"Das digitale Tagebuch" (17.07. - 20.07.), No. 2
Immer noch der siebzehnte Juli, Du aufgeklickt, mein Tagebuch.
In einer Viertelstunde haben wir Mitternacht. Genaue Uhrzeit: 23:46 Uhr. Wenn es denn hilft.
Wieder ein Tag, alt. Vergangenheit.
Auf ein neues Du, Tagebuch, Dich mit Doppelklick geöffnet. Meine Tagebuch-Datei.
Momentan texte und texte ich in Dir.
Das war vielleicht ein langer Tag für mich, der heutige. Dieser Tag, der jetzt langsam ausklingt.
In sämtlichen Knochen spüre ich Müdigkeit. Eine Müdigkeit.
Aber, wenn ich mich aufs Bett lege, dann ...
Nach einer Minute fange ich an, mich im Bett herumzuwälzen, von einer Seite auf die andere. Etwas, das ist überhaupt nicht schön.
Schließlich reicht es, kann ich nicht mehr liegenbleiben. Ich muß mich aufsetzen. Die Füße rausstrecken aus dem Bett, aufstehen ...
Nur vorm Rechnertisch kann ich einigermaßen am Drehstuhl hocken bleiben. Nur da.
Da, unter dem Monitor, liegt auch die Packung Schlaftabletten.
Die Frage: Wie viele würden mir reichen, nicht mehr Aufzuwachen?
Tippe aber weiter in Dir, mein Tagebuch.
Die nächste Runde was von Manuela. Mit Manuela zusammen sehe ich mich im oberen Stadtpark.
Auf der grüngestrichenen Parkbank sind Manuela und ich eine Zeitlang dagesessen, haben miteinander durch die Gegend geschwatzt.
Baumwipfel über uns. Hoch ragten Bäume mit dicken Stämmen.
Die Baumstämme waren früher auch schon dick, entsinne ich mich. Sie müssen also dicker geworden sein.
Ein leichtes Sommernachmittagslüftchen wehte, fuhr mir durchs Haar.
Leute kamen bei Manuela und mir vorüber. Ausschreitende Personen, die an dem Stadtparkbänkchen mit dem Paar vorbeispazierten. Männlein, Weiblein. Unterschiedlichste Gestalten, die mich gesehen haben mußten. Mich - und Manuela ...?
Wie das bloß sein kann, mein Tagebuch, daß Manuela und ich, daß wir uns am hellichten Tag nachmittags begegnen, beim Unteren, dem Kino? Nach all den langen Jahren, die jeder von uns woanders zugebracht hatte.
Der Kontakt zwischen Manuela und mir, bodenlos war der abgerissen. Praktisch war der nicht vorhanden.
Keinen einzigen Gedanken an Manuela, den ich im Kopf gehabt hätte. Vor der Begegnung mit Manuela nicht einen.
Nicht einmal ein Sexgedanke, in dem Manuela eine Rolle spielte.
Kein einziges dieser Erinnerungsstücke. Die ich jetzt viel habe.
Zusammen mit Manuela sehe ich mich herummachen.
Das ganze Programm hatten Manuela und ich. Hinten, vorne. Alles. Vor zehn Jahren.
Derzeit ist das mein aller-, allergrößtes Problem, mein Tagebuch.
Der Mittelpunkt all meines Kummers. Meiner Sorgen. Das mit Manuela. Das, daß ICH Manuela treffe.
Daß ich mit den Nerven runter bin, schuld hat Manuela.
Könnte demnächst einen richtigen Nervenzusammenbruch erleiden, deswegen.
Wie, bitteschön, verehrtes Tagebuch, möchte ich Dich fragen, wäre ich vor dem Zehnten auf irgendwas mit Manuela gekommen? So fern, wie mir etwas mit Manuela lag.
Praktisch aus dem Nichts taucht Manuela mir auf.
Peng!
Peng! SIE war da bei mir, SIE, Manuela.
Seitdem: Manuela und ich. Ich und Manuela.
Die Bilder in meinem Kopf kreisen seit diesem Moment immer nur um eine. Die heißt Manuela.
Das, was zwischen Manuela und mir war, seit dem zehnten Juli beherrscht Manuela mich. Manuela hat mich in Besitz genommen.
Manuela und ich, wir beide - ich und sie - nahe zusammen im oberen Stadtpark. Später ...
Nicht irgendwann gestern vor zehn Jahren, sondern im Heute.
Die Gegenwart war das. Neue reale Bilder für meinen Geist.
Dabei war Manuela, dabei war Manuela zu der Zeit bereits ... Schon länger.
Glasklar aber, das mit Manuela. Bebilderter Film.
Besten Farbfilm sehe ich.
Ton hatten wir auch, Manuela und ich. Sprechen höre ich Manuela. Ich höre Manuela sprechen. Ich gebe Manuela Antwort.
Worte Manuelas, in meinen Ohren, ungefähr solche ...
Manuela: 'Erzähl mal ein bißchen was, was los ist bei dir. So vieles, was ich von dir wissen möchte. Wo bist du nun überall gewesen? Was hast du Schönes gesehen? Wenn du mich schon verlassen hast müssen, was war dann das Tolle daran?'
Ich lache.
Manuela: 'Was gibt's denn da zu lachen?'
Ich lache noch mal zu Manuela hinüber. Ich: 'Habe doch gesagt, daß ich überall im Land dienstlich unterwegs war. Immer von Kaserne zu Kaserne. Kasernengehüpft bin ich. Konnte schon passieren, daß ich von einer Stadt, in der ich mich aufgehalten habe, nur die Kaserne gesehen hab. Die nähere Umgebung mit Landschaft, Wald, wenn Schieß- oder Laufübungen waren. Oder Manöver. Hahaha!'
Manuela guckt mich an, so mit traurigem Blick, meint: 'Hm! Und das war schön? Deshalb hast du dich von mir getrennt?'
Ich: 'Mir wars egal. War überzeugter Soldat. Hatte das gern.'
Manuela: 'Schlimm, das mit dir.'
Ich: 'Was?'
Manuela: 'Na - das!'
