Overblog Alle Blogs Top-Blogs Literatur, Comics & Gedichte
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
MENU
Werbung
Blog von TeddeMehr

"Ein digitales Tagebuch" (21.07. - 22.07.), No. 4

26. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Zweiundzwanzigster Juli, die Tagebuch-Datei offen.

Sonntag am Nachmittag. Zehn vor halb vier haben wir.

 

Frau Hermine Meier.

Frau Hermine Meier hatte einen dünnen Kittel, im Grundton weiß, mit gelben, roten Blümchenmotiven, am dicken Leib mit übergroßen Brüsten an, eine blaue Schürze um die Hüften vorgebunden.

Frau Hermine Meier, sie hatte mich nach meinem vollständigen Namen gefragt, daß ich sie nach dem ihren gefragt habe.

Jetzt, nachdem Frau Hermine Meier, die Hausmeisters-Gattin, mich besser kannte, wußte, um wen es sich bei der Geschichte drehte, brach es regelrecht aus ihr heraus. Eine Flut an Nachrichten hatte Frau Hermine Meier für mich bereit.

Frau Hermine Meier war sehr informativ für mich. Das auf die Reihe zu kriegen, mein Tagebuch, das möchte ich jetzt in Dir hier versuchen.

 

Frau Hermine Meier quasselte. Ohne Unterbrechung hat die mir am Schluß gequasselt. Längere Reden hatte Frau Hermine Meier für mich auf Lager.

Frau Hermine Meier: 'Bald wohne ich fünfundzwanzig Jahre hier in dem Haus. In zwei Monaten feiern ich und mein Mann hier drinnen unser Jubiläum als Hausmeistersehepaar. Als die Dombrowskis damals hier im Haus eingezogen sind, war Manuela drei, vier, glaube ich. Ein niedliches, kleines Mädel. Ein wahres Schätzchen war Manuela. Niedlich und klein sind Manuela und ihre Schwester Christine aber nicht geblieben. Je älter sie geworden sind, um so frecher sind die beiden Dombrowski-Gören geworden. Ihrer älteren Schwester Christine hat Manuela immer alles nachgemacht. Immer alles nachmachen müssen. Ungezogene Biester, die zwei. Mußtest du aufpassen, daß die dir nicht, sind die Dombrowski-Gören vorübergekommen, den Geldbeutel aus der Einkaufstasche herausstibitzten. Hatten Christine und Manuela bei älteren Frauen in der Nachbarschaft gemacht. Hatte jede Menge Ärger gegeben, deswegen. Jetzt frage ich sie, Herr Reil, hätte man mit den beiden nicht in den ersten Jahren irgendwo in der Schule oder sonstwo noch was machen können? Als Teenager waren Christine und Manuela dann nur noch schlimm. Nur noch schlimm. Kein Wunder, bei diesen Eltern. Nichts als herumgetrieben haben sich die Mädels. Zum Beispiel Manuela. Elf, zwölf war Manuela, glaube ich, ist schon so ein Kerl im Auto mit ihr hier vorm Haus vorgefahren. Die waren zusammen, das hat jeder mitbekommen dürfen. Ein Paar waren die. Geküßt haben die sich, sich angefaßt. Überall faßte Manuela hin, habe ich einmal gesehen, als ich zufällig am Auto von dem Kerl vorübergekommen bin. Weiß nicht, Herr Reil, warum die Dombrowskis mit ihrem üblen Ruf so lange hier bei uns im Haus wohnen bleiben haben dürfen. Weiß ich wirklich nicht. So lange Jahre. Erst vor drei Jahren war Schluß, mußten sie ausziehen. Weil, Herr Reil, da ist öfters die Polizei zu den Dombrowskis hoch. Immer wieder, Jahr für Jahr, Polizei. Manuelas Schwester Christine, die hat mehrere Selbstmordversuche gemacht. Wochenlang hatte die ihre Handgelenke eingebunden. Geschichten könnte ich Ihnen erzählen, Herr Reil, Geschichten. Der Vati Manuelas, der hat gesoffen. Gesoffen hat der, gesoffen und zugeschlagen. Die Mutti Christines und Manuelas, die hat er öfters übel zugerichtet. Ein blaues Auge, geplatzte Lippen. Pflaster im Gesicht. Daß die arme Frau den Mann nie verlassen hat ... Dann noch das: Die Rede ist hier in der Nachbarschaft gegangen, daß die Frau des Dombrowski zu Männern hier in der Umgebung geht, eine oder sogar beide Töchter mit bei ihr dabei. Stellen Sie sich das vor, Herr Reil! Nicht, um bei denen in der Wohnung zu putzen, sondern, um ... So was ... Daß sie zusammen mit den Männern zusammen mit ihren beiden Töchtern im frühen Teenageralter ... Für Geld. Habe ja nie selber viel mit der Frau, dieser Dombrowski, geredet, nur so das Übliche, Herr Reil. Nur immer ganz kurz, wenn die Frau, die Dombrowski, die Stiegen putzen hat müssen. Übers Putzen habe ich mit der geredet. Oder übers Wetter. Einen Film im Fernsehen. Sonst hatte ich aber wirklich nicht viel mit der Frau zu reden ...'

 

Dagestanden bin ich, Frau Hermine Meier gegenüber, habe dem Schwall an Worten ruhig zugehört. Öfters habe ich mich während der Rede der Frau hinten im Nacken gekratzt oder am Ohr gezupft.

So arg, wie Frau Meier mir das zwischen Tür und Angel dahergeredet hat, war mir das bei Manuela und mit Manuelas Eltern zur damaligen Zeit nicht vorgekommen, als ich noch mit Manuela zusammen war.

Gut, der alte Herr Manuelas, der konnte einen Rappel kriegen. Auf den Mann mußte man aufpassen, ihn im Auge haben. Vor allem, daß er einem nicht hinterrücks ankam. Manuelas Vati, der haute gerne mal auf alles ein, was in seiner Nähe war. Die Fäuste brauchte er dazu nicht unbedingt.

Aber, mich persönlich, mich hat Vati Dombrowski irgendwie nie mit einem Schlag direkt getroffen. Nur mit den Armen gewedelt und angeschrien hat Vati Dombrowski mich das eine oder anderemal, daß ich mich für ihn aufstellte, bereit fürs Zurückschlagen.

 

Was dann nicht passiert ist, daß ich hauen mußte. Weil, nichts ist passiert. Die Runde im Boxring mit mir hat Manuelas Vati sich gespart.

