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Blog von TeddeMehr

"Das digitale Tagebuch" (23.07. - 26.07.), No. 2

26. Mai 2014 , Geschrieben von TeddeMehr Veröffentlicht in #T-Rixi

Dreiundzwanzigster Juli, neuer Tagebuch-Datei-Eintrag.

Montag am Vormittag. Uhrzeit: 10:29 Uhr.

 

Wie gesagt, Laser04 und kleinesHäschen, es ist die Frage, gehen die einer Arbeit nach.

Auf alle Fälle sind Laser04 und kleinesHäschen dageblieben. Weiter sind Laser04 und kleinesHäschen für mich da.

An diesem Montag am Vormittag. Ein Werktag. Schaut es beinahe genauso aus wie gestern, am Sonntag.

Wenn Laser04 und kleinesHäschen sich woanders hinbegeben haben. Zum Beispiel zum Arbeiten ins Büro oder so. Habe ich dieses Moment heute früh morgens verpaßt.

 

Aber, es ist schon richtig so. Daß ich Dinge von Laser04 und kleinesHäschen reingesteckt kriege.

Bei Laser04 und kleinesHäschen, bei den beiden, da bin und war ich dumm. Blöd. Doof.

Wie immer man das nennen mag.

Das hat bei mir einen Steher. Total steht das. Ist hochgestellt.

 

Mann, man muß sich das nur vorstellen. Das nur vorstellen.

Laser04 und kleinesHäschen, das schöne Paar, das hat mich wieder konfrontieren können. Zuletzt die Stunde.

Alles habe ich Laser04 und kleinesHäschen gegeben. Alles, was die sich vorstellten, nur wünschten.

Öffentlich auf der Chat-Rolle.

Freiestes Schußfeld zu mir hin habe ich Laser04 und kleinesHäschen geboten. Mitten unter den anderen, die ebenfalls anwesend waren. An diesem Vormittag.

Beinahe nicht mehr einkriegen konnten sich Laser04 und kleinesHäschen. Jeder durfte mitlesen oder frei von der Leber mitkommentieren. Sich beteiligen, es mir freiweg zu besorgen.

 

Ein Fest für Laser04 und kleinesHäschen.

Eine echte Schlachtschüssel, die biete ich den Leuten an.

Was tippe ich nur? Was fällt mir ein?

Tränen, die angefangen haben, mir dick die Wangen hinunterzulaufen. Tränenüberflossen bin ich am Drehstuhl gehockt, habe auf den Monitor geglotzt.

Es ist, es war nicht zu fassen.

 

Weißt Du, Tagebuch, es geht nicht, alles rückgängig zu machen, was ich Laser04 und kleinesHäschen je hingetippt habe.

Jetzt das, vorhin, das auch nicht.

Wiederholt habe ich mich. Mich wiederholt.

Sehr zur Freude von Laser04 und kleinesHäschen.

Laser04 und kleinesHäschen, die ich sogar noch auf meiner Freundschaftsliste hatte. Bis vorhin hatte ich die beiden nicht von meiner Freundschaftsliste heruntergenommen.

Unfaßlich. Erst vor ein paar Augenblicken habe ich das gemacht.

 

Jetzt könnte ich Laser04 und kleinesHäschen noch blocken.

 

Worüber Laser04 und kleinesHäschen auch Bescheid wissen - um das auch in Dir, mein Tagebuch, fortzusetzen -, ist, was ich drinnen in Joeys Pils Pub Schönes von Manuela mitgeteilt gekriegt habe. Was ich von Manuela in Erfahrung gebracht habe.

Das, will ich nun hier, in der Tagebuch-Datei niedertippen. Damit das Ding auch endlich wirklich in dieser Datei ankommt, hier, der Ort, wo das sich besser aufgehoben gewesen wäre als anderswo. Ausschließlich in dieser Datei hätte es sein Platz haben dürfen. Nirgendwo sonst. Am allerwenigsten bei Laser04 und kleinesHäschen.

 

Begeben wir uns also in Joeys Pils Pub, Tagebuch ...

Der Abend des Tages, als ich Manuela nachmittags vorm 'Unteren' getroffen hatte. Ganz banal eine hübsche, langhaarige Blonde in einem schwarzsamtenen Sackminikleid. Lange Beine, die Manuela hatte, vielversprechend.

Der, der in Joeys Pils Pub hinter dem Tresen stand, der brachte den Leuten auch die Getränke an die Tische.

Zu mir kam der Mann her, mir bereits das zweite Pils hinzustellen. Das erste war mir irgendwie ex und hopp die Kehle hinuntergelaufen.

Das war jetzt die Gelegenheit, habe ich den Kerl im Piraten-Look - rotes Kopftuch mit schwarzen Totenkopf-Motiven auf dem Kopf, Ohrringe links und rechts, Mongolenbart - gefragt, ob er Manuela kenne, Manuela Dombrowski. War Manuela Dombrowski heute schon mal im Joeys drinnen? Den Namen Manuela, Manuela Dombrowski, den habe ich dem aus der Piratenmannschaft wiederholt.

Der Pirat bleckte zu mir her die Zähne. Er meinte, daß ihm keine Manuela Dombrowski bekannt wäre. Nein, die, nach der ich ihn frage, die wäre ihm total unbekannt.

Daraufhin hielt ich meine Klappe.

Das Funkeln in den zusammengekniffenen Augen des Piraten, das verriet mir mehr als genug. Nämlich, daß er Manuela Dombrowski durchaus kannte. Bloß, für mich wäre das weitaus gesünder, wollte ich keinen Ärger, das mit der Fragerei nach Manuela Dombrowski unverzüglich bei ihm einzustellen.

Damit war auch Ende. Habe ich es unterlassen, den Piraten von Joeys Pils Pub weiter mit Nachfragen zu belästigen, wenn er mir nichts von Manuela Dombrowski erzählen wollte.

