"Das digitale Tagebuch" (17.07. - 20.07.), No. 3
Achtzehnter Juli, mein Tagebuch.
Am frühen Nachmittag. Uhrzeit: 14:03.
Der Mensch sollte essen. Essen sollte der.
Ich könnte es mir wirklich schmecken lassen.
Spaghetti mit feiner Tomatensoße und vielen Sorten Salat mit einem tollen Dressing, geliefert von Pizza Basta, meinem neuen Lieblingsitaliener-Lieferservice.
Schön große Portionen, die dem Kunden von Pizza Basta gebracht werden.
Habe ich alles schon mickriger kennengelernt.
Auch das, daß etwas weniger gut schmeckt als bei Pizza Basta.
Trotzdem, mir wollte, will nichts so recht runtergehen, von der Speise.
Praktisch kämpfe ich seit zwei Stunden damit, liebes Tagebuch, meinem Mittagessen den Garaus zu machen. Das, für das ich eigenhändig bei dem Liefermenschen, der mir das um elf telefonisch von mir Bestellte relativ pünktlich um zwölf Uhr mittags an die Haustür brachte, bezahlt habe.
Würde mir jemand zuschauen, könnte ich ihm wie ein kleines Kind vorkommen, das nicht fertig wird, seinen Spinat, von dem Mutti gesagt hat, daß er aufgegessen werden müßte, hinunterzuwürgen.
Oder ich wäre einer, der vorher bei der Zubereitung seines Mittagsmahls zugesehen hat, dabei zufällig flüchtig mitkriegte, wie der andere Mitarbeiter im Vorbeigehen in den Spaghetti-Soßen-Topf reingespuckt und drinnen umgerührt hat.
Habe ich aber nicht, so was gesehen. Weiß nichts von so was als Realität bei meinen Spaghetti-Gericht.
Nur die ungefähren Möglichkeiten von dem, was da sein könnte, die sind mir bekannt.
Solange ich bei einem mir von auswärts angelieferten Mahl jedoch auf nichts draufbeiße, merke ich sowieso nichts von irgendwas. Hauptsache, es ist eßbar.
Und das Gericht 'Napoli' von Pizza Basta, das schmeckt eigentlich. Müßte ich wegputzen wie nichts.
Das heißt, daran liegt es nicht, daß mir nichts runterrutscht. Daß ich von meinem Pasta-Mittagessen nur schwer was hinunterkriege.
Mensch, Du hast recht, Tagebuch!
Es stimmt alles haargenau. Du weißt, wie die Dinge hier zusammenhängen.
Seit der Ansage des Obersten von Autorep.Heinz, daß mein Auto nur noch Schrottwert hat, ist mir alles ziemlich gründlich vergangen.
Deswegen habe ich dich auch wieder extra aufgeklickt, mein hochverehrtes Tagebuch, tippe in Dir.
Das, was ich in Dir eigentlich unterbringen möchte, hat nichts mit dem Geflenne von wegen meinem vierrädrigem Fahrgeschäft zu tun.
Vor zweieinhalb Stunden habe ich einen Anruf gekriegt, auf meine mobile Telefonie. Die, die ich in meinem Zimmer herumliegen habe.
Der hörbare Empfang, wieder einmal nicht eben der beste, bei mir in meinem alten Kinderzimmer oben.
Mußte ich schnell hinunterlaufen, ins Erdgeschoß, die Nummer der Frau unten am Haustelefon wählen.
Ist mir Mutti auf der Türschwelle in die Küche dagestanden, hat mich mit todernster Miene betrachtet und bei allem zugehorcht, was ich geredet hab.
Am liebsten, daß ich Mutti in die Küche gescheucht und die Tür hinter ihr zugeschlagen hätte.
Reinste Aggression, die ich angesichts von Mutti fühlte. Obwohl, Tatsache: War eigentlich totalegal, ob Mutti horchte oder nicht. Sollte Mutti mich ruhig belauschen, wenn Mutti das brauchte.
Eine erste Reaktion auf meine Zeitungsannonce war das, hochverehrtes Tagebuch.
Die bis dato einzige.
Eine Resonanz ist das bisher, voll enttäuschend für mich.
Kammer hieß sie, die Frau, die ich zurückrief, Frau Isabell Kammer.
Frau Kammer hat mich informiert, daß sie einen Mann, auf den meine ungefähre Beschreibung paßen würde, mit einer Frau an seiner Seite in der Stadt gesehen hätte. Um den Zeitraum herum, wie er in meiner Zeitungsannonce genannt wird. Jener Nachmittag am zehnten Juli eben. Die Uhrzeit, von der Frau Kammer sprach, eigentlich die richtige.
Frage ich, wo Frau Kammer mich und meine Begleiterin erblickt hat, der genaue Ort. Wie hat nun die junge Frau genau ausgesehen, Kleidung und so?
Meint diese Frau Kammer zu mir, daß meine weibliche Begleitung kurze, schwarze Haare hatte. Schwarze Röhrenjeans an den Beinen. Ein weißes Topp, viel zu knapp; nahe dran, eher ein Bikinioberteil zu sein.
War eine spaßige Geschichte, die mir Frau Kammer anschaffte.
Frage, liebes Tagebuch: Können Leute lesen? Hatte ich in der Anzeige im regionalen Käseblatt nicht eine junge, blonde Frau mit langen Haaren erwähnt, schwarzer Mini?
Und ich? Welche ferneren Details wüßte sie, Frau Kammer, noch von mir, dem Kerl?
Sie, Frau Kammer, hätte vor ihrem geistigen Auge, daß ich ein Zopfträger wäre. Schulterlange Haare hätte ich, die ich hinten zu einem Zopf zusammengebunden getragen hätte.
Am Oberkörper hätte ich mir eine braune Lederjacke übergezogen gehabt. Auf der Jacke hinten an der Rückenpartie ein großes Stoffteil aufgenäht: eine Teufelsfratze. Gräßlich, häßlich. Rotinger 'Dead Riders'.
Du lachst Dich echt weg, Tagebuch?
Würde ich auch gerne machen. Mit Dir mitlachen. Bloß ist mir nicht zum Lachen.
Obwohl das was hat. Nämlich das: ich - ein Motorradrocker!
Huch! Was sagt man denn dazu?
Auf keinen Fall bin ich das, so was wie ein Rocker.
Einer, der rumrennt und ausschaut, als gehöre er irgendeiner Rockerbande an. Das bin ich nicht.
Schlimm, was, mein Tagebuch?
Kann demnach nicht viel stimmen, daß Frau Isabell Kammer mich gesehen hat. Manuela, die hat Frau Kammer schon mal überhaupt nicht gesehen.
Was Frau Isabell Kammer des weiteren geredet hat, hat sich allerdings ziemlich klasse angehört.
Frau Kammer sagte am Telefon, daß ich und die mit dem kurzen, schwarzen Haar, die bei mir gewesen wäre, vor Zilkes Mode herumgestanden waren.
Mann, Tagebuch, Zilkes Mode - das ist ein Treffer.
Zilkes Mode - dort waren Manuela und ich tatsächlich. Manuela und ich, aufgebaut vor dem Schaufenster von Zilkes Mode mit den Braut- und Abendkleidern.
Auch wenn die Beschreibung meiner Person und der Manuelas durch Frau Kammer einfach nicht auf mich und Manuela passen wollte - Manuela und ich, wir waren dort, haben bei Zilkes Mode durchs Schaufensterglas geschaut.
Frau Kammer, die hat sich lediglich ein andres Pärchen kurz gemerkt, es mir genauer zu beschreiben ...
Sehe mich und Manuela, Tagebuch, der Schaufensterscheibe von Zilkes Mode gegenüber.
Auf das weiße Brautkleid mit zugehörigem weißem Schleier oben drüber über einen Doppelstahlhaken drapiert deutet Manuela mir hinter dem Glas der Scheibe.
Manuela: 'So ein schönes Kleid, Bern-die. So ein schönes Kleid hätt ich auch gerne getragen. Für ihn. Für ihn, Hansi. Aber Hansi, dieser Dreckskerl ... Verlobt hat Hansi sich schon mit mir. Aber mich heiraten - mich heiraten, das hat Hansi mich nicht mögen. Drei Jahre sind Hansi und ich heute verlobt, Bern-die. Zwei Jahre hat er mich hingehalten, er, Hansi. Immer wenn ich Hansi gefragt hab, ob wir nicht bald heiraten könnten, ist Hansi taub geworden. Nein, mich heiraten, da hat er das Thema gewechselt. Ein Scheißkerl, Hansi, Bern-die, sag ich dir. Hansi, der ist so ein Scheißkerl. Einen größeren Scheißkerl kannst du dir nicht vorstellen.'