Ich: 'Keine Ahnung, was du meinst. Hätte ich mir damals vorher auch nie vorstellen können, daß mir das so wenig ausmacht, alle paar Tage, Wochen die Stadt zu wechseln. Vielleicht auch wieder eine Art Bequemlichkeit. Daß ich das laufen habe lassen. Heute bin ich aber fest wo. Wohne eigentlich nicht mehr hier in der Gegend. Komme nur heim, wenn Semesterferien sind. Weil ich hier zwischen den Semestern einen festen Job habe. Bei Mauth. Bei Mauth kann ich in den Semesterferien festangestellt arbeiten. Immer. Anderswo wieder mit dem Herumsuchen wegen einer Ferienarbeit anfangen zu müssen - nee! Was ich mitkriege, was Leute da rennen. Eine Zeitverschwendung hoch zehn. Da gehts mir schon gut, daß ich fest was habe. Mauth kann man lassen.'
Manuela: 'Du studierst? Du bist Student? Du hast noch keinen richtigen Beruf?'
Ich: 'Ja, stimmt! Gehe nicht arbeiten, sondern studieren. Bin Student. Heute bin ich Student. Heute mache ich das, was du gemeint hast, ich sollts damals schon machen ...'
Manuela: 'Hättest es besser damals schon gemacht ... Heute brauch ich das eigentlich nicht mehr, daß du studierst. Daß du angefangen hast, zu studieren, heute ist mir das bei dir egal. Damals hättest du alles ändern können. Mein ganzes Leben wäre ein anderes gewesen. Wäre ich mit dir zusammen woanders hingegangen ...'
Ich: 'Mußte leider bei den Soldaten aussteigen. Obwohl ich auf ein paar weitere Jahre fix verpflichtet war, gemeint hatte, daß das mein Beruf wäre, Soldat zu sein. Nachdem ich das aber gewußt habe, daß ich kein Soldat mehr sein konnte, habe ich schnell umdisponiert. Habe mich nach einer kleinen halbjährlichen Auszeit, in der ich mich aufs Studieren vorbereitet habe, um einen Studienplatz bemüht. Den habe ich auch schnell bekommen. Habe mich eingeschrieben. Im Wohnheim habe ich auf Anhieb eine Bude für mich alleine gekriegt. Bingo! Alles hat gepaßt.'
Manuela: 'Wie ...? Wie du dich anhörst, sag mal ... Du hörst dich an, als ob du nicht ganz freiwillig bei den Soldaten aufgehört hast. Was war denn bei dir? Hast du was angestellt, in einer deiner Kasernen? Sachen geklaut, gekifft, dir was gespritzt ...? He, was hast du dir erlaubt?'
Ich: 'Sicher habe ich das alles nicht! Nichts hab ich mir erlaubt. Was denkst du denn da von mir ...? Daß ich als Soldat aufhören hab müssen, hatte mit meiner Gesundheit zu tun gehabt. Hatte ein gesundheitliches Problem.'
Manuela: 'Was ...? Du schaust doch ganz fit aus. Dir fehlt kein Fuß, kein Auge, kein Finger an den Händen ... Sehe nichts, was dir fehlen könnte. Die Zunge hat dir auch keiner abgeschnitten.'
Ich: 'Doch, mir fehlt was. Leider. Hat mit dem Rücken zu tun. Der Bandscheibe. Ich bin nicht mehr voll belastbar. Das heißt, ich bin auf Dauer kaum noch belastbar. Dafür, Soldat sein zu können, reichts auf keinen Fall mehr. Total die Prozente hats mir runtergehauen. So viele, daß sie mir nahegelegt haben, ins Privatleben zurückzukehren.'
Manuela: 'Hört sich komisch an - nahegelegt ... Die haben dir was na-he-ge-legt ...?'
Ich: 'Kann man schon sagen. War überhaupt nicht nett. Ganz und gar nicht nett. Wie die mich gedrängt haben. Ein paar Jahre war ich schließlich schon Berufssoldat, immer fit, motiviert. Und dann ziehe ich mir unvermittelt einen Schaden an der Bandscheibe zu, daß es eben nicht weitergeht. Und sie lassen mich fallen. Beinahe wie eine heiße Kartoffel. Hatte damals unmittelbar die Absicht, auf Auslandseinsatz zu gehen. Habe ich beerdigen können. Die Gefahr bestand bei mir sogar, daß ich dauerhaft im Rollstuhl sitzen bleiben könnte, wenn mit mir wieder was ist. Dem war aber bis heute zum Glück nicht. Trotzdem mußte ich damals aufhören, mich ins Zivilleben zurückziehen. Höchstens noch fürs Büro, daß ich getaugt hätte. Zum Bürohengst. Hätte ich gut machen können. Wenn sie nicht ... Weiß nicht, wie die mit mir umgesprungen sind - haben die gemeint, ich hätte das mit meinem Unfall absichtlich herbeigeführt, um nicht auf den Einsatz ins Ausland zu müssen? Um mich vor dem zu drücken? Dabei hatte ich mich freiwillig für den gemeldet gehabt, stell dir vor. Jedenfalls war da bei Gesprächen so ein Unterton, als ob sie vermuten, ich ... Na, der Ton macht die Musik. Ist überall auf der Welt so. Habe ich dann, weil es nichts mehr für mich an der ganzen Geschichte zu ändern gab, ans Studieren gedacht. Siehe da, jetzt studiere ich. Bin Student.'
Ich bitte Dich schön, liebes Tagebuch! Sei die Sache mit Manuela wie sie sei. Da hat was überhaupt nicht hingehauen. Weil - warum erzähle ich das dort, bei Manuela?
Muß man sehen: Jahrelang war Helen meine Freundin, heiraten wollte ich Helen - und Helen weiß diese Dinge, warum ich kein Soldat mehr sein konnte, nicht genau.
Den Grund dafür, warum ich kein Soldat mehr sein konnte, den hat Helen nie von mir erfahren.
Vermutungen hat Helen welche angestellt. Wenn ich wieder zu starke Kreuzschmerzen hatte, wieder zu kämpfen hatte, einfach aus dem Wohnzimmersessel in ihrer Wohnung hochzukommen. Gemutmaßt hat Helen, Helen, die Tablettenpackungen von mir überschaute, Beipackzettel las.
Nur, zugegeben habe ich Helen deswegen nichts.
