"Das digitale Tagebuch" (21.07. - 22.07.), No. 3
Tagebuch-Datei, aufgeklickt. Datum: 22. Juli.
Mitternachtsstunde haben wir. Jetzt Sonntag. 00:06 Uhr.
Der letzte Eintrag, wollte überhaupt nicht mehr aufhören, den zu tippen.
Bis ...
Bis zu dem Moment, als ich über Manuelas Küsse nachzudenken angefangen habe. Über noch andere Kleinigkeiten bei Manuela, was ich plötzlich meinte, bei Manuela wahrgenommen zu haben.
Das, über den Geschmack von Küssen, verschiedenste undefinierbare Gerüche, Dinge, unvermittelt im Rückblick Teil meiner Wahrnehmung, zu sinnieren, das war überhaupt nicht gut.
Tüchtig, daß es mich gehoben hat. Auf den Teppich hinab, daß ich mich übergeben habe. Gewürgt habe ich, bis alles draußen war.
Als ich dafür dann losmachen konnte, habe ich mir im Bad einen Eimer, Wasser mit Seife und mehrere Putz- und eine Rolle Papiertrockentücher aus der Küche besorgt.
Die Soße war nicht einfach aufzuwischen. Geschlagene zwanzig Minuten hatte ich damit zu tun.
Alle Schuld - hatten Manuelas Küsse.
Die Küsse, die Manuela mir Mezzolatte schenkte. Oder bei mir im Auto, ehe Manuela sich die Beifahrertüre aufmachte, auszusteigen, dann aus meiner Nähe fortzugehen. Eigentlich nicht lange, hatte Manuela zumindest zu mir hin gesprochen, wäre sie wieder bei mir zurück.
Die Erinnerung ist, daß Manuela zwar an meinem Mund vorbeiküßt. Meistens trifft Manuela mich auf den Wangen.
Im Innern meines Autos vor dem Wohnklotz, in dem, meiner Meinung dieser Augenblicke nach, Manuelas Eltern wohnten, daß Manuela mir nur die Wange gebusselt hat. Nur im Mezzolatte, daß Manuela mich bei einem Kuß auf meine Lippen traf. Im Café Mezzolatte, daß Manuela mich einmal auf die Lippen getroffen hatte. Daß ich meinen Mund aufmache, Manuela mit der Zunge antworten will ...
Manuelas Küsse ...
Wie Manuelas Küsse immer schmeckten?
Wie schmeckten die?
Schmeckte irgendwas bei Manuela denn wirklich anders? Etwa faul, modrig? War da ein undefinierbar erdiger Geruch bei Manuelas Küssen im Hintergrund? Etwas wie dauernde Fäulnis?
War dort etwas?
Oder bilde ich mir das vielleicht heute ein, daß dem so gewesen sein müßte. Jetzt, während der Rückschau?
Bewußter viel derartiges wahrgenommen, während der ganzen Zeit von Manuelas Gegenwart bei mir?
Weiß nicht. Weiß nicht genau. Heute ist heute. Das ist anders.
Der Nachmittag des zehnten Julis war gestern. Viel darüberhinaus zu begreifen, war für mich im Lauf der Nachmittagsstunden des zehnten Julis nicht. Aufgegangen war mir im Grunde rein gar nichts. Kaum das allerkleinste Licht.
Wenn etwas war, dann drüber hinweggesehen, ignoriert. Voll Stoff.
Das Obige, das mit Fäule, Modrigkeit, ist demnach tatsächlich eher ein Moment des - Heutigen. Ja, des heutigen Augenblicks eigentlich.
Im Hier und Jetzt denke ich an so Sachen, daß ich die gerochen, geschmeckt hätte.
Körpergeruch bei Manuela ...
Irgendeinen Hauch, den ich in der Nase gehabt hätte, ohne ihn definieren zu können, was das war. Beim Schreiben dieses Eintrages, daß ich das wenigstens meine, Tagebuch.
Oder war da nichts? Da, als Manuela bei mir war, war mir nichts bewußt. Da habe ich nicht viel wegen irgendwas gemeint, daß was wäre.
Erst jetzt, daß mich das nervt. In diesen Sekunden. Mann, Tagebuch!
Deswegen hab' ich momentan auch einen schwachen Magen.
Jetzt steht aber bei mir links neben dem Rechnertisch der Eimer.
Das darf sich nämlich nicht wiederholen, daß ich mir den Teppich vollsaue.
Verfluchte Manuela!
Verflucht soll SIE sein, SIE, Manuela!
Deswegen, obwohl ich Manuela verfluche, Tagebuch, laufe ich jedoch nicht aus dem Haus raus.
Obwohl ich Manuelas Präsenz spüre. Sicher zu wissen meine, daß Manuela unten im Garten am Rasen ist. Ich müßte nur den Rolladen hochmachen, würde ich Manuela zu sehen kriegen.
Ein Wink zu Manuela hin, Manuela wäre kurz darauf bei mir. Nur ein paar Sekunden drauf wäre Manuela mir gegenüber. Wäre bei mir oben.
Noch kann ich gut drauf verzichten. Noch auf meinem Zimmer bleiben.
Ich leiste Widerstand. Obwohl dieses Verlangen, etwas für Manuela und ihre direkte Anwesenheit bei mir zu machen, wie an mir zerrt. Wie ein unsichtbare Kraft zerrt das an mir
Es wird von mir verlangt, daß ich etwas dafür tue, daß Manuela zu mir hereinkommen kann. Daß ich Manuela endlich einen Weg anbiete, aufs neue zu mir hinkommen zu können.
Nein, ich bleibe schön vor dem Monitor sitzen. Solange ich hier sitzen bleibe, in der Tagebuch-Datei Worte tippe - fehlt mir nichts. Weil, das mit Manuela, das ist voll unübersichtlich. Könnten mir üble Sachen passieren, bei Manuela ...
Besser, ich texte mich weiter voran ...
Wo habe ich vorhin zu schreiben aufgehört, mein hochverehrtes Tagebuch?
Manuela und ich waren lange bei dem Wohngebäude im rechteckigen Klotzstill eingetroffen, in dem Manuelas Eltern ihre Wohnung gehabt hatten, zu der Zeit, als ich mit neunzehn, zwanzig Jahren mit Manuela zusammen war.
Manuela hatte bei mir aus dem Auto rausgemacht. Aleine bin ich drinnengesessen im Fahrzeug, das gegenüber von dem sechstöckigen Wohnklotz geparkt stand.
