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Blog von TeddeMehr

"Das digitale Tagebuch" (21.07. - 22.07), No. 1

26. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Einundzwanzigster Juli, mein Tagebuch.

Kurz nach sieben Uhr in der Früh haben wir. Genaue Uhrzeit: 07:07 Uhr.

 

Wieder Schlaftabletten.

Zweieinhalb Stück, Tagebuch.

Die haben gereicht. War im Bett dann doch weg.

Sozusagen, die Chemie, die mir zum Einschlafen verholfen hat.

 

Ein paar Stunden Schlaf hatte ich demnach.

Leider nicht traumlos.

Vielleicht hätte ich sogar noch länger schlafen können. Wenn das nicht gewesen wäre, daß ich zu träumen angefangen habe.

Weil: Ich hatte einen bösen Traum. Einen wirklich bösen Traum.

Einen, daß es mich mittendrinnen aus dem schönen Schlummer geholt hat.

 

Von diesem Alptraum weiß ich tatsächlich noch einiges. Viel zuviel, viel zu deutlich.

Diese Einzelheiten werde ich jetzt hier zunächst in Dir wiedergeben, Tagebuch. Dann damit anfangen, was danach bei mir hier an Geschehnissen war.

Das mit dem Traum ist nämlich nicht alles. Es ist etwas nachgekommen.

 

Kühl sehe ich das alles nicht.

Überhaupt nicht.

 

Ein ziemlich deutliches Traumbild ist das, an das ich mich ab einem gewissen Zeitpunkt erinnern kann.

Eine Szene dieses Traums gibt die andere.

Selten, so was eigentlich bei mir, daß ich Sachen in allzu vielen Details vor meinem geistigen Auge habe, die ich mir des Nachts oder irgendwann zusammenträume.

 Und dann, liebes Tagebuch, sind nach meinem Erwachen aus der Alptraumwelt dann ein paar Späßchen gelaufen. Solche, die mich im Grunde genommen in den Grundfesten meiner Psyche erschüttern.

So abgedrehtes Zeugs, das mir angst macht und das als Momentaufnahme in Dir, der Tagebuch-Datei, festgehalten werden muß.

Das ist schließlich die Grundidee, daß ich das Rechner-Fenster aufklicke - Doppelklick -, ein Eintrag auf den anderen in der Datei folgt. Daß Sachen nachlesbar hier drinnen stehen.

 

Versuche ich nun als erstes mal, mein Tagebuch, der Reihe nach die einzelnen Szenen der Geschehnisse meines Alptraums in Zeilenform in Dir abzuladen, mein Tagebuch.

Die erinnerbaren Traumbilder, die beginnen damit, daß ich auf einer nächtlichen Straße längs spaziere. Im Düster marschiere ich dahin.

Feste Straße, das unter meinen Füßen. Eine Teerstraße.

Gelatscht bin ich, ausgeschritten.

Sie war nicht ganz dunkel, die Welt bei mir rundum herum. Umschattete Umrißhaftigkeit, so könnte man das nennen, was ich erahnte, wenn ich herumblickte.

Das eine oder andere Mal, daß ich angehalten hab, mich auf dem Absatz im Kreis herumgedreht. Hab in das Dunkel um mich her geschaut.

Viel Ahnung, wo ich war, habe ich deswegen nicht. Nur, ich meine, irgendwie richtig weit weg von hier daheim, meinem Elternhaus, kann die Örtlichkeit nicht sein. Bloß, daß mir der Lichtverschmutzung, die überall auf der Welt vorherrscht, kaum was war.

Teerbelag, Straßengegend, allgegenwärtig in den zivilisierten Ländern.

Ein hie und da aufscheinendes Licht, blickte ich wohin. Das hatte für mich nichts Besonderes zu bedeuten. Eher überhaupt nichts.

An den verschiedensten Baum- und Strauchumrissen links und rechts meines Gehweges komme ich vorüber. Dann: In der Entfernung, die Lichter verschiedener Häuser.

Alles bleibt immer irgendwie auf Distanz. Näher komme ich da nirgends ran. Bis es verschwindet.

Finde ich aber nicht weiter schlimm. Muß nirgendwohin. Anscheinend.

Allerdings, ich werde unruhiger.

Immer mehr komme ich mir beim Ausschreiten vor, als ob ich erwarte, irgendwas müßte in meiner Umgebung auftauchen. Als ob ich verfolgt werde, so eile ich dahin.

Das nächstemal, daß ich mich umwandte. Plötzlich war hinter mir ein Geschehen.

Verschiedenste Lichtpunkte, die in der Finsternis getanzt haben. Zum Glück weit genug entfernt.

Vom Näherkommen dieser Tanzlichter wollte ich nicht das Allergeringste wissen. Sehe mich in der Traumszene, wie ich mich aus dem Stand abrupt herumwerfe. Richtig am Rennen bin ich.

Überraschend gewahre ich voraus ein einzelnes kleines Lichtlein.

Die Lichterscheinung macht, daß ich abrupt stehenbleibe, nicht weiterlaufe.

Fasziniert beobachte ich, daß der Lichtschein näherkommt.

Allerdings, keine Idee in mir, von neuem voranzulaufen, etwa darauf zu.

Auf der Stelle verweile ich, stehe herum.

In einer Tour, daß ich auf den größer werdenden Lichtkreis starre.

Mich umzuwenden, zu gucken, was denn hinter mir wäre, das mache ich die ganze Zeit nicht das bißchen. Fällt mir nicht ein.

Obwohl ich zuvor vor etwas weggesprintet war, was jetzt vielleicht hinter mir immer näher am Herankommen war. Hätte doch eigentlich auch hinter mich schauen müssen, danach zu gucken, was rückwärts von mir wäre, wenn vorhin was damit war, daß ich gemeint habe, davor davonrennen zu müssen.

Bloß, mich umzuwenden, das war nicht. Wegen denjenigen, die einen Laterne mit sich trugen.

Erkennen konnte ich sie nun: zwei Personen.

Ein Pärchen war das, diejenigen, die mir entgegenschritten. Die größere Gestalt, deutlich ein Mann, einer, der einem langen Stab trug, das Laternenlicht hochhielt. Die kleinere Figur, dem Umriß nach eine Frau, schritt etwas hinter dem anderen in meine Richtung aus.