Meine Eltern, Vati, Mutti, Mylady Bettina und Tanja, meine Geschwister, haben ebenfalls nicht den vollen Überblick, was das anbetrifft. Keiner weiß etwas Genaures davon. Unterlagen hat keiner der Familie zu Gesicht gekriegt. Für die Monate er Reha bin ich nicht zu Vati und Mutti nach Hause gekommen. Habe die nicht in der Umgebung des Wohnhauses von Vati und Mutti gemacht. Daß dauernd darüber zu reden gewesen wäre, man mich nach Dingen fragen können hätte.
Gewußt haben Vati, Mutti eine Zeitlang nur von mir, daß ich einen Unfall hatte. Daß der für mich keinen guten Ausgang hatte.
Mehr wissen Vati und Mutti im Grunde genommen bis heute nicht.
Mann!
Weswegen ich diese Zeilen schreibe, mein hochverehrtes Tagebuch: Bei Manuela sitze ich da auf der Parkbank nebendran, fliegt mir das, woraus ich eigentlich bis heute in meiner näheen Umgebung ein Geheimnis mache, aus dem Maul raus. Daß es für mich nicht zu fassen war, wie das zugegangen ist.
Wie nichts kriegte Manuela die bestens von mir gehütete, verborgene Geschichte auf die Lauscher.
Nach all den zwischenzeitlich vergangenen Jahrestagen hocke ich dort mit Manuela auf diese ordinären Holzbank im oberen Stadtpark, schon bekommt Manuela Sachen zu erlauschen, daß es nicht zu fassen war, ist. Kleinigkeiten, die ich üblicherweise niemandem mitteile. Weil ich sie im Grunde jedem verschweige.
Niemand, der das auch unzweideutig zu wissen brauchte. Niemand, dem das was anging. Mitleid oder Mitgefühl brauchte ich jedenfalls keines, von keinem.
Wenn man mir das schon nicht ankennt, weil ich ganz in Ordnung scheine - da braucht es am Schluß auch keinen größer zu interessieren, daß etwas ist. Oder?
Alles klar, Tagebuch? Alles klar bei Dir?
Gewichte hebe ich üblicherweise keine. Nicht zu oft jedenfalls und nicht für länger.
Wem muß das auch großartig auffallen, daß ich nicht mehr allzu schwer hebe?
Auch ohne Gewichtheben kann es rundgehen. Zum Beispiel beim Sex. Oder auf der Arbeit. Beispielsweise da bei Mauth.
Immer wieder gibt es hilfreiche Maschinen. Nennen wir mal als Möglichkeit einen Gabelstapler.
Oder es kommen einem die Helferlein herbei. Welche, die beim Hochheben eines Dings mithelfen. Mehr helfen, als sie denken.
Kapitto? Ist das verstanden?
*
Achtzehnter Juli, mein Tagebuch.
Genaue Uhrzeit: 01:33 Uhr.
Hatte vor einer Viertelstunde einen richtigen Adrenalinschub.
Grund: Etwas ist mir gegen das äußere Insektenschutzgitter und den herabgelassenen Rolladen geflogen.
Ganz deutlich hat mir das Geräusch in den Ohren geklungen.
So was geschieht nicht von selbst. Steine, Steinchen müssen hochgehoben und geworfen werden.
Habe mich jedoch, statt runter- und rauszulaufen, aus dem Haus hinaus, auf mein Bett gelegt. Ängstlich, zittrig.
Die geballte Faust hatte ich Höhe Herz dagegengepreßt.
So bin ich auf alten Kinderbett gelegen, habe auf die Geräusche meiner Umgebung gelauscht.
Wer wirft mir einen größeren Stein gegen Insektenschutz und Rollo, daß es laut kracht?
Schon die Frage, wer das machen könnte. Kurz nach der Mitternachtsstunde, mitten in der Nacht.
War das etwa Vati? Vati mit einem Wurfgeschoß.
Nein, kann ich mir nicht vorstellen, daß Vati so was tut.
Zu Vati paßt das nicht.
Vati könnte doch seine Probleme anders lösen: Wenn Vati die Wut packt, kommt er einfach zu mir hoch. Stürmt mir ins Zimmer herein, schreit bei mir hier rum.
Auch mitten in der Nacht.
Konnte ich mir leider auch unheimlich beantworten, das mit dem Steinwurf.
Daß jemand ganz anderes dort unten ist.
Jemand ... Jemand ...
So ein Gefühl habe ich ... So ein Gefühl.
Daß das eine ist, eine, die ich aber nicht sehen will.
Nicht das bißchen möchte ich die sehen.
Seitdem der Stein mir gegen den Rolladen flog, warte ich. Ob sich noch etwas abspielt.
Bloß, etwas Weiteres, als das, was war, hat sich die vergangenen Minuten nicht getan.
Bis zu dieser Sekunde - nichts mehr ist passiert.
Alles um mich her wie immer. Praktisch, die Dinge unverändert.
Ich sitze hier am Drehstuhl vor dem Rechnermonitor, habe Dich aufgeklickt, mein Tagebuch, und habe die Tastatur in Gebrauch.
Mit Worterkennung und Autovervollständigung von Worten, falls ein Buchstabe fehlt. Komma wird mir auch gesetzt.
Solange das in Dir weitergeht, hör mal, Tagebuch, geht das weiter. Solange ist einfach nichts.
Bin ich in der Lage, in Dir Zeilen zu tippen, mein Tagebuch, bedeutet das, daß nichts anderes, gar Schlimmeres bei mir ist.
Wer oder was immer da einen Stein geschmissen hat, daß er krachend dranflog, an das Schutzgitter, den Rolladen - der muß schon mehr losmachen.
Der muß zu mir hier hochkommen.
Wer draußen ist vorm Haus, muß reinkommen, hier ins Gebäude. Zu mir die Stiege hochsteigen, in meine Zimmerflucht zu gelangen.
Oder draußen die Fassade hochmachen, das Gitter gegen die Insekten wegreißen. Was immer ...
Wenn er, sie, es was von mir will, muß was unternehmen, an mich ranzukommen.
Jeder, hat er die Absicht, sich von draußen vorm Haus zu mir hereinschaffen, muß sich auf irgendeine Art mit mir verständigen.
Oder er, sie, es bleibt draußen.
Also, mein verehrtes Tagebuch ...
Im Grunde genommen ist nichts los jetzt hier.
Weil ich bei dem Steinewerfer auch Manuela vor Augen habe ...
Weiter mit dem Tippen von Zeilen, Text, die mit Manuela zu tun haben.