 

So eine Stunde, daß ich, trübe mich fühlend, bei Joeys herumgesessen bin. Unbelästigt von den übrigen Gästen in Joeys Pils Pub, obwohl es im Joeys immer belebter wurde.

Hatte begonnen, darüber nachzudenken, wieder von Joeys rauszumachen, zu verschwinden. Was brachte mir die Pilssauferei? Wollte mich nicht abfüllen. Ein Besäufnis war nicht der Sinn der Sache.

Plötzlich jedoch gab es bei Joeys ein Ereignis. Jemand, der mir bekannt war, der zu Joeys hereinkam. Ewige Jahr-Tausende her, daß ich den Kerl zuletzt gesehen hatte. Trotzdem habe ich ihn erkannt.

Der, der meinem Bekanntenkreis zurechnete, begab sich zu den ramponierten Barhockern, und ich durfte, weil die Musik eben aus war, mithören, verstehen, daß mein Bekannter vom Piraten ein Pils haben wollte.

Der Tresen-Pirat, der schüttelte den Schädel, den sein rotes Totenkopfmotivtuch oben schmückte. Der Pirat meinte zu dem Neuankömmling, er kriege ein Pils, wenn er dafür auf der Stelle bezahle oder alles zahle, was er aufschreiben hätte lassen, den ganzen Betrag.

Das war alles nicht. Damit war es gut. Meine Bekanntschaft aus früherer Zeit räkelte sich zwischen zwei Barhockern herum. Wie auf Randale aus, gaffte er in der Gegend herum.

Plötzlich überkam mich die Angst, die Type, die könnte sich jede Sekunde aufmachen, bei Joeys, wo es nichts zu trinken für sie gab, rauszumarschieren. Als der neuerdings von ungefähr in meine Richtung stierte, ohne mich direkt zu meinen oder erkennen zu wollen, habe ich ihm gewunken.

Ohne große Kinkerlitzchen, daß der andere sich vom Thekenrand, gegen den er sich gelehnt hatte, abstieß, sich aufmachte, zu mir herzukommen.

Der mit dem pinkfarbenen Stubbelhaar gesellte sich zu mir an den Tisch, grüßte nicht, glotzte mich an wie Ungeziefer, nach dem er bei der erstbesten Gelegenheit zu schlagen gedachte.

Immer noch nicht wieder, daß der Lärm im Joeys losgegangen war, was bedeutete, daß man verständlich miteinander reden konnte, ohne großartig schreien zu müssen.

Ich sagte: 'Hallo!'

Mein 'Freund': 'Eh, du Fresse, was denn? Wart mal, wart mal, dich kenn ich woher. Ja, dich kenn ich woher. Denk mir das schon die ganze Zeit, bei meinem Schwanz, das Arschloch, das kennst du. Mann, ja, das Arschloch kennst du. Woher kenn ich das Arschloch aber nur ...? Es fällt mir nicht ein. He, Arschgesicht, was willst du? Mir sicher ein Pils zahlen, nicht? Du zahlst mir ein Pils, jetzt sofort, oder? Oder was willst du Arschlochfresse von mir? Oder was möchtest du von mir, Arschlochfresse? Eh, rausgehen mit mir ...? Mit mir hier rausgehen? Mann, möchtest du das? Mit mir hier rausgehen? Draußen polier ich dir die Fresse, deine eigene Mami kennt dich nicht wieder. Sag, willst du das? Will das deine Fresse? Ein paar für die Glocken kannst du hier drinnen jetzt sofort schnell kriegen, sag ich dir ...'

Ich war schon eingeschüchtert. Der sah aus, als würde er jedem Moment ernst machen. Ich: 'I-ich be-bestell dir ei-ein Pils!'

Er: 'Nein! Nein, das tust du nicht. Du gibst mir das Geld. Du gibst mir das Geld. Her mit dem Geld. Mein Pils, das hol ich mir dann selber. Gib das Geld her!'

Ich: 'Scho-schon gu-gut! I-ich geb di-dir das Geld.'

 

Einen Zehner, den ich mir fingernd aus dem Geldbeutel zitterte. Während so gemeine Augen auf mich herunterstierten.

Auf die Tischfläche legte ich den Schein.

Jetzt stank mich das an, daß ich zu viele Scheine drinnen im Beutel hatte. Viel zu dick, daß sich das Geldscheinfach zeigte. Viel zu dick hier, am falschesten Ort, den man sich für so was vorstellen konnte.

Ohne große Umstände griff sich mein Freund das geldwertige Papier, wandte sich von mir ab, sich beim Piraten hinter dem Tresen sein Pils abzuholen.

In beiden Händen ein bis obenhin gefülltes Pilsglas mit nur ein klein bißchen Schaumkrone, daß er, mein alter Bekannter, zu mir an den Tisch zurückkehrte. Mir gegenüber, daß er sich hinhockte. Er, den ich nun am Hals hatte.

Breit grinste er mich an. Unverhohlen die Lust hatte er im Ausdruck seiner schmalen Äuglein, mich bei Gelegenheit fertigzumachen. Mich die Dinge spüren zu lassen, wenn er erst anfing, bei mir Sachen unterzubringen.

Irgendwie glitzerte ein diamantenes Knopf-Piercing bei ihm am Nasenflügel.

Ich konnte mir nicht helfen, mir war nicht klar, wie ich später heil von dem Mistkerl wegkommen würde können. Überhaupt nicht klar war mir das in dem Moment. Wenn ich ihm einen Schlag auf dem Kehlkopf verpaßte, mußte der Schlag auch ordentlich beim erstenmal sitzen. Oder ich konnte mich im Krankenhaus wiederfinden. Oder ganz woanders, je nachdem, wie er mich erwischte.