Dann waren die beiden bei mir angekommen. Als ich das Weibsbild hergeleuchtet gesehen habe, erkannte ich SIE.

Sofort kannte ich SIE.

Nur zu gut, daß SIE und IHRE Gesichtszüge mir bekannt waren. SIE war mir alles andere als eine Fremde.

Aber auch ER nicht. IHN kannte ich tatsächlich ebenfalls.

Dinge bezeigte SIE mir, während ER nur bei IHR herumgestanden ist, mich betrachtend.

 

Du willst das Bild schärfer sehen, liebes Tagebuch? Das, was ich wahrgenommen hatte, daß es mich aus dem Schlaf gerissen hat, möchtest Du genauer beschrieben haben, Tagebuch?

Ganz genau darüber Bescheid bekommen, was meine Wahrnehmung war, daß es mich schlagartig aus dem Traumdämmer holte?

Darüber will ich Dich jetzt augenblicklich ganz genau informieren.

SIE war das.

SIE war das nämlich.

SIE!

SIE!

SIE habe ich in aller Deutlichkeit mir gegenüber dastehen sehen.

Aber auch IHN, IHREN Begleiter, den kannte ich.

Die Männergestalt an IHRER Seite, mir ebenfalls kein Unbekannter? Niemand ganz und gar Fremdes.

Größer gewachsen, ER, in einen hellen, grauen Mantel, Art Trenchcoat, gekleidet.

Seine Gesichtszüge ... Die von ...

Die von dem. Von dem.

Dieser Type, diesem Penner.

ER war das dort bei IHR.

Abermals spielte ER eine Rolle als jemand an IHRER Seite.

Einmal im kleinen Wäldchen, dann in dem Alp jetzt.

Derjenige, der IHR mit der hellen Laterne quasi den Weg zu mir hin leuchtete, das war ER.

 

SIE, SIE, SIE war dort für mich. Dort für mich eingetroffen.

Manuela!

SIE!

Gekommen war SIE, Manuela. Mit IHM.

Und SIE war schrecklich. Aber erst mal noch nicht so, daß es mich aus dem Traum gerissen hätte.

Mit dem Finger zeigte SIE auf mich.

Ich verstand das nicht, was ich sollte, ich blieb am Platz stehen.

Ein ungeduldiger Wink bezeigte mir, daß ich näher zu IHR hinkommen sollte, den Goldkelch nehmen, den SIE trug.

Den goldenen Kelch. 

Dazu müßte ich sofort zu IHR hinkommen. Dann konnte ich etwas hineinfüllen, in den Kelch.

Auf alle Fälle sollte ich mich beeilen. Nicht lange, daß SIE auf etwas von mir warten wollte.

 

Die, die mir in meinem Alptraumgebilde gegenüberstand, die, die ich blicken habe müssen - SIE!

SIE war das, SIE, Manuela.

SIE, Manuela, war das, Tagebuch.

SIE, Manuela.

Und so fürchterlich deutlich SIE, Manuela.

In mir war das nicht das allergeringste Verlangen, Manuela zu gehorchen. Wollte diesen Kelch nicht von ihr nehmen, auch wenn er verziert und von Gold war.

Ihr für den Goldkelch was zu geben, fiel mir überhaupt nicht ein.

Trotzdem hat Manuela mich angegrinst. So angegrinst, als könnte ich überhaupt nicht anders. Müßte den Kelch fassen, und dann wäre alles, wie sie es sich gewünscht hätte.

Der Kelch, etwas Nettes, Hübsches, das sie für mich hätte. Immer noch.

Mit einigermaßen arroganter Geste bedeutete Manuela mir, obwohl ich mich nicht das bißchen vom Fleck rührte, daß ich stehenbleiben und warten sollte. Sie und ihr männlicher Begleiter müßten noch näher an mich heran. Unmittelbar bei mir sein.

Dann bekäme ich den goldenen Kelch. Um etwas in ihn hineinzutun. Ihn mit irgendwas zu füllen.

 

Total zu verstehen ist das nicht für mich, Tagebuch, daß von den beiden von mir erwartet wurde, daß ich nach dem Kelch fasse.

Ich meine, der Goldkelch wurde mir hingehalten. Ich sollte den Kelch umfassen.

Aber, als ich das nicht machte, geschah eigentlich nichts. Nichts.

Obwohl die beiden doch ganz nahe bei mir waren, daß sie den Weg so oder so frei hatten.

Vor meinem geistigen Auge habe ich jene Manuela aus meinem Alptraum in allen Einzelheiten, wie sie da vor mir aufgebaut dastand.

Welch ein glasklares Bild ist das. Eins, das sich mir richtiggehend eingebrannt hat.

Wieviel Schmuck Manuela trug! Jede Menge Schmuck, mit dem Manuela behangen war.

Schwere, dicke Ohr- und Funkelfingerringe. Im Laternenschein glitzerten Armreife.

Eine silberne Halskette, edelsteinbesetzt, die Manuela tief in den Ausschnitt ihres mittelalterlichen Kleides herabfiel.

Unten an der Silberkette dran war ein gewaltiger runder Diamant; mitten zwischen den bleichen Brüsten Manuelas lag der kugelrunde Funkeldiamant auf dem Brustbein auf. 

Zu allem Überfluß hatte Manuela ein gekröntes Haupt.

Weil Manuela bei sich das dunkle Kopftuch herunterschob, gewahre ich, daß die Krone einer Königin Manuela am Kopf oben aufsaß.

Total ehrfurchtsgebietend, daß Manuela ausschaute.

Wie die Beherrscherin eines Königreiches präsentierte sich Manuela. Eine, die Macht hatte. Manuela, die über Land und Leute gebot.

 

Keine Ahnung, hochverehrtes Tagebuch, wie ich das passend ausdrücken soll. Manuelas Gestalt, sie wirkt, auch jetzt, während ich über die Szenen meines Alptraums vor meinem geistigen Auge sehe, so machtvoll. Auch nur die Erinnerung an die Traumbilder, sie hat was.

Manuelas Lächeln zu mir hin, etwas Herablassendes.