Nichts anderes als das mit Manuela bringt mich schließlich mit den Nerven runter, läßt mich an Geister und Gespenster glauben. Erschafft mir Grusel.
Welch eine unheimliche Welt ist das heute für mich!
Trau mich nicht von meinem Drehstuhl hier weg ...
Wenn also nichts weiter ist. Solange nur die Möglichkeit besteht, an Herzschlag zu sterben, ich mich wahrnehme, nicht weggekippt.
Noch bin ich nicht unten am Fußboden ...
Nun denn, ich tippe hier was voran, Tagebuch. Schreibe Worte, Sätze.
Das ist ein schreckliches Ding, das Manuela-Ding.
Was dieser Dreh mit Manuela ist, was ich da begreifen hab müssen ...
Nicht von schlechten Eltern.
Manuela und ich, ich und Manuela, liebes Tagebuch ...
Unerhörterweise, ich und Manuela, Manuela und ich. Ich zusammen mit Manuela.
Für mich ist das klar, liebes Tagebuch. Ich meine ich, ich kann das, wenn ich will, irgendwo unterwegs sein. Mir ist so was bis heute möglich.
So wie ich mir vorkomme, meinen Körper spürend.
Aber SIE, Manuela, Manuela an Orten ... SIE, Manuela, an meiner Seite an Orten, Plätzen ...?
Manuela, die mich begleitet.
Daß Manuela mich aber irgendwohin begleite? SIE das konnte, SIE, Ma-nu-ä-la?
Wie geht das zu? Wie konnte das IHR funktionieren?
Wie konnte das sein? Wie konnte das die Möglichkeit sein, das zwischen Manuela und mir?
Wie und warum?
Weiterhin Du, Tagebuch.
Weißt Du, Tagebuch, Manuela und ich. Das geht eigentlich gar nicht. Trotzdem waren wir, Manuela und ich, zum Beispiel im Stadtpark.
Nach dem Unteren gelangten Manuela und ich in den oberen Park.
Dorthin, zu diesen Momenten jenes Nachmittags, kehren wir an der Stelle hier zurück, mein Tagebuch ...
Wenn sich sonst nichts hier abspielt, Tagebuch.
Da war längeres Schweigen, zwischen mir und Manuela.
Erinnert hatte ich mich, daß ich Sex-Absichten hatte. Das eine, das ich wollte: Sex.
Ein Mädchen, eine Frau.
Deshalb war ich auf Reisen gegangen, um mir eine aufzutun. Der Grund, daß ich herumlatschte.
Und jetzt sah ich Manuela da bei mir. Manuela, die ebensogut war wie jede andere. Die eine, die ich haben wollte, die konnte bestimmt ebensogut Manuela sein. Oder? Am Schluß war das dafür vollkommen gleichgültig, ob Manuela die war oder nicht.
Da half es mir allerdings nicht viel weiter, wünschte ich mir was, daß Manuela und ich aneinander vorbei langatmig herumschwiegen.
Wenn ich dahingehend vorankommen wollte, mußte Leben in der Bude sein. Gesang.
Das hieß, Gespräch war nötig. Reinste Notwendigkeit, irgendwann demnächst den Weg ins Ziel zu finden. Da mittenrein, mittenrein dazwischen, zwischen die Beine Manuelas.
Bei all zu langer Schweigerei bestand die Gefahr, daß Manuela sich plötzlich was überlegte, aufstand, sich verabschiedete und wegging. Daß Manuela mich achtlos mit mir selber zurückließ. Weil ich nichts weiter zu sagen wußte.
Keine Ahnung, wann ich Manuela mal wieder irgendwo getroffen hätte. War Manuela fortgegangen, bedeutete das, ich konnte mir eine andere suchen.
Demnach sagte ich besser was zu Manuela. Machte den Mund auf. Ließ hören. Ich: 'Was hast du vorhin schnell gesagt? Du hast gesagt, du wärst doch noch gerne mit mir zusammengeblieben? Wäre damals gut gewesen. Hätte ich gewußt, daß du mir doch ein paar Tränen hinterherweinst, hätte ich ... Hätte ich nur davon erfahren können ... Bist mir aber nicht vorgekommen, als würdest du viel wegen irgendwas weinen, habe ich dich kurz wo gesehen. Mit einem zusammen ...'
Manuela: 'Fast ein Jahr waren wir zusammen, du und ich. Solange wie mit dir war ich vorher mit keinem zusammen. Total verknallt war ich in dich. Geweint habe ich, richtig geweint, als Schluß zwischen uns war. Habe dir wirklich länger hinterhergeweint. Viel länger, als du verdient hattest. Muß ich schon sagen. Brauchte Tage ...'
Ich: 'Hm!'
Manuela: 'Stimmt aber! Daß ich schnell wieder einen hatte, mit dem du mich gesehen hast, das hatte nichts zu sagen. Das war eben ein anderer, der da war. Bis ich ihn satt hatte. Oder er wegging. Die Trennung von dir, die habe ich nicht so einfach weggesteckt. Schnell war ich dich nicht los. Öfters habe ich unvermittelt zu heulen angefangen. Schuld warst du. Weil ich an dich denken mußte. Dich in meinen Gedanken gesehen hatte. Wegen dir hab ich plötzlich losgeweint. Keiner, der bei mir dabei war, hat gewußt, warum ich plötzlich zu flennen anfange. Sagen wollt ich es keinem. Und warum habe ich plötzlich geweint? Weil ich an dich denken habe müssen. An dich. Das hat mich eine Zeitlang ganz schön zornig gemacht, wenn ich wieder heulen habe müssen. Nur wegen dir. Wegen dir. Wegen dem, weil ich mich von dir trennen mußte. Weil wir jetzt getrennt waren. So was hatte ich vorher noch nicht kennengelernt. Nicht viel von so was. Lange hinterhergeweint hatte vorher noch keinem.'
Ich: 'Ja?'
Manuela: 'Ich war wirklich in dich verliebt. Deshalb war das ganz, ganz schrecklich, daß ich mich von dir trennen mußte.'
Ich, voll am Säuseln: 'Habe dich auch geliebt. Ganz toll. Deswegen war ich auch, als wir noch zusammen waren, ganz schön eifersüchtig. Wenn du mal alleine ohne mich was unternommen hast ... Weißt du noch? Habe Beppi zu Boden gestoßen ... Wenn du alleine wo unterwegs warst, mußte ich dauernd daran denken, du könntest dich von einem küssen lassen ...'