Jedenfalls war jeder Sud, der mich wegen meiner Pilstrinkerei gekriegt hatte, schlagartig verflogen. Konnte wirklich nur auf mein Glück hoffen, angesichts von dem.

 

*

 

 

Dreiundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei für Einträge offen.

Montag am Vormittag. Uhrzeit: 11:29 Uhr.

 

War kurz in der Küche unten.

Für ein paar Minuten. Wie heute schon zwei-, dreimal.

Sagte meine Mutti zu mir, ich sollte mir wieder etwas mehr Schlaf gönnen. So, wie ich immer aussehen würde, seit ein paar Tagen. Fast Wochen schon. Diese Ringe unter den Augen. Diese Verhärmtheit. Verbitterte Mundwinkel.

Meinte ich zu Mutti, daß ich heute ein paar Stunden geschlafen hätte.

 Erwiderte Mutti, ansehen würde man mir das nicht. Vielleicht, daß ich zum Hausarzt sollte. Daß er mich ansieht, mir was verschreibt. Irgendein Beruhigungsmittel.

Statt mich größer zu erregen, Mutti was von den eigenen Angelegenheiten zu erzählen, um die sie sich besser kümmern sollte, rede ich Mutti, daß ich über ihre Worte nachdenken würde. Zeit hätte ich sicher, zum Arzt zu machen. Nachdem ich, wie es den Anschein nahm, nirgends besonders hinmüßte, heute nicht, morgen nicht, übermorgen. Was ich so in der Art nicht unbedingt in der Planung hatte.

 

Wo waren wir stehengeblieben, verehrtes Tagebuch?

Joeys Pils Pub ...

In Joeys Pils Pub sind wir gemeinsam. Wir nähern uns der Neuigkeit der Neuigkeiten.

Der Mistkerl, der bei mir im Joeys am Tisch gesessen ist, plötzlich wußte ich dem seinen Namen wieder - Beppi.

Beppi habe ich zu ihm gesagt. Beppi haben alle zu ihm gesagt.

Mein alter Cliquenkumpel Beppi, der mir hier bei Joeys gegenüber saß. Beppi, weiter eine Entsprechung fürs Joeys.

Und Beppi, der mir auf eine ekelhaft, fiese Tour ankam, der kannte auf einmal auch meinen Namen. Bernd sagte Beppi zu mir.

Mensch, was einer nicht alles braucht auf der Welt. Und ich mußte das haben.

 

Aus den Lautsprechern drang ein schriller, langgezogener Pfeifton, der Mongole aus Joeys Trockendock-Piratenmannschaft hat geflucht.

Schöne Flüche, in jedem Winkel der Pils-Pub-Einrichtung zu erlauschen.

An den Schaltern und Knöpfen der Musikanlage drückte, haute der Mann mit dem roten Kopftuch mit den schwarzen Totenkopfmotiven herum. Trotzdem nicht viel, daß dem das was half.

Wahrscheinlich ein Kurzer in den Lautsprecherboxen, von mir an meinem Sitzplatz kurz über den Daumen gepeilt geschätzt.

Ohne den großen Lärmpegel für die Umwelt war jedoch gut eine Unterhaltung möglich, eine mit meinem Kumpel früherer Zeit, eine mit Beppi.

Das zweite Pils hatte Beppi ex und hopp ausgesoffen. Mein weiter gut gefülltes Pilsglas faßte Beppi unten an, schob es zu sich rüber.

Angeblinzelt habe ich Beppi. Als wäre ich nahe dran, daß jede Sekunde bei mir die Flennerei losgehen könnte. Daß mir die Tränen nur so die Wangen hinunterstürzten. Traurig geräuspert habe ich mich.

Beppi: 'Un nu, Bern-de? Wie geht's mit uns beiden Hübschen weiter? Alles fit bei dir im Schritt? Oder was ist? Was treibst du? Holst du sie dir selber mit dem Händchen runter?'

Ich: 'Weiß nich-nicht, wie es hier weitergeht, Beppi.'

Beppi: 'Sonst geht es dir gut? Du nimmst nur die Hand ...?'

Ich, vorsichtigen Tones auf Beppi eingehend: 'Könn-könnte im-mer besser ge-hen, Beppi. Wenn man allei-ne ist ...'

Beppi: 'O ja? Bist du denn alleine, Bern-de? Du hast keine ...?'

Ich: 'Kann auch schon mal vorkommen, Beppi, oder? Kann schon hin und wieder sein.'

Beppi: 'Da hast du ganz recht, Arschlochfresse. Da hast du Arschlochfresse ganz recht. Und was soll ich jetzt dabei machen, bei dir, Bern-de?'

 

*

 

 

Dreiundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei für einen Eintrag offen.

Montag. Mittagszeit. Uhrzeit: 13:11 Uhr.

 

Habe mittag gemacht.

War Mittagessen in der Küche. Bei Mutti.

Hatte vorhin irgendwie keine Lust mehr, lange weiterzutippen.

Jetzt bin ich hier in Dir, Tagebuch, jedoch mit neuen Textzeilen dabei.

 

Beppi, schon eine widerliche Type.

Und mit Beppi zusammen muß ich im Joeys am Tisch sitzen.

Das Beste: Ich habe mir Beppi sogar selber hergeholt. Ihm gewunken, er soll zu mir hinkommen, sich zu mir dazuzubegeben.

So kann es kommen, wenn einem Nachmittags Manuela Dombrowski über den Weg laufen mußte, Manuela Dombrowski, die sich Späßchen mit mir erlaubt hatte.

Jetzt wollte ich gerne noch ein bißchen Näheres von und mit Manuela Dombrowski wissen. Was Beppi mir von der zu erzählen wußte. Obwohl: Irgendwas Nettes hatte die Gegenwart Beppis am Joeys-Tisch wirklich nicht. Im normalen Leben hätte ich zugeschaut, daß einer wie Beppi mir schnellstens wieder vorbeigeht. Beppi hätte mich mit seiner Tour und allem kreuzweise gekonnt. Nichts bei Beppi, auf das einer nicht bestens verzichten hätte können. Solche wie Beppi, wer brauchte die?