War außerdem immer Ruhe im Karton, sobald Manuela und ich auf Manuelas Zimmer gegangen sind.

Hinterhergekommen ist Manuelas Vati Manuela und mir dorthin nie. Nicht, daß ich mich erinnern könnte.

Fällt mir nichts ein, daß ich den einmal bei Manuela und mir im Zimmer gesehen hätte, wenn ich bei den Dombrowskis war.

Dort, zu mir und Manuela rein, ist der nie.

 

Kann mich tatsächlich nicht an größere Schlägerattacken von Manuelas Vati gegen mich erinnern. Obwohl das eine knochenharte Type war. Schon zu einigem fähig.

Und Manuelas Mutti?

Manuelas Mutti war eine junge Mutti gewesen. Hatte Christine, die Erstgeborene, mit sechzehn bekommen. Manuela mit knapp neunzehn.

 Gemocht hat Manuelas Mutti es, Schminke aufzulegen, sich hübsch und sexy zu stylen.

Fast, daß es bei Manuela und Christine, waren sie zusammen mit ihrer Mutti unterwegs, ausschaute, sie hätten Manuela und Christine die ältere Schwester dabei, nicht die Mutti.

 

Was ihre Figur angeht, war Manuelas Mutti spitzenmäßig auf der Höhe. Wirklich spitzenmäßig.

Konnte sich die engsten Hosen, kürzesten Röcke erlauben, Manuelas Mutti, mit dieser Topfigur, diesen Beinen.

Gerne hat Manuelas Mutti Minirock getragen.

Ab und zu hat Manuelas Mutti, hatte Manuelas Mutti einen Mini an, nichts dagegen gehabt, daß ich ihr beim Sitzen dazwischen rein gesehen habe. Das Weiße, das da für mich sichtbar war.

Bis Manuela, die das ebenfalls beobachtete, mich, weil sich meine Augen zu oft dorthin verirrten, herboxte.

Jedesmal war Manuela am Boxen, wenn ich ihre Mutti zu ausgiebig anschaute.

Dann hat Manuela verlangt, daß ich mich augenblicklich neben sie hinsetze. Oder Manuela und ich, wir sind in der Wohnung schnell woanders hingegangen. Auf Manuelas Zimmer. Für Küsse. Alles. Alles, was man miteinander machen kann.

 

Was ich in Dir zum Ausdruck bringen möchte, mein Tagebuch: War etwas Wahres dran an dem, was Frau Hermine Meier zu mir gemeint hat, war mir während den Tagen meines Zusammenseins mit Manuela glatt einiges entgangen. Tomaten auf den Augen, könnte man sagen.

Von den Dombrowskis hatte ich ausschließlich Manuela im Kopf.

War mit Manuela zusammen. Und Manuela war, bin ich zu dem Dombrowskis hochgekommen, immer für mich da. Und daß Manuela exklusiv für mich da war, anders hat Manuela auch nie auf mich gewirkt.

Nach was anderem hat Manuela, was mich anbetrifft, nicht ausgesehen.

Was Manuelas Schwester Christine und Manuelas Mutti getrieben haben, wenn sie wieder mal hergeschminkt, voll aufgebrezelt in der verführerischsten Aufmachung die Wohnung verlassen hatten, keine Ahnung.

Ich dachte damals, schön angezogen und geschminkt zu sein, das mochten die beiden, Manuelas Schwester und Manuelas Mutti, eben. So setzten sich die in ein Café, eine Eisdiele. Gingen in der Aufmachung eben lieber auf die Straße als anders. Oder sei es so auch nur zum Einkaufen in den Supermarkt. Manuelas Mutti und Manuelas Schwester Christine, so gefielen die sich.

An irgendwas Nuttiges, daß hier Prostituierte zu ihrer Arbeit fortgegangen wären, derartige Gedankengänge hatte ich nicht. Das war nie Teil meines Denkens, wenn ich Manuelas Mutti oder Manuelas Schwester Christine gesehen habe. Auch wäre mir nie die Idee gekommen, Manuela könnte ihre Mutti und die Schwester ab und zu zu Betätigungen in Sachen Sex begleiten, um selber Einnahmen zu erzielen.

Manuela hat wirklich nicht gewirkt, als würde sie sich aussehensmäßig je viel ihrer aufgetakelten Mutti und der Schwester anpassen wollen. Was ich manchmal schade fand, wenn Manuela Schminkarbeit mal wieder eher von dezenter, langweiliger Natur war. Die Kleidung, die hauptsächlich bei Manuela angesagt war, waren enge Jeans, diverse T-Shirts ohne Büstenhalter. In kurzem Rock, daß ich Manuela eher selten sehen durfte, damals.

Wirklich wahr, mein Tagebuch, wovon Frau Hermine Meier da zu mir sprach, ich konnte das mit meinen eigenen Erfahrungen mit Manuela nicht abgleichen. Obwohl ich ein Jahr lang Manuelas Liebhaber war. Ein Jahr war ich mit Manuela zusammen, habe aber nichts gesehen oder bemerkt, was ich bei Manuela mit irgendso was wie Prostitution in Verbindung bringen könnte.

Vielleicht hätte mich das überhaupt nicht mal so arg in Mitleidenschaft gezogen, hätte ich zur damaligen Zeit etwas davon mitbekommen. Vielleicht hätte ich das eine oder andere nämlich gut akzeptieren können, hätte Manuela es mir klargemacht. Schließlich wäre ich schwer dafür gewesen, hätte ich mehr zu rauchen oder zum Einwerfen gehabt.

Drogen wo herzubekommen, das war während jenen Tagen so eine Sache für mich. Um mir selber was zu kaufen, hatte ich unter anderem lange mein Sparbuch geplündert.

Hätte Manuela mehr Geld gehabt, von irgendwoher, mir wäre das direkt zupaß gekommen, hätte ich jeden Tag was gehabt.

 

Eigentlich, Tagebuch, war ich damals keiner, der nichts auf dem Kerbholz gehabt hätte. Eher habe ich selber bei Sachen dabei. Solche wie Mülltonnen umschmeißen, Autoseitenspiegel abbrechen und Reifen zerstechen.

Bei einem Einbruch war ich auch einmal Teil eines Trios. Am Schluß dort. Ehe ...

Zusammen mit Beppi und zwei anderen bin ich in ein Doppelhaus nahe beim Gewerbegebiet eingestiegen. Daß keiner der Bewohner im Haus waren, hatte Beppi sichergestellt. Die Leute tagelang ausbaldowert.