Manuelas Fingerzeig hieß, daß sie nun endlich unmittelbarer zu mir hinkommen wolle, mir den güldenen Kelch in die Hand zu drücken. Damit ich den Kelch umfasse.

Als Manuela sich langsam in Bewegung schaffte, den letzten halben Meter auch noch zu bewältigen - war da so ein namenloses Grauen. Etwas derartig Schreckliches hatte das für mich an sich, daß Manuela unmittelbar mir gegenüber sein würde - daß mich das in die Welt des Wachen und der Lebenden zurückschaffte.

Mein eigener Schrei war das, der mir in den Ohren verklang, als ich mich in meinem Bett hochrumpelte.

Schweißüberströmt war ich. Schweiß, der mir die Nasenspitze heruntertropfte.

Nach dem Nachttischlämpchen hab ich zittrig getastet, es eingeschaltet.

Tief, tief habe ich durchgeatmet, das Schauderhafte in mir abzuschütteln.

Viertel über sechs am Morgen war es, liebes Tagebuch. Das waren jedenfalls die Zahlen, die ich blinzelnd von der Anzeige des digitalen Radioweckers auf meinem Nachtkästchen abgelesen habe.

Tatsächlich, daß ich ein wenig länger gepennt hatte, konstatierte ich bei mir.

Jedoch für einen Scheißdreck-Alptraum. Einen Scheißdreck-Alptraum mit IHR.

Am ganzen Körper habe ich gezittert. Zittern hat es mich gemacht, das Alptraumbild von IHR, das mir vor Augen stand.

Der Schweiß ist mir in einer Tour von Nase, Kinn getropft. Das Herz hat mir gerast, daß ich mir die Hand gegen die linke Brust gepreßt habe.

Als ich das dann nach einem Weilchen konnte, Tagebuch, habe ich mich vom Bett erhoben. Mich auf meine Füße gestellt.

Seitlich bin ich an mein Zimmerfenster getaumelt. Habe mich mit der Schulter dort an die Wand angelehnt, durchgeatmet und mir die Augen, vor denen es mir im Stehen einigermaßen flirrte, mit Daumen und Zeigefinger hergerieben.

Ein doofer Scheiß-Alptraum und Drecksnachwirkungen der zweieinhalbfachen Tabletteneinwürfe.

Keine Ahnung, Tagebuch, den Rolladen habe ich nach einem Weilchen des Dastehens unwillkürlich, ohne darüber groß irgendwas deswegen zu überlegen, hochgezogen.

Vorm offenen Fenster habe ich in der Morgensonne tief ein- und ausgeatmet.

Wolkenlos, das düster-bläuliche Himmelsfirmament. Ich glotzte durch das engmaschige Insektengitter vor der viereckigen Fensteröffnung auf die Gartenwelt unten.

Da war unterhalb beim vierzig Jahre alten Walnußbaum, der grüne Kugelfrüchte trug, unvermittelt Bewegung.

Eine Frauengestalt in einem roten Art Mittelalterkleid, die für mich von hinter dem Baumstamm hervortrat.

Unfaßlich.

Am blonden, bauschigen Haarschopf bei ihr oben fand sich eine goldfarbene, im Sonnenlicht glitzernde Zackenkrone, die einer Königin, Herrscherin über die Lande. Eine silberne Halskette um den Hals schmückte sie, deren dicker runder Diamant oben zwischen den Brüsten am Brustbein auflag.

An der hölzernen Stange, die sie mit den Fingern umfaßt aufrecht hielt, das Stabende auf dem Rasen aufgesetzt, befand sich eine kurze, kupferfarbene Kette, an der eine altertümliche Metallaterne herabhing.

 

Keuchend habe ich mich vor Schreck ab- und umgewandt, mich mit dem Rücken zur Wand gestellt. Das Herz, das mir schlimmstens gerast hat.

Böse war das, was mir meine Augen übermittelten. Extrem böse

Nicht zu fassen, Tagebuch, dieses Ding, das ich in der Wahrnehmung hatte. Der reinste Wahnsinn. Wahnsinn in Reinkultur.

Es war SIE, SIE, Manuela!

Die, die ich drunten blickte, das war Manuela.

Exakt das Aussehen hatte jene Manuela wie die Manuela, die ich in dem oberschlimmen Traum geblickt hatte.

Dachte, das könnte nicht möglich sein. Das war unmöglich. Das konnte nicht wahr sein. Da täuschten mich meine Sinne endgültig.

Die Frage: Konnte das denn tatsächlich die reale Möglichkeit sein, das, daß das dort Manuela war? Von der Wand hab ich abgestoßen. Aufs neue stellte ich mich mitten vorm Fenster auf.

Das war SIE mir allerdings, mir weiterhin präsent. SIE, Manuela, drunten beim Nußbaum. Mittelalterlich im Aufzug, eine Goldkrone am blonden Schopf oben. Eine Gliederkette um den Hals, an deren Ende unten ein riesiger Diamant ihr zwischen die Brüste hineinhing.

Zu mir, ich, im Fensterrahmen stehend, starrte SIE, Manuela, herauf.

Wichtig hat Manuela zu mir heraufgewunken, mir den Goldkelch hochgehalten, daß ich der Meinung war, jede Sekunde tot umkippen zu müssen. Das Herz ist mir gerast und hat zwischendrinnen kurze, gefährliche Sprünge gemacht, ein Wahnsinn hoch zehn.

Wichtig, das Gestikulieren Manuelas.

Ich begriff das, daß sie mich zu sich hinunter befahl. Unverzüglich hätte ich bei ihr unten im Freien zu erscheinen. Gehorchen sollte ich. Schnell.

Ohne, daß ich es direkt reflektierte, habe ich nach dem Gummiband gefaßt, dafür gesorgt, daß der Rolladen meines Fensters mit Höchstgeschwindigkeit herabschoß, lautstark unten am Fensterbord aufknallte.

 

Das Standbild Manuelas in dem roten Mittelalterkleid, schmuckbehangen, gekrönt - es steht mir im Kopf, Tagebuch. Wie festgefressen.

Immer noch, mein Tagebuch.

Dieses Unglaubliche will mich nicht verlassen. Die ewig gleichen Fragen: Was will DIE denn? Was will Manuela da von mir?