Statt dessen, weil Beppi und ich gute Bekannte von früher her waren - und vor allem, weil Beppi und ich eine gemeinsame Bekanntschaft hatten, die Manuela Dombrowski hieß -, daß das mit Beppi und mir weitergegangen ist.

Ich: 'Wie geht's dir denn momentan so, Beppi? Was treibst du so im Leben?'

Beppi: 'Echt wahr? Deinem Arschloch, das juckt das? Wie's mir geht, das juckt dein Arschloch? Es möchte wissen, was ich momentan so treibe im Leben?'

Schweigen auf meiner Seite. Dem aggressiven Starren Beppis weiche ich aus, senke den Blick auf die Tischfläche herab.

Beppi: 'Eh, Bern-de - das sag ich dir doch wirklich gern, wie's mir geht. Gerade dir sag ich das gern. Daß dein Arschloch das weiß. Darüber genau Bescheid weiß. Gerade bin ich ganz knapp an der Kante, Bern-de-Arschloch. Ganz, ganz knapp. Fehlt nur ein Stückchen, und ich kippe runter. Auf der andern Seite übern Rand runter. Dann: im freien Fall abwärts. Hui! Fast schon hör ich den Wind an den Ohren sausen. Ein Flug. Ist ein Flug, Bern-de. Dein Arschloch will wissen, wie's mir geht - so geht's mir gerade im Moment, Bern-de. Genau das treibe ich im Moment, Bern-de. Was sagst du, Bern-de? Sagst du was? Hör ich was von dir? Hör ich was aus deiner Scheiß-Fresse?'

Ich: 'Ich sag doch nichts, Beppi. Was soll ich dazu sagen?'

Beppi: 'Würd ich, wär ich dein Arschloch, auch nicht groß was dazu sagen. Nicht, wenn ich an deiner Stelle wär, Bern-de. Hältst du dein Maul, bleibst du einigermaßen gesund, würd ich meinen. Oder - was bist du für einer? Weiß dein Arschloch sie nicht zu schätzen, die Gesundheit? Wenn dein Arschloch von Haus aus keins ist, das Gesundheit zu schätzen weiß.'

Ich: 'Doch, doch, Beppi! Weiß das schon zu schätzen, wenn mir nichts fehlt.'

Beppi: 'Dann ist's aber mal gut, Bern-de! Dann ist aber man gut, Bern-de! Meine Rede, Bern-de!'

Ich: 'Ja, Beppi ...?'

Beppi: 'Wenn sie nicht aufpaßt, deine Arschloch-Fresse, kann ihr passieren, daß ich ihr eine reinhaue. Schneller als sie schauen kann. Ja, das geht ganz schnell. Würd ich an deiner Stelle aufpassen, Arschloch. Scharf aufpassen. Oder denkt dein Arschloch, bloß weil wir beiden früher mal ein bißchen miteinander bekannt waren ...'

Ich: 'Niemand muß sich aufregen, Beppi. Wirklich niemand. Hab ich dir kein Pils bezahlt? Kann dir wieder eins zahlen, ja? Ganz freiwillig. Also ist doch gut, oder? Was mich interessieren würd, Beppi, was ich gern fragen würd - gehst du immer noch mit Briga, Beppi? Bist du immer noch mit Briga zusammen?'

Beppi: 'Was ...? Wa-as ein Arschloch! Was sagt es - Bri-ga?

Ich: 'Weiß noch, daß du mit Briga gegangen bist, Beppi. Du und Briga, ihr wart ganz schön verliebt. Ganz schön verliebt, Briga und du ...'

Beppi: 'Glaub ich ja nicht! Bri-ga ...? Das Arschloch kommt auf Bri-ga! Ist das denn wahr, Bern-de? Briga, das ist dermaßen lange her. So was von ewige Zeiten ... Weiß nicht - lebt Briga heute noch? Lebt Briga heute noch?'

Ich fand mich in der Spur. Ich: 'Briga war vielleicht hübsch. Briga war wirklich hübsch. Briga wär mindestens genauso hübsch wie Manuela, wenn Briga nicht hübscher wäre - hast du zu mir gesagt, Beppi. Wenn du Briga und Manuela zusammen siehst, mußt du nicht neidisch auf mich sein. Briga, die könnte sogar hübscher sein wie Manuela. Auch, weil Briga schwarze Haare hatte. Echt schwarze Haare. Während Manuela blond war.'

Beppi, der mein Pils ausgesoffen hatte, rülpste dermaßen ausgiebig in meine Richtung, daß Männ- und Weblein in unserer Tischnachbarschaft nach Beppi und mir glotzten. Beppi hatte sein Benehmen wirklich voll drauf. Wie ich mitkriegte, sah auch der Mongole mit dem roten Tuch mit den schwarzen Totenkopfmotiven zu Beppi und mir hin. Ohne daß ihm einfiel, Beppi und mir neues Pils bringen zu wollen.

Ich: 'Stimmt schon, Briga war eine Schönheit, Beppi. Kann mich wirklich noch gut an Briga erinnern. Briga oben ohne ...'

