"Das digitale Tagebuch" (16.05. - 13.06.), No. 3
Fünfundzwanzigster Juni, foxy.jpg..
Dienstag am Abend. Uhrzeit: 22:53 Uhr.
Ist es wieder?
Es ist mir vorgekommen, am Foto wäre eine sachte Bewegung wahrnehmbar gewesen. So ein Huschen.
Vor zehn Minuten.
Am Donnerstagnachmittag vor fünf Tagen habe ich Mutti Dombrowski mit meinem Smartie angerufen. Ein bißchen über dies und das mit Mutti Dombrowski palavert. Dann habe ich Mutti Dombrowski gefragt, ob sie weitere Bilder ihrer Tochter Manuela hätte, eventuell sogar noch eines mit Manuela mit kupferrotgefärbtem oder hennarotem Haar.
Wenn Mutti Dombrowski ein solches Foto bei Christine im Zimmer oder irgendwo in den Schubläden entdeckt, wenn sie herumsucht - könnte Mutti Dombrowski es mir nicht heraufschicken? Mir auf dem Postweg zusenden? Würde mich nicht lumpen lassen, Mutti Dombrowski einen kleinen Betrag überweisen. So fünf Hunderter.
Und, man stelle sich vor, Mutti Dombrowski hat mein Anliegen wohlwollend geprüft, hat wirklich ein neueres Foto Manuelas zu mir herauf nach der Adresse Angelikas geschickt. In einem Briefumschlag, ohne Absender. Jedoch an mich adressiert. Eigenhändig habe ich den Brief unten aus dem Briefkasten geholt. Nicht das geringste hat Angelika davon mitgekriegt, daß auf dem altvorderen Postweg eine Briefsendung erhalten habe. Nachdem ich den Umschlag aufriß, hab ich der Farbfotografie ein kleines Zettelchen vorgelegt gesehen. Auf dem Papier standen ein paar Bankdaten Mutti Dombrowskis draufgekritzelt.
Angerufen hat Mutti Dombrowski mich nicht, demnach mußte Mutti Dombrowski die Überweisung bereits erhalten haben. Ist mit der Geldsumme nicht unzufrieden.
Auf dem Foto, das ich von ihrer Mutti zugeschickt gekriegt habe, steht Manuela vor einem großen Zierspiegel. Mannshoch. Oben bogenförmig abgerundetes, schwarzgestrichenes Metall. Mit mehreren goldenen Schriftzeichen in orientalischer Schreibweise in der Bogenmitte.
Habe im Netz bereits herumgesucht, ob ich die Buchstaben nicht in einem nordafrilanischen Alphabet oder so finden könnte.
War bisher nicht. Deswegen: Entschlüsselung Fehlanzeige.
Nichts von einer Umgebung ist bei Manuela zu erkennen als der Spiegel.
Manuela mit langer Kopfbehaarung, kupferrotfarben, schaut aus, als ob sie in am Rechner als Spiegelbild hineinkopiert wäre. Irgendwas, das hier nicht zusammenpaßt.
In der Drogerie Schubert in Geiersdorf wurde die Fotografie entwickelt. An einem neunzehnten Juni.
Die Jahreszahl ist blaß. Könnten alle möglichen Zahlen sein.
Gegenwart. Vergangenheit. Zukunft.
In dem Sinne, nichts direkt Neues für mich. Derartiges hatte ich jetzt öfters bei einem Manuela-Foto.
Die von der Drogerie Schubert in Geiersdorf waren nicht unbedingt freundlich. Telefonisch wollten sie mir über keinen einzigen ihrer Kunden Auskunft geben.
Daß auf Fotos, die der Drogerie Schubert zum Entwickeln übergeben wurden, eine Manuela Dombrowski zu sehen wäre, jemand, der vor über einem Jahr in Geiersdorf bei einem Unfall ums Leben gekommen sei, was sollte man als Mitarbeiter der Drogerie Schubert darauf antworten? Vielleicht das, daß ich mit meinem Scherztelefon Schluß machen sollte, jemand anders in Geiersdorf mit meinem Unsinn malträtieren.
Danach war mein Gespräch mit der Dame, Apothekengehilfin bei der Drogerie Schubert, zügig beendet.
Bei jeder passenden Gelegenheit, daß ich seit Samstagvormittag auf die neue Fotografie mit Manuela Dombrowski oben draufstarre. Ein Foto, auf dem Manuela kupferrotfarbenes Haar hat.
Die Frage der Fragen: Ist das auch so ein Bild? Eins, auf dem sich plötzlich etwas abspielen konnte?
Wie ich es bei Fotos, auf denen Manuela Dombrowski abgebildet war, bereits hatte.
Eingescannt habe ich das Foto eben. Um zu sehen, was die Augen dieser Manuela Dombrowski widerspiegelte.
Was sich in den Augen Manuela Dombrowskis spiegelte?
Um herauszufinden, das es das Nichts war. Nichts einer Welt um Manuela Dombrowski herum, das sich reflektierte. Als gäbe es bei Manuela Dombrowski vor dem Spiegel keine Art Landschaft rundherum.
Nichts spiegelte sich. Genauso wie in den Manuela-Dombrowksi-Augen, die ich auf meinem alten Läppie, als ich noch im Wohnheim wohnte, vergrößert droben hatte.
Keine Art Widerspiegelung von irgendwas. Als würde sich kein Licht in diesen Augen einfallen. Oder wäre die Fotosequenz nachbearbeitet.
Bloß - wer machte sich so eine Arbeit?
Gut, auf einem einzigen Foto - vielleicht war das eine Möglichkeit, daß so was vorkommen könnte. Vielleicht. Aber bei einer ganzen Bilderreihe?
Das Thema ist Aufwand. Muß jemand hübsch Sachen zu verbergen haben, daß sich sogar den Schnickschnakc mit den Augen überlegt. Nachdem er ganz anderen Rest schon weggetan hatte.