War demnach was drinnen bei mir. Ich hatte schon gewisse Dinge drauf.

Geraucht habe ich Stoff, Pillen eingeschmissen. Zwei-, dreimal sogar mit einem Geldschein eine Nase geschnupft. Daß ich mich heute wundere, daß es mich deswegen nicht schlimmer erwischt hat.

 Öfters, daß ich was mit Geldbeträgen nötiger gebraucht hätte, mir selber was zu beschaffen. Statt zu verzichten ...

In dem Sinne hätte mir Manuela also durchaus Verhältnisse beibringen können, das, daß ihr das nicht viel ausmachte, mal mit dem einen oder anderen Freier für eine halbe Stunde oder so mitzugehen ... Durchaus verständlich hätte Manuela mir das machen können, hätte sie mir das rüberbringen wollen, daß sie keinen größeren Kummer hatte, mit einem, solange der Geld rüberreichte ...

Nach zwei, drei Tagen spätestens hätte ich bestimmt alles anders sehen können, wäre ich zunächst stinkig gewesen, hätte ich erst ein klein wenig darüber nachgedacht.

 Gewiß doch hätte ich mich irgendwann überaus tolerant zeigen können. Während den damaligen Tagen. Nur damit ich an der Seite Manuelas das eine oder andere mehr, länger gehabt hätte. Rauch-, Schnupfware. Was in Tablettenform.

 

Alles mögliche früher bei mir, das die von der Polizei interessieren hätte können.

Heute würde ich sagen, was diesen vergangenen Lebensabschnitt angeht: Glück gehabt! Hätte gut schlimmer kommen können. Für mich.

 

*

 

 

Zweiundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei geöffnet.

Früh am Abend. Uhrzeit: 18:16 Uhr.

 

Frau Hermine Meier, die Frau des Hausmeisters.

Das mit Frau Hermine Meier, liebes Tagebuch, das ist noch weitergegangen.

Lasse ich Frau Hermine Meier und mich hier jetzt fortsetzen.

Wie es mir in den Kopf kommt, daß Frau Hermine Meier und ich gesprochen hätten, über den Daumen gepeilt.

 

Frau Hermine Meier: 'Wissen Sie, Herr Reil, am liebsten hätte ich dafür gesorgt, daß den Dombrowskis ihre Kinder weggenommen worden wären. In jedem Erziehungsheim wären die Gören besser aufgehoben gewesen. Daß solche Leute Kinder großziehen dürfen, man glaubt es nicht. Wenn Eltern ein schlechtes Beispiel waren, dann bei den Dombrowskis. Da hat man sehen können, wo verluderte Erziehung hinführt. Wenn man selber verkommen war, das war das Ergebnis davon. Ich sage Ihnen, Herr Reil, wären das nicht Mädchen gewesen oder hätten die Dombrowskis zu den Mädchen noch Söhne gehabt - Mord und Totschlag hätte es gegeben. Mord und Totschlag hätte es gegeben. Bei denen in der Wohnung oben. Oder daß die Söhne der Dombrowskis jemanden auf der Straße erschlagen hätten. Zuviel Freiheit, das ist nicht gut für ein Kind. Da fällt ihm nichts als Unsinn ein. Das Kind, das treibt sich rum, hat den verkehrten Umgang. Mein Hubi - das ist mein Mann, Herr Reil - sagt immer: Kinder und junge Leute, die gehören an die Kandare. Verbote brauchen sie, von klein auf eine feste Hand. Anständige, ehrliche Eltern. Sonst gehen sie klauen. Oder sie treiben es als Mädchen mit jedem. Gehen auf den Strich. Dann kommen noch die Drogen für die Jungs und Mädels dazu. So war das bei Christine, der älteren Tochter der Dombrowskis. Das eine oder andere könnte ich Ihnen von Christine, der älteren der Dombrowski-Schwestern erzählen. Nicht nur das mit den Selbstmordversuchen. Christine Dombrowski, die ist einige Male verhaftet worden. Wegen Drogensachen. Christine, die mußte vor Gericht erscheinen. Und das Gerücht ging, daß Manuela und Christine weiter fortfahren würden, in die Großstadt, um dort übers Wochenende oder immer wieder für ein paar Tage auf den Straßenstrich zu gehen. Mußten Geld ja verdienen, für Rauschgift, ihren ausschweifenden Lebensstil. Wenn man süchtig danach ist, braucht man auch Geld. Immer Geld. Viel, viel Geld. Das Geld muß irgendwo herkommen. Im Puff oder am Straßenstrich geht das am leichtesten ...'

Ich: 'Entschuldigen Sie bitte, Frau Meier. Ö, Frau Meier - was mich interessieren würde, was ich gerne wissen möchte - wissen Sie vielleicht, wo die Dombrowskis hingezogen sind? Wo wohnen die Dombrowskis denn heute? Wissen Sie das, wo die heute wohnen?'

Die Stirn Frau Hermine Meiers, Frau Hermine Meier, die sich in meiner Gegenwart mittlerweise wirklich pudelwohl fühlte, legte sich tief in Falten. Richtiggehend konnte ich Frau Meier dabei zuschauen, wie Frau Meier intensiv nachdachte. Um am Schluß den Kopf zu schütteln.

Ich: 'Eh, Sie wissen nicht, wo die Dombrowskis heute wohnen, Frau Meier?'

Frau Meier: 'Tut mir wirklich leid, Herr Reil. Da fällt mir im Moment nichts ein, leider. Leider fällt mir gerade nichts ein. Kann Ihnen im Moment wirklich nicht das bißchen sagen, wo die Dombrowskis hingezogen sind. Kann Ihnen nicht mal sagen, ob die Dombrowskis weiter fortgezogen sind, etwa in eine andere Stadt. Oder ob Sie noch hier in der Gegend wohnen. Tut mir wirklich leid, Herr Reil.'

Ich zucke die Schulter. Ich: 'Macht doch nichts. Werde ich schon herausfinden, wo die Dombrowskis wohnen, Frau Meier ... Werde ich sicher können, nicht? Ich danke Ihnen, Frau Meier! Jetzt weiß ich wenigstens ein bißchen mehr.'