Beppi: 'Hey, hey, Bern-de, olles Arschgesicht! Wo sind wir denn heute? Welchen Tag haben wir? Hast du deine Tage? Olle Kamellen-Tage? Stell dir vor, ich erinner mich auch noch gut an dich, Arschgesicht. An dich und Manuela. Immer fickrig, Manuela. O ja! Mußte keiner sich Sorgen machen. Nicht für lange. Zu den Soldaten bist du damals, nicht? Du hast dir eine Soldatenuniform angezogen ... Das war was, das hat Manuela nicht gemocht. Manuela mochte keine Typen von der Army. Das war schon mal was bei der. Und Manuela hat dann Schluß mit dir gemacht. Mal ganz Schluß. Nicht nur mal nur so. Bei Briga und mir da auch Schluß, um den Dreh damals da rum. Ebenfalls der Ofen aus. Hab dafür aber bei Manuela spritzen dürfen. Manuela hat mich gut rangelassen. Wart mal, das war nicht sofort, daß die das gemacht hat. So schnell war das dann nicht, mit mir. Muß ich doch glatt hier zugeben. Hahaha! Obwohl Manuela doch sonst eigentlich jeden an sich rangelassen hat. Wirklich jeden. Warum Manuela mich nicht gleich rangelassen hat, hab ich heute wirklich keine Ahnung mehr. Na ja, vielleicht wegen den anderen, die sie da stecken hatte. Mußte man warten, bis wieder Platz war bei ihr ...'

Nichts, das mir dazu schnell einfiel.

Den Mittelfinger, den Beppi mir gezeigt hat. Den Mittelfinger zweimal hochgeruckt.

Stumm, reglos, daß ich bleibe. Briga, Manuela, das waren meine Themen. Sonst hatte ich keine.

Beppi: 'Doch, doch, Arschloch-Fresse, ich weiß, wo Briga heute wohnt. Ich sag deinem Arschloch das hier mal kurz, was das ist, das mit Briga heute. Heute ist Briga verheiratet, hat drei Kinder. Vielleicht ist sogar schon wieder eins unterwegs, bei Briga. Weiß ich gerade nicht. Ist ja geil, Briga. Brigas Ehemann heißt Gerd. Gerd ist Beamter. Finanzamt. Mit so einem ist Briga verheiratet. Doch, doch, ich könnte Briga gut besuchen gehen, bei Briga an der Wohnungstür läuten. Glaub nur nicht, daß Briga sich sehr über meinen Besuch freuen würd. Eher scharf da dran zu denken, daß Briga schnell die Bullen herbeitelefonieren würd. Daß Briga, kaum daß sie mich sieht, die Wohnungstür zuschlägt, die Bullen ruft. Die Bullerei, die mit Tatütatü bei Briga vorm Haus vorfährt, hochgelaufen kommt. Wenn die Bullen mich dort antreffen würden, könnt ich mit Handschellen rechnen. Oder, tun sie das nicht, daß ich Besuch bei mir daheim kriegen könnt. Handschellen, Bullen-Besuche, brauch ich das? Hab ich das nötig? Als ob ich ständig so sadomaso bin, Bern-de, Bern-de-Arschgesicht?'

Die Wange habe ich aufgeblasen gehabt, Beppi angeglotzt. Dann, weil Beppi doch eigentlich so geschwätzig war; sehr schwatzhaft, Beppi. Mit Manuela wollte ich Beppi nun richtig rüberkommen, mit dem Problem, das ich hatte. Ich: 'Manuela, Beppi ... Hat Manuela mir heute auch schon gesagt, daß sie mit dir zusammen war, nachdem sie mit mir Schluß gemacht hatte. Heute nachmittag, Beppi. Heute am Nachmittag. Heute war ich fast den ganzen Nachmittag mit Manuela zusammen. War zeitweise ganz nett, das mit Manuela, Beppi. Zufällig, daß ich Manuela vorm Unteren getroffen hatte.'

Beppi, starr den Blick auf mich gerichtet, daß ich gefürchtet habe, jetzt habe ich irgendwie was Falsches gesagt, irgendwas, von dem ich nichts wußte, daß Beppi jede Sekunde einen Ausbruch von Gewalt haben konnte.

Beppi schüttelt den Kopf. Beppi: 'Was sagst du da zu mir? Sag mal ... Was hast du? Hab ich das richtig verstanden, Arschgesicht?

Ich: 'Was denn?'

Beppi: 'Was hast du heute mit Manuela zusammen ...?'

Ich: 'War heute den ganzen Nachmittag zusammen mit Manuela in der Stadt unterwegs, hab ich gesagt. Manuela und ich sind rumgelatscht. Waren im Park. Da und dort. Dann wollten wir zu Joeys machen, sind aber ins Mezzolatte rein.'

Beppi: 'Aber klar! Echt?'

Ich: 'Nach dem Mezzolatte habe ich Manuela zu sich nach Hause gefahren. Dorthin, wo Manuela zusammen mit ihren Eltern damals gewohnt hatte, du weißt das doch auch noch, wo Manuela damals wohnte, Beppi, nicht?'

Großäugig starrte Beppi mich an, daß ich dachte, so könnte Beppi auch einen Außerirdischen anstarren. Ich: 'Was ist denn, Beppi?'

Beppi: 'Was hast du Arschgesicht heute nachmittag zusammen mit Manuela gemacht? In der Stadt bist du mit Manuela herumspaziert. Warst zusammen mit ihr im Mezzolatte? Und dann hast du Manuela zu sich nach Hause gefahren? Ich meine, wir beide, wir reden hier schon von einer Manuela, oder? Du meinst DIE Manuela, keine andere? Du willst nicht MICH verarschen, nicht?'

Mein Kopfnicken. Ich: 'Manuela Dombrowski. Warum sollte ich von einer anderen Manuela als Manuela Dombriowski reden? Manuela Dombrowski, mit ihr war ich zusammen. Eigentlich warte ich da drauf, daß ich Manuela heute noch mal wo wiedertreffen könnt. Hier im Laden, bei Joeys. Oder noch woanders ...'

Voll die Ungläubigkeit guckte Beppi sich mich an. Beppi: 'Hahaha! Der ist gut. Daß heute noch einer Manuela Dombrowski nach Hause fährt ... Hahaha! Wie hast du das denn gemacht, Bern-de, Manuela nach Hause zu fahren?'

