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Blog von TeddeMehr

"Das digitale Tagebuch" (18.08. - 28.09.), No. 2

27. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Neunzehnter August, Tagebuch-Datei, neuer Eintrag.
 
Sonntagnacht. Jetzt: 02:33 Uhr.
 
 
 
Ich glaube, ich sterbe jede Sekunde.
 
Das Herz rast mir dafür, nicht zu glauben.
 
 
 
Warum?
 
Weil ...
 
 
 
War also zu dem Zeitpunkt im Wohnheimgebäude unterwegs, als Kathrin gegen zwei Uhr nach Hause gekommen war.
 
So eben hatte ich Kathrin - es war sie, Kathrin, die im Aufzug hochgefahren war -, von der Stiege her noch zur Türe ihrer Wohnheimbude hineinschlüpfen sehen.
 
Daß ich Kathrin mit einem Ruf zum Innehalten bringen hätte können, dafür war es in einem Augenblick zu spät. Bei sich drinnen in der Bude war Kathrin, sperrte zu.
 
Und ich war erst am Ankommen. Hatte ein paar Meter. Um vor Kathrins Budentüre anzukommen. Ohne mich das zu trauen, augenblicklich schnell bei Kathrin anzuklopfen. Oder bei Kathrin in der Bude zu klingeln.
 
 Obwohl Kathrin voll die gewesen wäre, zu der ich liebend gerne hineingemacht hätte, für den Rest dieser Nacht, war ich gehemmt.
 
Schließlich kannte ich Kathrin überhaupt nicht richtig, daß ich so unvermittelt mitten in der Nacht vor ihrer Türe hätte ankommen können. Mir mit irgendwas einen Erfolg erhoffen hätte können, selbst wenn Kathrin mir aufgemacht hätte.
 
 
Das habe ich mich die folgenden paar Minuten vor Kathrins Budentüre stehend und nach innen lauschend gefragt: Wie könnte ich das anstellen, zu Kathrin in die Bude reinzukommen? Um irgendwann von Kathrin, hatte ich die nächste meiner Geschichten abgelassen, tröstend in die Arme genommen zu werden ... Kathrin eine, die sich auch nackig sehen lassen konnte. Dafür brauchte ich nicht eigentlich nicht viel Phantasie, mußte ich Kathrin immer nur flüchtig ansehen, wenn ich Kathrin begegnete.

Vorne dran richtete ich eben Dinge unter meinen Hosen neu aus, wo es kniff - da hörte ich ein Geräusch. Daß ich ziemlich zusammenschrak.

Wie so ein einmaliges Zwitschern, hatte es an meinen Gehörgängen geklungen.

Jedenfalls ein Gezwitschere, das es ohne technische Hilfsmittel nicht im Gebäude geben konnte. Als hätte jemand auf seinem Reisetelefon eine Kurznachricht empfangen.

Daß es irgendwo im Gebäude ein Sekündchen einfach loszwitscherte, das hieß, jemand mußte unmittelbar in meiner Nähe sein. Obwohl die Welt im Gebäude, seit das Etagenlicht ausging, um mich her seit einem Weilchen wieder finster geworden war.

 

Ich lauschte, der Budentüre Kathrins einen halben Meter gegenüber, ob doch eine weitere Zwitschermeldung nachkäme.

Dann war mir unvermittelt, als bewege sich im Dunkeln beim Stiegenaufgang ein noch finsterer Umriß.

Voll kriegte ich die Panik, daß ich augenblicklich zum rot leuchtenden Lichtschalter gestolpert bin, mit der flachen Hand draufhaute.

Als das Licht angegangen war, sich meine blinzelnden Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, war mir, ich sähe beim Stiegenaufgang den Oberkörper eines Typen blitzschnell nach unterhalb außer Sicht zucken.

Wahrgenommen wird von mir unwillkürlich ein Regenmantel, grauer Hut am Kopf.

Ein Trenchcoat-Mensch!

Einer, der an Fransen erinnerte.

Ich hatte etwas Schwärze vor Augen, als könnte ich angesichts des Schreckens von einem Moment zum anderen in die Bewußtlosigkeit wegkippen, in der Bodenlage landen. Nachdem ich den Blick jedoch neu klargekriegt hatte, im ängstlichen Taumel die nächste Runde hinstarrte - war da keiner. Kein Mensch, der von unterhalb heraufkommen wollte.

 

Eine Einbildung? Hatte es mir Mäuschen vorgemacht?

Richtung Stiege bin ich getappt, habe die Granitstufen hinuntergestarrt.

Nichts und niemand, der sich dort aufhielt.

Oder?

Oder war das drunten, Höhe meiner Etage? Was ich blickte, weil dort ebenfalls Licht war. Das jedoch in einem Momentchen ausging.

Hatte ich in eine grinsende Fratze geschaut? So eine Visage? Eine Type, die von unten wie ums Eck herum zu mir heraufblickte?

Schwarze Nasenlöcher, Grinsemund, starre schwarze Kugelaugen ...?

 

Zum Lichtschalter bin ich zurückgetaumelt, habe mit der flachen Hand draufgedroschen. Der Lichtschein durfte mir nicht wieder ausgehen.

Allerdings: Die langen, schweißtreibenden Minuten, daß ich ängstlich auf irgendwas Weiteres wartete, vergingen ereignislos.

Jemand kam im Aufzug auf dem Stockwerk an, habe ich den asiatischen Studenten, den ich nur vom Gesicht her kannte, der mich schweißüberströmt, wie aus einer der Wohnheimbuden hinausgeschmissen, dastehen sah, gegrüßt. 

Eingestiegen bin ich in die Hauslift, eine Etage tiefer bin ich gefahren.

War drunten mit geballten Fäusten kampfbereit. Habe mit der Faust auf den Schalter fürs Licht gehauren, daß der elektrische Schein der Welt wiederkehrte.

Fand mich weit und breit alleine. Nichts und niemand weit und breit.

Also habe ich mich, angefüllt mit hilfloser Furcht, beeilt, in meine Bude hineinzukommen und dreimal hinter mir zugesperrt. Als ob so was endgültigen Schutz vor irgendwas gewähren würde.

Ewig bin ich am Budenboden am Teppich gelegen.

Horror hoch zehn fühlte ich. Wie wahnsinnig durchgeschüttelt hat es mich. Selten erlebt, solch einen Zustand.

Eigentlich habe ich so was erst ungefähr seit dem zehnten Juli.

 

*

 

 

Neunzehnter August, Tagebuch-Datei für einen neuen Eintrag.