Manuela: 'Ach ja? Da fällt mir was ein ... O ja. Katrin hat die geheißen! Katrin, erinnerst du dich noch an die? Erinnerst du dich an Katrin? War im Januar damals, weiß ich noch. Da im Januar hast du Katrin geküßt. Du küßt diese Katrin, Bern-die ...'
Ich räuspere mich.
Haargenau, Tagebuch, Bern-die ...
Mein Name - Berndie -, der muß bei Manuela bis dahin blockiert gewesen sein.
Bin mir sicher, Bernd, mein Name, war Manuela eben erst frisch wieder eingefallen. Endlich, daß sie sich wieder an meinen Namen erinnert hatte.
Mußte den Namen richtig rausknautschen, aus den Untiefen ihres Gedächtnisses, Manuela. Eindeutig länger für gebraucht, Manuela.
Außerdem hatte Bern-die bei Manuela dauernd einen Klang. Sagte Manuela Bern-die, klang was mit.
Manuela: 'Du erinnerst dich doch an die, Katrin, Bern-die ...?'
Wiederholung des Geräuspers von mir.
Manuela: 'Habe das nicht fassen können, das mit Katrin, Bern-die. War Katrin nicht ein bißchen sehr fett und schief? Wie du die hast küssen können, Bern-die, diese Katrin. War ich überrascht, als ich das gesehen habe. Wenn ich mit dir zusammen und viel hübscher bin wie diese Katrin, Bern-die - wie hast du die dann so küssen können? Weiß wirklich nicht, wie du mich die folgenden Tage zurückbekommen hast können, nachdem ich das gesehn hatte, wie du bei Katrin ran bist. Du hast sie geküßt, Bern-die, nicht schlechter wie mich. Sie, diese voll fette, gräßliche Schlampe Katrin.'
Ich: 'Ich glaub, ich hatte ein paar Bier. Wein und Schnaps hatten wir auch gesoffen. Und im Stadtpark hier oben dort drüben was geraucht ...'
Manuela: 'Liebe muß blind machen, Bern-die. So hast du dich nämlich eigentlich nicht angehört, als ob dir das mit Katrin groß leidgetan hätte, als du den Mund aufgemacht hast. Da bei Joeys. Dachte eher, du wolltest bombenmäßig vom Tisch hochkommen. Um mir eine reinzuhauen. Weil ich was zu dir gesagt habe, weil du an Katrin herumgefummelt hast.'
Ich: 'Habe ich mich nicht damals für alles bei dir entschuldigt? Auf dem Boden bin ich vor dir gekniet, Blumen in der Hand. War das nichts? Du hast dich doch gefreut, daß ich zu dir gekommen bin. Meine Entschuldigung hast du angenommen, die Blumen ...'
Manuela: 'Ach, das? Habe schon Bescheid gewußt. Über dich. Also, vor mich hinknien kann sich eigentlich jeder. Mir zwei, drei Blümchen schenken, die er vorher beim Freund daheim aus dem Blumenstrauß, den die Mutti von ihm gekriegt hatte, rausgezupft hat, das auch. Mir fehlt gerade die Idee, warum ich dir, Bern-die, nicht gesagt habe, daß jetzt zwischen uns Schluß wäre. Ende, aus. Aus und vorbei. Nein, das, daß du Katrin ... Auch heute noch kann ich das nicht begreifen. Nicht zum Einsehen. Versteh es nicht. Wie du Katrin küssen hast können. Wie du die fette Schlampe Katrin umarmen und küssen hast können. Mit Zunge voran - igitt! Die Zunge schiebst du der rein ... Hast es sogar noch mal gemacht. Schluß hätte mit dir sein müssen, zwingend, sag ich dir. Schluß, Ende, Aus.'
Ich, um mich ein klein wenig zu verteidigen, wegen dem mit Katrin damals: 'Weiß noch, wollten dich bei deinen Alten in der Wohnung abholen. Nur hat uns keiner aufmachen wollen, bei dir oben, Manuela, als ich mit den anderen drei bei dir an der Wohnungstür geläutet habe. Von drinnen hörten wir Geschrei. Jede Menge Schreierei ...'
Manuela: 'Mein Vati hatte während den Tagen ziemlich viele große Sauftage. Übel, übel. An den Haaren hatte er Mutti durch die Wohnung gezerrt, Christine gehauen. Es war nur schlecht zum Aushalten, alles. Für mich auch. Mußte mich für ein paar Tage um was andres kümmern als um dich. Da warst du dann an dieser fetten Katrin dran, nicht zu fassen.'
Ich: 'Keiner konnte zu dir in die Wohnung rein ... War sinnlos für mich, alleine oder nicht, lange draußen vor der Tür rumzustehen, wenn keiner herkommt, uns aufmacht. Und, vielleicht warst du überhaupt nicht drinnen, nicht daheim, Manuela ... War für mich eine Möglichkeit. Sind wir dann alle zusammen immer zu Joeys weiter. Du warst nicht bei Joeys drinnen. Bist tagelang erst nach Mitternacht zu Joeys rein, glaube ich. Da war ich lange ganz schön zugeschossen. Ziemlich hacke. Daß ich überhaupt noch gerade am Tisch gesessen bin ...'
Manuela: 'Sehr gut bist du am Tisch gesessen, an der Seite Katrins, der fetten Schlampe. Wenn ich da vorm Tisch gestanden bin, warst du ziemlich gerade. Kein bißchen müde, bloß mit etwas Glanz in den Augen. Katrin hast du geküßt. Mit Zunge. So was von ekelhaft. Ekelhaft. Das macht mein Liebling mit der. Mein Liebling macht das bei dieser fetten Schlampe Katrin ...'
Ich: 'Wenn ich noch was weiß, dann das, daß du nicht lange tatenlos am Tisch neben Katrin und mir gehockt bist. Angefangen hast du, Katrin zu zwicken und Katrin immer wieder so an den Haaren zu ziehen ...'
Manuela: 'Das weißt du alles noch ganz genau! Dabei ist das so lange her. So angeschossen, hacke kannst du also nicht gewesen sein, Bern-die. Wenn heute die Erinnerung dran so gut ist. Dir war klar, daß du Katrin küßt. Toll küßt. Während ich nebendran dabeigesessen bin ...'