Ich: 'Mit meinem Auto. So, wie man das macht, wenn man eine heimfährt. Bei sich daheim habe ich Manuela abgeliefert. Genaugenommen dort, wo ich meinte, daß Manuela noch wohnen könnte. Dort, bei ihren Eltern. Bloß, daß Manuela dort nicht mehr bei ihren Eltern wohnen kann. Weil Manuelas Eltern dort ausziehen mußten. Manuelas Eltern wohnen in der Hegelstraße in einem Haus. Im Erdgeschoß da.'

Beppi: 'Hahaha, Bern-de! Hahaha! Der ist gut.

Ich: 'Ich und Manuela, wir wollten zum Königweiher. Badematten und das, das wollte Manuela bei sich oben holen. Deshalb hab ich Manuela heimgefahren. Ausgestiegen ist Manuela aus meinem Auto, zum Haus rüber. Drinnen ist Manuela verschwunden. Dann war ich ein paar Minuten dort fort. Als ich zurückgekommen bin, ist Manuela nicht oben heruntergekommen. Und ich habe im Haus zu fragen begonnen, dann gehört, daß Manuelas Eltern überhaupt nicht mehr in dem Haus wohnen ...'

Beppi: 'Hahaha! Hahaha, Bern-de! Hahaha!'

Kaum mehr einkriegen wollte Beppi sich vor Lachen.

Beppi: 'Ah, Bern-de, du bist gut. Meinst du das wirklich im Ernst zu mir? Voll dein Ernst? Du bist zusammen mit Manuela zu Manuela nach Hause gefahren, dorthin, wo Manuela früher mal gewohnt hatte, bei ihren Eltern ...? Und du bist dir das ganz sicher, daß das Manuela war? DIE Manuela?'

Ich: 'Klar war das Manuela. Manuela, immer noch genauso hübsch wie damals ...'

Voll ungläubig grinste Beppi mich an. Beppi: 'Manuela hat eine Schwester. Christine. Wart mal, Christine kann das nicht gewesen sein. Christine hatte nie viel Ähnlichkeit mit Manuela. Kaum eine, würd ich besser sagen ...'

Ich: 'Werd doch Manuela noch kennen, wenn ich Manuela irgendwo treffe. Manuelas Schwester Christine, die ist viel größer wie Manuela. Und längst nicht so hübsch wie Manuela. Wenn ich Christine früher zusammen mit Manuela gesehen hab, hab ich öfter gedacht, Manuela und Christine, die hätte verschiedene Väter.'

Beppi: 'Du meinst das doch nicht ernst, Bern-de, oder? Hahaha!'

Ich: 'Was denn? Hört sich alles ganz vernünftig an, was ich sage, oder? Oder nicht?'

Beppi: 'Echt wahr, Bern-de-Arschgesicht? Ich glaub, ich halt's bald nicht mehr aus - hahaha!'

 

Beruhigt hatte Beppi sich langsam wieder. Großäugig schaute Beppi sich mich an.

Eine große, mit braunen Flecken übersäte Hand legte sich plötzlich Beppi vors Gesicht.

Ich schaue schnell hoch, blicke eine torkelige Pennertype mit dicker Sonnenbrille ein bißchen schief auf der großen Nase. So einen grauen, zerschlissenen Trenchcoat hatte der andere an.

Eher widerwillig, daß der Mann seine Pratze wieder von Beppis Gesicht wegnahm, von Beppi, der sich die ganze Zeit nicht geregt hatte.

Dann war Beppis Blick frei, und Beppi schaute hoch. Um reglos zu bleiben. Statt zornig auszubrechen, setzte Beppi dem Penner gegenüber, der es tatsächlich gewagt hatte, ihn, Beppi, mitten in die Visage zu fassen, eine undurchdringliche Miene auf, der es tatsächlich gewagt hatte. Mit der Handfläche und allen fünf Fingern, schwarz die Fingernägel.

'Na, Beppi, nichts los?' sagte der Fremde im Regenmantel was. 'Kannst abends nicht daheimbleiben, was? Irgendwann mußt du raus. Soll dich schön grüßen, wenn ich dich sehe, Beppi. Soll dir ausrichten, du machst SEINE Schwester ganz traurig gemacht. Du fehlst ihr. Du sollst wieder bei ihr vorbeikommen, wenn du magst. Kannst das ganz sorglos machen, Beppi. Ganz sorglos. Für alles wird gesorgt. Für alles. Um nichts mußt du dir sorgen machen, also ...'

Regelrecht abgeschlafft, daß Beppi unvermittelt ausschaute. Jede Art von Aggressivität oder ähnlichem hatte Beppis Mienenspiel verlassen. Auch die Bespaßung angesichts von mir war Beppi abhandengekommen. Zurück, daß Beppi sich auf die Rückenlehne seines Sitzplatzes sinken ließ.

Der Trenchcoat-Penner, der sich zu Beppi hinunterbeugte, stieß Beppi mit dem Finger vor die Brust. 'He, wart mal, Beppi. Ich glaub, ich bleib noch kurz was bei dir da. Rutsch mal rüber, Beppi. Hast doch nichts dagegen, wenn ich mich bei dir dazusetz, oder? Oder, Beppi? Tja, SEINE Schwester, Beppi, SEINE Schwester ... Die muß doch nicht lange traurig sein, oder? Du kommst einfach wieder zu ihr, oder? Was heißt das, trennen ...? Man muß sich doch nicht trennen, oder? Nicht für immer, nicht? Nur der Tod, der trennt, Beppi. Der Tod ...'

Beppis Kopfnicken.

Der Trenchcoat-Penner: 'Du brauchst dich wirklich nicht rar bei uns machen, Beppi. Sie mag dich, und solange sie dich mag ... Kein Problem, Beppi. Du kommst einfach morgen zu uns, mit deinen ganzen Sorgen. ER erfährt von ihnen. Da kann dir schon was von der Seele genommen werden, Beppi. Wenn sie lacht, Beppi, wenn sie wieder lacht, wird dir sicher alles leicht ...'