Frau Meier: 'Warten Sie noch schnell, Herr Reil! Hubi, mein Mann, der muß jede Sekunde nach Hause kommen. Hubi holt eigentlich nur Bier und Limo aus dem Getränkemarkt. Als Hausmeister im Haus hier, Herr Reil, verwaltet Hubi auch Unterlagen. Könnte sein, daß Hubi, wenn er heimkommt, die Nachsendeadresse für die Briefe an die Dombrowskis für Sie finden wird können, Herr Reil. Wenn Sie es nicht eilig haben, Herr Reil, könnten Sie hier auf meinen Hubi warten. Kommt Hubi heim, wird Hubi das sicher gerne schnell machen, Ihnen die Adresse raussuchen, daß Sie sich die schnell notieren können.'

Das Kinn rieb ich mir her. Ich: 'Ja, keine so schlechte Idee ...'

Frau Meier: 'Mein Hubi muß eigentlich jede Sekunde wieder hier zurück sein, Herr Reil. Hubi ist schon vor über einer Stunde aufgebrochen. So weit ist der Getränkemarkt nicht von hier fort, zu dem Hubi ist ...'

 

Gut denn! Vorm Haus draußen habe ich auf Hubi gewartet. Beinahe eine dreiviertelte Stunde, bis Hubi endlich daheim eintraf.

Seine Frau Hermine führte Hubi zu mir hinaus, daß Hubi und ich uns am Gehsteig miteinander unterhalten konnten.

Die Adresse, zu der die Dombrowskis nach ihrem Auszug hingezogen waren, habe ich ohne jedes Problem von Hubi gekriegt. Dann bin ich in meinem Auto von dort weggefahren ...

 

*

 

 

Zweiundzwanzigster Juli, die Tagebuch-Datei offen.

Sonntag am Abend. Halb elf Uhr. Genau: 22:31 Uhr.

 

SIE scheint noch nicht wieder für mich draußen zu sein.

Jedenfalls spüre ich nichts von IHRER Gegenwart.

Beinahe eine kleine Enttäuschung, die ich deswegen in mir wahrnehme. Als MÜSSTE SIE da sein, für mich.

Andererseits fürchte ich SIE doch. Bin angsterfüllt. Jederzeit könnte ich mir wegen irgendwas die Hosen vollmachen. Dafür bräuchte es überhaupt nicht viel.

 

Kann nur hoffen, daß ich, wenn SIE zurückkommt, im Haus hier bleibe. Daß mir nicht einfällt, etwas Blödes anzustellen. Daß ich weiter die Kraft habe, IHR widerstehen zu können. Diesem Verlangen.

 Hätte ich heute was unternehmen wollen, zum Beispiel hier aus meinem Elternhaus abreisen, hätte ich es tagsüber machen müssen. Jetzt ist es für eine solche Unternehmung reichlich zu spät. Muß ich auf morgen warten, bis es eine neue Gelegenheit gibt.

Das einzige, was ich im Augenblick tun sollte, ist hier drinnen auf meinem Zimmer zu bleiben. Nichts sonst ist für mich zu tun. Wenn ich irgendwie rausginge, ich IHR ein Zeichen des Einvernehmens gebe würde - hätte ich verloren.

Unter keinen Umständen sollte ich Dinge tun, daß SIE plötzlich die Erlaubnis hätte, ins Haus reinzukommen zu mir.

Wenn SIE wie meine Erlaubnis braucht, sollte ich es dabei belassen. Ansonsten, glaube ich, hätte ich verloren, alles verloren.

 

Anderes Thema, gehört aber auch zum großen Ganzen in Dir dazu, verehrtes Tagebuch:

Hatte meinen letzten Eintrag in Dir beendet, habe ich gegen viertel über sieben Uhr rum runtergemacht. Zu Vati und Mutti.

Scheisse, was man nicht meint, alles anstellen zu müssen, hat man Sorgen, Geldsorgen. Zum Beispiel, daß von mir versucht wird, wieder einen auf glückliche Familie zu machen, ist dann.

Erst mal sind wir als nach bester Familientradition in der Küche beisammen gehockt, Vati, Mutti und ich. Miteinander waren wir in der Küche am Essen. Mutti hatte auch einen schnellen Teller für mich übrig.

Nachdem wir das mit der Esserei beendeten, schaute ich zu, Mutti beim Abwaschen der Teller und dem zu helfen. Unaufgefordert. Zusammen mit Mutti bin ich später bei Vati im Wohnzimmer eingetroffen, habe ich mich mit gegenüber vom Fernsehgerät hingehockt.

Gemütliches Zusammensein vorm Fernseher, beinahe wie früher. Sonntäglicher Abendkrimi, der geguckt wurde. Vati war als einziger von Anfang an bei dem Krimi dabei, vor allem Vatis Lieblingskrimi. Von meiner Seite aus das ganze Treiben mit dem einzigen Hintergedanken: Die Beziehung zwischen mir und meinem Vati sollte bald mal wieder auf Touren kommen.

Beim Zusammensein in der Küche beim frühabendlichen gemeinsamen Mahl habe ich mich von Anfang an beschwingt gegeben, war lustig. Einen Witz habe ich gerissen, den nächsten anzubringen versucht. Auf was immer, das am Tisch angesprochen wurde, darauf bin ich lebhaft eingegangen.

Viele Lacher hatte ich deswegen nicht auf meiner Seite. Von Vati direkt überhaupt keinen. Habe ich aber darüber hinweggesehen.

Auch nicht während des Sonntagabendkrimis, wenn ich Kommentare zu Szenen abgegeben habe, hat jemand anders als Mutti was zu mir hin erwidert, munterer gelacht.

Daß der Krimi nicht die allergrößte Spannung verursacht hat, habe ich doch gemerkt. Weil Vati und Mutti sich unterhalten haben, statt dem Film konzentriert zu gucken.

Trotzalledem redete Vati im besten Fall an mir vorbei. Irgendwann hat Vati sogar auf mich gewirkt, als hätte ich es aus irgendeinem Grund nur knapp beisammen. Zu mir hin könnte es zu einem unverhofften größeren Ausbruch kommen. So Art Vulkan.

Dabei wollte ich doch nur das Beste. Nur das Allerbeste. Vor allem für mich.

