"Das digitale Tagebuch" (18.08. - 28.09.), No. 3
Sechsundzwanzigster September, meine Tagebuch-Datei geöffnet.
Mittwoch am Nachmittag. 15:47 Uhr.
Lange drinnen in dieser Datei nicht mehr getextet. Über einen Monat.
Als hätte es nichts gegeben, was hier als Neuigkeit erwähnenswert gewesen wäre.
Dem ist aber nicht so. Ganz und gar nicht.
Seit meinem letzten Eintrag ist einiges passiert. Zeitweise war ich sogar woanders. An Orten, wo ich nicht ohne weiters auf Dich, mein Tagebuch, zugreifen konnte.
Mein letzter Eintrag in der Tagebuch-Datei ist vom zweiundzwanzigsten August ...
Die Geschehnisse während jener Mittwochnacht im Monat August, die endeten bei mir mit einem Krankenhausaufenthalt. Und später ...
Später ...
Die Tatsache, daß ich am Mittwoch dem zweiundzwanzigsten August früh morgens ins Krankenhaus gebracht werden mußte, das hat mitgeholfen, mich und Angelika zusammenzubringen. Aus Angelika und mir hat das ein Paar gemacht.
Angelika und ich, wir sind heute zusammen. Angelika sind quasi ein Liebespaar.
Sogar meine Mutti war im Laufe der Morgenstunden jenes Mittwochs vor einem Monat aufgebrochen, im Zug zu mir heraufgefahren, kaum hatte sie den Anruf erhalten, daß der Notarzt auf meiner Wohnheimbude war und ich von einem Sanka ins Krankenhaus gefahren worden war.
Die darauffolgenden Tage, daß meine Mutti sich an der Seite Angelikas wegen meines Gesundheitszustands um mich Sorgen machte ... Verstanden hat Angelika sich mit meiner Mutti.
Jetzt im Augenblick, während ich das hier tippe, befinde ich mich bei Angelika und in Angelikas Wohnung.
Angelika wiederholt mir das ständig, daß sie mich liebt. Um mich sorgt Angelika sich. Auf das paßt Angelika auf, was ich die ganze Zeit so anstelle.
Unter anderem guckt Angelika darauf, was ich am Rechner treibe. In welcher Schwatzbude ich gerade bin. Einen Überblick darüber, was für Postfächer ich habe, hat Verena sich besorgt. Schaut mir öfter länger über die Schulter, Angelika, wo ich hinsurfe. Sieht Angelika Weiber muß ich Angelika sofort Kleinigkeiten erklären. Gut, Appetit kann ich mir woanders holen, gegessen wird aber daheim. Das erklärt Angelika mir aufs neue, daß das schon was zu bedeuten hätte, wenn ich bei ihr wohnen dürfte, sie praktisch mit mir zusammenlebt.
Besonders kümmert Angelika sich auch darum, daß ich pünktlich zu den Terminen bei meiner Psychiaterin erscheine. Nach meiner Entlassung aus dem Meinhardt-Sanatorium habe ich nach Möglichkeit pünktlich zur vereinbarten Zeit dort vorbeizukommen. Obwohl ich allgemein nicht als gemeingefährlich gelte, habe ich trotzdem erst mal außerhalb des Meinhard-Sanatoriums nur Bewährung.
Daß ich zu Frau Doktor Hella muß, das müßte ich einsehen, wiederholte Angelika mir. Außerdem, das wollte Angelika deutlich in meine Richtung hin festhalten: Sollte das noch mal vorkommen, daß ich den Mund aufmache, ich will mich oder irgendwen anders umbringen, daß ich augenblicklich die Inneneinrichtung des Meinhardt-Sanatoriums für den nächsten Aufenthalt wiedersehe.
Fand ich auch miserabel von mir. So aggressives Rumgelaber im Angesicht von Angelika darf für mich keinesfalls einen Reiz haben. Muß mich echt besser unter Kontrolle haben. Oder ...
Angelika kann nämlich rigoros sein.
Spreche ich mich Angelika gegenüber zu sehr aus, lasse es dabei zu weit kommen, vielleicht, daß Angelika ...
Das hat irres Gefahrenpotential.
Böse, die Streitereien, die ich heute am Vormittag mit Angelika hatte. Die Tonlage zwischen Angelika und mir war überaus grenzwertig.
Als Folge davon erklärte Angelika mir, daß sie jetzt jede Sekunde Frau Hella anrufen würde.
Das hat Angelika dann auch gemacht, nach Frau Doktor Hella telefoniert.
Darüber sollte ich froh sein, daß sie, Angelika, nur Frau Hella am anderen Ende der Leitung gehabt hätte, meinte Angelika zu mir. Nicht das Meinhardt Sanatorium. Hätte sie im Meinhardt Sanatorium angerufen, hätte es sein können, daß ich auf der Stelle ins Meinhardt Sanatorium kommen hätte müssen. Ohne erst lange den Umweg über Frau Doktor Hella.
Frau Doktor Hella - Familienname Hella.
Frau Sybille Hella, Doktorin der Psychiatrie.
Eng arbeitet Frau Doktor Hella mit dem Meinhardt-Sanatorium zusammen.
Vereinbart ist mit Frau Doktor Hella, daß ich zu jeder Zeit bei ihr in der Privatpraxis vorbeikommen kann, darf. Zu jeder Tagesstunde. Selbst am Abend oder des Nachts hat Frau Doktor Hella ihr Geschäft für mich auf, erreicht sie von mir oder wegen mir ein Telefonat.
Die Abend- oder Nachtstunden kosten bei Frau Doktor Hella hübsche Extrascheinchen. Geld ist allerdings die kleinste Sorge, die Angelika hat.
Also: Immer im Dienst, Frau Doktor Hella. Besonders für bessergestellte Leute. Private Praxis und Wohnung sind eins.
Weiß nicht, von Familie, etwa einen Ehemann, Kindern, habe ich bei Frau Doktor Hella in den Räumlichkeiten noch nichts bemerkt. Hat Frau Doktor Hella demnach auch nicht, so was wie einen Gatten, Fratzen kind-, jugendlichen Alters. Blicken lassen die sich zumindest nie, bin ich bei Frau Doktor Hella.
So alt, daß Frau Doktor Hella daran kein Interesse oder es vergessen haben könnte, ist Frau Doktor Hella jedoch nicht.
Die Frage, die ich mir deswegen stelle: Welche Art von Sexleben hat Frau Doktor Hella?
