"Das digitale Tagebuch" (23.07. - 26.07.), No. 1
Dreiundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei.
Jetzt: der Montag. Kurz nach ein Uhr. Genaue Uhrzeit: 01:03 Uhr.
Die Zeit, die steht nicht still. Nichts, das da anzuhalten wäre.
Heute haben wir schon Montag. Allerdings noch sehr, sehr früh am Montag. Ein Uhr früh am Montag.
An diesem Montagmorgen, da werden sie munter alle ab acht Uhr in der Arbeit sein. Frisch geworden vom Wochenende.
Nur ich, ich sitze jetzt gerade hier, weil ich am Montag in den Morgenstunden nicht zum Arbeiten muß. Nicht werde ich auf das Gelände von Mauth aufbrechen.
Muß nicht dort hinfahren.
Auch ab dem Ersten werde ich das nicht machen. Wie es aussieht. Nur eine klitzekleine Möglichkeit besteht noch, daß ich vielleicht doch zu Mauth für meine Semesterferienarbeit darf.
Soll ich wirklich darauf hoffen? Drauf setzen sollte ich jedoch nichts.
Es ist Dreck. Der Dreck.
Mein Leben ist immer mehr ganz anders, als ich es mir vor einigen wenigen Wochen noch gedacht habe, daß es sein würde. Als ich zum Beispiel am dritten Juli hier unten im Haus meiner Eltern eingetroffen bin, hatte ich einen ganz anderen geistigen Horizont. Nicht zu vergleichen mit dem jetzt.
Seit dem zehnten Juli jedoch hat schließlich die Unübersichtlichkeit in meiner kleinen Lebenswelt Platz genommen. Eine Welt, die ich für in keinster Weise ungewöhnlich gehalten habe.
Am Spinnen zumindest war ich nicht. Auch nicht in religiöser Hinsicht.
Diese Art Spinnerei war Helens Sache. Ganz alleine die Helens.
Daß ich vor dem zehnten Juli auch nur ein bißchen was von dem im Hier und Jetzt geahnt hätte?
Kann ich echt nicht behaupten.
Nein, groß waren meine Vorahnungen nicht. Würde sagen: überhaupt nichts von einer Vorahnung.
Daß es mich heute dermaßen verwirbelt - irgendein Omen, das ich vorher gehabt hätte?
Nein. Nichts, an das ich vor dem zehnten Juli gedacht habe, das meine allernächsten Tage anbetraf, was mit dem Hier und Jetzt in Verbindung gebracht werden könnte.
Stimmt das auch wirklich? Hatte ich tatsächlich vor dem zehnten Juli nicht die leiseste Ahnung, was nach diesem Tag, seinen Nachmittag-, Abendstunden bis hinein in die Nacht des elften Juli, mit mir sein würde?
Klare Antwort: Hatte ich nicht.
Alles was vorher war, war das Übliche, normal. Oder?
Nur eine, mit der ich mich verlobt hatte, die hatte durchzuknallen angefangen. Die hatte etwas erwischt, was Religion hieß.
Sonst war da nichts.
Was für komische Empfindungen hätte ich darüberhinaus vor dem zehnten Juli haben sollen, bitteschön?
Nein, keine hatte ich. Nichts komische Empfindungen. Null.
Nullkomma-nix.
Wie ich eben im Moment auch weiterhin nichts von Manuela beziehungsweise Manuelas Präsenz in meiner Nähe spüre.
Als wäre Manuela bisher nicht wieder bei mir eingetoffen.
Was ich tatsächlich nicht traurig finde.
Nach allem ...
Kurz ein Themenwechsel hier bei Dir am Ort, Tagebuch.
Laser04 und kleinesHäschen ...
Die, die mich mit ihren Stinkbomben erwischen wollen, die nennen sich weiterhin Laser04 und kleinesHäschen.
Auf der Haupt-Rolle, im für alle offenstehenden Chat, dort sind Laser04 und kleinesHäschen in erster Linie für mich da.
Immerhin, das hat auch eine gewisse Klasse, wenn Leutchen exklusiv für dich den Auftritt haben.
Obwohl sich die Szene gerade ein bißchen limitiert hat, das, was ich Laser04 und kleinesHäschen anbiete. Wovon ich spreche: Ich liefere dem Bruder und der Schwester seit einem geraumen Weilchen keine Neuigkeiten mehr an, habe für sie keine frische Ware im Angebot.