Wie kann das sein, Manuela, diedrunten am Rasen beim Walnußbaum im Garten des Wohnhauses meiner Eltern herumstand? Als könnte SIE, Manuela, das ganz einfach.

Wie es ausschaute, Tagebuch, war Manuela aus dem Grund zu mir unten in den Garten gekommen, damit ich zu ihr hinauskäme. Wäre ich nach draußen gekommen, hätte Manuela mir den Goldkelch gegeben. Diesen Kelch, der in meinen Besitz übergegangen wäre.

Nun hätte ich den Kelch genommen.

 

Nur ... - wie kann das sein?

Warum geht das? Wie geht das zu, daß Manuela für mich im Garten meines Elternhauses herumsteht?

Andererseits: Warum hatte ich überhaupt einen freien Willen, Manuela trotzen zu können, wenn Manuela so glasklar Wünsche hat? Warum kann ich in Dir das hier in Dir tippen, Tagebuch, wenn Manuela das doch gerne gehabt hätte, daß ich irgendwo mit IHR mit mitkäme, um irgend Dinge für SIE zu erledigen?

 

Welchen Zweck hatte das Ganze im Grunde für mich?

Keinen anderen als Terror.

Der blanke Terror, daß ich Manuela dastehen sehe.

Der blanke Terror, Manuelas Auftauchen.

Mit etwas anderem als Terror hatte das neuerliche Erscheinen Manuelas bei mir in der Umgebung nichts zu tun.

 

*

 

 

Einundzwanzigster Juli, mein Tagebuch.

Samstag am Vormittag. Uhrzeit: 08:17 Uhr.

 

Ein anderer Eintrag jetzt.

 

Stimmt schon, Tagebuch.

Traum und Wirklichkeit - ein Unterschied wie Tag und Nacht.

 

Die Frage, ob sich mir da nichts irgendwie vermischt. Mir durcheinander gekommen ist.

Kann schon sein, daß ich verwirrt bin.

Jedenfalls bin ich weiter alleine auf meinem Zimmer.

 

Stunden sind jetzt vergangen, seit ich Manuela unten am Rasen im Garten meines alten Elternhauses dastehen gesehen habe. In einem roten Mittelalterkleid, geschmückt wie eine Königin, eine Stange hochhaltend, an der sich eine Laterne angebracht befand.

 

Bis jetzt ist nichts und niemand in mein Zimmer gekommen, bei mir eingedrungen.

Keine Manuela weit und breit.

Als wäre Manuela wirklich fort. Abgefahren. Hat mich noch mal zurückgelassen. Mir meinem Willen gelassen.

Das heißt, Manuela hat mir meinen Willen gelassen, ich durfte zurückbleiben, mußte nicht mit IHR mit.

 

Der Horror, der ist jetzt weiterhin. Der Horror ist beständig bei mir.

Richtig auf Horror bin ich.

Die Hosen habe ich wirklich gestrichen voll, würde ich das mal deutlich und ehrlich in Dir zum Ausdruck bringen, Tagebuch.

Anders kann das nicht zu tippen sein.

 

Es ist nichts als diese Tatsache: Erst träume ich von Manuela. Ein Traum, für mich der reinste Alptraum mit klar umrissenen Bildern. Die bei mir blieben, auch nach meinem Erwachen.

Dann befinde ich mich am Fenster meines Zimmers. Habe den Rolladen hochgezogen.

Und es passierte unten was. Ich meine, ich sehe Manuela von hinter dem Stamm des vierzigjährigen Nußbaums unten im Garten vortreten. Manuela, die dort dasteht.

Hat sich auf der Rasenfläche neben dem Baumstamm aufgestellt, Manuela. Die Manuela aus meinem bösen Traum.

Dasselbe rote Mittelalterkleid. Manuela mit der Krone am blonden Haarschopf oben. Manuela mit all dem Schmuck. Die lange Stange, die Manuela festhielt, von der die gußeiserne Laterne herabhing.

Für mich, daß Manuela rumsteht. Zu mir, daß Manuela heraufstarrt.

Wie eine Herrscherin aussehend, Manuela. Manuela, die Königin. Eine goldene Krone trägt die Königin am Haupt. Die dicke Kettenhalskette um den Hals. Eine großer runder Diamant, der unten an der Kette dranhängt.

Zwischen dem oberen Ansatz von Manuelas Brüsten, daß der diamantene Stein aufliegt.

 

Schmuckstarrend, Manuela, überall. Schwere Ohrringe ...

Jene Manuela, die aus meinem bösen Alp.

Genau die gleiche eins zu eins.

Sogar die Laterne, die Manuela unten am Rasen anbei von sich hatte. Die hing von einer knapp Zwei-Meter-Holzstange, die Manuela auf Vaters Rasen aufgestellt hatte.

Nur einer, der fehlte bei Manuela. Sonst wäre es genau dasselbe wie in meinem Alptraum gewesen.

Jener Penner im Trenchcoat, der befand sich nicht an Manuelas Seite.

 

Wo war der eigentlich bei Manuela abgeblieben, wenn Manuela sich dort drunten am Rasen aufhielt?

Nicht auszuhalten, das. Unerträglichkeit pur.

Das kann eigentlich überhaupt nicht die Möglichkeit sein, das mit Manuela.

Daß Manuela das in der Gegenwart in Wirklichkeit macht, in irgend jemandens Garten bei einem Baum herumstehen - das geht im Grunde genommen nicht. Könnte nicht bei Manuela klappen, Tagebuch. Nicht nach allem, was ich von Manuela weiß.

Wahninn, sage ich Dir, Tagebuch. Da lutscht einem das Gehirn den Drops. Das geht ab.

Bei mir herrscht kein Friede auf der Welt. Keine Ahnung, warum.

 

Gehe ich in Dir, mein Tagebuch, nun schnell noch mal zu Jene Momente, Tagebuch, während denen Manuela drunten neben dem alten Walnußbaum dastand.

In der vollen Sicht meiner Augen war Manuela. Betrachten konnte ich Manuela. Nur, daß ich Manuela nicht lange wie ein Weltwunder angeschaut habe. Seitlich vom Fenster habe ich hingefaßt, den Rolladen habe ich herunterfallen lassen. Daß es knallte.