Ich zucke zu Manuela hin die Schulter. War mit diesem Hansi ja nicht bekannt. Ganz genau kannte ich die Situation zwischen jenem Hansi und Manuela auch nicht. Deswegen war eher das Angesagte, mich zurückhalten, was einen Kommentar anging, der Hansi zum Mittelpunkt hatte. Nicht, daß Manuela was in den verkehrten Hals geriet. Was mir Nachteile bringen konnte. Während des Fortgangs der Geschichte. Eben deswegen, weil mir der genaue Überblick fehlte.
Manuela: 'Schau dir das an, Bern-die. Schon ein hübsches Brautkleid. Stell dir das vor, Bern-die, wie toll ich in dem Kleid ausschauen würd. Wenn ich das erst angezogen hätte, würdest du große Augen machen. Nur noch große Augen würdst du machen.'
Am Kopf kratzte ich mich hinten. Das Thema Heirat, das war die Tage nicht eben mein Lieblingsthema. Heiraten wollte ich die nächste Zeit keine. Nicht standesamtlich, nicht kirchlich.
Manuela guckt nach der Seite zu mir herüber, meint: 'Was schaust du so doof, Bern-die? Glaubst du mir nicht? Gehen wir rein, soll ich es mir kurz anziehen?'
Ich, es eilig habend, alles Manuela wunschgemäß zuzugeben: 'Klar steht dir das Kleid. Bestens sogar. Das Brautkleid würde dich sehr gut kleiden.'
Manuela: 'Die Rüschchen, Bern-die ... Der tiefe Ausschnitt, und wie die Rüschchen meine Brüste betonen würden ... Die Puppe hat ungefähr meine Oberweite, nicht? Das da ist ein Brautkleid, wie ich mir das weiße Kleid für meine Hochzeit wünschen würd. Genau so müßte es sein. Müßte nur noch kurz für mich angepaßt werden, Bern-die. Aber nicht viel. Auch das rote Abendkleid da. Das wäre an mir auch nicht schlecht. Tiefen Ausschnitt, den kann ich mir immer erlauben. Nicht wahr, Bern-die?'
Da gab es tatsächlich nichts zu meckern. Was Manuelas Brüste anbetraf, war alles paletti. Das Süßholzgeraspel, das angesagt war, hatte nichts Verlogenes. Ich: 'Kannst du, kannst du. Du bist in jedem der Kleider schön. In jedem Kleid bist du schön, Manuela. Glaube, jedes dieser Kleider würde dir stehen. Dir steht alles. Einfach alles. In jedem Kleid wärst du nicht zu übersehen. In jedem dieser Kleider würde man nur dich ansehen. So schnell würde keiner deinen Auftritt vergessen, nirgends. Du wärst in aller Munde ...'
Dem Impuls hatte ich, mal mir nichts, dir nichts kurz zu Manuela rüberzufassen, Manuelas Brustrundungen unter ihrem schwarzglänzenden Samtstoff ihres Sackminikleids abzutesten.
Dagegen hatte ich anzukämpfen, und ich habe dem nicht nachgegeben.
Obwohl ich das Jucken hatte, habe ich die Idee mit meinen Grapschefingern nicht in die Tat umgesetzt.
Der Grund: Hätte ich das gemacht, Tagebuch, wär es sicher zu übereilt gewesen.
Hätte Manuela es verkehrt aufgefaßt, hätte das vielleicht mörderisch werden können, was meine weitergehenden Absichten bei Manuela angegangen wären.
Ich meine, verehrtes Tagebuch, wenn Manuela sich das in dem Moment nicht von mir gefallen lassen hätte wollen, daß ich dort rüberlange.
Wäre möglich gewesen, daß Manuela mir auf der Stelle eine Maulschelle verpaßt hätte, wäre ich ihr unvermittelt offensiv angekommen.
Ein paar glasklare Ansagen, die Manuela für mich parat haben hätte können. Unmißverständliches, das Manuela angesichts von dem, was ich getan hatte, zu mir herspricht. Um aus meiner Nähe fortzumarschieren. Manuela, die Empörung in Person.
Nein, liebes Tagebuch, es war nichts mit dem Griff nach Manuelas Brüsten. Habe da bei Manuela meine Hände weggelassen.
Hab mich zügeln können. Geduld, habe Geduld, das sagte ich mir.
Geduld, die Devise. Mit Geduld den rechten Zeitpunkt abzuwarten - war auch mit ans Ziel zu kommen.
Oder nicht, Tagebuch?
Nur, aus der Sicht, die ich heute, im Hier und Jetzt, auf die Dinge habe, denke ich, ich hätte das bringen sollen, Manuela unvermittelt nach dem Brustumfang zu fühlen. Willens, Manuela in aller Öffentlichkeit, für jeden, der zufällig herschaute, die Oberweite herzukneten.
Und wenn sich Manuela, ob meiner Unbeherrschtheit, tatsächlich empört hätte. Mit allem Drum und Dran.
Wenn Manuela mir deswegen eine auf die Wange verpaßt, Gekreisch zu mir her abgelassen hätte, um eine Sekunde drauf von mir fortzumachen, aus meiner Nähe zu verschwinden ...
Ich würd meinen, das Allerbeste wäre das für mich gewesen. Das Beste, was mir für diesen Nachmittag und die Tage drauf geschehen hätte können.
Das jedoch - um das unzweideutig festzuhalten, mein hochgeschätztes Tagebuch - ist vollständig dem Heute geschuldet.
So, wie es in der gegenwärtigen Welt für mich ausschaut, hätte es kaum irgendwas Besseres für mich geben können. Als das, daß Manuela mir zornig irgendwas herkeift. So in der Art, was ich mir denn erlaube, ihr so einfach an die Brüste zu gehen. Um mich im Anschluß daran stehen zu lassen. Sich von mir zu entfernen, aufgebracht.
Fort von mir und meiner näheren Umgebung, Manuela.
Ach, wäre das schön gewesen.
War aber leider alles nicht. War nicht.
Es war nicht. Weil ich dem Verlangen nicht nachgegeben habe, ich nicht hingefaßt habe, bei Manuela. Deswegen konnte es nicht sein.
Jetzt ist jetzt.
Was ich jetzt gerne auch noch wüßte: Habe ich Manuela im Schaufensterglas oder sonstwo mal wiedergespiegelt gesehen? Oder habe ich nicht?
Mir kommt vor, ich hätte.
Aber ... Sicher bin ich mir das nicht.
Bewußt darauf geachtet habe ich nicht, ob ich Manuelas Spiegelung nun wo gesehen habe.
War doch selbstverständlich, daß Manuela sich spiegeln müßte. Oder?
War für den nachmittäglichen Ablauf allerdings nicht von Bedeutung, das. Irgendwelche Spiegelungen Manuelas irgendwo, die standen auf meiner Aufmerksamkeitsliste nicht gerade weit oben.
*
Achtzehnter Juli, mein Tagebuch.
Halb sieben am frühen Abend haben wir. Genaue Uhrzeit, von der Leiste abgelesen: 18:31 Uhr.
Sachen gibt's, Tagebuch.
Es ist so, ich bin hier. Ich sitze wieder hier am Drehstuhl an meinem Rechnertisch.
Vor mir ist die Tasta.
Auf der Tastatur - über F1, F2 bis F7 - hatte ich sie plaziert, die Schlaftabletten. Siebzehn Uhr war die Zeitangabe rechts unten an der Bildleiste.
Nachdem ich das mit den Tabletten von F1 bis F7 gemacht hatte, habe ich mit wichtigem Gehabe die Mineralwasserflasche aufgeschraubt.
Anschließend habe ich nichts gemacht, als auf die weißen Stücker Tabletten in Kreisform draufzustarren. Minute um Minute.
Die Überlegung, das, worum es sich beim Ganzen drehte: Reichten mir die sieben Stück?
Schluckte ich die Tabletten eine nach der anderen - waren sieben eine ausreichende Zahl fürs Abkratzen?
Sollte nämlich danach keinen zweiten Versuch geben müssen.
Wenn ich das mit den Schlaftabletten machte, dann richtig.
Finaler Schnitt. Ohne Rückfahrkarte.
Oder ich ließ es ganz bleiben.
War doch klar, Tagebuch, bin ich tot, habe ich keine Sorgen mehr. Als Toter hätte ich mir zu einhundert Prozent keine Sorgen mehr zu machen.