Beppis Blick wirkte, als hätte Beppi wieder sicheren Boden unter den Füßen. Beppi: 'Werd ich mir durch den Kopf gehen lassen, Fransen.'

Der Trenchcoat-Penner: 'Aber nicht zu lange, Beppi. Nicht zu lange. Weißt du, Tränen, die trocknen auch mal. Dann, Beppi, dann ... Du weißt, was bei einem los sein kann ...'

Beppi: 'Morgen komm ich hoch, übermorgen. Muß sich keiner Sorgen machen. Ist kein Problem. Werd die Sache wieder in Ordnung bringen. Wird schon hinhauen, denk ich.'

Der Trenchcoat-Penner: 'Dann ist gut, Beppi. Dann ist gut.'

Beppi: 'Schau mal, Fransen - kennst du den?'

Mich guckte der, den Beppi 'Fransen' nannte, an.

Fransen, an dem ich jetzt wahrnahm, als wäre es zuvor nicht gewesen, daß ihm eine undefinierbare, dunkle Soße die Mundwinkel heraus- und herunterlief, guckte mich mit seinen schwarzen Augen an. Fransen: 'Woher soll ich den kennen? Kenn den nicht. Nie zuvor gesehen. Was ist mit dem, Beppi?'

Beppi: 'Bernd heißt der Fransen. Nie den schon mal irgendwo gesehen? Schau ihn dir an.'

Fransen: 'Den kenn ich nicht, Beppi. Was ist das denn für einer, müßte ich ihn kennen?'

So ein fahles, hohlwangiges, wächsernes Antlitz hatte Fransen, schütteres Haar. Ganze Hautfetzen lösten sich ihm von den Wangen, wie bei einem der einen ganz üblen Sonnenbrand gehabt hatte, von dem er sich jetzt erholen mußte. So komisch lüstern betrachtete mich Fransen mit seinen Kohleaugen, daß ich mich ganz weit. weit fort an einen anderen Ort wünschte.

Beppi: 'Weißt du, Fransen, was der mir gerade erzählt hat, bevor zu hier zu mir rangekommen bist?'

Fransen: 'Was denn, Beppi? Spuck's schon aus, wenn es sein muß.'

Beppi: 'Bernd hat mir gesagt, daß ihm heute was passiert ist, Fransen. Weißt du, was der heute hat? Heute nachmittag hat er da Manu getroffen, Fransen. Er sagt, heute nachmittag wäre ihm Manu begegnet. Manu, Fransen. Er trifft Manu. Hansis Manu, Fransen.'

Fransen: 'Manu ...? Manu sagst du?'

Beppi: 'Schau ihn dir an, Fransen. Er sagt, er hätte heute Manu getroffen. Nachmittag in der Stadt. Vorm Unteren. Check das mal, Fransen. Check das mal aus. Der trifft Manu ... Manu Dombrowski. Warst doch selber am Tag drinnen beim Hansi im Haus, Fransen, nicht? Hast alles mitgekriegt, was war, oder? Was bei Hansi am Gelände abgegangen war ... Schau ihn dir an, Fransen: Er sagt, er hätte heute Manu getroffen. Gut, was?'

Die fiebrigen Äuglein, die Fransen zusammengekniffen hatte, hatten sich richtig geil an mir festgesaugt. Welch ein schmieriges Grinsen, das Fransen für mich aufsetzte. Während es ihm links und rechts aus den Mundwinkeln lief, von den Kinnwinkeln bräunlich herabtropfte. Das dringende Bedürfnis war in mir, schnell aufzuspringen, aus dem Joeys davonzulaufen. Blitzschnell zu meinem Auto, das aufzusperren. In meinem Fahrzeug wäre ich im Nu kilometerweit von dem Ort weg gewesen. Auch Hunderte von Kilometern, hätte es sein müssen.

 

*

 

Dreiundzwanzigster Juli, meine Tagebuch-Datei, wieder für einen Eintrag.

Montagnachmittag. Uhrzeit: 16:23 Uhr.

 

Das geht ab, Tagebuch; das geht ab.

Also, das Wetter heute: herrlichster Sonnenschein. Wolkenlos blauer Himmel.

Überall könnte ich sein. Zum Beispiel, wäre mein Welt auch nur irgendwie in Ordnung, an einem Weiher beim Schwimmen, Sonnenbaden. In der Nähe von Schönheiten in knappen Bikinis, in Tangas, die nichts zu wünschen übrig lassen.

 

Ein schöner Tag wäre das, für alles.

Statt dessen bin ich jedoch auf meinem Zimmer, dem Rechnermonitor gegenüber. Nichts ist für mich irgendwie schön, angenehm. Für mich ist das ein Scheiß-Tag. Ein Scheiß-Tag.

Andere aalen sich im Glück, während ich ...

Während bei mir der ganze Rest ist. Der ganze Rest, der zum Vergessen ist. Für mich ist alles zum In-die-Tonne-Kloppen.

Das, was ich hinnehmen muß. Restlos, daß mich das anstinkt. Restlos.

Was das ist, das will ich jetzt hier in Dir festhalten, mein Tagebuch.

 

War gegen dreiviertel vier. War am Klo. Und nach meinem Klobesuch im Bad. Von dort aus bin ich nicht auf mein Zimmer zurückgekehrt, sondern die Stiege hinunter.

Meine Mutti hatte eine neue Kaffeemaschine, und Muttis türkischer Mokka. Der war ein Wachmacher. Schon mittags, nach dem Essen, hatte ich so einen Mokka, den Mutti mich probieren hat lassen.

Wollte eben in die Küche steigen, läutet mein Phon, das ich aus irgendeinem Grund mit mir hinuntergenommen habe. Voll unverständlich.