Habe mich daraufhin mit dem Rücken gegen die Zimmerwand seitlich vom Fenster gelehnt.

Tief in meinem Innersten war ich erschüttert. Jede Faser von mir war in Mitleidenschaft gezogen. Wie ein Espenlaub habe ich gezittert, daß ich mich über mich selber wundere, warum ich auf weichen Knien auf beiden Beinen aufrecht stand, nicht am Boden drunten saß.

Urplötzlich stellte sich etwas anderes bei mir ein. Eine Wut. Bedenkenlose Wut kochte in mir hoch. Eine Wut.

Jemand war das, unten im Garten meines Elternhauses für mich zu blicken. Manuela. Es war Manuela, SIE.

Wenn dem so war, daß das tatsächlich Manuela war. War das möglich. war es möglich. Körperlich, daß ich Manuela drunten am Rasen vorm Haus meiner Eltern dastehen sah, Manuela, die sich an meiner Betrachtugn erfreute - da konnte ich doch was tun. Da konnte ich doch machen, was sie sich wünschte, wenn ich IHRE Gesten richtig verstand. Zu IHR hinunterkommen konnte ich.

Hatte Manuela Körper, war sie anzufassen. Wenn ich Manuela handfest anfassen konnte, war ich in der Lage, auch was mit Manuela anzustellen. Dann konnte ich auch mit der Faust nach Manuela schlagen. Mit der Faust auf Manuela einschlagen. Oder Manuela den Holzstab mit der Laternen entreißen ...

Und meine Schläge, wenn die trafen, Wirkung erzielten ...

Dann hatte ich SIE, SIE, Manuela.

Nicht nur mir, einigen anderen Leuten würde Manuela auf der Welt was erklären müssen. Mancherlei Dinge.

 

Das war es! Plötzlich war ich entschlossen. Zu allem entschlossen.

Alle Bedenken, die ich üblicherweise hatte, wie weggeblasen. Aus meinem Zimmer bin ich gestürmt. Die paar Meter Gang hoch. Die Stiege runter ins Erdgeschoß, die war im Nu bewältigt. Die kleine Vorhalle. Die Haustüre habe ich aufgerissen. Bin hinaus aus dem Haus. Ums Gebäude herum.

Beim Nußbaum aber - kein Mensch vorhanden.

Nichts und niemand.

Weit und breit keine Menschenseele im Garten am grünen Rasen. Keine Manuela nirgendwo.

Obwohl ich Manuela deutlich gesehen hatte. Ich doch jetzt das unternommen hatte, was Manuela sich von mir wünschte: daß ich herbeikäme.

Beinahe eine Enttäuschung für mich, daß Manuela nicht anzutreffen war.

Auf den Erdboden beim Baum mich herabbeugend, habe ich mit den Handflächen herumgesucht, Rasen gestreichelt.

Mein Herz machte einen Sprung. Eine Art Abdruck war in der Rasenfläche.

Wie der von dem kreisförmigen Stockende. Das Ende der Holzstange mit der gußeisernen Laterne oben dran, die Manuela auf das gestern von mir frisch mit dem Rasenmäher gemähte Grün aufgestellt hatte.

 

Oder bildete ich mir die Tatsache bloß ein?

Als ich wiederholt drüberwischte, -tastete, wurde die Spur jedenfalls eher von mir verwischt, als daß weiter etwas damit anzufangen gewesen wäre.

Das war blöde. Total blöd. Bloß half es dann nichts mehr, zu denken, daß ich blöd war. Weil ich, der Idiot, selber schuld war, daß jetzt von nichts mehr was zu erkennen war.

Auf die Füße habe ich mich gestellt. Vogelgezwitscher hörte ich um mich herum. Vögel haben gesungen, gezwitschert.

Die Welt war nicht etwa verstummt. Gezwitschert und gefiept hat es. Morgengesänge der Vogelwelt.

Rechter Hand von mir in der Nachbarschaft: Die deutliche Geräuschkulisse eines Fahrzeugs, dem beim drittenmal Anlassen der Motor erst zu laufen anfing.

Ums Haus herum bin ich auf meinen wackligen Beinen gelatscht. Das Adrenalin, das sich langsam wieder bei mir abbaute, der Horror, der in mich zurückkehrte, die Befürchtungen von etwas Gräßlichem. Obwohl es hellichter Tag war. Ins Hausinnere, daß ich hinein zurück wollte.

Die Zeitungsausträgerin ist mir am Gartentor entgegengekommen.

Die Frau hat mich seltsam angesehen, mich gegrüßt. Sie hat sich bei mir entschuldigt, daß sie die Zeitung nicht schon früher gebracht hätte; es habe jedoch technische Probleme beim Druck gegeben.

Ich war kein großer Zeitungsleser. Ob das Weib, das die Zeitung lieferte, später dran war oder zu früh, im Leben, daß mich das nicht interessierte.

Weiter redete ich mit ihr, entwickelte Textzeilen. Tatsächlich beschreibe der Dame Manuela. Das Aussehen Manuelas. Manuela eine, die so eine altertümliche, eckige Eisenlaterne an einer mannslangen Holzstange befestigt mit sich herumtrug, so blutrotes, knapp nicht bodenlanges Kleid an. Mittelalterlich, könnte man den Stil des Kleidungsstücks nennen. Dunkelblondes Haar, die junge Dame. Mit reichlich Schmuckzeugs behangen, die. Echt wirkendem Tand.

Eine klare Personenbeschreibung, die ich abgeliefert habe, bei der ich das große Stück Königinnenkrone, die der mit Manuelas Aussehen am Kopf droben aufsaß, mal wegließ.