War ich tot, waren alle Geschichten für mich vorüber.
Alles aus und vorbei.
Fangen wir nur damit an: Ein Verstorbener braucht keine Rechnungen zu bezahlen. Keiner im Sarg mußte das.
Für was Geld zu zahlen, so was mußten nur die Lebenden. Die, die lebten, die hatten wegen Zahlungen die Besorgungen.
Um nichts weiter müßte ich mich kümmern, sechs Fuß unter der Erde. Oder als Leichnam, den man eingeäschert hatte.
Höchstens darum, zuzuschauen, daß ich, war ich abgekratzt, so geschwind wie möglich von der Örtlichkeit fortkam.
Das hieß, gab es irgendwas derartiges wie eine Seele, die sich loslösen konnte vom Körper.
Darüber hätte ich als Verstorbener nun Bescheid bekommen, wüßte, was das war. Wenn man starb.
Alle Spekulationen über ein Leben nach dem Tod hätten ein Ende.
Schließlich: Die, die tot waren, die wußten.
Echt wahr, mein hochverehrtes Tagebuch: Aus dem Leben wollte ich scheiden. Mich umbringen.
Total ein Scherzchen, das was hat.
Weil, weißt Du, mein Tagebuch, gleichzeitig aber, obwohl da diese Todessehnsucht in mir ist, bin ich - feige. Feige.
Feige, feige, feige.
Feige konfrontiere ich mich nicht.
Möglicherweise mit dem Tod. Meinem Tod.
Statt mich der Möglichkeit auszusetzen, ums Leben zu kommen, will ich weiterleben, stürze davon. Fluchtartig.
Die Flucht ergreife ich. Renne davon.
Und, siehe da, ich lebe. Lebe immer noch. Bin zurückgekehrt zu den Schlaftabletten.
Als Toter könnte ich das hier wahrscheinlich nicht tippen.
Du kommst nicht mit, mein Tagebuch, sagst Du? Dir fehlen die rechten Zusammenhänge?
Dazu will ich Dir jetzt aber sofort verhelfen, Tagebuch. Damit Du das verstehen kannst, was ich oben hintippe. Was war, das, was sich bei mir abgespielt hat.
Klipp und klar sollst Du es erfahren. Danach hier ein Licht aufgeht.
Bereit war ich nämlich irgendwie nicht, das Weiße in Tablettenform zu schlucken, Wasser hinterherzuschütten. Vorhin, um fünf Uhr am späteren Nachmittag herum.
Für den Moment war ich mein altes Kinderzimmer satt. So was von satt. Das ganze Haus hatte ich satt. Zu vieles, was mich drinnen im Haus anstank. Dem Haus meiner Eltern. Aus dem ich am liebsten fortgefahren wäre.
Ich mußte mal tiefer durchatmen.
Um siebzehn Uhr fünfundzwanzig herum, daß ich hinausspaziert bin. Raus aus dem elterlichen Wohngebäude und der Luft im Innern.
Unter freien Himmel habe ich mich begeben. Der heimische Garten mit grüner Rasenfläche, paar Bäumen und verschiedenem Gebüsch. Bin herumspaziert. An der Sonne schaute ich vorüber, auf die Fassaden benachbarter Häuser.
Hörte Vatis Stimme, dachte, das hätte mir gerade gefehlt, daß mir der ankommt. Ein paar Schritte, ich drückte die Klinke der Gartentür herunter, machte mir auf.
Der Entschluß war ein Spaziergang. Ein paar Meter weiter weg.
Auf dem aufgeschütteten Kiesweg bin ich ausgeschritten. Schon eine Entfernung von so eineinhalb Kilometern zwischen freier Acker- und Wiesenfläche zum Waldstück.
Lauschte während meines Spazierengehens auf die Dauerdröhnung des Fahrzeugverkehrs von den Straßen der Umgebung; vereinzeltes Krähengeschrei mischte sich dem bei. Krähen, Raben sah ich einzelne fliegen.
Schließlich war ich am mit Kies aufgeschütteten Geh-, Fahrweg am Waldesrand angekommen. Ein paar Momentchen später war ich auf dem Weg zwischen den Bäumen.
Und mußte stehenbleiben.
Wegen so eines seltsamen Gefühls.
So eine Bedrückung hatte mich befallen. Als wäre da irgendwas um mich rum was.
Immer stärker empfand ich Unbehagen. Das Empfinden von etwas Bedrohlichem.
Angesehen fühlte ich mich, beobachtet. Mir war, jeden Moment könnte etwas vor- und über mich kommen.
Auf dem Absatz habe ich mich im Kreis herumgedreht.
Mehrere Male die volle Umdrehung.
Nirgendwo jedoch eine Kleinigkeit zu blicken, daß meine Empfindung Hand und Fuß gekriegt hätte. Von Atmosphäre abgesehen, war nichts.
Unvermittelt, der Gedanke in mir: MANUELA!!!
An Manuela habe ich gedacht. An SIE, Manuela.
Wenn Manuela nun da irgendwo wäre ...
SIE, Manuela, die vielleicht bei mir in der Umgebung von meinem Elternhaus gewesen war. SIE, die mich dort beobachtet hat. Manuela, die mir hinterhergekommen ist.
Ohne daß ich was davon mitkriegte, daß mir wer nachkam.
Jetzt versteckte Manuela sich. Drückte sich hinter einem der dickeren Baumstämme herum, Manuela - noch. Jede Sekunde konnte Manuela das, von hinter einem der Stämme vorzutreten. Breit zu mir hergrinsend.
Ja, SIE war wieder da bei mir, daß mir dieses Grinsen erzählte. SIE, bei mir zurück.
Spöttisch, daß Manuela mir winkte, mich zu sich heranwinkte ...
Die Sonne hat zwischen dem Laub von weißen Birken heruntergeschienen, während in mir aller-, allergrößte Verzweiflung war. Nicht das kleinste Verlangen hatte ich, irgendwas von Manuela zu blicken. Und sei es nur Manuelas Schatten.
Unvermittelt gewahre ich im Augenwinkel tatsächlich Bewegung. Bei einem dicken Stamm. Jemand, der von dahinter vortrat.
Eine weibliche Person.
Es konnte nicht möglich sein, daß ich SIE sehe, SIE, Manuela. Aber - ich sehe SIE.
Ich sehe SIE, SIE, Manuela.
Es konnte eigentlich nicht sein, aber das war SIE, SIE, Manuela, die dort von hinter dem dick hochragenden Baumstamm hervorgetreten war.
An die Seite Manuelas stellte sich ein großer Mann dazu.
Ein Mann war bei Manuela. Neben Manuela, daß der sich aufbaute. Die Sonnenbrille nimmt er ab, nach mir zu glotzen.
So eine Penner-Type. Eine Penner-Type, mir seit dem späten Abend des zehnten Juli ebenfalls nicht ganz unbekannt.
Auch den hatte ich bereits in der Geschichte, in der Manuela-Geschichte. IHN auch.
Ein wildes, verzweifeltes Kreischen, das meiner Kehle entflieht. Aus dem Stand, daß ich mich herumwerfe, lossprinte.
In die Himmelsrichtung Elternhaus merke ich, daß ich renne. Wie toll bin ich am Rennen, fliehe vor dem Irrsinn, der mich bedroht.
Durch nichts werde ich in meinem Lauf aufgehalten. Bis ich atemlos, schweißüberflossen heimkomme. Nichts und niemand, der mich an meiner Heimkehr gehindert hätte. Die Haustür, durch die ich hineinstürzte, ins Haus meiner Eltern, war unversperrt, wie ich sie gelassen hatte. Die Stiege bin ich hinaufgehastet, in mein Zimmer hineingestürzt.
Schön, Tagebuch. Das war nun die ganze Szene. Die mich zum Rennen brachte.
So eine Braut mit langen blonden Haaren, die Manuela ziemlich ähnlich schaute, die habe ich geblickt. Und einen Dreckskerl in einem grauen, schäbigen Trenchcoat, erst mit dicker Sonnenbrille auf der Nase.
Überlege ich, eigentlich ziemlich oberflächlich, der Blick, mit dem ich mir die zwei angeguckt habe.
Das heißt, wenn das Paar dort zwischen den Baumstämmen mir tatsächlich real gegenwärtig war. Wenn ich die beiden, die ich da anguckte, nicht ausschließlich in meinem Kopf hatte.