Nichts spiegelt sich bei Manuela Dombrowski. Nicht in ihren Augen. Genausowenig wie der Spiegel die Einrichtung eines Zimmers wiedergab.
Oder brach sich in Manuela Dombrowskis Augen von Haus aus irgendwie kein Licht. Weil diese Manuela mit den kupferrotgefärbten Kopfbehaarung kein normaler lebender Mensch ist?
Das übersteigt einfach meinen geistigen Horizont, was da bei allem los ist, was mit Manuela Dombrowski zusammenhängt. Es macht mich frösteln. Wie Dinge, die mir bereits zusammen mit Manuela Dombrowski geschehen sind, zum Frösteln sind.
Der reinste Horror, der bei mir spielt. Und der Horror hat einen Namen: Manuela Dombrowski.
Also - noch mal - ich bin jetzt erst seit eineinhalb Wochen wieder aus dem Meinhardt-Sanatorium draußen. Alle zwei Tage begebe ich mich zu Frau Doktor Hella, meiner Psychologin, in Behandlung. Frau Doktor Hella errzähle ich, daß ich in eine Fotografie, auf der mir die Szene nach der Art eines lediglich angehaltenen Monitorbildes in Bewegung geraten war, hineingeschlüpft war.
Ein Bild, groß wie meine Hand. Das wäre plötzlich weit geworden, wie ein Tor zu einer anderen Welt.
Als ich mich nach dem Foto herabgebeugt hatte, hat sich alles geweitet, unerklärlich für mich.
Sofort konnte ich mit dem Kopf durch die Oberfläche nach der anderen Seite hindurchstoßen. Dann bin ich, im Schwung von oben herab, mit dem ganzen Körper hindurchgeschlüpft. Wie ein Taucher.
Nach meinem Durchgang bin ich eine kleine begrünte Anhöhe hinabgerollt. Hin zur Blümchenwiese, auf der Manuela und Christine Dombrowski sich über meine Ankunft freuten ...
Weiß nicht, warum ich Frau Doktor Hella das plötzlich so klar und eindeutig beschreiben mußte. Aus mir herausgesprudelt ist es regelrecht. Als hätte sich wo eine Bremse gelöst. Ich mußte den Karren den Abhang hinabrollen lassen. Er bremste erst ab, als er unten war.
Wie ich sonst an dem Freitag nach Geiersdorf gekommen wäre - ich kann das nicht sagen.
Tatsächlich - peng! - in Wirklichkeit befinde ich mich am Freitagmorgen, dem siebzehnten Mai gegen dreiviertel neun Uhr in der Umgegend von Geiersdorf. Lediglich ein paar Kurven weiter unten von Geiersdorf; die Kurve, der Leitplanke Manuela Dombrowski durchbrochen hatte, war es nicht.
Nackt, aus Stellen über dem Kehlkopf herausblutend, wo bereits früher bei mir hineingebissen wurde, taumele ich von der Wiese auf die Teerstraße. Mich streifte ein vorüberfahrendes Auto. Ich habe Glück, werde nur umgeschmissen, lange am Straßenrand. Mit nur leichten Verletzungen - Prellungen, Hautabschürfungen; dazu mit Halsverband - werde ich im Rettungswagen ins nächste Kreiskrankenhaus gefahren.
Ein Ortwechsel ist das, polizeilich protokolliert.
Gegen dreiviertel neun Uhr, daß ich mich plötzlich bei Geiersdorf aufhalte.
Nur sehr minimal im Bereich meiner realen Möglichkeiten liegt das, daß ich von ungefähr halb drei Uhr nachts nach Geiersdorf gelangen könnte. Überlegt man sich die Umstände, daß ich der nächste Zug nach drei nachts in die Gegend runterfährt. Äußerst kompliziert, das mit der Zeit, auch wenn ich ein Auto genommen hätte.
In meinem verwirrten Zustand. Gekleidet in eine Schlafanzughose, ein Shirt und mit Pantoffeln an den Füßen. Kleidungsstücke, denen ich mich auf der Wiese bei Geiersdorf dann entledigt hatte.
Es heißt, es wird mir zugegeben, daß ich knapp in der Zeit dort an meiner Unfallstelle in der Nähe von Geiersdorf ankommen könnte. Mit einem großen Vielleicht.
Daß mir die Szene auf einem ordinären Foto filmmäßig in Bewegung geraten ist, war nicht das erste Mal.
Es war am Bild auf dem Metallkreuz, als ich am Gnaden-Friedhof am Grab Manuela Dombrowskis dastand.
Es war auf dem gerahmten Fotowerk, das ich, an einem Draht befestigt, an einen Leitplankenfuß gelehnt, an der Bergstraßenkurve vorfand, der Kurve aus der Manuela Dombrowski in ihrem Fahrzeug bei Höchstgeschwindigkeit den Abflug gemacht hatte.
Nach offizieller Lesart in den Tod.
Den Beweis, daß Manuela Dombrowski nicht tot wäre, ich kann ihn der Welt nicht erbringen.
Sehr schwer vorstellbar, daß Ärzte, Sanitäter, die sich mit dem Sterben und mit Toten auskennen, sich geirrt haben könnten, als sie das Ableben Manuela Dombrowskis feststellten. Außerdem wurde die sterblichen Überreste Manuela Dombrowskis obduziert, weil man feststellen wollte, ob Manuela Dombrowskis Drogen genommen hatte, um das mit der Drogeneinnahme Hans-Georg Tabert anzuhängen. Und wenn sie bei dir eine Obduktion machen, bist du danach wirklich tot.
Außerdem hat Mutti Dombrowski zu guter Letzt unter Leuten den Sarg ihrer Tochter Manuela öffnen lassen, kurz bevor für Manuela Dombrowski auf der Beerdigung unter den Grabhügel ging. Manuela Dombrowski lag drinnen im Sarg.