Am Gehsteig rechts der Kühlerhaube meines Vierräders, daß Manuela für ein paar längere Momente dastand. Zu mir hat Manuela schief hereingelächelt hat. Eine Miene hatte Manuela aufgesetzt, wie eine, die erst mal auf etwas verzichten würde, was sie doch locker haben hätte können.
In Bewegung, daß Manuela sich bringt. Allerdings nicht, um zu mir in das Wageninnere zurückzukehren. Ihre Sonnenbrille wieder frisch bei sich auf das Näschen gesetzt, winkt Manuela zu mir herein, allem Anscheine nach lustig, unbeschwert. Vorn schreitet an meinem Automobil vorüber.
Seitlich nach links wende ich mich auf dem Fahrersitz, schaue Manuela hinterher, die die Teerstraße diagonal überquert. Seitlich nach links wende ich mich auf dem Fahrersitz, Manuelas schwebende schwarzsamtene Sackminikleid-Rücksansicht im Auge zu behalten. Manuelas lange Beine.
Am Wohngebäude angekommen, stellte Manuela sich vor die Leiste mit den Klingelknöpfen.
Für länger steht Manuela dort, als würde sie auf etwas warten. Vielleicht auf das Schnarrgeräusch bei der Haustüre, das ihr anzeigte, daß jemand oben war und sich gerührt hatte.
Das Leben kehrte in Manuela zurück, Manuela macht kleine Schrittlein zur Haustüre, schiebt die Tür mit der Handfläche nach innen auf.
Nochmals - ein letztesmal -, daß Manuela sich mir zuwendet, nach meinem Wagen und mir Ausschau hält. Ein Winken Manuelas in meine Richtung. Eine Kußhand, die Manuela mir zuwirft.
Sah nach Abschied aus. Für die nächsten zehn Minuten.
Ein Sekündchen drauf war Manuela im Innern des Wohnblocks verschwunden.
Die Türe schwingt von selber zurück, denke ich.
Eine Minute noch ungefähr, daß ich still auf meinem Sitzplatz hinter dem Lenkrad gesessen bin. Habe die Ein- und Ausgangstür des Wohngebäudes bei mir im Seitenspiegel beobachtet.
Erinnere mich, daß ich dann den Kopf geschüttelt habe. Um so Ideen loszuwerden, Manuela Manuela sein zu lassen, auf der Stelle heimwärts zu fahren.
Das mit dieser abenteuerunlustigen, zweifelnden Überlegung verflüchtigte sich auch.
Den Motor habe ich gestartet. Und damit war auf einen Schlag die alte Laune bei mir zurück.
Manuela geil und auf mir sitzend - das habe ich vor meinem geistigen Auge gesehen. Das, wonach es mich gelüstete, etwas, das für mich neue Realität werden sollte.
Mehrere solcher Szenen mit Manuela von früher her hatte ich im Schnelldurchlauf als Gedächtnisfilm. Mit diesen bewegten Bildern im Kopf bin ich mit meinem Fahrzeug vom Platz abgefahren.
Am liebsten wäre ich mit Manuela zusammen schon am Königweiher gewesen.
Tja, mein Tagebuch, das bedrängt mich. Aus dem Haus hier soll ich rauslaufen. In den Hausgarten hinunter. Oder das, den Rolladen hochzumachen, um nach Manuela zu rufen.
Noch kann ich diesem Drängen bewußt widerstehen.
Was immer draußen vorm Haus herumsteht, es muß zu mir hereinkommen, will es was. Es muß dafür sorgen, daß meine Willenskraft ausgeschaltet ist.
Dann ...
Bis dahin aber bleibe ich jedoch hier vorm Rechner sitzen.
Für nichts mache ich auf. Hinaus begebe ich mich auch nicht. Ob zu Manuela oder jemanden anders, der draußen wartet. Dazu bin ich fest entschlossen.
*
Zweiundzwanzigster Juli, die Tagebuch-Datei, aufgeklickt.
Die Nacht des Sonntags. 01:14 Uhr.
Matt bin ich in der Dunkelheit am Drehstuhl gesessen. Wirklich, eingetrübt, meine Gedanken- und Gefühlswelt.
Habe auf die Geräusche um mich herum gelauscht.
Das obskure, bedrückende Gefühl, das in mir Verweildauer hat: Ich müßte nur den Rolladen am Fenster meines Zimmers hochziehen - und Manuela würde sich mir unten im Garten zeigen.
Ein einziger Wink von mir, der würde reichen - Manuela, die käme zu mir hoch. Im Nu wäre Manuela bei mir drinnen, und Manuela und ich wären wieder zusammen. Wie früher.
Komische Sache, das ...
Als müßte ich Manuela aktiv etwas anstellen. Als bräuchte Manuela meine Einwilligung. Wäre es für sie nötig, von mir durch einen kleine Geste oder so eingeladen zu werden. Dann erst könnte Manuela oder sonstwer, der unten ist, weil ich auch ab und zu jemand anders zu spüren glaube, zu mir heraufkommen.
Fast was Vampirgeschichte-gesetzmäßiges hat das. In Vampirgeschichten, daß ich von so was gelesen habe.
In der einen oder andern Geschichte war die Rede davon, daß man Vampire hereinbitten oder einen Ort extra entweihen muß, dann könnten die Vampire einzeln oder in Haufen aufmarschiert zu einem in das Gebäude hereinkommen.
Nachdem man das angestellt hat, da hätte man SIE dann allerdings dauernd bei sich am Hals.
Auch wieder total verrückt, das mit den Vampiren ...
Andererseits, Tatsache bei dem Thema: Manuela war doch schon bei mir. Am zehnten Juli war sie ganz knapp um mich herum.
Wo kann es also ein Problem für Manuela geben, daß sich Manuela heute lange umständlich neu von mir einladen lassen müßte?
Manuela könnte doch einfach hoch- und hereinkommen, sich nehmen, was sie sich wünscht. Wäre sie ein Vampir. So eng beieinander, wie Manuela und ich bereits waren. Miteinander spazierengegangen sind war, im Café gesessen, Seite an Seite im Auto gefahren. Ich auf der Fahrer-, Manuela auf der Beifahrerseite.
Oder hat das damit zu tun, daß sich nach Manuelas Abgang bei mir eine neue Situation für jene Manuela ergeben hätte?
Nicht zu verstehen.
Der Wahnsinn.
*
Tagebuch-Datei, neuer Eintrag.
Sonntag. Immer noch diese Nachtstunde. 01:54 Uhr.
Vorhin wollte mir der Zorn zu Gedankenlosigkeit verhelfen, Tagebuch.