Ich meine, die zwei vor meinen Augen. Überreizt wie ich war. So flüchtig, wie ich mir die im Grunde genommen nur anschaue. Statt Kühle zu bewahren, werfe ich mich herum, sprinte von da weg. Habe voll die Panik.
Jetzt, beim Tippen dieser Zeilen hier, Tagebuch, bin ich mir überhaupt nicht mehr sicher. Muß das nicht mehr SIE, Manuela, gewesen sein.
Das könnte genausogut irgendeine Blondine von Manuelas Statur mit einem schäbiger gekleideten Mann gewesen sein, mit dem zusammen sie zwischen den Bäumen unterwegs war. Der, der zu ihr dazutrat.
Ich meine, vielleicht denke ich das auch nur, ein solches Pärchen gesehen zu haben. Die reinste Einbildung von mir.
Alles reine Einbildung von mir.
Wenn dort in Wahrheit niemand war.
Wie immer. Was immer.
Was da an Leutchen war, wenn dort in Wirklichkeit jemand mir präsent war - eins ist auf alle Fälle sicher, zu einhundert Prozent: Ich habe die nicht viel nach irgendwas gefragt. Sondern lauthals drauflosgekreischt.
Voll die Panikattacke, wirble ich am Absatz herum. Ergreife vom Platz die Flucht.
Was sagt man nun aber da dazu, liebes Tagebuch? Wie nennt man das?
Auf dem Kiesweg da im nahen Wald - mache ich mir vor Angst in die Hosen. Und zwar hinten und vorn. Daß ich mich nach dem Heimkommen generell reinigen habe müssen.
Unter die Dusche habe ich gemacht, für zehn Minuten.
Meine Klamotten von vorhin, die habe ich in einer Plastiktüte in der Tonne entsorgt. Ein bißchen unter drunter.
Frisch geduscht, komplett neu eingekleidet, nachdem ich vor knapp zwanzig Minuten wie von allen Dämonen der Unterwelt gehetzt heimwärts gemacht hatte - sehe ich, in meinem alten Kinderzimmer am Drehstuhl vorm Rechnermonitor dahockend, wieder die Reihe Schlaftabletten auf der Tasta.
Dinger, bereit für mich. Auf mich gewartet haben die.
Mit den Tabletten, daß ich mich ums Leben bringen will. Sprich, Selbstmord, Selbstmord möchte ich begehen.
Vor dem Tablettenhaufen und vor mir selber, Tagebuch - habe ich demzufolge keinen Schiß. Da rinnt nichts irgendwo raus bei mir. Ungehemmt. Statt einer größeren Ängstlichkeit erfreut mich die Idee meines demnächst bevorstehenden Ablebens.
Die Filmtabletten, geschluckt und mit Wasser hinterhergespült. Die Frage: Reichen die?
Einen hübschen, netten Dämmertod, den mir die im Magen aufgelöste Tablettensuppe bringen könnte.
Ist das nicht herrlich? Köstlich?
Wenn das nichts Spaßiges hat auf der Welt, weiß ich das nicht mehr.
Weil: Dort, im Waldstück zwischen den Bäumen, da packt sie mich, die nackte Oberpanik.
Wegen zwei unverhofften Leutchen. So einem Paar. Zwei Figuren, die ich vielleicht flüchtig anschaue, wie ich jetzt finde, die ich trotzdem für irgendwen halte.
Zwischen den Bäumen sind die beiden eben herumgelatscht. Dann zufällig hinter dem dicken Stamm meinem Blick verborgen gewesen. Dort hat das Paar sonstwas gemacht, bis es vorgetreten ist, mir damit in die Sicht geraten ist.
Stehengeblieben sind sie, mich mal in Augenschein zu nehmen. Was ich für einer bin.
Eine Blondhaarige, die Manuelas Gestalt hat, und eine Type in einem grauen Trenchcoat. Einem Regenmantel übrigens, wie sie sie einhundertpro zu Hunderttausenden überall auf der Welt zu kaufen gibt. Auch in Alt.
Das heißt, wenn denn das Pärchen echte Realität war. Nicht überhaupt nur meiner Einbildung entsprang.
Der Fakt: Nicht das bißchen was, daß ich mich denen gegenüber länger aufbauen wollte. Für etwas Manifestiertes, Massives. Nicht für ein paar kurze Ansagen mag ich länger bei ihnen bleiben, sie mir ausgiebiger ansehen.
Keinen Nerv habe ich, abzuwarten, was passieren könnte, bei denen mit mir ... Die Flucht ergreife ich.
Aber, hier im Zimmer, auf meinem alten Kinderzimmer - da habe ich Schlaftabletten für mich bereit. Tabletten, sie zu schlucken.
Davor ängstige ich mich so gar nicht. Da gruselt mich nichts.
Kaum, daß sich mir wegen den Dingern in siebenfacher Ausführung der Herzschlag beschleunigt.
EinTabletten-Siebener. Siebenfach schluckbar. Mit Wasser hinunterzuspülen.
Werde ich dann nicht rechtzeitig gefunden, Ableben gewissermaßen nicht unwahrscheinlich.
Wenn das kein Witz ist, mein Tagebuch, weiß ich das nicht mehr.
Ein Witz ist das.
*
Neunzehnter Juli, mein Tagebuch aufgeklickt.
Bald elf Uhr am Vormittag. Genaue Uhrzeit: 10:43.
Wollte in Dir eben von einer Schlaftablettennacht und den Folgen zu schreiben anfangen, Tagebuch. Um dann den Dreh zu den Geschehnissen mit Manuela am zehnten Juli zu finden. Da fliegt die Türe in mein Zimmer hinein auf, daß ich vor Schreck fast vom Drehstuhl falle.
War vor knapp eineinhalb Stunden, knapp nach neun.
Nicht Vater, sondern Mutti, Mutti, die hereingelaufen kam zu mir.
Muttis erster Auftritt.
Aufgeregt hat Mutti zu mir gemeint, daß sie endlich Helens Eltern telefonisch erreicht gehabt hätte. Helens Mutter, die hätte sich am anderen Ende der Leitung gemeldet.
Am Anfang der Unterhaltung hatte Helens Mutter Mutti darüber unterrichtet, daß sie und ihr Gatte für ein paar Tage außer Haus bei einem Neffen gewesen waren. Dann wurde von Mutti das Thema Helen aufs Tapet gebracht. Und weil über Helen geredet wurde, drehte sich das Gespräch bald auch um mich.
Das mit Helen und mir, daß da etwas schiefgelaufen wäre zwischen Helen und mir, das täte Helens Mutti und Helens Vati, ihnen beiden, sehr, sehr leid. Waren kein so schlechtes Paar, Helen und ich.
Was sollten sie, als Helens Eltern, aber im Moment mit Helen anstellen? Was könnten sie groß machen mit und wegen Helen? Helen war lange volljährig. Alt genug für alles; tun und lassen konnte Helen, was sie wollte.
Ziemlich schwierig geworden, der Umgang mit Helen. Nur noch schwierig, eigentlich. Sehr schlecht, daß an Helen heranzukommen war.
Einigermaßen vernünftig mit Helen zu reden, fast ein Ding der Unmöglichkeit. Außer man würde zu Helen sagen, daß man mit ihr beten wollte. Am Teppich unten. Richtung Mekka. Da war Helen sofort dabei.
Gebete sprechen, das konnte man immer und zu jeder Zeit mit Helen. Sich Suren aus dem Koran von Helen vorlesen lassen. Religiöse Debatten führen. Bis zum Abwinken mit Helen.
Wie ich vermutet hatte, mein hochverehrtes Tagebuch, Helen hat eine neue Handy-Nummer. Die Helen mir, ihrem ehemaligen Verlobten, nicht hatte mitteilen mögen.
Logischerweise.
Schließlich war Schicht im Schacht bei Helen und mir. Ende. Schluß. Aus und vorbei.
Die besagte Nummer von Helens Phönchen, die hat Helens Mutti meiner Mutti dann durchgegeben, daß Mutti die Zahlen mitschreiben hat können.
Jetzt, das hat Mutti mir wie eine Siegerin in die Zimmerflucht gerufen, daß sie Helen anrufen werde. Helen, die würde jetzt von ihr, meiner Mutti, angerufen.
Mit Helen zu telefonieren, das wollte Mutti allerdings nicht bei mir am Zimmer oben. Dafür ist Mutti wieder bei mir aus der Räumlichkeit raus.
Gut, liebes Tagesbuch, ich bin am Platz hier geblieben. Habe Mutti nicht die Stiege hinunter hinterhergemacht. Wie Mutti vielleicht gemeint hatte, daß ich das machen würde. Ich mit meiner inneren Unruhe.