Manuela und ich fingen mit einer neuen Runde Schweigen an.
Das mit dem Geschweige dehnte sich in die Länge, gefährlich in die Länge.
In die Hände hat Manuela plötzlich neben mir auf der Parkbank geklatscht, daß ich im Sitzen zusammengeschreckt bin.
Manuela mir daneben schaute aus, als freue sie sich über irgendwas. Ich schaffe frische Dienstworte hervor. Ich: 'Was ist los, Manuela?'
Manuela grinst mich an, spricht: 'Weißt du, was wir jetzt machen, Bern-die?'
Ich: 'Nein, Manuela, weiß ich nicht.'
Manuela: 'Joeys Pils Pub, Bern-die ... Bei Joeys, bei Joeys haben wir uns das erste Mal geküßt ... Ja, das machen wir, Bern-die - wir gehen jetzt beide zu Joeys, ja? Ich will jetzt zu Joeys, Bern-die.'
Ich, schulterzuckend: 'Einverstanden! Warum nicht zu Joeys? Daß es Joeys heut noch gibt ...? War ich ewig nicht mehr, bei Joeys drinnen. Echt ewig.'
Das mit Katrin, Tagebuch, das kann nur Manuela bei mir so in der Art unter die Nase reiben. Nur Manuela.
Bitte, Tagebuch, Manuela, Manuela und ich - dort auf der grüngestrichenen Parkbank ...
Wie die allergewöhnlichsten Menschen, daß wir dort zusammensitzen.
Oder war dem nicht so?
Ich sehe mich jedenfalls neben Manuela sitzen. Und die Sachen zwischen Manuela und mir, die stimmen.
Alles so deutlich. Manifestiert.
Meine zwei Augen blicken, wie Manuela sich auf die Füße erhebt.
Manuelas Füße, zwar ein klein bißchen bleich. Aber sonst wie eh und je.
Ich mache das unverzüglich auch, stelle mich auf die Beine, Manuela gegenüber auf.
Und, stell dir vor, Tagebuch, nach meiner Hand faßt Manuela. Manuela greift sich meine Hand. Fürs Händchenhalten.
Händchenhaltend sind Manuela und ich im Park geschlendert. Auf dem Weg zu Joeys.
Zwar ein hübsch kaltes Händchen, das von Manuela.
Aber, sollte ich mich deswegen beklagen? Wäre mir nicht eingefallen.
Mann, das war es doch für mich, daß Manuela sich meine Hand nimmt.
Der erste echte Pluspunkt auf meinem Weg, bei Manuela demnächst irgendwann zwischenrein zu flutschen. Mitten hinein, zwischen die Beine Manuelas.
*
Achtzehnter Juli, Du, mein Tagebuch. Dich schnell aufgeklickt.
Halb zehn Uhr am Vormittag. Genaue Uhrzeit: 09:36 Uhr.
SCHROTT!!!!!!!!
Schrott!!!!!!!!
Mein Auto ist nur noch Schrott.
Anders ausgedrückt, Tagebuch, mein schönes Auto, es ist nicht direkt Schrott. Sondern hat nur noch Schrottwert.
Mein Fahrzeug, es hat nur noch den Scheiß-Schrottwert.
Fünfzig Hunderter-Scheine möchte er mir für mein Auto geben, ER, Heinz, der Mann von Autorep.Heinz.
Das sagte ER zu mir, ER, der Besitzer der Scheißdreck-Autowerkstatt. Sagte ER, der Mann mit Namen Heinz.
Könnte diesem Heinz die Soße machen. Ganz rot. Aber nichts von der Tomate.
Fünfzig mal einhundert.
Das sind fünftausend.
Fünftausend.
Für fünf Tausender würde ER mir mein Fahrzeug abkaufen, ER, der Mann. Weil es noch ziemlich neu wäre, mein Auto. Eigentlich.
Fünftausend - wär ein fairer Preis, spricht Heinz. Fünftausend - das wär ein fairer Preis.
Klar sind fünfzig Einhunderterscheine fair. Ist das ein fairer Preis.
Hauptsächlich für IHN!
Weil, wenn der Mann neu herrichtet ...
Darum dreht es sich, Tagebuch: Mich kostet das nämlich, eine hübsche Unsumme, lasse ich bei Autorep.Heinz reparieren.
Die rechte Seite, wenn die anfangen, die zu lackieren ... Dann kostet mich das am Schluß was auf der Rechnung. Einen schönen Batzen.
Die Mechatroniker-Freunde haben außerdem feine Haarrisse an der Achsenaufhängung vorne rechts und der Hinterachse rechts festgestellt. Irgendwas mit Vorder- und Hinterachsträger, Zugstrebe, Kolbenzwingen, kaputten Stabilisatoren.
Muß ich das Ausbeulen erwähnen? Hinzu kommt das mit dem Ausbeulen. Hat ebenso seinen Anteil an der Rechnung.
Vorne rechts und hinten rechts brauche ich weiterhin ganz neue Reifen.
Um Dir das als Information zu geben, Tagebuch: Die gesamte Elektronik meines Wagens, die hatte bei der Überprüfung gewaltige Aussetzer. Die Elektronik hat die Aussetzer weiter.
Neu aufgesetzt muß die Kiste werden. Neu aufgesetzt.
Bei denen dort in der Werkstatt - denen da bei Autorep.Heinz - läuft der Motor so was von unrund. Einfach so was von unrund.
Was für mich eins bedeuten kann: Motorenwechsel. An einem Motorenwechsel könnte kein Weg vorbeiführen.
Das Beste wäre, ich kaufe mir ein neues Auto. Bei Autorep.Heinz kann man sich auch einen Neuwagen kaufen. Oder einen Gebrauchten, fast neu.
Mann, das wird mir von IHM hingesagt! Von IHM am anderen Ende der Leitung.
Mannomann, am liebsten hätte ich mein handliches, leicht zerbrechliches Telekommunikationsgerät, das ich mir ans Ohr gelegt hatte, weggenommen und das Teil an die Wand geschmissen.
War ganz nahe dran. Ganz, ganz nahe.
Wackelkontakte und neue Sommerreifen, erneuerte Bremsscheiben - sind das Allerwenigste.
Das macht den Brei nicht fett.