Weiterhin befand sich Manuela Dombrowski in ihrem Holzsarg drinnen. Etwas anderes hat keiner der Anwesenden mit seinen Augen wahrgenommen, und Mutti Dombrowski hat mir die Tatsache, wiederholt bei unseren Unterhaltungen bestätigt.
Was soll ich also dazu sagen?
Das neue Foto ...?
Jetzt ist das eine Stunde her ...
Ich habe plötzlich beim Draufschauen gedacht, es wäre auf dem Bild irgendwas.
Manuela Dombrowski mit kupferroten Haaren, eine schwarze, hautenge Jeans an den Beinen, schwarzes T-Shirt mit einem Durcheinander von weißen Strichen, Linien hinten am Rücken und vorne an der Brust vorm mannshohen Spiegel - eine Bewegung? Hat Manuela sich bewegt?
Habe ich sofort den Kopf auf das Bild auf der Schreibtischfläche herabgebeugt, habe meine Stirn auf das Foto gelegt ...
Das nächste, was ich mitbekomme ...
Links und rechts kriege ich Maulschellen verpaßt. Ich reiße die Augen auf, hebe den Kopf an. In grelles Licht schaue ich.
Über mich hatte sich Angelika gebeugt. Mit ihrer kleinen Stabtaschenlampe hat Angelika mir ins Gesicht geleuchtet.
Ich: 'Wass'en ...?'
Angelika: 'Stromausfall, Bernd. Der Strom war plötzlich weg. Habe ich meine Taschenlampe gesucht, bin aus meinem Zimmer, hab' nach dir geschaut. Du liegst hier am Boden. Hast du dir wo den Kopf angehauen ...?'
Ich: 'O ja! Hab' ich. Mir brummt der Schädel.'
Angelika: 'Was den Idioten einfällt, daß in der letzten Zeit so oft der Strom ausfällt? Bin gespannt, wie lange es jetzt dauert, bis das Licht wieder angeht. Das letztemal war eine halbe Stunde ...
Ich schaue, schaue ....
Die Fotografie Manuelas vor dem Spiegel, der an ein mannshohes Tor erinnerte ...
War nun etwas damit?
Verflucht, Angelika soll es sich doch selber machen ...
Kann das blöde Miststück ...?
Angelika möchte, daß ich ihr jetzt sofort die Zimmertüre aufsperre. Sie will nicht, daß bei mir zu ist, will zu mir herein.
Angelika droht, mache ich nicht auf der Stelle die Tür auf, unternimmt sie was.
Angelika schreit mir durch die Tür rein, daß sie im Meinhardt-Sanatorium anruft. Kann sie auch jetzt. Oder mitten in der Nacht. Im Meinhardt-Sanatorium anrufen.
Hab schon zu Angelika hinausgeschrien, daß ich ihr die Tür aufmachen werde. Einen Augenblick.
Zuerst aber werde ich das hier speichern. Dann werde ich das Foto mit Manuela nehmen, es zwischen die Seiten des Ökologie-Lexikons schieben.
Denn - sollte Angelika das Foto sehen ...
Entweder zerreißt Angelika es mir. Oder Angelika übergibt es Frau Doktor Hella.
Am Schluß besitzt es dann Herr Doktor Entje im Meinhardt-Sanatorium, Herr Doktor Entje, der schon schon Manuela-Fotos von mir hat.
Herr Doktor Entje, mit den gleichen Fragen wie Frau Doktor Hella nervend. Was besorge ich mir denn schon wieder so ein Foto?
Nur, eins ist der Unterschied zwischen Frau Doktor Hella: daß ich von Frau Doktor Hella aus mit Angelika nach Hause gehe. Während ich, sehe ich Herrn Doktor Entje persönlich, im Meinhardt-Sanatorium bleiben muß. Dann kann ich nur hoffen, daß Angelika mich besuchen kommt.
*
Dreißigster Juni, foxy.jpg.
Sonntagabend. Uhrzeit: 22:43 Uhr.
Im Augenblick sitzt Angelika in ihrem Arbeitszimmer, hat die Netzkamera an. Angelika unterhält sich mit Tina.
Tina, die reiche Staaten-Schönheit. In ihrer Wohnung in Berlin hockt Tina einsam, spricht Angelika entgegen, statt im Berliner Umland mit ihrem Schliemann-Schatz Gassi zu gehen.
Gestern meinte Tina, Tochter von einem, der mit Verpackungen irre reich geworden ist, bei einer ähnlichen Unterhaltung zu Angelika, sie werde zu einhundert Prozent wieder nach den Staaten zurückmachen, dort ihr Studium fortsetzen. Wenn dieses Semester endlich vorbei ist, wird sie im nächsten Flugzeug heimfliegen in die Vereinigte-Staaten-Heimat. Hollywood wiedersehen, ihre Freunde.
Wäre ich nicht total plemplem, maulte Angelika mich nach dem Gespräch mit Tina in der Küche an, könnte sie darüber nachdenken, für zwei oder mehr Semester zum Studieren in die USA überzusiedeln. Vielleicht könnten ich und sie sogar eine green card beantragen, für einen längeren Aufenthalt in Nordamerika.