Eben will ich, angenervt von allem, vom Sitz hier hochkommen, das Rollo in die Höhe ziehen, um mich bei den nächtlichen Umrissen umzuschauen, mit der grellen Taschenlampe, die ich mir aus der Küche geholt habe, hinaus- und herumleuchten - haben ein paar Personen von der Straße her zu lärmen angefangen.
Herumgeplärre von Kerlen. Schrilles Weibergekreisch bei ihnen dabei. Gelächter.
Jede Menge Geräuschentwicklung war das. Kurzum: nächtliche Ruhestörung.
Muß festhalten: Hätte ich ein Gewehr gehabt, hätte es losknallen können. Am liebsten hätte ich auf die ganze Bande geschossen.
Die gute Laune hätte ich dem Jugendlichen-, Teenagerpack verdorben.
Hat aber nichts geknallt, Tagebuch.
Schlagartig kehrte von selber Stille ein.
Weil die heimgegangen sind zu sich? Zu einem, einer von ihnen, der, die in der Nachbarschaft seinen Partykeller aufgemacht hat?
Oder hat Manuela dafür gesorgt, daß Ruhe war?
Manuela, von der ich gerade überhaupt nichts spüre. Gleichzeitig mit den Leuten, die woanders hin sind, ist mir auch die Wahrnehmung von Manuelas Gegenwart abhandengekommen.
Sehr schön. Im letzten Moment haben mich die vielen vor einer Dummheit bewahrt. Wollte schließlich das Rollo hochmachen, Tagebuch, rausleuchten, das ...
Auch wenn Manuela Präsenz mir im Moment fehlt, bleibt ansonsten alles an meiner Situation beim alten.
Komme ich in Dir hier, mein Tagebuch, weil mir nichts Besseres einfällt, auf den einen Nachmittag des zehnten Julis da zurück. Setze das fort ...
Ich in meinem Auto vor Manuelas Wohnhaus. Meine Gedanken ...
In meinen Gehirnwindungen drehte sich alles darum, daß ich Manuela für den Sex haben wollte. Vielleicht sogar die folgenden Monate durch keine andere als Manuela. Solange das zwischen Manuela und mir eben gutging.
Das Ende meiner Semesterferien, das schließlich automatisch für eine Trennung von Manuela und mir sorgen würde, blieben Manuela und ich bis dahin zusammen. Passierte zuvor zwischen Manuela und mir nichts, daß Manuela größer in Streit gerieten.
Im Lauf meiner letzten Semesterferientage, daß ich mir die Angelegenheit mit Manuela ohnehin neu anschauen würde müssen. Nachdem das Tatsache war, daß ich abreisen würde müssen. Fort aus der Umgebung hier, hoch in meine Universitätsstadt, zum Studieren. Der Fortsetzung meines Studiums.
Damit mir die zehn Minuten Warterei gegenüber von Manuelas Wohnhaus nicht zu lang werden würden, habe ich den Motor gestartet. Abgefahren bin ich. Habe mein Fahrzeug zu der Tankstelle ganz in der Nähe gelenkt. Nachzutanken. Volle Tankfüllung, immer gut. Für eventuell bevorstehende Diskotheken-Reisen, die auf das Königweiher-Abenteuer folgen konnten.
Bei der Tanke habe ich nicht nur fürs Volltanken bezahlt. Sondern mir eine ganze Stange Zigaretten gekauft. Manuelas Lieblingsmarke von früher her. Eine Weißweinflasche für einen Fünfer. Eine Pulle roten portugiesischen Portweins für einen Fuffziger. Dazu sechs Halbliterbüchsen Cola. Einen Stapel Plastikbecher hinter Klarsichtfolie und eine blaue Kühlbox.
Derart neu ausgerüstet, bin ich zu dem Wohnklotz zurückgefahren, in das Manuela - wie ich mit eigenen Augen gesehen hatte - hineingeschritten war, drinnen die Stockwerke hinauf entweder im Aufzug oder zu Fuß zu bewältigen.
War bei meiner Ankunft vor Ort überrascht, Manuela nicht bereits dastehen zu sehen, Manuela, die mich erwartete.
Diesesmal parkte ich meinen fahrbaren Untersatz auf einem Parkplatz in der Nähe der Haustüre des Wohngebäudes.
Wenn Manuela zur Haustüre heraustrat, sich ein Momentchen umschaute, waren es schlappe fünf Meter. Fünf Meter, und Manuela, die war bei mir, konnte zu mir reinhüpfen.
*
Zweiundzwanzigster Juli, die Tagebuch-Datei aufgeklickt.
Früher Vormittag. Sonntag. Uhrzeit: 08:33 Uhr.
Eineinhalb Schlaftabletten, für einen ungemütlichen, leichten Dämmer.
Diesen Zustand auch nur schlafähnlich zu nennen, voll die Übertreibung. Obwohl irgendwann, bei all dem Herumgewälze und allem, Zeit vergangen war.
Ganz damit vorbei war es, als ich Manuela grinsend über mir stehen gesehen habe.
Das war ein Schrecken, der gesorgt hat, daß ich aus dem leichten Schlaf gerissen wurde. Im Bett, daß ich mich aufgesetzt habe.
Nichts als ein böses Traumbild war das, das mit Manuela. Eins, das zum Glück in keinster Weise der Realität entsprach.
Trotzdem spürte ich mein rasend schlagendes Herz; grelle Feuerräder hatte ich vor den Augen.
Zurücksinken habe ich mich aufs Kopfkissen lassen, darauf gehofft, daß nichts weiter mit mir war.
Nicht das erstemal, so eine Erfahrung die letzten Tage.
Als es mir endlich besser ging, ich wirklich herumschauen konnte, mich von meinem alten Kinderbett erheben, habe ich mich über mich geärgert.
Wäre wirklich die bessere Idee gewesen, am Drehstuhl hocken zu bleiben.
Das Ganze herunterzufahren, das hatte ich jedenfalls vergessen. Als ich am Rechnertisch zurück war, die Maus gerührt habe, der Monitor anging, durfte ich entdecken, daß Du, Tagebuch, weiter offen gestanden bist. Hätte ich unverzüglich in Dir weiterschreiben können. Aus dem Chat war ich ausgeloggt, bloß das Fenster fürs neue Einwählen war offen ...
Aus der Küche unten habe ich mir als erstes eine ganze Kanne voll schwarzen Kaffees geholt.
Zum Glück ist heute Sonntag, und die Möglichkeit, vom Kfz-Werkstätten-Oberbonzen Heinz oder von einem Typen der Autoversicherung mit schlechten Nachrichten angerufen zu werden, kann nicht gut zum Ereignis werden.