Sonntag in der Nacht. Uhrzeit: 03:14 Uhr.

 

Ich habe Fransen geblickt, das bin ich mir sicher. Hier auf meiner Wohnheimetage unten war Fransen, während ich eine Stockwerk höher herumstand.

Nur wenige Meter entfernt von meiner Wohnheimbude befand sich Fransen.

Wenn Fransen herumgeschaut hat, hat er meinen Namen auf der kleinen Leiste neben dem Klingelknopf gelesen. Damit weiß Fransen jetzt ganz genau, auf welche Türe er losmachen muß. Um mich dahinter zu finden.

Wenn Fransen sich nicht draußen immer noch irgendwo im Treppenhaus herumtreibt. So wie ich vorhin.

 

Der reinste Terror.

Daß Fransen hier in der Stadt ist. Daß Fransen und Christine Dombrowski mich hier gefunden haben.

Einfach ungeheuerlich.

Wäre ich nicht zufällig von Robbie informiert worden, hätte es eine Riesenüberraschung für mich sein können, wenn Christine Dombrowski und dieser Fransen mir plötzlich vorm Wohnheim gegenüberstanden wären.

 

Andererseits: Was soll ich jetzt deswegen machen? Welche Möglichkeiten habe ich?

Ich kann schließlich nicht die Polizei herbeirufen, wenn ich hier aus dem Wohnheimgebäude ins Freie hinausgehen möchte.

Polizeilichen Schutz gibt es für sicher nicht.

Höchstens, daß ich woanders hinziehen könnte. Eventuell zu Angelika. Zu Angelika in die Wohnung. Wie ich mir das ohnehin schon lange überlegt habe.

Bloß - wenn Angelika sich nicht einmal am Smartie meldet, wenn ich sie anrufe, was sollte ich deswegen machen?

Da bleibt mir nicht viel zu tun übrig. Wenn ich aber Fransen und Christine Dombrowski irgendwo treffe, war es zu einhundert Prozent besser, ich treffe die beiden am Tag. Am besten inmitten von Leuten. Wo es für alles, was mir geschehen könnte, jede Menge Zeugen gibt.

 

Mann, Mann!

Auf meiner Etagenwelt eins drunter: Dieses nach mir hin aufwärts gerichtete Gesicht Fransens, das ich beim Hinabstarren zu sehen glaubte.

Ausgerechnet der, jener Fransen.

Der. Hier bei mir, praktisch mir vor der Budentüre.

Und sonst unternimmt der nichts. Wie einer, dazu da, mir einen Schrecken einzujagen. Nichts weiter. Oder was?

Ohne sich mit mir direkt auseinandersetzen zu wollen.

Warum denn nicht, wenn Fransen nur ein paar Meter von mir entfernt ist, nur vorzutreten bräuchte, sich zu mir hinzubegeben? Was hinderte Fransen an irgendwas, wenn er schon da war?

War das nicht der Auftrag, den Christine Dombrowski für ihn hatte?

Wartete Fransen jetzt außerhalb von meiner Bude darauf, daß Christine Dombrowski auftauchte? Daß Christine Dombrowski bei ihm dazukam - mußte dieser Fransen wirklich darauf warten? Könnte der nicht von sich aus handeln?

 

Jedenfalls sitze ich bei mir in der Bude drinnen, tippe diese Zeilen - und es ist, seitdem ich zu mir rein bin, nichts weiter. Außer, daß ich vor Angst die Hosen voll habe. 

Ganz nahe war mir Fransen vorhin. Hatte mich in Griffweite. Auf mich hätte Fransen losgehen können.

Hat Fransen aber nicht getan.

Statt dessen hat Fransen sich zurückgezogen.

Weiterhin habe ich meine Ruhe. Daß ich das bloß als den nächsten Akt meiner Auskundschaftung ansehen kann: Fransen hat mich gesehen. Betrachtet. Außerdem der Effekt, daß ich jetzt ganz offiziell Bescheid weiß: Fransen ist zu mir ins Wohnheimgebäude gekommen. 

 

Einmal habe ich diesen Fransen ja schon niedergeworfen.

Nahe der Geiersdorfer Bergstraße ist das geschehen, daß Fransen vor mir das Hasenpanier ergriff.

Hatte ihn das eingeschüchtert, daß ich ihn schon einmal eingeholt habe, daß er erst am Bauch lag, sich aus der Bauch- in die Rückenlage brachte. Weit hatte Fransen seine Äuglein aufgerissen. Eine gewisse Verzweiflung hatte Fransen im Blick.

Und, als ich Fransen bezeigt habe, er könne von mir davonmachen, hat Fransen nicht irgendwas anderes gemacht, sondern war sofort meinem Fingerzeig gefolgt.

Sie, die Fransen genannte Figur ...

Wer ist der eigentlich?

Wüßte nicht, daß ich den schon mal kennengelernt hätte. Früher. Als ich noch fürs Kiffen übrig hatte, mit Manuela Dombrowski zusammen war.

Kann mich einfach nicht auf einen wie den entsinnen. Auf so eine Gestalt, nur ein bißchen jünger. Damals vor zehn Jahren.

 

Was bleibt für mich übrig? Was ist festzuhalten?

Wie ich Fransen bisher kennengelernt habe, ist Fransen nichts als der hinterletzte Penner.

Am liebsten trägt Fransen fleckiges, schäbiges, an manchen Stellen zerrissenes Gewand. Altherrenhose.

Hat aber so einen metallenen Spazierstock bei sich, der - wenn ich mich an das gute Stück, das ich mir an der Kurve der Geiersdorfer Bergstraße kurz angesehen habe, erinnere - nicht eben billig sein mußte.

Oben am Knauf dieses Gehstocks befand sich ein Aufsatz mit einem Dämonen, ein behörntes Drachenvieh mit aufgerissenem Maul.

Plastisch sehr lebendig wirkend, das Knaufmonstrum. Demnach was künstlerisch Wertvolles. Somit möglich, daß man einen guten Preis für das Ding erhalten könnte, würde man es Fransen mal abnehmen, so wie ich es eigentlich bereits bei Fransen getan habe, und irgendwo verkaufen oder versteigern wollte. Das Material des Stocks, das muß nicht Eisen sein. Das könnte auch reinstes Silber sein.

 

Reinstes Silber!

Dieser halb mannslange Spazierstock.

Müßte einer bloß auf die Idee kommen, das gute Stück mit einem Glanzmittel zu behandeln.