So, wie die Dinge aber stehen, lebt sie, Angelika, mit einem Gestörten zusammen. Mit einem, der alle paar Tage einen Meinhardt-Sanatorium-Aufenthalt braucht. Daß sie mich wohl kaum in die US-Staaten einreisen lassen würden. Stand echt zu befürchten, daß es auch am anderen Kontinent mit Pychiatern und Sanatorien losgehen könnte. Ich drüben wieder meiner ganzen doofen Soße ankäme. Meinem ewig verrückten Müll. Mit Manuela Dombrowski, einer Toten, die ich überall lebend treffe. Manuela Dombrowski, eine Untote aus dem Grab. Oder war Manuela Dombrowski nicht eher ein weiblicher Vampir? Eine, die zum Blutsaugen aus dem Grab kriecht? So Wundmale, die hatte ich auch schon öfters zum Vorzeigen, richtig mit Blut, das mir dort am Hals runterlief. Damit nähme die Geschichte aber kein Ende: Fotos würden mir lebendig. Mitten in der Nacht, daß ich aus der Wohnung meiner Freundin Angelika verschwinde, um Stunden später am frühen Morgen Hunderte von Kilometern entfernt aufzutauchen. Dort zwar, wo auch meine Eltern daheim sind. Trotzdem nutze ich die Chance, laufe zig Kilometer von meinem Elternhaus entfernt in der Umgebung der Todeskurve dieser Manuela Dombrowski nackt vor ein vorüberkommendes Auto. Ein Glück, ich werde nur gestreift.
Da hätte man das ganze Elend. Deswegen müßte sie, Angelika, Rücksicht nehmen. Auf mich. Auf mich achtgeben.
Manchmal könnte sie, Angelika, ihren Freundinnen glattweg nicht mit einhundertprozentiger Sicherheit sagen, warum sie mit dem Kerl mit Namen Bernd zusammen wäre. Für Bernds Müll ständig zahle. Zum Beispiel die Rechnung für meine Psychiaterien, Frau Doktor Hella, und die Irrenanstalt, das Meinhardt-Sanatorium. Unfaßlich, wieviel Geld meine Freundin Angelika für mich aufbrächte. Das mußte Liebe sein.
Angelika hatte nach mir gerufen, deswegen war ich hier weg.
Jetzt ist Angelika jedoch wieder auf ihrem Zimmer. Spricht drinnen weiter mit Tina.
Aufgestanden war Angelika vorher wieder von ihrem Drehstuhl, weil Angelika mitkriegte, daß ich die Türe nicht hinter mir zugemacht habe. Sondern im Rahmen stehengeblieben bin. Von dort her Angelika habe ich nach Angelika und Americana-Tina, mit der Angelika redete, hingeblickt. Das Ganze hat Angelika denn nicht mehr gepaßt. Daß Angelika zu mir hinmachen mußte, mich von der Türschwelle wegzuwinken. Um die Zimmertüre eigenhändig zuzumachen und sich sogar einzusperren. Mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck, als würde Angelika das nicht passen, daß ich Tina extra darauf aufmerksam gemacht habe, daß ich auch noch da war, in Angelikas Wohnung.
Gut möglich, daß ich eben im Moment großes Thema bei Angelika und Tina bin, an die ich mich gut unten ohne erinnern kann.
O ja. Drall und feucht, Tina.
Schauen wir, wie viele Momente mir bleiben, etwas in foxy.jpg. zu tippen. Bis Angelika das nächstemal bei sich rausmarschiert oder nur bei sich aufmacht, um nach mir zu plärren. Bringen soll ich ihr was.
Muß vorsichtshalber immer foxy.jpg. schließen ...
Tippe also bis auf weiteres voran, mit dem einen Ohr Richtung der Zimmertüre Angelikas. Bereit für die Speicherfunktion. Oder dafür, den Porno, der minimiert mitläuft, groß zu machen, muß schnell was anderes am Monitor zu sehen sein.
Bisher hat Angelika foxy.jpg. nicht entdeckt.
Auch niemand anders, der mir an mein Läppie gegangen ist. Dabei müßte der Brünetten, die sich neuerdings, foxy.jpg. vorgehängt, zwischen den Laken räkelt, bis zum Schluß nach zweieinhalb Minuten zugeguckt werden ... Oder mal auf die Brünette draufgeklickt, hatte sich ebenfalls alles erledigt, hatte man freie Sicht auf foxy.jpg., meine Tagebuch-Datei.
So einfach gehts zu auf der Welt. Einmal klick.
Wenn Angelika sich aber nicht für das Treiben der Brünetten erwärmen mag ... Jemand anders auch nicht der Sinn danach steht. Mir kann es recht sein.
Kann ich immer noch in mein altes foxy.jpg. was reintippen.
Neue Vorkommnisse, müssen in foxy.jpg. berichtet werden.
Etwas ist geschehen. Im Grunde genommen bin ich davon bis in meine Grundfesten erschüttert, auseinandergesetzt. Seit ich davon erfahren habe müssen - schauen gewisse Dinge anders aus.
Was passierte, war folgendes: Letzten Donnerstag, dem siebenundzwanzigsten Juni gegen halb zwei Uhr nachts, ist ein Unbekannter über die das Meinhardt-Sanatorium umgebende Mauer gestiegen. Ohne dabei irgendwie bei einem Bewegungsmelder oder als schattenhafte Wahrnehmung auf einer Überwachungskamera großartig Alarm auszulösen.
Ins Meinhardt-Sanatorium-Hauptgebäude ist der Mann eingedrungen. Erst im weiteren Verlauf seines Aufenthalts im Bürokomplex des Meinhardt-Sanatoriums hat er plötzlich die Sicherheitsanlage ausgelöst. Daß es echte Kameraaufnahmen von dem Mann gibt.
Gardemaß oder größer. Ganz in Schwarz gekleidet.
Schwarze Mütze mit Sehschlitzen über den Kopf gezogen. Schwarzer Pullover. Schwarze, anliegende Trainingshose. Kletterstiefel an den Füßen.
In den Büroräumen der Verwaltung hatte die Person herumgesucht. In den Büros der Psychologen und Ärzte. Bis derjenige die Flucht ergreifen mußte, weil er an einem Safe herumfingerte, dadurch im Meinhardt-Sanatorium die Sirene auslöste.