Liebt Frau Doktor Hella eher die verborgen gehaltenen gleichgeschlechtlichen Kleinigkeiten? Oder zahlt Frau Doktor Hella stundenweise für anstehende Dienste? Hat Frau Doktor Hella dafür vereinbarte Termine wie in ihrer Praxis, zu denen sie pünktlich erscheint, um nach an ihr vollbrachter Dienstleistung auf die Sekunde pünktlich fortzugehen? Stundentermine, die Frau Doktor Hella nach Belieben absagen kann, ergibt sich bei Frau Doktor Hella in der Stadtpraxis unvermittelt etwas mit einem psychisch kranken Klienten.
Sicherlich nicht unvorteilhaft, das mit der Möglichkeit der stundenweise Absprache, überlegt man sich das mit dem unsteten Berufsleben bei Frau Doktor Hella. Würde Frau Doktor Hella zudem einiges an unnötigem Gefühlschaos ersparen, das ein lästiger Ehegespons mit seinen Bedürfnissen mit sich bringen kann. Ein Familienleben gibt es nicht unbedingt auf Stundenplan.
Müßte ich zu Frau Doktor Hella in die Praxisräume, könnte ich von dort aus, lief etwas für mich mies, jederzeit ohne Umwege in das Meinhardt-Sanatorium weiterverbracht werden.
Drohte mir die doofe Angelika heute vormittag ja auch an, das.
Angelika sagte, wenn ich nicht in der Lage bin, mich zurückzunehmen, das die nächste Zeit wieder vorkommt, daß ich mich ihr, Angelika, gegenüber aufführe, komische Sachen mit Mord- und Selbstmordphantasien daherschwatze, dann könnte Frau Doktor Hella zu dem einen Schluß kommen: daß ich ins Meinhardt Sanatorium zurückkehren müßte. Diesesmal nicht für zwei schlappe Wochen. Sondern für mehrere Monate. Je nachdem, wie das so bei mir zugeht.
War ich auf Wunsch Angelikas also heute vormittag gegen halb zwölf Uhr bei Frau Doktor Hella in den Praxisräumen. Für eine Stunde. Zu Frau Doktor Hella hat Angelika gemeint, daß ich unter gewissen Aggressionsschüben litte und gleichzeitig müde, deprimiert rumhinge.
Wer ist hier die Psychologin, Angelika oder Frau Doktor Hella? Könnte einer schon fragen.
Ah, Frau Doktor Hella ...
Frau Doktor Hella kennt die Manuela-Geschichte. Die bei mir der Auslöser von allem ist.
Im Meinhardt Sanatorium mußte ich der Welt gegenüber damit herausrücken. Die Worte, was das mit Manuela Dombrowski anging, sind jedoch auch nur so aus mir herausgeflutet. Geflennt habe ich währenddessen, Sturzbäche an traurigen Tränen voller Selbstmitleid vergossen, deswegen. Weil mir das mit dem Miststück Manuela Dombrowski passieren hatte müssen. Aus dem Nichts.
Seit Montag geschieht mir das in der Praxis von Frau Doktor Hella, daß Frau Doktor Hella die Geschichte mit Manuela, meiner Freundin, Geliebten von vor über zehn Jahren, nochmals in allen Einzelheiten haarklein wiederholt bekommen will. Die allerkleinste Bedeutungslosigkeit wird von Frau Doktor Hella bei mir nachgefragt. Jede Szene diskutiert Frau Doktor Hella mit mir.
Nehmen wir als Beispiel bei Frau Doktor Hella in der Praxis nur den Einstieg in die Geschichte von Manuela Dombrowskis Erscheinen an meiner Seite: Die Szenen, die ich weiß, daß sie früher schon waren, Manuela bei der Videothek, Manuela vorm Schnellimbiß.
Schließlich Manuela und ich vorm Kino, dem Unteren. Manuela und ich, wie wir uns begrüßen. Erstmals Sätze miteinander sprechen.
Mischt Frau Doktor Hella sich in mein auf dauernde Wiederholung gepoltes Gequatsche ein, geht das ungefähr in der Tour:
Frau Doktor Hella: 'Was für Geräusche vernehmen Sie um sich herum, Herr Reil?'
Ich: 'Autos fahren.'
'Was riechen Sie in dem Moment, Herr Reil?'
'Popcorn. Es riecht nach Popcorn.'
'Popcorn?'
'Ja. Popcorn.'
'Sie riechen Popcorn. Sonst riechen Sie nichts?'
'Ich bin da vorm Kino. Aus den Unteren raus riechts nach Popcorn. Frisch für den Besucher aufgepoppt. Den Duft nach Popcorn, den habe ich in der Nase.'
'Dann wenden sie sich von den Schaubildern ab, wollen vom Unteren wegspazieren - da steht Ihnen plötzlich Manuela Dombrowski gegenüber ... Was hatte Manuela noch mal am Körper an, Herr Reil?'
'Tausendmal habe ich das schon erzählt, mitgeteilt. Was anderes hatte sie nicht an. Ein schwarzes, samtenes Sackminikleid. Ein schwarzer Samtstoff, der so flauschigen Glanz hat. Könnte sich sogar um eine Sonderanfertigung für Manuela handeln. So ein Kleid hatte ich vorher im Leben nicht gesehen.'
'Das haben Sie die letzten Male nicht erzählt, Herr Reil. Das ist fast ein neuer Aspekt. Eine Sonderanfertigung, meinen Sie? In einer Schneiderei für Manuela Dombroski verfertigt? Haben Sie mal jemanden nach dem Kleid gefragt, Herr Reil?'
'Nein. Eigentlich nicht. Ist doch nur ein Kleid. Das. Ein sehr kurzes Sackminikleid. Samtener, schwarzer Scheißstoff. Da müßte ich Manuelas Mutti danach fragen - jetzt, wo Sie das sagen, Frau Doktor.'
'Wie sehen Manuela Dombrowskis Beine aus?'
'Lang.'
'Also, lang?'
'Klar, lang. Verschärft lang und sexy. So sexy auf der Straße rumlaufen, das dürfen nur Mädchen.'
Und so weiter und fort. Den Text auf der ewigen Wiederholungsschleife.
Immer hakt Frau Doktor Hella bei allem nach. Braucht ständig eins, Frau Doktor Hella: Wiederholungen.
Puh!
Ob ich nicht davon erst richtig verrückt werde, heutzutage?