Ich nehme den Anruf an, war schließlich von 'Autorep.Heinz'. Ich höre Heinz persönlich, den Oberhäuptling der Mechanikerwerkstätte höchstselber.

Kann es nicht richtig beschreiben, wie toll sich alles für mich entwickelte. Auf den Anruf von dem hohen Herrn hatte ich wirklich gewartet. Schon ein Problem, wenn man dann noch annimmt.

Was ich mir dächte, nicht schon lange heute bei ihm in der Werkstätte angerufen zu haben, fängt der Mistkerl an. Statt dessen ließe ich ihn, den Bosse, mich anrufen, um sich zu erkundigen. Weil ich nichts gesagt habe, setzt der fort, ob ich jetzt schon wissen würde, darüber ausführlich nachgedacht hätte, was mit meinem Auto sein sollte.

Habe ich ihm, dem Werkstättenbesitzer, hingestottert, daß ich das noch nicht wüßte. Heute wüßte ich noch nichts.

Spricht er, der Mann, daß ich bald was wissen müßte. Denn ab diesem Montag würde 'Autorep.Heinz' Standgebühr für meinen Wagen berechnen. Stündlich. Besser wäre, ich wüßte das zu sagen, was die Mechatroniker von 'Autorep.Heinz' mit meinem Auto tun sollten. Ob mit den Reparaturen begonnen werden könnte. Oder, welche Einfälle hätte ich? An das Angebot, das er, der Scheffe von 'Autorep.Heinz', bei mir hinsichtlich meines vierrädrigen Gefährts abgegeben hätte, könnte ich mich gewiß entsinnen. Fünfzig Einhunderterscheine für mich. Fünfzig Hunderter in Papiergeld für mich.

 

Nun, das war die wirkliche Welt. Das wird gemeinhin Realität geheißen. So geht es zu.

So ist es weitergegangen, so. Man muß das sehen: Erst mal habe ich tief durchgeatmet. Obwohl ich total voller Zorn war, den ich am liebsten in deutlichen Worten herausgeschrieen hätte, räuspere ich mich, eben ein seltsames Geräusch in der Sprechmembran meines Phones.

Dann habe ich meinen Mund geöffnet, artikuliert gesprochen.

Nicht etwa so was, daß ich mir jetzt sofort ein Gewehr besorgen würde. Mit dem Schießprügel in der Hand würde ich losmachen. Hin zu 'Autorep.Heinz'. Um mit der Waffe in der Hand hineinzukommen, mitten unter die, die mir nah oder fern in der Werkstätte und am Innenhof bei 'Autorep.Heinz' auftauchen. Dann gäbe es vor Ort bei 'Autorep.Heinz' ein Gemetzel, wei sich die Welt überhaupt nicht vorstellen könnte, daß ich so ballern kann. Obwohl ich mal Soldat war. Berufssoldat.

Nichts davon habe ich laut ausgesprochen. Nicht für einen Ton.

Die Worte, die ich statt dessen in aller Ruhe spreche, sagen vielmehr aus, daß ich mit allem einverstanden bin. Ganz und gar mit allem einverstanden. Der vereinbarte Betrag - die fünfzig Einhunderterchen -, für den könnte er, der Oberbosse von 'Autorep.Heinz' meine Karre haben.

Mein Fahrgeschäft auf vier Rädern, für die fünftausend Eier das seine.

Damit war es veröffentlicht. Draußen.

 

Morgen - oder spätestens bis zum Donnerstag -, das habe ich mit dem 'Autorep.Heinz'-Bosse vereinbart, komme ich zu ihm in die Mechanikerwerkstätte, das Geschäft mit meiner Unterschrift vertraglich zu fixieren.

Für lediglich fünftausend lasche Eier geht mir mein Auto weg.

Am liebsten hätte ich meine Telefongerätschaft, auf der ich Mutti ein Foto zeigen wollte, gegen die Wand geschmissen.

Nachdem der Ober-Bosse Heinz von der 'Autorep.Heinz' sich am Telefon verabschiedet hatte, habe ich seelenruhig das rote Telefon gedrückt. Anschließend habe ich mich am Gang umgewandt, angesehen von Mutti. Zurück bin ich zu den Treppenstufen, der Stiege hinauf. Während ich Muttis Blick in meinem Rücken spürte. Beinahe, daß Muttis Augen mir Löcher hinten reinlaserten, Mutti, die allem die ganze Zeit über allem lustig zugehorcht hatte, weil ich wegen meines türkischen Mokkas und Bildchenzeigen samt dem Phone zu ihr hinuntersteigen habe müssen. Das hatte ich jetzt davon.

 

Was heißt das alles jetzt für mich?

Erst mal: eine Summe von fünftausend ist mein.

Zumindest fünfzig mal einhundert Scheinchen, die bald mir gehören.

Auch ein bißchen was, eigentlich. Fünf Tausender, die sind in der Lage, ein klein wenig der Last auf meinen Schultern wegzunehmen. Zumindest verschaffen die fünf Tausender mir Zeit.

Fünftausend, die ich relativ schnell auf mein Konto überwiesen kriege, habe ich erst meinen Servus unter den Abtretungsvertrag druntergesetzt.

 

Was gleichzeitig aber auch bedeutet - kein Auto mehr.

Ich habe kein eigenes Auto mehr.

 

Was immer morgen, übermorgen, überübermorgen passiert - es heißt Taxi. Taxiunternehmen-Sponsoring. Anruf von mir bei einem örtlichen Taxiunternehmen.

Ich gehe für die Taxameter dieser Leute.

Oder fahre Zug.

Vielleicht könnte ich mich auch als Autotramper versuchen ...

 

Nur, wenn ich doch zu Mauth in die Arbeit müßte - hätte ich ein Problem, fünfmal die Woche hin, fünfmal die Woche zurück.

 

*

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