Hat die Zeitungsfrau erst den Kopf geschüttelt, die Nase zu mir hin gerümpft, als ginge starker Geruch von mir weg. Dann hat die allerdings unvermittelt zu mir hin gemeint, daß sie gerade vor ein paar Augenblicken erst tatsächlich eine junge Frau in ein schwarzes Auto einsteigen sehen hätte. Eine mit dunkelblondem Haar. Eine große, dicke Sonnenbrille hätte die aufgehabt. Am Oberkörper übergeworfen einen braunen Westenumhang. Sie, die Zeitungsfrau, denke, einen knöchellangen rotfarbenen Rock, den das Fräulein außerdem angehabt hätte. Dazu hübschen, auffälligen Ohrschmuck, daß die Dunkelblonde hatte. Sehr edles Gehänge für das Frauenohr. Waren die Ohrringe von echtem Gold, müßte so was beim Juwelier eine hübsche Stange Geld kosten. Beim Wagen ihres Freundes hätte hinten aus dem Kofferraum eine viel zu lange Holzstange seitlich herausgeschaut. Konnte unter Umständen im Straßenverkehr gefährlich werden. Erst beim zweiten Startversuch, daß ihrem ein paar Jahre älteren Freund, der sich seinen Strohhut tief in die Stirn gezogen hatte, das Fahrzeug ansprang. Kaum was vom Gesicht des Mannes zu sehen kriegte; beschreiben könnte sie es mir auf alle Fälle nicht.

 

Geglotzt habe ich, Tagebuch. Der Mund, der ist mir weit offengestanden. Das mit dem rasenden Herzschlag, mir zurückgekommen.

Ein dunkelblondes Weibsbild, knöchellanger roter Rock. Edles Geschmeide, das dem weiblichen Ohr herabhing.

IHRE Beschreibung. Das konnte SIE gut gewesen sein.

Die Zeitungsfrau hatte SIE gesehen.

War das, daß ich Manuela beim Haus meiner Eltern, in dem ich mein altes Kinderzimmer bewohnte, gesehen hatte, demnach doch wirkliche Realität?

SIE, Manuela war in Echt dort. Und SIE fuhr Auto.

Der Kumpel bei ihr dabei, der hatte ein Auto, in dem er SIE durch die Gegend fuhr.

Weggefahren wurde von den beiden. Als hätte man plötzlich keine Zeit mehr, müßte wohin.

Das war eine Neuigkeit. Davon war ich total von den Socken. Obwohl ich wegen so eine Erscheinung Manuelas im Freien unterwegs war.

Die Zeitung hat mir die Zeitungsausträgerin hingehalten, und ich habe sie genommen. Verabschiedet hat sich die Dame, sich von mir abgewandt, um wegzugehen, weiterzumachen auf ihrem Weg, den Leuten die samstägliche Tageszeitung zu bringen.

 

In meinen Gedanken überschlägt sich auch jetzt noch alles, Tagebuch.

Was war denn das? Was erzählte die Zeitungsausträgerin mir da?

Eine dunkelblonde Schönheit in einem langen, roten Kleid, daß sie gesehen hätte. Mit den verschiedensten Schmuckstücken beladen, die Schöne. 

Zu ihrem Freund stieg die in das Auto. Eine Holzstange, die hinten nach der Seiteaus dem Kofferraum der Karre ihres Freundes herausragte. Mehrere Versuche brauchte der Kerl am Lenkrad, sein Auto zu starten.

Die Startversuche habe ich mitbekommen, hinterm Haus deutlich gehört.

Was, bitteschön, sollte denn das? Was will Manuela von mir?

Warum verschwindet Manuela dann so plötzlich, wenn Manuela das war?

Wenn Manuela das denn war. Wenn das doch kein reiner Zufall war, das mit dem Pärchen, das in dem Fahrzeug, als der Motor angesprungen war, wegfuhr.

Auch wenn hier schon einiges an Zufällen zusammenkommt. Einige Zufälle sind das, mein Tagebuch-

 

Nur eins, mir sonnenklar. Unzweideutig möchte ich das in Dir festhalten, Tagebuch: Wenn das Manuela war, ich brauche das Ganze nicht.

Und wenn das nicht Manuela war, brauche ich das ebenfalls nicht. 

Das ist kein Spaß. Das finde ich überhaupt nicht lustig.

Ich mag das nicht. Ganz und gar unerfreulich finde ich das alles. Den Traum. Später: das im Garten unten. Die Neuigkeit, als ich draußen war.

Es ist hier doch alles nicht zu fassen, liebes Tagebuch.

 

Die Hosen hatte ich voll, gestrichen voll, entdeckte ich bei mir, dort am Gartenzaun. Etwas, was mir bis dahin vollkommen entgangen war.

Aber jetzt ... Das Naserümpfen der Zeitungsausträgerin mir gegenüber wunderte mich nicht mehr. Die Frau, die etwas von dem Parfüm gerochen hatte, hatte vollkommen recht.

Hätte besser Windeln angelegt getragen, hätte ich nicht feucht getrieft. Bemerke ich an mir.

Bin zurück ins Haus. Die Stiege hoch. War gezwungen, mir neue, frische Klamotten zu suchen. Im Bad habe ich mich unter die Dusche gestellt. Warm und kalt. Und: Viel Seife war im Einsatz.

Ein weiteresmal, diese Tage, daß in einem blauen Plastiksack ein Satz Kleidung von mir in der Tonne entsorgt wurde.

 

Was machen wir bloß jetzt, Tagebuch? Wo soll ich hin?

Ich könnte zusammenbrechen. Einen Nervenzusammenbruch könnte ich mal erleiden.

 

Wo will das mit mir nur hin?

 

*

 

Einundzwanzigster Juli, mein Tagebuch.

Samstag am Vormittag. Uhrzeit: 09:58 Uhr, Samstag am Vormittag.

 

Mein Zimmer. Das Haus meiner Eltern.

Weiterhin.

Ich sitze auf meinem bequemen Drehstuhl, gut für jedes Büro.

 

Mein Rechnertisch ist das. Das Computerteil ist an. Alles gestartet. Läuft einwandfrei.

Nur ich, ich ...

Bei mir ist nichts in Ordnung. Meine Welt, sie ist aus den Fugen.

 

Das wird ein heißer Sommertag, der heutige ...

Viele werden heute ihren Spaß haben.

Ich finde aber gerade nichts lustig. Für mich ist das gerade eine Welt zum Davonlaufen.

Wohin sollte ich aber flüchten? Mich schnell hinflüchten?

Könnte höchstens in meine Wohnheimbude hinaufmachen, dorthin abreisen.

Dazu bräuchte ich für die Abfahrt mein Auto.

Mein Auto jedoch, das ist im Moment in der Werkstätte. Es steht bei Autorep.Heinz herum.