Auf alle Fälle schafft Frau Doktor Hella den sicherlich beabsichtigten Effekt, daß Frau Doktor Hella mir laufend auf den Keks geht. Ohne, daß ich bei ihr groß ausrasten darf. Sonst ... Sonst bin ich fällig. Meinhardt-Sanatorium-Einlieferung.
Frau Doktor Hella ist die Manuela-Geschichte unter anderem etwas eines klein bißchen tiefer sitzenden seelischen Problems bei mir. Alles hat seine Wurzeln in der frühesten Kindheit. Die frühkindliche Erfahrungswelt.
Gerne hört Frau Doktor Hella es - Frau Doktor Hella, die mir im schwarzen Glanzledersessel gegenübersitzt, sich Notizen macht, konzentriert Kreuzchen malt, mal Häkchen setzt und Wörter einkreist -, wenn ich in meine frühkindliche Lebensphase abschweife, Erinnerungen an Mutti und Vati hervorschaffe. Als ich noch ganz klein, im Kindergartenalter und so. Wenn mir etwas aus dieser Zeit einfällt, freut Frau Doktor Hella das.
Frage mich, ob ich Frau Doktor Hella mit dem Einfall kommen darf. Den, den ich hatte. Frau Doktor Hella mitzuteilen, daß ich noch wüßte, wie meine Mutti gerochen hat, als sie mir auf dem Küchentisch die Windeln gewechselt hat.
Oder kriege ich deswegen daraufhin ein Problem mit Frau Doktor Hella? Weil, wenn Frau Doktor Hella denkt, ich würde mir, dort, wo sie, Frau Doktor Hella, einen Teil ihrer Kernkompetenz hat, ein Späßchen erlauben. Wollte ihr mit Verarsche kommen.
Es ist nämlich so: Hat Frau Doktor Hella Lust, ruft Frau Doktor Hella bei meiner Mutti an. Könnte Mutti wieder mit Fragen zu meinen Tagen als Baby, kleiner Bub im Vorschulalter nerven. Dabei könnte Frau Doktor Hella das so nebenbei erwähnen, daß ich das sicher meine, daß meine Mutti während meiner Kinderzeit immer gerochen hat, als hätte sie einen Parfümkübel über sich ausgeschüttet. Warum hätte sie, meine Mutti, sich denn damals so parfümiert? Hätte sie, Mutti, den Gestank beim Windelwechseln nicht ertragen? Oder war das Badezimmer damals für länger bei meiner Mutti, meinem Vati kaputt, daß man sich nicht regelmäßig waschen hätte können?
Besser, ich gehe bei Frau Doktor Hella keine Risiken ein. Die Frau ist eine Gefahr. Und Aufenthalte im Meinhardt-Sanatorium nicht der Bringer.
Wovon ich die ganze Zeit in dem Datei-Eintrag schreibe: Ganz scharf muß ich aufpassen, nicht bei erstbester Gelegenheit bei mißliebigem Verhalten gegenüber Angelika oder Frau Doktor Hella ins Meinhardt-Sanatorium verfrachtet zu werden.
Nur in Dir, Tagebuch, hier drinnen in der Tagebuch-Datei, darf ich das deutlich ausdrücken. Brauche mich nicht zurückzuhalten. Darf das tippen. Das, wie sehr ich alles hasse.
Ich hasse es.
Ich hasse es.
Und ich hasse sie. Sie, Frau Doktor Hella.
Ich hasse sie, Frau Doktor Sybille Hella.
An die Gurgel könnte ich dem Weib gehen. Frau Doktor Hella mit beiden Händen den Hals drücken.
Frau Doktor Sybille Hella würgen. Die Frau würgen. Bis jeder Hauch von Atemluft Frau Doktor Hella vergangen ist.
Kein Sauerstoff mehr für Frau Doktor Sybille Hella, das wärs.
Oder daß Frau Doktor Hella ein Unfall passieren würde ... Bbei einer ihrer Fahrten ins Meinhardt-Sanatorium könnte Frau Doktor Hella verunglücken ... Frau Doktor Hella müßte sich vor Gericht rechtfertigen, daß sie jemanden über den Haufen gefahren hätte.
Das wär was. Ich wüßte im Moment nicht, wie ich meinen Jubel verbergen könnte.
Ungefähr hat Angelika das mitgekriegt, wie wenig ich Frau Doktor Hella ausstehen kann. Daß ich ein gespanntes Verhältnis zu Frau Doktor Hella habe.
Angelika versteht das aber als eine ganz normale Arzt-Patient-Problematik: Kein Doktor kann bei jedem Patienten immer beliebt sein, unternimmt er als fürsorglicher Arzt einige Anstrengungen dafür, daß ein Mensch gesunden könnte. Deswegen denkt Angelika überhaupt nicht daran, auf meinen Vorschlag einzugehen, mir das zuzugestehen, daß ich mir in der Stadt einen anderen Psychiater suchen könnte.
Angelika hat zu mir sagt, daß sich deshalb wahrscheinlich auch nicht viel bei mir ändert. Nach zwei, drei Sitzungen, wird die Sache für mich unangenehm, fällt mir ein, wieder bei ihr, Angelika, angelaufen zu kommen. Weil mir dieser Psychiater nun ebensowenig paßt wie Frau Hella zuvor. Ich dächte, ich bräuchte schon wieder den nächsten. Auf diese Weise könnten wir hier höchstens das Telefonbuch durchkriegen, statt zu einem ernsthaften Ergebnis bei mir zu gelangen. Frau Doktor Hella ist in Angelikas Augen die beste Wahl. Es sei denn, daß ich die Rechnungen für meine Praxisbesuche zukünftig selber bezahle. Dann könnte ich beginnen, mir den Psychiater selber auszusuchen.
Daraufhin blieb mir nicht viel übrig. Außer zu Angelika zu meinen, daß das mit Frau Doktor Hella schon noch irgendwie klappen müßte. Wäre schließlich nicht direkt was Persönliches, das zwischen der und mir. Bestimmt käme auch ich dann irgendwann bei Frau Doktor Hella besser drauf, daß das mit Frau Doktor Hella am Schluß paßt.
Und, seitdem ich das laut und deutlich zum Ausdruck gebracht habe, ist für mich das Thema Frau Doktor Sybille Hella bei Angelika nur schwer ansprechbar. Durch Frau Doktor Sybille Hella bleibe ich also mit dem Meinhardt-Sanatorium verbunden.