Höchstens einer mit einer Polizeimütze am Kopf, der sich bei mir melden könnte. Sogar bei mir an der Haustüre auftauchen. Aus irgendeinem Grund, den er, sie, es zu erklären hätte.
Ansonsten haben SIE alle IHRE verdiente Sonntagsruhe.
Erst morgen wieder ...
Dafür habe ich Manuela bei mir am Karton. Manuela, die die Last auf meiner Seele ist. Der Runterzieher.
Manuela ...?
Ah, Manuela, SIE scheint nicht da.
Gerade komme ich vom Fenster.
Hatte das Rollo hochgezogen. Hinausgegafft.
Habe nur nichts hinter dem Nußbaum oder beim Gebüsch vorkommen sehen. Nichts war, wie es sich schon einmal bei mir abgespielt hat.
Nirgends irgendwer.
Präsent geworden ist meinen Augen nichts und niemand. Nicht andeutungsweise.
Früh am Vormittag momentan nichts angesagt mit Manuela bei mir. Auch nicht dem Gefühl nach.
Nach meinem Empfinden ist Manuela nicht da. Gerade nicht bei mir und für mich gegenwärtig. Bereits seit dem Aufklingen der Leuteschreierei in der Nacht ist mir nichts weiter von Manuela präsent. Seitdem ist ES weg.
Schon komisch.
Frage mich wirklich, warum die paar Leutchen Manuela vertrieben haben sollten. Viel höher ist mir die Wahrscheinlichkeit, daß Manuela sich denen angeschlossen hat.
Was weiß ich, Tagebuch. Auf alle Fälle fehlt mir irgendwas mit Manuela seit dieser sonntäglichen Nachtstunde.
Weil dem so ist, wir darüberhinaus nichts Besseres hier wissen, Tagebuch, kommen wir wieder auf jene Nachmittagsstunden des zehnten Juli zu sprechen ...
Weiter mit dem, was mit mir dort beim Wohnklotz war, in dem Manuelas Eltern in der Vergangenheit ihre Mietwohnung hatten.
In meinem Wagen war ich also vor das mehrstöckige Gebäude zurückgekehrt, hatte das Auto nahe der Haustüre hingeparkt. Darauf habe ich gewartet, daß Manuela herunterkommt, zu mir zurückkehrt.
Das mit dem Warten, das wurde mir bloß immer länger.
Lässig, die Sonnenbrille auf der Nase, Zigarette rauchend, hin und wieder einen Schluck aus der Colabüchse nehmend, lehnte ich mich gegen die Beifahrertüre. Oder ich stand mitten am Gehsteig, betrachtete die geteerte und betonierte Umgebung rundherum.
Nirgends viel Unbekanntes für mich. Grün war die Welt jedoch woanders; Grün im Umkreis eine ausgestorbene Farbe. Nicht mal in Sachen Fahrzeuglackierung war irgendwas Grünes angesagt.
Wer brauchte allerdings so was wie Grün, wenn er den Fernseher anschalten konnte? Am Fernseher gab es noch alles. Dort herrschte heile Welt, sah man Filme.
Minute um Minute, die mir zusätzlich zur ausgemachten Zeit verstrich. Wenn eins gewiß war: Blickte Manuela auch nur für ein Sekündchen aus der elterlichen Wohnung droben herunter, war ich für Manuela nicht zu übersehen.
Ich war da, am Platz mit meinem Gefährt auf vier Rädern eingetroffen für sie, Manuela.
Die Viertelstunde drüber, die ich Manuela großzügig genehmigt hatte, war dann auch vorbei.
Angefangen habe ich, mir ungeduldig so ein paar Fragen zu stellen.
Was hielt Manuela denn oben lange auf? War wieder etwas mit Manuelas altem Herrn, ihrem Vater? Hatte der sich wieder ein Glas zuviel hinter die Binde gekippt, terrorisierte als Folge die Mutti und die gesamte Umgebung mit seinem wüsten Geschrei und bedrohlichen Getue? Kriegte Manuela davon seitlich was ab?
Wenigstens hätte Manuela oberhalb kurz mal das Fenster aufreißen können, mir Bescheid zu geben, daß bei ihr in der Wohnungseinrichtung eine Kleinigkeit los war.
Oder, wenn Manuela sich das mit mir anders überlegt hatte, nicht mehr mit mir an den Königweiher fahren wollte, daß Manuela herunterkam, mir das schnell mitzuteilen.
Eigentlich wäre das auch kein Problem gewesen. Fuhr ich eben rasch vom Ort ab und zu mir nach Hause. Hatte ohnehin die letzten Monate mehr auf Handarbeit umgestellt. Ganz davon abgesehen, daß es außer Manuela noch andere Bräute weltweit gab.
Endlich war ich soweit, die Sache in die eigenen Hände zu nehmen. Gereizt habe ich mir die Sonnenbrille von der Nase heruntergenommen, die Brille hinten auf die Rücksitze geschmissen. Blöde Weiber, das war das, was ich dachte; blöde Weiber, sie zickten herum.
Den Funkschlüssel in der Rechten, ein kleiner Fingerdruck - ein fiepender Schnappton vom Auto her, es war zugesperrt.
Entschlossen spazierte ich vor die senkrechte Doppelreihe weißfarbener runder Klingelknöpfe. Davor stellte ich mich breitbeinig auf.
Ein Kopfschütteln meinerseits.
Die Namen - elf an der Zahl -, die mein Augenpaar zweimal lesend überflogen hatte, die sagten mir allesamt nichts.
Kein einziger Name war mir großartig bekannt.
Nirgendwo in einem der mit einem beschrifteten weißen Papierstreifen versehenen Schildchen neben einem der Druckknöpfe war der Familienname Manuelas zu entdecken.
Oben in der Fünferreihe links hätte der Name unter der Klarsichtplastik zu einhundert Prozent angebracht sein müssen. Zum Ablesen für jedermann, der in der Wohnung oben klingeln hätte wollen.
Das war für mich ganz unbegreiflich, daß ich den Familiennamen Manuelas nirgendwo an der Leiste vorfand. Total perplex war ich davon. Voll vor den Kopf gestoßen war ich deswegen. Nicht zu sagen.
Eine unmittelbare Idee war, Manuela Manuela sein zu lassen, heimzufahren. In mein Auto einzusteigen und mich auf die Heimfahrt zu machen.
Was sollte es? War ich eben einer, den Manuela verarscht hatte.
Tat doch eigentlich nicht weh. Körperlich nicht zumindest.
Kann dem besten Aufreißer immer passieren, daß einem eine die Nase drehte. Selbst Casanova hatte nicht alle, sondern viele.