Eine Dreiviertelstunde herum vergeht. Nach der ungefähren Dreiviertelstunde hatte Mutti ihren zweiten Auftritt bei auf meiner Zimmerbühne.
Mutti, die die Stiege zu mir hocheilen mußte, mir alles ganz genau auseinanderzusetzen, was sie alles bei ihrer Telefonunterhaltung mit Helen in Erfahrung bringen konnte.
Zunächst mal: Dreimal, daß meine Mutti Helen angeklingelt hat.
Beim drittenmal, daß es Mutti tatsächlich klappte, Helen, die sich auf ihrer mobilen Telefonie meldete.
Biestig, Helens Tonfall. Meiner Mutti gegenüber, Tagebuch. Nachdem Helen das mitkriegte, wer sie da anrief. Daß es meine Mutti war, die sie, Helen, antelefonierte.
Grobkörnig blieb das, was Helen bei bestem Empfang auf beiden Seiten meiner Mutti an Dingen in ihr Kommunikationsgerät hineinraunte.
Gemeint hat Helen zu meiner Mutti am anderen Ende, daß sich nichts an allem ändern würde. Nichts würde sich ändern. Daß ich und sie, Helen, nicht länger miteinander verlobt wären, dabei würde es bleiben. Auch wenn das Herzibubilein Mutti für sich anrufen ließ. Deswegen ändere sich lange nichts an den Tatsachen. Ganz genau wüßte er, Muttis Herzensbubi, alles, was sie, Helen, von einem Mann erwarte. Einem Mann, der ihr Ehemann werden möchte.
Nur die Möglichkeit gäbe es. Anders bräuchte ich, Bernd, meine ganze anverwandte Sippschaft noch dazu, niemand um mich rum, sich auf keinem Fall um irgendwas weiter bei ihr, Helen, zu bemühen. Um überhaupt nichts.
Ihre, Helens, religiöse Gefühle hätte ich zutiefst verletzt. Zutiefst verletzt hätte ich die. Einfallen hätte ich es mir lassen, mich wiederholt in blasphemischen Äußerungen gegen Gott, den einzigen, den echten, den wahren Gott, seinem Propheten und die gesamte religiöse Welt zu ergehen. Keine normalen Entschuldigungen meinerseits würden ihr, Helen, dafür irgendwohin reichen. Dafür hätte ich eigentlich Folter verdient, vielerlei Folter, damit ich es lerne. Wie das alle Ungläubigen weltweit lernen sollten.
Bei Mutti, die sich den Telefonhörer nur ans Ohr hielt, setzte Helen mit dem fort, was ich für sie, Helen, zu tun hätte: Wollte ich, Bernd, zu ihr zurückkehren, müßte ich als allererstes meine Irrtümer in aller Öffentlichkeit wahrhaftig eingestehen. Hernach eine Reinigung vom Bösen in einem Zeremoniell an mir vollziehen lassen. Erst dann, wenn ich das getan hätte und für alle Zeit zu dem einen, dem einzig wahren Glauben übergetreten wäre, mit einer Beschneidung mich einverstanden zeigen würde, dann könnte ich mich vielleicht wieder ein bißchen was mit ihr, meiner Helen, unterhalten. Könnten wir beide, Helen und ich, Bernd, das Thema 'Liebe' neu besprechen. Darüber uns unterhalten, daß wir beide, sie, Helen, und ich, Bernd, uns lieben würden. Um vielleicht in den Stand der Ehe treten zu können, Mann und Frau zu werden.
Kaum zu Wort gekommen ist meine Mutti, liebes Tagebuch.
Ein regelrechter Wasserfall an Worten aus Helens Mund, eine Sturzflut, das konstatierte Mutti zu mir hin.
Umpf, eine Beschneidung? Den Kopf geschüttelt hat Mutti in meine Richtung.
Tatsächlich, für Helen sollte ich mich beschneiden lassen? Weil Helen sich das wünschte, sollte ich einer Beschneidung zustimmen? Einer Beschneidungszeremonie, wie sie sie üblicherweise bei kleineren Jungs schon durchführen?
Sage ich, daß es da eben Dinge gibt, die im Preis inbegriffen sind. Hängt einer diesem Glauben an, muß er das machen.
Blutige Sache, das, wenn einer sich beschneiden lasse, wußte meine Mutti. Mit großen Schmerzen für den verbunden, der sich das gefallen lassen mußte. Ohne Betäubung war das zu ertragen.
Filme hätte sie, Mutti, schon darüber gesehen.
Ich auch, sage ich zu Mutti, nicke zu ihr hin mit dem Kopf.
Auch mit meinem, Bernds, Essensverhalten und das meiner Umgebung hat Helen sich in dem Telefonat mit meiner Mutti ein Weilchen auseinandergesetzt.
Daran sollte ich und meine gesamte ungläubige Familie dringend etwas ändern, daß bei uns gewisse Nahrungsmittel auf den Tisch kamen.
Wahrer Glaube hieß: Kein Schweinefleisch mehr. Schweine, das wären unreine Tiere. So unrein, wie ich, Bernd, eben auch wäre. Ein Schwein wäre er, Bernd; ein echtes Schwein. In jeglicher Hinsicht ein Schwein. Als Gottloser wäre Bernd sogar noch weniger als ein Schwein. Könnte jeder Bernd schlachten.
Außerdem, wiederholte Helen Mutti es, daß nur mehr Geschächtetes auf den Tisch dürfte. Für alle. Für die ganze Familie.
Hm, ja, schächten ...
Das Wort schächten, Tagebuch, war Mutti ebenfalls durchaus geläufig. Mutti wußte, welche Bedeutung es hatte.
Das mit dem Schächten löste bei meiner Mutti Helen gegenüber ebenfalls nicht die allergrößte Begeisterung aus. Weil Helen ohnehin kaum begeistert war, von der Aussicht, daß ich, als die Person, die ich eben war, ihr Ehemann werden könnte.
Jener Bernd hatte ein anderer zu werden. Oder er hatte eben keine Helen zur Frau.
Kann mich noch bestens daran erinnern, Tagebuch, daß Helen bei einem unserer letzten mehr minütlichen Zusammentreffen nachdrücklich das angesprochen hat, was für mich bei ihr, Helen, Sache wäre. Daß mir das endlich klar wäre.
Für mich gab es nur eins. In der klaren Reihenfolge. Die Religion annehmen. Regelmäßiges Gebet. Mich beschneiden lassen. Ab sofort kein Schweinefleisch und keinen Alkohol mehr.
Das Allerwichtigste überhaupt aber wäre: das Gebet. Zu beten müßte ich anfangen. Regelmäßiges Gebet war Pflicht.
Sex, den gäbe es für mich, Bernd, mit ihr, Ebru, erst in der Ehe. Ohne Heirat keinen Sex. Nur mit der Ehefrau könnte ich Sex haben. Ansonsten könnte ich alles mit Sex und so vergessen. Ganz und gar vergessen.
Also, verehrtes Tagebuch, der Ton macht die Musik. Und der Tonfall Helens meiner Mutti gegenüber, der war nicht von schlechten Eltern.
Weit von oben herab, daß Helen meiner Mutti alles hinflözte. Aufdringlich.
Daß sie, meine Mutti, das doch genau wissen müßte, was für ein Bubilein ich, Bernd, ihr Sohnemann, in Wirklichkeit wäre: eine Memme, ein Muttersöhnchen. Saft- und kraftlos. Ganz hinten in der Reihe. Ein Ehr-, ein Gottloser.
Den richtigen Gott, den einen Gott, den würde ich einfach nicht erkennen. Trotz aller Mühe, die sie, Helen, sich bei mir gegeben hätte. Aber, den Gott, den müßte ich kennen. Wie meine gesamte Familie den einen Gott kennen sollte. Um ihn tagtäglich anzunehmen, ihn im Gebet zu erfahren. Zwingend notwendig für die Welt, endlich nach seinen Geboten zu leben.
Nur nach den SEINEN. Keinen anderen sonst. Sonst gäbe es keine Gesetze auf der Welt. Nur die SEINEN.
Mein Fehlgehen, das würde ich, Bernd, überhaupt nicht erkennen können. Eine unglaubliche Person, ich. Solange ich, Muttis Bernd, mich nicht total verändere, ich ganz und gar ehr- und gottlos bliebe, gäbe es so einfach nichts für mich bei ihr, Helen. Nicht das aller-, allerkleinste Stückchen.