Schon beim Abendessen hatte ich die Absicht, bei guter Gelegenheit auf das zu sprechen kommen, was in der Gegenwart bei mir los war. Beispielsweise die Tatsache ansprechen, daß in der Gegenwart mein Auto in der Autowerkstätte von Autorep.Heinz herumstand. Dort, daß es der Reparatur harrte. Repariert müßte die Karre werden. Bisher hätte ich den Mechatronikern von Autorep.Heinz nicht erlaubt, mit dem Autoreparieren anzufangen. Der Grund dafür: der Kostenfaktor. Dieser Faktor, der für mich enorm war. Ein ungelöstes Problem. Sogar der Abgang von mir als Autobesitzer, der drohe. Der Oberbosse von Autorep.Heinz wäre bei mir mit einem Angebot von fünfzig Einhunderterscheinen dabei. Dafür würde er mir mein Automobil abnehmen, gab ich ihm morgen, übermorgen die Zusage. Sollte ich dem Begehren des Autorep.Heinz-Oberbonzen nachgeben? Echt ein Glück, daß ich am morgigen Montag nicht zu Mauth in die Arbeit müßte, so ohne fahrbaren Untersatz. Am Montagmorgen hätte ich nicht gewußt hätte, wie ich ohne Wagen zu Mauth in den Betrieb hätte kommen können. Hätte mich jemand fahren müssen. Er, Vati, hätte das machen müssen. Hätte er das gemacht, mich in die Arbeit zu fahren, mich hinzufahren zu Mauth, daß ich pünktlich am Arbeitsplatz erschiene? So eine Sache, das mit den Taxifahrten. Im Taxi hin auf das Betriebsgelände von Mauth, zurück von dort. Das war ziemlich teuer. Auf die Dauer hätte es das mit der Taxifahrerei nicht für mich gebracht. Müßte ich mich bei jemandem bei Mauth als Mitfahrer anbiedern.

 

Ein klein wenig mehr Freundlichkeit gegenüber meiner Person bei Vati, das hätte mir heute abend nervlich wirklich weitergeholfen. Schließlich fängt morgen mit dem Montag eine neue Woche an.

Alle arbeiten SIE montags in der Frühe wieder, erfrischt vom Wochenende. Frisch geworden nach zweitägiger Arbeitspause.

Die in der Automechanikerwerkstätte und die in den Büros der Versicherungen, Behördenstuben. Jeder hatte mit den freien Tagen, samstags, sonntags, eine Frischzellenkur bekommen. Um zu neuen Taten aufzubrechen.

Was ist bloß los, bei Vati und mir?

Eigentlich schien alles zwischen Vati und mir auf einem guten Wege zu sein. Die Helen-Geschichte ist durch Muttis Hilfestellung abgeklärt.

Die weiterhin fortgesetzte Distanziertheit Vatis gegenüber meiner Wenigkeit - was könnte dafür die Ursache sein? Worin begründete sich die?

Hat es mit einer meiner Schwestern zu tun? Mit Bettina und Tanja?

Gestern waren Bettina und Tanja samt Ehemännern und kindlichem Gefolge hier im Haus. Heute waren meine Eltern den ganzen Sonntagnachmittag bei Tanja. Auf Besuch bei Tanja, Tanjas Ehemann und Tanjas Kindern. Der einzige, der sich nicht unten zeigte, der war ich, und demnach nicht zu Tanja mitgefahren war, bin ich. War auch nie die Rede davon, daß ich mitkommen hätte sollen ...

Aber Tanja ...? Was sollte mit Tanja sein? Tanja war schließlich nicht Mylady Bettina.

Das mit Tanja ist eine andere Geschichte als die mit Mylady Bettina. Mylady Bettina, die ist das bigotte, verlogene Luder, das hinterrücks ihre Fäden zieht.

Könnte allerdings gut die Möglichkeit sein, daß, wenn bei Tanja etwas gegen mich abging, Mylady Bettina die im Hintergrund ist.

Mylady Bettina, ewig gut für jede Art hintergründige Kulissenarbeit. Mylady Bettina und eine ihrer alltagsgewöhnlichen Intrigen. Beinahe ordinär.

Von Mylady Bettinas Intrigantenum, nichts, das ich direkt davon etwas mitkriege. Jedoch ist die Tatsache als Mißstimmung bei den Leuten in meiner Umgebung auszumachen. Bei Vati, Mutti.

 

Muß ich Dir tatsächlich jetzt glattweg zugeben, mein Tagebuch: Tanja, meine jüngere Schwester, die hatte ich im Kopf. Ich hatte Tanja im Kopf.

Gestehen muß ich Dir das, daß ich an Tanja als eine Möglichkeit für mich gedacht habe. Tanja war eine Idee.

Wenn nichts anderes mehr hinhaute, daß ich mich noch zu Tanja hinbegeben könnte. Na, zu Tanja, um Tanja um Geld anzuhauen. Tanja fragen, ob Tanja mir was leiht. Auf Raten würde ich es ihr zurückzahlen. Sogar unterschreiben würde ich ihr, Tanja, was wie einen Schuldschein, damit sie mir etwas ausleiht.

Das wäre in der nächsten Zukunft jedoch erst dann von mir vorgesehen gewesen, wenn es nichts anderes mehr für mich gegeben hätte. Quasi als letzter Ausweg. Das, Tanja darauf anzusprechen, ob sie nicht einen gewissen Geldbetrag an mich verleiht.

Muß schon sagen, die Weiber, die haben Ahnung. Die wissen, wann man klamm ist, wann nicht. Wenn bereits miese Stimmung herrscht, ehe man ihnen die Dinge richtig auseinandergesetzt hat.

 

Mylady Bettina, mein älteres Schwesternherz, und Tanja, meine jüngere Schwester.

Denke ich darüber jetzt hier nach, frage ich mich: Welche engeren Beziehungen hätte ich die letzten Jahre eigentlich zu Mylady Bettina und Tanja gehabt?

Im Grunde gibt es da nicht viel. Nicht viel, was ich real mit Mylady Bettina oder Tanja teile.

In Wirklichkeit existieren kaum noch Berührungspunkte zwischen Mylady Bettina oder Tanja und mir. Außer, daß wir Geschwister sind. Kaum etwas haben Mylady Bettina, Tanja und ich gemein, als das, daß wir uns begegnen, wenn ich in den Semesterferien bei Vati, Mutti daheim bin, weil ich während der Zeit werktags üblicherweise immer bei Mauth arbeite. Da treffe ich Mylady Bettina und Tanja das eine oder anderemal hier an. Mylady Bettina und Tanja zusammen mit ihren Ehemännern und den Kindern. Ohne, daß wir uns viel zu erzählen hätten.

Natürlich machen wir auch mal auf Familie. Gemeinsam hocken wir im Garten um einen Tisch rum. Gegrilltes wird gesäbelt, aus Silberpapier ausgewickelt. Dabei wird durchaus geredet. Allerdings eher irgendwas belangloses Gequatsche, was das Wetter angeht. Leere Worthülsen ohne größere innere Beteiligung und Kosten werden abgelassen, sonst war da die letzten Jahre nie viel.