Jetzt war mir das eben mit Manuela passiert. Hatte Manuela das bei mir geschafft. Ein Späßlein bei mir angebracht.
Nur leider ...
Das habe ich nicht geschafft, einfach abzudrehen und vom Ort fortzukommen. Ich bin nicht zu meinem fahrbaren Untersatz mit den vier Rädern zurückgekehrt. Nicht habe ich mir aufgesperrt, um wieder einzusteigen und anzulassen, heimwärts abzudrehen. Willens, den ganzen überflüssigen Rest, der war, zu vergessen.
Grund: In mir war es immer heftiger am Brodeln. Mein aufbrausendes Temperament, das die Kontrolle bei mir übernahm.
Die Ansage war: Das konnte Manuela sich nicht mit mir erlauben. Manuela brauchte nicht zu glauben, daß ich das locker auf sich beruhen ließe.
Manuela, das dreckige Miststück, konnte das vielleicht denken, ich würde mich einfach wieder verziehen. Nur, das so ohne weiteres zu tun, das fiel mir nicht ein. Das fiel mir überhaupt nicht ein.
Ich mußte hier noch nicht fertig sein.
*
Zweiundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei offen.
Sonntag am Vormittag. Zehn Uhr in ein paar Sekunden.
Das Gebäude, in dem Manuela vor zehn Jahren, als Manuela und ich noch ein Paar waren, gewohnt hatte, die Fortsetzung ...
Voll erblüht war mir das bei der Leiste der Klingelknöpfe, daß Manuela mich zum Narren gehalten hatte. Einen Idioten hatte Manuela aus mir gemacht. Ein Gelächter.
Wie es aussah, lebte Manuelas Familie überhaupt nicht mehr in dem Haus.
Lautstark habe ich in der Gegend herumgeflucht. Ein einziger Schwall an Schimpfworten, der sich aus meinem Mund ergossen hat. Genau bezeichneten meine Flüche, Kraftausdrücke Manuela. Etwas in der Art, wie Manuela, die Fotze, Manuela, die Drecksfotze.
Das, daß Manuela mich in voller Absicht abschmieren hatte lassen, das konnte ich nicht auf sich beruhen lassen.
Die nächste Zigarette, die ich mir anzündete. Um die Kippe kurz darauf wegzuwerfen, mit dem Fuß draufzusteigen, die Glut auszutreten, sie in Papier- und Tabakbrei mit aufgerissenem Mundstück zu verwandeln.
Einen Spaltweit, daß die Haustüre rechts von mir offenstand. Eine kompakte, schwere schwarzfarbene Holztüre mit dicker Glasfibereinlage auf Kopfhöhe oben.
Die Türe, die ich mit der Hand nach innen aufdrücke.
Reingemacht habe ich in das Gebäudeinnere.
Geradeaus voraus blickte ich in der Vorhalle des Wohnhauses so in vier Metern Entfernung drei graue granitene Steinstufen. Circa zwei Meter die Schreitfläche weiter befand sich eine braungestrichene Wohnungstüre, ganz aus massivem Holz.
Linker Hand von mir, während ich dastand, mich umschaute, hätten betonierte Treppenstufen mich in den Keller des Gebäudes hinabführen können.
Die Reihe brauner Briefkästen befand sich zu meiner Rechten längs am Mauerwerk angebracht.
Die Kästen für die Briefe, die ich abschritt, die dran angebrachten Namensschilder las.
Wenig überraschend, der Name von Manuelas Eltern war hier ebenfalls nicht zu entdecken.
Nirgends Manuelas Familienname. Einfach kein Briefkästchen mit dem Namen beschriftet.
Die Feuerzungen des Zorns in mir loderten lichterloh. Konnte mich kaum einkriegen, so aufgebracht war ich in dem Moment.
Mit dem Fuß, daß ich gegen die Wand getreten habe. Nicht so heftig, daß ich mir darüberhinaus weh getan hätte. Geschmerzt hat es trotzdem.
Irgendwie zur Besinnung gebracht hat mich das bißchen Schmerz nicht.
Wäre Manuela während diesen Sekunden von droben heruntergekommen, ich weiß nicht, wie ich das aufgenommen hätte. Selbst wenn Manuela das versucht hätte, mir wortreich ein paar Kleinigkeiten klarzumachen, was ihre Verspätung anbetraf. Gut möglich, daß ich kaum zu beruhigen gewesen wäre. Daß ich nur auf Manuela hinabgeplärrt hätte. Vielleicht hätte ich Manuela sogar erst mal angepackt, Manuela ein paarmal herzuschütteln.
Was soll's? War ja alles nicht.
Ob es nun so gekommen wäre oder nicht, wie ich das oben getippt habe, echt egal. Weil, von keiner Manuela nichts. Nirgendwo eine Manuela.
Manuelas alter Familienname, der fand sich einfach nicht an einem der eisernen Aufsperrkästen für die Post dran, da konnte ich noch tausendmal schauen und ablesen.
Eine Erklärung brauchte ich dafür. Aufgeklärt wollte ich darüber werden, was das mit Manuela und Manuelas Eltern war. Ob sich der Name der Familie geändert hatte. Oder wie Geschichte mit denen war, weil die nicht mehr im Haus wohnten.
Die Dreier-Stiege, die ich in einem Sprung genommen habe. Vor die braun angestrichene Holztüre im Erdgeschoß begab ich mich hin.
So zwei Meter rechts von mir - versteckt, wenn man nur von der Haustüre oder aus der Gebäudevorhalle herblickte - die Nische des Aufzugs. Dann, von meinem Stehplatz bei der Tür den Blick ein wenig weitergeschwungen auf der rechten Seite, daß die Haustreppe begann. Die erste Stiegenpartie, die hinaufführte in die höheren Stockwerke.
Beim Draufstarren auf die Betonstufen entstand mir eine kleinere Erinnerung. Aus der Zeit, als Manuela und ich vor Jahr und Tag ein Liebespaar waren.
Vor meinem geistigen Auge habe ich Manuela gesehen, Manuela, die für mich ins Erdgeschoß herunterkam. Echt schrecklich, daß Manuela ausschaute. Zerrupft das blonde Haar, Nasen-, Lippen- und Kinngegend blutbesudelt. Das Blut, das Manuela nur so die Nase herunterstürzte. Mir in die ausgebreiteten Arme flog Manuela, herzerweichend schluchzend.
Der Grund für Manuelas Aussehen: Manuelas Vater hatte in Manuelas elterlichen Wohnung oben einen seiner berühmten Wutanfälle. Hatte tobsuchtsmäßig herumgeplärrt, der Mann. Zwischendurch Mutti tüchtig hergehauen, und nebenbei Manuela, die ihrer Mutti zu Hilfe kommen wollte, zwei-, dreimal im Gesicht erwischt.