Das alles, als hätte er absichtlich auf seine Gegenwart aufmerksam machen wollen. Schließlich hatte er vorher kenntnisreiche Verhaltensweisen an den Tag gelegt, daß er möglicherwesie auch wieder unbemerkt hinausgelangen hätte können.
Wach- und diensthabendes Pflegepersonal war unverzüglich hinter ihm her.
Trotz der Sicherung aller Türen aus dem Meinhardt-Sanatorium hinaus konnte der Maskierte entkommen, i, durch ein hohes Klofenster im ersten Stock aufwuchte, hindurchschlüpfte und die Meter in die Tiefe hinabsprang.
Unter dem freien Nachthimmel hat er drei Rottweiler, die, aus ihren Zwingern gelassen, die Verfolgung aufnahmen, bei der hohen Mauer, die das Meinhardt-Sanatorium umgibt, die angreifenden Hunde abgewehrt und jedem Tier, als wäre das nichts, das Genick gebrochen.
Vielleicht asiatische Kampftechnik.
Und? Was hat das Vorkommnis im Meinhardt-Sanatorium mit mir zu tun?
Leider hat es mit mir zu tun!
Das, wonach der Unbekannte im Meinhardt-Sanatorium suchte, stellten die den Vorfall im Meinhardt-Sanatorium untersuchenden Leute fest, waren meine gesammelten Unterlagen. Quasi auf meine Krankenakte, daß der es abgesehen hatte.
Ausgerechnet darum drehte es sich bei dem ganzen Endringen des Mannes.
Außerdem hat er Unterlagen aus meiner Akte entnommen, Fotos.
Nicht irgendwelche Fotos.
Sondern JENE Fotos.
Das Foto mit Manuela und Christine Dombrowski auf der Blümchenwiese. Aber auch das Oberkörperporträtfoto Manuela Dombrowskis, einer rothaarigen Manuela Dombrowski.
Die Fotografien, die Angelika Frau Doktor Hella ausgehändigt hatte. Frau Doktor Hella, die es daraufhin an Herrn Doktor Entje, im Meinhardt-Sanatorium hauptsächlich zuständig für meine Psychiatrie und Mitarbeiter der Neurologie im Meinhardt-Sanatorium, weitergereicht hatte .
Dieses eine Foto, Manuela und Christine Dombrowksi, beide Schwestern mit rotgefärbtem Haarschopf, weißem Faltenminirock, bauchfreiem Hemdchen, die auf einer Blumenwiese Blumen pflückten - hatte ich als Auslöser von mancherlei Zuständen von mir genannt. Sogar verantwortlich für einen unvermittelten Ortswechsel von mir sollte das Bild sein. Indem es mir als eine Art Pforte diente, durch die ich gegangen wäre, um an einer Örtlichkeit anzukommen, Hunderte von Kilometern entfernt.
Gegenüber Frau Doktor Hella und Herrn Doktor Entje bestand ich darauf, hinzuweisen, die Szene, die sich ursprünglich auf dem Foto präsentierte hätte, als ich zum ersten Mal draufschaute, sei eine andere gewesen. Manuela und Christine Dombrowski hätten grinsend hochgeblickt, dem zu, der sie fotografierte. Während Manuela und Christine Dombrowski jetzt am Bild wieder beim Blumenpflücken waren. Da, seitlich am rechten Bildrand, wären bereits zwei Sträuße zu blicken, die Manuela und Christine Dombrowski dort hingelegt hätten.
Herrn Doktor Entje im Meinhardt-Sanatorium wiederholte ich das, wie ich das auch bei Frau Doktor Hella in ihrer Privatpraxis im Refrain sang, daß ich mich nur an eins erinnern könnte: Daß sich sich die Fotofläche wie auf zauberische Weise vergrößert habe, daß ich die Oberfläche erst mit dem Kopf durchdringen konnte. Um schließlich mit meinem ganzen Körper hindurchzuschlüpfen. Ganz und gar problemlos, daß das bei mir funktioniert hätte. Mit Hilfe des verzauberten Fotos wäre ich an die Örtlichkeit bei Geiersdorf gelangt. In der näheren Umgebung von Geiersdorf eingetroffen.
Sonst fällt mir auch bis heute nichts ein, wie ich es anders gemacht haben könnte.
Das läßt sich für niemanden abstreiten, daß ich mich an jenem Freitagmorgen, dem siebzehnten Mai, gegen dreiviertel neun Uhr in der Realität nahe bei Geiersdorf aufgehalten habe.
Bekanntermaßen ist mir ein Stückweit unterhalb von Geiersdorf tatsächlich ein kleiner Unfall passiert, daß der Notarzt und die Polizei herbeikommen mußten. Die Geschehnissen wurden alle polizeilich protokolliert. Die lokalen Medien haben es vermeldet.
Einer Autofahrerin bin ich seitlich vor das Fahrzeug gelaufen. Mein Krankenhausaufenthalt ist eine unbestreitbare Tatsache.
Warum ich das Obige hier drinnen noch mal texte ...?
Es der gesteigerte Wahnsinn vorgefallen.
Zunächst war das: Die Leitung des Meinhardt-Sanatoriums hat wegen des Einbruchs eine Anzeige gegen Unbekannt erstattet.
Wegen des Eindringens einer unidentifizierten Person in die Büroräume und Ärztezimmer des Meinhardt-Sanatoriums, die es auf meine in Aktenform angelegten Meinhardt-Sanatorium-Unterlagen abgesehen hatte, war die Polizei am Freitag bei Angelika und mir in der Wohnung. Für eine Unterhaltung. Das gleiche auch am Samstagvormittag.
Angelikas gesamte Wohnung mit dazugehörigem Kellerabteil wurde in von Spurensicherungsbeamten auf den Kopf gestellt. Mit der Erlaubnis Angelikas.
Am Freitagnachmittag mußte ich mich an der Seite Angelikas persönlich auf der Polizeiwache einfinden. Ein ausführlicheres Verhör von mir fand statt.