 

Andererseits, was soll die Aufregung, wenn ES war?

Es WAR ja. Es WAR.

Und ES ist mal weg.

Anscheinend in einem schwarzfarbenen Auto von mir hier weg, einfach ab- und davongefahren.

Hat mich zurückgelassen.

Mir ist in der Geschichte einiges nicht klar, außer, daß ES war.

Manuela wollte irgendwas von mir. Mußte dann unverrichteter Dinge eilends fort. Keine Ahnung, wenn ich Manuela ihre Wünsche erfüllte, zur ihr rauskam. Manuela allerdings fortmachen hatte müssen. Daß sie mich nicht erwischte.

 

Als wäre überhaupt nichts, hocke ich hier dem Bildschirm gegenüber. Ich tippe, tippe, tippe ...

Kommt Manuela heute noch wieder?

Ich tippe, tippe, tippe ...

Dir ist viel zuviel noch nicht klar, liebes Tagebuch.

Solange sonst nichts bei mir ist. Nachdem sonst nichts bei mir ist, ich das mit Dir jedoch am Rechner offen habe, möchte ich hier drinnen erst mal mit der Aufreihung der Szenen des Nachmittags, zehnter Juli, fortfahren.

Etwas Besseres fällt mir im Moment nicht zu tun ein.

Gehen wir also für die Fortsetzung der Manuela-Geschichte, der Geschichte jenes einen bestimmten Sommernachmittags. Den zehnten Juli hatten wir.

Das Mezzolatte war eine Bühne, auf der ich an dem Nachmittag länger auftrat.

Weiterhin befand ich mich mit Manuela im Mezzolatte. Es ist allerdings kurz vor Schluß von diesem Aufenthalt.

 

Ihr ziemlich kaltes Händchen, unbeeindruckt von der Hitze dieses Sommertages, hatte Manuela mir auf den Handrücken gelegt. Manuela: 'Darf ich dich noch mal küssen, Bern-die?'

Ich fühle mich dort im Mezzolatte von diesen Worten Manuelas angeregt. Ich: 'Ich will das sogar. Ich will, daß du mich küßt. Küssen darfst du mich zu jeder Zeit. So oft du willst darfst du mich küssen.'

Nach meinem Nacken faßte Manuelas Hand, schob ihren Kopf nahe an meinen heran. Zuerst hat mich Manuela zärtlich auf die Wange geküßt. Anschließend näherten sich Manuelas Lippen den meinen.

Kühl, Manuelas Lippen.

Kalt empfinde ich die nicht. Auch jetzt im nachhinein, Tagebuch, sind diese Lippen nicht kalt. Nur kühl.

Als ich Anstalten machte, meinen Mund aufzumachen, mit Zunge zu küssen, hat Manuela ihr Gesicht von mir weggeschwungen, nach mir hingegrinst.

Dieses Grinsen hatte etwas an sich, das mich aufgeregt, leicht erzürnt hat, so daß ich, um nichts daherzuplappern, das falsch rüberkommen hätte können, nach meinem Bierglas griff. Ich genehmigte mir einen Schluck.

Fast leer, mein Glas. Wurde langsam Zeit, mit Manuela ins Joeys zu kommen. 

Wie es schien, hatte Manuela meine Gedanken gelesen. Manuela meinte zu mir: 'Könnten woanders hingehen, Bern-die. Mag nicht mehr im Mezzolatte bleiben, Bern-die. Was meinst du, gehen wir? Gehen hier erst mal raus, ja? Draußen sehen wir weiter.'

Ich: 'Könnten wir schon gut machen, aus dem Mezzolatte rauszumachen. Zu Joeys? Oder willst du woanders hingehen, nicht zu Joeys?'

Manuelas Augen hatten so einen Glanz. Seltsam, der Augenaufschlag Manuelas. Daß es für mich nebenbei fast direkt ausschaute, als hege Manuela trotz beibehaltener Lächelmiene Überlegungen wenig freundlicher Natur.

Manuela: 'Nein, Bern-die! Muß nicht Joeys sein. Muß nicht zu Joeys. Könnten auch ganz was andres machen, Bern-die - hm!'

Ich zuckte die Schulter. Ich: 'Du sagst an, wo es hingehen soll, Manuela. Was immer du willst. Richte mich da ganz nach dir.'

Manuela, die Lippen geschürzt, die Stirn in tiefen Falten: 'He, Bern-die, jetzt weiß ich aber was Schönes für uns ... Wie wär's, fahren wir raus aus der Stadt? An den Königweiher könnten wir fahren. Ja, an den Königweiher. Das ist was, was wir jetzt sofort machen könnten, Bern-die. Fahren wir raus zum Königweiher, ja? Zum Königweiher. Im Mezzolatte mag ich nicht länger bleiben. Langweilt doch hier. Joeys - da ist auch erst ab zehn was los. Das magst du doch, Bern-die, wenn wir beide an den Königweiher fahren, nicht wahr?'

Mein Kopfnicken. Ich: 'Das schon eine Idee, Manuela. Eine, die gefällt mir. Ja, fahren wir beide an den Königweiher, wenn du meinst. Klar können wir das. Wenn du Lust hast, an den Königweiher zu fahren, fahren wir an den Königweiher. Kein Problem.'

Manuela: 'Bezahlt haben wir, Bern-die. Dann würde ich sagen, machen wir beide das mal, hauen ab aus dem Mezzolatte. Möchte, daß wir an den Königweiher fahren. Wir fahren an den Königweiher. Jetzt sofort. Los, worauf warten wir? Hauen wir endlich hier ab, Bern-die.'

 

Freie Schußbahn für mich, demnächst, am Königweiher - das, was ich ich im Kopf hatte. Am Königweiher, daß ich Manuela überall anfassen würde. Nach und nach.

Vor meinem geistigen Auge habe ich mich bereits hinter dichtem Gebüschbewuchs auf Manuela liegen sehen, Manuela küssen und küssen.

Der Königweiher, das war der allerbeste Einfall Manuelas. Hierbei Manuelas Überlegungen zu widersprechen, das wäre die Sünde total gewesen. Total die Sünde.

 

Die verfluchten Szenen dieses einen Nachmittags mit Manuela, die müssen zu einem Ende gebracht werden, hochverehrtes Tagebuch.