Deswegen schreiben mir Laser04 und kleinesHäschen auch momentan eher e-Post.
In den Brieftexten steht vor allem eins geschrieben: daß ich ein Fall für ihre Anwälte werde.
Ab der nächsten Woche übernähmen Anwaltskanzleien, von Laser04 und kleinesHäschen beauftragt. Wegen des beleidigenden Tonfalls, den ich gegenüber Laser04 und kleinesHäschen angeschlagen habe.
Na schön, kann ich da nur zu sagen. Wie Laser04 und kleinesHäschen sich das denken. Ganz wie es den beiden beliebt.
Schon aus diesem Grund allerdings setze ich mich keiner neuen Gefahr aus.
Tunlichst beantworte ich keines der Brieflein von Laser04 oder kleinesHäschen in meinem elektronischen Postfach bei spotPost mehr. Spare mir jede Textzeile und die Möglichkeiten, die sich für Laser04 und kleinesHäschen aus ihnen ergeben könnten.
Im Chat schreibe ich selten noch eine aufgeregte Zeile. Lieber lese ich den Dingen hinterher, wenn Kleinigkeiten von Laser04 oder kleinesHäschen aufscheinen.
Was auf der Chat-Rolle tatsächlich zu jeder Sekunde passieren kann.
Immer wieder, daß Laser04,kleinesHäschen einzeln oder im Team zusammen unvermittelt lostexten, ihre Dinge ablassen, die in meine Richtung zielen.
*
Dreiundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei offen.
Montagnacht. Uhrzeit: 02:09 Uhr.
Ist SIE jetzt wieder draußen. Oder ist SIE das nicht?
Das ist eben das Problem: Ich MÜSSTE nachschauen.
Das heißt, entweder ich bewege das Rollo, hinauszublicken. Oder ich verlasse mein Zimmer hier, gehe hinunter zur Haustüre, um mich in den Garten hinauszubegeben. Mich IHR gegenüber einzufinden.
Das andererseits würde bedeuten: Fehler. Ein Riesenfehler wäre das. Ich, der damit IHRE Wünsche erfüllt hätte.
Genau das ist es schließlich, was ich anstellen soll.
Damit wäre ich dort, wo SIE mich gerne hätte. Damit hätte SIE gewonnen.
Mal lieber weiter mit was anderem hier im Text: Ich meine, mein hochgeschätztes Tagebuch, setzen Laser04 und kleinesHäschen das fort mit den gröberen Sachen, haben falsche Wortwahl - habe ICH mehr Gerichtsverwertbares auf spotPost abgespeichert, als ich mir zu träumen gewagt hätte. Kleinigkeiten, die ich MEINEM Anwalt jeden Moment übermitteln kann.
Bedenken Laser04 und kleinesHäschen so was denn nicht? Haben Laser04 und kleinesHäschen solche Überlegungen nicht, daß ich eventuell das auch könnte, was sie können?
Jedenfalls ist es Tatsache, daß ich bereits den einen oder anderen Chat-Auswurf von Laser04 und kleinesHäschen bei spotPost gespeichert habe. Kleinigkeiten, zur späteren Aufbereitung, wenn das denn alles unbedingt sein muß, weil mir Anwaltsschreiben ankommen, nach spotPost kopiert.
Für mich voll brauchbare Inhalte, Laser04 und kleinesHäschen regelrecht demaskierend.
Sollte jemand mal Laser04 und kleinesHäschen verklickern, merken Laser04 und kleinesHäschen nichts mehr selber.
Laser04 und kleinesHäschen, anscheinend erfüllt vom eigenen Glanz, der Lust, über mich herzuziehen und mich fertigzumachen. Im Angesicht der Vernunftsstandpunkte der Sicht der Welt der beiden, die sich die Spitznamen Laser04 und kleinesHäschen geben.
Im Grunde genommen kann ich selber eigentlich Laser04 und kleinesHäschen nur schwer widersprechen. Wäre ich nicht ich selber, sondern Zuschauer hier, daß meine Seite auch die von Laser04 und kleinesHäschen wäre
Übrigens, Tagebuch ...
Laser04, er teilte von sich aus jetzt wichtig mit, er wäre von Beruf technischer Zeichner.
Er hätte seine Beschäftigung in einem Ingenieursbüro. Bauzeichnungen würde man dort in dem Büro verfertigen, in dem Laser04 Mitarbeiter ist.