In der Begleitung Angelikas mußte ich mich am frühen Abend des Freitags im Meinhardt-Sanatorium einfinden. Für ein langes Gespräch mit Herrn Doktor Entje und Herrn Doktor Entjes Kollegen Arts und Randel. Arts und Randel, keine erfreulichen Zeitgenossen, die Herr Doktor Entje in meinem Fall zuzog. Art und Randel hätten dafür sorgen können, daß ich in einer Geschlossenen Abteilung eines städtischen Klinikums meine nächsten Tage verbringen hätte können.
Bloß, wie sollte das alles zugegangen sein, daß ich das in Wirklichkeit angestellt haben könnte, mit dem man mich konfrontiert hat? Bevor der gesamte Spaß - Polizei, Frau Doktor Hella-Anrufe bei Angelika, das mit Meinhardt-Sanatorium - am Freitag bei mir losging, wußte ich tatsächlich von nichts.
Deswegen hörte ich mich ja auch auf der Polizei und im Meinhardt-Sanatorium gegenüber den mir auf den Zahn fühlenden Leuten glaubhaft an.
Regelrecht fühlte ich mich, als hätte man mir auf den Kopf gehauen, nachdem Polizisten mir gegenüber das andeuteten, die Einbrechertype ins Meinhardt-Sanatorium, die könnte auch ich gewesen sein.
Man stelle sich vor, ich soll in schwarzer Kleidung und maskiert ins Meinhardt-Sanatorium eingestiegen sein. Daß ich mich einigermaßen mit den Begebenheiten im Meinhardt-Sanatorium auskenne, das könnte ich wohl nicht bestreiten. Ich wüßte Bescheid, wo im Meinhardt-Sanatorium die Verwaltungsbüros waren, kannte mich aus, wo einzelne Psychiater, Neurologen und andere Ärzte im Meinhardt-Sanatorium ihre Arbeitszimmer hätten. Ohne großen Verzug hätte ich mir meine Krankenakte geschnappt und verschiedene Kleinigkeiten daraus entnommen. Am Schluß, nachdem ich die Flucht ergriffen habe, erledige ich schnell noch drei riesige, schwere Hunde - Rottweiler mit scharfen Gebissen, auf Angriff abgerichtet -, die mir hinterhermachten. Von mir werfe ich die Viecher, als wäre das nichts. Jedem Tier breche ich das Genick, ungefähr so, wie andere einen Zahnstocher entzwei brechen.
Ich meine: Ich wurde nicht mitgenommen, von den Polizeibeamten. Ich befinde mich in Freiheit.
Aber, heißt das was?
Es bleiben die Fragen: War ich das? Könnte ich das bringen, mitten in der Nacht in das Meinhardt-Sanatorium einzudringen? Wäre mir so ein Tun möglich?
Am Ende, nachdem ich auf der Flucht war, erledige ich noch drei Riesenhunde, die mich beißwütig angreifen. Jeder der schweren Köter, den ich mir geschnappt habe, kriegt von mir den Genickbrecher. Als wäre so was überhaupt kein Problem für mich.
Bei so viel Sport, den ich betrieben haben hätte sollen, hätte mich das nicht ziemlich in Mitleidenschaft gezogen?
Irgendwas könnte ich ja trotz meines an den Tag gelegten Geschicks abbekommen haben. Schließlich habe ich mir während meiner Soldatenzeit eine Beschädigung der Bandscheiben und eine Rückenmarksverletzung zugezogen gehabt. Daß bei mir bis heute die Gefahr bestand, jederzeit bei einer Überbeanspruchung und Fehleinschätzung der Situation zum Rollstuhlfahrer zu werden. Übertrieb ich es mit bestimmten körperlichen Aktivitäten, bestand für mich diese Möglichkeit.
Deswegen war ich schließlich bei den Soldaten entlassen worden. Obwohl ich gerne Berufssoldat geblieben wäre. Und die Unterlagen hatte ich für die Polizeileute auch parat. Die Polizisten haben sie zur weiteren Abklärung der Sachverhalte mitgenommen.
Außerdem, das erklärte ich, stünde ich auf der Stelle gerne zu neuen Untersuchungen meiner Person zur Verfügung, was meinen Rücken anginge. War bereit, zu jedem Arzt zu gehen. Damit der sich mich ganz genau ansehen konnte. Folge: Nächste Woche werde ich zu einem Amtsarzt gehen. Für eine Ganzkörperuntersuchung.
Leider hatte ich über dem Knie einen größeren blauen Fleck. Den erklärte ich damit, daß ich ich mir den Fuß in der Küche an der Kante des aufstehenden Schiebefach des Elektroherds gestoßen hatte.
Wie ich zu den grün angelaufenen, dunkler werdenden Stellen am Bauch kam, konnte ich mir jedoch nicht recht erklären. Fotografiert wurden die Stellen von einem Kommissarsanwärter.
Vielleicht, daß Angelika mich zu fest angefaßt hatte, meinte ich. Letzte Nacht hätte Angelika an mir herumgeknutscht. Knutschflecken konnten ziemlich groß werden. Lästig sichtbar.
Die einzige Zeugin, daß ich nicht der Einbrecher in das Meinhardt-Sanatorium sein konnte, war tatsächlich Angelika. Mit Angelika zusammen war ich gegen halb zwölf Uhr am Mittwoch zu Bett gegangen. Angelika und ich, wir waren vor dem Einschlafen nicht nur reglos nebeneinander in unseren Doppelbetthälften gelegen. Angelika und ich, wir haben auch ein wenig das Bett wackeln lassen. Zweimal Male. Dann, irgendwann nach fünf Uhr, als Angelika mich aufgeweckt hatte, noch mal. Etwas, was Angelika den Polizisten, Frau Doktor Hella und gegenüber Herrn Doktor Entje am Samstag auch bestätigte.
