aufgesperrt hatte. Das fand Angelika nun seltsam. In jeden Raum ihrer Wohnung schaute Angelika, machte drinnen das Licht an.
Das begriff Angelika nicht, wo ich abgeblieben wäre, hinverschwunden sein könnte. Hätte ich durch die Tür die Wohnung verlassen, hätte ich sicherlich drinnen nicht die Ketten wieder vorgehängt. Sämtliche Fenster von Angelikas Wohnlichkeit waren zugeklappt, die Rolläden allesamt bis zum Anschlag herabgelassen. Durch ein offenes Fenster war ich demnach auch nicht hinausverschwunden, um eventuell an der Hausfassade Kletterübungen zu veranstalten.
Bis heute übersteigt das Angelikas Horizont, wie ich das angestellt habe, bei ihr aus den Wohnräumlichkeiten hinauszukommen. Bereits mehrmals hat Angelika mich darauf angesprochen. Gerne würde Angelika das Zauberkunststück von mir erfahren. Den Trick, den ich auf der Pfanne hätte, den könnte ich ihr doch sagen, preisgeben. Statt immer nur zu erzählen, was ich bereits überall im Krankenhaus in meiner alten Heimat Mutti, den Ärzten und Schwestern dort, den Leuten des Bezirksklinikums und dem Personal im Meinhardt-Sanatorium gegenüber zum Besten gegeben habe. Irgendwann sollte ich bei ihr, Angelika, eine andere Platte auflegen; schließlich müßte ich reisen, um von A nach B zu gelangen.
Eine Stunde, nachdem Angelika mein Verschwinden aus ihrer Wohnung bemerkt hatte, hat Angelika die Polizei angerufen. Die Polizisten haben Angelika beruhigt, daß ich mich ohne Bargeld, Scheckkarte sicher bald wieder bei ihr in der Wohnung einfinden müßte. Bestimmt wäre ich nicht durch die Wände hindurchgeschritten, Wahrscheinlich wäre ich auf einem nächtlichen Spaziergang. Erst wenn jemand drei Tage verschwunden bliebe, würden sie von der Polizeibehörde beginnen, sich intensiver um das Verschwinden von jemandem zu kümmern. Bis dahin jedoch müßte Angelika ruhig bleiben und abwarten.
Drei Tage dauerte das allerdings für Angelika überhaupt nicht, bis Angelika erfuhr, wo ich abgeblieben war. Das passierte Angelika bereits am Nachmittag tags drauf.
So!
Schluß mit dem Gesülze, Butter bei die Fische.
Will den Spaß hier mit den mir bekannten Daten, Tatsachen mal haarscharf fixieren.
Noch mal alles auf Anfang gestellt. Halten wir es fest: Es war der sechzehnte Mai. Ein Freitag.
Heute über einen Monat her.
An jenem Freitag, dem sechzehnten Mai, bin ich zur Mitternachtsstunde noch bis nach ein Uhr nachts oder ein Uhr in der Frühe mit Angelika zusammen in Angelikas Wohnung in Angelikas Küche gesessen. Unterhalten und gestritten haben wir uns, Angelika und ich. Angelika hatte mir gedroht, sich bis morgen im Laufe des Freitags entschieden zu haben, wie das mit uns und unserem Zusammenleben weitergehen sollte. Ob ich bei ihr wohnen bleiben dürfte oder nicht. Ziemlich böse war Angelika mir. Obwohl ich das Angelika sagte, daß ich ihr nicht fremdgegangen war.
Mein letzter Eintrag in foxy.jpg., nachdem ich und Angelika die Küchenwelt verlassen hatten, ich in meine Zimmer zurückgekehrt war, eröffnet mit genauer Uhrzeit: 01:02 Uhr. Danach habe ich noch ein geraumes Weilchen in foxy.jpg. getextet, bin bei Angelika das eine oder andere Mal in den Wohnräumlichkeiten herumgelaufen. Schließlich kam es bei mir dazu, daß mir auf dem einen Foto die Szene mit Manuela und Christine Dombrowski auf der Blümchenwiese zu Leben erwacht war. Laufende Bilder kriegte ich zu sehen. Als würde ich auf einen Monitor starren.
Erinnere mich, daß es bei einem Blick auf die Leiste mal ein paar Minuten nach zwei Uhr nachts war.
Die Stimmen Manuela und Christine Dombrowskis habe ich irgendwann gehört. Von der Wiese drunten auf der Bildfläche haben Manuela und Christine Dombrowski Dinge zu mir heraufgerufen. Am Schluß sollte ich irgendwas unternehmen, zu ihnen beiden, Manuela und Christine Dombrowski, auf die Blumenwiese hinabzukommen.
Hin und her habe ich überlegt, was ich deswegen anstellen könnte. Gerne wollte ich Manuela und Christine Dombrowski den Wunsch erfüllen. Dann hatte ich einen Einfall: Wenn alles ganz einfach war. Von nicht zu überbietender Einfachheit. Meinen Kopf könnte ich auf das Wiesenfoto aufsetzen. Dafür wollte ich auf meinen Drehstuhl steigen, weil ich mich nicht mehr getraut habe, das Foto, auf dem sich Manuela und Christine Dombrowski wie bei einer Direktübertragung via Satellit in Echtzeit bewegten und auf mich reagierten, anzufassen.