So richtig Bedeutsames hat sich in den letzten Jahren keiner der Familie mehr zu erzählen gehabt, wenn ich dabei war, finde ich. Vor allem Mylady Bettina scheint ausschließlich eins im Kopf zu haben: was es zu erben gibt. Daß es mal was bei Vati und Mutti zu erben gibt. Als Erbin an vorderster Front zu sein, das ist das Allerwichtigste für die.

 

Was ist sonst noch so los bei und mit meinen Schwestern, was mich angeht?

Weder bei Mylady Bettina noch bei Tanja war ich oft zu Besuch, fällt mir jetzt hier auf, weil ich gerade genauer darüber nachdenke.

Die Ehegespielen Mylady Bettinas und Tanjas schauen mich jedesmal, wenn ich wegen meiner Semesterferienarbeit bei Mauth hier unten eingetroffen bin, an, als wüßten sie nicht, wo ich plötzlich herkomme. Als wären sie immer total überrascht, mich zu sehen.

Einen Fremden, der wieder kostenlos für ein paar Monate im Haus wohnen darf.

Freie Logis, der? Warum eigentlich nur? Vati, Mutti, die könnten mich ruhig mal bezahlen lassen, für meine Quadratmeter Wohnfläche, Speis und Mahl. Nicht zu begreifen, das, daß der nicht abdrückt.

So ein Gefühl habe ich bei denen.

Mylady Bettina und Mylady Bettinas Ehegespiele Reini.

Tanja mit Horstie.

 

Würde mal so nebenher meinen: Tanja ist doof.

Mylady Bettina, die hinterkünftige Betschwester, ist die Oberdoofeste. So voll fett wie oberdoof.

Und Reini und Horstie, die können mich beide mal. Kreuzweise hinten und vorn. Wie sie eben gerne hätten.

Kurz die obigen Zeilen abschließend zusammengefaßt, mein Tagebuch, Mutti, Vati, Mylady Bettina und Reini, Tanja und Horstie: Ergibt sich nichts mehr für mich bei Mauth, bleibt das mit Vatis Kühle für mich eine Tatsache, war es das hier unten für mich. Dann fahre ich die kommenden Tage in mein Wohnheimzimmer ab. Punkt.

In vielerlei Hinsicht könnte das das Beste für mich sein. Stichwort: Manuela. Manuelas Präsenz bei mir und um mich herum.

Manuela, die mir zwar im Moment fehlt, noch. Aber, das Gefühl kann sich jederzeit bei mir einstellen. Daß ich dieses Gefühl als Gewißheit wiederkriege, daß SIE draußen hier vorm Haus ist. SIE, Manuela, mit diesem Druck auf mir.

 

Könnte doch sein, daß mir Manuela nicht in die große Stadt mitkommt, in die Nähe meiner Bude im Wohnheim.

Das hätte momentan nicht wenig für mich zu bedeuten. Daß Manuela mir nicht mehr für mich da wäre, das hätte schon was.

Damit wäre viel für mich getan. Eine Bedrückung von mir genommen.

 

*

 

 

Zweiundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei für den nächsten kleinen Text.

Weiterhin der Sonntag. Uhrzeit: 23:17 Uhr.

 

Irgendwie fehlt mir dieses Gefühl, SIE, jene Manuela, wäre unten im Garten.

Ich spüre momentan nichts von einer Art Gegenwart Manuelas. Obwohl ich dachte, Manuela würde am Abend wiederkommen. Weil dem die letzten Tage ja so war.

 

Das ist wie in den Schädel reingeballert - peng, peng, peng! -, das mit Manuela - peng, peng, peng!

In die Psychiatrie könnte mich das heute bringen. Jederzeit.

Wenn die nach Ursachen forschenden Ärzte im Klinikum erst herausgefunden haben, daß bei mir tatsächlich etwas ist. Daß ich so was wie Erscheinungen habe, mich bedrängende Empfindungen ...

Etwas mit einer Manuela, das bei mir losgeht, Manuela, die ... Dieses Manuela-Vorkommnis, das mir dermaßen im Kopf sitzt. Im Griff hat mich das.

Dann könnte mir ein längerer Aufenthalt in einem Bezirksklinikum drohen.

Gute Nacht, liebe Welt. In diesen Kliniken kann man unter ärztlicher Aufsicht richtig alt werden. Alt und gebrechlich.

 

Mit Bildern Manuela, Empfindungen, die Manuela anbetreffen, überschüttet mich mein Gehirn. Ob ich will oder nicht.

Bewußt kann ich kaum etwas dagegen machen.

Als sie vierzehn war, lernten Manuela und ich uns kennen. Geliebt haben wir uns, Manuela und ich. Zumindest körperlich machte ich viel Liebe mit Manuela. Mit fünfzehn - ich war zwanzig - hat Manuela sich dann von mir getrennt.

Zehn Jahre her heute, eigentlich. Eine halbe Ewigkeit, könnte einige sagen.

Total verdrängt hatte ich Manuela überdies.

Daß das, was mir momentan mit Manuela ist eigentlich nur noch unverständlich ist.

 

Alles, was mit Manuela zusammenhängt, was ich seit dem zehnten Juli von Manuela erfahren mußte, einfach nicht zu glauben. Unbegreiflich.

Ständig, daß ich das in Dir wiederhole, Tagebuch, nicht wahr?

Seit diesen Nachmittags- und Abendstunden des zehnten Juli befinden sich die dunkelsten Wolken hinter meiner Schädeldecke, entladen sich mir ihren grellen, elektrostatisch geladenen Blitzen unwetterartig.. Seitdem ich von Leuten Neuigkeiten gesagt kriegte, die mit Manuela zusammenhängen, leidet die graue Gehirnmasse mit ihren Regionalzonen bei mir unter der Information.

Was mir damit ins Bewußtsein gedrungen ist, total der Wahnsinn.

Dieser eine schreckliche Sommernachmittag des zehnten Juli. Während dem ich IHR begegnen mußte.

Meine alte Freundin Manuela, die mir vorm Unteren den Weg vertritt. Gegenübergestanden ist Manuela mir, vorm Unteren. Geredet haben wir. Ein Weilchen waren Manuela und ich in der Stadt an den verschiedensten Orten unterwegs, daß man es nicht faßt. Bis Manuela dafür gesorgt hat, daß ich sie nach Hause gefahren habe.