Frage: Hat irgendein handelsüblicher Bettelbruder einen derartigen Gehstock bei sich, könnte er einem möglichen Betrachter irgendwann als nicht so ärmlich, verarmt vorkommen, oder?

Möglicherweise würde ich es mir überlegen, bei der Betrachtung dieses Exemplars eines Gehstocks, der Pennertype. die mit dem Ding am Gehsteig rumsitzt, die kleinste Münze hinzuschmeißen. Schließlich erlaubt es sich der Mann, etwas derartig Exzentrisches wie diesen Metallspazierstock zu besitzen und ihn für die Öffentlichkeit herzuzeigen.

Man könnte überdies meinen, sieht man sich die plastische Verfertigung der dämonischen Drachenfratze genauer an, der könnte mit mancherlei im Bunde sein, der bettelnde Mensch ...

 

Das stinkt mir jetzt. Das stinkt mir jetzt gewaltig. Ganz gewaltig.

Nämlich das, daß ich diesen Fransen nicht besser fertiggemacht habe. Ich hatte den ja an der Geiersdorfer Bergstraße am steilen Wiesenhang am Bein erwischt und niedergeworfen. Unter mir war der drunter. Alles hatte ich bestens im Griff, für alles. Hätte ich losgedroschen ...

Jetzt reut es mich, daß ich darauf verzichtet habe, Fransen ein paar satt mittenrein in die schiefe Visage zu geben.

Nur, Fransen, der ist mir da eigentlich unwichtig vorgekommen. Nichts als eine feige Ratte. Einer, der Leute angeht, wenn sie mit dem Rücken zu ihm stehen. Hinterrücks, aus dem Hinterhalt greift der dich an.

Eine erbärmliche Kreatur. Hat die das Pech, daß du sie bemerkt hast, geht für sie die Welt unter.

Ist Fransen schließlich bei mir passiert. Er hat nur Glück gehabt.

 

Daß dieser Fransen mir weiterhin ankommen könnte, daß Fransen weiter hinter mir hersein könnte und jetzt sogar deswegen hier in meiner Universitätsstadt eingetroffen ist, darauf wäre ich nicht leicht gekommen. Dazu fehlte mir der rechte Bezug. Nichts solches hatte ich in meinen Überlegungen.

War der Meinung, alles mit Fransen, das wäre im Grunde normal. Fransen, der war vielleicht im oder am Tabert-Wohnhaus. Von dort, daß er mir hinterhergewunken wurde. Von jemandem, der mich beobachtet hatte. Wie ich mich seltsam aufführte.

Fransen, der Handlanger. Ein ständig verfügbarer Laufbursche der Tabert-Leute. Eine sabbernde, versoffene Gestalt, die für ein paar Brotsamen unternahm, was einer der Taberts ansagte.

Unter anderem das, mir herunter hinterherzukommen. Vielleicht bloß, um mir, weil ich mich ganz offen an der Straße vorm Tabert-Bauernhof länger präsentiert hatte, weiterhin zuzuschauen und mir, ergibt sich dafür die Gelegenheit, eine kleinere Abreibung zu verpassen. Damit ich Bescheid wüßte und mich nie wieder vor Ort blicken lasse. Oder so.

 

Hätte Fransen bei seiner Rückkehr hinauf zu den Taberts aufs Gelände erklärt, daß es ihm geklappt hatte, mir ein paar drüberzuziehen, vielleicht, daß Fransen eine Belohnung bekommen hätte.

Fransen andererseits, auch keiner, übertrieben von Bedeutung.

Daß er irgendeinem der Tabert-Leute abging, sollte er, Fransen, mal kein Glück bei einer seiner Unternehmungen haben, keine Rede.

Hundertprozentig keinem der Brüder, keiner der Schwestern - wer immer aus der Tabert-Verwandtschaft bei Hans-Georg Tabert im Moment das große Befehlen hatte -, niemandem von denen, daß Fransen das kleinste bißchen fehlen würde, kam Fransen mal von irgendwo nicht wieder. Oder hockte auf unbestimmte Zeit in einer Gefängniszelle herum.

In der Art schätzte ich das ein. Nicht anders.

 Das waren ganz kühle, abstrakte Gedanken, die ich dort nahe der Geiersdorfer Bergstraße - an der Abflugskurve in den eigentlich sicheren Tod für Manuela Dombrowski - hatte. Den ganzen Rest des Obskuren, Wahnsinnigen, das meine Sinne wahrzunehmen glaubten, mal ganz außen vor lassend.

Zum Beispiel das mit der Szene auf dem Foto. Manuela Dombrowski, die Bestandteil eines Fotos war, eines Fotos, auf dem die ganze Szenerie mir in Bewegung geriet. Wie ein Film, der am Fernsehgerät Standbild hatte, dann jedoch paßte das mit dem Fernsehempfang wieder, daß die Bilder von neuem zu laufen anfingen.

Das, was ich auf der Fotografie wahrgenommen hatte, war, wie Manuela Dombrowski eine hölzerne Torkoppel heruntersteigt. Dann am Schluß das, daß Manuela Dombrowski an mir, dem Zuschauer, den sie, Manuela Dombrowski, wahrnahm, vorbei nach hinten winkt. Jemanden dort aufforderte, doch endlich etwas loszumachen hier.

Aber dann - als mich das gekickte Kieselsteinchen in die Realität zurückgebracht hatte, ich mich dem körperlich zuwende, was da in meinem Rücken sein könnte, sehe ich, daß sich da dieser Fransen bei mir in der Straßenlandschaft aufhielt. Eine Gestalt, mit einem hocherhobenen Spazierstock aus Metall. Nicht mehr weit, dann wäre Fransen bei mir angekommen gewesen, mir den Gehstock über den Schädel drüberzuziehen.

 

*

 

 

Einundzwanzigster August, Tagebuch-Datei, neuer Eintrag.

Dienstagnachmittag. Uhrzeit: 15:12 Uhr.

 

Der letzte Eintrag am Sonntag in der Nacht hier in der Datei, seitdem weiß ich nicht mehr viel von dem, was ich die ganze Zeit getrieben hätte. Wirklich, ich habe kaum Erinnerung an irgendwas.

Am Drehstuhl hocke ich jetzt Seit einem kleinen Weilchen jetzt, daß ich hier am Drehstuhl herumhocke. Ich zermartere mir den Schädel, was ich den ganzen Sonntag, Montag und auch heute am Dienstagvormittag über eigentlich gemacht habe.

Was immer ich erlebt und getrieben habe, meine gesamten Erlebnisse, mir total aus dem Gedächtnis geblasen.