Mit so einem, daß ich es also zu tun habe. So, lediglich als ein Student. Als kleiner, gemeiner Student. Einer noch dazu mit Problemen im Kopf. Problemen größerer Art. Schizo.
Aufpassen sollte ich auf mich. Verschärft aufpassen. Bei einem Aufenthalt in einem Klinikum ... Es sind schon ganz andere länger geblieben ...
Was ER nicht textet, dieser Herr Laser04!
Mannomann! Mannomann!
Oben habe ich eben vorhin davon geschrieben, daß ich auf mich aufpassen sollte. Verschärft auf mich aufpassen.
Und jetzt ...
Jetzt ist ...
Na, das ist, daß SIE draußen ist.
Drunten im Garten ist Sie.
SIE ist wieder bei mir eingetroffen. Bei mir zurück.
Unten vorm Haus hält SIE sich auf. Geistert herum.
SIE will - SIE verlangt ... SIE möchte ... Ich soll ...
Hier, hier vorm Rechnermonitor, habe ich zu flennen angefangen.
Tränenreich, daß ich vor mich hinschluchze.
Ganz verzweifelt bin ich. Fühle mich haltlos.
In der Nähe vom Haus ist SIE.
Eigentlich unmittelbar bei mir. Ich müßte nur endlich ein klein wenig was machen. Was dafür unternehmen. Damit SIE endlich reinkommen könnte, zu mir.
Am ganzen Körper zittere ich.
SIE ist widergekehrt, SIE, Manuela ...
Solange ich Manuela jedoch außerhalb vom Wohnhaus spüre, empfinde, daß Manuela möchte, daß ich ... Solange jedoch ist es Manuela noch nicht gelungen hereinzukommen.
Keine Ahnung, wie das zugeht, mein Tagebuch. Daß Manuela überhaupt auf mich und etwas von mir angewiesen ist?
Verstehe das nicht.
Wohne wirklich nicht alleine hier drinnen im Haus. Mein Vater, meine Mutti sind auch noch da.
Manuela, SIE müßte doch nur meinen Vater ... Oder meine Mutti ...
Einen der beiden. Oder?
Was braucht SIE mich?
Ist es, weil die fest schlafen? Oder haben Vati und Mutti nur keine rechte Beziehung zu IHR.
Wie geht das zu?
Schlafen Vati und Mutti im Moment wirklich so fest? Ich meine, spüren mein Vater, meine Mutti SIE denn nicht, IHRE Anwesenheit?
Vater, Mutti, die beiden müßten doch eigentlich auch unruhig sein. IHRE Präsenz wahrnehmen.
Ganz unbekannt ist SIE, Manuela, meiner Mutti, meinem Vater doch auch nicht.
Das begreife ich nicht, daß SIE draußen bleiben muß. Wenn es noch andere Möglichkeiten als mich gäbe.
Momentan vollkommen unbegreiflich für mich.
Gibt es im Wahnsinn denn irgendwelche Regeln? Ist es den möglich, daß SIE tatsächlich ausschließlich mich braucht, um hier reinzukommen?
Der Anblick Manuelas, mein Tagebuch, so deutlich steht Manuelas Antlitz vor meinem geistigen Auge.
Manuela, SIE lächelt mich an. Manuela, Manuelas Hand winkt mir. Manuela will, daß ich zu IHR hinkomme.
Fast für mich nicht erträglich ist das. Dieses Drängen Manuelas.
Aufstehen will ich vom Drehstuhl. Losmachen. Am besten zum Fenster. Den Rolladen hochmachen, das Insektenschutzgitter wegreißen ...
Oder daß ich aus meinem alten Kinderzimmer hinausrenne. Eine Sekunde den Gang hinunter. Die Stufen der Stiege hinabtanze, zur Haustüre hin. Um dort aufzumachen, IHR aufzumachen. IHR mit einer Geste mein Einverständnis zu bezeigen. Mann, SIE soll doch endlich hereinkommen. Das darf SIE doch, zu mir hereinzukommen. Auf nichts mehr hat SIE zu warten.
Daß ich trotzdem weiter hier am Stuhl sitzen bleibe, dem widerstehe? Daß ich das kann? Obwohl das ungeheuer stark ist, derart drängt?
Ja, warum mache ich nicht einfach das, was Manuela verlangt?
Alles einfach, einfacher geht es nicht. Nur ein Momentchen vom Drehstuhl hier aufgestanden, zum Fenster hinbegeben. Das Rollo hochgemacht. Schon ...