Warum sollte Angelika das Gegenteil behaupten, wenn dem nicht so gewesen wäre? Angelika müßte nicht für mich lügen.
Angelika kam die Geschichte mit dem Einbruch ins Meinhardt-Sanatorium sehr ungelegen. Daß ich als Täter in Betracht kommen könnte, paßte Angelika überhaupt nicht.
Angelikas Wunsch war es, nachdem das mit meinem plötzlichen Eintreffen in Geiersdorf viel zu heftig bei ihren Freunden und Bekannten diskutiert wurde, daß ich keinen neuen Meinhardt-Sanatorium-Aufenthalt nötig haben würde. Vielmehr wünschte Angelika, daß das mit dem Meinhardt-Sanatorium aufhörte und nicht immer wieder irgend etwas Neues dahingehend von vorn anfinge. Zudem hatte sie, Angelika, auch noch mit ihrer Unternehmerfamilie zu kämpfen, die nicht das größte Verständnis dafür aufbrachte, daß Tochter Angelika mit einem babbelnden Irrenhausfall zusammenlebte. Einem, dessen ehrenamtliche Betreuerin Angelika war.
Mein Glück, daß bei keinem Genschnelltest kein einziges der aufgefundenen Haare, Härchen mir zugeordnet werden konnte. Sonst wäre meine Situation momentan verschärft eine andere.
Kein schwarzes Kleidungsstück der Art, wie die Überwachungskameraaufnahmen zeigen, daß sie die Einbrechertype bei seinem Auftreten im Meinhardt-Sanatorium getragen hatte, wurde in Angelikas Wohnung oder in Angelika Kellerabteil gefunden. Ebensowenig in den durchstöberten Mülltonnen der näheren Gebäudeumgebung.
Können mir die Leute aus dem Labor bei ihren weiterführenden Untersuchungen auch keine Hautschuppen genetisch zuordnen, bin ich aus dem Schneider.
Das müssen jedoch erst die nächsten Wochen zeigen. Bis dahin habe ich abzuwarten, was aus mir wird.
*
Zweiter Juli, foxy.jpg..
Dienstag am frühen Abend. Uhrzeit: 18:04 Uhr.
Gestern war zwischen Angelika und mir alles wieder paletti.
Fünfzehn nulldrei am Nachmittag: Im Stadtbus sind Angelika und ich von der Uni heimgefahren. Bestens gelaunt.
Angelika hat sich für mich gefreut, daß alles so überraschend gut gelaufen war. Das wollten wir dann im Fischrestaurant bei einem Abendessen gebührend feiern.
Jetzt kommt hier am Platz das, was dafür gesorgt hatte, daß ich gestern abend die ganze Zeit über in einem außerordentlichen Zustand war. Eigentlich voll der Schrecken, der mich überkommen hatte. Daß ich die Welt nicht fassen kann, daß ich die folgenden Stunden nicht heulend oder lauthals kreischend durch die Straßen gelaufen bin. Bis man mich eingefangen hätte, um mich ins Meinhardt-Sanatorium zu verbringen.
Statt dessen konnte ich irgendwie die Ruhe bewahren. Als wäre ich kühl, abgebrüht, verweilte ich unauffällig an Angelikas Seite.
Nur einmal redete Angelika mich schief an an, als wir beide mal miteinander alleine an unserem Tisch im Molto hockten. Angelika meinte zu mir, ich würde öfters wie ein verstörtes Rehlein durch die Gegend glotzen. Hätte mich jemand angemacht? Oder, was wäre mir passiert?
Das, daß ich mit irgend jemandem in der Umgebung einen Händel hätte, verneinte ich Angelika gegenüber. Entsprach ja auch der Wahrheit.
Was war das also, das sich ereignet hatte, daß ich auseinandergesetzt war, daß ich es ab und an nicht verbergen konnte?
Es war gegen achtzehn Uhr am frühen Abend. Ehe Angelika und ich ins Firschrestaurant aufgebrochen sind. Gemeinsam waren Angelika und ich unter der Dusche. Anschließend haben Angelika und ich uns in unserem Schlafzimmer neu eingekleidet. Angelika und ich, jeder von uns befand sich vor seiner Kleiderschranhälfte.
Neue, frische Socken habe ich mir aus einem unteren Schrankfach gefingert, nackig dastehend. Als ich mich, die blauen Feinrippsocken in der Hand habend, wieder aufstellen wollte, hatte ich unvermittelt eine Wahrnehmung.
Beim Vorziehen des Sockenpaars war etwas mitgeflutscht. So ein unbestimmtes Glanzeck, das ich zu sehen kriegte.
Weil ich mir daraus keinen rechten Reim machen konnte, habe ich danach gegriffen - und, als ich überblickte, was das war, laut gekeucht.
Das, was ich in der Hand hatte, hätte mich fast niedergehauen. Getorkelt bin ich, die Rechte links vor die Brust gepreßt.
Zum Glück konnte ich das, das diesen Zustand bei mir verursachte, loswerden, indem ich es mit einem Handgelenksschwung seitlich auf die Abteilung zusammengelegter Unterhosen schleuderte. Damit hatte ich nichts in der Hand, als Angelika, die sich herabgebeugt hatte, sich kopfschüttelnd den Saum ihres Kleides zu befummelte und einen Faden herausriß, sich aufgestellt und nach mir umgedreht hatte.
Neugierig erkundigte Angelika sich, was denn los wäre. Was würde ich plötzlich so komisch daherkeuchen. Totenbleich im Gesicht wäre ich, nicht zu glauben.