Sieht aber nicht so aus, als ob ich ausschließlich hier auf der Bude rumgesessen wäre.

 

Zu mir gekommen - das heißt, mir bewußt geworden -, bin ich gegen halb eins. Unter der Dusche. Kalt, daß ich geduscht habe.

Eigentlich dusche ich nie kalt. Aber die kalte Dusche, sie hat mich mir gebracht. Ich meine, seitdem weiß ich wieder bewußt über mich und mein Tun und Lassen Bescheid.

Als ich mich geistesgegenwärtig wahrgenommen hab, bin ich sofort aus der Duschkabine rausgetappt. Schnell noch das Wasser abgedreht. Dann habe ich mich mit dem Handtuch, das ich außerhalb der Duschkabine am Fliesenboden liegend fand, abgetrocknet.

Hat ein wenig gedauert, bis die Kälte mir wieder aus den Gliedern gewichen war.

Den Spiegel habe ich mit einem Papiertuch trockengewischt, schließlich habe ich nicht viel von mir gesehen. Und das, was ich an mir gesehen hab, hat komisch ausgesehen, daß ich darauf bessere Sicht brauchte..

Der Schreck ist mir in die Glieder gefahren, nachdem ich mich deutlich ansehen konnte.

Ein ziemlich hübsches Veilchen hatte ich. Um meinem linken Auge herum, hatte es sich dunkel bläulich verfärbt. Besonders aber direkt unterm Auge.

Wie ein Boxer nach dem Boxkampf, daß ich mich sah. So, daß ich mir entgegenstarrte.

Hinzu kam, daß mehrere großflächige grüne, blaue Flecke meine Hüften, meinen Bauch, mein Hinterteil pflasterten. Auf ein paar Stellen darf ich überhaupt nicht draufkommen, schon tut's mir weh.

Von einigen Körperregionen her zieht es. Wenn ich aber tiefer einatme, sticht mich der rechte Brustkorb, als hätte ich mir eine der Rippen in der Mitte angeknackst, daß sie mir in die Lunge pikst oder so.

Könnte die Möglichkeit sein, daß ich sofort zum Arzt sollte. Wenn das bei mir demnächst schlimmer wird, werde ich wohl nicht an einem Arztbesuch vorbeikommen. Wenn ich auch nicht weiß, was ich dem Doktor sagen soll, wer oder was mich so zugerichtet hätte. Kann mich nicht das bißchen an eine Schlägerei erinnern.

Seitlich hinten am rechten Oberarm und am Schulterblatt bemerkte ich im Badezimmerspiegel so grün-blaue Streifen, breite, längliche Kratzer, als wäre ich mit Arm, Schulter grob eine gekörnte Hauswand entlanggeschrubbt worden. Oder hätte das selber gemacht.

Am linken Unterarm läßt sich eine schräge, zehn Zentimeter lange Schnittwunde erkennen, geronnen, das Blut. Wirkt, als hätte mich dort irgendein Stichinstrument nur knapp zufällig nicht tiefer, böser erwischt.

 

Wahnsinn!

Und ich entsinne mich auf nichts.

Weil ich dort was im Spiegelglas plötzlich noch was gesehen hatte, reckte ich das Kinn hoch - sieht es an meiner Halsseite, als hätte sich mir da irgendwas in die Haut reingebissen. Oder reingestochen.

Eher Bisse, schätze ich aber.

Ja, beschreibe das so: vier dunkelrote Bißpunkte mit heller rötlichen Wundrändern.

 

Die Bartstoppel waren mir im Wege. Habe ich mich also rasiert, mir die Sache genauer anzusehen.

Zwei ganz wahrnehmbare, mit den Finger erfühlbare Vertiefungen. Als hätten vier Spitze Zähne, je zwei oben und unten, bei zum Biß geöffneten Mund mir dort hineingebissen ...

Echt wahr!

Eh, fast jemand mit einem Vampirgebiß?

 

Könnte ich mich nur an irgendwas heute erinnern ...

Was seit Sonntagnacht die ganzen Tage über bei mir los war. Nichts weiß ich.

Nur, tote Hose.

 

He, eine Erinnerungsszene - oder was? Vor meinem geistigen Auge ist mir ein schwarzer Scheme entstanden. Eine Gestalt. Jemand, den ich kenne ...

Denke, ich weiß, wer das ist.

Der, bei mir vorne dran, das ist Fransen.

Fransens lange Arme, meine Arme

Kämpfe ich mit Fransen? Oder umarme ich Fransen nur?

Das kann alles sein. Beinahe auch was Freiwilliges. Überhaupt nichts einer ernsten Auseinandersetzung. Wie zwei, die zwar miteinander ringen, aber ...

Wie eine Art Liebesspiel. Um es deutlich auszudrücken. Obwohl ich keine Ahnung habe, warum ich mit einem wie Fransen Liebe machen sollte.

 

Warum denn mit einer so ekelhaften Type wie Fransen, bitte?

Und wo? Noch dazu wo?

Warum sollte ich aus meiner Bude rausmachen, um mich in Fransens Arme zu werfen? Weiß schließlich vom Sonntag noch das: daß ich mir vor Angst in die Hosen geschissen habe.

Da sollte ich dann eher die Tür meiner Bude geschlossen halten.  Sie für niemanden aufsperren - auch wenn ich von den Stunden seit Sonntag in der Nacht nichts mehr weiß.

Ich meine, außer, vielleicht, nach nebenan zu machen. Zu Nadine, der Französin. Oder hoch zu Kathrin. Meinetwegen auch zu Trendy. Oder zu Robbie.

 

Nur, Robbie ist das nicht, der mich umfaßt hält, den ich umfaßt halte. Es ist die stinkende Ekelhaftigkeit, die ich als Fransen kenne.

Versteh die Szene nicht, diee mit Fransen. Die mir mein Kopf gerade aus der Umnachtung heraus gezeigt hat.

Das haut mich aus den Socken, daß so was mit Fransen sein könnte.

Ich und Fransen, bei einem Liebesringkampf mit Küssen, spielerischem Gebeiße?

 

Außerdem, das will ich festhalten, habe ich kaum Rücken.

Die Feststellung darf ich machen, daß, wenn ich größere Aktivitäten entwickelt, sich einiges mit und bei mir abgespielt hätte. Eine gewalttätige Geschichte, der ich am Schluß irgendwie entkommen bin. Dann müßte ich das hinten am Rückgrat spüren.

Dafür büßen. Für den Sport. Und zwar hundsgemein. Mit schrillerer Pein.