SIE würde ich sehen, SIE, Manuela.
Alles, was mir im Leben fehlt, das ist SIE, Manuela. Sonst fehlt mir keine auf der Welt.
Ich müßte doch nur ...
*
Dreiundzwanzigster Juli, die Tagebuch-Datei offen.
Montagnacht. Halb drei Uhr. Genaue Uhrzeit auf der Leiste: 03:32 Uhr.
Welch ein Kampf!
Ich stehe vom Stuhl auf. Ich setze mich hin auf den Stuhl, nachdem ich das bewußt bei mir mitgekriegt habe, daß ich vom Stuhl aufgestanden bin.
Warum muß ich das haben? Warum quält mich das?
So was Unheimliches, Unübersichtliches. Das ist das mit Manuela.
Und ich weiß, wie unheimlich, unübersichtlich das mit Manuela ist.
In Ordnung, Du weißt es immer noch nicht so genau, mein Tagebuch.
Mannomann, ich brauche es. Ich brauche es, das Tippen. Die Worte, die am Bildschirm aufscheinen, die sind mein Halt. Halt gibt mir das, in Dir zu texten, Tagebuch.
Vielleicht ist das der Grund, daß ich IHR nicht längst nachgegeben habe. Bereits vor Tagen.
Entweder im Chat, daß ich tippe.
So Belanglosigkeiten mit Bräuten.
Drei hatte ich vorhin gleichzeitig. Eine im Emo-Zimmer. Die zweite im Rosengarten. Die dritte im Blauen Separee.
Sogar meine Auseinandersetzung mit Laser04 und kleinesHäschen hilft mir. Solange ich nur vorantippe.
Und Du, auch Du, mein Tagebuch, bist noch da für mich.
Fürs Tippen, Tippen, Tippen.
Angie und Bella, seit zehn Minuten ausgeloggt. Angie und Bella, die sind ins Bett.
Mit Sandra dachte ich bis vorhin, mit Sandra, mit der wäre ich im Blauen Separee alleine.
Plötzlich aber war das anders. kleinesHäschen war da. kleinesHäschen schien bei Sandra und mir im Raum auf, als wäre das Licht angeknipst.
Erfahren durfte ich, daß Sandra eine Freundin von kleinesHäschen war. Die ganze Zeit hat Sandra kleinesHäschen mitlesen lassen. Alles, was Sandra und ich uns zu schreiben hatten, bei dem war kleinesHäschen im Hintergrund mit dabei. Seit vorgestern.
Total den Spaß, den kleinesHäschen hatte.Bis kleinesHäschen es spaßig fand, bei Sandra aus der Deckung zu kommen. Bei Sandra aufzuscheinen.
Mann!
Habe das Blaue Separee augenblicklich verlassen.
Gleichgültig, welche Freude ich Sandra und kleinesHäschen bereitet hatte, ich habe mich nicht lange aufgehalten, mich mit kleinesHäschen ausgetauscht.
Gut, weiß ich jetzt wenigstens über Sandra Bescheid.
Jetzt wieder einzig und alleine wieder Du, mein Tagebuch.
In Dir kann ich texten, texten, ohne daß im Hintergrund einer mitliest, von dem ich nichts weiß.
Berichte ich Dir nun, weil das auch mal weitergehen muß, von den Geschehnissen, die waren, nachdem ich aus der Hegelstraße weggefahren war. Einigermaßen unverrichteter Dinge einfach aus der Hegelstraße abgereist.
Nicht bei den Dombrowskis an der Wohnungtüre habe ich geläutet. Nicht für einen Ton der Türklingel mich der Möglichkeit ausgesetzt, Manuela könnte für mich an die Eingangstüre in die Wohnung kommen.
Erst mal war ich auf die Autobahn aufgefahren. Fürs fortgesetzte Rasen.
Als der Autotank so gut wie leer war, habe ich mein Fahrzeug von der Fahrbahn heruntergelenkt. Mir die nächste Tankstelle gesucht. Im Tank herrschte ziemliche Leere, es mußte das nächstemal nachgeladen werden.
Am Rastplatz nebenan von der Tanke habe ich geparkt. Hinterm Lenkrad sitzend, habe ich mir überlegt, die Pulle Weißwein aufzuschrauben.