Heute, als sie mich in der Praxis Frau Doktor Hellas abgeholt hat, hatte Angelika sich am Schluß wieder abgeregt. In das Fisch-Restaurant sind wir im Taxi weitergefahren, zum Essen. Froh war Angelika doch darüber, daß Frau Hella mich doch nicht in das Meinhardt-Sanatorium weiterschickte. In dem ich wochen- oder sogar monatelang versauern hätte können.
Apropos, Tagebuch, das habe ich die Zeilen oberhalb noch nicht genauer getippselt, was wirklich echt die Schuld daran hat, daß Angelika und ich jetzt als Pärchen, das sich liebt, in einer Wohnung zusammenwohnt.
Schuldig daran hatte eigentlich jener Dienstag im August. Achtzehnter August. Ehe ich in den frühen Morgenstunden des Montags ins Krankenhaus gefahren werden mußte.
An jenem Dienstagnachmittag hatte ich Kurznachrichten geschrieben. Sie Angelika aufs Phönchen abgeschickt.
In einer dieser SMS nannte ich Angelika Herzenssternchen. Sie, Angelika, sei mein Herzenssternchen.
Herzenssternchen ...
Der Einfall mit dem Herzenssternchen, von dem ich überhaupt nicht weiß, wie er mir kommen hat können. Weil mir bis heute beinahe jede Erinnerung an jene bestimmten Tage im August abgeht.
Die Nachricht, in der ich das mit dem Wort Herzenssternchen an Angelika textete, hat Angelika ganz warm ums Herz gemacht.
Als Angelika an dem Augustdienstag abends nach Hause kam, nachschaute, was auf ihrem dritten Smartie, das sie lautlos hatte, los war, hat Angelika das mit dem Herzenssternchen gelesen.
Angelika drittes Phönchen, eigentlich nur mehr für kurze Zeit dafür gedacht, daß darauf meine Anrufe, Sims-Einfälle und ähnliches eintrafen.
Weil ich sie mein Herzenssternchen genannt hatte, konnte Angelika die Nacht von Dienstag auf Mittwoch kaum was schlafen. Im Bett hatte Angelika sich herumgewälzt, darüber nachgedacht, wie sie, Angelika, das mit einer neuen Kontaktaufnahme mit mir im Laufe der Tagesstunden des Mittwochs bewerkstelligen sollte. Das hatte nämlich seine Problematik für sie, Angelika. Schließlich hatte sie mich tagelang auflaufen lassen. Keine Nachrichten hatte sie an mich geschrieben, auf keinen Anruf von mir reagiert. Hätte dergleichen im Grunde genommen auch nicht mehr im Sinn gehabt. Angelika hatte daran gedacht, sich für ihr drittes Phönchen eine neue Nummer vom Telefonanbieter zuweisen zu lassen. Damit sie es endlich wieder für was gebrauchen könnte, das Teil, dabei von allem weiterem mit mir unbelästigt blieb.
Herzenssternchen - mein Schlüssel zu Angelikas Herz. Sozusagen mein Türöffner.
Was Angelika wohl dazu sagen würde, daß ich die leiseste Ahnung habe, wie ich auf das mit Herzenssternchen kommen konnte. Etwas, das sich wie ein Einfall anfühlt, der mir nicht selber gekommen ist. Als hätte jemand anders sich das mit Herzenssternchen ausgedacht.
Knapp an nichts der Geschehnisse Mitte August kann ich mich erinnern.
Daß ich sie, Angelika, Herzenssternchen genannt habe ... Echt wahr, als hätte jemand anders als ich das mit Herzenssternchen bei mir auf meinem Phone eingetippt und abgeschickt.
Die Tage, Wochen vorher, nicht die geringste Überlegung hatte ich, Angelika Herzenssternchen zu nennen. Nie war so was in meinem Kopf. Nicht, daß ich wüßte.
Kann nur wiederholen: Bis heute ist mir, das wäre nicht ich gewesen, dem das mit der Herzenssternchen-Sülze eingefallen ist.
So fremd fühlt sich das mit dem Herzenssternchen für mich an. Als wäre ich nicht ich. Überhaupt nicht ich.
Nur, das mit dem Herzenssternchen, das muß mir im Laufe des Montags in die Gedanken geraten sein. Sonst hätte ich die Textzeilen nicht abschicken können. Oder?
Der Text steht schließlich heute noch unter den Datum 17.08. im Gesendet-Speicher meines Smartphones.
Herzenssternchen ...
Herzenssternchen ...
Es ist nicht zu fassen.
Herzenssternchen ...
Fransen ...?
War das Fransen, bei mir auf der Bude? Mit mir zusammen drinnen?
Könnte das möglich sein, daß der mir das angesagt hat? Oder es selber auf meinem Smartie getippt hat?
Jedenfalls empfinde ich das auf Angelika gemünzte Wort Herzenssternchen als so was von fremd. Von außerhalb kommend.
Weiß nicht, wie ich sonst umschreiben könnte. Es ist seltsam.
*
Siebenundzwanzigster September, meine Tagebuch-Datei geöffnet.
Donnerstag am frühen Abend. 18:06 Uhr.
Bin gerade alleine in Angelikas Wohnung. Alleinegelassen von Angelika.
Mir ist langweilig. Sterbenslangweilig.
Trotzdem mag ich irgendwie nicht ausgehen. Keine Ahnung, wo ich ohne Angelika hineinlatschen sollte. Bin außerdem nicht gerne alleine unterwegs.
Angelika ist zu Laila.
Scheiß-Laila.
Zur Scheißdreck-Laila, daß ich nicht mitkommen durfte. Weil Laila mich wegen Helen-Ebru, Helen-Ebru, ehemals mit mir verlobt, nicht ausstehen kann.
Abgrundtief, daß sie mich haßt, hat Laila vorgestern am Nachmittag wiederholt in der Ost-Caféteria am Uni-Gelände zu Angelika gemeint. Über mich, daß Laila sich ausführlich mit Angelika unterhalten hat. Laila, die nicht verstehen könnte, daß Angelika mit einem Arschloch wie ich eines bin zusammensein kann.