 

Tut sich jedoch nicht viel bei mir. Bin nahezu in einem körperlichen Zustand wie immer.

Lediglich das Jod aus dem Fläschchen, das brennt.

Am linken Unterarm, da. Die rechte Oberarmpartie und Drumherum.

Überall, wo ich mich mit der Jodlösung beträufelt und hergetupft habe.

Auch die zwei Stellen in der Halsgegend, die brennen ein klein wenig.

Na gut, und bei den Pobacken brennt es mich auch.

Da könnte doch etwas gewesen sein. Daß ich eine Dehnung hatte, Reibung.

 

Besser mich auf alles zu entsinnen, was sich seit Sonntag mitten in der Nacht bei mir abgespielt hat ...

Wären es nicht schon wieder die Nachmittagsstunden des Dienstags ...

Soll ich auf den Gang raus und an den Budentüren auf meiner Etage klingeln? Herumfragen, ob jemand zufällig im Laufe des Sonntags, Montags irgendwelche Geschehnisse, die mich zum Mittelpunkt hatten, zufällig mitgekriegt hat?

Ganz davon abgesehen, daß ich im Augenblick nicht für eine Sekunde von meiner Bude rausgehen mag. Grund: Ich mache mir vor Furcht in die Hosen. Habe die Hosen gestrichen voll.

 

Auf meinem Smartie, das ich am Sofa liegen hatte, sehe ich nicht, daß ich die abgespeicherte Nummer der Polizei gewählt hätte.

Müßte ich sicher auf der Anzeige haben, hätte ich Polizisten herbeirufen wollen.

Nur Angelika, die habe ich fünfunddreißigmal anzutelefonieren versucht. Fünfundreißigmal.

Besonders oft zwischen vierzehn und sechzehn Uhr am gestrigen Nachmittag. Am Montag.

Um halb zehn Uhr am Sonntagvormittag, dreizehn Uhr dreiunddreißig und halb drei Uhr am Montagnachmittag, jeweils eine Kurznachricht, von mir an Angelika abgeschickt.

 

Dreimal der gleiche Text für Angelika.

Angelika? Angelika ...? Warum meldest Du Dich nicht, wenn ich Dich anrufe? Ich bitte Dich, geh ran. Ich liebe dich doch, Angelika. Angelika, mein Herzenssternchen.

 

Stimmt, Herzenssternchen ...

Mein Herzenssternchen, nenne ich Angelika.

 

Mannomann, Herzenssternchen ...

Wie bin ich auf den Einfall mit Herzenssternchen gekommen?

 

Bei Angelika an Herzenssternchen zu denken ...

Herzenssternchen?

 

Könnte ich bei Angelika in der Wohnung sein, würde ich nicht in meiner Wohnheimbude rumhängen. Wenn hier Christine Dombrowski und dieser Fransen ...

 

*

 

 

Zweiundzwanzigster August, Tagebuch-Datei aufgeklickt.

Jetzt ist es Mittwoch geworden. Mitternacht war eben vorhin hier. Genaue Uhrzeit: 00:03 Uhr.

 

Totale Filmrisse.

Vor zwanzig Minuten bin ich hier auf meiner Bude quasi wieder zu mir gekommen.

Die Stunden davor, was ich während denen getrieben habe - keine Ahnung. Jede Erinnerung wie weggeblasen.

In die Tagebuch-Datei hier schreibe ich jedoch nichts rein. Nicht eine Zeile entdecke ich, die bezug auf etwas zwischendrinnen nimmt, wovon mir eben nichts einfällt. Daß ich über Dinge Aufschluß hätte.

Wenigstens kleine Andeutungen wären nett.

 

Seit Sonntag, mein Leben ein einziger Filmriß. Stunden, die meinem Gedächtnis fehlen.

Dabei habe ich keinen Alkohol gesoffen. Hätte ich das gemacht, käme ich aus einem Rausch zu mir, müßte ich mich jetzt gerade so Art brandig fühlen. Mal einen schwereren Kopf haben.

Ist jedoch nicht.

Drogen nehme ich auch keine. Nichts, das von mir bei mir auf der Bude zu entdecken wäre. Wenn Sachen rauche, sind das normale Zigaretten. Und die Tabletten, die ich herumliegen habe, sind eher nicht der Rede wert, selbst wenn ich ein paar mehr einschmeißen würde.

Also - was ist hier mit mir los?

 

Tatsache, auf meiner Bude findet sich keine Spur irgendeines ausschweifenden Alkoholkonsums.

Die Zahl der Weinflaschen, die ich im Eck in einer Kiste zugedeckt habe, ist die gleiche. Nicht eine aufgeschraubt oder der Korken rausgezogen. Das Bierdosen-Sechserpack in meinem Kühlschränkchen, unberührt.

Müßte ich nebenan oder woanders, geht man hier raus und weiter fort, gebechert haben ...

Weiß allerdings nicht das geringste von irgendwas.

Wo ich in der Wohnheimnachbarschaft drinnen gewesen sein könnte - entsinne mich auf nichts.

Außerdem, wie oben flüchtig erwähnt, bleibt man nicht nüchtern, zahlt man das später. Mit einem Kater.

 

Äußerlich bei mir zu sehen ist: Mein blaues Auge, das mir dicker angeschwollen war, ist leicht abgeschwollen. Zumindest aufs Auge habe ich keinen Schlag neu gekriegt. Die blauen, grünen Hautstellen, als würde ich wo verhauen werden, haben sich allerdings eher vermehrt als daß sie weniger wurden. Sind großflächiger geworden.

Könnten mir seit das letztemal im Badezimmer sogar frische Flecke entstanden sein, bei mir.

Nur, das Stechen in der rechten Brust, das ist leicht weg. Anscheinend keine schlimmer angeknackste Rippe.

Doch die richtige Entscheidung, zu keinem Arzt aufzubrechen.

Habe das wirklich gefürchtet, ich müßte einem Onkel Doktor erklären, wie oder wo meine Hautabschürfungen, großen blauen, grünen Flecken entstanden sind. Was mir da geschehen wäre.

 

Nachdem die Dinge sind wie sie sind, wundere ich mich, daß ich keinen Rücken habe. Ich meine, einen größeren Bandscheibenvorfall.

Bei meiner Vorgeschichte grenzt das an ein Wunder. Das reinste Wunderwerk.

Die Suchmaschinen im Netz liefern mir dafür nicht die schlüssigsten Antworten.