Die Flasche Portwein hatte leider einen Korken, mußte ich feststellen. Und ich hatte keinen Korkenzieher, nirgends. Obwohl ich gedacht hatte, ich hätte weiter hinten im Handschuhfach ein Taschenmesser.
Schließlich überlegte ich, daß ich, wenn ich den Weißwein in mich hineinschüttete, danach reichlich besoffen wäre. Damit eine Gefahr für meine Umwelt. Das heißt, ich habe mich, trotz allem, was bei mir los war, damit begnügt, eine Cola-Büchse aufzureißen.
Beim Nuckeln an der Büchse ist mir eine Idee gekommen. Die, ich könnte meinen Vierräder doch zu Joeys Pils Pub lenken. In Joeys Pils Pub uns hineinbegeben, das wollten Manuela und ich ursprünglich, ehe wir im Cafe Mezzolatte gelandet waren.
Joeys Pils Pub erschien mir als passenderer Ort als die Hegelstraße.
Keine Ahnung, warum.
Joeys Pils Pub?
Dort war ich ewige Jahrhunderte nicht mehr, in Joeys Pils Pub.
In Joeys Pils Pub, daß sich die Gelegenheit auch gut ergab, daß ich Manuela nach ihrem Abgang bei dem Wohnklotz, in dem ihre Eltern ehedem in der Vergangenheit ihre Mietwohnung hatten, wiedertreffen konnte.
Die Wahrscheinlichkeit, Manuela bei Joeys wiederzusehen, fand ich sogar relativ hoch.
Bei Joeys konnten sich immer Möglichkeiten ergeben, auf neutralem Platz mit Manuela ein paar nette Worte zu wechseln. Die Fragestellung würde sich beantworten lassen, was Manuela mir des weiteren zu erzählen hätte. Bei unserem Wiedersehen. Mit dem Manuela eigentlich auch rechnen mußte. Oder dachte Manuela sich, ich würde die Dinge auf sich beruhen lassen?
Traf ich Manuela nicht in Joeys Pils Pub, konnte ich die folgenden Tage, Wochen gut öfters mal zu Joeys reinmachen konnte.
Wenn nicht heute, irgendwann würde Manuela bei Joeys auftauchen.
Ganz davon abgesehen, daß es bei Joeys einhunderprozentig ein paar gab, die sich mit mir unterhalten konnten. Irgendwann Mittelpunkt des Gesprächs: Manuela.
Zu Joeys konnte quasi jeder rein. Hauptsache, er bezahlte bei Joeys seine Zeche. Bei Joeys konnte ich mit über vielerlei Themen mit Leuten reden. Oder auch nur unbeteiligt herumsitzen, mir das Szenenbild betrachten. Joeys, das fand ich irgendwie sympathsicher als die möglichen Geschehnisse vor oder in der Wohnung von Manuelas Eltern in der Hegelstraße.
Joeys Pils Pub war es, der Entschluß stand. Von dem tankstellennahen Rastplatz bin ich abgefahren. Auf vier Rädern habe ich mich auf die Anfahrt zu Joeys Pils Pub gemacht.
Wie ich heute weiß, hätte ich das besser bleiben lassen. Auf sich beruhen hätte ich alles lassen sollen. Heimfahren. Ohne irgendwas weiteres zu mir nach Hause.
Durch die Heimfahrt hätte sich mein Horizont nicht unbedingt erweitert, was Manuela anbetraf. Velleicht wäre alles bei dem kleinen Bildausschnitt geblieben wäre. Bei dem, daß ich Manuela getroffen habe, Manuela mich verschärft abblitzen hat lassen.
Eben ein Späßchen, das ich Manuela kurz wert war. Das mit der Zeit in meiner Erinnerung in eine Nische entschwunden wäre.
*
Dreiundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei, für einen neuen Eintrag.
Montag am noch frühen Morgen. Uhrzeit: 08:07 Uhr.
Weiß nicht, was die letzten Stunden bei mir war. Die Zeit seit meinem letzten Datei-Eintrag hier, total weggeblendet. Wie ausgelöscht.
Das letzte, woran ich mich bewußt erinnere, war, daß ich überlegte, meine letzten drei verbliebenen Schlaftabletten mit Wasser zu schlucken.
Ab da - nichts mehr weiter. Da kann ich mein Gedächtnis noch so sehr anstrengen.
Den Dreier Tabletten gibt es jedenfalls noch.