Dazu bin ich fest entschlossen, das in Dir durchzuziehen.

 

Solange ich Zeug in Dir tippe, Tagebuch, ist mit mir nicht viel was anderes.

 

*

 

 

Die Tagebuch-Datei aufgeklickt.

Weiterhin der Samstag, einundzwanzigster Juli, 11:55 Uhr.

 

 

Das muß ich unbedingt jetzt schnell hier in Dir drinnen festhalten, mein Tagebuch.

In meinem Kopf überschlägt sich alles. Tränen der Wut laufen mir die Wangen hinunter.

 

Statt beim Mittagessen in der Küche, bin ich oben auf meinem Zimmer, habe das hier geöffnet.

Um das klar zu konstatieren: Das ist eine Pechsträhne, die ich seit jenem einen Nachmittag habe. Eine Pechsträhne.

Seitdem mir Manuela da vorm Unteren den Weg fürs Weitergehen verstellt hat, ist nichts mehr in meinem Leben wie es vorher war.

Meine kleine Welt, mir richtig auf den Kopf gestellt.

So denke ich mir das alles jedenfalls nicht. Das stelle ich mir nicht als mein Leben vor.

Also, Tagebuch, Du willst, daß ich Dir das schon mitteile, was ist. Was los ist.

Das ist ...

 

Vor zwanzig Minuten - eben, daß ich aufbrechen wollte, fürs Essenfassen in die Küche hinunterzumachen -, daß Mutti zu mir ins Zimmer hereingelaufen kommt. Mutti mit dem Telefon in der Hand.

Ein Anruf von Mauth am Haustelefon für mich, meinte Mutti aufgeregt.

Das Telefonteil, das ich Mutti aus der Hand nehmen mußte. Um mir den Hörer an das Ohrläppchen zu halten.

Es war Herr Altdorf, der Personaler von Mauth. Herr Altdorf für ein Telefonat.

Herr Altdorf, Personalchef bei Mauth. Höchstselbst am Samstagvormittag in der Leitung, Herr Altdorf. Für meine Wenigkeit. Etwas Gutes konnte es nicht für mich zu bedeuten haben. Und das, was mir von Herrn Altdorf übermittelt wurde, das brachte auch keine Freude.

Gemeint hat Herr Altdorf via Telefon zu mir, es täte ihm die Geschichte sehr, sehr leid. Aber ich könnte nicht am Montag schon mit meiner Ferienarbeit beginnen. Die Krankmeldungen, die hätten sich abgebaut. Geradezu, daß am Montag schon zu viele der Leute wieder in die Arbeit kämen. Anrufe würde er, Altdorf, tätigen, daß beim einen oder andern der Festangestellten Bereitschaft entstünde, weitere Überstunden abzubauen.

Sehr, sehr ungewiß wäre das, kommt Herr Altdorf auf mich zurück, ob man mich ab dem Ersten bei Mauth als Mitarbeiter brauchen könnte. Ab dem ersten August beginne nämlich für die gesamte Belegschaft bei Mauth Kurzarbeit. Und das bedeute, nachdem man bei Mauth das mit den Zeitarbeitern bereits eingedämmt hätte, daß man eventuell auch sämtlichen Ferienarbeitern absagen müßte.

Von den Entwicklungen der nächsten Woche würde das abhängen, und ich würde nochmals einen Anruf erhalten, falls ich mit meiner Semesterferienarbeit ab dem Ersten doch noch anfangen könnte. Wenn nicht, fiel das mit meinem Ferienjob bei Mauth ganz flach.

Ich müßte das sehen, Verständnis dafür haben: Für Mauth herrschten im Augenblick harte Zeiten am Markt. Die Geschäfte, die liefen alles andere wie gewünscht; die Auftragslage, die sei derzeit als miserabel zu betrachten, was Mauth anbetraf. Vielleicht, daß es Mauth im nächsten Jahr so nicht mehr gäbe.

Er, Herr Altdorf, er verstehe das sehr gut, daß ich das Geld bräuchte. Bei niemandem wäre das anders. Er selbst könnte als Personalchef deswegen jedoch nichts für einzelne Personen machen. Er sei lediglich der Überbringer der schlechten Nachricht. So seien für Mauth eben momentan die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Den Begebenheiten müßte durch Mauth Rechnung getragen werden. Wenn ich doch noch ab dem Ersten eingestellt werden könnte, angerufen würde ich.

 

Kein weiteres Wort mehr, Herr Altdorf, Personalchef bei Mauth, hatte aufgelegt.

Mutti, die alles mitgehört hat, ist der Mund offengestanden.

Den Kopf hat Mutti nur geschüttelt, als ich ihr das Telefon zurückgereicht habe.

 Es gab zwischen Mutti und mir nichts weiter zu sagen. Mit starrer Miene hat Mutti sich von mir abgewandt, ist aus meinem Zimmer hinausgeschritten.

 

Sicher hat Mutti Vater die neue Nachricht bereits weitergeleitet. Vater, der weiß jetzt schon alles von meinem Glück.

Aufs Bett habe ich mich für eine Minute legen müssen. Niedergeschlagen, traurig. Die Hand habe ich mir auf die linke Brustgegend gedrückt.

Weil: Das war der nächste Niederschlag für mich.

Schwer getroffen bin ich. Du siehst mich taumelig, liebes Tagebuch; schwer angeknockt wanke ich im Ring durch die Gegend.

Und die bei Mauth - man stelle sich das vor -, die habe ich fragen wollen, ob sie mich nicht eventuell über die Monate meiner Semesterferien hinaus im Betrieb beschäftigen wollten. Ein halbes, dreivierteltes Jahr über meine übliche Tätigkeit hinaus. Je nachdem.

Jetzt hatte ich Bescheid gekriegt. Wußte ich aber, was Sache war.

 

Eine Katastrophe.

Nichts als Katastrophen weit und breit.

Eine Katastrophe nach der anderen geschieht, was mich angeht.

Es herrscht bei mir eigentlich nur noch der Wahnsinn. Der reine Wahnsinn ist das hier.

Meine kleine Welt liegt mir in Trümmern. Der Wahnsinn.

 

*

 

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