Wäre doch das Gespräch mit einem Rückenspezialisten vonnöten, genauere Aufklärung zu bekommen. Nur, so Typen wollen nicht mit einem reden, sondern sich einen sofort persönlich in der Praxis ansehen, um Genaures sagen zu können, und späterhin für die Untersuchung kassieren. Ob mit Plastikkarte oder mittels rübergeschobenen Geldscheinen.

 

Wenn ich nicht herumsaufe, nicht seit Sonntag bis jetzt durch besoffen war - worauf könnte das dann zurückzuführen sein, wenn mir jegliche Erinnerung, was ich seit Sonntagnacht die Stunden über so angestellt habe? Tagelang schließlich, daß mir jetzt fast alles an Gedächtnisleistung abgeht.

Eine kleine Antwort hätte ich schon parat.

Ein Schock.

Von Schockzustand. Oder Schockzustände.

Das Gehirn blendet mir einfach Ereignisse aus.

Meine graue Hirnmasse blockiert mir die Möglichkeit, mich an schlimme Sachen zu erinnern. Es erlaubt nicht, daß mir das zugeblendet wird.

Wenigstens momentan ist das Totalblockade.

 

Das an der Stelle noch mal zu erwähnen: Die irritierenden Hinterlassenschaften an meinen Armen, meinem Bauch, an den Hüften sehen nicht so aus, als ob ich zu viele angenehme Erlebnisse gehabt hätte.

Eher wirkt das, als wäre ich in ein Domina-Studio geraten. Und die Beherrscherin der Studioeinrichtung hätte bei der Behandlung meiner Person nicht viel Rücksicht auf die Interessen des zahlenden männlichen Kunden genommen.

Zu massiv, die Spuren, die die Herrin hinterlassen hat.

Eine Herrin? Eine Domina?

Das Thema Domina, Herrin, wenn ich das reiße anreiße ...

Das würde in gewisser Weise gut zu Christine Dombrowski passen.

Christine Dombrowski, von der weiß ich, daß sie überall und nirgends als Prostituierte arbeitet.

Das könnte Christine Dombrowski auch als Angestellte bei einer Domina. Es gäbe sogar die Möglichkeit, daß Christine Dombrowski selber die Domina gibt ...

 

Meinen Kopf zermartere ich seit diesen Stunden der Sonntagnacht.

Angstrengt versuche ich, mich an mein Tun und Lassen seit Sonntag zu erinnern.

Wenn ich wo hingegangen wäre, außerhalb des Wohnheims - warum blockiert mir das mein blödes Hirn schon die Erinnerung, daß ich mal  aus dem Gebäude hier rausgehe?

Das ist eine Frage.

Der, der bei meinen Erinnerungsversuchen immer bleibt, der ist Fransen.

Immer Fransen.

Fransen, der war das hier im Wohnheimgebäude.

Da kann ich nicht dran vorbei, daß ich Fransen gesehen habe. Hier, im Wohnheim. Auf meiner Etage unten war der. ER, Fransen.

Fransen, er hat mir mit seiner Anwesenheit einen Schrecken eingejagt. Einen Herzschlag hätte ich kriegen können.

Fransen kann gut der sein, der mich so zurichtet wie ich aussehe. Nur, wie das genau zugeht, er das anstellt, daran kann ich mich nicht erinnern.

 

Das stimmt. Von Fransen habe ich immer, wenn ich nachdenke, mich auf was zu entsinnen suche, eine dunkle, vage Idee im Kopf.

Von Fransen sind das Schemen. Wenn ich an die Zeit seit Sonntag denke.

Nichts, das mit Christine Dombrowski zu tun hätte.

Seltsam bleibt es trotzdem.

Ich suche mich auf das zu entsinnen, was die ganze Zeit seit Sonntagnacht bei mir war. Es fällt mich nicht viel ein. Außer das mit Fransen.

Schwarze Löcher - Nasenlöcher. Zwei Augen. Der Umriß eines Gesichts ...

Die Fratze Fransens, die zu mir hin hochgestarrt hat.

Ansonsten sehe ich vor meinem geistigen Auge Schemen huschen. Dunkle Schemen, bei denen ich jedoch an Fransen denke ...

Bis ich ich in der Erinnerung unwillkürlich an den Nachmittag zurückkehre, als ich mich an der Bergstraßenkurve der Strecke Geiersdorf hinauf und -unter aufhielt.

Alles läuft wieder in meinem Geist ab, was da in der Kurve war ... Einmal das, was ich bisher hier schon in meiner Tagebuch-Datei in Einträgen getippt habe.

Dann Fransen, der fort ist, weil ich ihn davonkommen ließ. Zwischen den Tannenbaumgestalten ist der in seinem schäbigen Trenchcoat verschwunden ...

Die gesamte Szene geht dann auch ohne Fransen noch ein bißchen weiter. Hat ein Ende, das ich hier noch nicht beschrieben habe ...

Weil alles so schön ist, könnte ich das jetzt hier noch schnell reintippen.

Der Schluß meiner Erinnerungen, als ich mich an jenem Nachmittag in der Umgebung der Kurvenlandschaft aufhielt, aus der heraus Manuela Dombrowski in dem Geländewagen aus Hans-Georg Taberts Besitz den Abflug in den Tod gemacht hatte. Von etwas anderem wüßte ich ja eigentlich auch nichts. Jedenfalls wäre das nichts, was ich in der Öffentlichkeit irgendwem erzählen sollte ...

 

Man stelle sich vor, auch heute noch verspüre ich diese hübschen, grellen Stiche. Von hinten unten, Höhe Steißbein, war das die reinste Ungemütlichkeit. Von dort strahlte es äußerst schmerzhaft herauf. Unter großen Schmerzen bin ich nach dem Abgang Fransens aus der steilen Anhöhe herab unten am Straßenrand angekommen, meine baldige Lahmheit fürchtend. Keine angenehme Idee, auf die Dauer an einen Rollstuhl gefesselt sein zu können.

Die Nordic-walkling-Weiber, die blicke ich immer noch. Dort, die Straße runter am selben Platz wie zuvor, daß sie herumstehen. Als hätte jemand vergessen, die drei abzuholen.

Nach mir guckten die in einer Tour.

Bei einer der Damen - der mittleren - bemerke ich jedoch, daß sie etwas Flaches, Dunkles mit abgerundeten Kanten sich ans Ohr gedrückt hielt. Diejenige war das, die im weißen Shirt zur roten, langen Sporthose. Die zwei links und rechts nebendran trugen schwarze Radlerhosen und gelbe Sportlerinnen-Shirts.

War mir schlagartig bewußt, was die in der Mitte angestellt hatte.