Wo das war, wo sie daheim war, das hat Manuela mir nicht eindeutig auseinandergesetzt. Ich dachte einfach, Manuela würde immer noch dort wohnen, wo sie früher gewohnt hatte, als wir beide noch ein Liebespaar waren. Davon hat Manuela bei mir am Beifahrersitz mich nicht mit einem Wort abbringen mögen.

Schließlich kam der Moment, nachdem Manuela und ich dort beim Wohngebäude eingetroffen waren, daß Manuela bei mir aus dem Fahrzeug ausstieg. Verlassen hat Manuela mich. Voll, daß ich gemeint habe, Manuela käme, wie es ausgemacht war, ein paar Minuten später wieder aus der elterlichen Wohnung herunter. Manuela würde dort auf mich warten, wenn ich mit meinem Auto zurückkäme.

Bloß, Manuela, die war nicht dort. Manuela blieb weg, für mich verschwunden.

Damit, daß ich nicht gerechnet hatte.

Längst hatte ich mich dabei gesehen, wie Manuela und ich am Königweiher die verschiedensten Dinge trieben. Sobald der Inhalt der Portweinflasche bei Manuela erst zu wirken anfing und für Manuela was zum Anfassen herumstand, würde das losgehen.

 

Das mit der Art des Abgangs Manuelas bei mir, das konnte ich nicht auf sich beruhen lassen. Locker das wegzustecken das war nicht.

Die Nase, die Manuela mir gedreht hatte. Aber nun hatte ich eine Adresse. Der Ehemann Frau Hermine Meiers, der der Hausmeister des Wohngebäude war, hatte sie mir gegeben.

Mit dieser Wohnadresse - Straße, Hausnummer am Zettel oben notiert - bin ich ein kleines Weilchen mit meinem Wagen herumgefahren.

Fahr nach Hause, Mann, scheiß drauf! meinten meine Gedanken öfters.

Andererseits, jetzt wußte ich, wo ich mein Fahrzeug hinlenken könnte. Wohin die Eltern Manuelas vor drei Jahren gezogen waren, nachdem sie aus dem anderen Wohnhaus, in dem sie zur Miete gewohnt hatten, ausziehen mußten.

Die Nachsendeadresse für die Post der Dombrowskis hatte ich zumindest. Und sollten Herr und Frau Dombrowski dort auch schon wieder weggezogen sein, konnte ich auch dort am Ort Fragen stellen. Alles kein Problem.

Und wenn die Dombrowskis weiterhin dort bei der Adresse ihre Wohnung hatten, war es möglich, an der Wohnungstüre zu klingeln. Nach Manuela konnte ich mich erkundigen. Die Frage stellen, ob Manuela nicht daheim wäre, nicht für mich an die Tür kommen könnte; ich hätte mit ihr kurz mal was zu bereden.

Vielleicht, überlegte ich, daß ich Manuela schneller gegenüberstand, als Manuela sich das vorhin noch gedacht hatte, als sie mich auflaufen hatte lassen.

 

Demnach bin ich nicht heimgefahren, sondern habe die Reise angetreten, Tagebuch. In die Hegelstraße bin ich gereist.

Auf den Parkplatz unmittelbar vor dem Wohnhaus in der Hegelstraße habe ich meinen Wagen hingeparkt.

Natürlich bin ich in der Hegelstraße ausgestiegen. Auf der Stelle bin ich zur Haustüre, habe ich das unternommen, einmal bei dem besagten Gebäude die Klingelknöpfe der Hausbewohner zu überblicken.

Da war er sofort, der Name.

Dombrowksi - das stand auf einem Namensschildchen. Dombrowski, den Namen konnte ich auf dem einen Klingelknopfnamensschild lesen. Das Schildchen von dreien ganz unten das in der Mitte.

Damit war es klar: Ich hatte sie, die Dombrowskis.

Die jüngste Tochter der Dombrowskis, das war Manuela. Manuela, die hatte mir vor kurzem erst davon geredet, heutzutage wieder bei ihren Eltern zu wohnen.

Mein Herz, das war mir am Rasen.

 

Die Hegelstraße, Tagebuch. Nicht die angenehmste Gegend für ein längeres Verweilen.

Die Hegelstraße, das war sozialer Wohnungsbau. Gewisse Leute fanden in der Hegelstraße ihre Wohnungen. Städtische Wohnfläche, die bevorzugt diejenigen bewohnen durften, die über kaum Geldmittel verfügten. Statt auf der Straße zu stehen, zogen welche in ein Gebäude in der Hegelstraße.

Mutti, die hatte mir davon ein bißchen was von den Verhältnissen in der Hegelstraße erzählt, erinnerte ich mich. Mutti war die, die mir beim Herumhocken in der Küche etwas von der Hegelstraße und von dem Personenkreis, der in der Hegelstraße Wohnung nahm, das eine oder andere verklickerte. Schließlich kam es öfters vor, daß es auf Stadtgebiet in der Hegelstraße Aufregung gab.

Einheimisches Volk bewohnte die Hegelstraße, andere Bevölkerung, aus den verschiedensten Kulturkreisen herstammend.

Mit halbem Ohr hatte ich Mutti am Küchentisch dabei zugehört, wenn Mutti davon redete, daß sie am Radio gehört hätte, daß es in der Hegelstraße wieder einmal zu einer Schlägerei zwischen Anwohnern gekommen war. Öfters, daß es einen kleinen Hegelstraße-Aufstand gab. Jugendliche, deren Eltern zumeist fremdländische Wurzeln hatten, wehrten sich gegen die Staatsmacht

Die unterschiedlichsten Cliquen existierten in der Hegelstraße. Richtiggehende Banden, die sich gebildet hatten und untereinander um die Vorherrschaft kämpften. Zuweilen wurden die Revierkämpfe ganz offen ausgetragen, trat die eine oder andere Gruppierung mit Baseballschlägern, Fahrradketten, Messern, Gaspistolen und dergleichen gegeneinander an. Regelrechter Straßenkampf im Kleinstadtmilieu. Mit mehr oder weniger schlimm Verletzten, die ärztlich versorgt werden mußten.

Nicht zu fassen, das alles für den Spießbürger. Der davon tagelang im lokalen Teil der Tageszeitung las. Es auf Dauerschleife im Lokalradio hörte. Sich schaudernd die Szenen der Verwüstung betrachtete, die sich ihm bebildert darboten, schaltete er zum besagten Sendetermin auf den regionalen Fernsehsender um.

 

Vielleicht hätte sogar ich für ein paar örtliche Schlagzeilen sorgen können. Auf sämtlichen Medien. Hätte ich für irgendwas einen Anlaß gekriegt.