Schnell erwiderte ich Angelika, wie ärgerlich das wäre. Einen kleinen Schnitt am Finger hätte ich mir beim Auseinanderreißen der erst letztens neu eingekauften Socken zugezogen. Daraufhin redete Angelika von der miserablen Qualität der Verarbeitung des schwarzen Kleides, das ihr knielang herabfiel. Die Fäden, die sie bei dem Teil, das drei Tausender gekostet hatte, rausziehen konnte; es war nicht zu fassen, was das für eine schäbige Näharbeit war, für den Preis. Dabei hatte sie das Kleid bisher nur einmal getragen; im letzten Monat bei einem Sonntagnachmittagsspaziergang mit Betsy.
Angelika hatte wirklich nichts mitgekriegt. Eine Unterhose habe ich dann auf das Foto gelegt, das ich unbegreiflicherweise bei mir hinten im Sockenfach fand.
JENES eine Foto.
Was soll ich lange drumrum texten?
Es ist die Fotografie, auf der sich Manuela und Christine Dombrowski auf der Blümchenwiese befinden. Die Bildszene: Eben im Moment pflücken Manuela und Christine Blumen für den nächsten Blumenstrauß.
Dauerte langsam, das auf der Wiese. Daß mittlerweile mehrere gepflückte Blumensträuße rechter Hand am Bild auf dem Gras herumlagen.
Wüßte nicht, daß ich die gesehen hätte, als ich zuerst auf die Fotografie draufguckte.
Das Blumenwiesen-Foto ist die eine der Fotografien, die der Einbrecher ins Meinhardt-Sanatorium unter anderem aus meiner Krankenakte mit sich genommen hatte, Donnerstag in der Nacht.
Das Ding, es ist wieder in meinem Besitz.
Und ich, ich weiß nicht, warum sich das bei mir befindet. Wie ich daran gekommen wäre.
Wie kommt dieses Drecksfoto in meiner Kleiderschrankhälfte unten in ein Fach zwischen die Sockenpaare? War jemand bei Angelika und mir in der Wohnung?
Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, daß die Polizeibeamten von der Spurensicherung am Samstag nicht dort hineingeschaut haben, wenn sie schon in Angelikas Wohnung kommen mußten.
Alles haben sie auf den Kopf gestellt - daß die Fotopappe denen entgangen wäre?
Das Foto, das hätte ihnen in die Finger geraten müssen, wäre es dort in dem Schrankfach gewesen, als im Verlaufe des Samstagvormittags alles in Angelikas Wohnung übergründlich auf den Kopf gestellt wurde.
MÜSSEN. MÜSSEN.
Oder - es war nicht dort. Was hieße, es wurde erst Sonntag, Montag hineingelegt. Als Angelika und ich, wir beide, nicht daheim in der Wohnung waren.
Oder was?
Darauf kann ich mir keinen Reim machen.
Das Herz, das schlägt mir bis zum Hals.
Was heißt dieses Schreckliche nun für mich?
Daß ich doch der Einbrecher war?
Ich war der, ganz in Schwarz, Mütze mit Sehschlitzen über den Kopf gezogen, der in das Meinhardt-Sanatorium eingedrungen ist. Nachdem ich die Flucht ergriffen hatte, habe ich drei auf mich losstürztende Rottweiler gemetzelt. Jedem Riesentier, das mich mit scharfem Gebiß, muskelbepackt angriff, habe ich das Genick gebrochen. Als könnte man das so einfach, einen dieser Hunde anzupacken und das bei ihm zu tun. Als wäre das Wenigste für mich.
Verletzungen hätten die Hundeviecher mir trotzdem welche beibringen können, wenn ich der war, dem sie hinterherhetzten. Hätten sich Bißspuren bei mir finden müssen, denke ich. So Verletzungen, von denen man erst später was mitkriegt.
Die Leute vom Meinhardt-Sanatorium haben nur die Hunde tot gefunden. Umgebracht.
Könnte ich das tatsächlich gewesen sein?
Angelika hat ein kleines Auto für die Stadt. Bin ich in dem zum Meinhardt-Sanatorium gefahren?
Angelika erklärte den Polizeibeamten, an ihrem Auto könne sie nichts Besonderes entdecken. Es stehe genauso geparkt, wie sie, Angelika, es hingeparkt hätte. Der Tankinhalt war nicht weniger geworden. Sie wüßte nicht, daß sich in und an ihrem Fahrzeug irgendwas anders wäre.
Wenn keiner ihr Auto irgendwo gesehen hätte, hätte sie keine Ahnung, meinte Angelika. Anscheinend war keiner mehr länger mit dem Wagen gefahren. Ein paar Kilometer waren eigentlich bis zum Meinhardt-Sanatorium und zurück. Müßte ich, wäre ich mit dem Wagen weggefahren, irgendwo getankt haben. An einer Tanke von einer Überwachungskamera aufgenommen worden sein ...
Daß ich von allem nichts mehr weiß ...?
Ein totaler Filmriß.
Ebenso fehlt mir jegliche Erinnerung daran, wie ich mir das Foto mit Manuela und Christine Dombrowski auf der Blümchenwiese zwischen meine Sockenpaare geschoben habe. Wenn ich es denn selber war.
Was ist das hier? Was geht ab?
Auf meinen Schreibtisch habe ich einen Aschenbecher hingestellt. Ein Wegwerffeuerzeug liegt daneben.
Das Foto, das Manuela und Christine Dombrowski auf der Blumenwiese abbildet, ich wollte es anzünden. Fest hatte ich die Absicht.
Nur, ich bin nicht in der Lage, das zu bringen, es in Flammen aufgehen zu lassen. Ich nehme das Feuerzeug, lege es weg. Ich nehme das Feuerzug, lege es weg.
Viel lieber starre ich auf die Fotoszene.
Zum Laufen gekommen ist mir das Bild deswegen lange nicht.
Gibt jedoch keinen Grund, daß das irgendwann demnächst nicht wieder bewegte Bilder werden sollten ...
Ist schließlich das EINE Foto. Brauche kein andres als das, habe ich dieses Foto.
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