Davon hatte Manuela das schwere Nasenbluten.
Hätte ich Manuela während jenen Augenblick aber auch verpassen können, daß ihr das Blut genauso heftig aus dem Näschen schießen hätte können.
Manuela zwei-, dreimal eine feste auf das Stupsnäschen. Ob das sich nun plättete oder nicht.
*
Zweiundzwanzigster Juli, die Tagebuch-Datei geöffnet.
Sonntag am späten Vormittag. Halb zwölf Uhr in einer Minute.
Kopfschüttel.
Kann nur mit dem Kopf schütteln.
Laser04 und kleinesHäschen, die beiden ... Echt spitzenmäßig mit mir beschäftigt.
Wie nennt sich das bald mal - echtes Cyber-Mobbing?
Laser04 und kleinesHäschen - nur noch dahinter her, mich fertigmachen zu wollen. Sonst kennen Laser04 und kleinesHäschen nicht mehr viel.
Im Allgemein-Chat sind Laser04 und kleinesHäschen exklusiv auf der Rolle für mich da.
Dann, ich war bei mir in meinem Postfach bei spotPost drinnen, lese ich was von einer geilbraut19.
Eine geilbraut19, die mir einen Brief geschrieben hat.
Eh, geilbraut19 - was?
Kannte keine geilbraut19. Von nirgends.
Wollte das e-Brieflein, das nicht unter spam-Verdacht war, erst überhaupt nicht aufmachen. Dann hat mich auf einmal die Neugier übermannt.
Und, was weiß ich jetzt, nach dem Lesen der Zeilen, die geilbraut19 mir geschickt hat?
Was weiß ich?
geilbraut19 ist kleinesHäschen.
geilbraut19 alias kleinesHäschen schreibt mir ungefähr etwas davon, daß Laser04 und sie, kleinesHäschen, mich anzeigen wollen. Laser04 hätte alles aus dem Chat, was ich an Beleidigungen gegen sie beide abgelassen habe, abgespeichert. Überhaupt alles, was ich im Chat so in Zeilen getextet hätte. Jedes einzelne Wort wäre dokumentiert.
Würde nun behördlich gegen mich verwendet werden. Die nächsten Tage, daß mir ein Anwaltsschreiben ins Haus geflattert kommt.
Das Allerschönste dabei, mein Tagebuch, mein realer Name war in dem e-Postbrief-Text von geilbraut19 alias kleinesHäschen ausgeschrieben gestanden. Meine Wohnadresse mit ausgeschriebener Handy-Nummer.
Hammermäßiges Ding, finde ich.
Über den Daumen gepeilt, von woher könnten Laser04 und kleinesHäschen das haben?
Betty, fällt mir als Antwort ein.
Von Betty!
Betty, die Schlampe!
Das alles, was Laser04 und kleinesHäschen an Informationsflut haben, was mich anbetrifft, das können die nur von Betty herhaben.
kleinesHäschen hat Betty kontaktiert. Und Betty hat ihr ganzes gesammeltes Wissen kleinesHäschen rüberwachsen lassen. Alles, was sie von mir an extrahierten Daten hat, weitergereicht.
Zwar Tage her, daß Betty - die übrigens in Echt Betty heißt -, das letztemal im Chat war, Tagebuch. Das sagt jedoch nichts darüber aus, daß kleinesHäschen Betty nicht etwas in ihr Postfach schreiben hätte können. Daß Betty nicht mit einem Antwortbrief an kleinesHäschen dabei war.
Betty, Du bist das Miststück, nicht wahr?
Von Dir kommen die Realwelt-Informationen, die die haben, nicht?
Mann, Mann, das ist schon eine Sache, das.
Auch das, daß das Team Laser04 und kleinesHäschen immer noch nicht ins Bettchen gekommen ist. Am Sonntag am Vormittag.
Kleinigkeiten denken sich die zwei nach einer schlaflosen, langen Nacht am Sonntagvormittag miteinander aus. Gemeinsam überlegen Laser04 und kleinesHäschen, wie sie beide zusammen mir die nächsten Tage was ans Bein pinkeln könnten. Wie der am besten zu holen wäre, mein Skalp. Über das hinaus, was ohnehin von Laser04 und kleinesHäschen losgemacht wird. Auf der Chat-Rolle.
Sollte von Laser04 und kleinesHäschen die Drohung wahrgemacht werden, werde ich denn dann jeder Behörde auseinandersetzen, wie schwer ich von diesen Leuten beeindruckt bin.
Nehmen wir nur einmal den Spitznamen her, den kleinesHäschen in ihrem Anschreiben verwendet hat - geilbraut19 ...
Total ehrfurchtsgebietend, schreibt dich eine geilbraut19 an. Da wird dir auf der Welt sofort anders.
Sieht aus, als müßte man das dann erst ernst nehmen, kommt einem eine geilbraut19 dämlich.
Mit dem Nick kleinesHäschen ist es eigentlich auch nicht unbedingt viel was anderes. Eigentlich genau das gleiche, oder, Tagebuch?
Da bringt einem einer mit dem Spitznamen seiner Wahl - ich meine Laser04 - ja richtig um. Würde ich schon sagen.
Laser04 ...
geilbraut19 beziehungsweise kleinesHäschen ...
geilbraut19 ...
Ach, du liebe Güte - geilbraut19 ...
Würde es mal so sagen: Mit geilbraut19 hat kleinesHäschen das erstbeste genommen, was ihr in der Spitznamensammlung untergekommen ist. Sich vorm Abschicken ihres e-Briefleins nicht viele Gedanken gemacht. Sich den Briefkopf - und wie alles von einer geilbraut19 möglicherweise daherkommen könnte - genauer angeschaut und überlegt.
Schließlich übernächtigt, kleinesHäschen. Total übernächtigt. Und eventuell ein bißchen alkoholschwanger.
Da fällt das Nachdenken schon ein wenig schwerer.
Ist allerdings für mich nicht von Nachteil, erreicht mich was von einer geilbraut19. Erreicht mich ein Ding mit dem Absender geilbraut19.
Das heißt, wenn man das wirklich möchte, mir anwaltliche Sachen zu fädeln, könnte mir das mit geilbraut19 bei meinen Angelegenheiten echt helfen.
Bis auf weiteres ist das ja erst mal nichts als eine Absichtserklärung von Laser04 und kleinesHäschen, das mit dem Anwalt. Sollten Laser04 und kleinesHäschen mir jedoch tatsächlich damit ankommen wollen, um mir in der echten Welt mitzuspielen ...
geilbraut19, die hat mir vielleicht die hilfreiche Hand hinübergereicht. Ist helfend dabei, daß ich erleichtert sein könnte ...