Bis zum heutigen Tag nicht für Laila-Baby zu begreifen, welchen Narren Angelika an mir gefressen hat. Daß Angelika und ich ein Liebespaar sind, Angelika mit mir ins Bett steigt - bis heute nicht für Laila eingängige Ware. Sie, Angelika, sie wüßte doch, wie ich öfters mit Helen-Ebru umgesprungen bin. Helen-Ebru, Lailas Glaubensschwester, müßte doch für Angelika ein abschreckendes Beispiel sein, sich nicht großartig mit mir einzulassen. Nebenbei wäre sie, Angelika, gewesen, als ich Helen-Ebru geschüttelt und hergeschubst habe, daß Helen-Ebru beinahe vor ein vorbeifahrendes Auto gestürzt wäre. So einen liebe sie, Angelika, nun, habe ihn bei sich einziehen lassen. Aufpassen sollte Angelika, daß ich nicht irgendwann mit ihr dasselbe mache wie mit Helen-Ebru.
Ehrlich, ganz nebenbei frage ich mich, wie das bei den Kopftuchschwestern Laila und Helen-Ebru eigentlich ist, haben sie doch tagtäglichen Umgang mit ihren Brüdern im Glauben. Von denen vernimmt man noch weniger Gutes als von irgendwelchen Ungläubigen. Die haben Sachen drauf, daß man denkt, Kinder mit denen sind Unfälle, die dabei eben passieren, die Ehe ein Ort der Sklaverei und des Gefängnisses.
Oder macht hier lediglich eins den Unterschied, und zwar das, daß ICH mal jähzornig war? Bei anderen zählt das nach Lailas Ansicht nicht so.
Gut denn, Laila-Maus kann mich nicht leiden. Laila-Maus mag das so, daß ich Angelika nicht begleite. Sitze ich eben einsam in der Wohnung Angelikas rum. Obwohl Angelika Frau Doktor Hella nachdrücklich versprochen hat, mich nach Möglichkeit nicht viel aus den Augen zu lassen.
Unbeobachtet, losgelassen zu sein hat aber auch was Schönes.
Seit Angelika mich in Beschlag genommen hat, komme ich kaum mehr länger in meine Schwatzstube im Netz. Mit jemandem drinnen Zeilen zu tauschen passiert mir momentan nicht übermäßig häufig. Daß ich das jetzt doch könnte, mein Kennwort zu tippen, oder?
Andererseits fehlt mir dazu die echt große Lust. Fand das alles schon mal reizvoller, mich einzuwählen, in Schwatzräumen durch die Gegend zu texten.
Das Läppie ist allerdings trotzdem an, will für was benutzt werden - nicht bloß für Poker-Übungen.
Verfluchte Scheiße, kann das gut hier in allen Einzelheiten berichten, wie mir das passiert ist, daß Leute mich aus meiner Wohnheimbude erst ins Krankenhaus verfrachteten. Später, daß ich in ein Sanatorium eingeliefert wurde, das auf nervliche und sonstige geistige Erkrankungen spezialisiert ist. Psychiatrie und Neurologie. Wie es bei mir so weit kommen hatte können, daß ich dort hinter dicken Mauern eingetroffen bin. Obwohl ich mich nicht für Gott Zeus persönlich gehalten habe.
Vor allem auf den Wunsch Angelikas hin bin ich in das Meinhardt-Sanatorium verbracht worden. Die im Krankenhaus hatten mich zuerst woanders hinfahren lassen. Angelikas Gedanke, einen Ortswechsel für mich zu veranlassen, hatte damit zu tun, weil man Patienten im Meinhardt-Sanatorium täglich und lange besuchen darf. Sogar länger separat in einem Raum mit Bett hinein durfte. Für eine vorher ausgemachte Zeit. Kameralos.
Solange die mich behandelnden, umsorgenden Ärzte den Daumen hoch reckten, ging das für Angelika und mich die vier Tage im Meinhardt-Sanatorium klar, obwohl nur bei Angelika der Vulkan loderte. Während Angelika, weil Dinge bei mir tablettenmäßig gedämpfter waren, mit mir ihre Mühe und Not hatte.
Das Meinhardt-Sanatorium, eine Irre für Leute, die sich ein Sanatorium mit Spezialwünschen wie traute Zweisamkeit leisten können.
Knapp drei Wochen war ich im Meinhardt-Sanatorium Inventar. Mit Sitzungen und Persönlichkeits- und anderen Tests auf der Psychiatrischen, Untersuchungen auf der neurologischen Station.
Mit mir waren die vom Meinhardt-Sanatorium hübsch zugange, finde ich im Rückblick. War ziemlich schwer für mich, den kitteltragenden Leuten irgendwas von wegen meiner geistigen Gesundheit zu beweisen. Muß schon sagen, die Manuela-Dombrowski-Geschichte, breitet man die vor Laueten aus, hat die so gewisse bedenkliche Nuancen. Hatte ich da mal den falschen Zungenschlag drauf ...
Wäre Angelika mit ihrem Geld nicht gewesen, ich weiß nicht. Ich glaube nicht, daß ich ... Erst mal wäre ich ohne Angelika nicht in einem privaten Klinikum eingetroffen, sondern im staatlichen geblieben. Schon ein Punkt.
Vielleicht bin ich ein Fall, von dem außenstehende Beobachter sagen könnten: Geld hilft einem weiter. Geld hilft überall und für alles. Wenn nicht das eigene Geldschränkchen, darf es gut das von jemand anders sein. Bei mir, das von Angelika. Angelika, die ihre monetäre Wohlfühloase von Vati und Mutti herhat.
Mit der Hilfe Angelikas und angesichts einer größeren Spende von Angelikas Eltern an das Meinhardt-Sanatorium bin ich der Inneneinrichtung des Meinhardt-Sanatoriums außerdem bis auf weiteres und unter Auflagen entkommen.
Das heißt, wäre ich ein durchgeknallter Gewalttäter gewesen, ein Mann für exzessive Sexualdelikte wie Pädophilie, Vergewaltigung und mit cholerischen Gewaltausbrüchen, hätte sich für mich die Möglichkeit trotzdem eher schlecht ergeben. Auch als Drogenabhängiger hätte man mich nicht bereits nach drei schlappen Wochen rausgelassen.
So aber hatte ich an der Seite Angelikas eine gute Sozialprognose. Angelika wollte mich, und solange Angelika mich wollte ... Angelika mich nicht nur während den nachmittags stundenlang bis in den Abend ausdehnbaren Besuchszeiten im Meinhardt-Sanatorium-Spaziergarten und im Separee mit aufgeschüttelten Kissen.
Mit der Auflage durfte ich an der Seite Angelikas das Meinhardt-Sanatorium verlassen, daß Angelika ständig ein waches Auge auf mich hätte und ich mich außerhalb des Meinhardt-Sanatoriums unverzüglich in psychiatrische Behandlung begäbe.