Gegen sieben bin ich hier am Drehstuhl plötzlich zusammengeschreckt, heraus aus meinem Dämmer. Habe die Augen weit aufgerissen, in meinem Zimmer herumgegafft. Ein Momentchen, daß ich die Befürchtung hatte, ich wäre überhaupt nicht bei mir daheim. Hat sich zum Glück als unwahr herausgestellt hat.
Für ein Weilchen war ich im Bad.
Habe mich nackt vorm Spiegel um die eigene Achse gedreht.
Aber - nichts bei und an mir sieht anders aus als sonst.
Hatte keine größeren Kratzer, blaue Flecken, nichts. Auch keine dreckigen Fingernägel.
Trotzdem würde ich gerne wissen, was ich getrieben habe seit meinem letzten bewußten Moment. War ich wirklich auf meinem Bürodrehstuhl am Rechnertisch nur so in einem schlafähnlichen Dämmerzustand, aus dem ich schließlich hochgeschreckt bin?
Ohne irgendwelche Schemen in der Erinnerung.
Ich meine, darum geht es hier: Ich war weggetreten, während SIE draußen war. In der Umgebung des Hauses meiner Eltern hat SIE sich herumgetrieben. Unten im Garten am Rasen. Während es mich andauernd bedrängt hat, ich sollte was unternehmen, damit SIE endlich zu mir herein- und an mich herankommen könnte.
Ist so was, da dürfte bei mir nichts losgehen, wovon ich später - jetzt im Augenblick, nach meinem Zu-mir-Kommen - nicht das geringste weiß.
Immerhin sind das Stunden, die verstrichen sind, lange Stunden, die mir und meinem Gedächtnis fehlen.
Ach - hatte eben den Rolladen oben.
Habe das frech gewagt, den hochzuziehen.
Na ja, so frech auch nun wieder nicht. Weil, das Gefühl IHRER Präsenz, es war mir abhandengekommen.
Wenn man sich das überlegt, wie ich SIE gegen drei noch gespürt habe, was da alles mich in Arbeit hatte, daß ich am liebsten hinausgelaufen wäre in den Garten, damit SIE sich mir gegenüber aufstellen könnte. Hereinkommen könnte SIE, hätte ich am liebsten zu IHR gesagt.
Aber jetzt scheint SIE am früheren Vormittag fort zu sein. Keine Person draußen beim Nußbaum oder sonst beim Gebüsch weit und breit.
Als wäre SIE wieder im Auto weggefahren.
Was mir die Nacht präsent war, Tagebuch, es hat sich tatsächlich erst mal wieder entfernt. Im Licht der Morgensonne hat SIE nicht bleiben mögen.
Mensch, Mensch, Laser04 und kleinesHäschen, die beiden Hübschen dagegen ...
Jetzt haben wir nach einem langen Wochenende Montag in der Früh. Weiter sind Laser04 und kleinesHäschen für mich vor Ort.
Auf der Haupt-Rolle, feste, das mit dem Chatten.
Kaum scheine ich mit einem Gruß an einen Bekannten auf, werde ich mit hämischen Smilies von Laser04 und kleinesHäschen gegrüßt.
Au weia!
Die haben frei, Laser04, der technische Zeichner, und kleinesHäschen, die mal erwähnt hat, daß sie was mit Kindern macht.
Bei mir ist das klar, das mit dem Freihaben. Ich bin Student. Momentan genieße ich freie Tage. Freizeit, die mir eigentlich zusteht.
Aber Laser04 und kleinesHäschen, die ...?
Wenn Laser04 und kleinesHäschen nach dieser durchwachten Nacht an einem Arbeitsplatz sind, fresse ich den Besen.
Nennt sich vielleicht jobless oder so, das, was bei Laser04 und kleinesHäschen los ist.
Würde mich alles ja nicht weiter stören. Kann jedem mal passieren, daß er keine Arbeit hat. Nur, wenn Laser04 und kleinesHäschen bei mir jetzt ihre Späße aufziehen, ihre Gemeinheiten an den Mann bringen ...
Das muß man sich überlegen, Tagebuch: Laser04 und kleinesHäschen, bis vor ein paar Tagen waren wir noch richtige Chat-Freunde. Privat sind wir miteinander gegangen. In einen Raum, den einer von uns dafür aufgemacht hat. Je nachdem.
Man sich das mal deutlicher vor Augen führen: kleinesHäschen hatte mir bereits ein paar Fotos von sich nach spotPost geschickt.