Das müßte mir, Bernd, doch klar sein. Darüber müßte ich, Bernd, an Muttis Kittelzipfel hängend, genau Bescheid wissen.
Das waren die dann die letzten Inhalte Helens zu meiner Mutti hin. Eiskalten Herzens hat Helen Mutti, von Mutti angenervt, die telefonische Verbindung gekappt. Mutti einfach weggedrückt, Mutti, einfach nicht das Schwarze unter dem Fingernagel für sie wert.
Nicht noch mal, daß meine Mutti daraufhin bei Helen anrufen wollte. Obwohl die Telefonverbindung Mutti so abrupt abgerissen war. Keinerlei Verlangen hatte Mutti mehr danach, Helen noch mal für ein paar Worte ans Telefon zu kriegen.
In meinem Zimmer, in das Mutti zu mir heraufkommen mußte, mir von dem Zeugnis abzulegen, was Helen zu ihr Schönes gemeint hatte, ist Mutti dagestanden. Die Hände hat Mutti gerungen, mich angestarrt.
Hingegrinst habe ich Mutti eins, zu ihr gemeint, nun würde sie, Mutti, aber Bescheid wissen. Was das war, das mit Helen.
Wollte Mutti mir ja nicht glauben. Daß das stimmt, was ich von Helen gesagt hätte.
Statt dessen seien Vermutungen angestellt worden. Allerschlimmste Dinge, an die gedacht wurden. Unglaubliches, das man in der Familie vermutete. Nur, weil ich mich von der getrennt hätte, von Helen.
Das mußte ich Mutti knapp noch mal hinterher hinreiben, das, daß ich doch nichts Schlimmeres mit Helen gemacht hätte.
Nichts solches, daß ich betrieben hätte. So was, das hatte ich nicht bei Helen untergebracht.
Alles, was ich zu ihr, Mutti, gesagt hätte, was Helen anbetraf, das hätte der Wahrheit entsprochen. Es war nichts als die Wahrheit, die reinste Wahrheit.
Mehrmals, daß Mutti zu mir hinnickte.
Dann hat Mutti sich abrupt von mir abgewandt.
Ohne ein weiteres Wort in meine Richtung ist Mutti aus meinem Zimmer hinausgelaufen. Hinter sich hat Mutti die Zimmertüre zugezogen, daß diese leise ins Schloß schnappte.
Damit war Mutti denn fort.
*
Neunzehnter Juli, mein Tagebuch.
Am Abend, 20:36 Uhr.
War bis vorhin unten in der Küche, liebes Tagebuch.
Hatte Abendessen. Von Mutti für mich zubereitet.
Wiener Schnitzel; die Panade gewellt. Dazu lecker Kartoffelsalat.
Getrunken habe ich dazu dunkles Bier aus dem Halbliterglas.
Dies und das erzählte Mutti mir am Küchentisch. Nur, das Thema Helen, das fand nicht statt.
Ausgestorben war Helen.
Nichts mehr Helen. Nicht ein Wörtchen, das Bezug nahm auf Helen.
Im Gegensatz zu den Tagen zuvor war jede Art von Geschichte von und mit Helen - nicht der Rede wert.
Auch Vater hat in die Küche hereingeschaut.
Vater hat mich breit am Tisch sitzen sehen. Nur kurz hat Vater mich angesehen, um zu blinzeln anzufangen, an mir vorbeizuschauen.
Kurzangebunden war Vater zu Mutti. Zu Mutti hat Vater schließlich gemeint, daß er dann noch schnell in den Getränkemarkt fahren wolle. Anschließend schaue er für ein Stündchen bei Tanja und Tanjas Familie vorbei.
Ein Sekündchen darauf war Vater fort. Wie dematerialisiert.
Ich hab geblinzelt - kein Vater mehr weit und breit. Nur ich in der Küchenwelt, auf meinem Stuhl sitzend. Weiter habe ich an meinem Wiener Schnitzel herumgesäbelt. Mit Dunkelbier nachgespült. Mutti, die dablieb, fragte mich, ob ich noch Kartoffelsalat möchte.
Kein Geplärre nirgendwo, das mich und meine Gegenwart zum Mittelpunkt hatte. Diese Geräuschkulisse, nicht aufgeklungen.
Vielleicht, daß zwischen Vater und mir sogar wieder alles gut werden könnte, überlegte ich.
Unter Umständen, daß ich Vati demnächst doch genauer auseinandersetzen könnte, was mir mit meinen Auto passiert ist. Welche Besorgungen, Scherereien ich deswegen hatte.
Gut die Möglichkeit, verändert sich die Stimmung zwischen Vater und mir wieder, daß ich mit den ganzen Reparationszahlungen doch nicht ganz alleine bin auf der Welt.
Mit Muttis Hilfe, liebes Tagebuch ...
Vielleicht hilft mir doch Vati bei den schönen Sachen, die ich in Sicht habe. Nimmt mir schwerere Last von den Schultern. Erleichtert mir das eine oder andere.
Nebenbei, etwas muß geschehen. Das Wochenende steht an. Nur noch dieses Wochenende, das ich frei habe.
Und ich bin autolos. Bis jetzt weiß ich nicht, wie ich am Montagmorgen in die Arbeit bei Mauth kommen soll. Ohne fahrbaren Untersatz.
Dorthin muß ich allerdings gelangen können. An meinem Arbeitsplatz bei Mauth. Gleichgültig, wie.
Dafür könnte es jetzt wieder eine kostengünstige Lösung für mich geben, Tagebuch. Jetzt, nachdem das zwischen mir und Mutti wieder klargeht.
Alles, was zwischen Mutti und mir Trennendes sich befand, beiseitegeräumt. Mit einem einzigen Schaufelwurf.
Ein einziger Wurf mit der Schaufel, der hat dafür gereicht.
Jetzt muß bloß noch Vati eine andere Miene aufsetzen, schon ist alles gebongt.
Einhundertprozentig, daß mir das nichts ausmachen wird, morgen, übermorgen auf Vati zuzugehen.
Tut mir nichts, Vati die Problematik auseinanderzusetzen. Sogar Worte der Entschuldigung, sind die nötig, kann ich sprechen. Als wäre ich der, der sich groß entschuldigen müßte.
Allerdings: Macht mir das was?
Falscher Stolz, nicht angesagt. Als Gegenstand nicht von mir zu gebrauchen.
Es ist Tatsache: Ich bin der, dem die Pistole auf die Brust gesetzt ist. Der, der die Sorgen, Probleme hat. Solcherart Kümmernisse, Besorgungen verwandeln Eitles in den reinsten Luxus.
Dem stimmst Du doch voll zu, mein hochgeschätztes Tagebuch, nicht? Das, was ich gerade hier bei Dir drinnen tippe, nickst Du ab, oder?
Sollte eher froh sein, daß sich mir jetzt, gerade noch auf dem allerletzten Drücker, die Tür einen Spaltweit aufgemacht hat.
Es hätte wirklich noch eine geraumes Weilchen so weitergehen können. wie alles auf dem Weg war. Dumm eben für mich.
Jetzt sehe ich, daß geöffnet ist. Daß sich mir Möglichkeiten ergeben könnten, die Tür aufzuschwingen, sorglos über die Türschwelle hinweg hineinzugehen. Ohne, daß ich befürchten müßte, daß danach der schlimmste Sturm über mich hereinbricht. Stehe ich mitten drinnen im Raum.
Der Mißklänge waren so viele ...
Hätte meine Mutti Helens Mutti nicht am Telefon erreicht ...
Und - ha! - Mutti nicht Helen in eigener Person. Helen höchstselber. Helen, die sich Mutti gegenüber unbekümmert ausspricht.
Kann ich nur eins sagen: Danke, Helen!
Dankeschön, Helen-Ebru!
Du bist groß, Ebru Islam!
Dankeschön! Dankeschön!
Danke! Danke! Danke!
Danke dir, Helen, und Deinen Ansagen.
Bei Mutti ist kein Auge trocken geblieben.
Dafür kann ich dir überhaupt nicht viel genug danken, Ebru Islam!
Dafür sei dir herzlichst gedankt, Ebru Islam!
Danke, Ebru Islam!
Dank dir, liebste Ebru Islam, bekomme ich morgen früh wieder Kaffee. Kaffee, den ich mir nicht selber aufbrühen habe müssen. Sehe Mutti nicht mit einem Augenaufschlag in meiner Nähe, als müßte ich sofort den nächsten Zehner in die Haushaltsbüchse schmeißen, weil ich drei Löffel Kaffee aus der Dose geschaufelt habe, nicht zwei.