Hier kommt sie nun ins Spiel, Frau Doktor Sybille Hella. Zu Frau Doktor Hella mußte ich noch am selben Nachmittag nach meiner Entlassung.
Angelika, von Frau Hella hin und weg, war voll mit allem einverstanden, was Frau Hella ihr daherlaberte. Frau Doktor Hella, die, was die externen Fälle angeht, mit dem Meinhardt-Sanatorium zusammenarbeitet. Man könnte so sagen: Frau Doktor Sybille Hella ist das Meinhardt-Sanatorium, nur exterritorial.
Bei Frau Doktor Hella dürfen die Meinhardt-Sanatorium-Freigang-Patienten für die Sitzungen mit den eigenen Autos oder in einem Taxi vorfahren. Um sich bei Frau Doktor Hella in den Praxisräumlichkeiten einzufinden. Pünktlichkeit immer Voraussetzung.
Frau Doktor Hella wird komisch, sobald man ihr mit Unpünktlichkeit ankommt. Mußte ich mitkriegen, als Angelika kurz mal zum Einkaufen in ein Ladengeschäft reinmachte, mit mir nebendran. Dabei dauerte das mit dem Anstehen an der Kasse ein paar Minuten zu lange. Weswegen ich zu spät bei Frau Doktor Hella in der Praxis eintraf. Daraus ergaben sich für mich keine Pluspunkte bei Frau Doktor Hella. Daß Angelika, die herbeikam, mich bei Frau Doktor Hella abzuholen, alleine mit Frau Doktor Hella sprechen und für eine Stunde Dinge mit Frau Doktor Hella abklären mußte.
Bleibt festzuhalten, wirklich ein freier Mensch, im Grunde jemand anders als ich.
Will ich nun, weil das hier momentan so schön ist, die Ereignisse von damals - jener Nacht Mittwochnacht, zweiundzwanzigster August - hier drinnen, in meiner Tagebuch-Datei, aufzuarbeiten beginnen.
Die updates sozusagen.
Mal der Reihe nach. Was war das noch mal, das sich abgespielt hatte, daß ich am Ende im Meinhardt-Sanatorium gelandet bin?
Diese Mittwochnacht im August ...
Weiß noch ganz genau, als wäre es erst vor einer Sekunde gewesen, daß ich ein kleines Weilchen, mein Läppie zugeklappt, im Dunklen auf meiner Wohnheimbude herumgehockt bin.
Immer der Versuch, mich darauf zu entsinnen, was ich die Tage zuvor am Sonntag, Montag, Dienstag denn Schönes getrieben hätte. Schließlich sah ich am Körper mit seinen blauen, grünen Stellen und einem weiterhin hübschen Veilchen seit dem Sonntag aus, als würde ich regelmäßig verhauen. Anders kann ich das nicht umschreiben, warf ich einen Blick auf die Hautflächen mit ihren vielen Abschürfungen. Die Art Biß- oder Einstichstellen am Hals verkrusteten mir nicht richtig, als daß ich sagen hätte können, ein Heilungsprozeß hätte sich in Gang gesetzt, seit ich das das erste Mal gesehen hatte. Die Unterarmwunde, wie von einem Messer, das mich erwischt hätte, die riß mir auf ...
Nur das mit dem Stechen in der rechten Brust, das war nicht mehr. War demnach doch keine angeknackste Rippe. Sonst aber, alles unverändert bei mir.
Die große Frage: Was geschah mit mir? Trieb ich mich die Tage seit Sonntag immer wieder irgendwo herum, ohne, kehrte ich heim, davon die allergeringste Kleinigkeit zu wissen? Keine Erinnerung an nichts. Die totale Lücke. Ein einziger Filmriß.
Was ist für mich an Vorkommnissen relativ gesichert, was die Tage vom neunzehnten bis zum einundzwanzigsten August angeht?
Einmal, daß ich Fransen im Wohnheim gesehen hatte. Unten auf meiner Etage. Zu mir hat Fransens Fratze heraufgegrinst, bis das Etagenlicht drunten ausging.
Dann das, daß ich bei Angelika anrief. Oft. Kurznachrichten habe ich an Angelika geschrieben.
Darüberhinaus hatte ich am Körper jede Menge Hinterlassenschaften, Beweise, daß darüberhinaus irgendwann Dinge mit mir geschehen waren.
Ums Verrecken war jedoch auf nichts weiteres, Erhellendes zu kommen. Sah ich mein Gehirn als einen Muskel an, hatte der zugemacht. Und der Muskel blieb für den Sportler zu. Bis heute nichts zu machen für mich.
Solcherart waren meine Gedankengänge ungefähr auch während jener Mittwochnacht im August. Ewig der gleiche Kreisel. Irgendwann bin ich im Finstern von meinem Drehstuhl aufgehüpft. Den Schalter der Tischlampe habe ich tastend gesucht, mir in der Bude wieder elektrisches Licht angemacht.
Auf und ab habe ich angefangen, die Weite der Räumlichkeit diagonal hin und zurück abzulaufen.
Ein nicht geringes Maß an Zorn, das sich in mir aufzubauen begonnen hatte. Zunächst die Tatsache: keine Erinnerung an nichts. Schließlich diese Bedrohung mit Namen Fransen.
Um Fransen kreisten meine Gedanken.
Daran hatte ich vor meinem geistigen Auge in Wiederholung Freude, daß ich diesen Fransen nahe bei der Geiersdorfer Bergstraße unter mir am steil ansteigenden Wiesenboden drunten hatte. Dort war der Eindruck, den der Vogel namens Fransen auf mich machte, ein miserabler. Herschlagen hätte ich Fransen können, bis mir beide Fäuste an den Knochen Fransens kaputtgegangen wären.
Mit diesem Fransen samt seinem metallenen Spazierstock mit der Dämonenfratzenplastik am Knauf oben sollte ich zu einhundert Prozent noch einmal fertig werden können. Und diesesmal würde ich es ihm richtig besorgen, präsentierte er sich mir nicht nur als eine Person zum Erschrecken, kam mir hinterrücks daher, sondern trat leibhaftig unmittelbar vor mich.
Aufs Bett habe ich mich dann in der Schlafanzughose an, mit Unterhemd gelegt. Wälzte mich von einer Seite auf die andre. An die Möglichkeit von Schlaf war nicht zu denken.