Das, von dem ich durch diesen Heinz Mitteilung bekommen habe - das ist der springende Punkt -, daß mich das gesamte Reparationspaket richtig Geld kosten würde. Mehr, als ich habe. Bestimmt die nächste Zeit haben werde. Das heißt, wenn ich noch ein bißchen was leben will. Was zum Leben haben will, als Student.
Das mit der Autoreparatur, das kann ich mir schlichtweg nicht leisten.
Ich kann mir diese Reparatur meines Autos, mit dem ich eigentlich noch problemlos zur Werkstätte von Autorep.Heinz gefahren bin, nicht das bißchen leisten.
Habe ich diesem Heinz, dem von und zu Werkstatt-Scheffe, also vermittels meines mobilen Telefons mitgeteilt, daß ich mein Auto auf der Stelle wieder bei ihm abhole. In einer halben Stunde bin ich dort, bei ihm in der Autowerkstatt, hole mir mein Teil auf vier Rädern wieder.
Labert Oberbosse Heinz, herkommen könnte ich schon, zu ihm und seinen Leuten in die Werkstatt. Wenn ich aber in mein Auto einsteigen wollte, damit abzufahren - würde die Polizei gerufen. Unverzüglich. In dem Moment, in dem ich die Fahrertüre aufmache, meinen Hintern am Fahrersitz plaziere - Anruf bei den Polizeibeamten.
Weit würde ich bei meiner Autofahrt nicht kommen, gelänge es mir, den Motor zum Laufen zu bringen. Ob ich danach auf die Autobahn raufkurve oder sonstwohin. Oder denn bei mir daheim ankäme, dann würde die Polizei mich eben bei mir daheim erwarten. Mich nach Erklärungen fragen, warum ich in einem Wagen, dessen Fahruntüchtigkeit autowerkstättentechnisch festgestellt worden ist, in der Gegend rumkutschiere.
Deutlich wiederholt Heinz, der Mistkerl, es mir, mein Auto, das wäre fahruntüchtig, nicht mehr für den tagtäglichen, ordinären Gebrauch auf den Straßen, Autobahnen zu gebrauchen.
Erst müßten die Reparaturen an dem Fahrzeug durchgeführt worden sein, dann könnte ich wieder ...
Für das Fahrzeugreparieren müßte ich bei Autorep.Heinz mit einem Geldbetrag von am besten Zwo-fünf in Vorleistung treten.
Weil das nicht gesichert wäre, daß die Versicherung irgendwas von der fälligen Summe, die die Reparatureinheit kostet, übernimmt. Teilkasko hätte ich schließlich nur. Hätte zudem was mit dem Verkehrsgericht, wegen Unfallflucht.
Der falsche Film. Der falsche Film, in dem ich mich hier mitspiele? Oder was?
Klar, alles nur verkehrt hier.
Das Befürchtete bewahrheitete sich. Es stellte sich als Wahrheit heraus.
Ich habe kein Auto mehr!
Ganz und gar autolos bin ich.
Bis vor ein paar Tagen habe ich ein Auto gehabt. Jetzt habe ich keines mehr.
Kein Auto mehr. Kein eigenes Fahrzeug.
Weil ich hinterm Lenkrad ein paar klitzekleine Sekündchen eingeschlafen bin, habe ich kein Auto mehr.
Sekundenschlaf auf der Autobahn. Sekundenschlaf auf der Autobahn.
Minimal kurze Sekunden hatte mich der Schlaf überwältigt.
Wer soll das bezahlen? Wer hat so viel Geld?
Von der Autobahnmeisterei wurde Heinz, dem Chef der Mechanikerwerkstatt, mitgeteilt, daß sie die Leitplankenteile, die ich mit meinem Fahrzeug beschädigt habe, ausgewechselt haben.
Das Geld, das die einzelnen Plankenteile insgesamt kosten - das schießt mir den Kopf weg.
Bleibe ich am Ende als der übrig, der für alles zahlen muß, kann ich also dafür noch monatelang arbeiten, bei Mauth.
Wenn die bei Mauth mich so viel arbeiten lassen. Mehr bei denen arbeiten lassen, als ich ursprünglich arbeiten wollte, sollte.
Wie das so zugeht, momentan, in meinen kleinen Angelegenheiten, liebes Tagebuch, keine Ahnung habe ich.
Ich weiß hier ja so gut wie von nichts, aber Heinz, dem Werkstatt-Oberbosse, dem hat die Autobahnbehörde telefonisch Bescheid gesagt. Kein einziges bescheidenes Wort von denen ist zu mir vorgedrungen.
Als ginge mich als den Unfallverursacher erst als letztes etwas an. Als hätte ich erst auf die genauen Anschreiben mit der Aufstellung der von mir verursachten Schäden zu warten. Sonst auf nichts. Dann, wenn ich die Brieflein aufschneide, würde ich alles haarklein überblicken können. Jeden Scheiß-Posten. Mit dem Betrag dahinter, was was der Kostenpunkt ist
Es ist mir eine Welt entstanden, in der Gegenwart, Tagebuch, eine zum Davonlaufen.
Was soll ich nur machen? Wo soll ich hin davonlaufen? Wo mich hinflüchten? Wenn SIE mich überall kriegen.
Der reinste Horror hier, wo immer ich derzeit in meinen Angelegenheiten hinschaue.
Das Beste wäre, ich ginge in die Anstalt.
Piep, piep, ich spinne.
Die Drecks-Versicherungsgesellschaft, wenn die drauf beharrt, daß sie keinen Scheißdreck-Cent zahlt ...
Verfluchter Mist, ich und Vati, wir sind überkreuz.
Von der Seite Vati habe ich nichts zu erwarten. Nicht einen traurigen Hosenknopf. Der wäre Vati momentan noch zuviel für mich.
Für die Geldbeträge, die im Augenblick im Raum stehen, muß ich mein Studium für ein Semester sicher ruhen lassen. Dann: zweimal Semesterferien dazugerechnet.
Ob das reicht? Ob ich nicht besser zwei Semester sage?
Die ganze Zeit malochen. Nichts als malochen. Durchmalochen. Am besten mit Überstunden. Nachtschicht, wenn es geht. Weil für die Nachtschicht bei Mauth gut gezahlt wird.