Auf einem sitzt mit nacktem Oberkörper auf einem ähnlichen Drehstuhl, auf dem ich eben im Augenblick auch hocke. Ihre Brüste bedeckt kleinesHäschen, die sich vorbeugt, mit den Händen.
Urlaubsbilder habe ich von kleinesHäschen. kleinesHäschen im weißen Bikini. Weißer Sandstrand, blaues Meer im Hintergrund.
Auf zweien der Bilder ist kleinesHäschen dabei, das weißfarbene Bikinioberteil abzunehmen ...
Heiße Atmosphäre. Für den Betrachter
Eine Fotoaufnahme, kleinesHäschen oben ohne zu bekommen, das hat sich für mich jedoch in weiterer Folge nicht ergeben. Grund: Die Welt zwischen kleinesHäschen und mir war eine andere geworden.
Schuld an der atmosphärischen Wandlung war, daß ich kleinesHäschen, Laser04 alles in allen Einzelheiten auseinandersetzen habe müssen, was mein Herz an Nöten bedrängt.
Angefangen habe ich als erstes damit, daß ich heute kein Auto mehr habe. Die Geschichte mit meinem Sekundenschlaf auf der Autobahn mußte ich von mir geben. In allen Einzelheiten. Autorep.Heinz und so. Was mich die Autoreparatur bei diesem Heinzkosten würde. Das habe ich auf eine Art rübergebracht, daß Laser04 und kleinesHäschen denken mußten, sie müßten mir bei der Reparaturzahlung mit ein paar herausragenden Scheinen helfen. Zu guter Letzt jedoch passierte das, daß ich das Manuela-Ding bei Laser04 und kleinesHäschen beibringen mußte. Bis zum Letzten.
Das mit Manuela Laser04 und kleinesHäschen darzulegen, daß war der aller-, allergrößte Fehler, den ich nur begehen konnte.
Die Mitteilung von dem mit Manuela, das hat mich bei Laser04 und kleinesHäschen regelrecht gekillt. Ab diesem Moment war die Welt zwischen Laser04, kleinesHäschen und mir gewandelt. Seitdem erfährt alle Welt, die sich auf meiner liebsten Chat-Rolle einfindet, daß mit mir etwas nicht stimmt. Allem Anscheine nach, daß ich einer bin, der im Kopf nicht richtig tickt. Neuankömmlinge im Haupt-Chat werden von Laser04 und kleinesHäschen darauf aufmerksam gemacht, daß sie ja aufpassen sollen, mit mir alleine in einen Neben-Raum zu gehen oder einer Einladung von mir in ein Separee Folge zu leisten. Mit einem Verrückten hätte man es hier on zu tun.
*
Dreiundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei für den nächsten Eintrag offen.
Montag am Morgen. Genaue Uhrzeit: 09:19 Uhr.
Weiß nicht, mein Tagebuch - aber Laser04 und kleinesHäschen, denen reicht einfach nichts.
Nichts reicht denen. Nichts.
Kein Ende finden Laser04 und kleinesHäschen. Mit nichts.
Beinah ist das mit so Schlägertypen zu vergleichen. So Typen mit Schlagring, Baseballschläger, die einen anderen bereits niedergeschlagen haben. Am Boden unten liegt der, kaum mehr in der Lage, sich zu rühren, sich gegen irgendwas weiteres zu wehren. Trotzdem müssen die Freunde weiter draufsteigen. Es wird geschlagen, getreten. Geschlagen und getreten. Und nochmal zugeschlagen und zugetreten.
Fast scheint es mir, darauf hätten Laser04 und kleinesHäschen Lust, mir noch den Rest zu geben. Da drauf, daß Laser04 und kleinesHäschen Lust hätten.
Laser04 und kleinesHäschen, zwei, mit dem Willen, mich nicht nur zu verletzen. Umbringen nennt sich das, was Laser04 und kleinesHäschen mich am allerliebsten würden.
Tot wollen Laser04 und kleinesHäschen mich sehen, meinen Skalp überall präsentieren.
Was ich sagen möchte, Tagebuch: Laser04 und kleinesHäschen, die beiden kennen die gesamte Manuela-Geschichte. Die ganze. Jede Einzelheit.
Wo hier der Punkt ist, darüber wissen Laser04 und kleinesHäschen genau Bescheid.
Und das, das ist mir nicht gut bekommen.
Hier, in Dir, mein Tagebuch, steht das weiter noch nicht geschrieben.