Keine Ahnung, was mich da dazu gerufen hatte. Auf alle Fälle hatte ich plötzlich die Farbfotografie mit Manuela Dombrowski und das Sterbebildchen Manuela Dombrowskis in meinem Sinn. Die Bilder, die Manuela Dombrowskis Mutti mir mitgegeben hatte. In mir war da ein drängender Impuls; nicht dagegen anzukommen. Aus der Bettstatt bin ich rausgehüpft.
Aus der oberen Schublade meines Wandschränkchens habe ich das Farbfoto Manuela Dombrowskis geholt und es mir vorgenommen.
Im wahrsten Sinne des Wortes vorgenommen habe ich mir das Teil. Genau der passende Ausdruck für das, was ich angefangen habe. Nämlich das, in einer Tour auf das Farbbild zu starren. Draufgestarrt habe ich und draufgestarrt.
Der reinste Irrsin, der mich überwältigt hatte, ich kann nicht sagen, warum ich nicht anders konnte. Vielleicht, weil ich das schon mal hatte, daß mir fotografische Werke, die Manuela Dombrowski zeigten, zum Leben erwachten. Wie durch Zauberei.
Wollte ich das erzwingen, daß die Fotoszene mit Manuela Dombrowski anfängt, wie ein Film zu laufen? Daß dieses Phänomen sich für mich mit dem Foto, das ich besaß, wiederholte?
Total durchgeknallt war ich. Unbedingt wollte ich das, daß sich da was abspielen sollte. Auf der Farbfotografie, auf der Manuela Dombrowski kupferfarbene Haare hatte.
Auf das mit den Haaren hatte Manuela Dombrowskis Mutti mich erst hingewiesen. Manuela Dombrowskis Mutti, die zu mir meinte, daß sie das mit dem Kupferhaar bei Manuela etwas Komisches fände. Weil Manuela nie eine war, die viel was für das Haarefärben übrig hatte. Manuela, eine, die färbte sich ihr Haar - eher nicht.
Gebauschtes, kupferrotes, langes Haar mit Kreppeisendauerwelle bei Manuela Dombrowski, daß ich beim Draufstarren blickte.
Das war nun schon wieder solch ein Moment. Eine Irritierung.
Gebauschtes, kupferrotes, langes Haar mit Kreppeisendauerwelle ... Das habe ich mich zu fragen begonnen: Hatte Manuela Dombrowski auf dem Bild eigentlich früher nicht glattes, kupferrotes, langes Haar gehabt? Jetzt waren das plötzlich Haare mit einer Dauerwelle, als wäre Manuela Dombrowski zwischenzeitlich zum Friseur gegangen.
Oder hatte Manuela Dombrowski bereits eine Dauerwelle, nur daß mir das zuvor nicht recht aufgefallen war?
Konnte mich zwar nicht klar entsinnen. War mir dennoch sicher: glattes, langes Haar bei Manuela Dombrowski am Foto. Oder doch schon die Dauerwelle?
Dauerndes Gestarre von mir auf das Foto, ohne daß sich deswegen die kleinste Kleinigkeit bei Manuela Dombrowski am Bild hätte ereignen wollen. Nichts rührte sich. Nicht eine Zuckung bei Manuela Dombrowski.
Obwohl, ich hatte ja schon ein Problem. Das mit dem dauergewellten Bauschehaar Manuela Dombrowskis.
Vielleicht durfte ich das Phänomen nicht wollen, daß Bewegung in Manuela kam, war ein Gedanke von mir; sobald man etwas in der Erwartung hatte, spielte es sich nicht leicht ab.
Schließlich hatte ich vom minutenlangen Dauerstarren auf die Fotografie Geflirre vor den Augen. Manuela Dombrowski war nichts mehr als ein unscharfer Umriß für mich, der einen doppelten Rand hatte.
Mit Daumen und Zeigefinger habe ich mir die Augäpfel hergerieben. Während ich mich darüber ärgerte, welchen Mist ich treiben mußte.
Außerdem konnte ich doch wegen der Dauerwelle Manuelas mein Läppie anwerfen, die Tagebuch-Datei aufklicken, nachschauen, ob ich eine Kleinigkeit davon beschrieben hatte, welche Art langes Haar Manuela Dombrowski hatte, als ich mir das Foto zuerst anschaute.
Daß ich, der liebe Bernd, voll das Rad, drehen würde, darüber war ich am Nachdenken. Wo waren wir hier denn? In einer durchgeknallten Potter/Voldemort-Geschichte? Dort, an der Schule für Zauberei, lebten die gemalten Bildnisse, Fotowerke jederzeit.
Bei mir hier jedoch war die reale Welt, und wenn sich in der Realität laufende Bilder zeigten, steckte sicher alles andere als Zauberwerk dahinter. Man mußte lediglich hinter den Trick kommen, das war alles.
Solche vernünftige Denke, die hat mir mir gegenüber nur wenig gegen irgendwas bei mir geholfen. Ich verweilte dabei, aufs Manuela-Foto zu glotzen. Beharrte da drauf, auf dem Foto müßte sich irgendwann irgendwas abspielen. Etwa das, daß Manuela Dombrowski sich endlich entschloß, mir eine Runde zu blinzeln. Oder zu mir herzuwinken. Daß Manuela Dombrowski ihren Mund aufmachte, mich ansprach. Weil: Ich hätte mit Manuela Dombrowski zu reden gehabt. Einiges hätte ich mit Manuela zu bereden gehabt.
Weiter und weiter ging das mit meiner Dauerglotzerei auf die Manuela-Dombrowski-Fotografie. Der Wahnsinn. Wahnsinnig war ich. Ein Wahnsinniger.
Eingefallen ist mir im Verlaufe meines Dauergeglotzes auch, daß ich das gerne wissen hätte wollen, wer der Fotograf bei Manuela Dombrowski war.
Wer war derjenige, der fotografiert hatte?
War es Hans-Georg Tabert? Dann war das Bild älter.
Bei dem Gnaden-Friedhof-Metallkreuzfoto meinte ich zu wissen, daß das Christine Dombrowski war, die das Foto mit der Digitalkamera geschossen hatte. Christine Dombrowski, Manuelas Schwester.
Andererseits - wie konnte Hans-Georg Tabert, wenn das ein neueres Foto Manuela Dombrowskis war, Manuela Dombrowski in der Gegenwart abfotografieren? In der Gegenwart saß Hans-Georg Tabert im Gefängnis ein. Hatte mit anderen eine Zelle zu bewohnen. Zumindest so weit ich das bei Hans-Georg Tabert überblickte.