Die für mich von Mutti auf die Tischfläche hingestellte Keramiktasse wird mir von der Seite her von Mutti vollgeschenkt. Bis knapp unter den Rand.
Die Thermuskanne Kaffee fürs Hinaufnehmen aufs Zimmer, die meine Mutti mir füllt.
Die Frühstücksbrötchen, mir zuvorkommend von Mutti aufgeschnitten, bestrichen und mit Wurst und Käse belegt.
'Welche Marmelade darfs sein, Bernd?'
Dank Dir, Ebru Islam, ist meine Welt vielleicht bald wieder, wie sie früher für mich war.
Wie das schönste Vögelchen, daß du gesungen hast, Ebru Islam. Der reinste Wohlklang. Du weißt es nur nicht.
Schade alles nur für Pizza Basta.
Echt schade, für die.
Pizza Basta, mein Lieblingsitaliener, der ist nicht länger mein Lieblingsitaliener.
Vergessen werden vom Lieferdienst von Pizza Basta die Anreisen mit dem Auto. Der Spaziergang des Auslieferers der von mir bestellten Essensware hin zu mir an die Haustüre, findet nicht mehr statt.
Andererseits - mein Lieblingsitaliener ist Pizza Basta schon noch.
Am Phönchen abgespeichert hab ich die Nummer von Pizza Basta.
Nachdem Speis und Trank gemundet haben, werde ich die Daten von Pizza Basta gespeichert lassen. Versuchen, Pizza Basta außerdem im Gedächtnis zu behalten.
Für den Fall, daß ich die Dienste von Pizza Basta irgendwann demnächst wieder in Anspruch nehmen will.
Bei meiner Mutti kann ich mir dessen aber einhundertprozentig sicher sein, daß mir keiner ins Essen gespuckt hat, bevor mich, den zahlenden Kunden, das Teller erreicht. Oder sonst irgendwas Spöttisches beim Kochen oder mit dem Brät angestellt worden ist, wovon ich, höchstens dafür gut dafür, mit meinem Geld zu bezahlen, keine größere Ahnung habe.
Ist schließlich Tatsache, der Idiot - ich - weiß nur so lange nichts von irgendwas, solange er nicht auf was Festeres beißt.
Nur, geht das Späßchen mir an die Zahnblomben, habe ich einen massiveren Beweis für irgendwas. Dafür, daß irgendwas bei der Essensverfertigung schiefgegangen ist.
Denn: Auch das, in das einer hineingerotzt, -gespuckt hat, kann am Ende durchaus schmecken.
Alles ist auf einem guten Weg.
Für mich.
Alles paßt demnächst wieder.
Bei mir.
Dank Ebru Islam.
Dank Dir schön dafür, liebste Ebru!
Herzlichen Dank!
Besser hättest du die Geschichte nicht für mich klären können, Ebru Islam.
Hätte man dir eigentlich vorher sagen sollen. Vielleicht wärst du zurückhaltender bei meiner Mutti gewesen.
Darauf hätte ich früher drängen sollen, daß Mutti bei Helen anruft.
Weiß im Moment wirklich nicht, was mich geritten hat, daß ich die Idee nicht so gern hatte, daß Mutti und Helen miteinander reden. Hat doch gerade Helens Offenheit dafür gesorgt, daß alles bei mir jetzt wieder gut zu werden scheint.
Unter dem mit Helen kann ich jetzt einen Haken machen. Das mit der hätte sich in dem Sinne erledigt.
Das andere - auch mit dem werde ich gewiß noch fertig werden, liebes Tagebuch. Mit dieser Unfaßlichkeit, die Manuela bei mir angebracht hat.
Dieses unglaubliche Manuela-Ding!
Was mir seit jener Begegnung mit Manuela die Welt komisch und unübersichtlich Welt geworden ist - irgendwann wird sich da schon noch was glätten.
Das muß sich glätten, Tagebuch. Verrückt kann es nicht bleiben.
*
Neunzehnter Juli, mein Tagebuch.
Es ist jetzt: 22:47 Uhr.
'Wenn du keine Memme bist, kommst du nach nebenan in den Raum, den ich aufgemacht habe, machst die Cam an, den Ton. Dann unterhältst du dich mit mir wie ein Mann.'
Was für eine Ansage!
Eine Memme genannt zu werden - regt mich das irgendwie auf?
Klare Antwort: nein!
Fällt mir wirklich nicht ein, die Cam für ihn anzuschmeissen.
Muß den nicht am Bildschirm mir gegenüber sehen ...
Habe echt nicht das bißchen Bock da drauf.
Habe die Haupt-Rolle verlassen. Bin ganz dort rausgegangen. Ganz raus von dort.
Was will der denn, der blöde Lackaffe?
Echt wahr, Tagebuch, was will der denn?
Wenn ich hier die Cam anmache, das mit den laufenden Bildern anfängt, was hat man denn davon?
Was möchte mein Freund denn?
Daß ich ihm zusehe, wie er mich auslacht.
Will er mir seinen nackten Hintern zeigen?
Muß ich den aber wirklich haben? Sonst etwas von ihm eins zu eins sehen?
Die nächste Antwort: Muß ich sicher nicht.
Nichts brauche ich von dem.
Was habe ich davon, wenn der mich in Echtzeit sieht? Wenn er und ich nicht miteinander schreiben, sondern Worte in Echtzeit sprechen?
Nichts habe ich davon. Nichts.
Dem sein Verständnis für mich wird deswegen nicht besser.
Laser04 - daß ich nicht lache.
Wer ist der denn?
Laser04 - auch nur ein Nick.
Das Beste ist, man ist ganz aus Laden raus, liebes Tagebuch.
Ich gehe jetzt nur für Dich, Tagebuch - offline.
Was soll ich mich mit kleinesHäschen und Laser04 dauernd bekriegen wollen?
Habe mir mehr als genug eingebrockt, weil ich den beiden mein Vertrauen geschenkt habe. Seitdem breche ich nur noch ein, im Sumpf.
Jetzt aber, wieder für Dich, mein Tagebuch. Nur für Dich allein.
Die Tagebuch-Datei, wo alles seinen exklusiven Platz haben sollte. Dein einzigen, den besten.
Die Szenen mit Manuela, die in meinem Hirn ihre Widerhaken haben. Regelrecht sind sie mir im Kopf eingefressen.
Praktisch, diesen Film mit Manuela in der Hauptrolle, den ich auf Dauerschleife hatte.
Jetzt sitze ich hier auf dem Drehstuhl vorm Monitor, tippe den Text ein, überblicke die Zeilen ... Habe dabei diese Unverständlichkeit des zehnten Julis vor meinem geistigen Auge.
Ich an der Seite Manuelas. Manuela bei mir nebendran.
Im Grunde genommen alles ganz harmlose Szenen. Soweit.
Manuela war dann fort, und, obwohl Manuela fort war, ein paar kurze Stunden später, da geschah es mir, daß alles eine ganz andere Bedeutung bekommen hat.
Diese ordinären Szenenfolgen mit Manuela wandelten sich zu einer böswilligen Absurdität. Einer mystischen Monster-Show.
Die Wendung jemanden mitzuteilen, etwas, was ich mir normal nicht erlauben dürfte.
Nur, es nicht mitzuteilen ...
Ma-nu-ä-la ...
Verflucht soll sie sein, sie, Ma-nu-ä-la!
Das ist und bleibt für mich unfaßlich, das mit Manuela, mein hochgeschätztes Tagebuch.
Wenn ich das nur wüßte, wie Manuela das kann. Wie das mit Manuela mir sein kann. Wie mir das wirklich zugeht, daß Manuela mir ... Daß Manuela mir erscheint.
Manuela, die doch ... Die doch eigentlich ...
So was von fern war Manuela mir vor dem zehnten Juli. Etwas mit Manuela zusammen, das war eigentlich auch nichts weiter wie irgendwas mit einer beliebigen Fremden.
Lange, daß wir uns fremd geworden waren, Manuela und ich.
Zehn Jahre her, das mit Manuela und mir. Das könnte in dem Sinne aus der Kreidezeit der Erde herstammen. Um das so zu umschreiben.
Die Dinosaurier, auf ewiger Wanderschaft ... Bis dann die Zeit des Aussterbens kam. Vor Jahr Millionen.
Verschiedene Leben, Manuelas und meines. Ganz unterschiedliche Pfade, die Manuela und ich einschlugen. Weit, weit auseinander.