Daß ich diese Idee hatte, das weiß ich.
Was aber später in Angelikas Wohnung drinnen in meinem Zimmer los war, davon fehlt meinem Erinnerungsvermögen restlos alles. Nur, das darf ich festhalten: Ich war geistesgegenwärtig genug, den foxy.jpg.-Eintrag zu speichern. Danach muß ich foxy.jpg. außerdem geschlossen haben.
Angelika fiel irgendwann auf, als Angelika bei sich aufsperrte, weil bei ihr im Arbeitszimmer Stromausfall war, daß ich nicht mehr bei ihr in der Wohnung war. Nach mir rief Angelika in jener Freitagnacht, sechzehnter Mai, gegen halb drei Uhr. Wo immer Angelika jedoch mit ihrer Taschenlampe hinleuchtete, ich war nicht da. In Angelikas Wohnräumen war nirgends die kleinste Spur zu entdecken.
Für eine halbe Stunde war im ganzen Wohngebäude der Strom aufgefallen.
Das nächste ist: Freitag, der sechzehnte Mai. Es ist am Morgen. Die Geiersdorfer Bergstraße.
Dreiviertel neun Uhr.
Eine Frau fährt in ihrem Auto die Geiersdorfer Bergstraße herab, ihre Tochter, vierzehn Jahre, in die Schule zu fahren.
Ich befinde mich dort, an einem Ort, überhaupt nicht weit von Geiersdorf. Man stelle sich vor. Mich streift die Autofahrerin in der Kurve beim Vorbeifahren mit ihren Fahrzeug, weil ich von der Wiese her kommend auf die Straße getaumelt war.
Das heißt, bei mir hat es einen Ortswechsel gegeben. Irgendwie war ich an einer Örtlichkeit in der Nähe von Geiersdorf eingetroffen. Und zwar nicht im Geiste, sondern in der Realität.
Aber wie? Ein Problem für mich. Aber auch für die ermittelnde Behörde.
Wenn ich um zwei Uhr herum noch in meiner Universitätsstadt in Angelikas Wohnung anwesend war - wie komme ich nach Geiersdorf auf die Bergwiese? Um gegen dreiviertel neun Uhr vormittags gegen von Geiersdorf herabkurvendes Auto überfahren zu werden.
Bei keiner Autovermietung hatte ich wegen eines Leihautos angerufen, informierte die Polizei Angelika. Kein Taxifahrer konnte ermittelt werden, der mich Hunderte von Kilometern nach Geiersdorf gefahren hätte. Mitten in der Nacht, ab zwei Uhr, war das mit den Zugverbindungen ziemlich schlecht für mich. Beinahe unmöglich für mich, vor neun Uhr auf der Geiersdorfer Wiese anzukommen. Reise ich auf der Schiene, steige in den Halb-vier-Schnellzug ein, bin ich eigentlich um neun Uhr herum immer noch im Zug erst in der Nähe meines Zielbahnhofs. Und dann mußte ich vom Bahnhof aus noch Richtung Geiersdorf gelangen. Was ebenfalls Zeit kostete.
Nahe jener Bergwiese, von der ich herkam, um gegen ein Auto zu torkeln, den Anhang hinauf, beginnt Bewaldung. Dort wurde nach einer Suche durch Polizeibeamte meine blaue Jogging- und meine Unterhose, mein Shirt und mein Paar Turnschuhe hinter Gebüsch gefunden.
Sonst jedoch nichts. Nirgendwo in einer Hosentasche ein Geldbeutel samt Scheckkarte, Ausweis, das. Außerdem befanden sich diese ganzen Sachen noch bei Angelika in Angelikas Wohnung. Angelika zeigte die Sachen den interessierten Polizisten, die zu ihr in die Wohnung gekommen waren.
Ganz davon abgesehen, daß es auf meinem Bankkonto keine einzige Abbuchung gegeben hatte. Nicht mal eine Barabhebung. Angelika präsentierte auf der Polizei ihre Kontoauszüge, zeigte, daß mit keiner ihrer Scheckkarten am Donnerstag, dem fünfzehnte Mai, Geld von einem ihrer Konten abgehoben wurde, das mit meinem Vorhaben in Verbindung gebracht werden hätte können, daß ich eine Reise antreten hätte wollen.
Höchstens, daß ich ein Auto gestohlen haben konnte.
War jedoch kein abgestelltes Fahrzeug in Geiersdorf oder in den Nachbarorten auffällig geworden, das von mir gelenkt worden sein könnte.
Blieb die Möglichkeit, daß ich per Anhalter unterwegs war. Wenn ich dabei Glück gehabt hätte, einen Fahrzeughalter mit direktem Bleifuß zu erwischen, der Richtung Geiersdorf hinunter unterwegs war, hätte ich vielleicht gegen dreiviertel neun am Freitagvormittag nahe von Geiersdorf nackt von der Bergwiese torken können.