Urplötzlich kam mir Fransen als die Person in den Sinn, Fransen, der der am Auslöser der digitalen Fotokamera gewesen sein konnte.
Fransen.
Fransen, gut die Möglichkeit.
Begleitete Fransen nicht Christine Dombrowski?
Derjenige, den Christine Dombrowski an der Seite hatte, als Christine Dombrowski Robbie unten vorm Wohnheim gegenübertrat, war Fransen.
Das hieß, Christine Dombrowski und dieser Fransen mußten seit längerem miteinander bekannt sein. Wenn die zwei zusammen reisten, bei mir anzutreten.
Fransen und Christine Dombrowski, das hieß nichts anderes, als daß Fransen und Manuela Dombrowski ebenfalls beste Bekannte.
Zu dem Unheimlichen bei und mit mir wollte Hans-Georg Tabert nie so recht passen. Irgendwie zu rational, zu klar strukturiert, ohne erkennbaren Hang zu Mysterien, Hans-Georg Tabert.
Keine Ahnung.
Außerdem hatte Hans-Georg Taberts neue Verhandlung bereits Mitte Juli stattgefunden. Hans-Georg Tabert saß, innerhalb von drei kurzen Tagen zu einer neuen zwölfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, in seiner Justizvollzugsanstaltszelle.
Und zwar unter verschärften Bedingungen. Wegen dem Messer, das Hans-Georg Tabert beim Arzt, dem er besuchen hatte dürfen, seinem Wachpersonal unter die Nase gehalten hatte. Eine weitere Flucht würde Hans-Georg Tabert wegen der erhöhten Aufmerksamkeit durch die Schließer in seiner JVA nicht so schnell noch mal gelingen.
Hans-Georg Tabert, den Geliebten Manuela Dombrowskis, einmal im Gefängnis zu besuchen, das hatte ich mir in der Vergangenheit öfters überlegt.
Bei Hans-Georg Tabert anzufragen, ob wir, er und ich, uns nicht, im Verlaufe der geregelten Besuchszeiten, ein bißchen über Manuela Dombrowski unterhalten könnten.
Ich, um mir anzuhören, was Hans-Georg Tabert einem so über Manuela Dombrowski erzählte. Wäre eine Sache gewesen.
Nur, daß ich von dem Einfall abgekommen bin, mich auf dem Wege mit Hans-Georg Tabert bekanntzumachen.
Mein Thema, das war nicht das des Hans-Georg Taberts, echt wahr. Hatte echt nicht den Wunsch, das erleben zu müssen, daß Hans-Georg Tabert, mir gegenübersitzend, anfing, mich lauthals auszulachen, weil ich, seiner Meinung nach, Unsinn daherschwatzte.
Zu deutlich meine Vorstellung, wie ich mich mit Hans-Georg Tabert unterhielt, um mich am Schluß bloß noch dem Gelächter und dem Spott Hans-Georg Taberts gegenüberzusehen. Oder auch nur dem Blick, den Hans-Georg Tabert plötzlich aufgesetzt hatte. Während ich ihm, Hans-Georg Tabert, gegenüber Diverses von Manuela Dombrowski und mit Manuela Dombrowskis Erscheinung bei mir absonderte. Zeitpunkt der Geschehnisse: Monate nach Manuela Dombrowskis Tod.
Brauchte ich das? So ein Erlebnis mit Hans-Georg Tabert?
Klare Antwort: nein!
Auch wenn Hans-Georg Tabert Manuela Dombrowskis hauptsächlicher Herzensbubi war.
Für Hans-Georg Tabert, daß Manuela Dombrowski abgefahren war. Verfolgt von Polizeiautos. Im Geländewagen Hans-Georg Taberts, daß Manuela Dombrowski die Geiersdorfer Bergstraßenkurve mit viel zu hoher Geschwindigkeit talwärts hatte nehmen wollen. Was die Schuld hatte, daß Manuela Dombrowski die Leitplanken durchbrach, Manuela Dombrowski den Abflug machte ...
... in den Tod.
Wie die Welt meinte, in den Tod.
Wirklich, in den Tod?
Wer könnte jedoch etwas anderes sagen?
Ich?
Ich, weil ich Manuela Dombrowski gesehen hatte?
Bitte, wo blieb hier der Beweis, daß Manuela lebte? Konnte ich den erbringen?
Nein!
Denke da nicht dran, diesen Dreckskerl Tabert aus seinem Gefängnisalltag zu reißen. Bei Hans-Georg Tabert für Abwechslung und Amusement zu sorgen, fällt mir nicht ein.
Nein danke!
Hans-Georg Tabert, der konnte mich mal. Überall.
Muß Schluß machen, das hier schließen.
Angelika ist vor ein paar Augenblickchen nach Hause gekommen.
Tina, Laila und Angelika hocken jetzt zusammen in der Küche ...
Ja, Laila hat mit diamantenem Glitzerkopftuch mit Angelika mitkommen müssen.
Wegen Tina, der US-Amerikanerin. Tina, eine Austauschstudentin aus den USA.
Neu aus den Staaten eingetroffen, Tina. Aus Hollywood.
Reich, diese Tina. Fabrikantentochter.
Schon ein Film mit der, mit Tina. Irre mit Gold- und Diamantenschmuck behangen, Tina, die Kalifornatorin. Mit der der Glämmerfaktor Hollywood zu Angelika in der Wohnung Angelika eintraf.
Muß man sich vorstellen, wie nach einem erfolgreichen Raubzug im Schliemann-Museum, sieht diese Tina eben im Moment hier drinnen aus. Kann nur wiederholen, real echtes Gold, damn-me echte Diamanten.
Das macht Laila dermaßen hippelig, geil.
Ein Blick auf Laila müßte jedem genügen.
Tatsache, wenn Laila auf das Gold und die Diamanten linst, ist die übrige Welt, zum Beispiel ich, vergessen. Auch wenn ich mich neben Laila hingehockt habe. Deswegen hat Laila keine Beschwerden, setzt sich woanders hin.
Mensch, Angelika braucht von dem hier keine Zeile zu lesen. Keine einzige.
Hab das Gefühl, Angelika schneit jede Sekunde bei mir im Zimmer rein ...
Schnell das abgespeichert - besser unverzüglich raus hier ...
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