Total entfremdete Leute waren wir, Manuela und ich. Im Grunde genommen nichts als vollkommen Fremde. Nur solche, die, wenn sie sich wiedertrafen, zufällig erkennen konnten.
Anders kann ich das nicht hier in Dir beschreiben, liebes Tagebuch.
Eigentlich waren wir, Manuela und ich, uns voll entfremdet.
Nicht einmal mehr eine der kleinen Sexszenen, von denen ich einige mit Manuela hatte, hatte ich noch in meinem Kopf.
Wenn ich vorstellungsmäßig eine brauchte, Manuela war nicht bei denen dabei.
Wirklich nicht.
Was zählt das denn, das vor zehn Jahren?
Daß ich mit neunzehn, zwanzig vor Jahr und Tag mal ein knappes Jährchen ein Verhältnis mit Manuela hatte? Mit der einen oder anderen Runde heißen Sex?
Trotzdem vergessen gewesen.
Dermaßen viel Zeit dazwischen. Zwischen dem Gestern und Heute.
Es ist nicht zu fassen. Ich kann es nicht glauben, was das momentan ist, das mit Manuela.
Manuela?
Wie komme ICH zu Manuela? Zu jener massiven Erscheinung Manuelas?
Eine, die nicht sein dürfte, wenn man sich bestimmte Voraussetzungen überlegt.
Manuela, sie ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Manuela, die nicht nicht wirklich sein. Oder?
Manuela, praktisch aus dem Nichts tauchte sie mir vor Augen auf.
Dabei Manuelas Irgendwo heute ein Ort ... Wenn man den überblickt ...
Dort kann jeder hingehen, die klaren Daten selber ablesen.
Danach wird man verrückt. Sonst nichts.
Hatte einer das, was ich mit Manuela hatte, würde er - irre. Wäre er irre. Höchstens irre wäre er.
Schon eine Sache, wo Manuela sich aufhält, Daß Manuela sich zu dem Zeitpunkt, als sie mir begegnet ist, dort bereits befunden hatte.
Ein Riesenproblem, das ich deswege habe, daß sich Manuela unter diesen Voraussetzungen mir gegenüber aufbaut, mit mir spricht und rumgeht.
Daß Manuela mit mir an der Seite umgeht.
Weil, es ist eine Gespensterszene!
Eine gespenstische Szene im Grunde genommen. Das, daß Manuela bei mir nebenbei dran ist. Um mich herum.
Man muß sich das nur wieder und weider vor Augen halten, Manuela und ich ... Manuela und ich ...
Ich zusammen mit Manuela, beim Stadtbummel.
Mitten zwischen den Leuten im Städtchen unterwegs. Ich mit Manuela.
Wir beide, Manuela und ich.
Fußgänger kommen an uns vorüber, an Manuela und mir.
Manuela und ich, wir passieren Leute.
Aus Geschäften kommen welche herausmarschiert. Alle sind ganz nah bei Manuela und mir ...
Deutlich manifestiert in seiner Körperlichkeit, jemand, derjenige - ich.
Nicht anders Manuela.
Nicht anders scheinbar auch Manuela.
Anders ist mir das nicht vorgekommen.
Alles schien mir fest stofflich. Real.
Zwei Körper, Manuelas und meiner. Die eine Person war Manuela, die andere ich.
Händchengehalten haben wir, Manuela und ich. An der Hand hatte Manuela mich genommen.
Oder - was war das dort, Tagebuch?
Was genau war das mit Manuela?
Dafür habe ich keine Erklärung. Keinerlei Erklärung.
Höchstens abtun könnte ich es.
Es ist bloß so, daß ich das nicht einfach kann.
Verdrängen läßt es sich ebenfalls nicht.
Ich glaube fast, es stimmt, ich bräuchte professionelle Hilfe. Müßte dafür Hilfestellung von außerhalb annehmen.
In psychiatrischer Behandlung. In einer Praxis. Oder einer Klinik.
Weil - echt wahr, ich sehe mich und Manuela -, Manuela und ich, wir sind zusammen. In der Gegend wandern Manuela und ich rum.
Manuela und ich, wir schauen uns Postkarten unseres Heimatstädtchens an.
Auch Manuela dreht das Gestell.
Auch Manuela dreht das Gestell. Denke ich.
Wüßte nicht, daß Manuela das nicht getan hätte.
Also ...
Die bebilderten Kärtchen für den Postversand, die befinden sich in einem Drehgestell außerhalb des Schreibwarenladens Thürk.
Schreibwaren Thürk.
Bei Schreibwaren Thürk hat meine Mutti schon Schulhefte, -bücher, Blei- und Filzstifte für mich gekauft, als ich mich eben mit dem vertraut gemacht habe, vom Kindergarten abzugehen, um in die erste Klasse Grundschule zu wechseln.
Die Schulsachen für mich hat Mutti beinahe immer bei Schreibwaren Thürk besorgt, wie Mutti zuvor bei Schreibwaren Thürk auch die für die Schule nötigen Sachen für meine ältere Schwester Bettina kaufte. Später für meine kleine Schwester Tanja.
Schreibwaren Thürk war Teil meiner Kindheit, Jugend.
Aus dem Drehgestell hat Manuela Postkärtchen herausgezogen. Gezeigt hat Manuela die mir. Mir unter die Nase gehalten.
Gelacht haben wir, Manuela und ich.
Zurückgesteckt hat Manuela die Karten wieder.
Das meine ich, daß ich das in meiner Erinnerung sehe. Das heißt, ich sehe das in meinem Kopf. Habe das vor meinem geistigen Auge.
Die Frage: Wieviel Vertrauen darf man dem menschlichen Gehirn schenken? Was kann ich in mich vertrauen?
Ich meine, praktisch kann es mir alles vormachen, mein Hirn.
Unglaublich, ja!
Die steckt die Postkärtchen dorthin zurück, wo sie sie hergeholt hatte.
Das blicke ich. Dabei schaue ich zu.
Darauf, daß ich mich entsinne. Ganz deutlich.
Unfaßbar, aus der heutigen Perspektive, das mit Manuela. Das mit Manuela und mir. Für mich.
Bei Helens bösen Dschinns, es ist nicht zu begreifen: Manuela, die spricht mit mir, lacht.
Ich höre Manuela etwas sagen, Tagebuch. Die Worte Manuelas, die gehen in etwa so ...
Manuela: 'Fährst du wirklich nirgendwohin in Urlaub, Bern-die?'
Ich: 'Nein. Ist nicht. Leider.'
Manuela: 'Das glaub ich dir nicht, Bern-die! Ist doch jetzt die Zeit für. Ein bißchen Zeit wirst du doch dafür haben, irgendwohin zu fahren. Oder?'
Ich: 'Die ganzen Semesterferien durch muß ich arbeiten. Immer, wenn Semesterferien sind, muß ich in die Arbeit. Auch wenn ich Student bin, heißt das nicht, daß ich in den Semesterferien die Beine hochlegen kann. Nein, muß die Semesterferien durch arbeiten. Muß sein. Brauche die Asche. Arbeite hier bei Mauth. Bei Mauth im Betrieb. Im Lager. Werde bestimmt auch wieder als Gabelstaplerfahrer eingesetzt. Haben auch am Samstag zwei Schichten, die bei Mauth. Am nächsten Ersten geht's los für mich. Und, wenn ich aufhöre bei Mauth mit der Arbeit, sind die Semesterferien auch schon wieder vorbei. Schon klar, daß das für manchen nichts ist. Ferien gehen für viele anders. Wenn ich das Geld aber brauch ...'
Manuela: 'Echt wahr, nicht mal für eine Woche oder für ein Wochenende wird irgendwo hingefahren, Bern-die?'
Ich: 'Ist nicht.'
Manuela: 'Armer Bern-die!'
Ja, stimmt - armer Bern-die, das sagt Manuela dort zu mir.
Daß ich im Augenblick arm dran bin, hat aber sicher nichts mit meinem Ferienjob bei Mauth zu tun.
Daß ich dort die ganzen Semesterferien durchmalochen muß, deswegen bin ich nicht arm dran. Kein armer Bern-die.
Nur SIE hat die Schuld daran, daß ich ein armer Bern-die bin. SIE, Manuela.
Es gibt nur einen Grund, warum ich in der Gegenwart arm dran bin. Der hat mit IHR, Manuela, zu tun. Seit meiner Begegnung mit IHR, Manuela - bin ich arm dran.
Mit nichts anderem hat das was zu tun.
*