Das Ding, das die von ihrem Ohrläppchen wegnahm, war ihre mobile Telefonie. Mit dem Telefoneinrichtung hatte die bei der Polizei angerufen. Oder den Notruf. Der Person am anderen Ende der Leitung kurz erklärende Worte gesprochen. Beschreibung der vorgefundenen Situation, und die Örtlichkeit in der Umgegend von Geiersdorf, wo sich alles abspielte.

Ein Polizeiauto, das demnach in den nächsten paar Minuten bei der von ihr beschriebenen Örtlichkeit vorbeigefahren kommen würde.

Wie lange das dauerte, bis das Fahrzeug mit der Polizeimannschaft daherfuhr, das kam ganz drauf an, wo das nächste Herumfahrautomobil aus dem Polizeifuhrpark sich während diesen Sekunden aufhielt.

Fransen, der mir mit seinem metallenen Gehstock keine über die Rübe ziehen hatte können, war dem Szenenbild lange hinein in die Weiten der Waldwelt oberhalb entschwunden. Einzig und alleine ich, ich war der, blöderweise weiterhin in Persona anwesend. Zusammen mit denen aus dem Milieu der sportlich-aktiven Damengesellschaft, jede mit einem Paar Skistöcken ausgerüstest.

 

Finster, verschwitzt, mit wild verzerrten Gesichtszügen, einer, zu allem fähig, daß ich zu einhundert Prozent für das Weibertrio aus der Wäsche guckte. Ich, nicht gerade wie einer, der Freundlichkeiten mit jemandem austauschen wollte.

War klar, keine der Damenwelt, die die geringste Ahnung hatte, daß ich während den Augenblicken größte Folterqualen durchlitt. Wegen meiner Rückenpartie. Den Bandscheiben.

Sich das mit meinem Gesichtsausdruck richtig zu deuten, hätten die anderen schon informiert sein müssen. So mußte das einen angriffslustigen Eindruck erwecken, so breitbeinig, wie ich mich zu dem Frauendreier hin aufgebaut hatte. Wie ein Duellant in einem Westernfilm. Der jedes Sekündchen ziehen konnte.

Was bei mir an Qual abging, fürchterlich.

Dadurch war tatsächlich ein nicht geringes Maß an bösem Zorn in mir. Hätte ich gut irgendwas als Ventil gebraucht. Wäre mir schon eine Sache gewesen, hätte ich die Weiber dazu veranlassen können, sich umzuwenden, schreiend die Teerstraße hinab davonzurennen.

Bloß, der flotte Nordic-walking-Dreier vertraute auf die metallenen Skistöcke mit ihren Spitzen. Die hatte jede in den Händen. Sie dachten, daß ihnen, zu dritt wie sie waren, nicht viel würde geschehen können. Auch hatte die eine von ihnen, die in der Mitte, soeben Polizeimannschaft herbeitelefoniert. Ein Umstand, der im übrigen Schutz gewährte.

Daß Polizisten bald hier vorbeikommen würden, das war die Erinnerung, die ich brauchte.

Zu den weiblichen Sportskanonen hin zuckte ich die Schulter.

Was sollte es, das mit ihnen drei? Die Wahrheit war: Nichts, was sich bei und mit mir abspielte, hatte eine von denen verschuldet. Nicht eine von dem Nordic-walking-Trio hatte an irgendwas bei mir die allerkleinste Schuld.

Je mehr Zeit untätig verstreichen ließ, um so unmittelbarer wurde allerdings die Gefahr, daß mir die von der Polizeigewerkschaft angefahren kamen. Mich, daß sie vorfanden. Mich allein. Und keinen Fransen. Während Zeuginnen ihnen, den Uniformierten, Sachen ansagten, die sie gesehen hatten. Dinge, die ich in Wahrheit auch getrieben hatte ...

Deswegen brachte ich mich, in unbequeme, stelzige Bewegung. Die Rückenpein, die mich dazu veranlaßte, die Augen zu verdrehen, vor mich hinzustöhnen. In die Nähe der Leitplanke, daß ich, im wahrsten Sinne des Wortes, taumelte.

Das gerahmte Foto nahm ich hoch. Einen scharfen Blick warf ich auf das Bild.

Schrecklicherweise die Tatsache: Nicht hatte Manuela Dombrowski sich auf dem fotografischen Werk sich zurück auf das hölzerne Koppeltor scheren wollen. Für nichts, daß Manuela Dobrowski dort saß, wie ich es ursprünglich beim ersten Draufschauen gesehen hatte.

Statt droben auf dem Tor zur Pferdekoppel zu hocken, harrte Manuela Dombrowski weiter im Stehen aus. Die Miene sauer, den Augenaufschlag einer Unzufriedenen aufgesetzt, die Arme aggressiv, nach der Art einer Gebieterin, der etwas gegen den Strich ging, in die Hüften gestemmt.

 

Die Fotoszene, die war verändert geblieben. Fragte mich: Wem würde das im Leben je auffallen, daß die Szene auf der Fotografie eine andere war? Jeder mögliche Betrachter mußte denken, die Szenerei des Bildes unterm Goldrahmen war von Haus aus dieses.

Selbst der, der das Foto rahmen ließ, würde sich vielleicht nur etwas darüber wundern, wenn er das Bildnis wiedergesehen hätte, daß er eigentlich gemeint hatte, das wäre ein andres Bild gewesen, das er sich ausgesucht hatte, es unter den Rahmen zu stecken.

Wie kann sich schließlich irgendwas auf einem Foto verändern? Außer vielleicht, daß man bei genaurer Betrachtung zuvor ein paar Details nicht wahrgenommen hatte. Aber sonst, sonst war es immer das gleiche Bild. Oder?

Ach ja ...

Von einem schemenhaften Monster - Pferd oder nicht Pferd oder so -, das sich auf der Fotografie im Hintergrund von Manuela Dombrowski als verwaschene Fläche oder Schatten abgebildet hatte, war nichts mehr zu sehen.

War anscheinend woanders hingaloppiert, das Vieh. Simpel nach außerhalb geraten.

 

Arrogant, der Augenaufschlag Manuela Dombrowskis. Herausfordernd, daß Manuela Dombrowski nach mir hinstarrte.

Und ich - ehe Manuela Dombrowski mir auf der Fotografie noch mal irgendwie in größere Bewegung geraten, Manuela Dombrowski mir mit den Äuglein noch mal eins blinzeln konnte - habe ich aufgeschrien. So schrecklich das wegen meines Rückens und der stechenden Qualen von dort her auch für mich war, ich habe angefangen, mit meinem beschuhten Fuß nach und nach die Tee- und Grablichter, die Kerzen und Blümleinwelt aus der Leitplankengegend fortzutreten. Daß alles die steile Anhöhe jenseits hinunterkullerte.