Fazit: Unter bestimmten Voraussetzungen hätte es knapp für mich möglich sein können, in einem Fahrzeug kurz vor nun Uhr in der Umgebung von Geiersdorf anzukommen.
Das, was dann des weiteren Fragen aufwarf: Was ist mit mir da nahe bei Geiersdorf passiert, daß ich einen Schock erleide, des größten Teils meiner Erinnerung verlustig gehe? Warum entledige ich mich meiner Kleidung, ausgerechnet Schlafanzughose, Hemd, Pantoffeln? Wer oder was hatte mich angegriffen, mir die Bißwunde über dem Kehlkopf zugefügt? Schließlich hatte ich dort aus dem Hals geblutet?
Der Blutverlust durch den Biß könnte unter anderem ebenfalls in einem bestimmten Maße für meine Demenz mitverantwortlich sein.
Da dahinter zu kommen, das war ein Problem für die in meiner Sache ermittelnde Polizeibehörde.
Aber mir, mir ist das ohnehin klar, wie ich auf die Bergwiese eingetroffen bin. Mit Hilfe des Fotos.
Auf der Blümchenwiese bei Manuela und Christine bin ich angekommen, als ich durch die Fotooberfläche hindurchglitt.
Zunächst war es mit Manuela und Christine ziemlich lustig zugegangen.
Bis ich den gesehen habe, der fotografiert hat ...
Gesehen habe ich IHN. Aber meine Erinnerung verweigert sich mir, was IHN anbetrifft, will IHN mir nicht deutlich zeigen.
Was ich hier noch mitteilen muß: Die Fotos - das Porträtfoto Manuelas und das besagte mit Manuela und Christine auf der Blümchenwiese, das hat Angelika an das Meinhardt-Sanatorium weitergereicht. Doktor Entje, der Oberneurologe und Psychiater am Meinhardt-Sanatorium, hat es in seinen Unterlagen.
Im Meinhardt-Sanatorium wurde ich, nachdem ich bei Doktor Entje meine Geschichte, daß die Szene auf einem Foto mir zu laufen anfing, wiederholte, mit dem Bild, das Manuela und Christine zeigt, konfrontiert. Draufstarren durfte ich.
Ohne daß sich deswegen etwas ereignete. Bloß, weil ich mal wieder draufsah, hat sich nicht das geringste getan. Nur, daß ich zu Doktor Enje meinte, daß Manuela und Christine, als ich das Bild das letztemal gesehen hatte, keine Blumensträuße in ihren Händen hatten. Die mußten Manuela und Christine in der Zwischenzeit gepflückt haben.
Die Fotos, die Mutti Dombrowski mir mitgegeben hatte, befinden sich in der Behandlungsakte, die Doktor Entje vom Meinhardt-Sanatorium für mich eingerichtet haben.
Sehr schwer für mich, daran heranzukommen. An diese Unterlagen. Mit den Fotos dazwischengeheftet.
Mir das zu besorgen, dafür müßte ich schon in das Meinhardt-Sanatorium einsteigen. Bei Doktor Entje im Büro oder in der Büroverwaltung herumsuchen, um herauszufinden, bei wem das gesamte Paket im Moment herumlag. Schließlich war Doktor Entje nicht der einzige, der sich am Meinhardt-Sanatorium für mich interessierte.
Dabei besteht die Riesengefahr, daß ich erwischt werde.
Müßte ich mich sicherlich erklären.
Was veranlaßt mich dazu, meine Überlegung, in das Meinhardt-Sanatorium einzubrechen, wirklich in die Tat umzusetzen?
Wenn ich dann von dem Foto erzählen, den Zweck mitteile, warum ich das Fotowerk, auf dem Manuela und Christine Dombrowski auf einer Blümchenwiese herumstehen, unbedingt wiederhaben wollte.
Neue Wochen Meinhardt-Sanatorium ...
Als ob es bis heute nicht genügend Wochen gewesen wären.
Die Leute sind zurück.
Angelika hat die Wohnungstür aufgesperrt, und mir ist das das schrille Lachen Betsys, als ob einer bei ihr die Hupen gedrückt hätte, an die Ohren gedrungen ...
Die Leute sind zurück.
Angelika, Laila, Betsy, Immo-Manni, Betsys geldiger Begatter, und Ali, Achmed's Sohn, ebenfalls einer der Sorte Begattung mit hochragendem Geldwert.
Reichtum stinkt, nach Luxusparfüm. Duftnote bei Angelika: fünf Riesen für das Miniflakon. Tina, die Amerikanerin mit dem Schliemann-Schatz, die nach Berlin weitergezogen ist, hatte mal so ein Flakon für achtzig. Angelika, Laila, Helen-Ebru und Debbie durften sich kurz ein Spritzerchen geben, erinnere ich mich noch.
Ehe Angelika zu mir hier reinkommt, irgendwas hier liest, mach ich besser schnell Schluß, höre mit der Tipperei auf. Bis zum nächstenmal denn.
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Fünfundzwanzigster Juni, foxy.jpg..
Dienstag am Aben