Mal sehen, ob das mit dieser geilbraut19 weitergeht. Ob sich was mit geilbraut19 wiederholt, Tagebuch.
Im Grunde genommen müßte kleinesHäschen alias geilbraut19 auf andere Namen umstellen.
*
Zweiundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei geöffnet.
Sonntag. Zwei Uhr am Nachmittag. Genau: 14:04 Uhr.
Laser04 und kleinesHäschen ...
Wäre meine innere Not nicht so groß gewesen, hätte ich sicher kein solches Mitteilungsbedürfnis gehabt. Dann wäre ich zu einhundert Prozent nie auf den Einfall gekommen, Laser04 und kleinesHäschen irgendwas von der Manuela-Geschichte hinzutippen. Dabei immer weiter ins Detail zu gehen.
Das war ja auch mehr als dumm von mir.
Daß ich das ernsthaft gemeint habe, ich dürfte den beiden, die sich die Spitznamen Laser04 und kleinesHäschen gegeben haben, das folgenlos hintexten?
Weiß im Moment nicht recht, wie ich diesen Einfall haben konnte.
Gekommen ist es, wie es kommen mußte: Laser04 und kleinesHäschen haben mich in die Mitte genommen, es mir zu besorgen.
Habe ich das tatsächlich gemeint, ich könnte von den beiden irgendeine Art Verständnis erwarten, komme ich denen mit dem Ding mit Manuela an?
Kann über mich selber nur den Kopf schütteln.
Nein, bleibt festzuhalten. Normal hätte ich das nicht gedurft, Laser04 und kleinesHäschen irgendwie was mit Manuela und den Geschehnissen mit Manuela zu schreiben. Nicht mit einer Zeile.
Und jetzt? Das habe ich jetzt davon, daß ich dieses schlimme Mitteilungsbedürfnis hatte. Jetzt ticken Laser04 und kleinesHäschen richtiggehend aus, seitdem die das von mir in allen Einzelheiten rübergebracht bekamen. Können sich beinahe nicht wieder einkriegen, die zwei.
Selber bin ich schuld, kann ich da nur sagen. Selber bist du schuld, Idiot.
Hätte ich nicht dermaßen eine Schlagseite wegen dem mit Manuela und den Kleinigkeiten, die ich seitdem erfahren habe müssen, wäre ich nie da drauf gekommen, Laser04 und kleinesHäschen quasi mein Innerstes zu öffnen.
Nur daher kommt das, weil ich dermaßen von der Manuela-Sache fertiggemacht werde. Deswegen hat es aus mir herausgequollen. Wie Wasser bei einem Rohrbruch, das die Nachbargärten flutet.
Ein Druck, der anscheinend abgelassen werden mußte. Etwas, das sich entladen hat müssen.
Lassen wir das mit meinem Selbstmitleid mal, mein Tagebuch.
Ich muß jetzt hier in Dir bald endlich dorthin kommen, daß alles auch in Dir verständlich ist. Hier in Dir Verständlichkeit herrscht, was das genau ist, was mir seit dem Nachmittag des zehnten Juli mit Manuela losgeht.
Das ist in Dir schließlich immer noch nicht herausgearbeitet.
Also heißt es: weitermachen. Das in Dir fortsetzen.
Gehen wir wieder zurück zu diesem Sommernachmittag. Später am Nachmittag ist es jetzt.
Die Vorkommnisse, nachdem Manuela mich verlassen hatte. Die Angelegenheiten in dem Gebäude, in dem ich dachte, daß Manuelas Eltern dort wohnen. Nur kurz für zehn Minuten höchstens, daß Manuela zu ihren Eltern in die Wohnung hinaufginge, sich oben Handtücher, eine Badematte und desgleichen zu besorgen.
Manuelas Bern-die, dem war es zu bunt geworden, vor dem Klotzhaus auf sie, Manuela, zu warten. Hineingemacht ins Gebäude, in das Manuela hineinverschwunden war, hatte Bern-die.
Vor der Wohnungstüre im Erdgeschoß ist Bern-die herumgestanden. Bern-die, plötzlich irgendwie mit weniger Vorwärtsdrang.
Gewiß wegen den Erinnerungsbildern. Die Erinnerung daran, was das für ein Dreckskerl war, Manuelas Vater.
Der konnte seine Dinge, wenn es ihn im Suff übermannt hatte, Manuelas Vati. Harmlos war der nicht.
Zunächst mal gibt Bern-die sich mit seinem Feuerzeug Feuer, nimmt eine neue Filter in Angriff.
Kein Mensch, der bei Bern-die ankommen wollte, während Bern-die noch geraucht hat.
Dem Kippenrest hat Bern-die dann am Fliesenboden unten die Glut ausgetreten.
Wenn eins Gewißheit war: Gefressen würde Bern-die von niemandem. Das heißt, der Entschluß stand für Bern-die fest. Ein paarmal schnell hintereinander, daß Bern-die mit dem Daumen den Klingelknopf rechts von der Türe drückte.
Daraufhin erwartete Bern-die flott eine Reaktion. Es rührte sich allerdings nichts. Ein geraumes Weilchen, daß sich nichts ereignete.
Als Bern-die die Geduld verlor, sturmläuten wollte, öffnete sich die schwarzgestrichene Türe vor Bern-dies Nase abrupt einen Spaltbreit.
Der Kopf, das Gesicht einer älteren Frau. Die Dame, die von drinnen zu Bern-die heraus- und herauflinste.
Eine Art von Gruß fiel Bern-die auf Anhieb nicht ein.
Keine Ahnung, im Rückblick, warum die Alte Bern-die nicht die schwere Holztüre nicht augenblicklich wieder zuschlägt, nachdem sie sich Bern-die lange genug angesehen hat. Bern-die, der eigentlich keine Laune hatte. Für nichts Rechtes jedenfalls.
Zu Bern-die hinaus meinte die Alte ungefähr ... (Wie gesagt, ich schreibe die Zeilen hier, verpasse den handelnden Personen Worte. Das heißt, daß die und Bern-die nur im ungefähren so miteinander sprachen. So könnte man sich unterhalten haben.
Warum wiederhole ich das eigentlich hier und jetzt in Dir, mein hochgeschätztes Tagebuch?)
Die ältliche Frau: 'Was wollen Sie, mein Herr? Ich kenne Sie nicht. Wer sind Sie denn? Vertreter haben hier im Haus nichts zu suchen. Ich werde die Polizei rufen, wenn Sie nicht sofort sagen, was Sie hier im Haus wünschen. Vielleicht sollte ich das sogar besser, die Polizei rufen, jetzt sofort!'