Zu guter Letzt habe ich dasn angestellt: Ich bin mit den Turnschuhen auf das gerahmte Bild Pferdekoppelbild Manuela Dombrowskis, das ich auf den Boden geworfen habe, draufgestiegen. Daß es knackste, splitterte. Entzweigegangen ist der goldfarben bemalte Metallrahmen.

Das war wirklich nichts als Fotopappe, die ich, mich herunterbeugend, mit den Fingern aus dem Rahmenteilen herauszerrte, ohne mich an einer dünnen, spitzen Scherbe der zerbrochenen Klarsichtplastikfläche zu schneiden.

Nichts als ein papiernes Foto hielt ich in der Hand. Nicht das bißchen etwas anderes. Nirgendwo der kleinste eingelegte Speicher-Chip hinten. Nicht die schmälste metallene Zuleitung zu einem gelöteten Akku erkennbar. Ebensowenig die leiseste Spur von einem Modul für Sonnenstrom am Bilderrahmen.

Keine Rede also, daß sich am Foto dahinter eine Art Technik irgendwo verborgen hätte. Die dadurch zu Leben erwachte, weil ich nach dem Rahmen gefaßt habe, ihn aufhob. Was ich mit den Fingern in kleine Fetzen zerriß, war Papier. Das etwas dickere Papier für Fotoaufnahmen. Ansonsten nichts.

Papierfetzchen, die am dunkelbraunen Erdboden landeten.

Die Stücke des zertretenen Bilderrahmens, habe ich mit dem Fuß aus meiner Umgebung fortgetreten, daß sie zum Rest dazu über den Rand jenseits hinunter machten.

 

Dann war das mit meinem Akt des Vandalismus vorüber, der, meiner Meinung nach, ewig gedauert hatte. Herum, daß ich guckte.

Weiter war kein Polizeifahrzeug weit und breit am Ankommen. Nur die Sportlerinnen aus dem Nordic-walking-Milieu harrten mit starren Augen aus, erwarteten die Dinge, die kommen sollten.

Die Qual, die mir von meiner unteren Rückenpartie her mitspielte, plötzlich wieder nur schwer erträglich. Ein echter neuer Schub. In diesem Elendszustand bin ich zu meinem Rucksack getappt, habe ihn vom Boden aufgehoben, ihn mir aufkeuchend über den Rücken geworfen. Mit lautem Au-au-au-Gejammer bin ich über die Leitplanke drübergestiegen.

Hinunter und fort bin ich. Wo Manuela Dombrowskis Tabert-Geländewagen runter ist, in die Richtung bin ich auf trockener, staubender Erde hinuntergerutscht. Habe die Reihen der Tannenbaumschößlinge erreicht, obwohl grellste Stiche im Kreuz mir ihre schmerzhaftesten Melodien spielten. Eine Frage: Warum ertrug ich diese Pein und war nicht lange bewegungsunfähig am Herumliegen?

Hinterrücks von mir vernahm ich tatsächlich eine wichtig klingende Frauenstimme, sehr, sehr amtlich, der Befehlston. Sie forderte mich auf, stehenzubleiben, auf der Stelle.

Das ist mir jedoch in keinster Weise eingefallen, dem Befehl Folge zu leisten. Nicht solange ich fähig war, auf meinen beiden Beinen fortmachen zu können.

 

Nirgends habe ich mich länger aufgehalten. Auch nicht beim dicken, alten Tannenbaum, gegen den Manuela Dombrowskis Tabert-Geländewagen gegengeknallt war. Meterhoch, daß dem Baum iin Bodenhöhe die Rinde an der Trefferfläche abging.

Nur einen Augenblick habe ich kurz gestoppt. Als ich feststellte, daß ich im Schritt eine feuchttriefende Hose hatte. Hinten schien auch einiges ziemlich flüssig zu sein, wie es sich anfühlte.

Irgendwann im Verlauf meines Kurvenabenteuers hatte ich mir so richtig in die Hosen gemacht. Ohne allzu viel davon bewußt mitzukriegen.

Und das war nicht gut, das mit dem angefeuchteten, in der Hitze des Sommerspätnachmittags riechenden Beinkleid. Denn ich mußte wieder unter Leuten eintreffen. Der Taxifahrer, den ich mit meinem Phönchen herbeigerufen habe, hatte ein gutes Näschen. Der Mann stänkerte mich bereits kurz nach Beginn der Fahrt an. Einen Penner, das nannte der Fahrer eines Taxiunternehmens mich; wohl der letzte Penner, der da zu ihm in den Wagen eingestiegen wäre.

Als der mit seinem Taxi abrupt bremste, an den Straßenrand lenkte, habe ich Geldscheine vorgezeigt, gemeint, ich könnte zahlen; ihn für die Fahrt bezahlen.

Geholfen hat mir das nichts. Aus dem Fahrzeug ist er ausgestiegen, hat mir die Fondtüre auf meiner Seite zum Straßengraben hin aufgerissen, mich zum Aussteigen aufgefordert. Steige ich nicht aus, daß er mich mit den Fäusten aus dem Fahrzeuginnern herausprügeln würde. Bin ich ausgestiegen. Parfüm hat der Taxifahrer hinten auf die Sitze gespritzt; dann ist er abgefahren, ohne einen müden Cent von mir zu verlangen.

Kilometer waren es, die ich mit meinem Rucksack hinten am Rücken desorientiert dahinspazierte. In dem Dorf, in dem ich am Schluß eintraf - Namen habe ich gerade vergessen -, habe ich mir in einem Modegeschäft eine Turnhose und Unterwäsche gekauft. Im nahen Supermarkt ein Fläschchen billigen Parfüms, eine Packung Trockentücher.

In einem unvermittelt entdeckten Schnellimbiß habe ich mich am WC gesäubert, umgezogen und mich mit dem Parfüm eingestäubt. Alles, damit ich bei der weiteren Heimreise von Leuten mit empfindlichem Näschen verschont bliebe.

 

Das wäre also das ... Das weiß ich ziemlich deutlich.

Aber - die Erinnerung, was heute, gestern, vorgestern, am Sonntag über, bei und mit mir war, Fehlanzeige.

Die Gegenwart, ausgelöscht bei mir. Mir aus dem Bewußtsein gebannt.

 

 

*

 

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