Für die Nachtschicht verlangen die von Mauth neuerdings allerdings einen Gesundheitscheck. Tippitoppi fit muß einer für Mauth sein.
Ob ich den Check bestehe, das ist die Frage.
Eher kenne ich das Ergebnis jetzt schon.
Scheiße!
Die nächsten Monate, das ist meine übliche Semesterferienarbeit bei Mauth. Da ist die Welt für mich klar.
Wenn ich darüberhinaus im Betrieb bei Mauth schuften möchte, noch mehrere Monate darüberhinaus - das ist was andres. Ganz was andres.
Ob die bei Mauth mich überhaupt für länger brauchen? Mich über die Zeit hinaus weiterbeschäftigen?
Für neun Monate, grob über den Daumen gepeilt, daß ich jetzt eine Arbeitsstelle brauche. Damit könnte ich bei Mauth schon beinahe einen einjährigen Arbeitsvertrag unterschreiben. Wäre fast so was wie ein fester Mitarbeiter. Wie einer aus dem Zeitarbeitersektor.
Mit der Überlegung muß ich bei Mauth erst mal in der Personalabteilung bei Personaler Altdorf an- und rüberkommen.
Mehr als drei Monate habe ich bei Mauth noch nie gearbeitet.
Ein Jahr - zwei Semester ...
Eine Unterbrechung meines Studiums für ein Semster. Schlimmstenfalls für zwei.
Das bei Mauth erklären, daß ich das mit dem Arbeiten bei ihnen über das Übliche hinaus ausdehnen möchte.
Was für Laufereien mir deswegen bevorstehen, Tagebuch ...
In Ordnung, fragen kann ich die bei Mauth auf jeden Fall.
Fragen kostet nichts.
Schaut jedoch, über den Daumen gepeilt, eher aus, als müßte ich mich woanders umtun. Müßte auf Arbeitssuche gehen.
Neben der Schufterei bei Mauth, daß ich auf Arbeitssuche bin. Suche nach einer Arbeitsstelle für die darauffolgenden Monate ...
Wenn das kein Dreck ist.
Dreck! Dreck!
Sieht aus, mein Leben, das ist mir total aus den Binsen geraten.
Mein verdammter Autobahnunfall mit den Schäden an meinem Auto und an den Leitplankenteilen dort auf der Strecke, das ist das eine. Das andere: Fahrerflucht habe ich auch noch begangen.
Fahrerflucht!
Ich habe keinen verdammten Rechtsschutz, Tagebuch.
Den von meinem Vater kann ich nicht in Anspruch nehmen. Weil mein Vater den seinen vor zwei Jahren auslaufen hat lassen, hat meine Mutti mich erinnert, als ich Mutti nebenher danach ausgefragt habe.
Wenn ich mir also angesichts der dampfend hochkochenden, stinkenden Kloake, vor der ich herumstehe, einen Anwalt nehmen möchte - muß ich für den selber zahlen. Aus eigener Tasche an den überweisen.
Das bedeutet nichts andres, als auch für den noch mich zusätzlich arbeitsmäßig abrackern. Für den Anwaltsmenschen und seine Kanzlei.
Oder kriege als Student doch einen Schein?
Muß ich mich im Sekretariat der Uni demnächst erkundigen, da anrufen. Morgen, übermorgen.
Scherereien um Scherereien. Nichts, was einer in Wirklichkeit irgendwie braucht.
Dazu dann das: daß Manuela mir begegnet ist. Manuela läuft mir über den Weg.
Es ist alles nicht von der Hand zu weisen. Das, woran ich in Wiederholung denke, Tagebuch: Irrenhaus. Bezirksklinikum. Psychiatrisches Krankenhaus.
Oder - so eine Vorstellung in mir. Ich stelle mir vor, daß ich aus meinem Zimmer rausgehe, auf den Hausspeicher hinaufmarschiere. Droben, daß ich die Dachluke aufmache. Durch die aufs Hausdach hinaussteige.
Um mich vom Dach da hinunterzustürzen. Die Arme ausgebreitet. Mit lautem Schrei.
Ein kurzer Flug.
Treffe ich so am gepflasterten Erdboden auf, daß ich ums Leben komme, wäre ich all meiner Sorgen ledig. Auf einen Schlag.
Gewiß würde ich dann nicht weiter an irgendwelche alte Freundinnen denken, die mir nachmittags vorm Gesicht herumgeistern. Eine, von der ich glaube, sie gesehen an dem besagten Nachmittag des zehnten Juli gesehen zu haben. Sehr lebendig.
Sehr lebendig war mir alles dort vorgekommen. Bei Manuela. An der Seite Manuelas.
Die Manuela-Angelegenheit, die was Jenseitiges hat, hätte nach meinem Abgang ins Jenseits blitzartig den Abflug gemacht.
Von Manuela und von der Manuela-Geschichte - wäre ich befreit.
Für den ganzen Rest hier jetzt - nach der Erscheinung Manuelas, die für alles bei mir aktuell verantwortlich ist - könnte wer anders blechen ...
Vati, Mutti. Wer immer das will. Oder der muß.
Nur ich, ich hätte mit dem ganzen Dreck nichts mehr zu tun.
Hatte ich nicht bis vor ein paar Tagen eigentlich ein schönes, angenehmes Leben?
Zwar hatte ich die Trennung von Helen zu verarbeiten ... Aber - das war machbar.
Für mich war es zu verkraften, daß ich nicht länger mit Helen zusammen war. Weil die sich in Helen-Ebru verwandelt hatte.
Habe ich nicht für mich festgehalten, daß es außer Helen noch andere Weiber auf der Welt gibt? Sogar jede Menge Weiber, überlegt man sich das mal genauer. Ein paar von denen sicher nicht mit Helen verwandt.
Man müßte sich nur kurz nach denen umsehen. Sich was mit der nächsten in meiner Gegenwart ergeben.
Hatte ich eben eine neue. Eine Nachfolgerin.
Gab doch eigentlich kein Problem bei so was, oder?
Die Hauptsache war doch, man hatte Glück. Man war mit ihnen noch nicht verheiratet, wenn sie durchknallen.
Man hat das früh genug gehabt, das mit ihnen und ihren Mucken, ehe sich das mit dem Ja-Wort ereignet hat.
Auch ein Glück.
Oder nicht, Tagebuch?
Bei Helen-Ebru hatte ich dieses Glück ja.
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