Demnach sollte ich das endlich machen, in Dir, Tagebuch, mal langsam zum Kern der Sache vorzudringen. An Orte ...
Zunächst sehe ich mich aber, daß ich nach meiner Abfahrt von dem Tankstellenrastplatz an dem Abend weiterhin mit meinem Auto unterwegs bin.
Am Stadtrand angekommen, fahre ich von der Autobahn runter. Bewältige Ampeln.
Schließlich, die Welt unter dem wolkenfreien, blauen Himmel ist an dem Juliabend weiterhin ziemlich hell, komme ich an. Bei Joeys, 'Joeys Pils Pub'.
Hinten von Joeys Pils Pub befindet sich ein schmaler Parkplatz. Ein klein wenig eng für die Hinparkerei, wenn es ein wenig voller geworden war bei Joeys. Unerschrocken, daß ich manövriert, den freien Platz genutzt habe, meinen Vierräder dort hinzustellen. Unfallfrei, daß es dabei für mich abging.
Unverzüglich, daß ich mich daraufhin hineinbegeben habe, zu Joeys. Rein zu Joeys, rein in die doofe Pilskneipe.
Gefreut habe ich mich nicht darüber, wieder mal bei Joeys drinnen zu sein. Obwohl Joeys Pils Pub nicht irgendeine Kneipe für mich war. Sondern eine, an die ich Erinnerungen hatte und habe.
Vor Jahr und Tag hatte ich, anders aussehend, mit längeren Haaren, einem anderen Musikgeschmack, die Kneipenlandschaft von Joeys ziemlich ausdauernd frequentiert.
Am Männerklo bei Joeys drinnen habe ich öfters gespien. Oder außerhalb von Joeys Pils Pub in die aufgestellte Topfbepflanzung rein.
Das eine oder andere Mädel habe ich bei Joeys angebaggert, betätschelt und geküßt. Mit Manuela habe ich einigermaßen Zeit bei Joeys zugebracht.
War für mich keine Überraschung, daß sich seit meinem letzten Besuch bei Joeys, nicht das geringste verändert zu haben schien. Als wäre die Jahre über die Zeit stehengeblieben.
Kein Umbau bei Joeys, nichts. Alles sah ganz genauso aus wie früher. Ein echtes Dejá vu. Nur schäbiger Mief, Trumpf bei Joeys. Das ganze, heruntergekommene Flair. Ewig das gleiche alberne, dauersaufende Rock 'n' roll-Publikum. Alle Sorten davon.
Bezeichnend die Risse im roten Leder der Sitzpolster der Barhocker. Sämtliches Holz der Aufbauten im Joeys hätte zumindest kurz mal einen neuen Anstrich nötig gehabt.
In einem eben noch erträglichen Maß hat die Gitarrenmusik bei Joeys gedröhnt.
Normalerweise, wenn ich auf den Einfall komme, ausgehen zu wollen, von daheim deswegen loszufahren, kommt das nicht vor, daß ich die Absicht habe, auch nur einmal zu Joeys reinzumarschieren. War bei mir kein Vorkommnis, das Joeys.
Nicht in meinen Gedanken, Joeys.
Regelrecht vergessen von mir, Joeys, der Laden, der bei mir früher so eine Hauptrolle spielte. Nichts mehr, seitdem ich ein anderer geworden war, fort war von dem Dummkopf mit neunzehn, zwanzig Jahren oder die Jahre früher.
Aber nun, wegen der Tatsache, daß Manuela zusammen mit mir ja ursprünglich zu Joeys hineinmachen hatte wollen, bin ich wieder drinnengehockt, bei Joeys. Habe ein Pils bei Joeys genossen, das Gesicht verzogen.
Echt wahr, Tagebuch, was es nicht alles gibt. An dem Nachmittag hatte ich komischerweise bereits Pils getrunken. Im 'Cafe Mezzolatte'. Zusammen mit Manuela, Manuela, die ich bei mir sitzen sehe.
Dabei ist Pils eine Biersorte, die nicht mag.
Ich meine, schmeckt Pils denn?
Nein! Pils fängt dann an, gut zu werden, hatte man schon zwei, drei Pils vorher. Oder sonst irgendwas Stoff intus. Oder waren da Leute da bei dir, die dich ablenkten, davon, wie der Pilsgeschmack ist.
Irgendwann erst, dann kommt der Moment, wird Pils das beste Gesöff.
*