Bern-die räusperte sich. Bern-die: 'Warten Sie! Warten Sie! Entschuldigen Sie, daß ich schnell bei Ihnen läute. Ich möchte nur kurz was wissen, dann bin ich sofort wieder hier weg. Dann belästige ich Sie nicht weiter. Bitte, es ist wichtig für mich. Nur eine kleine Auskunft. Eine kleine Auskunft, bitte. Es geht um die Familie Dombrowski. Wohnen die Dombrowskis nicht mehr hier im Haus? Kann den Namen Dombrowski nirgends draußen oder hier drinnen auf einem Namensschild lesen. Verstehe das nicht. Was ist mit den Dombrowskis?'
(O ja, mein Tagebuch, der Familienname Manuelas war mir urplötzlich eingefallen. Wie aus dem Nichts. Die ganze Zeit vorher, daß ich nur ungefähr gewußt hatte, daß keiner der Namen an einem der Schilder an der Klingelknöpfedoppelleiste, den Briefkästenreihen der Name von Manuelas Eltern war.)
Jetzt präsentierte die alte Dame, die drinnen an der einen Spalt offenen Tür zu mir herausschaute, ein Stirnrunzeln aufgesetzt, die Mundwinkel herabgezogen hatte, unvermittelt ein interessiertes Gesicht.
Die Alte: 'Wie war der Name?'
Ich: 'Die Dombrowskis. Dom-brofs-ki ...'
Sie: 'Die Dombrowskis ...? Was ist denn mit den Dombrowskis?'
Ich: 'Ja, die Dombrowskis, um die geht es. Um die Dombrowskis. Ah, entschuldigen Sie bitte, daß ich mich noch nicht vorgestellt habe. Bernd ist mein Name, Bernd. Bitte, ich habe vorhin Manuela - Manuela Dombrowski - nach Hause gefahren. Manuela in meinem Auto nach hierher heimgebracht. Manuela ist bei mir ausgestiegen, ist ins Gebäude hier rein. Ist zu sich und ihren Eltern in die Wohnung rauf. Minutenlang habe ich jetzt draußen vor der Haustür auf Manuela gewartet. Gewartet, daß Manuela, die hier ins Haus rein ist, zu sich hoch, wieder zu mir herunterkommt. Aber, Manuela, die ist bis jetzt nicht wieder zu mir heruntergekommen. Ich weiß nicht, warum. Was mit Manuela los ist. Da wollte ich bei den Dombrowskis oben in der Wohnung äuten. Nur, leider, der Name der Dombrowskis, der steht draußen auf keinem der Namensschilder bei den Klingelknöpfen droben. Auch an keinem der Briefkästen hier drinnen steht der Name Dombrowski irgendwo dran. Der Name hätte sich draußen oben links der Name an der Klingelleiste finden lassen müssen ... Bitte, der Name Dombrowski - entdecke den Namen einfach nirgendwo. Glaube, ich spinne.'
Die Seniorin, Rentnerin, Hausfrau, das, sie schien in der Kürze der Zeit jetzt Vertrauen gewonnen zu haben. In mich und mein Aussehen. Vielleicht kam ich ihr aber auch nur unbestimmt bekannt vor, wie sie mir von früher her immer bekannter wurde. Jedenfalls nahm die Alte die stählerne Vorhängekette drinnen vor der Türe weg, machte weit für mich auf. Mir gegenüber stellte sie sich breit auf der Türschwelle auf.
Ich: 'Bitte, ich kann das nicht verstehen. Habe Manuela hergefahren, zu sich nach Hause. Manuela ist hier rein ins Haus ... Aber ich - ich kann den Namen der Dombrowskis hier nirgends entdecken. Nicht bei den Klingelknöpfen oder hier drinnen an den Briefkästen ... Als gäbe es keine Dombrowskis hier im Haus, kommt mir das vor'
Sie: 'Die Dombrowskis - o ja! Die Dombrowskis ... Hatte den Namen momentan ganz aus dem Kopf, nicht zu glauben, Herr Bernd. Jetzt sind wir aber zusammen. Klar, die Dombrowskis. Nicht zu fassen, daß mir der Name nicht sofort was gesagt hat. Haben schließlich lange genug hier im Haus gewohnt, die Dombrowskis. Lange genug haben die Dombrowskis hier im Haus gewohnt, echt wahr. Wirklich lange genug. Heute wohnen die Dombrowskis aber nicht mehr hier im Haus, das stimmt. Das sehen Sie richtig, Herr Bernd. Schon seit ein paar Jahren wohnen die Dombrowskis nicht mehr hier im Haus. Drei Jahre. Ja, drei Jahre. Mußten damals vor drei Jahren hier ausziehen, die Dombrowskis. Konnten die Miete nicht mehr zahlen. Alle möglichen Sachen gab es auch noch mit denen. Mußten hier raus, die Dombrowskis. Ausziehen. Stimmt schon, was ich sage. Drei Jahre her heute, daß die Dombrowskis aus ihrer Wohnung im fünften Stock oben ausgezogen sind.'
Wie vom Donner gerührt, bin ich dagestanden. Das offiziell zu erfahren, was ich mir bereits von ungefähr dachte, das hatte mich denn doch betroffen gemacht. Unglaublich. Reichlich belämmert muß ich aus der Wäsche geguckt haben, auf die Alte herab.
Sie: 'Stimmt, die Dombrowskis, vor drei Jahren sind die hier bei uns raus aus dem Haus. Mußten droben aus der Wohnung raus, Herr Bernd.'
Ich, total vertattert: 'Da-dann hat Manuela sich ... Ei-ein Späß-chen hat die sich mit mir erlaubt. Ver-verarscht hat Manuela mich. Echt wahr! Habe Manuela im Auto hierher gefahren - Manuela steigt hier gegenüber aus dem Auto aus. Habe Manuela die Straße rüber- und hier ins Haus reingehen sehen ... Das Luder ...'
Angesehen hat die Alte mir gegenüber mich groß mit ernster Miene. Sie kommentierte das nicht, was ich daherschwatzte.
Den Kopf habe ich nun in einer Tour geschüttelt, ich, einer von der traurigen Gestalt. Einer, mit dem eine sich ein verschärftes Späßchen erlaubt hatte. Das Grinsegesicht Manuelas von vorhin hatte ich deutlich vor meinem geistigen Auge ...
Dieses Grinsen. Jetzt, während diesen Momenten, sagte das mir erst richtig was.
*