Nur, auf den habe ich gewartet. Irgendwie schaffte ich es nicht, es bei den Dombrowskis drinnen in der Wohnlichkeit klingeln zu lassen. Niemand der Dombrowskis, der von mir herausgeklingelt wurde.

Wieder meine Sonnenbrille auf der Nase, bin ich, statt mich irgendwie aufzuführen, eine geschlagene Stunde in meinem Auto herumgesessen.

Habe wirklich nicht weiter getan, als herumzuschauen, hinzuwarten, ob ich nicht jemanden von den Dombrowskis zu Gesicht kriegen würde.

Vati Dombrowski. Mutti Dombrowski. Manuelas Schwester Christine. Oder Manuela Dombrowski höchstselbst.

Langweilig, daß es während der Zeit in der Hegelstraße war. Sterbenslangweilig.

Nichts los mit sich prügelndem Jungvolk, das, der kulturellen Herkunft nach, aus den verschiedensten Weltgegenden herstammte. Sogar Inländer war.

Statt irgendeiner Handlung stellte ich mir lieber ausgiebig vor, wie das eventuell für Manuela sein könnte, wenn Manuela auf ihren nackten, langen Beinen, lediglich gekleidet in ihr schwarzsamtenes Art Sack Minikleidchen, das bei Manuela ganz knapp den Hintern bedeckte, gewissen zusammen herumstehenden Kerlen dahergefüßelt kam. Bürschchen, die, sahen sie ein Weib, wirklich nur an eins dachten. Am Saufen waren sie außerdem, was ihnen half.

Der erste, der sich aus der Gruppe löste. Den Weg verbaute er Manuela. Die erste Frage von ihm an Manuela, ob sie ihm nicht schnell einen blasen wolle. Weil man schon so lustig beisammen war, daß Manuela eine Sekunde drauf umstellt war. Hände fingen an, Manuela herzugrabschen. Überall, nach Herzenslust. Während Manuela, der das alles nicht paßte, obwohl sie nach ganz was anderem ausschaute, gellende Schreie hervorbrachte. Nur, leider, weit und breit niemand vor Ort anwesend, der Manuela beistehen wollte. Kein Mensch, der Manuela Gekreisch hören und aus einem der Häuser in der Straße herausmachen wollte. Alleingelassen, daß Manuela dem öffentlichen Treiben ausgeliefert blieb.

 

Das, Tagebuch, war alles Vorstellung von mir. Alles alles andere als Realität. Denn es war einfach nichts los. Überhaupt nichts.

Nicht das bißchen irgendwas, das sich in der Hegelstraße an attraktiven, aufregenden Straßenszenen vor meinen erwartungsvollen Augen abspielen wollte. Der Ort, wie ausgestorben.

In jeder Wüste war mehr geboten. Voll die Enttäuschung. Wieder beruhigter Sozialbrennpunkt. Oder was?

Nach knapp einer Stunde bin ich aus der Hegelstraße abgefahren. Ohne irgendeine Kleinigkeit in Sachen Manuela unternommen zu haben. Als wäre mir jeglicher Dampf abhandengekommen.

Keinmal, daß ich an der Haustüre geläutet habe. Nicht ein einzigesmal für ein Klingelgeräusch bei den Dombrowskis in der Wohnung.

Der Grund: Das Moment habe ich mir ersparen können. Das, wenn Manuela, von Vati oder Mutti wegen mir herbeigerufen, zu mir an die Wohnungstüre daherspaziert kam. Manuela, ihr allerschönstes Spott- und Hämegesicht aufgesetzt. Voll abgefeimt grinsend, Manuela.

Was hast du denn gedacht, daß wäre, Bern-die? Was denn? Hast du wirklich gemeint, daß ich mit dir an den Königweiher fahren wollte? Echt, Bern-die? Hör mal. Was glaubst du denn? Komm, verzieh dich von hier. Ist gesünder für dich, du verschwindest von hier. 

 

Das heißt, wenn Manuela bei ihren Eltern in der Wohnungseinrichtung anzutreffen war.

Eigentlich fand ich es wenig wahrscheinlich, daß Manuela in der Wohnung ihrer Eltern anwesend war.

Gut die Möglichkeit, daß Manuela dieselben Gedankengänge hatte wie ich. Daß Manuela das in Betracht zog, daß ich bei ihrem Vati, ihrer Mutti vor die Türe finden würde. Daß Manuela sich das überlegt hatte, wo ich als allererstes hinfahren würde, wäre ich erst auf den springenden Punkt gekommen.

 

Beim Wegfahren aus der Hegelstraße war des weiteren in meinen Überlegungen, daß ich mir das mit Manuela einfach zu schön vorgestellt hatte. Zu toll hatte ich mir das Ganz schon ausgemalt. Quasi, das war jetzt die Strafe dafür.

Daß es nichts war mit dem Schäferstündchen mit Manuela, das war vielleicht ganz brauchbar. Konnte ich mir bei Manuela Dombrowski wenigstens nichts holen.

Zwar eine rasante, außerordentliche Abfahrt, die Manuela mir verpaßt hatte. Mußte ich jetzt jedoch damit leben. War sicherlich auch was, was jedem anderen passieren konnte, daß ihm eine mit einer hübschen Idee zu einem markanten Abgang bei ihr verhalf. Mußte ich nun eben damit leben, daß Manuela mir das anbringen konnte.

Auf das Lenkrad droschen meine Hände wiederholt. Flüche entwichen meinem Mund.

In vollster Pracht stand es mir vor meinem geistigen Auge, Manuelas abgefeimtes Grinsegesicht. Das war vielleicht so was von einem Spaß, den sie, Manuela, mit mir gehabt hatte.

Diese grinsende Visage Manuelas, regelrecht bei mir im Geist festgetackert.

Die Vorstellung, daß Manuela eben in dem Augenblick mitten im Kreise ihrer Freunde, Bekannten herumhockte. Die Geschichte mit Bern-die, die Manuela wortreich rausließ. Daß alles um Manuela herum vor Lachen wieherte. Unablässig, daß wie wild bei Manuela wegen dem, was Manuela an Geschichte daherbrachte, im Rund bei Manuela gelacht wurde.

Und der, um den es sich drehte, das war ICH. ICH.

Die Tankladung meines Autos, daß ich leergefahren habe beim Rennfahren auf der Autobahn.

 

*

 

 

Werbung
Diesen Post teilen
Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post